„Der Kulturjournalismus schafft sich selbst ab“, beklagt der Journalist Michael Lünstroth auf thurgaukultur.ch in einem langen Editorial. Unser Redaktor findet das nicht nur schlecht.
„Vor allem die Zahl der Rezensionen sinkt“, beklagt Lünstroth in seinem Beitrag. Während Studien belegen, dass der Umfang der Kulturberichterstattung in den letzten fünf Jahren gleichbleibend war, sind Rezensionen, beziehungsweise Kritiker*innen-Texte um die Hälfte zurückgegangen.
Zuerst einmal: Wie kam es dazu? Lünstroth: „Die Entwicklung ist komplizierter als man auf den ersten Blick denkt. Es ist wohl am ehesten eine Gemengelage aus Kulturjournalist:innen, die sich selbst wichtiger nahmen als ihr Berichterstattungsobjekt, aus Verlagsmanagern, die geringe Lesequoten für Kulturtexte als Blankoscheck verstanden, Kulturressorts zusammenzustreichen, statt sie besser zu machen und einem Publikum, das in seinen Bedürfnissen so divers geworden ist, dass es herausfordernder (man könnte auch sagen: spannender) geworden ist, einen akzeptierten und geschätzten Kulturjournalismus zu produzieren.“
Medientechnisch ist diese Erklärung etwas kurz gegriffen. Es stimmt, dass die Kulturszene diverser wurde. Die homogene, eingeschränkte Bühnen- und Kulturkritik des 20. Jahrhunderts, die immer wieder auch neue Strömungen vereinnahmt und mit einem eingeschränkten Qualitätskatalog vereinheitlicht hat, verliert an Bedeutung. Der Dialog verschwindet aber nicht, sondern sucht sich neue Plattformen. Diskussionen werden nicht mehr mit einzelnen, oft übermächtigen Kulturjournalist*innen geführt, sondern in der Breite. Niederschwellige Communitys und Social Media übernehmen mehr und mehr die Funktion von Feuilleton und werden Multiplikatoren.
Austausch statt Kritik
Diversität bedeutet auch, dass es Werke und Inszenierungen gibt, die nicht in die Definitionshoheit von Fachjournalist*innen fallen. Und darüber bin ich glücklich. Die Macht des Feuilletons ist gebrochen, kein banges Warten nach der Premiere, ob Kritiker*in YX oder der Kulturteil der NZZ die Aufführung verreisst oder hochjubelt.
Die gesamte Kulturkommunikation hat sich genau wie die gesamte Medienwelt verändert. Fort von selbstgerechten Kritiker*innen in wenig gelesenen Sparten der Tages- und Wochenzeitungen, die ihr Damoklesschwert über jede Premiere, jede Inszenierung, jedes Solo hielten, hin zum direkten Publikumsfeedback. Viele junge Künstler*innen finden es zwar nett, wenn das Feuilleton sie lobend erwähnt, orientieren sich aber inzwischen lieber am Publikum, das heute eigene Kanäle für Feedback und Anerkennung hat.
Kulturpolitik wichtiger als Rezension
Braucht es dann überhaupt noch Kulturjournalist*innen? Ganz bestimmt! Kultur ist auch Politik, gerade wenns um die Finanzierung oder die Arbeitsverhältnisse geht. Viele Kulturjournalist*innen scheuen sich noch immer, kulturpolitische Positionen zu beziehen, Schwächen aufzuzeigen, Kritik an Institutionen anstatt an Inszenierungen auszudrücken. Man könnte ja keine Akkreditierung mehr erhalten. Oder man könnte sich exponieren und beim nächsten Szene-Apéro von irgendeiner wichtigen Figur der Branche ignoriert werden. Die Schweizer Kulturszene, egal ob in Bildender Kunst, Literatur oder den Darstellenden Künsten, ist so klein, dass in der jeweiligen Szene Machtgefälle, kleine Königreiche und Abhängigkeiten entstehen. Und es wäre die Aufgabe von Journalist*innen, den Finger auf diese Missstände zu legen, nicht Teil davon zu sein. Doch zum Glück ändert sich das gerade, durch die Möglichkeiten, die Künstler*innen und Publikum für den direkten Austausch haben.
Verantwortung für den Kulturdialog
Gesellschaftspolitisch ist das wertvoll. Kunst und Kultur bewegen sich so aus einer meist kleinen, elitären Bubble hin zu den Menschen, die bisher vielleicht noch keinen Bezug zu kulturellen Darstellungen fanden. Kulturjournalismus bringt nichts, wenn er nur einige Brancheninsider und ein paar pensionierte Gymi-Lehrer*innen erreicht.
Wenn Kunstschaffende ihre Werke über die Bubble der selbstreferenziellen Szene hinaus entwickeln wollen, müssen sie die Medienarbeit, die Interaktion und die Diskussion um ihre Arbeit selbst führen. Mit ihrem Publikum. Wenn Qualität in der Kunst nur für ein paar wenige Fachpersonen mit expliziter (und oft narzisstisch verstärkter) Expertise erkennbar ist, haben Kunst und Kultur ihren Wert als Zündfunke und Fiebermesser gesellschaftlicher Entwicklungen verloren.
Und mit direkter Ansprache des Publikums füllen sich vielleicht auch die Säle wieder.
20 Jahre ZFF – Wim Wenders Plakat, Richard Gere als Stargast und Hugh Grant als teuflischer Bösewicht – und natürlich unser Netzwerkapéro mit Podium – save the Date!
Ich kann mich noch gut an das erste ZFF erinnern, Glamour in der Limmatstadt. Auch wenn unsere Schweizer Stars mit Garderobe und grünem Teppich etwas überfordert waren (es wirkte wie eine Gymi-Party mit dem Motto „Hollywood“), waren doch alle aufgeregt über die internationale Ausstrahlung, die dieser Event vom ersten Tag an entwickelte. Inzwischen, nach einigen unruhigen und unrühmlichen Episoden, zeichnet die NZZ verantwortlich für die Durchführung. Alles ist hochprofessionell organisiert und wir vermissen etwas vom chaotischen Flair der ersten Jahre.
So sieht das Plakat aus.
Zum Jubiläum entwarf Filmemacher Wim Wenders ein spezielles Plakat für das ZFF, was eine ganz hübsche Idee ist. Nur werden Normalsterbliche nichts davon haben: Das exklusive Plakat im Format A2 erscheint in einer limitierten Auflage von 50 Exemplaren und sind für 5000 Franken pro Plakat im NZZ Shop erhältlich. Zusätzlich sind 300 Plakate ohne Originalsignatur für 55 Franken erhältlich. Aber die gehen an Freunde von Freunden. Wir kennen Zürich.
In der Europa-Premiere des Horrorfilms „Heretic“ zeigt sich Hugh Grant mal nicht als charmanter Nachbar von Nebenan sondern als teuflischer Bösewicht. Ob wir ihm das abnehmen? Wir lassen uns überraschen.
Wenn Hugh Grant der Star der GenX ist, dann ist der Stargast Richard Gere wohl der Schwarm der Boomer. Aber mit 74 hat sich der Star weit von seiner Vergangenheit als filmischer Schwerenöter entfernt und bringt uns etwas Buddhismus in die Zwinglistadt. Richard Gere ist Executive Producer des Films «Wisdom of Happiness» mit und über den Dalai Lama. Begleitet wird Gere von Oren Moverman (Executive Producer), der Schwester des Dalai Lama, Jetsun Pema, und dem Premierminister von Tibet im Exil, Sikyong Penpa Tsering.
Netzwerkapéro mit Podium am ZFF Wann: Samstag, 12. Oktober 2024, ab ca. 17:00 Uhr Wo: Tibits Bistro, Falkenstrasse 12, 8008 Zürich Thema:«Quo vadis Swiss Film – der Weg zum Kassenschlager ist lang und steinig … und wer bezahlt ihn?»
Die Gäste der Podiumsdiskussion werden zu einem späteren Zeitpunkt auf diesem Kanal bekanntgegeben.
Bis dahin freuen wir uns, wenn ihr euch den Termin in der Agenda vormerkt!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/09/WIm-Wenders-e1725374783206.jpeg402517Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-09-03 16:47:222024-09-03 16:49:30Happy Birthday Zurich Film Festival
Zahlenchaos, widersprüchliche Aussagen, Intransparenz und eine grundsätzliche Komplexität des Versicherungsthemas verwirren bei der BVG-Abstimmung. Die wichtigsten Fragen und Antworten aus Sicht der Kulturschaffenden. Gianluca Pardini (Geschäftsleiter IG Kultur Luzern, Kantonsrat LU) Etrit Hasler (Alt-Kantonsrat SG, Slampoet, Geschäftsführer Suisseculture Sociale)
Am 22. September entscheidet die Schweiz über die Reform der beruflichen Vorsorge. Wie bei allen Abstimmungen ist die Unsicherheit in der Bevölkerung gross. Abstimmungsvorlagen zur Altersvorsorge haben in der politischen Kultur der Schweiz einen schweren Stand. Seit der Einführung des Gesetzes der beruflichen Vorsorge im Jahr 1985 erfolgte lediglich eine Revision. Daraufhin scheiterten mehrere Reformversuche an der Urne. Ein historischer Coup wurde im März 2024 mit dem Ja zur 13. AHV-Rente erzielt.
Was ist der zentrale Punkt der BVG-Reform?
Im Kern sieht die Reform eine Senkung des Umwandlungssatzes vor, was primär zu einer Kürzung der Renten führt. Ursprünglich wurde die Massnahme damit begründet, dass die aktuellen Renten aus Sicht der Versicherer nicht mehr finanzierbar seien.
Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass die Pensionskassen in der Zeit seit Beginn der Reform finanzielle Reserven angesammelt haben. Und zwar in einem Ausmass, dass die Pensionskassenaufsicht diverse Kassen auffordern musste, ihre Reserven abzubauen, sprich: das angehäufte Geld an die Versicherten weiterzugeben.
Gibt es auch positive Aspekte?
Die Vorlage enthält durchaus ein paar begrüssenswerte Verbesserungen, die aber leider nicht wirklich ins Gewicht fallen. So soll neu der versicherte Lohn erhöht werden, was dazu führen soll, dass Wenigverdiener mehr Beiträge einbezahlen können, um ihre Rente im Alter aufzubessern. Bei einer gleichzeitigen Senkung des Umwandlungssatzes führt das allerdings zu unzumutbar hohen Beiträgen, für gleichviel oder weniger Rente.
SzeneSchweiz bietet Mitgliedern mit CAST eine Möglichkeit zur Altersvorsorge an, die speziell auf Berufsrealität von Darsteller*innen zugeschnitten ist.
Was bedeutet die Vorlage für die Kulturschaffenden?
Die grösste Schwierigkeit für Kulturschaffende mit der beruflichen Vorsorge war bisher, dass in diesem Bereich atypische Berufsbilder sehr viel häufiger vorkommen als im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Das bestätigt ein Bericht des Bundesrats zur sozialen Sicherheit von Kulturschaffenden im Jahr 2023. Kulturschaffende im Arbeitnehmer:innenstatus arbeiten überdurchschnittlich oft Teilzeit.
Befristete Anstellungen sind ebenfalls deutlich häufiger, und der Anteil an Selbstständigen sowie Mehrfachbeschäftigten liegt deutlich über dem Durchschnitt. Auch das durchschnittliche Einkommensniveau von Kulturschaffenden liegt im Vergleich merklich tiefer. Diese Ausgangslage führt in der Altersvorsorge zu einer geringeren sozialen Absicherung. Für diese Personen bringt die aktuelle Reform wenig bis nichts- für die meisten Kulturschaffenden bleibt nach wie vor nur die Möglichkeit, sich über ihre Berufsverbände den freiwilligen Pensionskassen anzuschliessen – diese funktionieren durchaus, sind aber nicht von der aktuellen Reform betroffen.
Hört im Parlament niemand die Anliegen der Kulturschaffenden?
Die Verbreitung der atypischen Arbeitsverhältnisse ist längst nicht mehr nur ein Problem der Kulturschaffenden. Umso störender ist es, dass das Thema der Mehfachbeschäftigungen und die negativen Auswirkungen auf die berufliche Vorsorge mit der BVG-Reform nicht adressiert werden. Was die allgemeine Rentensituation betrifft, so zeichnet sich eigentlich ebenfalls ein einheitliches Bild.
Vor Kurzem hat das Vermögenszentrum VZ sein aktuelles Pensionierungsbarometer veröffentlicht – mit vernichtenden Zahlen: Die Renten sind seit 2002 um 39% geschrumpft. Das verfassungsmässige Leistungsziel wird bereits deutlich unterschritten. Angesichts einer weiteren Senkung steht die Revision quer in der Landschaft, wenn man bedenkt, dass die Pensionskassen zurzeit im Geld schwimmen.
«Was oft nicht berücksichtigt wird: Für viele weniger gut Verdienende wird die Rente letztlich kleiner, weil sie dann weniger Ergänzungsleistungen erhalten, die im Gegensatz zur Rente steuerfrei sind.»
Was ist das Fazit?
Die Reform der beruflichen Vorsorge berücksichtigt die speziellen Anforderungen von atypischen Arbeitsverhältnissen nicht im Geringsten, und dies, obwohl längst nicht nur Kulturschaffende davon betroffen sind. Eine Annahme der BVG-Revision würde die Altersvorsorge kaum verbessern, während die zusätzliche finanzielle Belastung während des Erwerbslebens keine nennenswerten Vorteile bringt.
Darf dein Gesicht auch für weitere Filme und Projekte verwendet werden? Gehört deine Stimme dir? Darf eine KI dich älter, jünger, dicker, dünner machen? Das kannst du jetzt vertraglich regeln!
Die Schweizerische Interpretengenossenschaft stellt Vertragsbausteine für Darsteller*innen bereit, mit denen man sich in Verträgen die Rechte bei KI-Nutzung sichert. Funktioniert auch für Sprecher*innen.
Darf eine Produktionsfirma dein Material benutzen, um mit KI weitere Szenen zu kreieren? Dürfen sie dein Gesicht oder deinen Körper in den bestehenden Aufnahmen verändern? Dich jünger oder älter machen? Dicker oder dünner? Dürfen sie dir ein anderes Gesicht geben? Deine Stimme für andere Sprachversionen benutzen?
Bisher war die Nutzung der KI-Möglichkeiten eine rechtliche Grauzone. Die Schweizerische Interpretengenossenschaft hat die juristischen Aspekte begutachtet und Texte formuliert, mit denen du deine Verträge ergänzen kannst. Die vorgefertigten Texte lassen sich bei den Vertragsabschnitten einfügen, welche die Urheberrechte regeln. So behältst du Kontrolle über die Verwendung deines Körpers und deiner Leistung und Produktionsfirmen müssen sich festlegen, wofür genau sie deine Beiträge benutzen wollen.
Aus dem Merkblatt: “ … soll ausübenden Künstler/innen aus allen Sparten dabei helfen, in ihren Verträgen die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit dem Einsatz von «KI» (Künstlicher Intelligenz / Artificial Intelligence – „AI“) zu klären. Die Textbausteine können in die Vertragsangebote eingebaut werden. Die Verträge enthalten in der Regel bereits eine Klausel, die sich zur Übertragung oder Einräumung der Rechte äussert. Im Zweifel kann man die Texte auch bei den Schlussbestimmungen einfügen.
Mit den Vorlagen lassen sich bereits bestehende KI-Anwendungen direkt regeln, sie sind aber auch offen für neuere, vielleicht bald kommende Anwendungsmöglichkeiten. Trotzdem rät die Genossenschaft zu einer Abklärung mit einer Fachperson, wenn man die Urheberrechte an der eigenen Person in einem Vertrag regelt. Viele Verbände, darunter auch SzeneSchweiz, bieten dabei Hilfe an.
Und wie sieht so ein Textbaustein aus? Hier ein Beispiel in umständlicher juristischer Sprache:
»Die Rechteeinräumung ist exklusiv ODER nicht-exklusiv für die ganze Welt ODER für folgende Länder: xxx für die Dauer von xy Jahren seit Vertragsbeginn ODER für die Dauer der Schutzfrist. Die Aufnahmen dürfen ausschliesslich im Rahmen des vertragsgegenständlichen Projekts genutzt werden. Jede weitere Verwendung ausserhalb des Projekts ist nicht Gegenstand dieser Vereinbarung. Dies gilt auch für sämtliche Test-, Probe- oder zu Aufwärmzwecken erstellten Aufnahmen. Es ist insbesondere untersagt, mit diesen Aufnahmen KI-Tools zu trainieren oder die Aufnahme ohne ausdrückliche Zustimmung von KÜNSTLER/IN mit technischen Hilfsmitteln manuell oder automatisiert zu verändern, einzelne Bestandteile (z.B. Stimme) zu isolieren oder ausserhalb des vertragsgegenständlichen Projekts zu verwenden. Dies betrifft namentlich auch die Änderung von Persönlichkeitsmerkmalen wie Aussehen oder Stimme, Körper, die Änderung der Sprache unter Verwendung der Stimme von KÜNSTLER/IN, die Änderung oder das Ersetzen des Textes oder einzelner Worte.«
Bei Fragen zu spezifischen Verträgen wendest du dich am besten direkt an ein*e Vertreter*in deines Berufsverbandes. Noch nicht Mitglied? Dann aber hopphopp.
Perché le star e i “geni” sono ancora tutelati nel settore culturale? Perché le persone colpite temono di difendersi? E questo dopo diversi anni di #MeToo? Un editoriale fatto di rabbia e incomprensione.
“Questo è il coraggio di cui hanno bisogno i grandi”, ho pensato tra me. Il piccolo teatro zur Waage di Elgg sta attualmente trasformando una storia di abusi in un’opera sul palco. Più precisamente: Acis e Galatea di Georg Friedrich Händel. Affronta il sessismo, gli squilibri di potere e gli attacchi che vanno dal sottile al massiccio, che fanno parte della vita quotidiana nel settore culturale.
Perché le grandi case non si fanno carico della questione? Da quando ho collaborato alla realizzazione della campagna contro le violenze sessuali davanti e dietro dal palco per ScenaSvizzera, il movimento è stato minimo o nullo, come dimostra il nostro ultimo sondaggio sull’argomento. Naturalmente si sentono belle parole sulle buone intenzioni: ora si chiama Codice di condotta.
Da: Sondaggio ScenaSvizzera Violenze sessuali negli ultimi due anni:
Interessati: il 79% dei partecipanti ha avuto una o più esperienze negative durante il periodo indicato.
Donne: 69% / Uomini: 31% / Fascia d’età più colpita: 30-49 anni (57%)
Tipo più comune: nel 53% si tratta di molestie verbali, dominate da battute e detti osceni, nonché conversazioni invadenti e storie a contenuto sessuale. Le molestie fisiche sono la seconda tipologia più diffusa (22%) e consistono principalmente nel “contatto fisico accidentale”. Lo stupro è stato denunciato tre volte.
Principali colpevoli: 81% uomini, 9% donne, divisi quasi equamente tra superiori (38%) e colleghi di lavoro (39%)
Reazione dominante all’incidente: “Parlarne” in privato (22%) e con i colleghi di lavoro (17%)
Ma se parli con gli ensemble, con gli artisti, ti rendi conto che gli errori, gli attacchi e gli abusi di potere continuano a verificarsi. E può ancora distruggere la carriera degli artisti se aprono la bocca. Quando ScenaSvizzera accompagna le poche persone colpite che si difendono, di solito si conclude con un accordo di riservatezza. Non sono solo le case a voler proteggere la propria reputazione e le proprie star, sono anche gli artisti che temono per la propria carriera. Tutti sanno cosa sta succedendo, nessuno apre bocca.
Il genio può fare qualsiasi cosa
Mi chiedevo perché. E poi mi è venuta in mente una scena alla quale avevo assistito incredulo qualche anno fa, allora come giornalista zurighese: Roman Polański è stato arrestato al Festival del cinema di Zurigo. Un artista, un genio del cinema, che, quando aveva più di 40 anni, aveva aggredito sessualmente una 13enne ed era sfuggito alla punizione dopo essere stato condannato legalmente. Sarebbe già abbastanza scioccante di per sé, ma non lo era. Sono stati gli operatori culturali zurighesi a manifestare davanti al cinema Corso con il distintivo “Polański libero”.
La tesi era: chi produce risultati artistici eccezionali può permettersi di più e ha diritto alla protezione. O più casualmente: “I geni possono anche essere dei brividi purché trasmettano arte”.
E questo continua ancora oggi, anche dopo #MeToo, anche in una scena piccola come quella svizzera. I “geni” sono ancora indulgenti, al “maestro” è ancora concesso tutto. Ti muovi in punta di piedi attorno a un “artista eccezionale” per non interrompere il suo flusso creativo, mentre calpesti i membri dell’ensemble quando aprono bocca. Nei teatri e nelle produzioni svizzere tutti sanno di quali star e geni non ci si può fidare. Esistono persino dei gruppi che avvertono i nuovi arrivati con chi non dovrebbero stare da soli nell’ascensore o nella cabina. Conosciamo tutti le storie.
Danni al settore culturale
E ora torniamo ai responsabili del settore culturale, alle persone che hanno abbastanza potere per fare la differenza: tacciono. Nella migliore delle ipotesi reagiscono con esitazione, nella peggiore minacciano di fare causa. Se lo chiedi, si tratta di “proteggere il settore culturale”. Non vogliono che le istituzioni culturali abbiano una cattiva reputazione presso il pubblico; la situazione (sovvenzioni, vendita dei biglietti) è già abbastanza grave e uno scandalo danneggerebbe tutti.
È imbarazzante. La cultura dovrebbe, tra le altre cose, trasmettere valori. Un’opera d’arte, sia sul palco, sullo schermo o come un quadro sul muro, è espressione di un atteggiamento emotivo e spirituale. E se l’artista (sì, soprattutto uomini) è un mostro invasivo, la sua arte ne è contaminata. L’arte è un’espressione dell’essere più profondo dell’artista, e quando questo essere più profondo è corrotto, lo è anche l’arte.
Cosa è più dannoso per la cultura: una cultura dell’abuso, del nascondimento, dell’ipocrisia o un confronto aperto con le lamentele che tutti gli artisti devono sperimentare se stessi o i loro colleghi nella loro vita quotidiana?
È ora di tirare fuori la pala per il letame e fare pulizia. Insieme. Senza paura.
Warum werden die Stars und die «Genies» im Kulturbetrieb noch immer geschützt? Warum fürchten Betroffene, sich zu wehren? Und das nach mehreren Jahren #MeToo? Ein Editorial aus Wut und Unverständnis.
«Das ist der Mut, den die Grossen brauchen», dachte ich mir. Das Kleintheater zur Waage in Elgg setzt zurzeit eine Missbrauchsgeschichte im Bühnenbereich als Oper um. Genauer: Georg Friedrich Händels Acis and Galatea. Darin werden Sexismus, Machtgefälle und von feinen bis zu den massiven Übergriffen thematisiert, die im Kulturbetrieb zum Alltag gehören.
Warum nehmen sich die grossen Häuser nicht des Themas an? Seit ich für SzeneSchweiz die Kampagne über sexuelle Übergriffe vor und hinter den Bühnen mitgestaltet habe, hat sich nichts bis wenig bewegt, wie unsere aktuellste Umfrage zum Thema zeigt. Natürlich hört man schöne Worte über gute Absichten – Code of Conduct nennt sich das jetzt.
Aus: SzeneSchweiz-Umfrage Sexuelle Übergriffe innerhalb der letzten zwei Jahre:
Betroffen: 79 % der Teilnehmenden haben in dem genannten Zeitraum ein oder mehrere negative Erlebnisse gehabt.
Frauen: 69 % / Männer: 31 % / am stärksten betroffene Altersgruppe: 30–49 Jahre (57 %)
Häufigste Art: Mit 53 % ist das die verbale Belästigung, dominiert von obszönen Witzen und Sprüchen sowie aufdringlichen Gesprächen und Geschichten mit sexuellem Inhalt. Körperliche Belästigungen sind die zweithäufigste Art (22 %) und bestehen vorrangig aus «zufälligen Körperkontakten». Eine Vergewaltigung wurde dreimal angegeben. Hauptverursacher: 81 % Männer, 9 % Frauen, zu fast gleichen Teilen ausgehend von Vorgesetzten (38 %) und Arbeitskollegen (39 %)
Dominierende Reaktion auf den Vorfall: «Darüber reden» im privaten Umfeld (22 %) und mit ArbeitskollegInnen (17 %)
Spricht man aber mit den Ensembles, mit den Künstler*innen, erkennt man, dass die Missgriffe, die Übergriffe und der Machtmissbrauch noch immer stattfinden. Und noch immer kann es die Karriere von Künstler*innen vernichten, wenn sie den Mund aufmachen. Wenn SzeneSchweiz die wenigen Betroffenen, die sich zur Wehr setzen, begleitet, endet das in den meisten Fällen mit einer Stillschweige-Vereinbarung. Es sind nicht nur die Häuser, die ihren Ruf und ihre Stars schützen wollen, es sind auch die Künstler*innen, die um ihre Karriere fürchten. Jeder weiss, was vor sich geht, niemand macht den Mund auf.
Genie darf alles
Ich habe mich gefragt, warum das wohl so ist. Und dann ist mir eine Szene in den Sinn gekommen, die ich vor einigen Jahren – damals noch als Zürcher Journalist – voll ungläubigem Staunen erlebt hatte: Am Zürich Film Festival wurde Roman Polański verhaftet. Ein Künstler, ein Genie des Kinos, der sich als über 40-Jähriger an einer 13-Jährigen vergangen hatte und sich nach einer rechtmässigen Verurteilung der Strafe entzog. Das wäre an sich schon schockierend genug, aber das war es nicht. Es waren die Zürcher Kulturschaffenden, die mit einem «Free Polański»-Anstecker vor dem Kino Corso demonstrierten.
Die Argumention lautete: Wer eine herausragende künstlerische Leistung bringt, darf sich auch mehr erlauben und hat das Anrecht auf Schutz. Oder salopp: «Genies dürfen auch Widerlinge sein, solange sie Kunst abliefern.»
Und das zieht bis heute, selbst nach #MeToo, selbst in einer kleinen Szene wie der Schweiz. Noch immer gilt Nachsicht mit den «Genies», noch immer darf sich der «Maestro» alles erlauben. Man schleicht auf Zehenspitzen um einen «herausragenden Künstler» herum, um nur ja nicht seinen schöpferischen Fluss zu stören, während man über die Mitglieder des Ensembles hinwegstampft, wenn sie den Mund aufmachen. In den Schweizer Häusern und Produktionen ist allen bekannt, welchen Stars und Genies man nicht trauen kann. Es gibt sogar Ensembles, die Neuankömmlinge warnen, mit wem sie besser nicht alleine in den Lift oder in der Kabine sein sollten. Wir alle kennen die Geschichten.
Schaden für den Kulturbetrieb
Und nun zurück zu den Verantwortlichen im Kulturbetrieb, zu den Leuten, die genug Macht haben, um einen Unterschied zu machen: Sie schweigen. Sie reagieren im besten Fall zögerlich, im schlimmsten Fall drohen sie mit Klagen. Fragt man nach, gehts darum „den Kulturbetrieb zu schützen“. Man wolle nicht, dass kulturelle Institutionen in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf bekämen, die Situation (Subventionen, Eintrittsverkäufe) seien so schon schlimm genug und ein Skandal würde allen schaden.
Das ist peinlich. Kultur soll unter anderem Werte vermitteln. Ein Kunstwerk, ob auf der Bühne, auf der Leinwand oder als Bild an der Wand, ist Ausdruck einer emotionalen und geistigen Haltung. Und wenn der Künstler (ja, meist Männer) ein übergriffiger Widerling ist, ist seine Kunst davon besudelt. Kunst ist ein Ausdruck des innersten Wesens der Künstler**innen, und wenn dieses innerste Wesen korrumpiert ist, ist es auch die Kunst.
Was schadet der Kultur mehr: Eine Kultur der Missbräuche, des Versteckens, des Heuchelns oder eine offene Auseinandersetzung mit den Missständen, die alle darstellenden Künstler*innen in ihrem Alltag bei sich oder Kolleg*inne erleben müssen?
Es ist Zeit, die Güllenschaufel hervorzuholen und auszumisten. Gemeinsam. Ohne Angst.
Du tanzt auf der ganzen Welt und nur zeitweise in der Schweiz? Die SzeneSchweiz-Mitgliedschaft macht dir den Dance Passport zugänglich – eine Mitgliedschaft und Service bei allen angeschlossenen Verbänden in ganz Europa.
Are you a global dancer with projects in Switzerland? A SzeneSchweiz membership gives you the Dance Passport, connecting you to a network of unions in Europe.
Im Rahmen von Dance Passportunterstützt SzeneSchweiz Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ausland, die für kurzzeitige Engagements in der Schweiz sind. SzeneSchweiz beantwortet unter anderem Fragen zu Gagen, Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen und Versicherungen. Für Mitglieder, die für kurze Zeit im Ausland engagiert sind, gilt umgekehrt dasselbe Angebot: Sie können bei Fragen die lokalen Künstlerverbände in Europa kontaktieren. Die häufigsten Fragen (FAQ) werden auf der interaktiven Europakarte von Dance Passport beantwortet.
As part of the Dance Passport, SzeneSchweiz offers support to international dancers working on short-term projects in Switzerland. We provide information and assistance on topics such as fees, contracts, working conditions, and insurance. For members working abroad, the same support is available through local artists‘ associations across Europe. Find answers to frequently asked questions on our interactive European map.
Alle angeschlossenen Verbände / all parcitipating unions:
Younion (Austria); ACOD (Belgium); FGTB CGSP (Belgium); DSF (Denmark); STST (Finland); SFA (France); GDBA (Germany); VdO (Germany); Verdi (Germany); SDS (Hungary); FIL (Iceland); LKDAF (Latvia); Kunstenbond (Netherlands); NoDa (Norway); FAIR-MEDIASIND (Romania); ConARTE (Spain); Scen & Film (Sweden); SzeneSchweiz (Switzerland); AUT (Turkey); Equity (UK)
„Ziel des Tanzpasses ist es, eine Quelle der Unterstützung für professionelle Tänzer im Zusammenhang mit der Mobilität zu sein. Er ist ein gewerkschaftliches Solidaritätsnetz für Tänzer im Ausland. Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrem Heimatland Mitglied einer Gewerkschaft sind, können während eines kurzen Arbeitsaufenthalts in einem europäischen Land, in dem es eine teilnehmende Gewerkschaft gibt, die Unterstützung und die Dienste der örtlichen Gewerkschaft in Anspruch nehmen.“
„The aim of the Dance Passport is to be a source of support for professional dancers in the context of mobility. It is a union solidarity network for dancers abroad. Dancers who are paid-up union members in their home country can access local union support and services while working for a short period in any European country where there is a participating union.“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/Walkways.jpg8001499Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-08-20 15:29:572024-08-20 15:29:57SzeneSchweiz: Dance Passport für Tänzer*innen in ganz Europa
Du tanzt auf der ganzen Welt und nur zeitweise in der Schweiz? Die SzeneSchweiz-Mitgliedschaft macht dir den Dance Passport zugänglich – eine Mitgliedschaft und Service bei allen angeschlossenen Verbänden weltweit.
Im Rahmen vonDance Passport unterstützt SzeneSchweiz Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ausland, die für kurzzeitige Engagements in der Schweiz sind. SzeneSchweiz beantwortet unter anderem Fragen zu Gagen, Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen und Versicherungen. Für Mitglieder, die für kurze Zeit im Ausland engagiert sind, gilt umgekehrt dasselbe Angebot: Sie können bei Fragen die lokalen Künstlerverbände in Europa kontaktieren. Die häufigsten Fragen (FAQ) werden auf der interaktiven Europakarte von Dance Passport beantwortet.
„Ziel des Tanzpasses ist es, eine Quelle der Unterstützung für professionelle Tänzer im Zusammenhang mit der Mobilität zu sein. Er ist ein gewerkschaftliches Solidaritätsnetz für Tänzer im Ausland. Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrem Heimatland Mitglied einer Gewerkschaft sind, können während eines kurzen Arbeitsaufenthalts in einem europäischen Land, in dem es eine teilnehmende Gewerkschaft gibt, die Unterstützung und die Dienste der örtlichen Gewerkschaft in Anspruch nehmen.“
Hier geht es zu den Angeboten des Dance Passports.
Weiterbildungsangebote für Mitglieder
SzeneSchweiz unterstützt Ihre Weiterbildung mit folgenden Angeboten:
CHF 100: Individuelle Weiterbildung für Mitglieder, sofern sie einen beruflichen Hintergrund hat. Eine entsprechende Bestätigung muss eingesendet werden. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten kumuliert werden.
Ein neues Angebot für alle festangestellten und freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Diese Angebot richtet sich an Mitglieder pro Jahr für ein individuelles Coaching beim Kulturmarkt. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten (individuelle Weiterbildung und Gesang) kumuliert werden.
CHF 200: Training mit KorrepetitorInnen pro Mitglied und Jahr – gilt für alle festangestellten und freischaffenden SängerInnen, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Sänger*innen haben die vornehme Pflicht, ihre Stimme stets im Training zu halten, ob für das Vorsingen oder für das bevorstehende Engagement: Sechs KorrepetitorInnen stehen in Basel, St. Gallen und Zürich zur Verfügung (1 Std. zu CHF 80). Für die gebuchten Stunden muss eine Bestätigung eingereicht werden, das Angebot gilt einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten kumuliert werden.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/04/thumbnail_1560_685_RVB_72dpi_sanscontourblanc_01.jpeg4501024Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-08-20 15:08:232024-08-20 15:08:23SzeneSchweiz: Dance Passport und Weiterbildungsangebote (Workshops)
Die Abstimmung zur Reform der zweiten Säule ist so umstritten wie komplex. Wie stimmst du ab?
Es ist selten, dass linke Parteien und engagierte Frauenorganisationen bei landesweiten Abstimmungen geteilter Meinung sind. Bei der Rentenreform ist dies nun der Fall. Während Alliance F. sich für die Annahme ausspricht, sehen Linke und die Gewerkschaften in der Reform einen „Bschiss“. (Weiter unter der Umfrage)
Umfrage
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Wie lässt sich dieses Zerwürfnis erklären? In vereinfachter Form:
Die Eintrittsschwelle wird gesenkt:Künftig sind Erwerbstätige ab einem Jahreslohn von 19’845 Franken versichert, heute liegt die Hürde bei 22’050 Franken. Zudem wird die versicherte Lohnsumme erhöht. Dazu wird der Koordinationsabzug, heute ein fixer Betrag von 25’725 Franken, flexibilisiert. Er soll gewährleisten, dass die Pensionskasse nur auf demjenigen Teil des Lohnes Beiträge erhebt, für den die AHV keine Rente ausrichtet. (Quelle Tagesanzeiger)
Dies ist für Geringverdienende und für viele Frauen, die Teilzeit arbeiten, von Vorteil. Einige, die bisher keine Rente erhalten hätten, werden in Zukunft einen Zustupf zur AHV bekommen. Aber …
Der minimale Umwandlungssatzwird von heute 6,8 auf neu 6 Prozent sinken. Das heisst, pro 100’000 Franken Kapital würden nur noch 6000 statt 6800 Franken Rente ausbezahlt. Dank höherer Altersguthaben soll aber «das Leistungsniveau insgesamt erhalten» bleiben, wie das zuständige Bundesamt auf seiner Website schreibt.
Wie sich nun zeigt, wird dieses Versprechen für viele Menschen in gewerbenahen Berufen nicht eingehalten. Wer als Gärtnerin, Metzger oder Coiffeuse arbeitet, muss bei einem Ja zur BVG-Reform mit teils empfindlichen Renteneinbussen im Alter rechnen. Dies zeigen Berechnungen der Stiftung Proparis, die laut eigenen Angaben mit ihren Pensionskassen über 70’000 Menschen aus knapp 10’000 angeschlossenen Gewerbebetrieben versichert. Die Reform sieht einerseits vor, dass Angestellte und Firmen ihre Einzahlungen in die Vorsorgekontos erhöhen. (Quelle Tagesanzeiger)
Für Kulturschaffende ein Dilemma: Zwar werden einige jetzt in eine Rentenkasse aufgenommen, dafür müssen aber alle höhere Beiträge bezahlen und alle Renten werden gekürzt.
Wie seht ihr das? Eure Meinung gerne in die Kommentare!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/08/rente.jpg600800Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-08-16 09:10:072024-08-16 09:10:07Umfrage: Wie stimmst du bei der BVG-Reform ab?
Im Rahmen vonDance Passport unterstützt SzeneSchweiz Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ausland, die für kurzzeitige Engagements in der Schweiz sind. SzeneSchweiz beantwortet unter anderem Fragen zu Gagen, Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen und Versicherungen. Für Mitglieder, die für kurze Zeit im Ausland engagiert sind, gilt umgekehrt dasselbe Angebot: Sie können bei Fragen die lokalen Künstlerverbände in Europa kontaktieren. Die häufigsten Fragen (FAQ) werden auf der interaktiven Europakarte von Dance Passport beantwortet.
„Ziel des Tanzpasses ist es, eine Quelle der Unterstützung für professionelle Tänzer im Zusammenhang mit der Mobilität zu sein. Er ist ein gewerkschaftliches Solidaritätsnetz für Tänzer im Ausland. Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrem Heimatland Mitglied einer Gewerkschaft sind, können während eines kurzen Arbeitsaufenthalts in einem europäischen Land, in dem es eine teilnehmende Gewerkschaft gibt, die Unterstützung und die Dienste der örtlichen Gewerkschaft in Anspruch nehmen.“
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Shot of a group of young dancers stretching together in a studio
Weiterbildungsangebote für Mitglieder
SzeneSchweiz unterstützt Ihre Weiterbildung mit folgenden Angeboten:
CHF 100: Individuelle Weiterbildung für Mitglieder, sofern sie einen beruflichen Hintergrund hat. Eine entsprechende Bestätigung muss eingesendet werden. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten (Kulturmarkt und Gesang) kumuliert werden.
CHF 200: Stay tuned – Coaching in Kooperation mit dem Kulturmarkt
Ein neues Angebot für alle festangestellten und freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Diese Angebot richtet sich an Mitglieder pro Jahr für ein individuelles Coaching beim Kulturmarkt. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten (individuelle Weiterbildung und Gesang) kumuliert werden.
CHF 200: Training mit KorrepetitorInnen pro Mitglied und Jahr – gilt für alle festangestellten und freischaffenden SängerInnen, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Sänger*innen haben die vornehme Pflicht, ihre Stimme stets im Training zu halten, ob für das Vorsingen oder für das bevorstehende Engagement: Sechs KorrepetitorInnen stehen in Basel, St. Gallen und Zürich zur Verfügung (1 Std. zu CHF 80). Für die gebuchten Stunden muss eine Bestätigung eingereicht werden, das Angebot gilt einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten kumuliert werden.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/04/thumbnail_1560_685_RVB_72dpi_sanscontourblanc_01.jpeg4501024Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-08-13 16:10:412024-08-20 14:55:51SzeneSchweiz: Dance Passport und Weiterbildungsangebote (Workshops)
Die Schweizer Kunstszene versammelt sich um Lisa Horten-Skilbrei, eine beliebte Tänzerin des Basler Balletts, bei der kürzlich Krebs im 4. Stadium diagnostiziert wurde.
Gemeinsam mit einer Gruppe engagierter Freunde und Organisatoren hat Jorge García Pérez deshalb die “Strength and Grace“-Benefiz-Gala ins Leben gerufen, eine Tanzgala zu Lisas Ehren. An dem Event werden namhafte Tänzerinnen und Tänzer aus Basel und der ganzen Welt auftreten, um Lisas Kunst und die Kraft des Tanzes zu feiern.
Jorge García Pérez organisierte die Aktion spontan: „Als Lisa ihren Zustand und auch den damit verbundenen Kosten öffentlich machte, war ich absolut schockiert und untröstlich. Ich habe sofort etwas gespendet, aber ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht aufhören, über ihre Situation nachzudenken. ‚Das ist nicht genug‘, sagte ich mir, ‚Ich kann mehr tun!'“
Am nächsten Morgen rief Jorge alle Freunde und Bekannten an und die Resonanz war erstaunlich: Alle waren so hilfsbereit und wollten nicht nur mit Tanzen, sondern mit allem, was sie anbieten können, helfen. Alles, um genug Geld zu sammeln, damit Lisa zu ihrer Familie zurückkehren kann. Es ist unser Ziel, genügend Unterstützung für Lisa zu mobilisieren, um ihr eine Heimkehr zu ihrer Familie in Norwegen zu ermöglichen. In Lisas gegenwärtigen, gesundheitlichen Zustand ist dies ein komplexes und teures Unterfangen.
Benefiz-Gala 18 August ab 14 Uhr
Die Benefizveranstaltung findet am 18. August um 15:00 Uhr (Einlass ab 14:00 Uhr) im Schauspielhaus am Theater Basel (Steinentorstrasse 7) statt. Der gesamte Erlös kommt Lisas medizinischer Versorgung und Betreuung zugute. Weil Lisa am Veranstaltungsort nicht anwesend sein kann, wird die Gala per Livestream übertragen, sodass sie die Liebe und Unterstützung ihrer grossen Tanz-Familie dennoch miterleben kann.
Künstler*innen aus der ganzen Welt engagieren sich für die Benefizveranstaltung am Theater Basel: Die Gala zeigt Auszüge bestehender und auch neue Werke von Choreografen wie Sidi Larbi Cherkaoui, Iratxe Ansa & Igor Bacovich, Bobbi Jene Smith, Alexander Ekman, Hofesh Shechter, Richard Wherlock, Thomas Martino, Alba Castillo, Bryan Arias, Armando Braswell, Rachelle Anais Scott, Javier Rodríguez Cobos, Marcelino Libao, Ricardo Fernando, Cathy Marston und Garrett Smith. Neben Tänzerinnen und Tänzern des Ballettes Basel werden auch Künstlerinnen und Künstler des Ballettes Zürich, des Ballett Bern, des Ballet de l’Opera de Lyon, des Hamburg Ballett, des Ballett Augsburg, des Braswell Arts Center, Aterballetto und Künstler aus der freiberuflichen Tanzszene bei der Benefizgala auftreten, um so die Unterstützung der gesamten Tanzgemeinschaft für Lisa in ihrem Kampf gegen den Krebs zu symbolisieren.
Über Lisa
Lisa Horten-Skilbrei ist eine Künstlerin und Tänzerin aus Oslo, die derzeit in Basel lebt. Sie hat einen Bachelor of Arts der Osloer Nationalen Akademie der Künste und zusätzliche Ausbildungen durch Stipendieneinladungen der Batsheva Dance Company, des Nederlands Dans Theater und des Hubbard Street Dance Chicago. Im Laufe der Jahre hat sie ihre Neugier auf eine Reise durch verschiedene Praktiken, Studien und Ausdrucksplattformen mitgenommen. Heute erweitert sie ihre eigenen Forschungen und Kompositionen, während sie mit verschiedenen Kunstbereichen und Künstler:innen zusammenarbeitet und auftritt. Lisa ist ausserdem zertifizierte Yogalehrerin und erfahrene Tanzlehrerin, die 1:1-Coaching für aufstrebende Tänzer:innen und Sportler:innen anbietet, online und persönlich. Lisa ist seit 2017 Mitglied des Balletts Basel.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/08/Lisa.jpg9131000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-08-13 08:03:402024-08-13 08:17:45Benefiz-Gala für krebskranke Lisa
Das 77. Locarno Film Festival startet heute, Mittwochabend. Und natürlich ist SzeneSchweiz auch dabei!
225 Filme, darunter 104 Premieren, flimmern in den nächsten zehn Tagen in Locarno über die Leinwände. 41 Pruduktionen kommen aus der Schweiz oder haben starken Schweizer Bezug. 17 Filme konkurrieren im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden.
Eröffnungsfilm des 77. Locarno Film Festivals ist «Le Déluge» vom italienischen Regisseur Gianluca Jodice («The Bad Poet»), ein Historiendrama um Marie Antoinette und Ludwig XVI. Die beiden Hauptdarsteller Mélanie Laurent («Inglourious Basterds») und Guillaume Canet («Asterix & Obelix im Reich der Mitte») werden an der Eröffnungsgala mit dem Ehrenpreis des Festivals, dem Excellence Award Davide Campari ausgezeichnet.
Aber natürlich ist das nur die halbe Geschichte. In den hübschen Strassen Locarnos geniessen Stars und Branchenvertreter*innen die heissen Sommertage und die mediterranen Nächte während des Festivals. Stars, wie die Regisseurin Jane Campion besuchen die Schweiz. Campion («The Piano») erhält einen Ehrenleoparden. Zusätzlich holen etwa der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, die US-amerikanische Produzentin Stacey Sher oder der US-amerikanische Tontechniker Ben Burtt ihre Ehrungen ab.
SzeneSchweiz-Netzwerkapéro am 10.8.2024
Am Samstag, 10. August 2024 findet während des Festivals wieder unser beliebter Netzwerk- und Branchenapéro statt, den wir zusammen mit dem Verband SSFV veranstalten. Wie immer gibts Snacks, Drinks und viele gute Gespräche. Und wer weiss, vielleicht ergibt sich ja der eine oder andere Kontakt zu einem neuen Engagement …
Lieber still sein oder einen Streit riskieren? Soll man sich auch mal gegen die Mächtigen wehren und dabei auch etwas riskieren, oder einfach nicken und weitermachen? Unsere Kolumnistin übt den Widerstand. Von Stefanie Gygax
Dieses Thema bringt mich immer wieder auf die Palme, wenn ich daran denke, wie viel ich mir schon habe gefallen lassen.
Kürzlich habe ich eine Doku über das Thema Machtmissbrauch im Theater gesehen und habe gespürt, dass die interviewten Künstler zwar darüber reden wollen, aber immer noch mit Vorsicht, dass man ja nichts Verbotenes sagt, was bei potenziellen Arbeitgebern „falsch“ rüber zu kommen könnte. Kurz danach gab es dann einen Artikel im Opernmagazin von einer Sängerin, die nicht mehr aktiv im Business ist und Missstände frei ansprechen konnte.
Die tief verwurzelte Angst ist echt schockierend. Es zieht sich durch die ganze Gesellschaft und prägt vermutlich jeden Arbeitsbereich. Beginnt es doch bereits in der Primarschule, dass man dem Lehrer nicht widersprechen soll. Die Eltern wissen in der Regel alles besser, weil sie ja „Er-wachsen“ sind und „Schwäche“ zeigen ist grundsätzlich tabu.
Wieso lehrt und lernt man nicht, wie man richtig streitet? Warum ist es immer entweder einknicken oder total eskalieren?
„Sei ruhig und mach deinen Job“ ist doch, seien wir ehrlich, aus dem letzten Jahrhundert. Ein Stück zu kreieren, ein Team zu bilden, ist doch sowas Magisches, wenn alle am gleichen Strick ziehen, jeder seine ganz eigene Persönlichkeit einbringt und das Gegenüber mit Wertschätzung behandelt! Und das wäre eben auch dann angebracht, wenn es darum geht, sich zu wehren oder Grenzen zu setzen. Aber in einer untergeordneten Position riskiere ich damit meinen Job. Anstatt zu sagen, was mich verletzt oder wie ich mich fühle, warnt mich eine innere Stimme vor den Konsequenzen. Dabei wäre es gesünder für die ganze Produktion, wenn man Auseinandersetzungen auch offen führen kann.
Oft steht und fällt dieser Prozess mit den leitenden Positionen. Genau wie die Eltern in der Kindheit, hat das Leading Team im Theater eine immense Verantwortung, die weit über das Künstlerische hinaus geht. Wenn einige beginnen, über andere schlecht zu reden, breitet sich das aus wie eine Pest. Es entsteht Gerede, die Stimmung kommt ins Wanken, Unzufriedenheit erwacht.
Es ist auch wichtig, bei schwelenden Konflikten, die nicht nur uns direkt betreffen, Stellung zu beziehen. Ist der Konflikt unterschwellig, macht es das Ganze schwieriger, aber wenn verbale Beleidigungen offensichtlich sind, kann es doch nicht sein, dass wir alle zu Eis erstarren. Ich habe diesen Mechanismus so oft erlebt, an mir selbst und bei anderen. Ich dachte immer wieder, jetzt sage ich was dazu, aber dann war der Augenblick vorbei und ich liess es wieder sein. Es braucht so viel Mut, einfach mal STOP zu sagen, eine Probe zu unterbrechen oder danach die betreffende Person darauf anzusprechen. Meistens sind mehrere Leute involviert und man hat das Gefühl, zu sensibel zu sein oder der Stimmung zu schaden. Aber das ist ja in dem Moment bereits passiert, wenn auch „nur“ in dir. Du bist aber wichtig, denn du bist ein Teil des Ganzen, egal wie gross deine Rolle ist!
Mittlerweile trainiere ich immer mehr, den Punkt zu erwischen, von der Erstarrung sofort umzuschalten, um klar und respektvoll sagen zu können, was ich nicht in Ordnung finde. Es funktioniert nur mit dem Willen, das nächste Mal den Moment nicht zu verpassen, damit das Hirn sofort den Schalter legt und einen Bruch im gewohnten Verhalten erzeugen kann. Blitzschnelle Reaktionsfähigkeit ist gefragt, gepaart mit Mut und Klarheit. Und wenn das nicht hilft, darf man auch mal davon laufen.
Wie viele reden davon, haben es aber noch nie getan?
„Am liebschte wär ich devo gloffe!“
Ist denn schon mal jemand wirklich bei der Probe davon gelaufen, wenn die Situation unerträglich war? Ich kenne nur einen einzigen Kollegen, der die Eier hatte, das zu machen. Manchmal sind die Menschen leider so unreflektiert, dass ein Gespräch im Augenblick nicht hilft. Eine Freundin von mir ist damals ihrem Lehrmeister davon gelaufen, weil er sie immer von oben herab behandelt hatte. Das braucht so viel Mut, ich finde das unglaublich beeindruckend. Hier ist die Grenze, so lasse ich mich nicht mehr behandeln.
Es kann auch wirklich zu Zusammenbrüchen führen, wenn man sich nicht rechtzeitig wehrt oder abgrenzt. In einer Situation, in der ALLE Solisten malträtiert wurden, konnte ein Bekannter eines Morgens einfach nicht mehr aufstehen. Es ging nichts mehr, sein Körper verweigerte den Gehorsam und es musste ein Ersatz organisiert werden. Nicht mal dann wurde über den Missstand gesprochen, weil die Sänger*innen die restliche Probezeit ohne „weitere Probleme“ überstehen wollten. Von aussen klingt das total absurd, aber wenn man mittendrin ist, fühlt man sich manchmal wie gefangen.
Wir brauchen mehr mutige Seelen, die sich klar aber höflich ausdrücken können und füreinander einstehen. Sprich das „Problem“ direkt an, damit es eben nicht zum Problem wird. Wir wären erstaunt, wie plötzlich die Zahnräder ineinander greifen, weil wir das grössere Zahnrad nicht für etwas „Besseres“ halten.
Stefanie Gygax ist professionelle Sängerin & Schauspielerin, Mitglied bei SzeneSchweiz und schreibt monatlich über Herausforderungen und Erlebnisse im Berufsalltag vor, hinter und neben der Bühne. Hier gibts mehr zu ihr.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/08/Streit.jpg5691000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-08-06 09:56:392024-08-06 09:56:53Streiten hinter der Bühne – fight or flight?
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/07/Mann-springt-in-den-Fluss-Limmat-Street-Parade-weekend-Zuerich-Schweiz.jpg6751200Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-07-22 08:20:042024-07-22 08:21:28Sommerpause / Best of ENSMEMBLE-Kolumnen
Die Migros-Tochter Miduca AG beendet die Profi-Ausbildungen am Tanzwerk101 und verliert den Status als höhere Fachschule – Dozent*innen und Leiter*innen wurden bei der Entscheidung übergangen.
Das Tanzwerk 101 gibt seine Position als höhere Fachschule auf und beendet den weltweit anerkannten und geschätzten Profilehrgang für Tänzer*innen. Die Szene spricht von einem schweren Schlag, die betroffenen Dozent*innen stehen vor dem Nichts.
Die Miduca AG betreibt seit zwei Jahren die Klubschule Migros, zu der auch das Tanzwerk101 gehört. Die in der Szene weltweit hohe Anerkennung geniessende Tanzausbildung entstand 2013 aus dem Zusammenschluss der Migros Dance Academy und der Colombo Dance Factor. Jetzt ist der exzellente Studiengang am Ende, wie der Tagesanzeiger berichtet.
Aus Sicht der Miduca AG kann «die wirtschaftliche Durchführung» der Ausbildung nicht mehr «gewährleistet» werden. Doch nicht alle sehen das so. Dem Entscheid gingen Streitigkeiten zwischen dem Dozent*innen-Team, inklusive der operativen Schulleitung, und der Miduca AG voraus.
Mehr Elon Musk als Gottlieb Duttweiler
Offenbar fiel der Entscheid zur Beendigung des Studiengangs bereits im Sommer 2023 und der damalige künstlerische Leiter Jochen Heckmann, der den Ausbildungslehrgang mit aufgebaut hatte, wurde nicht in die Entscheidung mit einbezogen. Damit standen vergangenen Sommer nicht nur zwölf junge Studierende, sondern auch zwei Dutzend Dozierende ohne Perspektive oder mit reduziertem Pensum da. Die Betroffenen bemängeln nicht nur die fehlende Bereitschaft, Alternativen zur Schliessung zu diskutieren, sie kritisierten auch die fehlende Kommunikation.
Die Dozierenden suchten sich Unterstützung beim Berufsverband. Miduca AG verweigerte anfangs eine Aussprache und traf sich erst mit den Dozierenden, als diese sich weigerten, die Folgeverträge zu unterschreiben. Miducas internes Geschäftsgebaren und die fehlende Inklusion der Leitung der Tanzakademie erinnern eher an einen Elon-Musk-Konzern als an eine Gottlieb-Duttweiler-Institution.
Harte Abgänge
Im Laufe des vergangenen Herbsts entzweiten sich das Tanzwerk 101 und die Betreibergesellschaft Miduca AG so stark, dass der langjährige Schulleiter Franz Rutishauser, Gründungsmitglied des Tanzwerks und einst Leiter der Colombo Dance Factory, die Akademie verliess. Später trennte sich Miduca auch vom künstlerischen Leiter Heckmann.
Die ehemalige HF-Dozierende Claire Birrfelder May sagt gegenüber dem Tagesanzeiger: «Wir konnten es nicht fassen, dass eine Arbeitgeberin wie die Migros, die sich immer als sozial positioniert, so vorgeht.»
In Zukunft wird das Tanzwerk101 weiter Kurse anbieten, die sich eher als Freizeit-Aktivitäten und nicht mehr als Ausbildung auf Weltklasse-Niveau verstehen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/07/Tanzwerk.jpg13352000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-07-18 09:44:392024-07-18 10:28:23Migros-Tochter schiesst Profi-Lehrgang im Tanzwerk 101 ab
Unsere Kolumnistin Rebekka Burckhardt denkt über eine legendäre Studio-Nacht nach, die zeigt, wie sich unter besten Bedingungen arbeiten lässt – selbst noch vierzig Jahre später …
Über diesen so kleinen wie griffigen Satz, diesen freundlichen Imperativ, denke ich seit einer Weile nach und drehe und wende ihn in meinem Kopf, lasse ihn mir auf der Zunge zergehen wie einen Eiswürfel: «Check your ego at the door», – dieser Satz kommt in der Netflix Doku «The greatest night in pop», über die Entstehung des legendären Benefiz-Songs «We are the World» vor.
Die Doku zeigt the story behind the song: die Aufnahmesession dieses, von Lionel Richie und Michael Jackson, komponierten Songs. Und ist ein aufschlussreiches Porträt einer legendären Nacht, das unter die Haut geht.
(Weiter nach dem Video)
Ich habe es mir zweimal angesehen – und beide Male hat mich der Film bewegt, wehmütig gestimmt, euphorisiert und beeindruckt zugleich. Das Ding ist wie ein Klassentreffen für Menschen, die ihre Jugendjahre in den 80ern verlebt hatten – es triggert das Erinnerungsarchiv.
Warum aber berichte ich hier darüber? Weil es ein gutes Beispiel ist für einen herausragenden künstlerischen Prozess, der in dieser Qualität entstehen kann, weil sich die Beteiligten öffnen, sich vorbehaltlos und wahrhaftig zeigen – ohne Angst und Arg. Damit ein solches Arbeitsklima entstehen kann, braucht es kluge, inspirierende und menschliche Drahtzieher.
Im Falle von «We are the world“ waren das die Legenden Harry Belafonte und Quincy Jones. Die beiden haben es geschafft – und auf ihre hartnäckige Einladung hin verbringen eine grosse Zahl der damals weltberühmtesten Rock- und Pop-Sängerinnen und Sänger eine ganze Nacht gemeinsam im Studio, auf engem Raum miteinander, ohne vorher zu wissen, was genau auf sie zukommen wird.
They got skin in the game – egal wie berühmt und erfolgreich sie sind. Wir Zuschauenden dieser Doku sehen sie, singend im Kreise voreinander stehend, einander zuhören, zuschauen und unterstützen. Es ist wunderschön, diesen Flow zu betrachten, denn danach sehnen sich alle Bühnenmenschen: Ungeschützt, aber nicht schutzlos, im Dialog gemeinsam eine Sache entwickelnd.
Wie alle guten Dompteure wusste der Produzent Quincy Jones, dass er Ruhe bewahren und zugleich entspannte Kontrolle behalten muss, damit dieses einmalige Setting gutgehen – und die Aufnahmen gelingen können. Wenn die Voraussetzungen stimmen, lassen sich Bühnenkünstler:innen ohne Netz auf den kreativen Prozess ein. Check your ego at the door – dieser Zettel hing an der Studiotür – Quincy Jones schrieb ihn kurz vorm Eintreffen der Pop- und Rockgrössen.
Check your ego at the door.
Was ist das für ein ultimativer Leitspruch. Wir sehen, wie diese Superstars ihre Schwierigkeiten haben, ihre Nervosität, die Unsicherheiten, ihr Ringen. Nicht allen fällt alles auf Anhieb leicht, in dieser nächtlichen Session- und es ist einfach umwerfend, das zu sehen – weil es pur ist.
Die Kamera nehmen sie kaum wahr – der Mensch im Jahre 1985 und die Gemeinschaft noch ein, von eingehenden Textnachrichten, ungestörter Zustand. Aus heutiger Sicht vielleicht eine Art lost paradise…
Was ist eigentlich das «Ego»?
Die Suchmaschine wirft zuerst dies aus: «Ego» ist lateinisch und bedeutet «Ich». In der Psychologie wird Ego definiert als die Vorstellung, die der Mensch von sich hat. Es ist als eine Art Identifikation mit dem gewünschten Selbstbild zu verstehen, das Selbstkonzept als Antwort auf die Frage «Wer bin ich?»
Aha, voilà – «….die Vorstellung, die ich von mir habe und die Identifikation mit meinem gewünschten Selbstbild…» Zum Glück habe ich jetzt dieses Mantra:
Check your ego at the door.
check your ego at the door
check your ego at the door
So-und jetzt alle miteinander, zwo, drei, vier:
Check your ego at the door!
– und jetzt, habt einen schönen Sommer!
Rebekka Burckhardt arbeitet als Schauspielerin für Film & Fernsehen, in freien Theaterproduktionen und an Stadttheatern unter anderem in Berlin und Hamburg, als Regisseurin für Laiengruppen, Sprecherin für Hörbücher, Lesungen, Moderatorin und als Coach für Auftrittskompetenz. Seit der Spielzeit 2023/2024 steht sie an der Komischen Oper Berlin in „La Cage aux Folles“ als Marie Dindon auf der Bühne. Mit ihrem Solo «Tumulte Blonde – ein fast klassischer Diseusenabend» tritt sie seit ein paar Jahren in Zürich auf.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/07/We-are-the-world.jpg6501000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-07-17 08:07:112024-07-17 08:07:25Für echte Bühnenleistung: «Check your ego at the door»
Filmproduktionen haben es schwer in der Schweiz – trotzdem schaffen engagierte Künstler*innen jedes Jahr neue, herausragende Werke. 41 davon sind am Filmfestival Locarno zu sehen.
Am Filmfestival von Locarno, das vom 7. bis 17. August stattfindet, wird es an Schweizer Produktionen nicht mangeln: ausgewählt wurden 41. «Das Schweizer Kino erlebt einen besonderen Moment», sagte der künstlerische Festival-Leiter Giona A. Nazzaro gegenüber dem Medienportal persoenlich.
Auch mehrere Schweizer Koproduktionen zu sehen sein, darunter «Reinas» der schweizerisch-peruanischen Filmemacherin Klaudia Reynicke und der Science-Fiction-Film «Electric Child» von Simon Jaquemet aus Zürich. Insgesamt werden 225 Filme zu sehen sein, darunter 104 Weltpremieren und fünf internationale Premieren. DAsd vollständige Programm wird in den nächsten Tagen online einsehbar sein.
Festival-Finanzierung unsicher
Sorgen um die Zukunft macht sich Festival-Geschäftsführer Raphaël Brunschwig. «Die finanzielle Situation ist nicht einfach, aber wir sind gut aufgestellt», erklärte er. Die öffentliche Finanzierung durch das Bundesamt für Kultur (BAK), den Kanton Tessin und die Stadt Locarno für die nächsten Jahre sei nicht gesichert.
«Eine unserer Prioritäten ist der Ausbau der Zusammenarbeit mit privaten Partnern», sagte Brunschwig. Das Ziel sei es, neue internationale Partner zu finden.
SzeneSchweiz Apéro am Festival
Am Samstag, 10. August 2024 findet während des Festivals wieder unser beliebter Netzwerk- und Branchenapéro statt, den wir zusammen mit dem Verband SSFV veranstalten. Wie immer gibts Snacks, Drinks und viele gute Gespräche. Und wer weiss, vielleicht ergibt sich ja der eine oder andere Kontakt zu einem neuen Engagement …
Hallo liebe SzeneSchweiz-Mitglieder und Unterstützer*innen
Diesen Sommer gibts wieder viele Möglichkeiten zur Weiterbildung und fürs Netzwerken! Für Mitglieder kostenlos. Nur schon das ist ein Grund, dich bei uns anzumelden!
Und los gehts!
Workshop mit Gary Condés in Zürich, 26. bis 28. Juli 2024
Gary Condés, Schauspielcoach aus London, kommt vom Fr. 26. bis So. 28. Juli für einen «Scene Study Course» nach Zürich. Gary Condés‘ Arbeit entstand aus Konstantin Stanislavskis späten Prinzipien und ist inspiriert von ausgewählten Techniken von Mike Alfreds, Stella Adler und Sandford Meisner.
Der Kurs ist in Englisch und für maximal 12 Teilnehmende.
Zitat aus dem Kursbeschrieb:
„Actors are interpretative artists. We work on material that’s been created by someone else and so we have a duty to make sense of what’s written in order to tell the story faithfully. You will learn a very specific and practical way of breaking down a scene so that you are be able to translate whatever script you are given into real actable’s that you can personally commit to.
The work of the actor lies in the ability to create behaviour and the skill to express that behaviour in line with the imaginary circumstances of the scene. You will learn to make bold, interesting choices so that you are able to bring a character to life with behaviour that is meaningful and revealing.“
Am Samstag, 10. August 2024 findet während des Festivals wieder unser beliebter Netzwerk- und Branchenapéro statt, den wir zusammen mit dem Verband SSFV veranstalten. Wie immer gibts Snacks, Drinks und viele gute Gespräche. Und wer weiss, vielleicht ergibt sich ja der eine oder andere Kontakt zu einem neuen Engagement …
Workshop «Projekteingabe und Budgetierung» am Montag, 2. September 2024
Wer Theater- oder Tanzprojekte realisieren möchte, steht im Dialog mit Kulturförderinstitutionen. Ein überzeugendes Projektdossier mit Finanzierungsplan und Budget ist dafür unerlässlich. Unser Workshop behandelt folgende Fragen:
Was soll in der Projekteingabe stehen? Und wie?
Was gehört zu einem überzeugenden Budget inkl. Finanzierungsplan?
Wie müssen Projektinhalt und Budget aufeinander abgestimmt sein?
Worauf achten potenzielle Geldgeber*innen besonders stark?
Der Workshop richtet sich an die freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder mit wenig Erfahrung in der Projekteingabe.
Der Workshopleiter Mathias Bremgartner ist Leiter Förderung Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich. Von 2015 und 2023 leitete er dort verschiedene Projekte, z.B. m2act, das Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozent für die Darstellenden Künste. Mathias ist promovierter Theaterwissenschaftler und war von 2004 bis 2015 als freischaffender Dramaturg und Produktionsleiter in der Schweizer Theaterszene und von 2012 bis 2015 als Mitglied der Theater- und Tanzkommission der Stadt Bern tätig.
Datum: Montag, 2. September 2024
Uhrzeit: 10:15 h bis max.16:30 h (inkl. kurzer Stehlunch)
Ort: Kasernenstrasse 23, 8004 Zürich, SIG-Mehrzweckraum (Eingang im Hof)
Kosten: Übernimmt SzeneSchweiz
Wer Mitglied bei SzeneSchweiz ist und ein neues Mitglied in den Verband bringt, erhält eine Prämie von CHF 50 für jedes geworbene Mitglied.
WICHTIG: Das neue Mitglied muss in der Anmeldung zwingend euren Namen nennen («auf SzeneSchweiz aufmerksam gemacht wurde ich durch …»). Hier kann man Mitglied werden.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/07/summer.webp7201280Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-07-09 09:40:272024-07-09 10:57:26Wichtige Workshops, fantastischer Festival Apéro – News für den Sommer!
Was ist ein gutes Gesuch? Welcher Logik gehorcht das neue Förderwesen für Tanz und Theater in der Stadt Zürich? Welche Möglichkeiten habe ich noch, wenn mein Antrag abgelehnt wird? Ein Besuch bei der Förderstelle im ehrwürdigen Stadthaus gibt Auskunft. Von Seraina Kobler
Fast alle Kunstschaffenden können ein Lied davon singen: Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was in ein paar Monaten kommt. Manchmal noch nicht einmal, wie die nächste Miete gezahlt werden soll. Und dann geht es plötzlich wieder, neue Engagements kommen. Und mit ihnen neue Energie und Leidenschaft zum Beruf, bis sich wieder die Lücke auftut. Ganz zu schweigen von der permanent schwelenden Lücke in der Altersvorsorge, bei den Sozialwerken.
Was für eine Erleichterung wäre es, sich einmal längere Zeit, vielleicht zwei bis vier Jahre, einem finanzierten Projekt widmen zu können. Welche Freiheit in der Kunst würde das geben …
Doch leider ist auch ein grosszügig ausgestattetes Förderwesen, wie etwa jenes der Stadt Zürich, nicht für alle ausreichend, die ihren Lebensunterhalt mit Kunst verdienen. Wer schon ein paar Mal ein Gesuch eingegeben hat, das abgelehnt wurde, weiss um die deprimierende Phase danach, die Hoffnungslosigkeit und Zweifel, die einen noch über Wochen blockieren können.
Weg von der reinen Produktionslogik
Seit diesem Jahr hat die Stadt Zürich ein neues Fördersystem für die Bereiche Tanz und Theater. Voraus ging ein längerer Beteiligungsprozess, bei dem die freie Szene, Expert:innen und Bühnenschaffende ihre Sicht einbringen konnten. Entstanden sind Neuerungen, die sich so zusammenfassen lassen: Weg von der reinen Produktionslogistik, hin zu einer personenbezogenen Förderung.
Eigentlich sollten es nur ein paar Fragen an die Förderstelle werden, doch diese lud kurzerhand zum Gespräch ins Stadthaus, den imposanten Arkaden entlang in einem der oberen Geschosse, wo sich die Büros befinden. «Unser Ziel war auch, mehr Durchlässigkeit zu schaffen», sagt Michael Rüegg, Leiter Ressort Tanz und Theater. «Wir wollten möglichst viele Andockpunkte schaffen».
So habe nun etwa eine einzelne Tanz- oder Theaterschaffende, die keine Mehrjahreseingabe gut gesprochen bekommen habe, nun die Möglichkeit, direkt bei den Häusern unterzukommen. Diese verfügen neu über eigene Produktionsmittel, die sie unabhängig von einer Kommission direkt vergeben können. So sei es möglich, trotzdem weiter zu arbeiten. Und natürlich bestehe dann die Möglichkeit, alle zwei Jahre erneut eine Mehrjahreseingabe zu stellen. Zusätzlich können die Tanz- und Theaterschaffenden Projektbeiträge oder Mittel für den Aufbau von Gruppen im Bereich der Darstellenden Künste für Kinder und Jugendliche beantragen.
«Natürlich bleibt es letztendlich immer eine Selektion, so hat die Förderung schon immer funktioniert», sagt Rüegg. Gewisse prekäre Arbeitszusammenhänge liessen sich zwar auch so nicht aus der Welt schaffen. Und eine Kulturförderung könne ein funktionierendes Sozialsystem nicht ersetzen. «Es wird immer schmerzhafte Momente geben, das wissen wir auch. Dennoch wird versucht, all den Dossiers gerecht zu werden und zu schauen, wie man dieser Landschaft und ihrer Vielfalt entsprechen kann.»
Ein gutes Gesuch hat viele Gesichter
Was ein gutes Gesuch sei, darüber lasse sich keine einzelne Aussage machen. Es gebe keine spezielle, bevorzugte Ästhetik. Und die zuständige Jury für die Konzeptförderung, die in einem mehrjährigen Turnus amtet und deren Amtszeit auf 8 Jahre beschränkt ist, urteilt nach den städtischen Richtlinien wie Qualität, Originalität, Entwicklungsansatz, Ausstrahlung, Realisierbarkeit, Vernetzung und Vielfalt. «Neben diesen Aspekten ist es wichtig, dass man das Anliegen spürt», fügt Rüegg an. Ausserdem sei es für Newcomer ratsam, zu Beginn der Laufbahn in Zusammenarbeit mit einem Haus einzureichen.
Unterstützung finde sich auch bei Angeboten wie dem artFAQ im Kulturmarkt in Zürich. Dort werden Wissen und Erfahrungen aus den Bereichen Tanz, Theater und Performances gebündelt und weitergegeben.
Stete Weiterentwicklung gefragt, alleine und/oder im Kollektiv
Klappe es doch mit einem Gesuch, dann hätten die Beteiligten Planungssicherheit und können sich den künstlerischen Vorhaben, im besten Fall, über mehrere Jahre hindurch widmen. Es wird geschätzt, dass so auch Arbeitsschritte, die früher unbezahlt erfolgen mussten, zumindest über einen gewissen Zeitraum gedeckt seien.
In der personenbezogenen Förderung finde die Entwicklung hin zur Biografie statt, wobei auch stete Weiterentwicklung gefragt sei, auch in Zusammenarbeit oder unter dem Dach der Institutionen und Häuser. Bei Fragen zu einer Eingabe empfiehlt es sich, frühzeitig Kontakt aufzunehmen: «Dann kann man uns auch immer anrufen und sich erkundigen», sagt Rüegg. Da brauche es keine falsche Hemmschwelle. «Wir sind da, um wo immer möglich Auskunft zu geben.»
6.5 Millionen Franken weniger soll Pro Helvetia in Zukunft bekommen, wenn es nach der Nationalrats-Kommission geht. Das trifft alle.
Entgegen dem Willen des Bundes- und des Ständerats will die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats (WBK-N) den Betrag für die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia um 6.5 Millionen Franken kürzen. Das heisst, der Sparwahn, besser: der Kahlschlag im eidgenössischen Kulturangebot geht weiter.
Einige Bürgerliche mögen jetzt denken: „Das trifft eh nur Filmprojekte in Afrika und woke Hipster, die in einer Zwischennutzungs-Bauhalle in Berlin politische Performance aufführen!!!“
Dem ist nicht so. Es trifft jede Art von Schweizer Kulturexport, viele gemeinsame Projekte auf der ganzen Welt. Pro Helvetia unterstützt auch Schweizer Chöre, die helvetisches Kulturgut in die Welt tragen, Trachtenvereine auf ihren Reisen zu Kulturtreffen, Alphorn-Aufführungen und Fahnenschwingen. Natürlich geht auch ein Teil in Förderprojekte in ärmeren Regionen, was wir uns als reiches Land auch leisten sollten. Kultur geht uns alle an. Egal, aus welcher politischen oder kulturellen Ecke wir kommen.
Suisseculture dazu: „Die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia sind eine notwendige Grundlage dafür und schaffen die Netzwerke vor Ort, von denen die Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz profitieren können.“
Die Kommission will dem Bund Geld sparen, da zurzeit das Budget zum Beispiel von Militärausgaben stärker belastet wird. Doch es ergibt überhaupt keinen Sinn, diese Ausgaben auf dem Rücken von Bildung und Kultur auszutragen. Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz: „Die politische Weltlage verunsichert Bevölkerung und Politik. Doch es zeugt von einer gewissen Ironie, wenn wir zugunsten der Landesverteidigung genau die kulturelle Identität opfern, die wir eigentlich schützen wollen. Nicht jede Einsparung soll zulasten der Kultur, der Bildung und der Entwicklungshilfe gehen.“
Suisseculture und SzeneSchweiz sehen Handlungsbedarf, nicht nur auf politischer Ebene, auch im Alltag. Leutenegger: „Wir alle sind aufgefordert, mehr an die Öffentlichkeit zu treten und aufzuzeigen, was das Kulturschaffen gerade in unsicheren Zeiten bewirken kann. Kunst kann Konflikte spiegeln und Perspektiven aufzeigen, wenn die Politik an ihre Grenzen stösst. Kultur kann Menschen dazu bringen, Zuversicht und Lösungsansätze zu entwickeln.“
Suisseculture: „Die Zahl der künstlerischen Projekte, die Pro Helvetia mit ihren Mitteln unterstützen kann, ist seit Jahren rückläufig, vor allem aufgrund verschiedener bereits erfolgter Kürzungen. So ist auch das Budget der Kulturbotschaft 2025–2028 nur bedingt ausreichend für alle in ihr aufgeführten Aufgaben.“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/07/walliser-bote.jpg488650Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-07-02 08:10:332024-07-02 09:30:34Kultur-Kahlschlag auch bei Pro Helvetia
Macht Scheitern uns stärker? Gestatten wir uns das Glücklichsein? Unsere Kolumnistin Stefanie Gygax denkt darüber nach, was uns beruflich und menschlich weiterbringt.
In letzter Zeit lese ich sehr viele Posts mit der Aussage „Scheitern macht dich stark“. Wahrscheinlich hat mein Handy den Artikel über „The show must stop“ mitbekommen.
Ich finde die Aussage interessant, weil ich gerne die Blickwinkel wechsle, aber ich frage mich: Stimmt das wirklich?
Als Mensch, der in seinem Leben viele Absagen, Skepsis und Ausgrenzung erlebt hat, sehe ich das eher andersherum. Die negativen Aspekte in unserem Beruf haben mich erst zu Blockaden geführt, zum Zweifeln an meiner Persönlichkeit, meiner Kompetenz. Natürlich passierte dies auch zur Genüge in meinem Privatleben, aber wenn ich es nun rein auf meinen Beruf beziehe, hat das meiner künstlerischen Tätigkeit geschadet.
Ich habe die negativen Feedbacks Hürden bauen lassen, ohne die ich viel schneller vorwärtsgekommen wäre. Ich habe Ängste entwickelt, die gar nicht zu mir gehören. Das macht mich unglaublich traurig, weil ich mich eigentlich nicht gerne beeinflussen lasse und doch aufgrund meiner Sensibilität dazu genötigt worden bin.
Dann heisst es: „Du brauchst eine dickere Haut.“ Aha, aber in der Probe muss ich dann jeden Tag auf Knopfdruck die Elefantenhaut ablegen, weil ich mein Innerstes nach Aussen kehren muss?! Wir sind Menschen, unser Umfeld hat immer einen gewissen Einfluss auf uns, auch wenn es auf der unbewussten Ebene stattfindet. Deshalb sei vorsichtig, mit welchen Menschen du dich umgibst, es könnte dich nachhaltig prägen. Oft habe ich Jobs angenommen, weil ich unbedingt wieder auf der Bühne stehen wollte, ohne Rücksicht darauf, wer im Team mit dabei ist. Ich habe diese Komponente lange Zeit unterschätzt. Wieso sollte ich mit jemandem zusammenarbeiten, der mich nicht ausstehen kann, nur weil der Regisseur mich unbedingt dabei haben will?
Mamma Mia, ich habe es getan und das Erlebnis war traumatisch. Ich dachte, wenn diese Person mich kennenlernt, wird sie ihre Meinung ändern – falsch gedacht. In der ersten Saison war das zwar angeblich so und ich wiegte mich in Sicherheit. Aber als ich in der zweiten Saison krank geworden bin, ging es los. Ich war angreifbar und das wurde benutzt, um mich noch mehr zu schwächen. Natürlich immer unterschwellig, damit es niemand sonst mitbekommt. Emotionale Kämpfe sind genauso grausam wie physische und psychische Verletzungen, sie hinterlassen auch schwere Narben.
Und was lerne ich daraus? Meide Menschen, die dir schaden.
Von mir aus, aber bringt mich das beruflich weiter? Macht das eine bessere Darstellerin, eine bessere Sängerin aus mir? Wohl eher nicht, es hemmt mich oder frustriert mich und ich habe irgendwann keine Lust mehr, mich zu öffnen oder verfluche die Berufung, weil sie so viele Wunden verursacht hat.
Die meisten Fortschritte mache ich, wenn Menschen an mich glauben, wenn sie mich fördern, mir Vertrauen schenken. Dann kann ich mich öffnen und die beste Version von mir leben. Natürlich sind Stars auch oft gescheitert und lassen es uns ständig wissen, aber was haben sie denn anders gemacht? Wir alle scheitern, aber wer kommt trotzdem an die Spitze? Und vor allem: wer bleibt dort und ist dabei auch noch glücklich? Erfolg bedeutet ja noch lange nicht, dass es dir wirklich gut geht! Wir sagen immer: „Mir gahts guet“, aber wann sind wir glücklich?
Wenn ich Sätze aus meinem Kindertagebuch lese, bin ich jedes Mal total erstaunt, wie überschwänglich ich damals war. Nach meiner ersten Ballett-Aufführung schrieb ich: „Das war der schönste Tag in meinem ganzen Leben und meine Mama hat mir Blumen geschenkt, sie ist die beste Mama auf der ganzen Welt.“
Auch heute kommen diese Gefühle noch manchmal, meistens findet es in Verbindung mit der Bühne statt. Denn wenn ich im Alltag solche Phasen habe, werde ich von allen blöd angeschaut. Ich sehe in den Blicken: „Was hat die denn genommen? Das ist ja wohl übertrieben, so glücklich ist niemand.“
Vielleicht lernen wir vom Scheitern, aber nicht nur. Sollten wir nicht mehr aus den Momenten lernen, in denen wir pures Glück empfinden? Wann finden diese statt und mit wem? Schämen wir uns, unsere Glücksgefühle zu zeigen? Ich glaube, es ist viel wichtiger aus dem zu lernen, was dich glücklich macht und in welchem Umfeld du erblühst, um DIESEN Teil in dir zu expandieren und die negativen Aspekte loszulassen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/06/steffi.jpg6341000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-06-27 08:00:492024-06-27 08:01:08«Was dich nicht umbringt, gibt dir Trauma ….“
Bundesrat Rösti kürzt auf dem Verordnungsweg die SRG-Gebühren und ignoriert vergangene und kommende Abstimmungen. Das ist besorgniserregend.
Es ist nicht das erste Mal, dass der SVP-Bundesrat sich nicht um den Willen der Bevölkerung schert: Bereits beim Wolfsschutz entschied er am Abstimmungsergebnis vorbei und gab ganze Rudel zum Abschuss frei. Diesmal, bei der Kürzung der Serafe-Beiträge, ist die Situation noch eindeutiger. Sowohl das Parlament als auch die Medienkommission und alle Interessenverbände stehen gegen Röstis Alleingang mit der Teilrevision der Radio- und Fernsehverordnung.
Zudem hat die Schweizer Bevölkerung sich erst 2018 bei der NoBillag-Abstimmung mit überwältigender Mehrheit hinter die SRG gestellt. Das alles interessiert den Bundesrat nicht. Rösti sieht sich offenbar nicht im Dienste des Volkes, sondern als Alleinherrscher in seinem Departement.
Hier ein Zitat aus der Stellungnahme von suisseculture:
„Suisseculture stellt irritiert fest, dass der Gesamtbundesrat die vom UVEK-Vorsteher Albert Rösti vorgeschlagene Teilrevision der Radio- und Fernsehverordnung (RTVV) durchsetzen will. Er setzt sich damit über die Haltung einer klaren Mehrheit der eigegangenen Vernehmlassungsteilnehmenden hinweg: Ein Grossteil der eingeladenen Organisationen, der Parteien sowie diverse Kantone und zahlreiche Interessenorganisationen hatten sich insbesondere gegen eine Senkung der SRG-Gebühren von 335 Franken auf 300 Franken ausgesprochen, bevor der Leistungsauftrag der SRG über die Konzession neu definiert worden ist.“
Der Totalabsturz der NoBillag-Initiative hat Röstis Partei einen veritablen Nasenstüber versetzt. Das vergisst man nicht. Das ist auch der Grund, warum Rösti bereits jetzt, vor der Abstimmung zur Halbierungsinitiative, die Finanzierung der SRG angreift: Sollte die Initiative seiner Partei scheitern, kann er wenigstens auf seine Kürzung verweisen.
Gedacht wie ein Autokrat: Die Bevölkerung hat nicht die Wahl zwischen voller Finanzierung der SRG und einer Kürzung der Gelder. Die Bevölkerung hat nur die Wahl zwischen einer kleinen Kürzung und einem massiven Abbau des Service Public.
Weiter bei suisseculture:
„Für ein unabhängiges und vielfältiges Kulturschaffen in den vier Sprachregionen der Schweiz braucht es eine starke SRG. Die Abgaben sind so zu berechnen, dass die SRG ihre Verpflichtungen – gerade auch im Kernbereich Kultur und damit als unverzichtbare Kulturproduzentin und Kulturvermittlerin – wahrnehmen und ihre Finanzierung in gleicher Höhe wie heute auch in Zukunft sichergestellt werden kann.
Der qualitativ hochstehende mediale Service Public der SRG ist eine wichtige Grundlage für das Funktionieren der Demokratie und der (kulturellen) Teilhabe aller Bevölkerungsschichten. Zudem schafft sie eine beachtliche Wertschöpfung und sichert Arbeitsplätze in einer Vielzahl von anderen Unternehmen. Tatsächlich dürfte der Schaden durch die erzwungenen Einsparungen weit über die SRG hinausreichen und die Vitalität gewisser Wirtschaftsbranchen gefährden sowie und insbesondere die Vielfalt der Kultur in der Schweiz schmerzlich beeinträchtigen.“
Es ist klar, dass die Aufgaben der SRG immer wieder überprüft und angepasst werden müssen. Das ist Aufgabe des Parlaments und der Bevölkerung. Was nicht geht, ist, dass ein Bundesrat wie ein kleiner Diktator gegen Parlament, Kantone und Verbände eine Entscheidung durchdrückt, über deren Inhalt erst noch eine Diskussion geführt werden muss.
Als Erinnerung: Wir leben in einer Demokratie. Wir entscheiden gemeinsam. Und ein Bundesrat herrscht nicht, er dient.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/06/roesti.jpg540960Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-06-21 08:56:042024-06-21 15:00:41SRG: Rösti gegen die Demokratie
Perché un’Associazione di artisti dello spettacolo? Proteggiamo i nostri membri, ci sosteniamo a vicenda, ci prendiamo cura di coloro che sono sfortunati in questo momento. E noi siamo una forza politica.
Anton D. perde il lavoro allo Stadttheater. Anton era membro di ScenaSvizzera fino all’anno scorso, ma poi ha cancellato la sua adesione perché negli ultimi anni non aveva mai avuto bisogno di nessuno dei servizi. Comprensibile, ma ora, nella crisi, dipenderebbe dalla consulenza legale e avrebbe bisogno del know-how e del sostegno dell’Associazione.
ScenaSvizzera lavora secondo il principio di solidarietà. Tutti noi diamo un contributo nei momenti buoni, che poi va a beneficio di coloro che attraversano le crisi. In questo modo proteggo me stesso e allo stesso tempo aiuto gli altri in situazioni difficili. Ma non è tutto.
“60% freelance”
ScenaSvizzera non è solo un’assicurazione per le controversie legali. L’Associazione offre supporto nel cambio di carriera, nelle domande sulla conciliabilità tra famiglia e lavoro, nella formazione continua (ogni membro può farsi versare un contributo per la formazione continua) e offre anche un proprio sito di casting. Ogni anno si svolgono seminari gratuiti per i membri su un’ampia varietà di argomenti. I dipendenti dell’Associazione sono ben collegati e supportano gli artisti non solo su questioni legali ma anche sociali ed economiche e aiutano nell’organizzazione delle assicurazioni sociali e della previdenza.
ScenaSvizzera si impegna particolarmente nei confronti dei liberi professionisti, che spesso si trovano nelle condizioni più difficili. Quasi il 60% dei nostri membri sono liberi professionisti nel panorama indipendente o hanno un contratto a tempo determinato. Rafforziamo la loro posizione e miglioriamo le condizioni di lavoro per tutti.
Dimensione politica
L’Associazione negozia il contratto collettivo di lavoro con le case dei teatri, chiede maggiori sussidi e controlla anche l’attuazione delle circostanze concordate. In quasi ogni teatro della Svizzera c’è un membro con cui puoi parlare. Con un’ampia rete di persone impegnate, ScenaSvizzera contribuisce a dare forma al mondo delle scene e delle produzioni e mette il dito sulle lamentele.
I membri di ScenaSvizzera hanno una posizione di partenza completamente diversa nelle trattative con i datori di lavoro, sia come liberi professionisti che come dipendenti a tempo indeterminato. Se il datore di lavoro sa che la persona non è sola ma ha alle spalle una potente Associazione, si sforzerà di apparire giusto e legalmente pulito fin dall’inizio. Perché chi vuole finire nei guai con l’Associazione professionale?
Contributi flessibili
Conosciamo la vita da artista, le insicurezze, i guadagni irregolari, i divari tra gli impegni. Ecco perché non è prevista una quota associativa fissa. Il tuo importo viene calcolato in base al tuo reddito e l’iscrizione per gli studenti è gratuita.
Durante e dopo la pandemia, molti artisti si trovavano in situazioni finanziariamente precarie. ScenaSvizzera non solo ha contribuito a organizzare il più rapidamente possibile il denaro per le persone colpite, ma è stata anche molto accomodante nel pagamento dei contributi. Se una persona avesse difficoltà a pagare i contributi, potrebbe contattare la segreteria e si troverebbe una soluzione.
Quindi se vuoi diventare membro, o lo sei già, ma sei preoccupato per i contributi, contattaci. Non siamo un’azienda che ha bisogno di realizzare profitti, ma l’Associazione ha bisogno di fondi per difendere te e i tuoi colleghi. E abbiamo bisogno anche del tuo sostegno, della tua voce e del tuo modo molto speciale di rappresentare tutti gli aspetti delle arti dello spettacolo.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/08/Cat.jpg12672000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-06-19 09:25:512024-06-19 09:27:18Attrici/Attori? Ti supportiamo!
Wo hockt sie, die Kreativität? Auf welchen Lockruf reagiert sie? Kolumnistin Rebekka Burckhardt fragt sich, was die Bühnenarbeit zu so einer erfüllenden Sache macht. Denn vielleicht ist es auch nur dieser eine, ganz spezielle Moment, wenn wir ganz bei uns und Eins mit allem sind…
(Fotocredit: Renata Burckhardt bei einer Bühnenproduktion von Rebekka Burckhardt für das Theater SEM)
Kürzlich war ich Sprecherin bei einem Chorkonzert. Der Chor sang selten aufgeführte Shakespeare Vertonungen und ich las die deutschen Übersetzungen dazwischen. Es war eine für mich sehr erfüllende Angelegenheit. Die Verbindung von Musik und Sprache ist eine inspirierende Kombination und macht die meisten Bühnenmenschen glücklich.
Dazu fällt mir auch die köstliche Geschichte von Eva Brumby ein. Alte Brecht-Schauspielerin, die noch mit Helene Weigel auf der Bühne stand. Sie unterrichtete damals an meiner Schauspielschule die Anfängerklassen – ein freundlicher Mensch mit trockenem Humor und strengem Dutt. Sie stiess (wie der betagte Kollege aus meiner letzten Kolumne) in ihren späten Berufsjahren ebenfalls zu Marthalers Theatertruppe und berichtete uns von ihren Erfahrungen und anfänglichen Verunsicherungen.
«Es wird seit Wochen nur gesungen und gesungen und nach drei Stunden Proben ist Schluss und dann wird erstmal den ganzen Nachmittag lang Mittag gegessen – wann bitte fangen wir denn an, das Stück zu proben???!!!«, rief sie in ihrer Erzählung verzweifelt aus, um gleich in ihr vom Rauchen heiseres Lachen auszubrechen – sie rauchte natürlich während des Unterrichts – das waren noch Zeiten… Nach und nach aber wurde sie von der berühmten Marthaler-Magie ergriffen und überliess sich dem Flow – eine für sie neue und beglückende Erfahrung.
Gestern sah ich anlässlich der Preisverleihung des diesjährigen Meret Oppenheim-Preises ein Filmportrait der Schweizer Künstlerin Valerie Favre. Sie sprach über ihre Motivation als Künstlerin und darüber, wo und wie sie ihre Motive und Inspiration findet: Die schiere Tatsache, am Leben zu sein, sei ihre Motivation und ihr tiefes Bedürfnis, am Anfang jeden neuen Tages, etwas zu kreieren – das könne übrigens auch einfach nur ein Apfelkuchen sein.
Sie findet die Inspiration und die Motive zu ihren Bildern nicht in den sie umgebenden Objekten des alltäglichen Lebens, sondern in der Literatur, der Philosophie und der Poesie. In einem grossen Werkzyklus befasste sie sich mit Sarah Kanes Theatertexten und machte diese zum Thema ihrer Bilder. Wie muss diese Geschichte erzählt werden, was ist der Subtext? Was macht es zwingend – so lauten ihre Fragen während des Arbeitsprozesses. Es sind dieselben Fragen, die wir Theaterleute uns stellen.
Theaterstücke und Poesie sind die Inspirationsquelle einer bildenden Künstlerin. Und Bildende Kunst ist eine Fundgrube für uns Bühnenmenschen. Wie verhält sich ein Mensch in einer bestimmten Situation? Was sagt seine Körperhaltung, seine Mimik und Gestik über seinen Charakter und seine Befindlichkeit aus? Wir beobachten unsere Mitmenschen im echten Leben oder aber finden Inspiration auf den Bildern der alten Meister oder zeitgenössischer Fotografie.
So, das wär’s für heute – jetzt schaue ich weiter meiner Katze zu.
Die weiss eigentlich immer genau wie’s geht. Instinkt & Impuls, da stellt sich möglicherweise die Frage nach Inspiration nicht.
Ich frag die Mieze mal, wie sie es damit hält.
Rebekka Burckhardt arbeitet als Schauspielerin für Film & Fernsehen, in freien Theaterproduktionen und an Stadttheatern unter anderem in Berlin und Hamburg, als Regisseurin für Laiengruppen, Sprecherin für Hörbücher, Lesungen, Moderatorin und als Coach für Auftrittskompetenz. Seit der Spielzeit 2023/2024 steht sie an der Komischen Oper Berlin in „La Cage aux Folles“ als Marie Dindon auf der Bühne. Mit ihrem Solo «Tumulte Blonde – ein fast klassischer Diseusenabend» tritt sie seit ein paar Jahren in Zürich auf.
Wozu ein Verband für darstellende Künstler*innen? Wir schützen unsere Mitglieder, wir unterstützen uns gegenseitig, wir kümmern uns um diejenigen, die gerade Pech haben. Und wir sind eine politische Kraft.
(Bild: Reda El Arbi unter Mitwirkung von KI.)
Anton D. verliert seinen Job am Stadttheater X. Seine Kündigung ist rechtlich fraglich und er will sich wehren, aber das ist teuer: Anwälte, Gerichtskosten, Nerven, Zeit. Bis letztes Jahr war Anton Mitglied bei SzeneSchweiz, hat dann aber die Mitgliedschaft storniert, weil er in den letzten Jahren ja nie eine der Dienstleistungen benötigt hat. Verständlich, aber jetzt, in der Krise, wäre er auf die rechtliche Beratung angewiesen, bräuchte das Knowhow und die Unterstützung des Verbandes.
SzeneSchweiz funktioniert nach dem Solidarprinzip. Wir alle leisten Beiträge in guten Zeiten, die dann denjenigen zugutekommen, die eine Krise durchmachen. So bin ich selbst abgesichert und helfe gleichzeitig anderen in schwierigen Situationen. Das ist aber nicht alles.
«60 Prozent Freischaffende»
SzeneSchweiz ist nicht nur eine Absicherung für rechtliche Auseinandersetzungen. Der Verband unterstützt beim Berufswechsel, bei Fragen rund um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei Weiterbildung (jedes Mitglied kann sich einen Beitrag für Weiterbildung auszahlen lassen) und bietet sogar eine eigene Castingseite an. Jährlich finden Workshops zu den unterschiedlichsten Themen statt, kostenlos für Mitglieder. Die Verbands-Mitarbeiter*innen sind bestens vernetzt und unterstützen Darsteller*innen neben rechtlichen auch in sozialen und wirtschaftlichen Fragen, helfen bei der Organisation der Sozialversicherungen und der Altersvorsorge.
Gerade bei Freischaffenden, die oft die schwierigsten Bedingungen haben, setzt sich SzeneSchweiz besonders ein. Beinahe 60 Prozent unserer Mitglieder sind Freischaffende in der freien Szene oder mit Stückverträgen befristet engagiert. Wir stärken deren Position und verbessern die Arbeitsbedingungen für alle.
Politische Dimension
Der Verband handelt den Gesamtarbeitsvertrag mit den Häusern aus, setzt sich für mehr Subventionen ein und kontrolliert auch die Durchsetzung der vereinbarten Umstände. In beinahe jedem Theater in der Schweiz gibt es ein Mitglied, das man ansprechen kann. Mit einem breiten Netzwerk aus engagierten Menschen prägt SzeneSchweiz die Welt der Bühnen und Produktionen mit und legt einen Finger auf Missstände.
SzeneSchweiz-Mitglieder haben eine gänzlich andere Ausgangsposition in Verhandlungen mit Arbeitgeber*innen, egal ob als Freischaffende oder Festangestellte. Weiss der Arbeitgeber, dass die Person nicht alleine dasteht, sondern einen schlagkräftigen Verband hinter sich hat, bemüht er sich von Beginn an, fair und rechtlich sauber aufzutreten. Denn wer will schon Ärger mit dem Berufsverband?
Flexible Beiträge
Wir kennen das Leben als Künstler*in, die Unsicherheiten, das unregelmässige Einkommen, die Löcher zwischen den Engagements. Deshalb gibt es keinen fixen Mitgliedsbeitrag. Dein Betrag wird aufgrund deines Einkommens berechnet und für Studierende ist die Mitgliedschaft sogar gratis.
In und nach der Pandemie gab es viele Künstler*innen in finanziell prekären Situationen. SzeneSchweiz half nicht nur, möglichst schnell Geld für die Betroffenen zu organisieren, der Verband war auch sehr kulant bei den Beitragszahlungen. Wenn eine Person Schwierigkeiten mit dem Begleichen der Beiträge hatte, konnte man sich bei Sekretariat melden und es wurde eine Lösung gefunden.
Wenn du also Mitglied werden willst, oder es schon bist, aber die Beiträge machen dir Sorgen, komm auf uns zu. Wir sind kein Unternehmen, das Profit machen muss, aber der Verband benötigt Mittel, um sich für dich und deine Kolleg*innen einzusetzen. Und wir brauchen auch deine Unterstützung, deine Stimme und deine ganz besondere Art, um alle Facetten der darstellenden Künste abzubilden und zu vertreten.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/06/Actors-Un.jpg7451000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-06-13 08:29:112024-06-14 18:36:09Darsteller*in? Wir unterstützen dich!
Ronja Rinderknecht arbeitet als Dramaturgin und Produktionsleiterin im Theater für ein junges Publikum. Im Interview erzählt sie, wie es ist, unter guten Bedingungen diesen Beruf auszuüben. Und warum man Kindern durchaus auch schwerere Themen zumuten kann. Von Seraina Kobler
Ronja, du arbeitest als Dramaturgin, Produktions- und Gastspiel-Leiterin. Wie organisierst du so viele Rollen?
Ronja Rinderknecht: Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie Dach und Boden des Theaterhauses. Auf eine sehr gute Art und Weise geht die Vielfalt meiner bisherigen Tätigkeiten und Ausbildungen ineinander auf.
Nach dem Studium warst du erst mal mit deiner Band «Prader & knecht» unterwegs, die «introspektive, fein ziselierte Musik macht», wie das SRF vor einigen Jahren schrieb …
Das war eine schöne Zeit. Irgendwann aber war da auch der Wunsch, die Dinge zu bündeln. Am Vorstadttheater habe ich einen Fokus gefunden, bei gleicher Vielfältigkeit, kann mich auf verschiedenste Weise einbringen und bin doch in ein tolles, kleines Team eingebunden.
Ihr macht Theater für «ein junges Publikum», diese Bezeichnung ziehst du dem «Kindertheater» vor, warum?
Einerseits, weil der Begriff «Kindertheater» mit vielen Klischees und Erwartungen beladen ist und häufig auch abwertend benutzt wird. Andererseits: Es ist doch primär schlicht und einfach Theater! Und das darf auch einfach nur Kunst sein. Es muss nicht immer alles sofort angewendet und verwertet werden können. Diese Vorstellungen möchte ich gerne aufbrechen.
In der Literatur hört man oft, dass zeitgenössische Kinderbücher zu pädagogisch seien. Nur darauf angelegt, versteckte Botschaften zu transportieren. Wie ist das bei euch?
Klar ist es schön, wenn man auf eine lustvolle Art aktuelle Themen ansprechen und behandeln kann in einem Stück. Aber im besten Fall werden Themen auf verschiedenen Ebenen transportiert. Solche, die vordergründig erkennbar sind, aber auch versteckte oder übergreifende Gedankenanstösse. Und zwar für alle Altersgruppen.
Ein Anspruch, den ihr auch mit dem Ansetzen der Vorstellungszeiten ansetzt…
Genau. Eine Vorstellung für junges Publikum darf durchaus auch mal am Abend stattfinden. Wir setzen unsere Hausproduktionen auch bewusst dann an – weil wir damit nicht nur Kinder als Zielpublikum ansprechen. Genauso, wie ich umgekehrt selber als Erwachsene auch gerne mal ein Stück am Nachmittag schauen gehe, wenn etwa die Vereinbarkeit mit der Familie einfacher zu bewerkstelligen ist.
Aber es gibt schon auch Vorgaben, etwa für Schulvorstellungen?
Natürlich. Da finde ich es wichtig, eine Balance zu finden zwischen Ansprüchen der Schule (des Lehrplans) und eigenen künstlerischen Ideen. Das Schöne ist, dass wir durch die Schulvorstellungen als Publikum viele Schüler: innen haben. Die Erziehungsdepartemente der Kantone Basel-Stadt und Baselland finanzieren massgeblich die Schulbesuche mit.
So gibt es die Möglichkeit ein Publikum zu erreichen, das sonst nicht unbedingt zu uns finden würde. Und da kommt schon auch mal die Frage von Lehrpersonen, wo sie das im Lehrplan verbuchen können. In welchem Fach sich eine Nachbereitung anbietet. Da lassen sich bei jedem Stück Ansätze finden. Es sollte aber am Ende des künstlerischen Prozesses stehen, nicht am Anfang.
Gibt es auch andere Vorgaben?
Es wird zum Beispiel oft verlangt, dass ein Stück nur so oder so lange ist. Weil sich die Kinder und Jugendlichen angeblich nicht mehr länger konzentrieren können. Da frage ich mich schon: Beim Film geht das doch auch. Warum soll es dann im Theater nicht möglich sein, wo die direkte Resonanz noch viel grösser ist. Aber klar gibt es im Hinblick auf die gewohnte Dauer einer Schulstunde eine Rechtfertigung. Häufig wird auch darüber diskutiert, was man zeigen darf und was nicht.
Trauen wir unseren Kindern diesbezüglich zu wenig zu?
Lustigerweise kommen diese Bedenken nie von den Kindern selbst. Meine grösste Angst ist, sie zu langweilen und sie dadurch längerfristig zu verlieren. Daher finde ich es wichtig, ihnen genug Platz zu geben, um die eigene Fantasie mitspinnen zu lassen. Ihnen Räume für eigene Bilder zu schenken. Wie man den Kindern eine Geschichte erzählt, das ist doch das Wesentliche. Ausserdem entsteht ein starkes, gemeinschaftliches Erlebnis, wenn sie gleichzeitig das Gleiche erleben und sehen. Das Schöne ist ja, dass sie da nicht alleine im Raum sitzen…
Was würdest du dir da für die Zukunft wünschen?
Dass wir unseren Kindern auch schwere Themen zutrauen. Etwa psychische Gesundheit, Verluste, Abschiede… Man hat Angst, sie damit zu konfrontieren. Doch sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen, merken, was um sie herum geschieht in der Welt. Und ihnen wird so die Möglichkeit genommen, einen altersgerechten Umgang damit zu lernen.
Du erwähntest die Zusammenarbeit mit dem Kanton, wie setzt sich die Unterstützung für das Haus zusammen?
Das Vorstadttheater Basel ist subventioniert durch den Kanton Basel-Stadt. Und erwirtschaftet einen weiteren Teil seines Budgets selbst. Der Betrieb nährt sich aber auch von privaten Spenden und wir sind davon abhängig, dass unsere Produktionen zusätzlich gefördert werden. Das ist leider eine Tatsache. Und doch sind wir in der glücklichen Position, dass unser Grundbetrieb gewährleistet ist. Natürlich müssen wir auf die Finanzen schauen, unsere Räume vermieten, weitere Einnahmequellen erschliessen. Doch wir arbeiten nicht permanent auf Messers Schneide.
Wie verändert das die künstlerische Arbeit?
Es ermöglicht eine Art Nachhaltigkeit und Planungssicherheit. Was wohl der grösste Unterschied zum Prekariat der freien Szene ist, von dem wir auch viel spüren, da wir ja für die Hausproduktionen immer wieder mit Menschen aus der Freien Szene zusammenarbeiten und auch für das Gastspielprogramm im laufenden Austausch mit dieser stehen. Wir haben ein stabiles Fundament. Das ist Seelennahrung.
Wie steht es generell um das Theaterschaffen für ein junges Publikum?
Es gibt eine eigene Szene, viele Festivals im deutschsprachigen Raum, einen Verband, Häuser, die sich explizit dem Theater für ein junges Publikum verschrieben haben, die sich verbinden. Leider ist die Szene in sich eher geschlossen. Deshalb finde ich auch wichtig: Man kann durchaus mal ein Stück, eine Produktion für junges Publikum machen – und dann auch wieder für Erwachsene.
Wir machen Theater für alle Generationen!
Das sollte durchlässiger sein. Aus diesem Grund haben wir vor einigen Jahren die Plattform «FR!SCH» gegründet, für neue Gesichter im Theater für ein junges Publikum, die dadurch Aufführungsmöglichkeiten und Zugang zu einem Netzwerk erhalten können.
Eine Haltung, die ihr auch im neuen Zuhause des Vorstadttheaters pflegt?
Aber sicher, im Gemeindehaus Oekolompad, wo wir nun angekommen sind, gibt es viele spannende Institutionen über alle Generationen hinweg. Wie der Quartiertreffpunkt und ein Angebot zum Berufseinstieg von jungen Müttern bis hin zu einer Tagesstätte für Demenzerkrankte. Das ist sehr in unserem Geiste, sehen wir auch unsere Kunst auf der Bühne als generationenübergreifend.
Wir machen «Theater für alle Generationen». Ausserdem sind wir nun am neuen Ort im Gotthelf Quartier noch viel mehr in ein vielfältiges Familienquartier eingebunden. Aber es gibt noch mehr Parallelen zu uns…
Die wären?
Das Vorstadttheater Basel ist nun in einem alten Kirchenraum zuhause. Auch in einem Theatersaal kommen Menschen zusammen und bilden eine temporäre Gemeinde. Da stehen Personen auf der Bühne, die vor dieser Gemeinschaft etwas zu sagen haben.
Obwohl ich am Anfang etwas erschrocken bin, wie opulent der neue Theaterraum im alten Kirchenschiff daherkommt. Im Foyer gibt es hohe Spiegel und eindrucksvolle Leuchten. Aber dann dachte ich: Warum sollen Kinder nicht ebenfalls einen solch prachtvollen, grossen Raum als ihr Theater bekommen?!
Ronja Rinderknecht ist seit 2020 Produktionsleiterin und Dramaturgin am Vorstadttheater Basel und programmiert das Gastspielprogramm.
Nach ihrem Studienabschluss in Politikwissenschaft und Musikwissenschaft an der Universität Zürich absolvierte sie ein Dramaturgie-Studium an der ZHdK. Bis 2020 führte sie den Verband für Kinder- und Jugendtheaterschaffende ASSITEJ Schweiz. Als Cellistin und Sängerin steht sie seit über 10 Jahren auf diversen nationalen und internationalen Bühnen und hat in diversen Studioproduktionen mitgewirkt.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/06/Ronja-front.jpg6131000Seraina Koblerhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgSeraina Kobler2024-06-07 11:52:572024-06-07 12:11:45«Kindertheater? Schlicht und einfach Theater!»
Übergriffe während der Vorstellung, Machtmissbrauch beim Casting, Personenkult – SRF Reporter sticht mit einem Beitrag über die Missstände auf und hinter Opernbühnen eine Eiterblase auf.
Es überrascht niemanden innerhalb der Szene: Missbräuche, Übergriffe, toxisches Arbeitsumfeld, das alles kennt man seit Generationen. Noch immer können einzelne Mächtige sich alles leisten und werden gedeckt. Oft mit dem Hinweis auf das „Genie“ des Täters, das aber meist nur aus gehyptem Status besteht. Und nichts ändert sich. Oder wie in der SRF Reportage zu hören: «Der Verhaltenskodex in den Theatern ist mehrheitlich Alibi», sagt eine preisgekrönte Sopranistin.
Fast jede erfolgreiche Künstlerin hat in ihrer Karriere mehrfach sexistische und verbale Grenzüberschreitungen erlebt. «Mach‘ deinen Job und schweig», hat man Opernsängerin Marion Ammann zu Karrierebeginn geraten. Und Regula Mühlemann, der Star am Schweizer Opernhimmel, sagt: «In der Branche herrscht ein Machtgefälle. Das birgt die Gefahr, dass die Leute auf der unteren Stufe sich nicht wehren.»
Hört sich für viele bekannt an, ob als Beobachter*in oder Betroffene*r. Die Hierarchien sind steil, die Macht in den Händen weniger Branchen-Götter – fast ausschliesslich Männer – und Opfer von Übergriffen oder Bossing können sich nicht wehren, ohne dabei ihre Karriere zu riskieren. Schliesslich sind es oft die Täter, welche über die Macht verfügen, die nächsten Rollen zu besetzen .
Lösungen statt Alibi
Viele Betroffene, die sich mit ihren persönlichen Erfahrungen bei SzeneSchweiz melden, bestehen auf unbedingter Anonymität. In der Szene gilt: „Wer aufmuckt, wird nicht engagiert“. Sie gelten dann in der Branche als „schwierig“ oder „kompliziert“, oder noch schlimmer: „Nicht bereit, für die Kunst Opfer zu bringen.“ Die Häuser legen interne Verhaltensregeln oft lasch aus und schützen nicht selten lieber die berühmten Namen und die mächtigen Aushängeschilder als die Mitglieder der Ensembles. Der Schein ist wichtiger als das Sein. Allfällige Missstände werden intern und in absolutem Stillschweigen gelöst, meist ohne gravierende Folgen für allfällige Täter.
Wie kann man diesen Missständen in den darstellenden Künsten ein Ende setzen? Zuerst braucht es den Willen aller Beteiligten. Und dann braucht es eine unabhängige Meldeinstanz, die Vorfälle untersucht, öffentlich dokumentiert und auch Strafen aussprechen kann. Eine Ombudsstelle, eingerichtet und finanziert von Vertretern der Bühnen, der Produktionsfirmen, der Studios und der Künstler*innen, sollte das Recht haben, angezeigte Fälle unabhängig und gründlich abzuklären und bei jedem Fall einen Abschlussbericht zu veröffentlichen.
Die Macht der Hierarchie muss gebrochen werden, Missstände müssen Konsequenzen haben, müssen schmerzen. Erst, wenn Opfer die gleich langen Spiesse haben, erst wenn Aufarbeitung ausserhalb von Abhängigkeiten und Seilschaften stattfindet, wird sich etwas verbessern. Solange die gleichen Personen für die Aufarbeitung zuständig sind, deren höchstes Ziel die Wahrung des Rufs der Institution ist, werden die Opfer immer wieder unter die Räder kommen.
Nicht „Wer aufmuckt, wird nicht engagiert“, sondern „Wer übergriffig ist, fliegt raus“ muss das Credo sein. Und wir werden bei der Diskussion um eine unabhängige Kontrollinstanz genau erkennen, wer an den bestehenden Machtstrukturen hängt und wer wirklich eine Verbesserung der Situation anstrebt.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/06/missbrauch.jpg10801920Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-06-05 15:45:422024-06-05 17:21:33#Metoo und Macht hinter den Bühnen
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund bezieht Stellung gegen Kulturabbau des Bundes – auf Antrag von SzeneSchweiz und dem Schweizer Musiker*innenverband SMV verabschiedete der SGB einstimmig eine Resolution gegen den geplanten Kahlschlag in der Schweizer Kulturlandschaft.
5.4 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten im Bereich Kultur. In den letzte drei Jahren sind laut einer BFS Studie von 2023 rund 40 000 Kulturschaffende aus dem Beruf ausgestiegen. Das ist ein Fünftel des Schweizer Kulturschaffens. Die Kulturbotschaft des Bundes für 2025 bis 2028 plant trotzdem Kürzungen in allen Bereichen.
Für die Umsetzung sieht der Bund laut Mitteilung vom März 14 Millionen Franken weniger als im Vernehmlassungsentwurf vor. Der Finanzrahmen berücksichtige die kürzlich beschlossenen Kürzungen zur Verhinderung weiterer struktureller Defizite im ordentlichen Haushalt des Bundes, schrieb der Bundesrat zum Entscheid im Frühling.
Aus dem Resolutionstext:
„Die wenigsten Künstler in der Schweiz erreichen den Medianlohn. Im Gegenteil: die Hälfte aller professionellen freischaffenden Künstler/innen erwirtschaftet mit ihren Tätigkeiten ein Jahreseinkommen von 25’000 Franken. Die meisten Freischaffenden müssen ihr Einkommen durch einen Brotjob aufbessern. Das alles kombiniert mit höchst flexiblen Arbeitszeiten, Einkommenslöchern und oftmals erschwerten Arbeitsbedingungen.
2019 zeigte eine Studie auf, dass fast 60 Prozent der Kulturschaffenden weniger als 3’075 Franken pro Monat verdienen (x13). Zahlen vom letzten Jahr sind noch erschütternder: In den Darstellenden Künsten gaben 86 Prozent (Umfrage unter den Mitgliedern von SzeneSchweiz) der professionellen Freischaffenden an, nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben zu können.“
In der Kulturbotschaft des Bundesrates stehen vor allem Sparmassnahmen im Fokus. Wenn der Bund diese umsetzt, ist das nicht nur eine Schwächung auf wirtschaftlicher Ebene, es entzieht unserem Land einen Teil der DNA. Kultur und Kunst sind keine Güter, sie sind Ausdruck lebendiger Gesellschaft, fördern kreativen Austausch zwischen Gesellschaftsgruppen, ja zwischen Nationen und Kulturen. Da Einschnitte zu machen, schadet nicht nur den individuellen Künstler*innen und Instititutionen, es beschädigt die Schweiz als Ganzes.
Hier die Resolution im Volltext:
Kulturelle Vielfalt erhalten – die Attraktivität der Arbeitswelt Kultur sichern
Die Kulturschaffenden der Schweiz sind ein kaum zu fassende Community, die sowohl in der Gruppe, als auch solistisch anzutreffen ist. Und doch darf ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden: 5.4 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten im kulturellen Sektor. Eine Spezies die ihre Arbeit an eigens dazu vorgesehenen Plätzen aber auch irgendwo im Nirgendwo verrichtet. Einzelgänger und Aktivisten, Ensembles und Solisten, Träumende und Realisten, Angestellte und Selbständige.
Wir haben viel zu bieten und wenig zu verlieren. Sollte man meinen! Während der Pandemie haben die Kulturschaffenden besonders zu leiden gehabt und viele von uns konnten Ihre Existenz, gerade als sogenannte freischaffende, temporäre Kulturarbeiter, nicht mehr durch ihre Profession sichern und gaben auf. In nur drei Jahren sind 40’000 und damit knapp 20 Prozent der Beschäftigten des kulturellen Bereiches verschwunden (BFS Studie 2023). Bund, Kantone und Gemeinden wurden sich der oftmals prekären Arbeitsverhältnisse bewusst und in die jetzt vorgelegte Kulturbotschaft 2025-2028 flossen diese Erkenntnisse mit ein. Szene Schweiz, der Berufsverband Darstellende Künste, gab eine Lohnumfrage unter den Verbandsmitgliedern in Auftrag. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die wenigsten Künstler in der Schweiz erreichen den Medianlohn. Im Gegenteil: die Hälfte aller professionellen freischaffenden Künstler/innen erwirtschaftet mit ihren Tätigkeiten ein Jahreseinkommen von 25’000 Franken. Die meisten Freischaffenden müssen ihr Einkommen durch einen Brotjob aufbessern. Das alles kombiniert mit höchst flexiblen Arbeitszeiten, Einkommenslöchern und oftmals erschwerten Arbeitsbedingungen.
2019 zeigte eine Studie auf, dass fast 60 Prozent der Kulturschaffenden weniger als 3’075 Franken pro Monat verdienen (x13). Zahlen vom letzten Jahr sind noch erschütternder: In den Darstellenden Künsten gaben 86 Prozent (Umfrage unter den Mitgliedern von SzeneSchweiz) der professionellen Freischaffenden an, nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben zu können.
Die Entwicklung der vergangenen Dekaden macht deutlich, dass der Schutz der Kulturschaffenden durch Gesamtarbeitsverträge wirksam ist – wenn auch auf niedrigem Niveau. Die GAV gelten aber in der Regel nur für die Festangestellten. Die Freischaffenden haben diesen Schutz nicht. Der SGB setzt sich deshalb zusammen mit seinen Kulturverbänden dafür ein, dass anständige Löhne mit der nationalen Kulturpolitik gefördert und die soziale Absicherung Kulturschaffender verbessert wird. Die Einhaltung ihrer GAV-Löhne, Gagen- und Honorarempfehlungen muss deshalb auch im Rahmen der staatlichen Kulturförderung garantiert sein. Umso problematischer sind deshalb die vom Bundesrat geplanten Kürzungen in der staatlichen Kulturförderung. Denn nur allzu oft verorten Arbeitgeber im Kulturbereich die ersten Sparmöglichkeiten beim künstlerischen Betriebspersonal. Der SGB fordert das Parlament deshalb dazu auf, auf die geplanten Kürzungen zu verzichten.
Wenn der Bund seine Kürzungswünsche wie vorgelegt durchsetzt, gibt er Kantonen und Gemeinden ein fatales Signal. Nach der Pandemie ist die Branche noch weit von Erholung entfernt. Wer jetzt spart, zerstört kulturelle Infrastruktur und Arbeitsplätze. Wer jetzt nicht beherzt unterstützt, schafft die Voraussetzung für prekäre Lebensumstände von Kulturschaffenden in der Schweiz.
Senden wir ein solidarisches Signal an Nationalrat und Ständerat von Kürzungen im Kulturbereich abzusehen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/06/Theater-Oma.jpg6171000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-06-02 09:39:372024-06-07 12:01:02SGB einstimmig gegen Kulturabbau des Bundes
Wie krank muss ich sein, um eine Vorstellung abzusagen? Werde ich dafür verurteilt? Für schwach gehalten? Muss die Show wirklich weitergehen, bis jemand zusammenbricht? Unsere Kolumnistin Steffi Gygax macht sich Gedanken zu Selfcare. Von Stefanie Gygax
Krank sein ist relativ, gesund sein ebenso. Wer bestimmt, ab wann wir krank genug sind, um uns von einer Probe oder Vorstellung abzumelden? Wo hört gesund sein auf und wo beginnt das krank sein?
Als Künstler ist es grundsätzlich nicht erlaubt krank zu sein. Krank sein bringt Schwierigkeiten mit sich, wie Besetzungsnot, Lohnausfall und Angriffsfläche für Kollegen und Arbeitgeber. Ich bin mit dem Grundsatz im Theater aufgewachsen: „The show must go on“ und Kranke gelten als stark, wenn Sie sich trotz Grippe und gebrochenen Rippen durch die Vorstellung kämpfen. Wenn man die 2.Besetzung spielen lässt, so wie es eigentlich gedacht wäre, fangen sogar die weissen Schafe an, sich die Mäuler über den Umstand zu zerreissen. Anstatt es einfach anzunehmen, wie es ist, werden Fragen in den Raum gestellt.
„Meinst du, sie ist wirklich krank? Was hat Sie denn überhaupt?“
Scheinbar ist es dem Menschen in die Wiege gelegt, sich immer und in jeder Situation ein Urteil bilden zu müssen und zu tratschen. Dabei braucht ein kranker Mensch vor allem Mitgefühl, um wieder gesund und fit zu werden. Aber wenn jemand das Bein bricht, dann ist natürlich klar, dass er zu Hause bleiben muss. Von einem Musiker, dem das kürzlich passiert ist, habe ich erfahren, dass sogar ER ein schlechtes Gewissen hatte, die Vorstellungen abzugeben.
Wie oft habe ich schon miterlebt, dass die Märtyrer gelobt werden.
Ich fühle mich oft sehr alleine mit der Entscheidung, ob es mir schlecht genug geht, um abzusagen. Solange ich gut stehen und gehen kann, kämpfe ich mich zur Probe, auch wenn ich die Kollegen anstecke, weil es so erwartet wird. Muss ich erst vor Schwindel umklappen, dass ich weiss, jetzt sollte ich nicht mehr auf die Bühne gehen? Wieso kann mir nicht mal ein Arzt sagen, wo die Grenze ist?
Seitdem ich das erste Mal erlebte, wie meine Stimme und mein Kreislauf während der Arbeit eingeknickt, habe ich riesigen Respekt vor dieser Entscheidung. Ein solches Erlebnis ist traumatisch. Die Stimme und die ganze körperliche Befindlichkeit können sich im Laufe einer Vorstellung drastisch verändern. Wahrscheinlich liegt das an den hohen Mengen von Cortisol und Adrenalin, die man während eines Auftritts ausschüttet.
Wo ist die Grenze?
Wo ist meine Grenze? Ich habe gelernt, dass wir selbst die Grenzen in unserem Leben bestimmen müssen, ohne Rücksicht auf Verlust. Aber im Künstleralltag kann die Grenze am einen Ort zu einem weiteren Engagement führen und die anders gesetzte Grenze schiesst dich ins Out! Eine zweite Besetzung für eine Rolle machen diese Regeln einfacher, aber zu oft kann sich das die Produktion nicht leisten.
Ist es das wert, sich mit Medikamenten vollzustopfen, um weiter arbeiten zu können und die Gefahr einzugehen, dass der Körper irgendwann die Notbremse zieht?
Für mich ist diese Thematik schwierig, weil ich gerne arbeite und negative Reaktionen fürchte, wenn ich nicht über meine Grenzen hinausgehe. Trotzdem glaube ich, in einer Welt, in der klar ist, dass ich bei Krankheit zu Hause bleiben kann, ohne meinen Körper zu zerschleissen oder gar meine Kolleg*innen anzustecken, besser und gesünder für alle wär.
Oft zeigen sich die Auswirkungen der Lebensweise ja erst nach Jahrzehnten. Im Alter zahlen wir den Preis für unsere Lebensweise. Aber auch wenn wir jünger sind, redet der Körper mit uns und gibt immer wieder Zeichen, was nicht gut für uns ist. Unser Bauchgefühl arbeitet ununterbrochen und schickt Informationen an den Verstand. Oft haben wir aber keine Lust uns auszuruhen oder eine Veränderung des Lebensstils herbeizuführen, sodass der Körper immer deutlichere Signale senden muss.
Hör auf deinen Körper oder er wird dich flachlegen
Mich hat mein Körper bisher immer lahmgelegt, wenn ich etwas verändern sollte. Das äussert sich bei mir durch Kreislaufprobleme wie Schwindel, Rauschen in den Ohren und Kribbeln im Körper. Dann fahre ich herunter und schaue, wie ich mich in meinem Alltag erleichtern kann.
Das ist zwar ein miserables Gefühl, aber trotzdem bin ich dankbar, dass ich keine schwerwiegende Krankheit bekomme, sondern ein klares Kommando für Ruhe und Stillstand, um meine Batterien wieder aufzuladen. Wenn ich dem Rat folge, geht es schneller, wenn ich trotzdem immer wieder arbeite, genese ich langsamer. Erstaunlich wozu unser Körper fähig ist.
Viele Künstler, vor allem die Hochsensiblen, kennen diese Zustände und reden nicht darüber, weil sie nicht als schwach gelten wollen und Angst haben, aufgrund dessen nicht mehr engagiert zu werden. Ich finde es wichtig darüber zu reden, denn die Gemeinsamkeit und das Verständnis hilft uns besser damit umzugehen und schneller wieder Gesundheit zu geniessen. Wer seine Leidenschaft ausübt, ist bereit 24/7 zu arbeiten und wird dafür noch gelobt. Dabei sollten wir uns gegenseitig ermutigen, uns Auszeiten der Ruhe zu nehmen, damit unser Körper und unser Geist in Zukunft beste Leistungen bringen können.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/steffi-scaled.jpg11522048Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-05-31 09:10:032024-05-31 09:10:28Krank? The Show must stop.
Wir leben an der Bruchkante zur Zukunft – digitale Personas können Menschen ersetzen, technische Entwicklungen rasen an uns vorbei, um im Übermorgen auf uns zu warten. Corinne Soland taucht in Gefahren und Möglichkeiten.
Von Corinne Soland
Künstliche Intelligenz und Schauspiel. Ja, es löst etwas aus in uns, oder? Zu denken, in einer grösseren Produktion können “sie” uns jetzt einfach jünger oder älter retuschieren (gerade gesehen in der SRF Serie “Mindblow”). Oder ersetzen? Modellieren ist ja seit längerem möglich, doch erst durch die gesteigerte Rechenleistung der letzten paar Jahre sowie der Entwicklung von computerbasierten Modellen können solche Prozesse nun deutlich effizienter gestaltet werden und werden somit in mehr Produktionen eingesetzt. Auch inhaltlich ist das Interesse an Stoffen gestiegen, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen.
Gestern: Scarlett Johansson musste 2024 rechtlich gegen OpenAI vorgehen, um zu verhindern, dass ChatGPT nach ihrer Stimme klingt. Mit dem Film “Her” wurde ein Vorbild geschaffen, das die Schauspielerin nun tatsächlich zu spüren bekommt. Auch die berühmte “Sky” Stimme ist davon betroffen.
Vorvorgestern: 2019 gab es Neuigkeiten über einen Film mit James Dean – beziehungsweise seinem digitalen Double, hergestellt aus bestehendem Filmmaterial und neu zusammengesetzt von einem Algorithmus. Zelda Williams, Tochter des verstorbenen Schauspielers Robin Williams, bezeichnete dies als “puppeteering the dead”, “mit den Toten Puppen spielen”. Bis heute ist der Film nicht erschienen.
Gestern: Ein Chinesisches Gericht hat im April 2024 zu Gunsten einer Synchronsprecherin entschieden, die sich gegen den missbräuchlichen Einsatz ihrer Stimme gewehrt hatte. “Das Gericht stellte fest, dass die Beklagten unerlaubt die Stimme der Klägerin in ihren KI-Text-zu-Sprache- Anwendungen genutzt haben, wodurch die Persönlichkeitsrechte der Klägerin verletzt wurden. Frau Yin forderte, dass die Beklagten sie für ihre wirtschaftlichen Verluste und seelischen Schmerzen entschädigen und sich für die unerlaubte Nutzung ihrer Stimme entschuldigen.
Das Gericht entschied, dass die KI-generierten Stimmen aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Frau Yins Stimme identifizierbar waren und daher ihre Persönlichkeitsrechte verletzten. Weiterhin stellte das Gericht fest, dass die Beklagten nicht die erforderlichen Genehmigungen für die Verwendung ihrer Stimme hatten und ordnete eine Entschädigungszahlung an Frau Yin an. Dieser Fall markiert ein bedeutsames Urteil zum Schutz vor der unbefugten Verwendung von KI zur Nachahmung menschlicher Stimmen. Es zeigt auch die Bedeutung von klaren Regelungen und Genehmigungen bei der Nutzung von KI-Technologien und könnte zukünftige Verhandlungen und Vertragsbeziehungen in der Medien- und Unterhaltungsindustrie beeinflussen.”
Vorgestern: Helena lebt in den USA, arbeitet als Musikerin und Sprecherin und bereut, ihre Stimme für 3000 Franken an Microsoft verkauft zu haben.
Vorvorgestern: Szenen aus dem Film “S1mone” von Andrew Niccol: Ein Produzent (Al Pacino) steht vor dem Problem, dass ihm seine Hauptdarstellerin vom Set gelaufen ist. Er beschliesst kurzerhand, eine virtuelle Schauspielerin zu kreieren und feiert damit grosse Erfolge, kommt aber an seine Grenzen, als Simone (Rachel Roberts) für weitere Filme, Live-Auftritte und Interviews angefragt wird und er die virtuelle Person auch vor seiner Familie geheim halten muss.
Heute: Undenkbar und skandalös war es im Film “S1mone” eine solche virtuelle Person zu kreieren, zu besetzen und als real auszugeben – heute würde ein*e Produzent*in wahrscheinlich gefeiert werden dafür, einen solchen Meilenstein zu erreichen. Wenn wir den Film heute anschauen, bemerken wir aber auch, dass allgemein ein gesellschaftlicher Wandel stattfand: die blonde, weisse Schöne wird künstlich hergestellt, wird zur digitalen Puppe eines männlichen weissen Wahnsinnigen und kümmert sich dann auch noch um dessen Gefühle, als ihm die Sache über den Kopf zu wachsen beginnt. Care Arbeit eines Roboters also. “Taking care of someone”, sich um eine Person kümmern, entweder mit Fürsorge-Arbeit oder/und auf einer emotionalen Ebene – das wäre mal ein Thema, das die gleichen Schlagzeilen verdient hätte wie derzeit die Künstliche Intelligenz!
Morgen: Ich kann ein Modell mit meiner Stimme trainieren, sie für mich sprechen, arbeiten und Geld verdienen lassen und in der gleichen Zeit einen Antrag schreiben für ein Theaterstück, das ich produzieren möchte. Fingers crossed, dass wir gute Richtlinien bekommen und faire Gagen-Ansätze. Es wird konkret, übrigens: Der Verband deutscher Sprecher:innen hat bereits Statements, Ausschlussrichtlinien und rechtliche Abklärungen auf seiner Website publiziert. Die Schweiz rückt nach, diverse Verbände und Dachorganisationen, u.a. Interpret*innen (SIG), SzeneSchweiz, SSFV sind daran, herauszufinden, was für die Schweiz gelten könnte. Auch das AI Toolkit von EQUITY (UK) ist empfehlenswert.
Immer?: Wie viele Millionen werden schon wieder geschätzt…? Nein, stimmt, es sind Milliarden… 434 Milliarden sogar. So viel kostet die Care-Arbeit, die momentan nicht bezahlt wird. Ausserdem: “Zwei Drittel (60%!) der unbezahlten Arbeit werden aktuell von Frauen geleistet. Würden Frauen [Anm.: leider werden sowohl trans- wie auch nichtbinäre Personen statistisch nicht erfasst] ihre unbezahlte Arbeit nur um 10 Prozent kürzen, hätte das dieselbe Auswirkung auf das Bruttoinlandsprodukt wie die Schliessung sämtlicher Einrichtungen des bezahlten Gesundheits- und Sozialwesens. Eine gewisse Umverteilung der unbezahlten Arbeit findet zwar statt, jedoch nicht von Frau zu Mann, sondern von Frau zu Frau: Immer öfter übernehmen Migrantinnen Haus-, Pflege- und Betreuungsarbeiten.”
Heute: Noch ist Maschinelle Intelligenz nicht so weit, dass sie Spielende komplett und in allen Einstellungen simulieren können. Besonders spezielle Kamera-Winkel machen der Bildgenerierung Mühe und natürlich auch der adäquate menschliche (emotionale?) Ausdruck. Noch werden wir als Spieler*innen also nicht ersetzt und dürfen unseren Beruf ausüben UND Care-Arbeit übernehmen. YAY. Jackpot.
Übermorgen: Was wir tun können, scheint mir folgendes: Laut bleiben, dass wir spielen möchten. An uns und unserem Instrument weiterforschen und neue Wege finden, Menschlichkeit darzustellen. Ein wenig darüber nachdenken, was denn Menschlichkeit für uns bedeutet – und wer es sich aktuell denn überhaupt leisten kann, Menschlichkeit zu zeigen – oder Schauspieler*in zu sein. “Taking care of each other”, als Spielende, als Menschen, die in dieser Branche unterwegs sind. Und dann ganz laut für menschliche Schauspielende einstehen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.
Ach ja und:
Überübermorgen: Lea Whitchers neuem Projekt folgen, in welchem sie eine utopische Parallelwelt entwirft, in der zwar auch KI Platz hat, die aber komplett auf Care Arbeit basiert. Es ist ein künstlerisches Rechercheprojekt an der Schnittstelle zwischen Literatur, Aktivismus und Theater. Ich empfehle diese Simulation allen, sie ist krasser als jedes computergenerierte Bild. Weil sie in unserem Kopf und unserem Herzen entsteht aus unserer Fantasie, genährt von Leas Texten, unserem Hässigsein und befeuert durch unseren Willen, Mut und unserer Lust, diesen Beruf “careful” ausüben zu können. Alle Infos unter #carecity _stories*, das findet euer Google Algorithmus bestimmt für euch.
Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/05/RObo.jpg6261000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-05-27 09:25:152024-05-27 09:27:32Schöne, neue Welt
Marco Goecke schaffte es mit seiner Hundekot-Attacke zu internationaler Berühmtheit – jetzt geht er als Tanzdirektor ans Theater Basel und zeigt Reue.
„Ausnahme-Talent“ ist ein Begriff, den viele benutzen, wenn sie über Marco Goecke sprechen. Und dieses Talent bringt der 52-jährige Choreograf jetzt ab Sommer 2025 als neuer künstlerischer Leiter des Balletts ans Theater Basel. Die Misstöne während seiner Zeit als Ballettdirektor an der Staatsoper Hannover, die seine Attacke mit Hundekot auf eine Kritikerin ausgelöst hat, sind inzwischen vergeben. Entschuldigungen wurden ausgetauscht, der Rechtsfall ist abgeschlossen.
Leben zusammengebrochen
Das Engagement in Basel beschreibt Marco Goecke gegenüber SRF als eine Art Neuanfang, als grosses Geschenk. Er selbst sei dankbar für das Vertrauen, das ihm von so vielen Leuten entgegengebracht wurde. «Ich freue mich auf die Zukunft und ein neues Zuhause mit dem Ballett Basel.»
Er habe sich mittlerweile vom Eklat nach der Hundekot-Attacke erholt, so Goecke. Er hoffe, dass das auch auf alle zutrifft, die er verletzt habe. Zum Weitermachen bewegt habe ihn der Zuspruch, auch von Menschen, die von der Aktion in Hannover schockiert oder verstört waren.
Neuanfang mit alten und neuen Werken
Goecke ersetzt Adolphe Binder, die das Ballett seit 2023 leitet. «Die Verpflichtung von Marco Goecke ist ein Glücksgriff für das Theater Basel, die Stadt, die Region und die Schweiz insgesamt», sagte Intendant Benedikt von Peter gegenüber SRF. Goecke plant Werke aus den letzten 25 Jahren zu zeigen, aber auch neue Stücke zu machen – wichtig sei ihm, wieder mehr junge Menschen für Ballett zu begeistern.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/05/Goecke.jpg6821024Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-05-23 11:57:082024-05-23 11:57:08Goecke geht nach Basel
Mehrere Zürcher Kulturinstitutionen stehen finanziell am Abgrund, wie eine Tagesanzeiger-Recherche zeigt. Es ist Zeit für mehr Subventionen.
Dem Kunsthaus geht das Geld aus, ebenso schwierig ist die Lage für Schauspielhaus und Pfauen. Auch die Tonhalle musste in der letzten Spielzeit Verluste verbuchen, mehr als selbst in der Pandemie-Saison 21/22.
170 Millionen Franken sind nicht einmal 2 Prozent des gesamten städtischen Aufwandes
„Ohne Subventionen kann kaum eine Zürcher Kultureinrichtungen überleben. Selbst der Zoo, die am meisten besuchte Freizeit- und Bildungsinstitution der Schweiz, bekommt jährlich fast 7 Millionen Franken von Stadt und Kanton Zürich, was rund 10 Prozent der Einnahmen im Zoo Zürich entspricht.
Total gibt die Stadt Zürich jedes Jahr fast 170 Millionen Franken für Kultur aus, Tendenz steigend. Allerdings ist dieses Kostenwachstum nicht überdurchschnittlich in Zürich, und 170 Millionen Franken sind nicht einmal 2 Prozent des gesamten städtischen Aufwandes.“
FDP und SVP gegen Kultur
Der Zürcher Gemeinderat hat im April das Kulturleitbild 2024 bis 2027 gutgeheissen (74 Ja, 35 Nein, 8 Enthaltungen). Ein Leitbild, das die Kulturstadt sozial, ökologisch und wirtschaftlich weiterbringen soll.
Die SVP, die das Leitbild gemeinsam mit der FDP ablehnte, sah das etwas anders. Gemeinderat Stefan Urech sprach im Tagesanzeiger von einem «Leidbild», von einem «öden, linken Einheitsbrei» in der Kulturlandschaft, die nur «politisch belehren möchte». Das Publikum bleibe am Rand liegen, sagte er. «Es geht um Klima und Nachhaltigkeit – ausser bei den Finanzen.»
Die Aussage ist lächerlich, wenn man bedenkt, dass das Opernhaus, nicht gerade bekannt für linksaktivistische Kultur, vom Kanton über 88 Millionen jährlich bekommt. Sogar der Zoo, auch keine Che-Guevarra-Brutstätte, erhält Geld aus den Subventionstöpfen. Es sieht eher so aus, als ob die rechten und bürgerlichen Parteien Geld nach Gesinnung verteilen wollten: Subventionen bekommt, wer ihren (politischen) Geschmack trifft.
Es braucht mehr!
Realität ist, dass viele Zürcher Kulturinstitutionen, allen voran die Theater, ihren Ensembles zum Teil prekäre Löhne zahlen. Der GAV deckt nur die Einstiegslöhne ab, was für Hochschulabgänger knapp ausreichend ist, aber niemals für die Gründung einer Familie reicht. Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz: „Diese Häuser brauchen Subventionen, um endlich anständige Gagen zu zahlen. Auch wenn in der internen Verteilung durchaus Verschiebungen möglich sein sollten: Von überrissenen Regie-Vorstellungen hin zur monetären Wertschätzung der Künstler*innen.“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/05/pfauen-Front.jpg6671600Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-05-23 09:44:092024-05-23 09:44:09Zürcher Kultur geht Pleite
Unsere neue Kolumnistin Rebekka Burckhardt blickt zum Einstand ihrem jüngeren Bühnen-Ich ins Auge und würde heute vorallem eine Sache anders machen …
Seit einem Jahr bin ich arbeitsbedingt immer mal wieder in Berlin – ein schönes Privileg. Grosse Stadt, große Bühne, grosse Sache! Es gibt mir, nebst der erfüllenden Arbeit, die Möglichkeit, meine alten Freunde zu sehen. So auch einen sehr alten Freund – er wurde kürzlich stolze 90 Jahre alt. Er war Intendant und hatte mich vor fast 31 Jahren an sein Theater engagiert. Er war mein erster Chef.
Von der staatlichen Schauspielschule direkt an ein deutsches Stadttheater, mit allem Drum und Dran – Träumchen. Ich durfte schöne Rollen spielen, Hauptrollen und Nebenrollen, durch alle Genres hindurch, von den Klassikern über Uraufführungen – ein wirklich schönes Debüt.
An diesem Theater gab es viele ältere bis alte Bühnenmenschen. Sie waren damals alle mindestens so alt wie ich heute bin: Mitte 50.
Alles, was ein Leben generell und ein langes Theaterleben sowieso aus einem Menschen machen kann, war dort vertreten: Die kluge, aber einsame und von den Enttäuschungen zynisch gewordene hagere Lady. Die nervöse, von den Demütigungen des Berufes fahrig und hektisch gewordene Dame. Der mit bemüht herzlichem Lachen und viel Leibesfülle seinen tiefen Jähzorn überspielende Gemütsmensch.
Der schnauzbärtige Seemannstyp, eigentlich ein Laie, der jede Nebenrolle freudig spielte. Der kleine, schweigsame und niemals lächelnde bittere Mann, vor dem wir alle etwas Angst hatten. Der leutselig anzügliche und etwas undurchsichtige Papamoll, der, längstens probenmüde geworden, fast wöchentlich eine schlimme Kieferentzündung mit Zahnnotfall inszenierte um den Proben fernbleiben zu können – man liess ihn gewähren, den Publikumsliebling.
Der bei allen hochgeschätzte und immer mit viel Klasse aufspielende Grandseigneur. Er ging nach den Vorstellungen mit uns Jungen in die Kneipe und riet uns nachdrücklich zu einem guten, soliden Privatleben, was wir brav zu befolgen gedachten – einfach später mal.
Der brillante und zerrissene Charakterdarsteller mit DDR-Traumata, von dem wir nie wussten, wann er sich ins nächste und irgendwann letzte Koma saufen würde.
Der stoische Methusalem, seit einem halben Jahrhundert am Haus, der mit fast 80 bei Christoph Marthaler eine späte Alterskarriere machte.
Sie alle waren Teil des Ensembles, zu dem ich als junge Schauspielerin gehören durfte. Ich beobachtete meine Kolleg:innen mit der für junge Anfänger:innen so typischen Mischung aus Bewunderung, Befremden und dem der Unerfahrenheit einer Anfängerin geschuldeten
Unverständnis.
Wie kann man nur so lasch spielen?
Wie kann man nur so pedantisch auf pünktliches Probenende bestehen?
Wie kann man nur so verklemmt auf körperliche Berührung im Probenprozess reagieren?
Wie kann man nur die Impulse der Regie abblocken und sabotieren?
Wie kann man nur immer und immer wieder dieselben alten Kamellen und Anekdoten erzählen?
Heute bin ich selber eine alternde Schauspielerin, mit einem gelebten Leben voller Höhen und Tiefen, vielen beruflichen Niederlagen, Rückschlägen, Aufrappelungen und einigen Erfolgen, die von jüngeren Theatermenschen angesehen und beurteilt wird.
Ich halte auch immer mal wieder aus mancherlei Erfahrung mein Visier geschlossen und bemühe mich – und es fühlt sich meistens mies an – bewaffnet zu sein bis unter die knirschenden Zähne, wenn es die Situation erfordert. Eben, was halt das Leben und das Theaterleben aus uns Menschen so machen kann. Wenn ich die Gelegenheit habe mit viel jüngeren Menschen auf der Bühne zu stehen oder ihren Regieideen zu folgen, denke ich an meine Kolleg:innen von damals zurück. Viele dieser Menschen sind nicht mehr am Leben.
Sie hatten alle ein Privatleben, vielleicht Kinder, Sorgen, Wünsche, Pläne. Ich hatte dermassen viele Fragen an mich selbst und an meinen frisch erlernten und mir noch so unverständlichen Traumberuf, dass ich diesen erfahrenen Menschen, meinen Mitspieler:innen, wiederum keine Fragen – und wenn, dann sowieso nicht die richtigen – stellte. Ich hatte meine jugendliche Meinung, oh ja. Ich hatte meinen besserwisserischen Hochschulabgängerinnenblick. Aber Fragen stellte ich – und das ist so schade – zu selten. Das bedaure ich gelegentlich, und daran musste ich denken, als ich meinem alten Freund und ehemaligen Intendanten zu seinem grossen Geburtstag gratulierte.
Ich blicke zurück in diese Zeit und sehe mich auf Theaterproben. Sehe mich – jung und verspielt, unter Druck und voller Versagensängste, idealistisch und bedenkenlos – mein ganzes Sein in dieses Theaterleben werfen. Ich erinnere mich an meine Einsamkeit und Überforderung. Sie waren da, die Alten, direkt neben mir, mit ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und ihrer (davon gehe ich jetzt einfach mal aus) Hilfsbereitschaft, die ich nicht sehen konnte, weil ich mir bereits ein Bild gemacht hatte von ihnen.
Wahrscheinlich hätte ich sie nur fragen brauchen:
Was ist Dir widerfahren? Bringst Du mir bitte etwas bei von dem, was Du kannst?
Wie lebst Du mit den harten Bedingungen des Berufs? Gehen wir spazieren?
Rebekka Burckhardt arbeitet als Schauspielerin für Film & Fernsehen, in freien Theaterproduktionen und an Stadttheatern unter anderem in Berlin und Hamburg, als Regisseurin für Laiengruppen, Sprecherin für Hörbücher, Lesungen, Moderatorin und als Coach für Auftrittskompetenz. Seit der Spielzeit 2023/2024 steht sie an der Komischen Oper Berlin in „La Cage aux Folles“ als Marie Dindon auf der Bühne. Mit ihrem Solo «Tumulte Blonde – ein fast klassischer Diseusenabend» tritt sie seit ein paar Jahren in Zürich auf.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/05/rebekka.jpg10001500Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-05-17 09:33:262024-05-24 13:45:19Ü50 auf der Bühne – Erfahrung und Verständnis
Liebe SzeneSchweiz Mitglieder der Regionalgruppe Ostschweiz and beyond
Die Regio-Ostschweiz lädt ein zur jährlichen Mitgliederversammlung am 21.Mai.2024 ins Theater Trouvaille (Mühlensteg 3, 9000 St. Gallen). Beginn 18:00, Dauer…so lang wie es braucht.
Als Gast begrüssen wir Ann Katrin Cooper von der igKultur Ost. Sie ist seit vielen Jahren aktive Kulturvernetzerin in der Region und kennt das Wohl und Wehe der Freischaffenden im wilden Osten.
Themen: Situation und Perspektiven der Freischaffenden im Osten, Kulturbotschaft und Wirkung bei uns, neue Austauschplattform FORUMSZENESCHWEIZ.
Letztlich werden auch die Obperson und die Delegierten zur DV am 08. Juni gewählt.
Liebe Ostschweizer Darsteller*innen: kommt zahlreich, denn wir müssen reden: Bitte bringt auch Nichtmitglieder aus der Szene mit, damit wir uns breiter aufstellen. Der Verband will mehr und genauer über eure Lebens- und Arbeitsbedingungen wissen um sich konkreter für euch einsetzen zu können.
Also Hopp de Bese und ab zur Versammlung . Gemeinsam sind wir viele .
Das Kunsthaus wildert in den Darstellenden Künsten – und bietet in einem Open Call prekäre Löhne für die Teilnahme an einer Aufführung. So geht das nicht, liebes Kunsthaus.
Vielleicht liegt es daran, dass die Künstler*innen, mit denen das Kunsthaus normalerweise zu tun hat, meist schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten tot sind und weder Miete bezahlen noch Essen einkaufen müssen. Nur so ist es zu verstehen, dass die Verantwortlichen zurzeit einen Open Call an darstellende Künstler*innen ausgeschrieben haben, der einen Stundenlohn von ganzen 28 Franken anbietet. Die Gesuchten sollen in Performance-Aufführungen an Marina Abramović‘ Retrospektive auftreten.
Wenn Branchenfremde sich in die darstellenden Künste wagen, kann es geschehen, dass die Mindestanforderungen nicht eingehalten werden. Wenn zum Beispiel das Gemeindefest in Hinterzupfighofen den Willhelm Tell aufführt, wird niemand reklamieren, wenn die Mindestgagen der Darsteller*innen nicht eingehalten werden. Plant man aber als eine der führenden Kulturinstitutionen der Schweiz eine Aufführung, dürfte man erwarten, dass die Verantwortlichen zumindest schnell die Rahmenbedingungen googeln – oder sich an einen der zuständigen Verbände wenden, um sich vorab zu informieren.
Es geht nicht, dass das grosse Kunsthaus – mit seiner immensen staatlichen Finanzierung – Menschen zu prekären Löhnen anstellt. 28 Franken Stundenlohn wären sogar sehr knapp bemessen, wenn die Personen einen langfristigen Arbeitsvertrag bekämen (auch das entspräche in etwa einem Monatslohn von nur 4500 Franken in Zürich!), aber sicher nicht für kurze Einsätze, die quer durch den Alltag brechen.
Der Verband t. Theatherschaffende hat sich, gemeinsam mit dem Performance-Verband PANCH, mit dem Kunsthaus zusammengesetzt, um die Sache zu klären. Wir hoffen, dass dies zu einem guten Abschluss führt. Für die Performance ist übrigens auch „Nacktheit“ der Darstellenden erforderlich – so kann das Kunsthaus wenigstens bei den Kostümen sparen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/05/Kunsthaus-Zuerich-II-1.jpg11291701Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-05-09 09:45:332024-05-09 12:42:04Prekäre Löhne – Kunsthaus tritt ins Fettnäpfchen
Die staatliche Unterstützung für Kultur kommt in allen Bereichen politisch unter Druck – egal ob auf Bundesebene, in den Kantonen oder in den Städten. Zeit, als Kulturschaffende zusammenzustehen.
Die darstellenden Künstler*innen stehen am Ende der Nahrungskette, wenn es um die Verteilung oder den Erhalt von Fördergeldern oder Subventionen geht. Auf der einen Seite müssen sie sich gemeinsam mit den Theaterhäusern und Kultureinrichtungen für den Erhalt finanzieller Mittel von öffentlicher Seite einsetzen, auf der anderen Seite haben sie keine Stimme, wenn es um die Verteilung der erhaltenen Gelder geht.
Niemand fragt das Ensemble, wie denn die Summe aufgeteilt werden soll, die man im gemeinsamen Effort von den staatlichen Stellen erhalten hat. Wehren sich die Künstler*innen für bessere Löhne – sprich für ein Leben, das sich nicht im Prekariat oder an der Armutsgrenze abspielt – gelten sie als Spielverderber, die sogar „die Subventionen gefährden“. Man ist abhängig von den Institutionen und Häusern, mit denen man sich gemeinsam um Unterstützung bemüht, steht aber machtlos da, wenn es darum geht, die Gelder zu verteilen.
Und das ist nicht das Einzige: Durch den harten Arbeitsmarkt stehen die darstellenden Künstler*innen zusätzlich in gegenseitiger Konkurrenz. Wehrt sich jemand für eine anständige Gage, kann das den Job kosten. Es sind ja genug andere da, die nur darauf warten und froh sind, wenn sie überhaupt ein Engagement ergattern können. Das führt zu einem Klima der Angst und der Missgunst unter den Künstler*innen, was einen gemeinsamen Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen unmöglich macht. Es ist Zeit, das die Künstler*innen auf Augenhöhe mitreden, wenn es um den Einsatz von Mitteln geht, die sie (und ihre Verbände) mit erstritten haben. Nur dann kann man sich gemeinsam gegen einen Kulturabbau in der Schweiz einsetzen.
Teile und herrsche
Was im Kleinen zwischen den Leuten passiert, spiegelt sich auch im Grossen zwischen den Bühnen: Sie stehen am Ende auch wieder in Konkurrenz zueinander. Als Beispiel die neue Förderregelung der Stadt Zürich, die gerade zwei kleine Theater in den Ruin treibt: „Es reicht halt nicht für alle, egal, wie lange die schon bestehen“. Alle paar Jahre ist man gezwungen, sich (wieder) um einen Platz am Trog zu bewerben. Kriegt man den nicht, kann es das Ende einer jahrelang aufgebauten und erfolgreichen Bühne führen. Oft bekommen die ganz grossen, etablierten Häuser das grosse Stück vom Kuchen, während die Kleineren sich den Rest teilen müssen. Einige politische Kräfte wollen Kultur nach Marktgesetzen finanziert sehen, in denen nur der Stärkste überlebt. Das zerstört die kulturelle Landschaft der Schweiz.
Aber auch da ist es noch nicht zu Ende: Selbst die verschiedenen Bereiche der Kultur stehen im Wettstreit: Musik gegen Film, Theater gegen Tanz, bildende Kunst gegen Literatur, alle gegen alle. Sogar zwischen den Verbänden herrscht manchmal eine Konkurrenz, da jeder Verband die Interessen seiner Klientel nicht nur gegen aussen durchsetzen muss, sondern auch mit den anderen Verbänden um Ressourcen und Einfluss ringt.
Zeit, gemeinsam zu handeln
Es ist Zeit, dass dies ein Ende hat. Die Sparmassnahmen beim Bund, aber auch bei den Kantonen und Städten, bedrohen die gesamte Kulturlandschaft. Es ist Zeit, dass Kulturschaffende auf allen Ebenen zusammenstehen und sich für eine Vielfalt und eine ausreichende Finanzierung von Kunst in jeder Form einsetzen. Schluss mit Gärtchendenken, Schluss mit Grabenkämpfen, Schluss mit Neid. Alle müssen an einem Strick ziehen.
Die Häuser müssen ihre Ensembles anständig entlöhnen, die Verbände eine gemeinsame Stimme finden, die Kulturbereiche ihren Einfluss zusammenlegen. Wir sollten uns nicht mehr gegeneinander ausspielen lassen, weder als Personen, noch als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nicht als Verbände und schon gar nicht als Kunstformen. Nur gemeinsam schaffen wir eine Schweiz, in der Kultur in jeder Form das Leben bereichert.
Dazu brauchen wir euch, die Künstler*innen, die Intendant*innen, die Museumsdirektor*innen, die Filmproduzent*innen und die Vertreter*innen der Verbände. Es fängt im Kleinen an, aber es kann grosse Wirkung zeigen. Unterstützt euch gegenseitig, setzt euch in den Verbänden ein, zeigt Mitgefühl und Verständnis für andere. Dann wird das was.
(PS: Und bezahlt bitte eure Beiträge, die Rechnungen sind in eurem Email. Sie kommen nicht mehr per Post. Ohne Geld haben wir keine Chance. :) )
SzeneSchweiz hat diese Woche bei der Erhöhung der Mindestgagen für Berufseinsteiger*innen mit dem Schweizerischen Bühnenverband einen weiteren Erfolg erzielt. 9 von 10 Häusern erhöhten nach zähen Verhandlungen ihre Ansätze für die Saison 24/25.
Die Erhöhung der Einstiegsgagen gelten für Freie wie auch für Festangestellte bei Einstellung. Laut SBV sei bei allen 9 betroffenen Bühnen der Teuerungsausgleich damit erreicht und es bleibe am Ende sogar noch etwas übrig.
So sehr sich SzeneSchweiz über diesen Erfolg freut, bedauert der Verband, dass nicht alle 10 Bühnen sich zu einer Erhöhung, und sei es nur ein Zeichen des Goodwills, überwinden konnten. Beim Haus, das sich nicht zu einer minimalen Erhöhung der Mindestgage durchringen konnte, handelt es sich um das Theater am Neumarkt. Dass es gerade eine Bühne ist, die sich soziale Anliegen und Inklusion auf die Fahne geschrieben hat, ist für SzeneSchweiz unverständlich.
„Gerade in Zürich, der Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten im ganzen Land, ist es unverständlich. Es ist uns bewusst, dass die Zeiten hart sind und die Subventionen nicht sprudeln. Aber innerhalb der Budget-Aufteilung gäbe es sicher Spielraum, um den Schwächsten im Ensemble wenigstens 50 Franken mehr zu geben“, meint Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz. Es gehe doch nicht, dass ein sozial engagiertes Theaterhaus Gagen zahle, die Mitarbeiter*innen ins Prekariat schickten.
Neumarkt: Keine Lust auf Fragen
Diese Redaktion wollte der Intendanz des Theaters am Neumarkt einige Fragen zum Entscheid stellen, aber die drei Intendantinnen fanden dazu keine Zeit. Stattdessen erhielten wir eine vorgefertigte Antwort der Pressestelle, die besagt, das Neumarkt hätte bereits letztes Jahr etwas gemacht und sicher würde die neue Intendanz in der Saison 25/26 sich wieder des Themas annehmen. Die Mindestgage beim Theater am Neumarkt beträgt für Neueinsteiger 4300 Franken. In einer der teuersten Städte der Welt kann man damit nicht unbelastet leben, eine Familiengründung kann man sich schon gar nicht leisten.
Doch was wären unsere Fragen gewesen? Uns hätte zum Beispiel die Budget-Aufteilung interessiert, die es dem Theater ermöglicht, gleichzeitig drei Intendantinnen zu beschäftigen, aber sperrt, wenn es um die Erhöhung der Mindestgagen geht. Die Kosten für 50 Franken Erhöhung für alle Einsteiger*innen hätte in der Jahresrechnung nicht mehr als ein paar Tausend Franken ausgemacht, wäre jedoch ein Zeichen von Goodwill gewesen.
Dazu hätte uns die Lohnschere innerhalb des Hauses interessiert. Wer bekommt wie viel und aus welchem Grund? Wir erhielten nicht nur keine Antworten, es war uns nicht einmal möglich, die Fragen zu stellen. Dies hinterlässt bei uns einen schalen Geschmack. Offenbar ist soziales Engagement in der Kultur nur dann wichtig, wenn es nichts kostet oder bestehende Strukturen nicht infrage stellt.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/05/Neumarkt-front.jpg6001000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-05-02 09:21:022024-05-02 10:39:08Höhere Mindestgagen – nur das Theater am Neumarkt sperrt sich
Diesen Monat führte SzeneSchweiz einen Social-Media-Workshop durch. Kursleiter Réda El Arbi fasst für die Mitglieder die wichtigsten Learnings zusammen.
Gerade in den Darstellenden Künsten bieten sich Social-Media-Plattformen als persönlicher Kanal an, sowohl, um sich zu präsentieren, wie auch, um eine Verbindung zur eigenen Community zu pflegen-
Aber warum genau sollen wir auf SoMe präsent sein?
Social Media gibt dir Sichtbarkeit. Indem wir sowohl für Publikum als auch für Casting-Agenturen, Regisseur*innen und Produzent*innen sichtbar sind, in immer neuen Facetten, bleiben wir frisch im Gedächtnis. Bei vielen Produktionen in Film und Theater, gerade in der Schweiz, haben die Verantwortlichen bereits ein Gesicht oder einen Typ im Kopf, schon bevor das Casting beginnt. Und man taucht da nur auf, wenn man sich um Sichtbarkeit bemüht. Die üblichen Showreels auf den Castingseiten sind zwar notwendig, zeigen aber oft nicht das ganze Spectrum der eigenen Arbeit und der eigenen Person.
Dazu kommt die Themenhoheit: Wenn man dich googelt, sind die Social Media-Profile, wenn sie gut gepflegt werden, meist unter den ersten Treffern. So hast du die Kontrolle darüber, wie man dich im Netz wahrnimmt.
Welche Plattformen soll ich nutzen?
In der Schweiz ist sicher Instagram die Hauptplattform. Im Gegensatz zu Tiktok funktioniert der Algorithmus stärker lokal, man sieht also die Accounts, die auch geografisch nahe liegen. Dazu kommt „Creator before Content“, was soviel bedeutet, dass Inhalte von einem Account, den du magst, mehr Gewicht haben als Themen oder Hashtags. Die werden zwar auch gewichtet, verdrängen aber nicht die Accounts, denen du folgst. Zudem werden mit Storys und Reels Formate möglich, die in den Darstellenden Künsten sehr gut genutzt werden können.
Facebook ist hier noch immer die Plattform mit den meisten Accounts. Inzwischen sind aber viele ungenutzt und verwaisen. Trotzdem macht es für einige Sinn, auch hier einen Auftritt zu pflegen. Gerade für kleinere Häuser oder Produktionen ist es hier möglich, Gruppen, Seiten und Events zu gestalten, die mit gezieltem Targeting beworben werden können. Diese Inhalte werden dann auch auf Insta verbreitet.
Ebenfalls sehr wichtig ist Linkedin, gerade für Schauspieler*innen, die auch Sprecher*innen- und Moderationsaufträge übernehmen. Auf Linkedin sind die Marketing-, Werbe und Corporate-Production-Leute unterwegs. Sichtbarkeit auf dieser Plattform kann effektiv Geld bringen. Die Moderation einer Aktionärsversammlung ist meist besser bezahlt als jeder Drehtag. Dazu muss man diese Plattform nicht aufwändig pflegen und kann sie gleichzeitig als leicht zugängliche CV nutzen.
Aber das interessiert doch niemanden, das ist doch nicht gut genug!
Das Wichtigste: Poste nur, was echt ist. Zwinge dich nicht zu Contenterstellung. Erstaunlicherweise haben viele Darstellende Künstler*innen gewisse Hemmungen, sich auf Social Media zu präsentieren. Oft, weil die Inhalte, vor allem Bild und Video, in ihren Augen nicht den professionellen Standards entsprechen.
Wichtig: Auf SoMe funktionieren unperfekte Einblicke weit besser als professionell produzierte. Schwächen machen liebenswert. Niemand will ein perfektes Leben sehen. Gerade in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum sind echte, authentische, fehlerbehaftete Auftritte weit stärker als sauber geleckte, von Agenturen produzierte. Also: Sei keine Diva, zeig dich mit Unzulänglichkeiten, Ecken und Kantern. So, wie deine Freund*innen dich kennen.
Aber ich will mich nicht dauernd in den Mittelpunkt stellen!
Es geht nicht darum, dich in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht darum, deine Leidenschaft zu zeigen. Nicht „Schaut mich an!“ sondern „Schaut durch meine Augen!“. Natürlich zeigt man sich auch, aber nicht, weil man Aufmerksamkeit will, sondern weil man sich für seine Arbeit, seine Interessen begeistert. Behind the Scenes-Videos, Erschöpfung nach den Proben oder dem Dreh, Dinge, die nicht beim ersten Mal gelingen – das sind Inhalte, die die Menschen berühren. Und zeigt nicht nur euren Berufsalltag. Social Media ist in erster Linie „Social“, nicht „Business“. Von unperfekten Menschen für unperfekte Menschen.
Was soll ich denn erzählen?
Grundsätzlich kann man für Reels in „Topic“ und „Story“ einteilen. Entweder, du hast ein Thema, über das du sprechen willst, etwas das dir am Herzen liegt, menschlich, gesellschaftlich, politisch oder beruflich. Dann sprichst du darüber direkt in die Kamera. Oder du hast etwas erlebt. Dann erzählst du diese Geschichte möglichst klar und mit Pointe.
Für Storys eignen sich kurze, spontane Aufnahmen aus dem Alltag. Zum Beispiel ein Feierabendbier mit Kolleg*innen, oder eine kurze Aufnahme von der Bühne ins Publikum. Auch hier: Wir präsentieren nicht uns, wir zeigen unsere Leidenschaft für das, was wir tun. Wir geben immer Credits an die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten.
Tools
So, das wären ein paar Tipps gewesen. Wer nun wirklich loslegen will, hat hier noch ein paar Tools, mit denen ich selbst gerne arbeite:
Canva: Eine App, die sowohl auf dem Handy als auch auf dem Desktop funktioniert und auch in der Gratisversion viele coole Anwendungen, von animiertem Text bis hin zum Filmschnitt ganz einfach umsetzbar macht. Sie liefert alle Formate, von Youtube-Videos über Reels bis hin zur Fotobearbeitung. – > hier zu Canva
Pxlr: Wer keine teuren Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop kaufen will, kann mit dem Pxlr-Editor seine Bilder gleich online bearbeiten. Die Anwendungsmöglichkeiten für Laien stehen denen von Photoshop in nichts nach, nur ist die Bedienung um Welten einfacher und intuitiver. Zudem verfügt dieser Editor auch über KI-Unterstützung, wenn man darauf zurückgreifen will. -> hier zu pxlr
Nightcafe: Wer ein wenig mit KI-Bildgenerierung herumspielen will, dem empfehle ich Nightcafe. Selbst in der Gratisversion hat man genug Credits, um interessante und witzige Ergebnisse zu erzielen. Das Spielen damit macht Spass und die Ergebnisse lassen sich gut in Social Media integrieren. Und wer Angst vor KI hat: Nicht die künstliche Intelligenz wird dir deinen Job wegnehmen, sondern jemand, der mit künstlicher Intelligenz umgehen kann. -> hier zu nightcafe
Also, in diesem Sinne: Verlasst eure Comfy Zone und geht raus ins Netz. Habt Spass!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/04/SoMe.jpg6771000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-04-26 08:47:322024-04-26 08:50:52Instagram: «Perfektion ist sogar schädlich!“
Die Faszination für die exakte Darstellung menschlicher (und tierischer) Bewegung in 3D existiert nicht erst seit die digitale Erfassung möglich ist. Corinne Soland taucht in die Geschichte der dreidimensionalen Bilderfassung.
Von Corinne Soland
Ach, was sind wir Menschen doch mit uns selbst beschäftigt! Wir können virtuell alles entwerfen, was möglich und denkbar wäre – aber wir bauen uns selbst nach. Zugegeben, wir sind schon interessante Wesen. Werden wir uns jemals ganz verstehen? Vielleicht. Vielleicht nicht. Mit der Konstruktion von 3D-Avataren nähern wir uns vielleicht von einer neuen Seite dem (Selbst-)Verständnis an.
Das alle begann schon vor sehr langer Zeit: 1624 zeichnete Giovanni Battista Bracelli seine «Bizzarie di Varie Figure». Aus heutiger Perspektive sieht es aus wie eine Aneinanderreihung von Figuren, die auch einer 3D-Datenbank entstammen könnten.
Mixamo ist so eine Datenbank. Wenn ihr auf www.mixamo.com geht, könnt ihr diverse Figuren ansehen und auch herunterladen als Datei. Was es in dieser Datenbank auch hat, sind Bewegungen. Auch diese können angeschaut werden – mit einem der ausgewählten 3D-Körper – und dann heruntergeladen werden. Wenn ihr euch auskennt in einem Programm, das animieren kann (z.B. Unity oder Unreal), könnt ihr diese Bewegungen als kleine Pakete in die Software importieren und damit eure selber kreierte Figur animieren.
Manchmal jedoch braucht es Animationen, die schwer zu bekommen sind oder die es noch nicht gibt. Heute schauen wir uns Beispiele an, die die menschliche Bewegungserfassung verlassen, doch die Parallelen werden bald offensichtlich.
Neue Bewegungen erfassen
Das Interesse an der Erfassung von Bewegung ist wohl so alt wie wir selbst sind, weshalb auch in der Malerei Tiere zum Beispiel mit laufenden Beinen gemalt wurden, nicht nur mit stehenden. Die Betrachtung veränderte sich mit der Veränderung der Technologien, mit denen diese Erfassung möglich war.
Im Sommer 1878 meldete Eadweard J. Muybridge ein Patent an. „Der Hauptzweck“, so erklärte der Fotograf und Erfinder in seiner Anmeldung, „besteht darin, fotografische Aufnahmen von Pferden zu machen, die sich schnell bewegen, um die Haltung, die Position und das Verhältnis ihrer Gliedmaßen in den verschiedenen Abschnitten ihres Schritts zu bestimmen.
“Woman Jumping, Running Straight High Jump: Plate 156 from Animal. Locomotion (1887)
Muybridges Interesse am „Schritt“ und „Gehen“ von Pferden geht auf das Jahr 1872 zurück, als der Eisenbahnmagnat Leland Stanford ihn bat, eine Debatte unter Pferdefreunden zu klären: Wenn ein Pferd trabte (oder galoppierte), verließen dann alle vier Hufe gleichzeitig den Boden? Wie Muybridge in einem Fotoprojekt, das sich von 1872 bis 1879 erstreckte, bewies, lautete die Antwort: Ja.
Mit einer Reihe von Kameras, die mit elektrischen Verschlüssen ausgestattet waren, löste Muybridge einen Streit, den das menschliche Auge nicht lösen konnte. Seine Pferdefotografien demonstrierten das künstlerische, wissenschaftliche und industrielle Potenzial des Mediums Fotografie. Nebst der Erfassung von Tieren beschäftigten ihn auch Bewegungsabläufe von Menschen. So entstanden diverse Fotoreihen mit Abfolgen von Bewegungen, unter anderem die oben gezeigte Serie einer Dame.
In heutiger Zeit …
Die Firma Animatrik führte die Erfassung von Bewegung 2018 auf ein ganz neues Level: Nach der Arbeit am Filmset von “Warcraft” waren sie so inspiriert von Pferden und deren Bewegungen, dass sie es sich zur Aufgabe machten, ein Pferd zu digital zu erfassen. Wenn Menschen lustig aussehen in MotionCapture-Anzügen, dann definitiv auch Pferde!
Sara Cameron, die Produzentin bei Animatrik, begründete das folgendermassen: „Aus dem Stillstand direkt in den Galopp zu gehen, wäre für einige der Pferde am Set weder geeignet noch gesund. Ich teilte die Bewegungen auf und gruppierte die Aufnahmen in Fähigkeiten für jedes Pferd. Von dort aus habe ich sie virtuell in eine Abfolge von Bewegungen gegliedert, die es dem (digitalen) Pferd ermöglichten, vom Schritt in den Trab überzugehen, ohne sich überzubeanspruchen.“
Sie nutzte also die Möglichkeit einer künstlich hergestellten Bewegung, um das Subjekt am Set – in diesem Falle das Pferd – nicht über seine Grenzen hinaus strapazieren zu müssen.
Digitale Stunt-Figuren bei emotionaler Belastung?
Denken wir diese Herangehensweise weiter, würde mein skeptischer Anteil wohl im Szenario enden, dass in zukünftigen Produktionen, die sehr gefährlich für Schauspielende sind, nur noch animierte Modelle eingesetzt werden. Was ja bei Action-Filmen durchaus schon heute passiert. Doch was genau heisst “gefährlich” für Schauspielende? Ist das vor allem Stunt-Arbeit oder könnte da auch an emotional sehr einnehmende Szenen gedacht werden?
Könnte ich in Zukunft verlangen, dass mein digitales Double die emotional anspruchsvollste Szene übernimmt für mich, weil ich mich nicht an einen solchen “dunklen” innerlichen Ort begeben möchte? Wäre das sogar ein Teil self-care für mich als Spieler*in? Oder liegt genau im Fühlen und Durch-sie-Hindurchgehen dieser Emotionen und Zustände der Reiz – einerseits für mich als spielende Person und/oder für die Zuschauenden?
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/04/3d-front.jpg9751000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-04-24 11:32:532024-04-24 11:34:423D-Aufnahmen aus dem 17. Jahrhundert
Seit 31 Jahren steht Kaspar Weiss auf Bühnen und vor Kameras. Im Interview spricht er über einen Spagat zwischen Film und Freiem Theater, der eigentlich nicht zu schaffen ist, und die Frage, wie lange sich das Warten auf die «richtig grosse Rolle» lohnt.
Von Seraina Kobler
Du bist in einem Haushalt mit acht Halbgeschwistern aufgewachsen. Dein Grossvater war der in den 1950er Jahren bekannte Grafiker und Autor der «Pitschi»-Kinderbücher Hans Fischer. Hat man dir die Kunst in die Wiege gelegt?
Natürlich war mein ganzes Umfeld sehr kreativ. Und schon in der Steinerschule habe ich zu meinem ältesten Bruder, dem Schauspieler und Theaterregisseur Samuel Weiss, aufgeschaut, der heute in Hamburg lebt. Mein Onkel, der Schauspieler Kaspar Fischer, war mit Franz Hohler, Emil und Dimitri befreundet und hat Masken gesammelt. Es wurde gebastelt, gemalt. Wir bauten eine Arche Noah im Garten. Und immer war da der Einfluss von Malen, Zeichnen und einem leichtfüssigen, spielerischen Umgang mit Kunst und Theater. Ja, ein bisschen wächst man da tatsächlich auch mit rein.
Und was kommt nach so einer Kindheit?
Sehr klassisch: Schauspielschule in Zürich, dann Filme, aber auch Theater. Ich habe immer gerne beides gemacht. Das waren damals die Neunziger Jahre, Fernsehen war noch das Massenmedium, keine Smartphones. Filme hatten einen ganz anderen Stellenwert. Ich drehte einige Male auf 35 Millimeter… «Tschäss» z. B. mit Pasquale Alearadi entstand in dieser Zeit, ein grosser Film. Mit grossem Budget. Wir wurden an Filmfestivals eingeladen, ein paar Mal haben wir vor dem Kino Alba auf der Trompete gespielt. Danach folgte eine kleine Rolle in einer Hollywood Produktion, ich spielte eine Nazi-Offizier in Lemmberg, und dachte: Jetzt geht es los!
Und ging’s los?
Nun ja, sagen wir so: Ich habe viele Nebenrollen gespielt. Daneben aber halt auch immer Theater, irgendwann kam dann die erste Hauptrolle am Schauspielhaus Zürich, aber ich wollte auch immer in der freien Szene bleiben.
Ist der Spagat zwischen solchen kommerziellen Filmproduktionen und der freien Theaterszene nicht enorm schwierig?
Damals sogar noch schwieriger. Entweder du warst in einem Ensemble ODER du hast gedreht. Beides ging kaum zusammen, auf ein Filmset zu gehen war verpönt, wenn du ernsthaft Theater machen wolltest. Das hatte auch mit den produktionellen Abläufen zu tun. Beide verlangen oberste Priorität.
Kaspar Weiss ist in der Schweiz, Schweden und in New Zealand aufgewachsen. Er absolvierte die Schauspielakadamie in Zürich und spielt seither auf Theaterbühnen im In u. Ausland. Er pendelt zwischen Theater und Film und zwischen Zürich und Berlin, und ist Sprecher für Hörbücher, SWR, Podcasts, Dok-Filme und Werbung. Seit 2023 als Pädagöge an Zürcher Schulen / Schulkultur Stadt Zürich tätig.
Du wurdest oft gefragt, was du lieber machst: Bühne oder Film. Hast du mittlerweile eine zufriedenstellende Antwort gefunden?
Es sind einfach zwei komplett verschiedene Handwerke (lacht). Auch wenn der Ursprung derselbe ist. Spannend finde ich beides. Die Selbstausbeutung ist übrigens auch ähnlich. Der Film ist halt intimer, alles kommt näher. Die Kamera erfasst auch die kleinste mimische Veränderung, das musst du lernen. Und du hast dort natürlich ein viel grösseres Publikum, einen Tatort schauen Millionen jeden Sonntag.
Und im Theater ist die maximale Grösse, was der Saal hergibt…
Exakt. In einem experimentellen Tanztheaterstück in der roten Fabrik spielst du für ein paar Dutzend Leute, wenn es hoch kommt. Das ist eine Entscheidung. Dafür ist da diese andere Intimität, die du direkt und unmittelbar über den Raum teilst. Die Bewegungen werden grösser, die Stimme lauter, die Mimik stärker. Es ist einfach nicht zu vergleichen…
Ich habe die Karriere nie aktiv und ehrgeizig forciert.
War es im Rückblick nachteilig, dass du dich nicht auf eines festgelegt hast?
Ich habe die Karriere nie aktiv und ehrgeizig forciert. Der Erfolg ist als Ziel nicht interessant. Nehmen wir etwa das Pflegen des Netzwerkes, das ist ein wahnsinnig wichtiger Teil des Berufes. Im Business läuft alles übers «gesehen werden», in eine freie Gruppe oder Theaterfamilie hineinzuwachsen, über einen Namen, das Renommee. Bis zu einem gewissen Punkt habe ich mich dem entzogen.
Inwiefern?
Ich habe etwa keine Social Media Profile ! Zuerst hat es sich einfach nicht ergeben, dann war ich im Verzug. Doch je länger ich darüber nachdenke, war das wohl doch eine sehr bewusste Entscheidung. Beziehungen habe ich immer persönlich gepflegt, zu meinen Stücken lade ich via Mail ein. Oder rufe an. Selbstmarketing ist nicht meine Stärke.
Wie kommst du dennoch zu deinen Engagements und Aufträgen?
Natürlich lese ich jeden Tag Zeitung, die Feuilletons, den Spiegel. Es ist ja nicht so, dass man ohne Social Media Profile nichts von der Welt mitbekommt. Im Gegenteil, ich informiere mich auch über das Schaffen anderer, indem ich oft ins Kino gehe. Nehme an E-Castings teil, habe dutzende und verschiedene Auftraggeber, für die ich in unregelmässigen Abständen zum Beispiel Sprecherjobs machen kann. Diese Tätigkeit hatte ich früh entdeckt. Ich liebe die Arbeit mit der Stimme vor dem Mikrophon.
Und auch Werbung…
Ja, Werbung mache ich auch gern. Tatsächlich machte mich ein Werbespot für Sport-XX vor einigen Jahren auf einen Schlag viel bekannter. Das war auch eine Erfahrung, die so nicht geplant war. Die Reichweite des Spots und die Verbreitungskanäle waren mir bei der Vertragsunterschrift nicht wirklich klar.
Würdest du das so nochmals machen?
Was soll ich sagen…ich denke ja. Werbung zu machen schadet einem Schauspieler heute nicht mehr. Mir war es immer wichtig, mir die Zeit für unabhängige, sehr freie Produktionen zu nehmen, auf Festival-Touren gehen zu können. Auch für Projekte, die nicht dem gängigen Förder-Trend entsprechen. Raum für Experimente zulassen. Apropos Film: In der Schweiz ist der Markt zu klein, um nur vom Film leben zu können. Daher hat mir die kommerzielle Arbeit die Tür zur Kunst geöffnet, auch wenn das zuerst paradox erscheint.
Tatsächlich werde ich immer wieder gefragt, gerade nach Theaterauftritten, «was ich den tagsüber so mache»
Ist es überhaupt möglich, nur von der Schauspielerei zu leben in der Schweiz?
Tatsächlich werde ich immer wieder gefragt, gerade nach Theaterauftritten, «was ich den tagsüber so mache». Die Anerkennung für den Beruf lässt doch immer wieder zu wünschen übrig. Es ist aber auch so, dass es schwierig ist, davon zu leben. Und ich meine ein einfaches Leben: Keine Kinder, eine Person, günstige Miete. Und dann gibt es ein grosses Gefälle innerhalb der Branche: Die einen werden überbezahlt, die anderen unterbezahlt.
Ist das nicht auch zermürbend? Der ewige Wettbewerb?
Doch.
Warum bist du trotzdem noch dabei?
Manchmal frage ich mich auch, wie man all die Tiefschläge aushält. Weil die Identität so stark mit dem Beruf verbunden ist? Auch, sicher. Aber viel entscheidender ist, dass immer wieder etwas Neues kommt. Eine neue Idee! Ein neues Engagement! Jedesmal geht eine andere Reise los. Und mit ihr kommt die Begeisterung, wenn du dich auf ein künstlerisches wie soziales Abenteuer gleichermassen einlässt. Und mit ungewissem Ausgang! Auch nach dreissig Jahren noch.
Und zwischen den Produktionen? Wenn gerade keine neue Heldenreise winkt?
Wahrscheinlich konnte ich mir alles in allem doch ein sonniges Wesen bewahren. Auch in einer hochkompetitiven Branche. Neid bringt dich nicht weiter. Als ich dreissig wurde, dachte ich: «Jetzt mache ich Karriere.» Doch es ist ein schmaler Grat zwischen Supererfolg und Verbissenheit, das wurde mir rasch klar. Ich wollte mir meine Freiheit behalten, das habe ich getan. Mit allen Konsequenzen.
Das ist spannend, mit welchen Konsequenzen?
Nun, der Erfolg hätte grösser sein können. Aber auch das Glück spielt eine Rolle. Vieles funktioniert getreu dem Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Hast du eine Hauptrolle, dann ist die nächste oft nicht weit. Und wenn du eine Nebenrolle hast, dann kommt halt die nächste Nebenrolle.
Was die vielen Nebenrollen in grossen Schweizer Filmproduktionen der letzten Jahre bestätigen, in denen du mitgespielt hast: Frieden, Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse, Papa Moll, Der Teufel von Mailand, um nur einige zu nennen. Aber zurück zu den Freiheiten, wie pflegst du diese?
Als erstes ziehe ich mich immer wieder zurück, in die Berge, in die Natur. Bin für ein paar Tage, manchmal auch Wochen, nur schwer erreichbar. Ich meditiere, wandere, manchmal auch Eisbaden. Dann merke ich, wie der Atem zurückkommt. Ich habe gelernt, sehr bewusst mit dem Atem zu arbeiten. Es ist absolut faszinierend, wie oft wir pro Tag atmen und wie wenig wir uns in der Regel damit beschäftigen. Dabei ist er es, der uns lebendig hält!
Ein Allheilmittel?
Für mich, ja. Seit ich damit begonnen habe, fühle ich mich rundum resilienter und gesünder. Man behält sprichwörtlich «den längeren Atem». Ein anderer Punkt, das sind die sozialen Beziehungen. Seit jeher habe ich meinen Freundeskreis erhalten. Und nehme mir auch wirklich Zeit dafür: Gespräche, zusammen Tanzen gehen, Kochen. Jetzt haben auch viele wieder mehr Zeit, weil ihre Kinder grösser sind.
Der Harvard Professor Raymond Cattell unterscheidet zwischen zwei Arten von Intelligenz: Die Fluide und die Kristalline. Ersteres bezieht sich auf die Fähigkeit, Probleme zu lösen, zweiteres umfasst das Wissen und die Fähigkeiten, die man im Laufe eines Lebens erlernt hat. Zufrieden alt wurden nur jene, die nach der Lebensmitte eine Mentorenrolle gefunden haben. Wie ist das bei dir?
Tatsächlich arbeite ich seit einem Jahr für die Stadt Zürich mit Schüler:innen an Theaterprojekten. Das ist extrem bereichernd, aber auch herausfordernd. Ich versuche, junge Menschen dafür zu begeistern, was Theater sein könnte. Arbeite mit ihnen an Projekten zusammen mit einer Theaterpädagogin. In einer anderen Altersgruppe sind die Anwärter:innen für die Schauspielschulen, die ich in Coachings für die Aufnahmeprüfung fit mache…
Die Frage ist schon, ob du als Schauspieler überhaupt in Rente gehen kannst
Und damit auch für die Zukunft des Berufes sorgst. Wie sieht deine eigene aus?
Die Frage ist schon, ob du als Schauspieler überhaupt in Rente gehen kannst – oder willst. Letzteres ist fast der stärkere Treiber. Das Alterswerk ist doch etwas vom grossartigsten überhaupt. Denken wir an die Karriere von Stephanie Glaser mit den «Herbstzeitlosen» oder Christoph Waltz. Ja, wer weiss. Vielleicht fängt es ja auch gerade erst an…
Wen würdest du am liebsten spielen?
Albert Einstein. Oder Mozart.
Und zum Schluss: Was sind eine Wünsche für die Branche? Ganz praktisch?
Richtlöhne vom SSFV sollten endlich gesichert sein, noch mehr Diversität bei der Auswahl von Schauspielenden, aber auch in den Drehbüchern. Gute, spannende Altersrollen. Eine offene Bandbreite bei den Casting-Prozessen, frische und andere Stimmen bei den Auswahlverfahren für Sprecherjobs. Mehr Wagemut in der Besetzung von Rollen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/04/kaspar-weiss-1.jpg5621000Seraina Koblerhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgSeraina Kobler2024-04-16 10:54:152024-04-16 11:41:28«Der Erfolg ist als Ziel nicht interessant»
Die kantonale Kulturförderung schreibt die Off-Stage-Stipendien für professionelle Theater- und Tanzschaffende aus dem Kanton Bern aus. Die Stipendien ermöglichen individuell gestaltbare Freiräume ohne Produktionsdruck und unabhängig von einem konkreten Bühnenprojekt.
Ausgewählte Kulturschaffende erhalten die Gelegenheit
Ihre kreativen, methodischen, handwerklichen oder organisatorischen Kompetenzen im Kontext eines künstlerischen Prozesses zu erweitern
Ihre künstlerische Position zu reflektieren
Wer wird gefördert?
Professionelle Theater- und Tanzschaffende sowie Kollektive aus dem Kanton Bern aus allen künstlerischen, pädagogischen, technischen und organisatorischen Theater- und Tanzberufen.
Wie wird gefördert?
Bewerbung via elektronisches Gesuchsportal bis Freitag, 31. Mai 2024
Stipendium Einzelperson: maximal CHF 15’000
Stipendium Kollektiv: maximal CHF 20’000
Vergabe der Stipendien auf Empfehlung der kantonalen deutschsprachigen Theater- und Tanzkommission
Für die Off-Stage-Stipendien 2024 stehen insgesamt CHF 80’000 zur Verfügung.
Was wird vorausgesetzt?
Einzelpersonen
Gesetzlicher Erstwohnsitz im Kanton Bern seit mindestens 1. Juni 2022
Überzeugender Leistungsausweis bzw. mindestens drei Jahre professionelle Tätigkeit
Kollektive
Gesetzlicher Erstwohnsitz im Kanton Bern von mindestens der Hälfte der Mitglieder seit mindestens 1. Juni 2022
Sitz des Kollektivs im Kanton Bern
Überzeugender Leistungsausweis bzw. mindestens drei Jahre professionelle Tätigkeit
Corinne Soland geniesst den persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen in einer zunehmend digitalen Welt. Durch Beziehungen entstehen Projekte, durch Festivals entstehen Beziehungen – Mensch zu Mensch.
Diesen Monat hatte ich die grosse Freude, für das Ensemble Magazin ein Gespräch mit Cheryl Burniston führen zu können. Die Schauspielerin aus England ist zusätzlich ausgebildet in Kampfchoreografie für Film und Fernsehen sowie Stuntarbeit. Sie spielte bereits in grossen Games wie „Final Fantasy XVI“ und „The Dark Pictures Anthology: Little Hope“.
Nicht nur war das Gespräch per Videocall wahnsinnig bereichernd, wir haben uns dann auch persönlich kennengelernt an der ZFICTION Tagung zum Thema «Future Bodies. Screen Acting in the Digital Age». Das ist schon beeindruckend: Auch wenn vieles heute über E-Castings läuft und für Games sogar über LinkedIn und/oder X (ehemals Twitter) nach der passenden Besetzung gesucht wird – es geht doch fast nichts über eine persönliche Begegnung. Egal wie toll wir unseren Instagram Feed kuratieren, wenn es in einem Gespräch klickt, dann klickt es. Und dann hat mensch Lust, miteinander zu arbeiten.
Wenn ich zum Schauspiel der Zukunft schreibe, so ist immer auch zu berücksichtigen, dass, trotz all der Digitalität, sehr vieles von dem, was einem Jobs verschafft oder Sichtbarkeit garantiert, offline passiert. An Ausstellungen, welche Digitale Kunst ins Zentrum stellen, die aber mit dem Körper „in person“ besucht werden müssen, damit die von den Aussteller*innen gewünschte Immersion funktioniert.
Im Kino, im Theater, beim Kaffee, durch Empfehlung einer*s Bekannten, in Filmjobs- und Theaterjobs-Chatgruppen, auf Foren und Servern wie Discord. Vielleicht weniger an Premieren, wie allgemein angenommen. Vor ein paar Wochen habe ich mit zwei Spielpartner*innen überlegt, wie wir Premierenfeiern in etwas verwandeln können, was nicht nur denjenigen, die Geld haben oder gegeben haben, zugutekommt, sondern vor allem dem Ensemble und dem künstlerischen Team. Vielleicht eine interne Feier zuerst? Auch dieses Gespräch entstammt dem Wunsch, sich noch länger etwas nah zu sein nach der Übergabe des „Babys“, nach der künstlerischen Geburt, als Elternteile noch etwas gemeinsam wehmütig zu sein über diesen Transformationsprozess.
Natürlich brauchen nicht alle das gleiche, für einige Darstellende ist es eine grosse Erleichterung, nicht mehr immer nach Züri fahren zu müssen für ein kurzes Casting, sondern erstmal eine Videodatei einsenden zu können. Dennoch: haben wir die sehr seltene Gelegenheit, persönlich in den Raum eingeladen zu werden, in dem Regie und Casting sitzen, dann ist das nicht nur eine tolle Gelegenheit, eine Rolle zeigen zu dürfen, es schenkt uns auch Erinnerungen, an die wir physisch zurück”denken“ können. Unsere Zellen werden sich erinnern, weil wir in Beziehung standen zu anderen Zellen im Raum, Menschen, die gefühlt, gedacht und mit uns interagiert haben. Die sich – wie wir uns auch – eingegeben haben, eingelassen auf ihr Gegenüber. Zugehört. Nachgedacht. Spontan rausgelacht. Oder noch kurz umarmt oder zugewinkt am Schluss.
Sich persönlich zu treffen, hat einen wichtigen Stellenwert. Was aber, wenn die Rollen, die ich möchte, nicht in Züri zu bekommen sind? Wenn sie im benachbarten Ausland sind – oder im zeitlich und reisetechnisch sehr weit entfernten Ausland? Wie kann ich diese Kontakte pflegen, ausser in ihre privaten DMs in den Sozialen Medien zu „sliden“ (sie dort persönlich anzuschreiben :)) oder mich zurückzuhalten, nochmals das Kontaktformular ihrer Website abzuschicken, nachdem sie auf die ersten zwei Versuche nicht reagiert haben?
Natürlich kommen da Festivals ins Spiel! An Festivals ist es wohl am offensichtlichsten: Da zu sein heisst, sichtbar zu sein. Vielleicht wäre es gut, in Zukunft Förderung anzubieten für Spielende, auf Festivals gehen zu können. Das Schweizer Theatertreffen macht das mit dem Forum junger Theaterschaffender. Das ist ein Stipendienprogramm, welches es jungen Theaterschaffenden bis 35 ermöglicht, an das Theatertreffen zu gehen – und kein Geld dafür ausgeben zu müssen. 15 Menschen dürfen Vorstellungen und Workshops besuchen sowie kostenfrei am jeweiligen Ort leben und essen. Diese Möglichkeit richtet sich laut der Ausschreibung „ausdrücklich“ an „Studierende von Kunsthochschulen und kunstwissenschaftlichen Fächern“. Das ist wahnsinnig toll – gleichzeitig wünsche ich mir, dass es auch Theatermenschen und Spielenden, welche nicht den klassischen Weg über eine Hochschulausbildung gehen, leichter gemacht wird, Kontakte in die Szene knüpfen zu können.
Mit wem wir in Berührung kommen, ist entscheidend für unsere Professionalisierung. Wer mit wem spielt und wer wem welche Möglichkeit eröffnet, sichtbar zu werden, ist wichtig. Wer gibt mir immer die gleiche Rolle und wer lässt mich auch mal über meinen „Typecast“ hinausspielen? Wer wen unterstützt in Foren, Chatgruppen, wer wem welche Ausschreibung weiterleitet – es geht immer darum, wer mit wem in Beziehung ist.
Zwischenmenschliche Beziehungen sind laut Alfred Adler das, was uns als Menschen prägt. Vor allem anderen. „Adler betrachtet den Menschen nicht nur als Reflex auf die Einflüsse der Aussenwelt, sondern als eine schöpferische Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt.“ Sehr spannend finde ich in diesem Zusammenhang folgendes: „Adler weist besonders darauf hin, dass der nicht verbundene Mensch seine Geltung in der Macht oder Unterwerfung suchen kann, die Menschen in Oben und Unten einteilt und bei entsprechenden Möglichkeiten Macht ausübt.“
Salopp gesagt, kann Verbundensein mit einer Gemeinschaft also dabei helfen, dieselbe Gemeinschaft um nicht noch mehr Egozentrismus und Machtgehabe zu bereichern. Vielleicht ist es wichtig, sich die Menschen hinter den Machtstrukturen zu denken. Wahrscheinlich hilft es, die menschliche Beziehung in den Vordergrund zu rücken, das Verhältnis. Egal, welche Beziehung: wir möchten immer etwas. Und sei es nur, gesehen oder gehört zu werden. Manchmal ist es auch, gehalten zu werden.
Ich glaube, die Zukunft des Schauspiels liegt in unseren Beziehungen. Wie wir füreinander einstehen, wenn die Gagen wieder sinken (omg, ich hoffe nicht noch mehr). Wen wir mit ins Boot ziehen für ein Projekt, weil wir mit diesen Menschen Lebenszeit verbringen möchten. Wen wir anderen empfehlen, unabhängig davon, ob uns das gerade nützt oder nicht. Wen wir informieren über etwas, was wir herausgefunden haben, Tipps und Tricks.
Wenn wir füreinander da sind, fängt das vieles auf, was die Strukturen ruinieren. Und dann sind wir etwas weniger müde, gegen diese Strukturen anzugehen oder selber neue zu bauen. In der Hoffnung, dass ich das jetzt nicht verkitscht habe, weil es echt auch manchmal undankbare Arbeit ist, freue ich mich, euch in Chats zu begegnen oder eure Arbeiten zu sehen und danach im persönlichen Gespräch darüber zu sprechen – oder über Alfred Adlers Individualpsychologie, haha. In dem Sinne schliesse ich jetzt mal mit einem Buchtipp: The Courage to be Disliked von Ichiro Kishimi und Fumitake Koga.
Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.
Lucrezia Perrig, Sidonie Atgé-Delbays und Noemi Grütter engagieren sich für Gleichstellung in der Kultur. Bereits 2020 verfassten sie gemeinsam das Rosa Heft. Dieses Handbuch bündelt die Erkenntnisse ihrer Forschungsarbeit, die 2018 im Rahmen des Genfer Festivals Les Créatives begonnen hat.
Sie sammeln Erfahrungsberichte, rechtliche Ressourcen und Werkzeuge, die von und für Westschweizer Künstler*innen und Institutionen zu den Themen genderspezifische Lohnungleichheit und schwierige Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben entwickelt wurden, um die Genderungleichheit auf praktische und alltägliche Weise anzugehen.
Wie ist die Idee für das Rosa Heft entstanden und wie hat sich die Initiative seither entwickelt?
Unsere Initiative wurde nach einer Podiumsdiskussion gestartet, die 2018 vom Festival Les Créatives in Genf mit dem Titel «Wo sind die Frauen?» organisiert wurde. Es ging darum, sich ernsthaft mit der Frage der Genderungleichheit in den verschiedenen künstlerischen Bereichen auseinanderzusetzen und eine übergreifende Diskussion zu führen.
Dieses Treffen erwies sich als unverzichtbarer Diskussionsraum für viele im Kulturbereich tätige Frauen.
2019 beauftragte das Festival eine von uns mit der Organisation einer weiteren Podiumsdiskussion. Diese fand nur wenige Monate nach dem historischen schweizweiten feministischen Streik im Juni desselben Jahres statt und löste ein noch grösseres Echo aus.
Rund um diese zweite Podiumsdiskussion wurden Workshops zu vier zentralen Themen organisiert: sexuelle Belästigung, Gleichheit und Vielfalt in der Programmgestaltung und in den Teams, Lohngleichheit sowie Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben. In jedem dieser Workshops beantworteten Jurist*innen Fragen aus konkreten Fällen und schlugen rechtliche Handlungsoptionen vor.
Das Rosa Heft ist aus dem Wunsch heraus entstanden, das in diesen Workshops Besprochene in einem Leitfaden festzuhalten. Anschliessend haben wir einen Fragebogen an alle Westschweizer Kulturinstitutionen geschickt, mit dem wir herausfinden wollten, wie und in welchem Ausmass sie versuchen, die verschiedenen Ungleichheiten auszugleichen. Seither werden wir regelmässig eingeladen, das Rosa Heft und die Initiative sowohl im akademischen Umfeld als auch auf Kunstfestivals zu präsentieren.
Noemi Grütter ist eine feministische Aktivistin und Menschenrechtsexpertin. Mit ihrer feministischen Arbeit inspiriert sie über lokale, nationale und internationale Institutionen hinweg bis in die Clubs und auf den Strassen. Mit dem Festival Les Créatives hat sie das Rosa Heft für mehr Gleichstellung in der Kultur- und Kunstszene mitkonzipiert und mitgeschrieben. Sie ist selbst DJ (DJ ALÉLÉFI) sowie Teil des Kollektivs «Cats Calling Back».
Welche Auswirkungen auf den Kultursektor hatten das kollektive Befragen und das Sammeln von Erfahrungen, Forderungen und Vorschlägen aus der Praxis?
Bereits seit der ersten Podiumsdiskussion 2018 verlangt die Stadt Genf von Projekten, die gefördert werden wollen, dass sie Gleichstellung anstreben. Es ist zwar nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber immerhin.
Infolge des ersten Workshops zum Thema Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben im Jahr 2019 hat der Direktor des zeitgenössischen Musikensembles Contrechamps in Genf einen Betrag von 10 000 Franken aus dem Jahresbudget des Vereins freigegeben, um Massnahmen zu finanzieren, die den Angestellten helfen, ihr Familienleben mit ihrem Beruf zu vereinbaren. Er hat uns anvertraut, dass allerdings nur ein kleiner Teil der bereitgestellten Summe ausgegeben wurde.
Wir sind überzeugt, dass nicht nur die Entscheidungsträger*innen, sondern auch die Angestellten sensibilisiert werden müssen, damit sie sich berechtigt fühlen und in der Lage sind, die ihnen zur Verfügung stehenden Massnahmen und Ressourcen in Anspruch zu nehmen, ohne das Gefühl zu haben, dass das schlecht ankommt.
Wie würdet ihr heute eure Rolle bei solchen punktuellen Veranstaltungen, ob Festivals oder Netzwerktreffen, definieren?
Wir positionieren uns bei solchen Veranstaltungen als Referentinnen. Wir haben die in diesem Heft festgehaltenen Stimmen gesammelt und wenden uns an Fachleute des Kulturbereichs, die vor neuen Formen der Diskriminierung stehen, mit denen wir früher nicht unbedingt konfrontiert waren und die wir uns vielleicht nicht einmal hätten vorstellen können.
Wir beginnen unsere Workshops meistens mit Zahlen zur genderspezifischen Ungleichheit im Kultursektor, um das berechtigte Gefühl der Ungerechtigkeit bei den Teilnehmenden zu wecken und ihnen das Ausmass dieser Ungerechtigkeit bewusst zu machen.
Danach machen wir eine qualitativere Bestandsaufnahme, bei der die Teilnehmenden gefragt werden, welche Massnahmen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ergreifen, um gegen diese Ungleichheiten anzugehen. Wir gehen davon aus, dass alle auf ihre eigene Weise handeln, und versuchen, gemeinsam eine Plattform zu schaffen, die diese Massnahmen zusammenführt.
Lucrezia Perrig studierte Philosophie und Politikwissenschaften. Zurzeit promoviert sie unter der Leitung von Marta Roca i Escoda am Zentrum für Gender Studies an der Universität Lausanne zum Thema queere Ehen in der Schweiz. Sie ist Co-Autorin des Rosa Heftes, dem Schweizer Leitfaden für Gleichstellung in der Kultur, der im Rahmen des feministischen Festivals Les Créatives in Genf entstanden ist.
Immer mehr Institutionen verabschieden Chartas mit bewährten Praktiken, was eine gute Sache zu sein scheint. Wie kann sichergestellt werden, dass sie es allen Berufstätigen ermöglichen, sich diese Instrumente anzueignen und sie in ihren Arbeitsalltag zu integrieren?
Wir ermutigen natürlich alle Institutionen, ihre eigenen Chartas zu verfassen: eine Charta für Inklusivität, Vielfalt, Antirassismus, Feminismus, Nachhaltigkeit etc. Wir ermutigen sie aber auch, diese schriftlichen, teils starren Dokumente, nicht zu glorifizieren, sondern sie lebendig zu machen und sie an ihre Realitäten und das sich wandelnde Umfeld anzupassen. Diese Chartas bleiben oft wirkungslos, sobald die Personen, die sie in ihren Institutionen eingeführt haben, ihre Stelle wechseln oder die Struktur verlassen. Wie die meisten Kapitel des Rosa Heftes müssten fast auch die Chartas jedes Jahr neu geschrieben werden, damit sie aktuell bleiben und die Komplexität aller Situationen bestmöglich widerspiegeln.
Die Workshops und Treffen müssen weiterhin an mehreren Fronten agieren, indem sie alle Teilnehmenden dazu ermutigen, mehr Vertrauen in die kollektive Kreativität und Intelligenz zu setzen, und indem sie ihnen den nötigen Impuls geben, sowohl ihre Forderungen als auch ihre innovativen Lösungen in alle Schichten des institutionellen, kulturellen und politischen Ökosystems zu tragen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/04/Carnet-rose.jpg7251000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-04-05 07:51:512024-04-07 21:19:54«Aktivismus entsteht an Festivals»
Unsere Kolumnistin erzählt, warum „freie Zeit“ eben nicht „frei“ ist, warum Geld und Angst immer Hand in Hand gehen, und wieso man untereinander über Gagen und Arbeitsbedingungen sprechen sollte.
Von Stefanie Gygax
„Ich könnte das nicht“ – diese Worte höre ich immer wieder, wenn ich Freunden und Verwandten von den Unsicherheiten in meinem Beruf erzähle. Die ewige Ungewissheit, wie das Geld nächsten Monat reinkommt, ist für viele Menschen ein Horror-Szenario. In einem Monat mehr als genug zu verdienen und im nächsten unter das Existenzminimum zu rutschen, ist für Viele unvorstellbar, für mich aber ganz normal. Für die Meisten meiner Bekannten steht fest, sie würden lieber einen langweiligen, unbefriedigenden Job machen, als in der ständigen Existenzangst leben zu müssen.
Für mich war es schon immer wichtig, meinem Umfeld einen Einblick in den Künstleralltag zu geben, mit allen Schwierigkeiten, die er mit sich bringt. Während ich als junge Darstellerin die übliche Frage X-Mal hören musste: „Was machsch du eigentlich de ganz Tag?“ oder „Scho schön, wemmer de ganz Namitag frei het“, höre ich diese Floskeln seit einigen Jahren nicht mehr. Mittlerweile sind viele in meinem Umfeld diesbezüglich verstummt, weil sie mitbekommen, dass ich eigentlich nie wirklich frei habe.
Bei jedem „Feierabend“ überlege ich mir genau, ob ich noch auf ein Glas mit den Kollegen ausgehe. Muss ich morgen wieder singen? Wie fühlt sich mein Hals an? Sollte ich jetzt schweigen oder den Körper ausruhen, damit ich das morgen schaffe? Ich sollte mich ausruhen, damit der Körper für die Vorstellung am Abend genügend Energiereserven zur Verfügung hat. Trotzdem fällt es mir schwer, wenn ich doch noch Bewerbungen schreiben, Wäsche waschen oder einkaufen sollte.
Jeder freie Tag beinhaltet die Möglichkeit zu unterrichten, um weniger an die bevorstehenden Ausgaben und Rechnungen denken zu müssen. Habe ich einen freien Nachmittag, ist das die Gelegenheit, sich um den nächsten Job zu kümmern oder in den Übungsraum zu gehen, um die Stimme zu trainieren.
Wenn wir frei haben, ist unser Kopf ist bereits auf die Vorstellung ausgerichtet oder die nächste Probe, die wir bewältigen dürfen. Wir müssen eine Masse an Text und Noten liefern, meistens auswendig und jeder Fehler nervt die Kollegen, weil es den Fluss der Arbeit stört. Wir haben auch nicht frei, weil wir permanent rechnen, ob wir nächsten Monat genug Geld verdienen, um unsere Fixkosten zu bezahlen und einen Plan schmieden, wie wir das nächste Arbeitsloch füllen können. Die Monate, in denen genug Geld reinkommt, gehen meistens schnell vorbei und die Reserven reichen oft nicht für einen Urlaub, sondern gerade mal für den nächsten Gesangsunterricht, den man ja auch noch weiterführen sollte, wenn man sich weiterentwickeln möchte.
Wie wäre es also mal mit der Frage:
„Wie schaffst du es, auf der Bühne zu stehen, wenn du krank bist?
„Muss man Stimme und Körper eigentlich trainieren oder weiterbilden, so wie die Sportler, um im Rennen zu bleiben?“
„Wie machst du das, während den Arbeitslöchern nicht zu verzweifeln?“
Ich möchte mich nicht beklagen, der Lebensstandard in der Schweiz ist hoch und wir haben eine Sicherheit vom RAV, dass wir einen Teil unseres Angestellten- Einkommens versichert haben. Dennoch bin ich jeden Monat am Rechnen und Einteilen. Ist das der Preis für die Selbständigkeit? Offensichtlich geht es Angestellten an den Stadttheatern doch genauso. Warum verdienen Opernsänger *innen mehr als Ballett-Tänzer*innen? Warum verdient ein Dirigent mehr als der Solist auf der Bühne? Wer hat jetzt mehr Verantwortung? Die Regeln sind verwirrend und niemand macht sich die Mühe, das mal zu erklären. Kann mir also jemand erklären, warum die Ballett-Tänzer die niedrigsten Gagen haben? Da kommt noch der Verschleiss und das Karriereende mit Mitte Dreissig..
Wie kann ich im Ensemble nur 20.- weniger verdienen, als eine Hauptrolle? Wieso verdient der Kollege, mit einer viel kleineren Rolle gleichviel, obwohl ich eine viel grössere Verantwortung habe? Die Aufteilung ist unverständlich, oft unlogisch, deshalb steht wohl in jedem Vertrag, man solle Stillschweigen bewahren, was die Meisten zum Glück nicht mehr machen.
Die veraltete Aufteilung darf in der modernen Gesellschaft bitte mal überdacht werden. Es kann doch nicht sein, dass überall die Teuerung ausgeglichen wird, ich im Theater aber immer noch gleich viel verdiene wie vor 20 Jahren.
Ich danke allen da draussen, die sich für faire Löhne im Theater die Zähne ausbeissen. Auch hier könnte man doch mal damit beginnen, auf Augenhöhe MITeinander zu verhandeln, anstatt den Künstlern immer das Gefühl zu geben: „Dir geht’s wohl nur ums Geld? Ich dachte, du machst das aus Freude.“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/Gygax-Kolumne-8-scaled.jpg11522048Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-04-03 06:48:252024-04-03 06:48:25Geld oder Zeit? Oder gar nichts?
Der SSFV publiziert gemeinsam mit Partnerorganisationen die neuen Gagenrichtlinien, um prekärer Arbeit im Bereich der Schauspielerei entgegenzutreten. SzeneSchweiz ist mit dabei.
Italienisch/Französisch weiter unten
Zu niedrige Gagen, ausgeprägter Gender Pay Gap und neue Herausforderungen durch KI
Die Corona-Pandemie und mehrere Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, wie schlecht die Einkommenssituation und damit die soziale Absicherung von Freischaffenden in der Kulturbranche sind. Unsere eigene Studie (SSFV 2021) hat nachgewiesen, dass dies insbesondere für das Filmschauspiel gilt.
Professionelle Schauspieler:innen erhielten im Zeitraum von 2010 – 2019 im Durchschnitt sehr niedrige Filmschauspielgagen und erlebten trotz zunehmender Berufserfahrung nur eine geringe Lohnentwicklung. Schauspieler:innen mit weniger als 10 Jahren Erfahrung erhielten trotz abgeschlossener Ausbildung vielfach Kleinstgagen. Frauen waren zudem von einer geschlechtsspezifischen Lohndiskriminierung (Gender Pay Gap) von durchschnittlich 23% betroffen.
Neue gemeinsame Gagenempfehlungen der Schauspielverbände für das Filmschauspiel
Tarif A: Fr. 1’650 brutto Einstiegsgage nach abgeschlossener Schauspielausbildung oder bei Erfüllung von definierten Alternativkriterien
Tarif B: Fr. 1’950 brutto
Für erfahrene Schauspieler:innen mit 10 – 15 Jahren Berufserfahrung
Tarif C: Fr. 2’350 brutto Für sehr erfahrene Schauspieler:innen mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung
Die Gage vergütet weit mehr als nur den Drehtag
Der national wie international verwendete Begriff der Tagesgage im Filmschauspiel ist irreführend. Mit der Gage wird mehr als nur der eigentliche Drehtag bezahlt: Dazu gehören sämtliche Vorarbeiten wie Textstudium, Rollenentwicklung, Masken- und Kleiderproben sowie Spielproben, ausserdem auch einen Tag Nachsynchronisation und allfällige Festival- oder Medienauftritte. Zudem beinhaltet die Gage die weitgehende Abtretung an Leistungsschutzrechten und Persönlichkeitsrechten. Die Gage muss also den gesamten Aufwand und die Rechteabtretung angemessen vergüten.
Die neuen Richtlinien listen übersichtlich auf, was mit einer Gage abgegolten ist und was nicht. So können sich Arbeitnehmende und Arbeitgebende, aber auch Vergabestellen von öffentlichen Fördermitteln bei der Vertragsgestaltung bzw. -prüfung leicht orientieren.
Neue vertragliche Regelungen wegen KI nötig
Die neuen Richtlinien verweisen zudem auf die neuen, vertraglich zu regelnden Herausforderungen, die sich durch die Verwendung von generativer künstlicher Intelligenz (KI) für Schauspieler:innen ergeben.
Nuove linee guida per le retribuzioni di attori/attrici professionisti/e nelle produzioni audiovisive (senza pubblicità)
Retribuzioni troppo basse, notevole gender pay gap e nuove sfide per via dell’IA
Negli ultimi anni la pandemia di coronavirus e diversi studi hanno evidenziato quanto sia precaria la situazione reddituale e pertanto la sicurezza sociale dei lavoratori freelance nel settore culturale. Il nostro studio (SSFV 2021) ha dimostrato che questo vale in modo particolare per la recitazione cinematografica.
Nel periodo dal 2010 al 2019 gli attori e le attrici professionisti/e hanno lavorato in media per tariffe molto basse e, a dispetto della crescita dell’esperienza professionale, hanno assistito ad uno sviluppo salariale contenuto. Attori ed attrici con meno di 10 anni di esperienza hanno spesso ricevuto retribuzioni minime nonostante una formazione completa. Le donne sono state inoltre oggetto di una discriminazione salariale di genere (gender pay gap) in una percentuale media del 23%.
Nuove raccomandazioni comuni delle associazioni di attori/attrici per la retribuzione della recitazione nelle produzioni audiovisive
Dato che nel 2023 sono falliti i negoziati con le associazioni dei produttori cinematografici per l’introduzione di un sistema retributivo di riferimento multilivello e vincolante, pubblichiamo insieme alle associazioni di attori/attrici Syndicat Suisse Romand du Spectacle (SSRS), ScenaSvizzera – associazione dei professionisti delle arti sceniche e t. Professioni dello Spettacolo Svizzera le nuove Linee guida per le retribuzioni di attori/attrici professionisti/e nelle produzioni audiovisive (senza pubblicità) [1]. Esse prevedono tre tariffe allo scopo di attribuire un riconoscimento alla formazione professionale ed all’esperienza lavorativa maturata e di ridurre il gender pay gap:
Tariffa A: Fr. 1’650 lordi Retribuzione iniziale dopo il conseguimento di un percorso di formazione in recitazione oppure in base ai criteri alternativi definiti in seguito
Tariffa B: Fr. 1’950 lordi Per attori/attrici professionisti con esperienza lavorativa di 10-15 anni
Tariffa C: Fr. 2’350 lordi Per attori/attrici professionisti con oltre 15 anni di esperienza lavorativa
La retribuzione copre molto più della sola giornata delle riprese
Il termine ‛ingaggio giornaliero’ utilizzato a livello nazionale ed internazionale per la recitazione cinematografica è fuorviante. Un ingaggio comprende molto più della sola giornata delle riprese: occorre tenere in considerazione tutta la preparazione come lo studio del testo, lo sviluppo del ruolo, le prove trucco e costumi, così come le prove di recitazione, oltre ad una giornata per la post-sincronizzazione ed eventuali apparizioni nei festival o nei media. La retribuzione include inoltre la cessione dei diritti di protezione affini e dei diritti di personalità e deve pertanto compensare adeguatamente tutto l’impegno e la cessione dei suddetti diritti.
Le nuove linee guida elencano chiaramente cosa viene retribuito e cosa no. In questo modo i lavoratori ed i datori di lavoro, ma anche gli organismi di finanziamento pubblici e privati, possono facilmente orientarsi nella stesura e nella revisione di un contratto.
Necessità di nuove norme contrattuali per via dell‘IA
Le nuove linee guida fanno inoltre riferimento a nuove sfide contrattuali non ancora disciplinate, che attori/attrici dovranno affrontare per via dell’uso dell’intelligenza artificiale generativa.
[1] Le quattro associazioni hanno pubblicato le proprie Linee guida per i compensi ed i buyout nella pubblicità.
Nouvelles lignes directrices pour les cachets des comédien·nes professionnelles dans la production audiovisuelle (hors publicité)
Des cachets trop bas, un écart salarial flagrant entre les genres et les nouveaux défis de l’IA
Au cours des dernières années, la pandémie Corona ainsi que plusieurs enquêtes ont mis en évidence la précarité de la situation des revenus, et donc aussi de la protection sociale, des intermittent·es de la branche culturelle. Notre propre enquête (SSFV 2021) a confirmé que les comédiens et comédiennes étaient tout particulièrement concerné·es.
Entre 2010 et 2019, les comédien·nes professionnelles ont touché des cachets en moyenne très bas dans le cinéma et leurs cachets n’ont que très peu évolué malgré l’accroissement de leur expérience professionnelle. Et, malgré une formation achevée, des comédien·nes avec moins de dix ans d’expérience professionnelle n’ont généralement touché que des cachets minimes. Les femmes étaient de plus victimes d’une discrimination salariale spécifique au genre (écart salarial entre les femmes et les hommes) de 23% en moyenne.
Nouvelles recommandations communes des associations de comédien·nes pour les cachets dans la production audiovisuelle
Tarif A: Fr. 1’650 brut Cachet d’entrée pour les comédien·nes ayant achevé une formation d’acteur·ice ou qui remplissent certains critères alternatifs
Tarif B: Fr. 1’950 brut
Pour les comédien·nes expérimentées avec 10 -15 ans d’expérience professionnelle
Tarif C: Fr. 2’350 brut Pour les comédien·nes très expérimentées avec plus de 15 ans d’expérience professionnelle
Le cachet rémunère nettement plus que la journée de tournage
Le terme de cachet journalier usuel dans le cinéma, au niveau national comme au niveau international, est trompeur. Un cachet rémunère en effet bien plus que la journée de tournage en tant que telle : il comprend aussi l’ensemble du travail de préparation, à savoir l’étude du texte, le développement du personnage, les essais maquillage et costumes, les répétitions, ainsi qu’un jour de postsynchronisation et d’éventuelles apparitions dans les festivals ou dans les médias. Par ailleurs, le cachet comprend aussi la cession d’une grande partie des droits voisins et des droits de la personnalité. Le cachet doit donc rémunérer de manière appropriée l’ensemble du travail fourni et la cession des droits.
Nouvelles dispositions contractuelles nécessaires en raison de l’IA
Par ailleurs, les nouvelles lignes directrices se réfèrent aussi aux nouveaux défis – à régler contractuellement – qui se posent aux comédien·nes avec l’utilisation de l’intelligence artificielle (IA) générative.
[1] Les quatre associations de comédien·nes ont publié leurs propres lignes directrices pour les cachets et les Buyouts pour la publicité
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/04/Actors.jpg7061400Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-04-02 06:56:132024-04-02 06:56:34Neue Gagenrichtlinien für Schauspieler*innen
Die Londonerin Cheryl Burniston kämpft, tanzt, weint und lacht in Computerspielen. Im Interview anlässlich des Zürcher ZFICTION-Events erklärt sie die Unterschiede zwischen MoCap-Acting und anderen Schauspielformen.
Interview und Übersetzung: Corinne Soland
Corinne: Cheryl, wie bist du zur Schauspielerei mit Motion Capture gekommen?
Cheryl: Mein erstes Mocap-Projekt war im Jahr 2017. Ich erhielt einen Anruf von einer Maskenbildnerin, die eine Person suchte, die Bewegungen für einen animierten Kurzfilm liefern sollte. Ich habe mich schon immer für körperliche Darstellung interessiert und habe Tanz, Kampfsport und Kampftechniken für den Film trainiert.
Ich spielte eine Tee-Nymphe, die aus einer verschütteten Tasse Tee herauskam, die Umgebung erkundete und schließlich wieder in die Tasse sprang. Das war sehr befreiend für mich. Die Vorstellung, dass man alle*s spielen kann – es gibt nichts Schöneres, als seinen Avatar zum ersten Mal auf einem Bildschirm zu sehen. Ich musste mehr davon haben! Ich war danach sehr hartnäckig bei den Mocap-Studios dran, um mehr Aufträge zu bekommen.
Du hast große Rollen gespielt, zum Beispiel in dem Spiel Final Fantasy. Wie bist du dazu gekommen?
Ende 2018 hatte ich ein paar Demos für dasselbe Studio gemacht. Zu dieser Zeit schickte mir ein Freund einen Tweet über ein Casting für ein Videospiel. Der Casting-Aufruf stammte von Jessica Jefferies, einer mittlerweile sehr etablierten Performance-Capture-Casting-Direktorin in Großbritannien.
Das Gefühl, das man hat, wenn man eine Filmrolle bekommt – das war dieses Glück, aber hundertmal mehr! Dieses Videospiel wurde schließlich zu „The Dark Pictures Anthology: Little Hope“, der zweite Teil der Trilogie von Supermassive Games. Während der Dreharbeiten zu diesem Spiel habe ich mit Neil Newbon zusammengearbeitet, der beim Trailer zu Borderlands 3 Regie führte, und durch diese Rolle bekam ich die Möglichkeit, für Final Fantasy XVI vorzusprechen.
Wie bereitest du dich auf ein Mocap-Vorsprechen vor?
Es ist wie bei jedem anderen Vorsprechen für eine Rolle. Man setzt sich so gut wie möglich mit der Rolle auseinander und bereitet sich mit dem Material vor, das man bekommt. Du bringst alles ein, was du in deiner Ausbildung oder aus deinen bisherigen Erfahrungen gelernt hast. Beim Vorsprechen für Little Hope wollte ich meine Bewegungen übertreiben, um zu zeigen, wie ich mich bewegen kann. Aber ich wusste, dass das Projekt eine naturalistische Darbietung erfordert. Man muss wirklich lesen und zuhören, was das Projekt und die Rolle von einem verlangen.
Zur Person
Cheryl Burniston ist Londoner Schauspielerin und arbeitet seit ihrem Abschluss an der School of the Arts, University of Northamptonhauptsächlich im Filmbereich. Cheryl ist zudem eine erfahrene Motion-Capture-Künstlerin undspielte Kreaturen als auch für menschliche Charaktere in Projekten wie Final Fantasy XVI, The Dark Pictures Anthology, Magic: The Gathering, Borderlands 3 und Need For Speed gemacht.
Wie war der Produktionsprozess für dich als Schauspielerin?
Ich habe etwa 9 Monate mit den Dreharbeiten zu Little Hope und 5 Monate mit den Dreharbeiten zu Final Fantasy VXI verbracht. Für Little Hope drehten wir jeden Monat eine Woche lang, von Montag bis Freitag. So hatten die Animatoren Zeit, die Daten durchzugehen, wir kamen dann im nächsten Monat zurück und machten weiter. In den drei Wochen zwischen den Drehs konnten wir uns ausruhen.
Die Drehwoche war oft sehr anstrengend, wir mussten viel rennen und sehr physisch Dämonen abwehren. Jedes Projekt hat einen anderen Prozess. Die Aufnahme von Körper, Gesicht und Stimme zusammen wird Performance Capture genannt, aber die einzelnen Elemente können auch aufgeteilt und von mehreren Darstellern aufgenommen werden.
Für Little Hope wurde mein Body Capture mit den zuvor aufgenommenen Gesichts- und Stimmaufnahmen kombiniert. Ich hatte kein Drehbuch, das ich kennen musste. Ich bekam ein Bild meines Charakters, etwas Hintergrundgeschichte und ein paar Entwürfe der Welt, in der wir uns befanden. Im Volume (so heisst die Capture Stage, die 3D Bühne, in der aufgenommen wird, Anm. cs) hörten wir den Dialog für die Szene, merkten uns davon so viel, wie wir konnten, und gabe alles, um die Emotionen, die wir hörten, darzustellen und sicherzustellen, dass die Körperlichkeit mit der Stimme übereinstimmt. Little Hope ist ein Spiel, das auf Entscheidungen basiert, so dass es Hunderte von alternativen Möglichkeiten für die Szenen gab.
Für Final Fantasy XVI drehten wir jeweils zwei Wochen am Stück mit zwei Wochen Pause. Wir haben Motion- und Facial-Capture-Aufnahmen für einen Synchronsprecher gemacht, mit dem wir uns später abstimmen konnten. Die Besetzung bestand aus neun Personen, und wir haben alle mehrere Rollen gespielt.
Was sind gute Eigenschaften für das Spiel mit Motion oder Performance Capture?
Bei AAA-Spielen wird alles unglaublich geheim gehalten. Ich denk ich, dass eine der wichtigsten Fähigkeiten eines*r Motion-Capture-Künstlers*in deshalb darin besteht, völlig offen zu sein. Es ist wie bei dem Improvisationsspiel „Ja und…“: Man muss einfach nehmen, was man bekommt, und loslegen. Vertrauen in sich selbst als als Darsteller*in ist der Schlüssel. Je nach Projekt kann es sein, dass man eine Vorabvisualisierung erhält, einerseits der Umgebung oder auch deiner Figur. Manchmal hast du nur die Umrisse eines Menschen in einer grauen Landschaft und ein paar Bäume. Genau da kommt die Vorstellungskraft ins Spiel, ohne die es nicht geht.
Was sind die Vorteile gegenüber dem normalen Acting?
Eine Sache, die ich wirklich wichtig finde, ist die Möglichkeit, das Volume aus der Vogelperspektive zu betrachten. Oben zu sitzen und nach unten zu schauen und sich selbst zu kartografieren, seinen Weg zu sehen, den man abgehen soll und alles auf einmal zu erfassen. Aber letztendlich ist es Schauspiel.
Es scheint, als gäbe es jetzt mehr Motion- und Performance-Capture-Rollen und auch mehr Schauspielende, die in diesem Feld arbeiten möchten. Deshalb ist es wichtig für Spielende, ihre Fähigkeiten aufrechtzuerhalten – Schauspiel, Kampffähigkeiten, Bewegungsqualitäten. Die Drehtage sind oft lang und anstrengend, so dass viel Durchhaltevermögen erforderlich ist, sowohl körperlich als auch geistig. Das Schauspielen von Kreaturen macht unglaublich viel Spaß, ist aber auch unglaublich anstrengend, nicht nur für den Körper, sondern auch für die Stimme.
Wie unterscheidet sich das Spiel rein technisch gesehen?
Ich würde nicht sagen, dass man anders spielt. Man berücksichtigt den Stil des Projekts und die Eigenschaften der Figur und gibt die Leistung, die die Regie von einem verlangt. Es kommt wirklich auf den Inhalt an. Die bekannte Übung „Spiel’ diese Emotion, erhöhe sie auf zwei, dann auf fünf“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man die Emotionen hoch- und runterschrauben kann – aber immer aus einer realen Situation heraus. Manchmal kann man das, was man tut, auf den Bildschirmen überprüfen. Am Ende des Tages soll die Figur lebendig sein: Dafür ist die Atmung entscheidend.
Ist es für die Schauspielenden wichtig, etwas über die Technologie zu wissen?
Ich finde es interessant, zu wissen, wie sie funktioniert. Bei der Arbeit weiß ich dann, worauf die Animationsspezialist*innen achten, und man kann das in seine Arbeit einfließen lassen – um klare Bewegungen finden und sicherzustellen, dass die Marker nicht von den Kameras verdeckt werden. Es ist wichtig, an die Leute zu denken, die die Daten bereinigen, und es wird nicht unbemerkt bleiben, wenn man ihnen das Leben ein wenig leichter macht.
Ein Interesse an der Branche und ein Verständnis für die Zeit und den Aufwand, die in der Entwicklung eines Spiels stecken, sind ebenfalls hilfreich. Die Spieleindustrie ist riesig und wächst, und die Menschen verbringen Stunden und Tage damit, mit Ihrer Figur zu interagieren, und das ist etwas ganz Wunderbares. Sie beobachten dich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern sind in ein viel interaktiveres Abenteuer verwickelt. Man kann jahrelang auf die Veröffentlichung eines Spiels warten, man ist zur Geheimhaltung verpflichtet.
Wie ist deine Beziehung zur Regie in der Vorbereitungsphase und während des Drehs?
Beim Film und auf der Bühne bekommst du das Drehbuch, daraus ziehst du die Dinge, die deine Figur prägen. Du kannst über die Epoche, das Land, die Stadt oder den Ort recherchieren, in dem der Film oder das Stück spielt. Bei Mocap ist es anders – bis du ins Volume kommst, kann es sich so anfühlen, als ob du im Dunkeln tappst. Manchmal wird dir auch Material zur Verfügung gestellt, das du vorbereiten kannst, aber meiner Erfahrung nach erfahre ich den Großteil der Informationen am ersten Tag. Du musst also dir selbst und dem Team vertrauen.
Bevor du an Bord kommst, sind Monate und oft Jahre in das Projekt geflossen. Ich finde, dass die Beziehung zu einer Regie im Volume dann enger ist als am Filmset oder auf der Bühne. Die Dreharbeiten gehen schneller als bei einem Filmset, aber es fühlt sich für mich mehr nach Zusammenarbeit an. Die kollektive Vorstellungskraft der Designer*innen, der Produzent*innen, der Regie und der Darstellenden ist wirklich stark.
Wie funktioniert das Besetzen für Games in Großbritannien – du meintest vorhin, dass es eine*n spezielle*n Casting Director gibt?
Ja, Jessica Jefferies. Sie macht ihre Casting-Aufrufe öffentlich und setzt sich für Neulinge in diesem Bereich ein. In England gibt es auch einige Schauspielagenturen, die sich neben der Schauspielerei für Leinwand, Bühne und Werbung auf Motion Capture spezialisiert haben. Viele Studios casten aber auch immer noch selbst. Es kann also nicht schaden, sie anzuschreiben, sich vorzustellen, seine Fähigkeiten zu bewerben und eine Beziehung aufzubauen.
Es gibt auch Unternehmen, die Workshops anbieten und dir das aufgenommene Material zur Verfügung stellen. Präsentiere alle anderen Bewegungsfähigkeiten, die du hast – Kampf- und Stuntfähigkeiten werden in Spielen häufig eingesetzt. Wenn du schon Sprecher*innenaufträge hattest, halte sie auf dem neuesten Stand oder aktualisiere sie. Mach‘ dir klar, für welche Art von Projekten du arbeiten möchtest, und arbeite darauf hin. Die Welt der Performance Capture fühlt sich viel zugänglicher an. Auf mich wirken alle ein bisschen netter.
Ich habe das gleiche Gefühl. Mocap Menschen sind toll!
Oh, es sind fantastische Menschen! Ich empfand die MoCap-Sets als viel gesünder. Es fühlt sich zu keinem Zeitpunkt des Prozesses wie ein Beliebtheitswettbewerb an.
Hast du schon Kreaturen aufgenommen und wenn ja – welche Art: Tiere oder Humanoide?
In Little Hope habe ich den Ertrunkenen Dämon gespielt. Sie war der Dämon einer Figur, die als Hexe verurteilt und ertränkt worden war. Wenn es um die Arbeit mit Kreaturen geht, näherst du dich ihnen am besten wie jeder anderen Figur. Zum Beispiel kannst du dich fragen: Warum ist diese Kreatur diese Kreatur – wurde sie so geboren oder wurde sie erst später dazu? Warum ist sie hier, was ist ihr Ziel? Versuche, die Kreatur zu verstehen: Versucht sie, jemanden zu verletzen oder zu töten? Hat sie Angst vor etwas? Oder geht es ihr nur ums Überleben?
Mit all diesen Überlegungen arbeitest du dann an ihrer Körperlichkeit. Ich hatte einen Arm um mich gewickelt, den ich nicht benutzen konnte, und ich hatte Gewichte an meinen Beinen befestigt, um die Anstrengung zu zeigen, die es bedeutet, meinen Körper mit einem Arm über den Boden zu ziehen. Und dann bringt die Stimme alles zusammen. Der Atem ist ein wichtiger Teil der Rollengestaltung, es kann eine Abkürzung sein, um sich in die Figur hineinzuversetzen, die Grundhaltung zu finden, zu atmen und dann zu spielen.
Und dann war da noch die Braut von Frankenstein. Sie kann sich bewegen, atmen und sprechen wie ein Mensch, aber ihre Bewegungen und ihr Blick sind die einer ängstlichen Katze. Das Zischen war das, was für mich die Emotionen und die Dringlichkeit der Szene hervorgerufen hatte, nebst ihrem Ziel. Bei der Arbeit mit Kreaturen muss man 110% geben. Es ist anstrengend, und da kommt es darauf an, sich fit zu halten, aber es macht so viel Spaß.
Was rätst du Schauspielenden, die in Videospielen arbeiten möchten?
Ich finde es hilfreich, einen Workshop zu finden, einen sicheren Ort, an dem man neue Bewegungsmöglichkeiten für seinen Körper finden kann. Du hast dieselben zwei Arme und zwei Beine, einen Rumpf und einen Kopf, aber dein Körper kann sich auf so viele wunderbare und unterschiedliche Arten bewegen, dass du dich jedes Mal selbst überraschen wirst.
Es ist natürlich toll, wenn man eine Mocap-Rolle hatte und diese vorweisen kann. Wenn man diese Erfahrung noch nicht hat, kann man sich in einem leeren, beleuchteten Raum in enger Kleidung filmen, um seinen Körper und seine Bewegungen zu zeigen. Du musst keinen Mocap-Anzug tragen, es geht darum, deine Körperform zu zeigen und wie sich dein Körper bewegen kann.
In 3 Worten – was hat Mocap zu deinem Schauspiel-Leben beigetragen?
Verspieltheit. Offenheit. Und vielleicht etwas über den Geist: Experimentieren. Wenn ich über Performance Capture und die Möglichkeiten nachdenke, die es bietet, über unsere Größe, unsere Gestalt, unser Geschlecht und unser Alter hinauszugehen, und wie die Technologie es uns erlaubt, uns in einen Charakter zu verwandeln, der so weit von unserem eigenen Charakter entfernt sein kann – das ist wirklich erstaunlich. Mit jedem Projekt, das ich mache, mit jeder Figur, die ich spiele, spüre ich, wie ich mich mehr öffne und mutiger werde, um Ideen, Fähigkeiten und Figuren in Angriff zu nehmen, von denen ich dachte, sie lägen jenseits von mir. Im Volume hat es Platz. Raum zum Atmen und Wachsen.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast für unser Gespräch und das Teilen deiner Gedanken!
ZFICTION in Zürich
Cheryl Burniston teilte in ihrem Vortrag „The differences and similarities in acting for screen, stage and performance capture“ an der Zürcher Spielfilm Tagung ZFICTION.24 ihre Gedanken zum Schauspiel mit Motion Capture.
Die Spielfilmtagung ZFICTION.24 fand am 21. und 22. März 2024 statt. Die Beiträge wurden gefilmt und werden auf hier verfügbar sein.
In der Schweiz gibt es mehrere Anbieter*innen für Motion Capture Workshops, unter anderem das Quantum Stage Studio in Winterthur oder die Filmschauspielschule Zürich filmZ GmbH. Der nächste Kurs der filmZ kann hier gebucht werden.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Schauspiel für Screen, Bühne und Performance Capture
Was ist der Unterschied zwischen dem “traditionellen” Schauspiel, wie man es auf der Leinwand und auf der Bühne sieht, und dem Schauspiel für Performance Capture und Face Capture? Wie geht eine schauspielende Person an ein Projekt heran, wenn es kein Bühnenbild und keine Kostüme gibt? Welche Unterschiede gibt es im Prozess der Charaktervorbereitung, wenn die entstehende Figur virtuell ist? Hier zum Blog.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Cheryl-Front.jpg8601290Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-03-27 08:48:312024-03-28 07:05:19«Ich empfand MoCap-Sets viel gesünder»
Die Herausforderungen für Darstellende Künstler*innen sind grenzübergreifend. In Deutschland thematisiert das Kampagnenvideo #StoppNVFlatrate jetzt die Probleme.
Schlechte Planbarkeit, keine offenen Kitas während Proben und Aufführungen, prekäre Bezahlung, unsichere Anstellungsverträge – auch in Deutschland belasten prekäre und unfaire Arbeitsbedingungen die Branche.
Der Deutsche Bundesverband Schauspiel BFFS und dessen Partnerorganisationen legen jetzt in seinem Kampagnenvideo den Finger auf alle wunden Punkte der Darstellenden Künste. Viele der angesprochenen Missstände kennen auch die Schweizer Schauspieler*innen und Tänzer*innen. Schaut mal rein und lasst uns in den Kommentaren wissen, was ihr davon haltet.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Flatrate.jpg5621000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-03-21 08:21:272024-03-21 08:21:27Deutsche Darsteller*innen: «Keine Flatrate für Bühnenarbeit»
Wanda Wylowa spricht im Interview über Unsicherheit zwischen Engagements, schwierige Altersvorsorge – und Solidarität zwischen Frauen.
Von Seraina Kobler
«Das Kino ist zurück», hast du kürzlich gejubelt. Woher die Freude?
Wanda Wylowa*: Es ist gerade so ein guter Zeitgeist: Spannende Schauspielenden wie Andrew Scott oder Emma Stone, eine gute Generation. Auch wird wieder mehr besprochen in den Medien und öffentlich diskutiert, obwohl das Feuilleton so viele Federn lassen musste. An Filmen wie «Zone of Interest», «Poor Things» oder «All of us strangers» kommt man derzeit kaum vorbei, zu Recht. Das wünsche ich mir nun auch für das Theater.
Du meinst, den Besucheraufschwung nach der Pandemie?
Ja, ich gehe ja seit jeher zwischen beiden Welten hin und her. Und auf der Bühnen, mit dem direkten Kontakt, spannt sich ein Raum auf für das Empfindsame, das Sensible. Der lässt sich durch keine Streaming-Plattform der Welt ersetzen. Und doch müssen die Häuser kämpfen, besonders die Kleinen.
Wie äussert sich das für euch als Schauspielende?
Es gibt schon einige Mechanismen, das zeigt sich schon nur in der Terminplanung, die manchmal der Quadratur des Kreises gleicht. Und am Ende beanspruchen einfach doch immer die Engagements für Filme freie Vorfahrt, einfach weil dort viel mehr Geld vorhanden ist.
Wie bekommst du dennoch beides unter einen Hut?
Man muss sich selbst eine Struktur schaffen. Mir fällt immer mehr auf, dass ich oft sechs Dinge gleichzeitig am machen bin. Zwei Stunden Organisation, dann etwas Netzwerk, dazwischen Text lernen, die Garderobe für den nächsten Auftritt festlegen, jemanden Treffen, neue Ideen aushecken, Schreiben für die Kurzfilme von gerade, nochmals was vorbereiten, ein Brot backen, im Kopf nochmals den Text durchgehen, den Terminkalender verinnerlichen, alles einteilen.
Und machst du auch mal frei?
Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber ich arbeite freiwillig sieben Tage die Woche, auch wenn ich nicht spiele. Letztes Jahr waren es über 60 Vorstellungen oft auch an Wochenenden… Aber ich muss dazu auch sagen, dass ich dafür verkürzte Arbeitstage mache, ich nütze die produktiven Stunden, jeden Tag. Alles andere birgt das Risiko, dass ich rausfalle. So bleibe ich immer in Verbindung mit dem, was ich tue. Das ist mir viel lieber, als ein 9-5-Job.
Gab es auch mal Momente, wo du überlegt hast, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen?
Ja, früher jeden Sommer. Da tat sich dieses grosse Loch ohne Engagements auf, wenn die Produktionen still stehen und die Bühnen in der Pause sind. Nun habe ich diese Wochen mit Sommertheatern füllen können, das ist aufs Jahresbudget gesehen kein grosser Anteil, aber dafür eine grosse Freude. Daneben hilft Werbesprechen, was aber leider auch nicht mehr soviel Gage gibt wie früher. Manche fürchten, dass Sprecher:innen-Stimmen schon in wenigen Jahren durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können… Das wäre dramatisch. Schon jetzt könnte man mit dem, was von meiner Stimme im Netz verfügbar ist, eine künstliche Spur erzeugen.
Gibt es da keinen Schutz? Was unternimmt die Branche?
Bis jetzt ist nichts reglementiert. Das Problem ist auch hier, dass die Rechtsprechung dem rasanten technologischen Wandel hinterherhinkt. Bis die nach sind, ist die Stimme schon lange geklaut oder imitiert …
«Wenn ich es schaffe, die Schwingungen der Worte zu erfassen, sie glasklar denke,
braucht es nichts mehr»
Und doch gibt es Bereiche, wo Menschen nicht zu ersetzen sind. Gerade im Wechselspiel mit Kunst und Sprache. Literatur liegt dir auch sehr am Herzen, du besprichst oft Bücher im Netz, moderierst Vernissagen oder liest dich für Monsterlesungen mal eben durch Dürrenmatt Werk …
Das stimmt, Sprache ist mir sehr wichtig. Am Anfang von jedem Stück und jedem Film steht der Text. Ich lasse ihn durch mich hindurchfliessen. Wenn ich es schaffe, mich da reinzugeben, die Schwingungen der Worte zu erfassen, sie glasklar denke, dann braucht es eigentlich nichts mehr. Ausserdem bedeutet Lesen auch immer, über die Welt nachzudenken. Warum sind wir hier? Warum tun wir die Dinge so, wie wir sie tun? Wie funktioniert die Liebe?
Nochmals zurück zur wirtschaftlichen Lebensrealität. Du engagierst dich seit einigen Jahren dafür, mehr Transparenz und Handlungsmöglichkeiten auf die Altersvorsorge von Kunstschaffenden aufzuzeigen. Was machst du genau?
Die Idee dahinter ist, dass es viele Kunstschaffende gibt, die sich schämen, dass sie keine Altersvorsorge haben. Vielleicht auch diese Themen verdrängen, eine hohe Hemmschwelle aufbauen, je länger sie das tun. Weil sie so wenig verdienen. Für diese Menschen gibt es in einem Pilotprojekt von der Migros eine Peer-to-Peer Beratung.
Mit dir?
Wer möchte (lacht), ja. Natürlich können auch wir Ambassador:innen nicht die Probleme lösen, aber wir zeigen Möglichkeiten auf. Helfen gegen das Gefühl, verloren zu sein. Klären über die zweite und dritte Säule auf, denn schon ein paar hundert Franken mehr, machen im Alter viel aus.
Wie kommst du selbst zwischen den Produktionen über die Runden?
Zum Glück steht uns das Arbeitsamt als Zwischenlösung zur Verfügung. Da wir ja von einer Kürzestanstellung zur nächsten gehen. Vieles hat sich auch verbessert, so war es früher etwa nicht einmal möglich, durchgängig Kinderzulagen zu beziehen. Es gab keine Mutterschaftsversicherung … Eine weitere Vereinfachung bringt die Sprecherkasse.
Wie funktioniert die?
Das ist ein gemeinsames Abrechnungssystem für Schauspielende, die gelegentlich Sprecherjobs machen, kleinere Engagements oder Lesungen. Ich zahle 2,5 Prozent von meiner Gage, dafür wird mir die ganze Abrechnung und Einzahlung der Sozialabgaben abgenommen, für Honorare unter tausend Franken. Man muss dem Geld nicht nachrennen, nicht selbst mahnen, man ist versichert, das hilft enorm.
Welche Verbesserungen für die Branche würdest du dir wünschen?
Auch E-Castings sollten entgolten werden, da es wahnsinnig aufwendig ist, sich darauf vorzubereiten. Die Arbeit vom Textlernen, jemanden für die Aufnahmen beauftragen und das ganze Prozedere werden bislang unentgeltlich geleistet. Arbeitszeiten sollen eingehalten werden, Schauspielende sind keine Leibeigene während Wochen für 24 Stunden an 7 Tagen die Woche. Dem Theater wünsche ich mehr Zeit zum Proben und weniger Einfluss von Modeströmungen.
Und speziell für Frauen?
Dass auch Frauen über fünfzig diverse und spannende Rollen erhalten und diese schon viel früher, etwa beim Drehbuch und Geschichtenschreiben, gestaltet werden. Sie können so viel mehr spielen, als Grossmütter oder Geschiedene.
Gibt es Dinge, die dir eine andere Gelassenheit geben als früher?
Der Vorteil davon, fünfzig zu werden ist, dass man merkt: So viel Zeit ist da nicht mehr wie auch schon. Was ist mir wichtig? Das möchte ich geniessen und dankbar sein, statt mich um morgen zu sorgen, schliesse ich lieber eine liebe Freundin in den Arm und verbringe einen schönen Abend mit gutem Essen. Feiere den Moment. Das geht natürlich auch leichter, wenn die ganze Rush-hour des Leben mit kleinen Kindern etwas nachlässt, das Tempo geht automatisch runter. Der Atem kommt zurück. Und die Musse einfach mal auf einem Bänklein sitzenzubleiben und in die Sonne zu blinzeln. Oder eine Siesta machen, wenn man müde ist.
Stichwort Freundinnen, du bist auch beruflich geschickt darin, Frauen zu verbinden …
Das liegt mir tatsächlich sehr am Herzen. Da gibt es «Female Act», einen regelmässigen Stammtisch für Schauspieler*innen, einen Safe Space, wo wir uns austauschen und bestärken. Oder regelmässige Aktionen, wie sich gemeinsam eine Fotografin buchen und neue Shots fürs Portfolio machen. So vieles geht einfacher, wenn man es teilt. Das ist wichtig, gerade, wenn du in so einem kompetitiven Umfeld tätig bist.
Letzte Frage: Wenn du zurückblickst, was war deine schönste Produktion?
Seitentriebe von Güzir Kar, eine Produktion für das Schweizer Fernsehen, auf die ich heute noch immer wieder von jungen Frauen angesprochen werde. Es ging über zwei Staffeln, insgesamt waren wir zwei Jahre lang dran. Der Anerkennungspreis der Stadt Zürich im November 2023 war für mich wirklich sehr wichtig, er hat mein bisheriges Arbeiten gewürdigt und vor allem das zukünftige gefördert. Natürlich hat mich auch der Schweizer Filmpreis für die beste Nebenrolle im «Hamster» gefreut. Diese Dinge, die bleiben.
*Zur Person
Wanda Wylowa ist als Performer*in seit Anfang der Nullerjahre in verschiedensten Formaten des Kunstschaffens zu erleben. Als Mitbegründerin der freien Theatergruppe 400asa hat sie die Möglichkeiten der Theaterbühne ausgelotet und insbesondere in ihrer Kombination mit neuen Medien an der Erforschung neuer Erzählformen mitgearbeitet. Die Untersuchungen führten und führen sie immer wieder zu Film- und Audioarbeiten.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Wanda-Wylowa-2-scaled.jpg13652048Seraina Koblerhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgSeraina Kobler2024-03-18 07:44:282024-03-18 09:23:36«Gegen das Gefühl, verloren zu sein»
Bruno Marty, Geschäftsleiter Schweizerische Interpretengenossenschaft, arbeitet an Vertragsbausteinen, die Missbrauch von KI in Film und Musik verhindern sollen. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft.
Das Interview fand über Videocall statt.
Bruno Marty, braucht es in zehn Jahren noch Interpret*innen oder übernimmt das dann alles die künstliche Intelligenz?
Bruno Marty: Ja, die braucht es durchaus noch. Das Schöne an Kunst ist, dass sie sich immer weiterentwickelt, immer neue Formen annimmt. Natürlich ist künstliche Intelligenz ein Teil der Zukunft, aber Interpret*innen und Künstler*innen wird es immer brauchen.
Ich wär da nicht so sicher. Wir stehen ja noch ganz am Anfang. ChatGPT und seine Kollegen sind erst seit knapp zwei Jahren präsent, der Boom hat gerade erst begonnen. Wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt und wie Künstler*innen mit den Möglichkeiten von KI umgehen werden. Ich will auch nicht in Pessimismus verfallen. Es gibt viele coole Möglichkeiten mit KI und viele Kreative suchen neue Wege. Es ist nicht alles schlecht, was mit KI zu tun hat, auch wenn einige Unternehmen oder Personen sie zum Nachteil von Interpret*innen oder gar der Gesellschaft einsetzen.
Zur Person
Bruno Marty ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Interpretengenossenschaft SIG in Zürich. Er kennt die Musikbranche einerseits als ehemaliger Musiker, Manager, Promoter und Booker und anderseits als früherer Geschäftsführer der action swiss music (heute Sonart). Über die Jahre aktiv in verschiedenen Organisationen (u.a. Suisseculture, mx3,SIS und Swissperform).
Kreativität und das Schaffen von originärer Kunst setzt, zumindest bis heute, noch Empfindungsfähigkeit, Empathie voraus. Werden in Zukunft künstliche Intelligenzen auch diesen Bereich erobern?
Ha, das sind philosophische Fragen! Aber ja, das könnte irgendwann kommen, ich will es auf jeden Fall nicht ausschliessen. Doch zurzeit sind KIs eher Instrumente, Tools, die auch bewusst von Künstler*innen eingesetzt werden, um Neues zu erschaffen. Wir kennen das ja auch aus der Geschichte. Leute, die meinten, elektrische Gitarren seien der Untergang der Musik-Kultur, später dann der Synthesizer, dann Sampling. Kunst und Kultur nimmt Veränderungen auf und nutzt sie für neue Wege, für weiteren kreativen Ausdruck.
Besonders gut sieht man das im Filmbusiness. Viele der Sachen, die wir im Kino, TV oder auf Netflix sehen, wären ohne KI gar nicht mehr möglich. Neue Technologien werden adaptiert und mit der Zeit Normalität.
Aber gerade für Interpret*innen stecken da auch die Gefahren. Wenn eine KI mit meiner Stimme und meinem Aussehen einen ganzen Film oder einen Song produzieren kann, muss ich als Künstler*in schauen, wo ich bleibe …
Völlig richtig und letztlich eine Frage der Regulierung – und die ist sehr dringlich. Zurzeit arbeiten wir, also die Interpretengenossenschaft und ihre Partner, an Vertragsbausteinen, die man gerade für solche Situationen benutzen kann, um die Rechte der Interpret*innen schützen.
Also völliges rechtliches Neuland?
In der Schweiz sind die Persönlichkeitsrechte von Künstler*innen recht gut geschützt. Aber wir haben das Problem, dass es noch keine Rechtspraxis dazu gibt. Keine Urteile, die bestehendes Recht auf neue Technologien und Situationen anwendet. So bewegen wir uns da in einer Dunkelkammer. Unsere Empfehlungen an Interpret*innen: Nichts unterschreiben, das man nicht völlig versteht und die Nutzung nicht klar umschreibt. Im Zweifelsfalle einen Vertrag kurz von einer Fachperson checken lassen. Und da sind wir auch gut aufgestellt: Die Interessensverbände, also wir, Suisa, SzeneSchweiz, etc. alle bieten einen kostenlosen Rechtsberatungsdienst an.
Das war ja beim SAG-EFTA-Streik in den USA ein zentrales Thema …
Dort ging es neben den Definitionen der Nutzung auch ganz konkret um den finanziellen Aspekt. Was ist es wert, wenn meine Stimme, meine äussere Erscheinung, meine ganze Person virtuell von einer KI ‚gespielt‘ wird. Als Beispiel: Wenn ich für nur einen Drehtag am Set bin und meine Daten erfasst werden, danach aber ein ganzer Kinofilm mit meiner Identität produziert wird, wie viel Entschädigung bekomme ich dann? Daran arbeiten wir auch ganz konkret: Wir schaffen gerade Richtlinien, die solche Sachen regeln sollen. Schliesslich geht es um Berufe, die ein Recht auf anständige Entlöhnung haben.
Ist das in der Schweiz wirklich schon ein Thema?
Bei der Nachproduktion oder bei einem Stunt kann es durchaus sein, dass digitale Versionen der Schauspieler*innen verwendet werden. Aber das ist weniger das Problem, da es sich meist nur um Filmsekunden handelt. Wenn man aber nur noch kurz am Set benötigt wird, entzieht das den Schauspieler*innen jegliche Existenzgrundlage.
Für uns ist es wichtig, dass wir schnell dazulernen, schnell Lösungen und Hilfsmittel entwickeln, weil die KI sehr viel schneller lernt als wir.
Was ist das Dringendste, das die Branche jetzt tun muss?
Das Wichtigste ist, dass die unterschiedlichen Verbände und Interessenvertreter jetzt an einem Strang ziehen und schnell Regelungen und Empfehlungen formulieren, neben ganz praktischen Dingen wie eben diesen Vertragsbausteinen und weiteren Infos, an denen wir gerade arbeiten. Wenn wir nicht von der KI-Welle überrollt werden wollen, sondern diese neue Technologie fair nutzen möchten, müssen wir etwas Tempo zulegen.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Bruno-Marty.jpg7741200Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-03-13 07:59:242024-03-13 08:50:11«KI darf uns nicht überrollen»
Hollywood, London, Berlin? Nein, Sandro Stocker zog aus, um in Lima Telenovela-Star zu werden. Wir sprachen mit Sandro über Kulturschock, Netzwerk und eine Filmindustrie ohne staatliche Unterstützung. Das Interview wurde per Videocall geführt.
Sandro, deine Karriere in der Schweiz lief gut. Wie kommt man als Schweizer Schauspieler dazu, plötzlich seine Sachen zu packen und sich in Peru auf die Suche nach einer Telenovela-Karriere zu machen?
Sandro Stocker: Das habe ich mich auch schon gefragt. Aber ich bin nicht einfach eines Morgens aufgestanden und nach Lima geflogen. Das war ein Prozess. Vor circa drei Jahren, also noch mitten in der Pandemie, wurde ich vom Kinderhilfswerk Embolo-Foundation angefragt, ob ich für sie als Botschafter nach Peru gehen würde. Durch die Corona-Massnahmen waren Einreisen nur für Personen möglich, die hier Verwandte haben. So habe ich das Land wiederentdeckt.
Wiederentdeckt?
Ja, als ich das letzte Mal vor der Pandemie nach Peru reiste, hatte ich sehr schwierige Erfahrungen gemacht. Damals war ich sechzehn und danach überzeugt, dass ich nie mehr nach Peru wollte.
Was hat sich geändert?
Ich hab mich geändert. Ich bin nicht mehr 16 und ich bin wohl offener für neue Kulturen und flexibler. Und nach einigen Besuchen verliebte ich mich in das Land.
Wie hast du dich eingelebt? Wie war der Kulturschock?
Die Schere zwischen Arm und Reich ist hier extrem. Es gibt kaum einen Mittelstand und nur Bessergestellte können es sich leisten, überhaupt eine Karriere im Filmbusiness anzustreben. Ich lebe zum Beispiel in Miraflores, einem der wohlhabenderen Teile von Lima, um von der Szene auch ernst genommen zu werden. Zuerst versuchte ich, in meiner Schweizer Naivität, dieses Klassendenken zu durchbrechen, aber Peru hat nicht auf mich gewartet, damit ich eine soziale Revolution beginne. Inzwischen spiele ich nach den hiesigen Spielregeln.
Wie sieht das aus?
Hier gibt es nicht wie in der Schweiz einen Verband oder staatliche Stellen, bei denen man sich Unterstützung und Information holen kann. Hier läuft alles über persönliche Netzwerke. Ich ging zuerst einfach mal auf Google und suchte nach „Filmindustrie Peru“. Da gabs keine Treffer.
Was hast du dann gemacht?
Ich suchte mir die Social Media-Profile der erfolgreichen peruanischen Schauspieler*innen und spamte sie mit Anfragen voll.
Das hat funktioniert?
Nur einer hat geantwortet. Der peruanische Filmemacher Tommy Paraga war gerade mit seinem Film „Cancion sin Nombre“ in Cannes und meinte, wir sollten mal was trinken gehen. Er war es, der mich hier meinen ersten Kontakten vorstellte und mir die Tür in die peruanische Filmwelt einen Spalt öffnete.
Wie reagieren die Filmleute in Peru auf einen Schweizer?
Zuerst war da das Sprachproblem. Ich brachte zwar etwas Spanisch mit, aber für die meisten Gespräche musste ich auf Englisch zurückgreifen. Aber auch das Spanisch, das ich sprach, unterschied sich vom peruanischen Dialekt. Inzwischen nehme ich Peruanisch-Unterricht.
Hat die peruanische Filmindustrie auf Sandro Stocker gewartet?
Nicht wirklich. Aber gerade durch meinen Hintergrund hab ich ein Alleinstellungsmerkmal. Ich sehe aus wie ein junger Peruaner, also wäre ich grundsätzlich in Konkurrenz mit Schauspielern, die besser Spanisch sprechen und die Szene besser kennen. Da hätte ich wenig Chancen. Aber durch meinen offensichtlich fremden Background werde ich auch für andere Rollen gecastet.
Der Cousin aus Europa?
Haha, ja solche Sachen.
Wie sieht das Arbeiten in der peruanischen Film- und Theater-Branche im Alltag aus?
Die Kultur unterscheidet sich doch sehr. Ich bin mich gewohnt, Dinge zu planen und dann auch durchzuziehen. Punkt für Punkt und pünktlich. Das ist hier Gold wert. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit. Arbeitsethos.
Alles, was wir in der Schweiz als etwas „bünzlig“ anschauen, gibt dir einen Vorteil?
Ja, genau. Ich hatte hier eine Theaterrolle und konnte den Text vor der ersten Probe auswendig. Die Reaktion? „Sandro, du musst etwas lockerer werden.“ Oder ein Bierchen während der Probe? In der Schweiz ein Skandal, hier völlig normal. Ich musste wirklich erst neu lernen, wie man entspannter mit dem Leben umgeht. Aber ich habe den Vorteil, dass ich beides kann.
Sandro, warum Telenovela?
Das war von Kindheit an mein Traum. Und jetzt bin ich noch jung und flexibel genug, um es auszuprobieren.
Bei den „seriösen“ europäischen Schauspieler*innen gilt diese Kunstform als „Trash“ …
Haha, ja. Es wird ganz anders gespielt. Als ich hier ankam, ging ich auf die lokalen Streamingdienste und schaute mir an, wie die Leute hier spielen. Und ich dachte „Oh. Mein. Gott.“ Hier wird alles Over the Top gespielt. Alles, was ich in meiner Ausbildung gelernt habe, muss ich wieder ablegen. Dieses „alles kommt aus den Augen“ und die zurückhaltende Attitüde bringt dich nicht weiter. Hier muss ich gestikulieren, Drama ist nicht leise und subtil, sondern sichtbar und intensiv. Aber ehrlich gesagt, passt das zu mir, ist näher an meiner echten Persönlichkeit. Und es macht ungeheuer Spass.
Kann man davon leben?
Noch nicht. Zurzeit gebe ich Kurse für Leute, die wirklich an Schauspielerei interessiert sind, und für Jugendliche, die so einmal in den Beruf schnuppern können. Hier geben viele Telenovela-Stars kurze Workshops, aber die werden mehr von Fans besucht, die ihren Idolen einmal nahe sein wollen. Schauspielerei wird da weniger wichtig genommen. Da kommt mir meine Schweizer Mentalität wieder zugute: Kunst und Schauspielerei ist solide Arbeit. Man bringt Qualität.
Wie reagieren deine peruanischen Kolleg*innen auf deine Karriereplanung?
Die verstehen das nicht. „Wieso kommst du aus Europa hierher?“ Für die meisten wäre es das Ziel, nach Hollywood oder nach London oder Berlin zu kommen. Den umgekehrten Weg kann sich niemand vorstellen. Sie halten mich wohl für ein bisschen komisch.
Wie sieht die Filmindustrie in Lima aus? Gibt es Subventionen?
Nein, hier wird alles über Werbung und Productplacement finanziert. Und die Filme, die in Europa an Festivals eingeladen werden, die Preise und Fördergelder bekommen, laufen hier in den Kinos kaum. Das interessiert hier niemanden, oft zu arty und zu intellektuell. Die erfolgreichen Produktionen sind alle massentauglich und auf das lokale Publikum zugeschnitten. Unterhaltung. Die Leute hier brauchen keine weiteren Probleme, wenn sie ins Kino gehen. Sie wollen im Gegenteil einfach mal abschalten von ihrem oft sehr schwierigen Alltag.
Wie sehen deine nächsten Schritte aus?
Netzwerken, netzwerken, netzwerken. An Premieren gehen, Theater spielen, Kontakte pflegen. Sichtbar sein. Telenovela-Star werden.
Wir wünschen dir viel Glück!
Ein Beispiel peruanischer Telenovelas:
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Sandro-Stocker.jpg6351000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-03-11 06:47:352024-03-11 10:18:35«Alles vergessen, was ich gelernt hab!»
Der Verein Bruecki 235 bietet Infrastruktur und organisiert mit dem „Aufführungsfenster“ Kleinstfestivals aus Theater, Tanz und Performance – von der Szene für die Szene.
Theater, Tanz und Performance ohne Hierarchie? Das ist in Zürich möglich. Der Verein Brücki 235 bietet mit Arbeits-, Probenräumen sowie mit den Aufführungsfenstern in bestehenden Theaterhäusern Raum und Möglichkeiten, die freie Tanz- und Theaterschaffende in Zürich in einer selbstverwaltete Infrastruktur nutzen können.
Vertreter*innen der lokalen Szene können dort an Projekten arbeiten, recherchieren, proben und trainieren. Die Mitglieder des Vereins setzen sich dafür ein, dass in der freien performativen Arbeit die Organisation vereinfacht und die Position freischaffender Künstler*innen gestärkt wird. Zudem trägt Brücki 235 zur Vielfältigkeit des Kulturangebotes der Stadt Zürich bei, ergänzend zu den kuratierten Programmen der Produktionshäuser.
O-Ton Verein: „Unser Ziel ist es, die Knappheit an niederschwelligen Proben- und Aufführungsmöglichkeiten zu lindern. Wir bieten vier Zeitfenster pro Jahr an, während der Künstler*innen ihre aktuellen Arbeiten präsentieren können.
Um möglichst vielen Gruppen bzw. Künstler*innen offenzustehen, werden die Aufführungsfenster gemeinsam bespielt, z.B. mit mehreren Kurzstücken oder Works in Progress, geteilten Abenden mit zwei längeren Stücken oder einer Vorgruppe vor einem abendfüllenden Stück. Alternative Präsentationsformen sind explizit erwünscht. Zudem wollen wir eine gemeinsame Reflexionskultur pflegen und neue kollaborative Arbeitsprozesse erforschen.“
Infrastruktur und Raum
Brücki 235 stellt Probenmöglichkeiten im Aufführungsraum sicher, bezahlt Licht-/Tontechniker*in und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit. Das Fenster OK koordiniert das Programm und Bühnenproben. Auftretende Gruppen/Künstler*innen und Mitwirkende des Fenster OK erhalten eine Aufwandsentschädigung, die von ihrer Anzahl abhängig ist und vom Szenerat festgelegt wird.
Die Ausstellungsfenster finden ihren Platz viermal im Jahr in den unterschiedlichsten Locations, so zum Beispiel im Maxim Theater, bei Bühne S, im Kulturmarkt, im Kulturhaus Helferei und eben in der Zentralwäscherei.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Bruecki-2.jpg6221000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-03-07 07:26:042024-03-07 07:29:02Raum für freie Künstler*innen & ein Kleinstfestival
Der Bundesrat hat am 1. März die Kulturziele für 2025-28 festgelegt. Darunter auch die Absicht, Kulturschaffenden existenzsichernde Einkommen zu ermöglichen. Was bedeutet das konkret?
„Namentlich will der Bund eine angemessene Entschädigung der Kulturschaffenden garantieren sowie deren Arbeitsbedingungen und die Chancengleichheit verbessern. Die Unterstützungen werden unter Berücksichtigung des gesamten Wertschöpfungsprozesses vergeben“, heisst es in der Botschaft. Das hört sich gut an. Aber diesmal fordert SzeneSchweiz Nägel mit Köpfen. Von gutem Willen und heisser Luft können Künstler*innen keine Miete zahlen.
Bisher sah das Engagement des Bundes so aus, dass Subventionen und Fördergelder vergeben wurden, jedoch deren Verteilung innerhalb der Kulturbetriebe nicht „über den gesamten Wertschöpfungsprozess“ begleitet wurde. Oft gab es einige wenige Gewinner*innen, die grossen Namen – während die Kleinen, zum Beispiel Ensembles, Tänzer*innen, Schauspieler*innen, weiter zu prekären Löhnen arbeiteten. Die Kulturbotschaft des Bundesrates ist so vage gehalten, dass sie alles bedeuten kann. Aber es lässt hoffen.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund begrüsst es ausdrücklich, dass der Bundesrat die Kultur als Arbeitswelt in den Fokus rücken will: „Kulturschaffende haben häufig sehr tiefe Einkommen und grosse Lücken in der sozialen Absicherung. Der SGB setzt sich zusammen mit seinen Kulturverbänden dafür ein, dass im Rahmen der nationalen Kulturpolitik angemessene Entlöhnungen gefördert und die soziale Absicherung Kulturschaffender erweitert wird – insbesondere in der AHV und der Arbeitslosenversicherung. Neue Beratungs- und Dienstleistungsangebote sind hingegen nur zielführend, wenn die Kulturverbände ab sofort eng einbezogen werden in die Umsetzungsarbeiten.“
Die Verbände, darunter auch SzeneSchweiz, fordern einen Platz am Tisch, wenn es um die Entscheidung zu konkreten Massnahmen geht. Nur so kann Unterstützung genau dahin fliessen, wo sie am dringendsten benötigt wird.
86 Prozent der freien Darsteller*innen können nicht von ihrem Job leben
SGB: Im letzten Jahrzehnt hat nicht nur die Anzahl Kulturschaffender stark zugenommen, auch atypische Beschäftigungsverhältnisse sind im Kultursektor deutlich häufiger geworden. Die Erwerbstätigkeit vieler Kulturschaffender ist geprägt durch befristete, projektbezogene Verträge, Teilzeitanstellungen und Mehrfachbeschäftigungen. Sie haben häufig sehr tiefe Einkommen und einen geringen sozialen Schutz. 2019 zeigte eine Studie auf, dass fast 60 Prozent der Kulturschaffenden weniger als 3075 Fr. pro Monat verdienen (x13).
Zahlen vom letzten Jahr sind noch erschütternder: in den Darstellenden Künsten gaben 86 Prozent der professionellen Freischaffenden an, nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben zu können. Wenig überraschend haben viele äusserst tiefe Altersrenten, die Rentenlücke in der beruflichen Vorsorge ist gross. Aber auch bei Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit und teilweise auch Mutterschaft sind Kulturschaffende ungenügend abgesichert.
Keine Förderung für prekäre Arbeitsplätze
Die Verbände der Kulturschaffenden spielen eine herausragende Rolle, um im Kultursektor gute Arbeitsbedingungen, angemessene Einkommen und Zugang zu sozialer Sicherheit zu gewährleisten. Die Einhaltung ihrer GAV-Löhne, Gagen- und Honorarempfehlungen ist entscheidend. Sie müssen im Rahmen der staatlichen Kulturförderung garantiert sein. In Bezug auf die soziale Sicherheit begrüsst der SGB den Vorschlag, die Bestimmungen für Kulturschaffende in der AHV auszuweiten und das Beratungsangebot auszubauen. Es braucht aber auch Lösungen, um Kulturschaffende mit stetig sinkenden Pensen in der Arbeitslosenversicherung besser abzusichern. Die angedachte gesamtschweizerische Beratungs- und Dienstleistungsstelle für Kulturschaffende muss unter Einbezug der Berufsverbände konkretisiert werden. Denn nur sie verfügen über breite Erfahrungen und fundierte, branchenspezifische Kenntnisse. Bestehende regional und branchentechnisch spezialisierte Beratungsangebote dürfen nicht untergraben werden.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/03/Bundesrat.jpg12492000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-03-04 06:29:142024-03-04 16:11:53Kulturbotschaft des Bundes: Schöne Worte …
Vor und hinter der Kamera: Von den 100 erfolgreichsten Filmen 2023 hatten nur 30 eine weibliche Hauptfigur oder Co-Hauptfigur. Der niedrigste Wert seit über einem Jahrzehnt. Hinter der Kamera waren es sogar nur 22 Prozent.
2023 galt, vor allem auch wegen des Barbie-Filmes, als „Jahr der Frauen“. Nun, nein. Die Erhebung der kalifornischen Annenberg Inclusion Initiative zeigt nicht nur, wie stark Mädchen und Frauen als Protagonistinnen repräsentiert werden. Sie verdeutlichen auch ganz konkret die Karrierechancen für Schauspielerinnen in der Filmindustrie.
Frauen über 45 doppelt diskriminiert
Die streikbedingte Verschiebung mancher Filme ins Jahr 2024 reiche nicht als Erklärung für den Rückgang aus – »Das ist ein katastrophaler Rückschritt für Mädchen und Frauen im Film«, sagte die Gründerin der Annenberg-Initiative, Stacy L. Smith zu Spiegel . »In den vergangenen 14 Jahren haben wir die Fortschritte in der Branche beschrieben«. Deshalb sei diese Wende so erstaunlich. Sie stehe in klarem Widerspruch »zu all dem Gerede über 2023 als dem ›Jahr der Frauen‹«.
Nur drei Filme hätten Protagonistinnen, die älter als 45 Jahre seien, notierte die Initiative in ihrem Report weiter: »Cocaine Bear« (Keri Russell), »My Big Fat Greek Wedding 3« (Nia Vardalos) und »Magic Mike’s Last Dance« (Salma Hayek). Im Gegensatz dazu seien 32 Männer dieser Altersgruppe Protagonisten gewesen.
Weniger als ein Viertel Frauen in den wichtigsten Filmjobs
Im Branchenmagazin Cineman führt die Journalistin Maria Engler vor: 2023 waren in den 250 finanziell erfolgreichsten Filmen lediglich 22 Prozent der Jobs in Regie, Drehbuch, Produktion, Schnitt und Kamera von Frauen besetzt, wie Die Studie «The Celluloid Ceiling» von Dr. Martha M. Lauzen der San Diego State University zeigt. Im Jahr 2022 waren es noch 24 Prozent. Dreht man diese Zahlen um, wird das Bild noch deutlicher: In 83 Prozent der Filme führten Männer Regie, in 94 Prozent der Fälle führte ein Mann die Kamera.
In den einzelnen Sparten gibt es dabei mitunter grosse Unterschiede. Die besten, wenn auch fernab von fairen, Chancen haben Frauen in der Filmproduktion. Bei den 250 erfolgreichsten Filmen hatten 26 Prozent Produzentinnen und 24 Prozent ausführende Produzentinnen. Im Bereich Schnitt arbeiteten 21 Prozent Frauen und Drehbücher wurden zu 17 Prozent von Frauen geschrieben. Greta Gerwig und ihre Regie-Kolleginnen waren lediglich an 16 Prozent der Filme beteiligt und besonders traurig sieht es im Bereich Kamera aus – hier waren nur 7 Prozent weiblich besetzt.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/02/barbie.jpg10001500Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-02-28 09:56:422024-02-28 10:59:14Hollywood diskriminiert Frauen stärker
„Du kannst nichts verpassen, was für dich bestimmt ist!“ – ein schöner Slogan, beruhigend, glaubwürdig und gibt einem ein gutes Gefühl. Da ich ein Mensch bin, der gerne alles infrage stellt und anderer Perspektive betrachtet, bin ich mir nicht sicher, ob die Psychologen damit nicht einfach nur ihre Klienten entspannen wollen.
Von Stefanie Gygax
Einige Jahre lang nahm ich diese Aussage an. Es half mir Vertrauen in meinen Weg zu finden und – da ich meistens mit Mut gesegnet bin – bei Chancen dementsprechend zu handeln. Ich machte mir kaum Gedanken über verpasste Gelegenheiten. Wieso sollte man über etwas nachdenken, das man
sowieso nicht mehr ändern kann?
Ein kürzliches Ereignis hat mich da doch etwas aufgerüttelt. Bisher habe ich eine Absage hingenommen und ein „Sorry, momentan haben wir keine Vakanzen“ als Tatsache akzeptiert. Nach einem ersten persönlichen Vorsingen letzten Sommer offerierte mir eine Casting-Direktorin eine Worksession auf der grossen Bühne im Herbst. Sie würde ausserdem nach kleinen Rollen Ausschau halten, um mich mit dieser Bühne vertraut zu machen.
Ich war begeistert und freute mich über das Angebot. Was dann aber folgte, war alles andere als erfreulich. Ich bekam keine Antwort mehr auf meine Mails und Anrufe wurden auch nicht entgegengenommen. Über ihre Assistentin, die ich persönlich kannte, versuchte ich dann mit ihr Kontakt aufzunehmen. Auch von ihr bekam ich erstmal keine Antwort, konnte sie dann aber telefonisch erreichen. Sie vertröstete mich auf später und dass sie sich melden würde.
Der Herbst wurde immer dunkler und auf meine Mails gab es noch immer keine Reaktion. Im November erreichte ich dann per Telefon die Assistentin nochmals und wurde ein weiteres Mal vertröstet. Als ich mich dann im Januar entschlossen habe, etwas direkter oder für uns Schweizer doch eher forsch zu schreiben, bekam ich von der Assistentin die typische Abschiebungsfloskel: „Es tut mir leid, wir machen unter dieser Intendanz bis Sommer 2025 keine Vorsingen und auch keine Worksessions mehr. Ich melde mich, falls es eine Möglichkeit gibt, aber momentan haben wir auch keine Vakanzen.“
Wie bitte?
Normalerweise hätte ich das akzeptiert, aber weil mir die Casting-Direktorin diese Dinge offeriert hat, die für mich ein Sprungbrett bedeuten können, konnte ich das nicht einfach so hinnehmen. Also habe ich der Casting-Direktorin auf die Mailbox geredet, ziemlich forsch und nochmal ein Mail geschrieben und gefordert, sie solle mich bitte mit Respekt behandeln und ihr Wort halten.
Zwei Stunden später hatte ich eine Antwort von ihr persönlich! Nachdem ich ein halbes Jahr lang keine Reaktion bekommen habe, ging es jetzt plötzlich so schnell. Sie versicherte mir, dass wir diese Worksession jetzt im Frühjahr machen, da müsse ihre Assistentin wohl wegen Deutsch/Englisch was falsch verstanden haben. Sie mache mit gezielten Sängern sehr wohl Auditions und wegen der kleinen Rollen für die nächste Saison wisse sie dann in den nächsten Wochen mehr.
Entschuldigung? Ist das euer Ernst? Wollt ihr mir damit sagen, dass ich die Chance meines Lebens verpasst hätte, wenn ich jetzt nicht frech geworden wäre und eure Antwort einfach hingenommen hätte? Das hat meine Grundeinstellung von wegen, man soll die Dinge so akzeptieren, wie sie sind im Kern erschüttert.
Denk jetzt mal ernsthaft nach, wie oft du dich hast abwimmeln lassen. Ich finde diese Respektlosigkeit den Künstlern gegenüber eine Frechheit.
Natürlich kann jeder Mensch mal etwas vergessen, aber … Ich möchte dich dazu auffordern, nicht immer sofort nachzugeben, dich zu wehren und deinen „Vorgesetzten“ auf Augenhöhe zu begegnen. Die veralteten Hierarchien können nur durchbrochen werden, wenn wir Künstler*innen anfangen für uns einzustehen, ohne ständig Angst zu haben, dass es den nächsten Job kosten könnte.
Ich wünsche mir eine Theaterwelt, in der die Künstler als das behandelt werden, was sie sind: Nämlich die Protagonisten, die vorne auf der Bühne stehen und ihr Innerstes nach Aussen kehren. Ohne uns läuft gar nichts. Also egal ob Künstler oder Vorgesetzter: Versuche dich doch mal an dem Experiment, in deinem Alltag das Gegenteil von dem zu machen, was du normalerweise tust und beobachte, wie sich dein Leben verändert.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/02/gygax-scaled.jpg11522048Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-02-26 09:05:142024-02-26 09:07:49Dem Schicksal in den Hintern treten
Letztes Jahr stellte SzeneSchweiz die Rechnungsstellung auf E-Mail um. Das hat zu Verwirrungen bei der Begleichung der Mitgliederbeiträge geführt.
Ein grosser Teil der Beiträge des letzten Jahres wurden noch nicht beglichen. Das hat damit zu tun, dass die Rechnungen neu per E-Mail kommen, und wohl oft übersehen werden („Das Mail schaue ich mir später an!“ – „Schon wieder ein Newsletter“). Für SzeneSchweiz ist das ein wirkliches Problem, da so die Gelder fehlen, um Unterstützung wie rechtliche Beratung oder Workshops oder Betreuung zu finanzieren.
Das Sekretariat hat sich deshalb in diesem Jahr nochmals die Mühe gemacht, eine Erinnerung per Post an alle Mitglieder zu verschicken. Also, bitte checkt, ob ihr euren Beitrag bereits einbezahlt habt (dann könnt ihr die Erinnerung ignorieren) oder ob ihr zu denen gehört, die das E-Mail übersehen haben. Dann zahlt bitte den Betrag ein. Solltet ihr Schwierigkeiten mit dem Einzahlungsprozess haben, könnt ihr bei Bank oder Post kurz nachfragen, die helfen gerne.
Solltet ihr in einer finanziell schwierigen Situation sein, meldet euch doch bitte per Mail bei info@szeneschweiz.ch, und wir finden eine Lösung, wie immer.
Wichtig ist, dass euch bewusst ist, dass wir euch nicht unterstützen können, wenn wir keine Beiträge bekommen. Euer Beitrag hilft Kolleg*innen in schwierigen Situationen, genau wie die Beiträge anderer euch einmal helfen können.
SRF hat interne Ethik-Richtlinien für den Einsatz von KI im Bereich Audio erstellt und will damit die menschlichen Sprecher*innen schützen. So siehts aus:
Regeln für die Anwendung im Bereich Audio beim SRF
Die Handlungsanweisungen gelten für alle KI-generierten und -bearbeiteten Audios, welche für folgende Anwendungszwecke genutzt werden:
Als Teil von Audio-Formaten oder Audio-Formate als Ganzes
Als Teil von Video-Formaten
Als Teil von Audio- oder Video-Anwendungen oder Audio-/Video-Anwendungen als Ganzes ausserhalb des publizistischen Prozesses
Erlaubt
Verwendung KI-generierter Audios in der Berichterstattung zum Thema KI
In der Berichterstattung zu Themen rund um Künstliche Intelligenz können KI-generierte Audios eingesetzt werden. Dabei können im Sinne eines Zitats auch KI-generierte Audios aus dem Internet verwendet werden.
Einsatz KI-generierter Audios in der Text-Vertonung zur Förderung der Barrierefreiheit
Zur Förderung der Barrierefreiheit können KI-Anwendungen zur Text-Vertonung (Text-to-Speech) eingesetzt werden (e.g. Bild-Beschreibung, Manuals und Tutorials). Künstlich generierte Stimmen dürfen verwendet werden, sofern sie nicht der Stimme einer real existierenden Person nachempfunden sind.
Einsatz KI-generierter Audios bei linearen und digitalen Formaten
Innovative Anwendungsfälle und beschränkte Experimente mit künstlich generierten Audios sind erlaubt. Dies gilt insbesondere bei digitalen Formaten (z.B. satirische Beiträge in digitalen Audios /Videos oder Moderation auf Web-/Digitalradio).
Experimente in Formaten, in denen die Nutzer:innen eine menschliche Stimme erwarten (Radio, TV, Podcasts), müssen jeweils einzeln bewilligt werden (z.B. Overvoicing)
Nicht erlaubt
Breitflächiger Einsatz KI-generierter Stimmen auf etablierten Kanälen
Künstlich generierte Stimmen dürfen überall dort nicht breitflächig verwendet werden, wo das Publikum eine menschliche Stimme erwartet. Dies gilt insbesondere für unsere linearen Audio- und Video-Angebote (Radio und Fernsehen) sowie Podcasts. Allerdings sollen in einem beschränkten Rahmen Experimente mit KI-Stimmen
auch hier möglich sein. Diese Experimente müssen aber jeweils einzeln bewilligt werden.
Einsatz KI-generierter Stimmen, die real existierenden Personen nachempfunden sind
Künstlich generierte Stimmen, die der Stimme einer real existierenden Person nachempfunden sind, dürfen grundsätzlich nicht verwendet werden. Ausnahmen sind die Anwendungsfälle „Berichterstattung zum Thema „KI“ und „Audios bei Digitalen Formaten“ im Bereich der Satire.
Einsatz KI-generierter Stimmen als Ersatz für SRF-Sprechende
Künstlich generierte Stimmen kommen nicht als Ersatz für Moderator:innen, Sprecher:innen oder Redaktor:innen zum Einsatz.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/02/Radio-Host.jpg500800Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-02-21 09:11:112024-02-21 09:13:47SRF-Regeln schützen Sprecher*innen vor KI
Der Romand Mathieu Bertholet nimmt ab Saison 25/26 die Herausforderung an, das Theater am Neumarkt zu führen.
Obwohl er in der Deutschschweiz eher unbekannt ist, hat der bilingue Walliser einen grossartigen Leistungsausweis. Zurzeit trägt der 46-Jährige die künstlerische Leitung am Genfer Poche/GVE. Er studierte in Berlin szenisches Schreiben, arbeitete an verschiedenen Genfer Theatern als Hausautor und als Tänzer. 2007 gründete er die Gruppe MuFuThe (Multifunktionstheater), wie der Tagesanzeiger berichtet.
Er ist Träger des Schweizer Preises für Darstellende Künste und legt Wert auf die Überbrückung des Röstigrabens, was ihm bereits einmal gelungen ist; Letzten Herbst feierte das vom Neumarkt und Bertholets Theater Poche koproduzierte Stück «Der untalentierte Mr. R.» in Zürich Premiere, ehe es auch in Genf zu sehen war.
Bereits letzte Woche wurde eine andere Veränderung am Neumarkt bekannt: Der Hausdramaturg Eneas Prawdzicverlässt das Theater und gönnt sich eine Auszeit.
Kunst hatte schon immer den Anspruch, das Publikum in fremde Welten zu entführen, andere Wirklichkeiten zu simulieren. Neu daran ist nur die Technologie. Corinne Soland entführt auf eine Reise durch die Geschichte der Virtualität.
Was verstehen wir denn eigentlich unter “Neue” Medientechnologien? Die meisten Technologien und damit einhergehende Veränderungen unserer Arbeit bestehen schon eine ganze Weile. Dennoch hält sich diese Begrifflichkeit, auch wenn Förder*innen mittlerweile darin übergegangen sind, “Interaktive” Medien oder “Multimediale” Kunst zu fördern.
Virtual Reality zum Beispiel wird immer noch als neues Medium betrachtet. Virtuelle Realität wird vor allem darüber definiert, dass es ein Gefühl erschafft von “präsent sein in der dargestellten Welt”. Bereits die 360°-Panorama Wandbilder aus dem 19. Jahrhundert in Europa stellten dieses Gefühl bei den Betrachtenden her. Um 1840 wurden dann stereoskope Bilder erschaffen, Fotografien, die bei den Betrachtenden ein Gefühl von Dreidimensionalität auslösten. Im 20. Jahrhundert kam die Rechenkraft von Computern hinzu. Nun wurde es erstmals möglich, grosse Simulationen zu errechnen.
Als erstes Testfeld für neue Technologien dient jeweils das Militär, so entstand auch der erste Flugsimulator. Doch die Fiktion ist auch eine grosse Ideengeberin – diverse Technologien wurden erst in Büchern und für Filme entworfen, bevor sie dann, durch Hardware umgesetzt, für Nutzer*innen verfügbar waren. Das iPad-ähnliche Tablet kam in 2001: A Space Odyssey zum ersten Mal vor. Es gibt im Film selber keine Anzeichen für eine Touchscreen-Technologie oder ausdrückliche Hinweise auf mehrere Funktionen, da das Tablet nur kurz zu sehen ist. Seltene Dokumente aus dem Stanley-Kubrick-Archiv belegen aber, dass Kubricks Team tatsächlich diverse Funktionen für seine Erfindung ins Auge gefasst hatte.
Virtual Reality in den 1960ern
Stanley G. Weinbaum fiktionalisierte mit “Pygmalion’s Spectacles” zum ersten Mal die Idee, dass Menschen durch Brillengläser eine andere Wirklichkeit erfahren konnten. 1950 wurde diese Idee dann auch maschinell umgesetzt – im “Sensorama”, einem Gerät, das den Nutzenden unter anderem eine Skiabfahrt fühlbar nahe bringen sollte, unter anderem mit Video und Luftbläser. Ab 1960 wurden die Brillen entworfen, deren Aussehen und Funktionen wir im Kern heute auch noch verwenden.
Was genau “neu” ist an der Neuen Medientechnologie wird also immer wieder neu definiert. Motion Capture gehört eigentlich auch bereits zum alten Eisen (dazu in einer nächsten Kolumne mehr). Was vielleicht momentan als absolut neu betrachtet werden kann, ist die kommende Generation Augmented Reality oder das Training von maschinellen Modellen, die menschliche Intelligenz simulieren sollen (und dabei etwas ganz anderes machen).
Mehr Chance als Fluch
Ich muss ehrlich sagen, auch wenn ich mich mit “Neuen” Medientechnologien beschäftige und jeden Tag damit zu tun habe: Mir ist Technik oftmals auch suspekt oder ich verstehe sie nicht. Und ich glaube, dass nicht die neuen Medientechnologien für Schauspielende eine Herausforderung sind, sondern eher die bewährten, altbekannten:
Wie kann ich eine verlässliche Website bauen, die ich einfach und schnell abfüllen kann, ohne grosse Kosten? Wie kann ich mein Theaterstück filmen, ohne dass der Ton schlecht ist und die Lichteinstellungen automatisch hin- und herwechseln? Wie kann ich mein Casting-Video aufnehmen mit dem Handy, es schneiden, Titel einfügen und losschicken? Kann ich zwei Internet-Plattformen vereinen, so dass meine Showreels auf einer Seite sind? Soll ich ein Youtube- oder ein Vimeo-Profil machen? Wie bediene ich ein Social Media Profil, damit mich die Algorithmen favorisieren?
Im Spiegelbild der Technologie
Und dann kommt noch eine andere Dimension dazu: Wer bin ich denn in diesen unterschiedlichen Medien? Selbst wenn wir einmal in der Woche ins Kino gehen oder streamen oder sonstwie Video konsumieren: wir sehen uns selber selten auf Video, ausser in den fertigen Produkten (mit Maske, perfekt ausgeleuchtet und cadragiert).
Ganz ehrlich – nehmt ihr euch auch verzerrt wahr über Video? Bei mir entstand so auch schon die Frage: Ich bewege mich doch schon “schnell”, wieso sieht es auf Video nicht “schnell” aus? (Schnelligkeit ist relativ, I guess.) Video zeigt mich demnach, wie ich auf Video bin. Nicht, wie ich mich empfinde oder wie ich “schnell” empfinde. Meine Wahrheit deckt sich in dem Moment nicht mit der „Wahrheit“, welche die Kamera zeigt.
Motion Capture Bewegungserfassung zeigt, wie meine Bewegungen aussehen als dreidimensionale Koordinaten in einem dreidimensionalen, digitalen Raum. Technologien können uns nicht perfekt abbilden. Sie können ergänzen, simulieren, weiterführen oder die Basis bilden für etwas, das wir hinzugeben.
Ein neuer Spielplatz für menschliche Neugierde
Computerspiele entstanden, weil ein paar neugierige Menschen ein wenig mit der Hard- und Software von Computern herumgespielt hatten. Weil sie eine Technologie genommen und sie gehackt hatten, also das Bestehende für eine andere Verwendung nutzen. Für die Verwendung, die sie wollten. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir durch unsere Kreativität Dinge erschaffen können. Zum Beispiel ein ganz neues Medium wie Videospiele.
“Neu” ist also immer von uns abhängig. Und wenn wir mal keine Lust haben auf “neu” können wir auch immer noch auf “neu” machen. So wie im fabulösen Stück “Ersatz” von Aïe aïe aïe Collectif d’Artistes, das für zwei Vorstellungen zu Gast war am Theater Stadelhofen in Zürich. Sarah Reyjasse spielte die Erfahrung von Virtual Reality – komplett ohne ein einziges reales Virtual Reality Headset auf der Bühne. Das war grossartig – und umspannte ohne menschliche Worte die ganze Menschheitsgeschichte.
Sono aperte le iscrizioni per il workshop «Quanto strutturata dev’essere l’attività di un creativo?» diretto da Paola Valchera, coach e facilitatore, con special guest Maria Bonzanigo.
27 febbraio 2024 ore 13.30 – 17.00
presso Hotel Pestalozzi Lugano
Info e iscrizioni entro il 23 febbraio a info@scenasvizzera.ch / tel. 078 806 70 60
Il workshop e gratuito per i membri ScenaSvizzera (CHF 50.- per i nonmembri).
Svolgimento del workshop:
Nella prima parte, i partecipanti saranno invitati, attraverso un workshop *facilitato, a riflettere sui diversi approci alla creatività. Esploreremo gli aspetti importanti, ma soprattutto condivideremo le esperienze e le pratiche dei partecipanti.
Dopo un Networking Caffé accoglieremo la special guest Maria Bonzanigo, compositrice e coreografa della Compagnia Finzi Pasca con la quale dialogheremo sul suo approcio alla creatività.
*La facilitazione crea un ambiente collaborativo, gestisce le dinamiche di gruppo, sviluppa competenze di leadership, migliora i processi decisionali e rende le riunioni più produttive.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/02/kreativitaet.jpg6671000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-02-06 11:20:292024-02-06 11:25:13Workshop: Creatività e struttura?
Im Januar haben wir an dieser Stelle darüber informiert, dass SzeneSchweiz neu auch die Teilnahme an der Schweizer Künstlerbörse mit dem jährlichen Weiterbildungsbeitrag von CHF 100 unterstützt. Gerne doppeln wir zur Erklärung mit einer Ergänzung nach:
Voraussetzung für die Bewerbung an der Künstlerbörse ist eine Mitgliedschaft beim Verband t. Theaterschaffen Schweiz. Nur wenige unserer Mitglieder sind allerdings bei beiden Verbänden Mitglied. SzeneSchweiz unterstützt eure Präsenz an der Künstlerbörse dennoch wie folgt:
Wer nicht Mitglied bei t. Theaterschaffen Schweiz ist und sich deshalb nicht für einen Auftritt an der Künstlerbörse bewerben kann, aber trotzdem gerne als Besucher*in an die Künstlerbörse gehen möchte: SzeneSchweiz beteiligt sich an den Eintrittstickets und Tagespässen (Kosten: zwischen CHF 50 und CHF 180)
ODER
Wer sowohl bei SzeneSchweiz als auch bei t. Mitglied ist und sich für die Künstlerbörse bewirbt, kann unseren Weiterbildungsbeitrag für die Einschreibegebühr (Kosten: CHF 50) nutzen. Im Falle eines Auftritts unterstützen wir euch auch bei der «Startgebühr» (Kosten: CHF 300).
Schickt uns bitte eure Quittung für die Tickets oder die Zahlungsbestätigung für die Einschreibe- oder Startgebühr: info@szeneschweiz.ch.
IBAN-Nummer nicht vergessen, damit wir euch den Weiterbildungsbeitrag auszahlen können!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/02/Kuenstlerboerse.jpg4511000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-02-06 11:09:132024-02-06 11:11:07Weiterbildungsbeitrag für die Künstlerbörse: Nachtrag
Nach 5 Jahren als Hausdramaturg am Theater Neumarkt in Zürich blickt Eneas Nikolai Prawdzic zurück auf Stücke der Hoffnung, Produktionen wie Spitzensport und verrät, wie prägend Theater sein kann Interview: Seraina Kobler
Eneas Prawdzic, in deiner Kurzbiografie steht, Dringlichkeit sei dein Lieblingswort. Wie verwendest du es in Bezug auf das Theater?
Als Wegweiser. Die Frage stellt sich genauso beim Gestalten eines Spielplans wie während der Proben. Mein Job ist ein ständiges Einschätzen und Gewichten. Was erzählen wir mit dieser und jener Entscheidung und warum? Natürlich gibt es dafür unzählige Variablen, die es zu berücksichtigen gilt – gerade an einem Stadttheater – aber für mich ist die Frage nach der Dringlichkeit eine unverzichtbare.
Das liegt wohl an meinem Verständnis von Theater und allgemein der Künste als wichtiger Pfeiler jeder offenen und demokratischen Gesellschaft. Man könnte sagen, die Dringlichkeit ist die Nadel meines humanistischen Wertekompasses. Wo die humanistischen Werte an Boden verlieren, schlägt sie besonders aus.
Kannst du das erklären?
Wer meint, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Demokratie sind Errungenschaften, für die es sich nicht mehr einzusetzen braucht, ist naiv. Der Aufklärung weht ein eisiger Wind entgegen. Wenn die führenden Köpfe der grössten Partei in diesem Land den ungarischen Premierminister Viktor Orbán einladen und wie ein Superstar feiern, dann heisst das auch für dieses Land nichts Gutes.
Orban schwärmt von seinem Modell der illiberalen Demokratie und macht kein Hehl daraus, dass er von freien Medien oder Gerichten nur wenig hält. Wenn beispielsweise ein rechter Mob mit Unterstützung derselben Partei in diesem Land eine performative Kinderlesung mit Drag Queens und Kings stören und verbieten will, dann müssen bei uns alle Alarmglocken läuten.
Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass autoritäre Kräfte, wenn sie an die Macht kommen, die Künste als etwas vom Ersten angreifen…
Ein Beispiel, das auch meine Familie betrifft: In Polen löste 1968 ein Theaterstück Jugendunruhen aus. Das Stück las man als Kritik an der Sowjetunion. Die Regierung setzte es ab. Es kam zu den grössten Demonstrationen seit Kriegsende. Leider nimmt diese Geschichte kein gutes Ende. Die Regierung hatte schnell die Schuldigen gefunden. Es traf wie so oft die jüdische Bevölkerung.
Die wenigen tausend polnischen Überlebenden der Shoah und ihre Nachkommen wurden als „fünfte Kolonne“ gebrandmarkt und aufgefordert, das Land zu verlassen. Im Zuge der antisemitischen Hetze flüchteten auch meine Grossmutter mit meiner Mutter aus Polen. Sie wurden staatenlos, erhielten über Umwege drei Jahre später in der Schweiz Asyl.
Womit kann Theater diese Kraft entfalten?
Ich würde sagen, die Antwort fällt je nach Kontext anders aus. Was aber doch unabhängig von Zeit und Raum gilt: die Kraft des „als ob“ und der Versammlungscharakter. Die Macht der physischen Kopräsenz, sie bewirkt, dass kollektive real-fiktive Erlebnisse entstehen, die mal subversives, mal utopisches Potenzial haben. Diese Erfahrungen von Agency, Freiheit oder Solidarität können sich ins Bewusstsein einschreiben. Theater kann Möglichkeitsräume erproben.
Mit dem Kollektiv «Proberaum Zukunft» lotet ihr diesen Raum noch mehr aus – und webt die Fiktion unter reale Begebenheiten, wenn etwa Politiker:innen in einem Stück sich selbst spielen …
Wir haben uns gefragt, wie wir den Theaterapparat so in Bewegung setzen können, dass Menschen sich in einer Versammlung wiederfinden, in der wichtige gesellschaftliche Entscheidungen debattiert und gefällt werden und in der die Anwesenden für einen Moment vergessen, dass es sich hierbei nur um eine Fiktion handelt.
So haben wir etwa zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution 2017 behauptet, die Schweizer Revolution fände gerade statt und wir seien eine der über 2000 Versammlungen, die zeitgleich über die Frage abstimmen, ob die Revolution weitergeführt und eine verfassungsgebende Versammlung einberufen werden soll oder das Ganze wieder abgeblasen wird.
Aber warum mit echten Politiker*innen und nicht mit Schauspieler*innen?
Wenn etwa Aline Trede von den Grünen oder Fabian Molina von der SP behaupten, sie seien Teil der Revolution, dann beginnt sich ein interessanter Raum zwischen Realität und Fiktion zu öffnen. Aus dieser Real-Fiktion im Zürcher Volkshaus entstand dann das Kollektiv Proberaum Zukunft. Seither entwickeln wir Versammlungsformate, in der wir fiktive Schlüsselereignisse der Geschichte erproben.
Zur Person:Eneas Nikolai Prawdzic, geboren 1989, ist seit der Spielzeit 2019/20 Hausdramaturg am Neumarkt und Co-Regisseur des Kollektivs «Proberaum Zukunft». Er arbeitete als Regieassistent am Schauspielhaus Zürich sowie als Dramaturgieassistent am Luzerner Theater. Bevor er sich dem Theater zuwandte, engagierte er sich im Feld der Politik u.a. als Politischer Sekretär sowie Mediensprecher und Kampagnen-Leiter Eidgenössischer Volksabstimmungen. Er studierte Soziologie an der Universität Zürich und an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau sowie Dramaturgie an der Zürcher Hochschule der Künste.
Wo ist da die Grenze zum Aktivismus? Wie bleibt Kunst dennoch frei?
Wir bewegen uns im fiktiven Raum. Hier herrscht das Gebot des „als ob“, was im Idealfall eine produktive Reibung mit dem Ist-Zustand ermöglicht. Mir bleibt in Erinnerung, wie nach der Real-Fiktion „Die Aarau AG“ (2021) im Aargauer Kantonsparlament sich u.a. beteiligte Politiker:innen von links bis rechts für diese Erfahrung bedankt haben.
Die Kunst kann hier Mittel sein, um das Vorstellbare durch das Erleben einer Fiktion zu erweitern. Das kann man aber auch mit einem abstrakten Gemälde, mit Tanz und Musik, die Menschen in andere Welten entführen, von dort aus sie wieder anders auf ihr Leben blicken.
Ist das auch eine Handlungsoption, gegen die Hoffnungslosigkeit, die einem manchmal unter der täglichen Nachrichtenflut befällt?
Natürlich bin auch ich oft morgens erschlagen, wenn ich die News-App öffne. Da finde ich es auch absolut legitim, wenn die Kunst auch einfach mal zur Realitätsflucht dient. Schliesslich müssen wir auch auftanken und das Leben geniessen. Dann wissen wir wieder, für was es sich zu kämpfen lohnt. Trotzdem, ein positiver Wandel wird nur dann einsetzen, wenn die Menschen sich damit befassen und sich organisieren. Da das viel zu wenig geschieht, verstehe ich alle, die an der aktuellen Situation verzweifeln.
Wie gehst du damit um?
Oft hilft mir der Perspektivenwechsel, was ja auch das Geschäft des Theaters ist. Wie sah es vor dreissig Jahren oder vor dreihundert Jahren aus? Wie nehmen Menschen mit anderen Biografien oder aus anderen Weltregionen die Gegenwart wahr? Der Perspektivenwechsel ermöglicht mir, anders auf meine Realität zu blicken. Gerade durfte ich eine Produktion der Gruppe ‚Bruch‘- dramaturgisch begleiten.
Sag Eneas, was macht ein Dramaturg eigentlich ganz genau?
Das ist tatsächlich schwierig zu beschreiben (lacht). Am einfachsten erklärt: Als Hausdramaturg entwickle ich mit meinen drei Kolleginnen einen Spielplan. Das ist die kuratorische Arbeit. Wir vier splitten dann die Produktionen untereinander auf und ich bin dann für das Gelingen der mit anvertrauten Produktionen verantwortlich. Für mich beginnt produktionsspezifische Arbeit immer mit der Frage, wie ich die Regie und das gesamte Team am besten künstlerisch unterstützen kann.
Letztendlich führt das dazu, dass der Job jedes Mal etwas anders ist. Was sind die Bedürfnisse, Dynamiken und wo sehe ich Handlungsbedarf? Manchmal läuft das auf eine Art Co-Regie hinaus, ein anderes Mal bin ich mehr Outside Eye, wo punktuell die Proben begleite und erst ab den Endproben intensiv betreue. Dasselbe beim Text: Mal bin ich für den Text verantwortlich, mal bleibe ich in der Rolle des Lektors.
Das braucht eine gute Beobachtungsgabe…
Bestimmt, ja. Einfühlsam sein, Rücksicht nehmen, aber auch das eigene Ego zurücknehmen sind meiner Ansicht nach essenziell für diese Funktion. Auch wenn du während der Proben denkst, die eine Abzweigung wäre besser gewesen, wenn die Regie sich gegen deine Intention entscheidet, musst du dich damit abfinden und weiter geht’s. Neben dieser Arbeit fallen dann noch so To-dos wie Ankündigungstexte oder Pressemappen in meinen Verantwortungsbereich.
Nach fünf Jahren am Theater Neumarkt nimmst du dir eine Auszeit. Was hast du gelernt in der Zeit?
Es waren fünf intensive und lehrreiche Spielzeiten mit tollen Künstler:innen und einem inspirierenden Team. Ich habe grosses Glück, Teil dieses „unbedingten Theaters“ zu sein. Zugleich ist der Job auch auszehrend. Jemand hat es mal mit Spitzensport beschrieben. Ich finde, das beschreibt den Ausnahmezustand ganz gut, in den du gerätst, wenn die Proben starten.
Du kriegst sechs Wochen und dann go! Am Ende will jeder eine Medaille. Wenn du dir dann noch den Weg zu Ziel mit experimentellen Stückentwicklungen verkomplizierst, nimmt die Challenge weiter zu … Auch wenn das Theater mit öffentlichen Geldern finanziert wird, sind die Ressourcen knapp. Trotzdem halte ich es aus künstlerischer und menschlicher Sicht für notwendig, dass man den Marathon-Charakter ein wenig abschwächt und auch Raum fürs Flanieren lässt.
Welche Rahmenbedingungen bräuchte es, um auch im Alltag zum Durchatmen zu kommen?
Ich plädiere ganz klar dafür, dass 8 Wochen pro Produktion die Regelzeit für eine Inszenierung werden. Auch wenn das bedeutet, dass man als Haus weniger Stücke produziert. Ich bin überzeugt, solche Stücke würden noch besser und das würde sich wiederum auf die Publikumszahlen auswirken.
Idealerweise teilt man die Proben in Blöcke auf. Eine Pause kann helfen, die Dinge sacken zu lassen und noch einmal über die Bücher zu gehen. Aber an Statheatern ist das kompliziert. Trotzdem versuchen! Ausserdem ist es unfassbar wichtig, dass Resonanzräume für Austausch und Zwischenmenschliches nicht dem Stress und der fehlenden Zeit zum Opfer fallen.
Deine weiteren Pläne?
Ich würde jedem empfehlen, der, die oder they eine solche Funktion innehat, nach Möglichkeiten auch mal eine Auszeit zu nehmen. Ich hoffe, ich schaffe es, trotz all der Dringlichkeit weniger zu arbeiten, mehr zu lesen und Freundschaften zu pflegen und auch mal jenseits der Sommerpause zu reisen. Es gibt Projekte, Ideen und hoffentlich bald auch weitere Formate von Proberaum Zukunft, aber genauso freue ich mich auf das noch Unverplante, all das Unbekannte.
Zuschauer*innenschwund und 1.4 Millionen Verlust – Bürgerliche geben „woken“ Inszenierungen die Schuld.
Weniger Sponsorenverträge, weniger Besucher*innen – das Schauspielhaus schliesst das Geschäftsjahr 22/23 mit einem Minus von 1.39 Millionen Franke ab, wie der Tagesanzeiger berichtet. Und das macht die Rechnung zum Zürcher Politikum.
3 Millionen Gewinn erwartet
«Das Publikumsaufkommen entsprach über die ganze Spielzeit hinweg nicht den Erwartungen», teilt die Schauspielhausleitung mit. Budgetiert waren 3 Millionen Franken Gewinn. Die beiden grossen Spielstätten Pfauen und Schiffbau-Halle seien mit 48 Prozent und 54 Prozent ungenügend ausgelastet gewesen. Auch die Bereiche Sponsoring und Fundraising konnten laut der Mitteilung das hohe Niveau der Vorjahre nicht halten und lagen mit Einnahmen von rund 1,45 Millionen unter den Erwartungen, teilt das Schauspielhaus weiter mit.
„Woke Aufführungen sind schuld“
«Die dramatischen Zahlen unterstreichen, dass die Sorgen der FDP völlig berechtigt waren», sagt Michael Schmid, FDP-Fraktionschef im Zürcher Gemeinderat, gegenüber dem Tagesanzeiger. Das Publikum laufe dem Schauspielhaus in Scharen davon, der Kurs der scheidenden Intendanz sei «komplett gescheitert». Es brauche einen radikalen Neuanfang.
SVP-Gemeinderat Stefan Urech behauptet, ein „linksideologisches Programm“ habe die treuen Abonnenten vertrieben (von Abonnentinnen spricht er nicht). SVP-Grünen-Gemeinderat Urs Riklin sieht das anders: Nacht der Pandemie hätte sich das ältere Publikum zurückgezogen und jüngere Besucher würden weniger Abonnemente kaufen, sondern sich eher spontan für eine Vorstellung entscheiden.
SP-Gemeinderätin Maya Kägi Götz erwähnt das veränderte Freizeitverhalten im gesamten Kulturbereich. Dass der Besucherrückgang auf das künstlerische Programm allein zurückzuführen sei, bezweifelt sie.
Projekte abgesetzt, Tänzerinnen entlassen
Das Schauspielhaus hat bereits Sparmassnahmen eingeleitet, unter anderem gilt ein Einstellungsstopp. So liegen die Personalkosten inflationsbereinigt rund eine halbe Million unter dem Vorjahr. Dazu beigetragen hat auch die Entlassung von mindestens zwei Ensemblemitgliedern im Bereich Tanz.
Weiter wurden verschiedene künstlerische Projekte gestrichen und nicht zwingend notwendige Investitionen verschoben. Mittelfristig müssten wieder «deutlich mehr zahlende Zuschauerinnen und Zuschauer» kommen, um den Betrieb finanziell zu stabilisieren, hält das Schauspielhaus fest.
Neue Intendanz, guter Mix
Das Schauspielhaus nimmt die Kritik aus dem bürgerlichen Lager ernst: „Wir möchten verhindern, dass die geglückte Verjüngung des Publikums zulasten des Publikums geht, welches das Schauspielhaus seit Jahren besucht», sagt Sprecherin Zora Schaad gegenüber dem Tagesanzeiger. Schon für die aktuell laufende Spielzeit habe die jetzige Intendanz einen Spielplan zusammengestellt, der auch jene Personen wieder vermehrt ansprechen möchte, die Sprechtheater, Klassikerinszenierungen und texttreue Umsetzungen bevorzugten.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/Pfauen_Schauspielhaus_0011-scaled.jpg13672048Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-01-25 08:39:422024-01-25 09:40:51Minus 1.4 Millionen: Schauspielhaus unter Beschuss
Ist man als Darsteller*in Objekt oder Subjekt? Eine Puppe? Spielt man den eigenen Körper oder wird man gespielt? Was bedeutet das für neuere Formen der Darstellung? Corinne Soland taucht in die philosophische Tiefe der Schauspielerei.
Fühlt ihr euch manchmal wie Puppen als Darstellende Künstler*innen? Mit denen irgendwelche Andere halt so machen, was sie wollen?
Puppenspiel und Schauspiel ist ja verwandt, von daher erstaunt das nicht. Es sind erstmal Körper, die auf einer Bühne bewegt werden. Im Falle des Puppentheaters in dessen Anfängen zu unterschiedlichen Zwecken: es gab das Puppen- oder Marionettentheater eher europäischer aka westlicher Tradition, das auf Unterhaltung der Menschen aus war. Und dann gab es das Puppen- und Marionettentheater des asiatischen Raumes und Nahen und Mittleren Ostens, das eher die Gottheiten als Zuschauende annahm. Ausnahmen natürlich überall inkludiert.
Körper also, die zu einem bestimmten Zweck auf einer Bühne bewegt werden. Natürlich kommt da die Frage auf: von wem? Das ist relativ einfach: auch von Körpern! Nun gut, ich mache es mir damit etwas einfach, es gibt heute zum Beispiel auch Maschinen, die einzig für den Zweck designt werden, Puppen zu spielen – doch ich möchte es für den Zweck dieser Kolumne kurz darauf herunterbrechen. Ausserdem vernachlässige ich in diesem Text auch die Stimme (die zum Beispiel im Bunraku, einer traditionellen japanischen Form des Puppentheaters, als Element ihre ganz eigene Funktion hat), es sei mir verziehen.
Der eigene Körper als Puppenspieler*in
Da gibt es also Körper, die Objekte sind, die handgefertigt werden aus Holz, Stoff, Plastik, Leder, Stopfwolle, Fäden und so weiter und so fort. Nennen wir sie Puppen. Diese Objekte werden durch Subjekte, nennen wir sie Spieler:innen, so bewegt, dass sie für die Zuschauenden als Subjekte wahrgenommen werden. Sie erhalten durch eine Erzählung, möge sie auch noch so minimal sein, ein Eigenleben.
Dann gibt es Körper, die Subjekte sind, nennen wir sie Schauspielende, welche ihrerseits eine virtuelle Person erschaffen. Diese Person gibt es nicht wirklich, eigentlich existiert sie irgendwo zwischen Text und Körper und als Wechselwirkung in den Köpfen der Spielenden und der Zuschauenden. Und doch gibt es ja einen Körper für diese virtuelle Figur, den Körper der:s Spielenden. Also ist auch das eine Subjekt-Werdung durch die Hilfestellung eines Körpers. (Was bedeuten würde, dass wir das, was virtuell entsteht, als Objekt bezeichnen könnten, was natürlich die Frage aufmacht: wann beginnt ein Subjekt?).
Seid ihr noch dabei?
Wenn ich heute in den Motion Capture Anzug reinsteige und die 3D Bühne betrete, dann bin ich beides. Ich bin der Körper, der spielt und ich bin der Körper, der gespielt wird. Ich bin gleichzeitig die:r Puppenspieler:in und die Puppe. Wenn ich meinen Arm hebe, dann hebt sich auch der Arm der digitalen Puppe. Da sie exakt genau meine Bewegungen ausführt, mache ich nicht die für das Puppenspiel und Marionettentheater typischen Bewegungen, um die Darstellung der Puppe möglichst lebensecht erscheinen zu lassen: ich selbst muss meinen Körper so bewegen, dass es möglichst lebensecht aussieht. Also wie Schauspiel. Aber halt mit einer Puppe, die “realtime”, gleichzeitig mit mir, als Spiegel funktioniert.
Wir könnten also von einer neuen Berufsgattung sprechen. Es ist ein anderes Feld als Schauspiel, in dem dein Körper das repräsentiert, was du darstellen möchtest. Und es ist ein anderes Feld als das Puppen- und Marionettentheater, in welchem dein Körper die Repräsentation unterstützt, die du mit einem anderen Körper darstellen möchtest.
Sucht Autonomie in der Darstellung
Es ist eine Vermischung, ein “Entanglement”, eine Verwebung, ein Miteinander-Durcheinander, ein Ermöglichen und eine Erweiterung.
Wenn ihr also wieder einmal das Gefühl habt, mit euch “wird gemacht” auf der Bühne – überlegt euch, ob ihr euch als Subjekt oder als Objekt behandelt fühlt. Und wo genau liegt da eure Trennlinie? Wann nehmt ihr euch als Subjekt wahrgenommen und ernst genommen?
Oder in der Erarbeitung eurer Figur: Fühlt sie sich noch etwas “objekt-artig” an? Was braucht sie, um Subjekt zu werden? Muss der Körper eventuell anders involviert sein – ob Puppenkörper oder euer eigener?
Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/Kolumne-Corinne.jpg5701000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-01-24 07:45:042024-01-24 07:45:43Puppe oder Spieler?
Am Apero an den Solothurner Filmtagen trafen sich Darsteller*innen, um Sorgen und Hoffnungen der Branche zu teilen.
Sie tröpfelten anfangs, von Regen und Wind durchgeschüttelt, einzeln in den Uferbau. Eine Stunde später konnte man das eigene Wort nicht mehr verstehen. Geschätzte 80 Mitglieder von SSFV und SzeneSchweiz fanden sich ein. Die Themen wie so oft: Wer war und ist in welchen Produktionen beschäftigt? Und wie kommt man zu Jobs?
Prekäre Löhne, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Existenzsicherung zeigten sich als die Hauptsorgen in den Gesprächen der Mitglieder. „Wie soll man eine Familie planen, wenn man schon als Einzelperson kaum durchkommt?“, war zu hören. Einige nutzten die Gelegenheit, Beratung der Verbände gleich vor Ort in Anspruch zu nehmen.
Trotz Sorgen und Ängsten war der Apéro ein recht entspanntes und konstruktives Zusammenkommen. Neben Diskussionen zur Zukunft des Berufes hörte man auch viel Gelächter und sicher wurde das eine oder andere Projekt besprochen, vielleicht sogar gestartet. Treffen wie diese sind nicht nur wichtig für den Austausch der Szene, sie sind auch ein Stimmungsbarometer für die Verbände, um zu definieren, wo die dringendsten Anliegen drücken.
Je später die Stunde, umso lockerer die Gespräche und flüssiger der Wein. Dankbar für den Apéro waren sie alle.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/sopro.jpg5271000Redahttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgReda2024-01-23 08:28:242024-01-23 08:29:30Filmtage: «Wie kommt man zu Jobs?»
Il 28 ottobre 2023, ScenaSvizzera, il Centro di Transizione SSUDK e il LAC Lugano (nell’ambito di LAC edu) hanno ospitato un dibattito sul tema „Carriera in movimento…“ in conversazione con la regista Laura Kaehr e il direttore SSUDK Oliver Dähler e con l’ospite speciale Giulia Tonelli, solista del Ballett Zürich.
Articolo scritto da Katja Vaghi, danzatrice, coreografa e ricercatrice di danza si forma alla Ballet Arts di New York per poi proseguire il suo percorso di approfondimento tra Zurigo, Londra e Berlino. Addottorata in studi della danza presso la University of Roehampton (UK), alterna lo studio teorico e la critica alla creazione per la scena. È lecturer presso la scuola per le arti sceniche e visive DIE ETAGE a Berlino, e guest lecturer e project supervisor alla Rambert School of Ballet and Contemporary Dance (BA e MA) a Londra. Ha una formazione nelle tecniche somatiche GYROTONIC®, GYROKINESIS® e yoga.
Nella società liquida descritta da Zygmunt Bauman, siamo sempre in transizione; l’unica certezza è l’incertezza. E alla mancanza di punti fermi, le danzatrici e i danzatori rispondo con creatività e adattabilità, non solo in scena. Abituati a coniugare apparenti contraddizioni come una prestazione da sportivi d’élite con un’alta sensibilità artistica, o il rilocarsi in un’altra nazione ad uno schiocco di dita, per la maggiore, con un contratto a tempo determinato in mano, le artiste e gli artisti della scena sono ben consci che nonostante tutta la dedizione e il precoce investimento di energie la loro sarà una carriera corta, molto più corta che in altre professioni. La passione per il movimento e la danza guidano la scelta verso queste professioni, e se a vent’anni ci si sente di avere una riserva d’energia pressoché infinita con il passare degli anni questa scema lentamente. Vi possono anche essere eventi che determinano una prematura chiusura di carriera. Spesso questo intenso legame con la propria arte non ha lasciato il tempo per esplorare altri interessi o passioni che aiuterebbero il reindirizzamento verso qualcosa di diverso. In questo caso c’è bisogno se non di una guida, quanto meno di uno scambio d’idee con qualcuno di affine. Fondata nel 1993 dall’Associazione Svizzera degli artisti scenici (SBKV, adesso SzeneSchweiz), la Fondazione per la riqualifica degli artisti della scena (SSUDK) dal 2016 ha un Centro di Transizione. Diretto dal danzatore, coreografo e pedagogo Oliver Dähler, il centro si prodiga di sostenere questo delicato momento di transizione accompagnando le artiste e gli artisti a trovare risorse economiche, psicologiche ed emotive.
Nella società liquida descritta da Zygmunt Bauman, siamo sempre in transizione; l’unica certezza è l’incertezza. E alla mancanza di punti fermi, le danzatrici e i danzatori rispondo con creatività e adattabilità, non solo in scena.
Il 28 ottobre 2023, ScenaSvizzera, il Centro di Transizione SSUDK e il LAC Lugano (nell’ambito di LAC edu) hanno ospitato un dibattito sul tema „Carriera in movimento…“ in conversazione con la regista Laura Kaehr e il direttore SSUDK Oliver Dähler e con l’ospite speciale Giulia Tonelli, solista del Ballett Zürich. Aperto dalla rappresentante per il Ticino di ScenaSvizzera, Margit Huber, l’evento ha visto Dähler in conversazione con l’ex-danzatrice ticinese Laura Kaehr autrice di Becoming Giulia uscito nelle sale l’anno scorso, insieme con l’interprete del lungo metraggio, Giulia Tonelli, solista presso il balletto dell’Opernhaus di Zurigo. (Link dell’ intervista con Laura Kaehr nella trasmissione Ticinonews del 28 ottobre 2023, a partire dal minuto 15.28)
L’intensità della carriera all’interno di una compagnia spesso è accompagnata da una completa dedizione fisica, emotiva ed intelletuale al lavoro durante l’anno teatrale che non permette di intraprendere una traiettoria di sviluppo durante questi engagements.
La carriera di una/un artista della scena è breve ed inizia molto presto. L’intensità della carriera all’interno di una compagnia spesso è accompagnata da una completa dedizione fisica, emotiva ed intelletuale al lavoro durante l’anno teatrale che non permette di intraprendere una traiettoria di sviluppo durante questi engagements. Per chi è freelance invece, si aggiunge spesso anche la mancanza di fondi come ostacolo ad una graduale riconversione professionale negli anni precedenti al ritiro dalla scena. Storicamente il bisogno di sostenere la transizione di carriera delle artiste e artisti della scena è partito dai paesi anglosassoni con la fondazione nel Regno Unito nel 1973 del Dancers Career Development (DCD). A questo è seguito nel 1985 il canadese Dancer Transition Resource Centre e il Career Transition for Dancers (CFTD) negli Stati Uniti. In Europa, il Retraining Program for Dancers (SOD) in Olanda viene fondato nel 1986. L’Organizzazione Internazionale per la Transizione Professionale dei Danzatori (IOTPD) è stata fondata nel 1993 a Losanna e ora ha preso il nome di Danse-Transition. Uno degli ultimi arrivati è la Stiftung TANZ, centro di transizione germanico con sede a Berlino ed istituito nel 2010. Durante il 2022 ad esempio il SSUDK in Ticino ha sostenuto la riconversione professionale di dieci persone. In totale, 170 artisti hanno beneficiato dei servizi di consulenza del Centro di Transizione della SSUDK sul tema della transizione professionale.
Due vite (professionali) in una, è questo quanto la fondazione SSUDK si riprone con la transizione. Il filo che lega queste due vite non va spezzato ma portato pian piano a trasformarsi in altro, per cambiare lentamente colore. Spesso si pensa che l’unico mestiere che si possa fare una volta terminata la carriera sul palco sia nell’insegnamento di danza o in qualche altro ruolo in stretto contatto con la scena. Il sostegno del SSDUK permette di aprire strade nuove di questo rimettersi in gioco, di pensare ‘out of the box’ andando, se si vuole, oltre la danza ed intraprendendo qualcosa di completamente diverso. Con il nuovo inizio formativo gli spazi della sala da prova e del palco sono sostituiti dai banchi di scuola e la presa di coscienza che la nuova professione richiederà un altro tipo di sforzo da parte dell’individuo. Un sostegno emotivo e psicologico aiuta a vedere l’esperienza come danzatrice o danzatore come un atout che porta con sé tutto un bagaglio di soft skills che saranno di vantaggio nel nuovo contesto lavorativo e che sono centrali nella scelta della direzione della riqualifica professionale.
Un sostegno emotivo e psicologico aiuta a vedere l’esperienza come danzatrice o danzatore come un atout che porta con sé tutto un bagaglio di soft skills che saranno di vantaggio nel nuovo contesto lavorativo e che sono centrali nella scelta della direzione della riqualifica professionale.
Questo è anche l’esperienza riportata dalla cineasta Kaehr durante la chiacchierata con Dähler. Dopo una carriera come danzatrice freelance, si è avvicinata al mondo del cinema. Nel suo intervento Kaehr ricorda come il cinema l’abbia sempre affascinata anche nel periodo di formazione in danza. Ricorda anche il primo momento di sospensione e disorientamento quando ha lasciato il mondo della scena, riflettendo su come la persona che si approccia alla riqualifica professionale si trovi di fronte a vari ostacoli a cui serve dare ascolto: prima di tutto comprendere che una decelerazione dell’attività è necessaria per considerare al meglio quello che poi sarà la nuova realtà professionale. Questa è una decisione che va ponderata e non si può pretendere di prendere una decisione su due piedi. Ma anche il fatto che ci si troverà di fronte a tutto un altro modo pensare – non più prettamente cinestetico – e che quindi sarà richiesto un grado di concentrazione per poter comprendere le nuove regole da sottostare nel nuovo ambito lavorativo. Questo può essere molto stancante e ci si può facilmente demotivare; è quindi importante che le persone vengano sostenute da coach o psicologi in questa delicata transizione.
Ma anche il fatto che ci si troverà di fronte a tutto un altro modo pensare – non più prettamente cinestetico – e che quindi sarà richiesto un grado di concentrazione per poter comprendere le nuove regole da sottostare nel nuovo ambito lavorativo.
Da sottolineare è che spesso la danza viene vista come un mestiere per cui non si usa la testa. Questo è uno stereotipo perché il sapere usato in danza non è verbalizzato, o si è poco inclini a verbalizzarlo. In realtà si tratta di un sapere molto raffinato e cospicuo. Per fare un esempio basti pensare al livello di coordinazione necessario ad un corps de ballet per eseguire anche una semplice coreografia. Come si potrebbe trasporre questo al livello di un’azienda? Oltre alle personali capacità e skills dipendenti dal carattere di ognuno, il praticare danza soprattutto se così intensamente come a livello professionale offre quindi una grande ricchezza di risorse. Un primo gruppo di risorse sono nella sfera delle soft skills, ovvero quello che ci permette di navigare al meglio lo stare in relazione: quindi il continuo scambio tra l’interno, l’intimo dell’individuo, e l’esterno, la capacità di avere una collaborazione efficace. La persona avrà poi una forte capacità di autogestione e automotivazione come chi ha passato anni a perfezionare la sua prestazione e fisica. Oltre, a questo porterà con sé nel suo prossimo lavoro anche la capacità di interpretare a livello fisico e cinestetico compiti e situazioni. Ad esempio, il corpo è centrale nel suo modo di fare cinema di Kaehr. Oppure avrà facilità a guidare le persone alla introcezione. Tutte sfumature offerte dall’intelligenza cinestetica caratteristica delle persone che hanno predisposizione a lavorare con il corpo. In una società improntata alla visualità, sempre più virtuale e distante dal corpo, questo non può che essere un punto a favore.
Per ulteriori informazioni consultare: Il dossier “The Dancers Survival Guide to Transition” del SSUDK
Sul concetto di riconversione in danza:
2004: Baumol, William J., Joan Jeffri and David Throsby (2004) Making Changes: Facilitating the Transition of Dancers to Post-Performance Careers, Research Report, New York N.Y.: The aDvANCE Project. https://stiftung-tanz.com/wordpress/wp-content/uploads/2013/02/Facilitating-the-Transition-of-dancers.pdf
2006: Jeffri, Joan and David Throsby (2006) “Life after Dance” Career Transition of Professional Dancers” in International Journal of Arts Management, Vol 8, No 3 (spring 2006), p. 55-63. https://www.jstor.org/stable/41064887
2008: IJdens, Teunis and Berend Jan Langenberg (2008) Dancers Keep Moving International careers and transition: Research report Tilburg: IVA Policy Research and Consultancy Tilburg University. /https://on-the-move.org/files/dancers_keep_moving.pdf
2011: Poláček, Richard and Tara Schneider (2011) Dancers’ Career Transitions: A EuroFIA Handbook: https://www.fia-actors.com/uploads/Dancers_Handbook_EN.pdf
Im Gespräch bleiben: Treffen zur Umschulung für darstellende Künstler
Am 28. Oktober 2023 veranstalteten ScenaSvizzera, das SSUDK Transition Centre und das LAC Lugano (innerhalb des LAC edu) eine Debatte zum Thema „Karriere in Bewegung…“ im Gespräch mit der Regisseurin Laura Kaehr und dem SSUDK-Direktor Oliver Dähler und dem besonderen Gast Giulia Tonelli, Solistin des Ballett Zürich.
Artikel geschrieben von Katja Vaghi: Sie ist Tänzerin, Choreografin und Tanzforscherin, erhielt ihre Ausbildung bei Ballet Arts in New York und setzte dann ihre Studien in Zürich, London und Berlin fort. Als Absolventin der Universität von Roehampton (Großbritannien) wechselt sie zwischen theoretischen Studien und Kritik und der Kreation für die Bühne. Sie ist Dozentin an der Schule für darstellende und bildende Kunst DIE ETAGE in Berlin und Gastdozentin und Projektbetreuerin an der Rambert School of Ballet and Contemporary Dance (BA und MA) in London. Sie ist ausgebildet in GYROTONIC®, GYROKINESIS® somatischen Techniken und Yoga.
In der von Zygmunt Bauman beschriebenen flüssigen Gesellschaft befinden wir uns immer im Übergang; die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit. Und auf das Fehlen von Fixpunkten reagieren Tänzer mit Kreativität und Anpassungsfähigkeit, nicht nur auf der Bühne. Sie sind es gewohnt, scheinbare Widersprüche wie sportliche Höchstleistungen mit hoher künstlerischer Sensibilität zu verbinden oder mit einem Fingerschnippen in ein anderes Land umzuziehen, meist mit einem befristeten Vertrag in der Hand, denn die Bühnenkünstler*innen sind sich bewusst, dass ihre Karriere trotz all ihres Engagements und ihrer früh investierten Energie nur kurz sein wird, viel kürzer als in anderen Berufen. Die Leidenschaft für Bewegung und Tanz treibt die Entscheidung für diese Berufe voran, und wenn man in seinen Zwanzigern das Gefühl hat, über eine fast unendliche Energiereserve zu verfügen, nimmt diese mit den Jahren langsam ab. Es kann auch Ereignisse geben, die zu einem vorzeitigen Ende der eigenen Karriere führen. Oft hat diese intensive Verbindung zur eigenen Kunst keine Zeit gelassen, andere Interessen oder Leidenschaften zu erforschen, die helfen würden, die eigene Energie auf etwas anderes zu lenken. In diesem Fall besteht das Bedürfnis, wenn schon nicht nach Beratung, so doch zumindest nach einem Gedankenaustausch mit einer vertrauten Person. Die 1993 vom Schweizerischen Bühnenkünstlerverband (SBKV, jetzt SzeneSchweiz) gegründete Stiftung für die Umschulung von Bühnenkünstler*innen (SSUDK) verfügt seit 2016 über ein Transition-Center. Unter der Leitung des Tänzers, Choreografen und Pädagogen Oliver Dähler setzt das Center alles daran, Künstlerinnen und Künstler in dieser heiklen Zeit des Übergangs zu unterstützen, indem es sie bei der Suche nach ökonomischen, psychologischen und emotionalen Ressourcen begleitet.
In der von Zygmunt Bauman beschriebenen flüssigen Gesellschaft befinden wir uns immer im Übergang; die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit. Und auf das Fehlen von Fixpunkten reagieren Tänzer mit Kreativität und Anpassungsfähigkeit, nicht nur auf der Bühne.
Am 28. Oktober 2023 veranstalteten ScenaSvizzera, das SSUDK Transition Centre und das LAC Lugano (innerhalb des LAC edu) eine Debatte zum Thema „Karriere in Bewegung…“ im Gespräch mit der Regisseurin Laura Kaehr und dem SSUDK-Direktor Oliver Dähler und dem besonderen Gast Giulia Tonelli, Solistin des Ballett Zürich. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Margit Huber, der Tessiner Vertreterin von ScenaSvizzera, gefolgt vom Gespräch Dählers mit der ehemaligen Tessiner Tänzerin Laura Kaehr, der Autorin des Films „Becoming Giulia“, das letztes Jahr in die Kinos kam, und der Interpretin des Kinofilms, Giulia Tonelli, Solistin des Zürcher Balletts am Opernhaus.
Die Intensität einer Karriere innerhalb einer Kompanie geht oft mit einer völligen körperlichen, emotionalen und intellektuellen Hingabe an die Arbeit während des Theaterjahres einher, die eine Entwicklung während dieser Engagements nicht zulässt.
Die Karriere eines Bühnenkünstlers ist kurz und beginnt sehr früh. Die Intensität einer Karriere innerhalb einer Kompanie geht oft mit einer völligen körperlichen, emotionalen und intellektuellen Hingabe an die Arbeit während des Theaterjahres einher, die eine Entwicklung während dieser Engagements nicht zulässt. Bei freischaffenden Künstlern hingegen wird häufig ein Mangel an finanziellen Mitteln als Hindernis für einen allmählichen Übergang der Karriere in den Jahren vor dem Ausscheiden aus dem Bühnenleben angeführt. Historisch gesehen begann die Notwendigkeit, den Übergang von Künstler*innen auf der Bühne zu unterstützen, in den angelsächsischen Ländern mit der Gründung der Dancers Career Development (DCD) im Jahr 1973 im Vereinigten Königreich. Es folgten 1985 das Canadian Dancer Transition Resource Centre und Career Transition for Dancers (CFTD) in den Vereinigten Staaten. In Europa wurde 1986 das Umschulungsprogramm für Tänzer (SOD) in den Niederlanden gegründet. Die International Organisation for the Career Transition of Dancers (IOTPD) wurde 1993 in Lausanne gegründet und heißt jetzt Danse-Transition. Einer der jüngsten Neuzugänge ist die Stiftung TANZ, ein 2010 gegründetes deutsches Umschulungszentrum mit Sitz in Berlin. Im Jahr 2022 unterstützte die SSUDK in der Schweiz zum Beispiel die berufliche Umschulung von zehn Personen. Insgesamt konnten 170 darstellende Künstler*innen von den Beratungsangeboten des Transition-Centers SSUDK zur Thematik der beruflichen Transition profitieren.
Zwei (Berufs-)Leben in einem, das ist es, was sich die SSUDK-Stiftung mit dem Übergang neu vorstellt. Der Faden, der diese beiden Leben verbindet, soll nicht abreißen, sondern sich langsam in etwas anderes verwandeln, langsam die Farbe wechseln. Oft wird angenommen, dass man nach einer Bühnenkarriere nur noch als Tanzlehrerin/Tanzlehrer oder in einer anderen Rolle mit engem Kontakt zur Bühne arbeiten kann. Die Unterstützung des SSUDK eröffnet neue Wege, sich wieder zu engagieren, über den Tellerrand hinauszuschauen, wenn man so will, über den Tanz hinauszugehen und etwas ganz anderes zu machen. Mit dem Neubeginn der Ausbildung werden die Räume des Proberaums und der Bühne durch Schulbänke und die Erkenntnis ersetzt, dass der neue Beruf dem Einzelnen eine andere Art von Anstrengung abverlangen wird. Emotionale und psychologische Unterstützung hilft dabei, die Erfahrung als Tänzerin oder Tänzer als eine Erfahrung zu sehen, die ein ganzes Bündel von Soft Skills mit sich bringt, die im neuen Arbeitskontext von Vorteil sein werden und die bei der Wahl der Richtung der beruflichen Umschulung von zentraler Bedeutung sind.
Emotionale und psychologische Unterstützung hilft dabei, die Erfahrung als Tänzerin oder Tänzer als eine Erfahrung zu sehen, die ein ganzes Bündel von Soft Skills mit sich bringt, die im neuen Arbeitskontext von Vorteil sein werden und die bei der Wahl der Richtung der beruflichen Umschulung von zentraler Bedeutung sind.
Von dieser Erfahrung berichtet auch die Filmemacherin Kaehr in ihrem Gespräch mit Dähler. Nach einer Karriere als freischaffende Tänzerin näherte sie sich der Welt des Films. In ihrem Gespräch erinnert sich Kaehr daran, dass der Film sie schon während ihrer Tanzausbildung immer fasziniert hat. Sie erinnert sich auch an den ersten Moment der Spannung und der Orientierungslosigkeit, als sie die Welt der Bühne verließ, und reflektiert darüber, wie derjenige, der sich einer beruflichen Umschulung nähert, mit verschiedenen Hindernissen konfrontiert wird, die es zu beachten gilt: zunächst einmal die Einsicht, dass eine Entschleunigung der Tätigkeit notwendig ist, um besser zu überlegen, wie die neue berufliche Realität dann aussehen wird. Es handelt sich um eine Entscheidung, die gut überlegt sein muss, und man kann nicht erwarten, dass man eine Entscheidung spontan trifft. Aber auch die Tatsache, dass man mit einer ganz neuen Denkweise konfrontiert wird – nicht mehr rein kinästhetisch – und dass daher ein gewisses Maß an Konzentration erforderlich sein wird, um die neuen Regeln zu verstehen, die im neuen Arbeitsumfeld gelten werden. Dies kann sehr anstrengend sein und man kann leicht demotiviert werden; daher ist es wichtig, dass die Menschen bei diesem heiklen Übergang von Coaches oder Psychologen unterstützt werden.
Aber auch die Tatsache, dass man mit einer ganz neuen Denkweise konfrontiert wird – nicht mehr rein kinästhetisch – und dass daher ein gewisses Maß an Konzentration erforderlich sein wird, um die neuen Regeln zu verstehen, die im neuen Arbeitsumfeld gelten werden.
Es ist zu betonen, dass der Tanz oft als ein Beruf angesehen wird, bei dem man seinen Kopf nicht einsetzt. Das ist ein Klischee, denn das Wissen, das im Tanz zum Einsatz kommt, wird nicht verbalisiert, oder es besteht wenig Neigung, es zu verbalisieren. In Wirklichkeit handelt es sich um sehr raffiniertes und auffälliges Wissen. Denken Sie zum Beispiel an den Koordinationsaufwand, den ein Corps de Ballet benötigt, um eine einfache Choreografie auszuführen. Wie ließe sich dies auf die Ebene eines Unternehmens übertragen? Neben den persönlichen Fähigkeiten und den vom Charakter abhängigen Fertigkeiten bietet die Ausübung des Tanzes, vor allem wenn sie so intensiv ist wie auf professioneller Ebene, also eine Fülle von Ressourcen. Eine erste Gruppe von Ressourcen liegt im Bereich der Soft Skills, d.h. derjenigen, die es uns ermöglichen, uns in einer Beziehung am besten zurechtzufinden: d.h. der ständige Austausch zwischen dem Inneren, dem Intimen des Individuums, und dem Äußeren, der Fähigkeit zu einer effektiven Zusammenarbeit. Die Person verfügt dann über eine starke Fähigkeit zum Selbstmanagement und zur Selbstmotivation als jemand, der jahrelang an seiner Leistung und seinem Körperbau gefeilt hat. Darüber hinaus bringt er die Fähigkeit mit, Aufgaben und Situationen auf körperlicher und kinästhetischer Ebene zu interpretieren. Zum Beispiel ist der Körper zentral für Kaehrs Art des Filmemachens. Oder es wird ihm leichtfallen, Menschen zur Introzeption zu führen. Alle Nuancen, die die kinästhetische Intelligenz von Menschen bietet, die eine Veranlagung zur Arbeit mit dem Körper haben. In einer von Visualität geprägten Gesellschaft, die immer virtueller und körperferner wird, kann dies nur von Vorteil sein.
Für weitere Informationen siehe: Dossier “The Dancers Survival Guide to Transition” von SSUDK
Zum Konzept der Umschulung in Tanz:
2004: Baumol, William J., Joan Jeffri and David Throsby (2004) Making Changes: Facilitating the Transition of Dancers to Post-Performance Careers, Research Report, New York N.Y.: The aDvANCE Project. https://stiftung-tanz.com/wordpress/wp-content/uploads/2013/02/Facilitating-the-Transition-of-dancers.pdf
2006: Jeffri, Joan and David Throsby (2006) “Life after Dance” Career Transition of Professional Dancers” in International Journal of Arts Management, Vol 8, No 3 (spring 2006), p. 55-63. https://www.jstor.org/stable/41064887
2008: IJdens, Teunis and Berend Jan Langenberg (2008) Dancers Keep Moving International careers and transition: Research report Tilburg: IVA Policy Research and Consultancy Tilburg University. /https://on-the-move.org/files/dancers_keep_moving.pdf
2011: Poláček, Richard and Tara Schneider (2011) Dancers’ Career Transitions: A EuroFIA Handbook: https://www.fia-actors.com/uploads/Dancers_Handbook_EN.pdf
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-17-um-16.17.43.png9382048Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-01-17 16:18:282024-01-18 00:08:07I | D Rimanere in conversazione | Im Gespräch bleiben
Wie wichtig ist mein Netzwerk? Lange habe ich nicht begriffen, welche Bedeutung Kontakte haben können. Obwohl mein erstes Engagement daher zustande kam, dass ich meine Mutter ins Theater begleitet habe und dem Regisseur Fanbriefe geschrieben habe, realisierte ich lange nicht, was es eigentlich bedeutete.
Vermutlich gerade deshalb, weil es für mich selbstverständlich war als Kind und ich scheinbar „nichts“ dafür tun musste. Aus jetziger Sicht tat ich aber sehr viel.
Auf der Bühne aufgewachsen
Mit knapp 12 Jahren in meiner kindlichen Naivität überlegte ich gar nicht, wie es ankommt. Ich wollte einfach meine Gefühle und meine Begeisterung zum Ausdruck bringen. Ich schrieb in Briefen an einen Regisseur, dass ich wütend war, weil zu jung, um bei Space Dream mitzumachen. Und ich meinte es auch wirklich so. Das Leben zeigte mir schon damals, dass ALLES möglich ist. Da der Chor mit Laien besetzt war, durfte ich nach einem halben Jahr im Volk mitsingen und spielen.
Da ich im letzten Jahr dann auch als Jüngste eine kleine Rolle übernehmen durfte und meinen ersten Freund im Team hatte, war ich natürlich in aller Munde. In diesen 5 Jahren lernte ich so viele Menschen kennen, dass ich noch heute, 29 Jahre später immer wieder mit Darstellern von damals zusammenarbeite!
Beziehungen pflegen
Die Herausforderung bei so vielen Kontakten ist es, irgendwie in Verbindung zu bleiben. Damals gab es noch keine sozialen Medien, aber ich habe aufgrund der Geschichte und der langen Spielzeit das Glück, dass ich den Meisten in Erinnerung geblieben bin. Heutzutage läuft das anders. Ich vergesse ja selbst die Namen meiner Kollegen, mit denen ich vor ein paar Jahren gearbeitet habe.
Die Spielzeiten sind kurz und als freischaffende Künstlerin bin ich in so vielen verschiedenen Bereichen tätig, dass der Kontaktverschleiss enorm ist. Deshalb feiere ich Facebook und Instagram, um wenigstens mit einem Teil meiner Bekanntschaften in Verbindung zu bleiben. Auch wenn ich manchmal keine Lust habe etwas zu posten, ist es doch eine dankbare Möglichkeit sichtbar zu bleiben und in Erinnerung gerufen zu werden.
Netzwerk ist sowohl Arbeit wie auch Investition
Das alleine reicht aber leider nicht. Da ich in den letzten 15 Jahren zwei Spartenwechsel vollzogen habe, wurde mir bewusst, wie es auch in den künstlerischen Bereichen Grüppchenbildungen und Mafiasysteme gibt. Die Qualität ist nicht immer das Wichtigste, vielmehr geht es um die Kosten-Nutzenrechnung, um zwischenmenschliche Beziehungen oder Kontakte. Ich rate euch, geht zu diesen Premièren und Anlässen, wo die Kollegen wieder auftauchen und mischt euch unter die Leute.
Manchmal genügt es nur ein paar Worte zu wechseln, um wieder einen Eindruck zu hinterlassen oder den nächsten Job zu ergattern. Ich habe realisiert, dass es oft gar nicht um den Smalltalk geht, sondern um sich auf dem Markt wieder neu zu positionieren. Erzählt den Kollegen, was ihr macht und noch wichtiger, was ihr machen wollt und schafft Verbindung zu Menschen, die sie kennen. Der soziale Teil unseres Berufes darf nicht unterschätzt werden.
Hemmungen überwinden
Obwohl mein Verstand mir immer wieder einredet, dass es peinlich ist, habe ich angefangen bei meinen Bewerbungen und Begegnungen Grüsse auszurichten und zu erzählen mit wem ich wo gearbeitet habe. Und siehe da, diese Kontakte haben mir Jobs gebracht, weil die Leute dadurch das Gefühl hatten, sie kennen mich schon. Dieser Mechanismus ist echt erschreckend, aber gut. Nutze es!
Momentan cruise ich im ganzen deutschsprachigen Raum umher und darf endlich an Opernhäusern vorsingen. Und warum? Weil ich mein Netzwerk immer wieder durchforsche und reaktiviere. Gerade erst bei einem Vorsingen war der Pianist, der mich begleiten sollte, desinteressiert und reserviert. Obwohl meine Stimme im Kopf sagte: „Ach lass ihn in Ruhe“, überwand ich mich und sagte: „Wir haben schon mal ein Konzert zusammen gemacht“ …plötzlich ging sein
Blick auf, er schaute mich richtig an und erinnerte sich sofort! Danach war die Anspielprobe total angenehm und das Zusammenspiel bei Vorsingen perfekt!
Auch wenn ich das nicht verstehe, muss ich doch zur Kenntnis nehmen, dass Menschen anders arbeiten, wenn eine persönliche Beziehung besteht. Sie fühlen sich wohler,
entspannter, sind meistens offener und gutmütiger. Schlussendlich lebt davon ein gutes Netzwerk.
Netzwerk ist nicht Freundschaft
Wenn sich die Verantwortlichen dann von dir abwenden, wenn du mal krank bist oder ihnen eine Absage schickst, merkst du erst, wie sie ticken. Du kannst über Monate als beste Mitarbeiterin geschätzt sein, aber wenn du „Schwierigkeiten“ bringst, kann es gut sein, dass sie nicht mehr mit dir arbeiten wollen, auch wenn du vorher quasi zur Familie gehört hast.
Wozu dann mein Netzwerk pflegen, wenn es doch so schnell-lebig ist und ich mich nicht darauf verlassen kann? Ich rede eher von Netzwerk nutzen. Denn wenn du dem Netzwerk nicht mehr „nützt“, kann es sein, dass man dich fallen lässt. Aus diesem Grund drehen wir es jetzt um:
„Ich lasse mich nicht mehr von meinem Netzwerk benutzen, sondern ich nutze es!“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/Gygax-Kolumne-8-scaled.jpg11522048Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-01-16 16:08:432024-01-16 16:09:05«Netzwerk ist Arbeit, nicht Freundschaft»
Der individuelle Szeneschweiz-Weiterbildungsbeitrag von CHF 100 kann jetzt auch für die Teilnahme an der Schweizer Künstlerbörse, organisiert von t. Theaterschaffen Schweiz, eingesetzt werden. Die Künstlerbörse findet dieses Jahr vom 17. bis 20. April in Thun statt.
Was ist die Künstlerbörse?
Die Schweizer Künstlerbörse bietet rund 70 Künstler*innen und Theatergruppen die Möglichkeit, einen 20-minütigen Ausschnitt aus ihren aktuellen Produktionen zu zeigen. Die Auftritte finden auf unterschiedlichen Bühnen im und um das Kultur- und Kongresszentrum Thun (KKThun) statt.
Eine professionelle Auswahlkommission wählt Bühnenproduktionen verschiedenster Genres aus allen Sprachregionen der Schweiz und dem Ausland aus.
Workshop gratuito per i membri Scenasvizzera: L’importanza di essere presente tramite digital marketing e social network. 17 gennaio dalle 13.30 alle 16.30 circa, presso Hotel Pestalozzi Lugano
Come posso migliorare la comunicazione nel futuro guardando ai miei lavori e le mie produzioni del passato? Come creo dei contenuti (testi, foto e video) per promuovere con successo la mia attività artistica?
Sucht ihr ein Zuhause für euer Theaterprojekt? Einen Ort, an dem ihr Szenen drehen könnt? Einen Raum für Proben? Im Lettenareal ZH wird eine Zwischennutzung frei!
Die Zwischennutzung des Burrischopfs, der zwischen dem sogenannten Kesselhaus und dem EWZ-Kraftwerk an der Limmat liegt, wird in einem partizipativen Verfahren mit dem Quartier festgelegt. Der Quartierverein Wipkingen sammelt über seine Website www.wipkingen.net ab sofort und bis Ende Januar 2024 entsprechende Ideen.
Ablauf
Wir sammeln Ideen bis Ende Januar. Im Februar gehts weiter mit den möglichen NutzerInnen. Dann erhalten Bewerberinnen einen ersten Bescheid. Ende Februar soll ein mögliches Nutzerkonzept stehen. Ziel ist es möglichst vielen initiativen Freiwilligen eine Plattform zur SELBSTorganisation zu bieten.
Der Kulturmarkt bietet neu ein Tandemprojekt an, das Künstler*innen, die am Anfang ihres künstlerischen Schaffens stehen, in einem gleichberechtigten Austausch mit erfahrenen Künstler*innen, eine spartenübergreifende, künstlerische Zusammenarbeit ermöglicht.
Die interdisziplinären Künstler*innen-Duos, bestehend aus je einem*r erfahrenen und einem*r weniger erfahrenen Berufskolleg*in, arbeiten selbstständig über einen terminierten Zeitraum von gut drei Monaten an einem gemeinsamen Projekt. Die Duos legen Inhalte und Ziele der Zusammenarbeit individuell fest. Der Kulturmarkt untertstützt nach Möglichkeit mit Proberäumen, Infrastruktur und technischer Unterstützung und dient als Plattform, um das Erarbeitete zu präsentieren.
Alle Beteiligten erhalten vom Kulturmarkt ein Honorar von je CHF 4000.
Im Zentrum stehen der künstlerische Prozess die gemeinsame Suche nach neuen Formen und Formaten des Zusammenarbeitens. Je nach Konstellation der Duos und des ergebnisoffenen Prozesses kann diese Präsentation sehr unterschiedlich aussehen: vom Werkstattgespräch bis zu einem ausgearbeiteten Kurzauftritt ist alles denkbar.
Die etablierten Künstler*innen werden vom Kulturmarkt angefragt und engagiert.
Am 5. Februar startet der m2act Call for Action 2024! Das Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozent für die Darstellenden Künste gibt euch die Möglichkeit, Veränderungen anzupacken!
Der m2act Call for Action 2024 richtet sich an Compagnien, Häuser, Festivals, Produktionsbüros, Netzwerke und andere feste Formationen und Strukturen, die ko-kreativ – also gemeinsam mit Expert*innen – eine konkrete Herausforderung ihres Arbeitsalltags angehen und Lösungsansätze anwenden möchten. Die Gesuchsteller*innen schlagen selbst Expert*innen sowie Tools und Methoden vor, mit denen sie den Prozess angehen.
Möchtet ihr eine aktuelle, konkrete Herausforderung eurer Arbeitsrealität anpacken oder eure Arbeitsweise nachhaltig verändern? Wollt ihr diesen Prozess mit der Unterstützung von Expert*innen angehen? Gibt es bestimmte Tools, Methoden oder Prozesse, die ihr dabei anwenden möchtet? Spiegelt sich euer Vorhaben in den Zielen von m2act wider? (Faire Praxis, Nachhaltigkeit, offener Wissenstransfer) Seid ihr bereit, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, das heisst, eure Arbeit und eure Geschichte mit anderen Kulturschaffenden und den Medien zu teilen?
Habt ihr Zeit, euer Vorhaben bis Sommer 2024 detailliert auszuarbeiten und bis Sommer 2025 umzusetzen und abzuschliessen? Ab Montag, 5. Februar 2024, könnt ihr euer Vorhaben eingeben. Auf der m2act Website findet ihr schon jetzt alle nötigen Informationen zur Ausschreibung und zur Vorbereitung der Eingabe. Eingabeschluss ist der 4. März 2024 um 23.59 Uhr.
Nach den Recherchen der „Zeit“ im Juni 2022 kam Kritik und massive Vorwürfe an die Tanzakademie Zürich ans Licht. Die verantwortliche ZHDK gab daraufhin eine Untersuchung in Auftrag. Der Schlussbericht ist nun öffentlich. Quelle: Tagesanzeiger
Zahlreiche Schülerinnen und Schüler schilderten in den Befragungen übereinstimmend, dass sie an der TAZ hohen Druck und Angst empfunden haben. Gemäss einer Dozentin war es eine Strategie der Schulleitung, Schülerinnen gegeneinander auszuspielen und Rivalitäten zu schaffen, wie der Tagesanzeiger berichtet.
Zitat: „Psychische Gewalt sei an der TAZ regelmässig zur Anwendung gekommen, sagten zahlreiche Schülerinnen in der Untersuchung. «Je nach Laune der Lehrpersonen wurde geschrien und geschimpft, bis jemand zu weinen anfing», heisst es in den Protokollen. Wie mit ihnen umgegangen worden sei, habe sie traumatisiert, ihr Selbstbewusstsein ruiniert oder zu anhaltenden gesundheitlichen Problemen geführt.“
Beschimpfungen wegen Gewicht, Abwertungen vor der ganzen Gruppe, wenn Betroffene Fehler machten, und das Ausspielen der einzelnen Student*innen gegeneinander – alles, was man heute normalerweise „schwarze Pädagogik“ bezeichnen würde.
Der verantwortliche Gesamtleiter entschuldigte diese Angstkultur damit, dass die Student*innen ja auf ein Klima des internationalen Wettbewerbs vorbereitet würden. Das sei ein Hochleistungssektor und dort wehe eben ein harter Wind.
Die Untersuchung deutet heraus, dass die TAZ-Leitung den Leistungsdruck zwar wahrnahm, nicht aber die damit einhergehende mentale Belastung, die sich verbunden mit Angst leistungsmindernd auswirken könne. Es entsteht der Eindruck, dass die Schule keinen Fokus auf ein ermutigendes Motivationsklima gemäss heutiger pädagogischer Erkenntnisse hatte.
Romantisiertes Leiden
Grundsätzlich zeigt der Bericht, dass in den Tanzschulen, nicht nur in Zürich, noch immer ein veraltetes Verständnis des Tanzberufes vorherrscht: Strenge Hierarchien, Abwertung als Motivation, Magersucht als Status und blutige Füsse als Auszeichnung. Natürlich ist längst belegt, dass diese Form der Ausbildung nicht zu besseren Tänzer*innen führt, sondern zu anhaltenden Schäden in Psyche und Körper.
Die Tanzakademie hat aus diesen Vorfällen bereits Lehren gezogen: Wie die ZHDK mitteilt, wurde die Empfehlung des Untersuchungsberichts, die Dozierenden und ihre Vorgesetzten mit Schulungen zu sensibilisieren und ihnen alternative Handlungsformen aufzuzeigen, bereits umgesetzt. Seit dem Herbstsemester 2022 seien umfangreiche Weiterbildungen durchgeführt und die Unterrichtsmethodik angepasst worden.
Das im August 2022 eingesetzte Interimsleitungsteam bleibt bis auf weiteres im Amt. Als die Vorwürfe im Juni 2022 bekannt wurden, haben der TAZ-Gesamtleiter und die künstlerische Leiterin ihre Ämter niedergelegt, vorerst vorübergehend. Die künstlerische Leiterin ist inzwischen in Pension, das Anstellungsverhältnis mit dem Gesamtleiter wurde im Sommer 2023 aufgelöst.
Quelle: Tagesanzeiger
https://agasul.com/wp-content/uploads/2024/01/ballet.jpg6311000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2024-01-10 09:38:492024-01-10 09:43:42«Klima der Angst»: TAZ-Bericht veröffentlicht
SoPro-Workshops an den Solothurner Filmtagen bieten eine einzigartige Chance für Austausch, Knowhow und Vernetzung. Hier einige Anlässe.
Zürich Filmfestival ist das Disneyland der Schweizer Filmfestivals, Locarno der mondän-elitäre Szeneevent und die Solothurner Filmtage? Sie sind das Handwerkstreffen der Branche. Neben den gezeigten Filmen gibts es diverse organisierte Workshops und Treffen, an denen man nicht Stars bewundert oder etwas Smalltalk betreibt, sondern handfeste Arbeitsbeziehungen knüpft und Knowhow aus der Branche teilt.
Die «SO PRO Open» bieten einen spielerischen Rahmen fürs Networking. Es werden Doppelpartien im Tischtennis gespielt. Sowohl Zweierteams als auch Einzelspieler:innen können sich per Mail (sopro@solothurnerfilmtage.ch) anmelden. Apéro-Partner sind ARF/ FDS und Pro Short. 18.01.2024 18.00 Uhr
FilmRegioBrunch: Standortförderung für den Film – in den Regionen
Treffen der Filmschaffenden mit den Film-Lobbys aus den Regionen. Ein Netzwerk-Anlass mit einem kurzen Input zum Thema «Filmförderung ist auch Standortförderung – und das (auch) in den Regionen». Der FilmRegioBrunch bietet Kaffee und Gipfeli, Begegnungen und eine Debatte. 19.01.2024 10.00 Uhr
Delegation Meeting «Gastland Schweiz in Cannes»
Treffen der Partner:innen des Projekts «Gastland Schweiz am Marché du film in Cannes». Ziel ist ein gemeinsamer Austausch und die Einstimmung der Delegation auf den Auftritt der Schweiz am Marché du film von Cannes 2024. In Anwesenheit von Guillaume Esmiol (CEO des Filmmarktes von Cannes). Auf Einladung von SWISS FILMS. 19.01.2024 10.00 Uhr
FOCAL: Präsentation Mentoring-Programm einsplus
Einsplus ist ein Coaching-Programm zur Stärkung weiblicher Crewmitglieder, die zum ersten oder zweiten Mal bei einem Langfilm oder einer Serie ein Department leiten. 20.01.2024 13,15 Uhr
Licht auf künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz: Diese beiden Wörter sind in aller Munde, umhüllt von einer Aura der Faszination und manchmal auch des Unverständnisses. «SO PRO» bietet einen Nachmittag mit Präsentationen und Case Studies, die sich mit der Verwendung von Softwares, die als «intelligent» und «künstlich» gelabelt werden, in der Filmindustrie beschäftigen. Das Programm wird mit einer «SO PRO & Contra»-Diskussion über die Auswirkungen dieser Werkzeuge auf die verschiedenen Arbeitsbereiche in der Filmbranche abgeschlossen. 20.01.2024 13.00 Uhr
Und dann natürlich noch der Apéro von SzeneSchweiz und SSFV!
Wir freuen uns, auch 2024 wieder mit dem SSFV zum beliebten Netzwerkapéro an den Solothurner Filmtagen einzuladen. Es ist keine Anmeldung nötig. Wir vom Verband SzeneSchweiz freuen uns auf euch! 22. 01.2024, 18:30 im Uferbau Solothurn
Wir haben uns in unseren Breitengraden darauf geeinigt, dass das Jahr 12 Monate hat und in dem Sinne nach dieser beschränkten Zeit vorbeigeht. Das macht aus kapitalistischen Gründen alles etwas einfacher, wenn Abrechnungen anstehen. Mit dem Jahresende kommt auch das Buchhaltungsende. Die Abrechnungen flattern ins Haus, wir freuen uns entweder, dass wir so viel verdient haben oder fragen uns, welche Alternative zu den Covid-Zahlungen da wäre, um uns sicher in die nächste Abrechnungsperiode zu bringen.
Ob freischaffend oder nicht – als Künstler*in in der Schweiz leben zu können, heisst oftmals unter finanziell prekären Umständen zu arbeiten. Viele von uns könnten auf dem klassischen ersten Arbeitsmarkt mehr Geld verdienen, als wir es mit unserer Kunst machen. Wieso tun wir es trotzdem? Die Gründe sind natürlich so vielfältig wie die Menschen, die dahinter stehen. Keine*r von uns hat die gleiche Laufbahn. Was für ein Feld, welche Möglichkeiten, welche Risiken und welche Freuden!
Eine Umfrage der SzeneSchweiz hat dieses Jahr die Zahlen in Schwarz-Weiss abgedruckt: 86 Prozent der professionellen Freischaffenden können nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben. 74 Prozent der freischaffenden Künstler*innen und 59 Prozent der Festangestellten fürchten negative Konsequenzen bei Gagen- und Lohnforderungen. Ein Grossteil der Teilnehmenden steckt über Jahre im Anfangslohn fest. 54 Prozent der (festangestellten) Frauen haben zwischen 2018 und 2022 keine Lohnerhöhung bekommen. Bei den Männern sind es noch 50 Prozent. Familiengründung ist in der Darstellenden Kunst ein Armutsrisiko (Zum Interview mit Salva Leutenegger und dem Download der Umfrage geht hier.).
Ich bin gerade nicht in der Schweiz, besuche über die Festtage Freund*innen und Beinahe-Verwandte. Wir sprechen viel über Politik und Kunst in diesem Land, das ich jetzt mal ungenannt lasse, über die Verhältnisse für Künstler*innen und wie die Politik alles beeinflusst. Der Arbeitsmarkt ist hier so heruntergerockt, dass es keine fairen Arbeitsverhältnisse gibt für junge Menschen. Sie müssen sich den vorherrschenden patriarchalen Verhältnissen unterordnen oder leben von Schwarzarbeit. Die meisten leben mit ihren Eltern, ausser die Eltern haben das Geld, ihnen eine Wohnung zu mieten oder es gibt eine Immobilie, die im Familienbesitz ist.
Immer wieder tauchen in unseren Gesprächen Gemeinsamkeiten auf, immer wieder werde ich mir bewusst, wie gut es ist, einen Berufsverband zu haben, der für einen da ist und die Interessen der Mitglieder vertreten möchte. Es gibt sicher Themenfelder, auf denen das besser gelingt als auf anderen. Dazu braucht es die Mitglieder, die sich melden, die sich wehren wollen, die einstehen möchten für sich selbst und sich dabei Hilfe holen. Dann kann der Verband was tun. Aber einfach zu wissen, dass es eine Institution gibt, die dafür da ist, meine Interessen zu vertreten, ist wahnsinnig erleichternd und stärkt den Rücken. Gerade auch, wenn es darum geht, Verträge zu lesen oder Gagen zu verhandeln.
Ich weiss nicht, wie euer Jahr war, meines war gut. Ich konnte meinen Beruf ausüben, mich weiterbilden, mir neue Ziele setzen und Kontakte knüpfen. Ich bin bereit, mich noch weiter darauf einzulassen, dass das mein Beruf ist, ich entscheide mich jeden Tag wieder neu dafür, in dieser Art der Arbeit zu Hause zu sein und als Künstler*in zu leben. Dass wir das können, hat auch mit den stärkenden Privilegien zu tun, die wir haben und die andere vor uns erarbeitet haben.
Ende Jahr ist doch immer eine gute Zeit, sich zu fragen: Wofür bin ich dankbar in diesem Jahr? Was waren meine Herausforderungen? Und was habe ich daraus gelernt? Wie möchte ich weitergehen: Wie, mit was und mit wem möchte ich meine Zeit verbringen im 2024?
Die letzte Weiterbildung, die ich 2023 besucht habe, war zum Thema Improvisation im Theater. Ich habe so viel mitgenommen, was ich auch im 2024 als Grundsätze in meinem Leben etablieren möchte. Zum Beispiel: Wachsam sein. Aufmerksamkeit schärfen. Angebote annehmen. Logisch, Spielangebote eh (immer her damit). Aber auch andere Angebote. Was ist, wenn ich mal zuerst nicht Nein sage? Sondern ausprobiere – und schaue, was es mit mir macht? Und dann die richtigen Schlüsse daraus ziehe – ja, das mache ich wieder. Nein, davon lasse ich in Zukunft die Finger. Eine gute Strategie auch, Vorurteile abzubauen.
Weiter auch: Den Widerstand zu finden und mit diesem zu spielen. Gerade dabei auch keine Angst vor dem Profanen zu haben, vor dem Offensichtlichen. Vor dem, was erzählt werden möchte. Nicht zu weit suchen. Auf Gemeinsamkeiten aufbauen, die unausgesprochen im Raum stehen, die erzählt werden möchten. Wir alle haben Wünsche und wir alle haben Hürden, die sich uns in den Weg stellen. Sie sind alle erzählenswert.
Und vielleicht als letztes, aber nicht minder wichtig: den anderen auch ihren Moment gönnen, um zu glänzen. Sie darin unterstützen, unterfüttern, eine solide und stabile Nebenfigur sein in ihrem Moment. Der eigene Moment kommt nämlich in der Impro meist schneller als gedacht und dann ist es doch schön, wenn andere als supporting act da sind (wahrscheinlich schon das bessere Wort als Nebenfigur).
Geschichten erzählen sich nicht von alleine. Sie brauchen uns! Unsere Stimmen, unsere Emotionen, unsere Körper, unser Gefühl und unsere Fertigkeiten, die Geschichten zu schleifen, sie zu komponieren und sie zu verdichten. Dafür versuchen wir, Klarheit zu schaffen. In unseren Köpfen und unseren Körpern. Mit Im-Moment-Sein. Mit einem wieder-und-wieder-Schleifen unserer Intuition und unseren Fähigkeiten. Um bereit zu sein. Um sich unterstützt zu wissen. Um Freude daran haben zu können.
Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Corinne-Front-2.jpg6891000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-29 09:16:142023-12-29 09:19:14Geld und Geist – Bilanz zum Jahresende
Im März 2021 kommt es in der Accademia Teatro Dimitri zu einem gravierenden Übergriff. Ein Student schleicht sich zu einer Mitschülerin in die Wohnung und bedrängt diese im Bett. Die Schulleitung versagt im Krisenmanagement.
Die 19-jährige Schülerin wirkt in den Wochen nach dem Vorfall verstört, zerrissen zwischen der Loyalität des engen Klassenverbandes und der persönlichen Verletzung. Schliesslich meldete sie den Vorfall ihrer Klassenlehrerin. Die darauf nichts unternahm. Ob auf Wunsch der Schülerin oder aus eigenem Antrieb, ist von aussen zur Zeit nicht zu eruieren.
Für eine unabhängige Beurteilung schildert der Tagesanzeiger den Fall der Richterin Monika Roth. Für sie ist klar, dass die Schule in einer solchen Situation hätte handeln müssen. «Ohne Einladung der Studentin hat der Student mit dem Betreten des Schlafzimmers de facto Hausfriedensbruch begangen.» Dabei spiele es keine Rolle, ob die Tür offen gestanden sei.
„Strafrechtlich relevant“
Sollte der Täter die Studentin zudem festgehalten und an die Wand gedrückt haben, wäre das strafrechtlich relevant. «Die Schule hätte dem auf jeden Fall Rechnung tragen und eine Untersuchung einleiten müssen», sagt die Expertin. Doch an der Dimitri-Schule wird nach der ersten Meldung des Vorfalls keine Untersuchung eingeleitet. Sondern offenbar erst Monate später.
In den Wochen nach dem Gespräch mit der Lehrerin verschlechtert sich der Zustand der Schülerin. Das fällt ihren Klassenkameradinnen auf, die ihr glauben, als sie hören, was passiert ist. Es habe schon andere Vorfälle mit diesem Mitstudenten gegeben.
Nachdem mehrere Frauen sich gemeinsam bei der Tessiner Opferhilfe gemeldet haben, kommt auch in der Schulleitung Bewegung in der Sache. Nur eben nicht sinnvoll. Die Schulleitung versucht, das mutmassliche Opfer eines Übergriffs und den mutmasslichen Täter an einen Tisch zu zwingen. Sollten nicht beide einwilligen, könnten sie das Studium nicht fortsetzen. So wird dem Opfer eine Mitschuld zugewiesen.
Entschädigung bezahlt
«Wenn man eine Mediation zwischen dem Verursacher eines Übergriffs und der Betroffenen zur Bedingung für die Fortsetzung eines Studiums macht, grenzt das fast schon an Nötigung. Das geht wirklich gar nicht», sagt Monika Roth im Tagesanzeiger.
Inzwischen hat die Studentin die Ausbildung an der Dimitri-Akademie abgebrochen. Die Schule bezahlte ihr eine Entschädigung und erstattete ihr das Lehrgangsgeld zurück. Man habe gestützt auf die «Erfahrungen» zusammen mit der Fachhochschule Supsi eine «Richtlinie für den Schutz der persönlichen Integrität» für die Studierenden und die Mitarbeitenden erlassen, schreibt die Schule.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Dimitri.jpg11252000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-21 08:20:572023-12-21 08:20:57Übergriff an Dimitri-Schule
Unsere Kolumnistin Steffi Gygax hat sich 2023 in Selbstzweifeln und Krisen selbst verloren. Dann nutzte sie diese Herausforderung, um sich selbst neu zu erfinden.
Was für ein Jahr – Jedes Silvester erwische ich mich bei diesem Gedanken. Die Ups and Downs wurden mit zunehmendem Alter schwerwiegender. Obwohl man gewisse Sachen mit der Zeit nicht mehr so tragisch nimmt, fühlt es sich so an, als würde der Rucksack des Lebens doch immer voller. Mittlerweile konzentriere ich mich viel mehr darauf, mich regelmässig von Balast zu erleichtern. Sei es, meine Grenzen klarer zu setzen, mehr Zeit für mich selbst zu nehmen, mich von Menschen zu distanzieren, die mir nicht guttun und auch nicht mehr alle Jobs anzunehmen.
Obwohl ich mich stets um meine Weiterentwicklung kümmere, hatte ich in diesem Jahr eine echte Lebenskrise, was meinen Beruf anbelangt. Ich sah es gar nicht kommen, hatte total viel Arbeit und plötzlich wurde ich von Zweifeln geplagt und stellte alles in Frage. Ich hatte an nichts mehr Freude, die Arbeit war nur noch eine Last und meine Energiereserven aufgebraucht. Nach dem Corona-Break war ich einfach nur froh, wieder im künstlerischen Bereich zu arbeiten und es ging überhaupt nicht darum, wohin ich möchte und wie ich mein nächstes Ziel erreiche.
Mein Kopf war übersättigt mit Noten und Texten, meine Sinne gelähmt und meine Stimme zeigte zum allerersten Mal Wölbungen an. Meine Lust auf die Bühne zu gehen, war zum ersten Mal ausgelöscht und soziale Kontakte konnte ich nicht mehr ertragen. Ich verstand die Welt nicht
mehr. War es nun Zeit, den Beruf zu wechseln? Habe ich ein sogenanntes Burnout? Oder eine Art Depression? Was könnte mir sonst noch Freude bereiten
ausser die Bühne?
Eine Auszeit
Ich entschloss mich für eine Auszeit von allen und allem! Die Reise ging nach Italien, wo ich für 4 Wochen bei Gasteltern wohnte und an einer Sprachschule mein Italienisch auffrischte. Neue Menschen, neues Umfeld, eine andere Sprache, anderes Klima. Während diesem Monat sang ich keinen Ton und vermisste es rein gar nicht. Die Mitstudenten bewunderten meine Videos auf YouTube und ich dachte nur: „Bin ich das wirklich? Was ist nur los mit mir … ändert sich jetzt mit 40 meine Berufung Stecke ich in der sogenannten Midlifekrise?“ Immer offen für Veränderungen, erkundigte ich mich nach einem Psychologiestudium, fing wieder an zu unterrichten als ich zurück in Zürich war und bat das Universum um ein Zeichen, wie es weitergehen soll.
Genau einen Monat nach Italien bekam ich mein erstes Vorsingen an einer Staatsoper und fühlte mich so lebendig, wie schon lange nicht mehr. Auf der Hinreise zur Audition verspürte ich ein Gefühl von tiefem Frieden und beim Vorsingen war ich so in meinem Element, wer kann da noch nach seiner Berufung fragen. Ich musste erkennen, dass sich mein Fokus einfach nur verschoben hatte. Während dem ich eigentlich einen Schritt „zurück“ auf die Musicalbühne machte, um meinem Kindheitstraum noch einmal Raum zu geben, etablierte sich meine Sehnsucht nach der grossen Opernbühne, die ich seit ein paar Jahren verfolge, umso stärker.
Während ich jahrelang in Operetten Hauptrollen sang, fühlte ich mich doch nie richtig angekommen. Lange Zeit dachte ich, Hauptsache ich stehe auf irgendeiner Bühne und darf Rollen verkörpern. Rückblickend betrachtet, fühlte ich mich aber nie richtig wohl. Nachdem ich dann während zwei Jahren in Wien meine Gesangstechnik nochmal neu aufgleiste und nach Corona meine ersten Opernrollen singen durfte, war das für mich fast eine schockierende Offenbarung.
Das Leben als Abenteuer
Ich habe mich noch nie so vollkommen gefühlt. Wie kann das sein? Als Kind fand ich Musical toll und konnte mit Oper nichts anfangen? Meine körperlichen Beschwerden und meine stimmliche Veranlagung führten mich dann schnell mal in die klassische Richtung, aber bis Dreissig hatte ich mit Oper nichts am Hut, auch wenn meine Mutter Opernsängerin war
„Nun gut, dann werde ich jetzt wohl alles dafür geben müssen, um diese Vollkommenheit wieder spüren zu können“, dachte ich. Und siehe da, durch die
Unterstützung eines bedeutenden Kontaktes, der sich inmitten meiner „Krise“ eröffnete, bekomme ich endlich Vorsingen auf Opernbühnen, was ein langer, harziger Prozess war.
Die Krise ist überstanden und einmal mehr habe ich gelernt, dass es manchmal eine Umorientierung braucht, wenn auch im eigenen Berufsfeld, um wieder auf
den richtigen Weg zu kommen. Dazu gehörte in meinem Fall, Jobs abzusagen, auf die man keine Lust hat, auch wenn der Verstand sagt: „Du brauchst das
Geld, die fragen dich nie wieder.“
Die Ungewissheit im künstlerischen Beruf ist doch die spannendste, wenn auch die schwierigste Komponente. Manchmal zerfrisst es meinen Verstand, wenn ich nicht weiss, ob ich nächsten Monat genug Geld habe, um meine Rechnungen zu bezahlen. Im nächsten Moment feiere ich das Leben, wenn eine unerwartete Anfrage kommt, die mein Herz höher schlagen lässt.
Ich könnte nicht in einem eight-to-five Job überleben, Routine langweilt mich und macht mich wortwörtlich wahnsinnig. Mein Lieblingszitat: „Wer ständig
glücklich sein will, muss sich oft verändern“ rührt wohl daher. Ich wünsche euch den Mut, jeden Tag mit der Frage konfrontiert zu sein: „Wer möchte ich heute sein? Bin ich glücklich oder möchte ich mein Drehbuch des Lebens umschreiben? Was würde ich mir jetzt wünschen, wenn ich wüsste, dieser Wunsch geht sofort in Erfüllung?“
Wir sollten das Leben nicht hinter uns bringen, sondern ein Abenteuer daraus machen. Denn Leben ist dort, wo du noch nicht warst, alles Andere ist Wiederholung! In
diesem Sinne: „En guete Rutsch und vil Neues fürs Jahr 2024.“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/steffi-scaled.jpg11522048Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-20 08:29:002023-12-21 08:23:48Sinnkrise: «Gehöre ich auf die Bühne?»
Am 20. Dezember lädt die Parlamentarische Gruppe Kultur zum 14. sogenannten „Wurstanlass“ ein, Matthias Albold wird als Präsident von SzeneSchweiz dabei sein und teilt im Vorfeld seine Gedanken. Einmal jährlich treffen sich dort Kulturschaffende und Kulturverbände mit Parlamentariern um über Themen der Kulturbranche zu sprechen.
Worum geht es in diesem Treffen und wie sieht die konkrete Zielsetzung für SzeneSchweiz aus? Was ist deine Aufgabe dabei?
Wie es bei diesem Anlass genau abläuft, werde ich selbst zum ersten Mal erleben, da ich die vergangenen beiden Jahre durch Vorstellungen nicht dabei sein konnte. In der Vorbereitung zum kommenden Mittwoch ist mir die Rede von Alain Berset zum Wurstanlass 2017 untergekommen, er spricht dort im wesentlichen über soziale Sicherheit von Künstler*innen und man müsse beobachten wie sich die Arbeitsverhältnisse entwickeln. Man könnte diese Rede nochmals halten und sich fragen, was sich ausser dem beobachten wirklich getan hat. Dem BAK und vielen Politikern ist die prekäre Situation vor allem vieler freischaffender Künstler bewusst, in der Kulturbotschaft wird dies deutlich. Mit unserer Lohnumfrage und der Kampagne im Gepäck, werde ich versuchen die Politiker zu überzeugen, das sechs Jahre nach Bersets Worten endlich auch Taten folgen sollen. Ich hoffe, die mir persönlich bekannten Parlamentarier*innen ansprechen zu können und sie für unsere Pläne zur Verbesserung der sozialen Situation der Freischaffenden begeistern zu können.
Dem BAK und vielen Politikern ist die prekäre Situation vor allem vieler freischaffender Künstler bewusst, in der Kulturbotschaft wird dies deutlich. Mit unserer Lohnumfrage und der Kampagne im Gepäck, werde ich versuchen die Politiker zu überzeugen, das sechs Jahre nach Bersets Worten endlich auch Taten folgen sollen.
Matthias Albold, Präsident SzeneSchweiz
Einladung zur Veranstaltung
Wie steht es deiner Meinung nach um die Vorurteile zur Lobby-Arbeit? Sind sie gerechtfertigt?
Lobbyarbeit…..der Name allein, hat einen Beigeschmack von Hinterzimmer, geheime Absprache, Bestechung, dunklen Gestalten, Opportunismus. Ehrlich gesagt, ich habe leider keinen Koffer voll Geld, den ich gewinnbringend einsetzen könnte…..aber Spass beiseite. Es ist mein erstes Mal und ich kann danach sicherlich mehr erzählen als ich mir jetzt vorstellen kann. Es ist eine Gelegenheit mit Menschen zu sprechen, die Ideen in Gesetze giessen können und ich werde einen Koffer voller guter Argumente im Gepäck führen, damit sich endlich etwas bewegt für all die Menschen, die die Schweiz mit Kultur versorgen.
Ist Lobby-Arbeit in einer gewissen Hinsicht auch wertvoll für einen Veband wie SzeneSchweiz? Inwiefern?
Die Frage ob es für den Verband gut ist kann ich nicht beantworten. Ich durfte viele andere Sitzungen dieses Jahr besuchen und ob bei der Euro FIA, suisseculture, beim SGB oder beim BAK alles sind wichtige Termine in denen man den Verband und seine Erfahrung einbringen kann. Wenn dadurch Verbesserungen im Leben unserer Mitglieder stattfinden, dann ist das letztlich auch gut für den Verband. Und sicherlich ist es von Vorteil an Diskussionen mit dem Gesetzgeber teilzunehmen, wann immer möglich, denn wer nicht dabei ist, wird nicht wahrgenommen und kann sein Profil nicht schärfen. In Zeiten von Inflation und Sparvorlagen, muss eine Kraft auf die prekären Lebensumstände vieler darstellender Künstler aufmerksam machen. Und das werden wir tun.
Wenn dadurch Verbesserungen im Leben unserer Mitglieder stattfinden, dann ist das letztlich auch gut für den Verband. Und sicherlich ist es von Vorteil an Diskussionen mit dem Gesetzgeber teilzunehmen, wann immer möglich, denn wer nicht dabei ist, wird nicht wahrgenommen und kann sein Profil nicht schärfen.
Kann Lobby-Arbeit auch eine Kampagne ersetzen und wenn ja, warum und wie?
Lobbyarbeit kann eine Kampagne ergänzen, aber nie ersetzen. Bei einem Anlass wie diesem werden viele Parlamentarier*innen zum ersten mal mit unserer Lohnumfrage in Kontakt kommen, ich kann nur hoffen, dass sie in den Köpfen haften bleibt und die Menschen so bewegt, dass sie unsere Kampagne in den kommenden Jahren verfolgen werden. Die Kette der Handlungen unseres Verbandes ist die Basisarbeit, die Beratung und Vertretung unserer Mitglieder. Daraus erwächst eine Kampagne um auf Missstände aufmerksam zu machen und um diese zu beheben tritt man in Kontakt mit den Entscheidungsträgern. Ich würde mich sehr darüber freuen, gäbe es mehr solche Anlässe auch auf anderen Ebenen um mit kantonalen, städtischen oder gemeindlichen Subventionsgebern direkt in Kontakt zu kommen. Und jetzt bin ich als St. Galler doch sehr gespannt, welche Metzgerei die Ostschweizer Wurstspezialität servieren darf und ob es wagt, diese mit Senf zu verspeisen.
Danke an Matthias Albold, Präsident von SzeneSchweiz und Schauspieler aus St. Gallen, für das Interview!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Matthias-albold-front.jpg10962000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-19 16:15:472023-12-29 09:22:48Kultur ist nicht gleich Wurst!
Vorstellungen und Proben am Abend? Am Wochenende? Dafür gibts keine finanzielle Unterstützung für Kinderbetreuung. Mit dem Rechner von FemaleAct kann jede*r kalkulieren, welche Kosten dadurch entstehen.
Der Online-Kalkulator der Gruppe FemaleAct* zur Berechnung der nicht-subventionierten Care-Time bei Bühnen- und Film-Engagements ist ein sehr einfaches Tool: Man gibt seine Arbeitszeiten ein, und der Rechner gibt an, wie viel Arbeitsstunden man zusätzlich leisten, bzw. organisieren muss, um seiner Tätigkeit nachzugehen, wenn kein subventionierter Kita-Platz zur Verfügung steht. Das wird dann in bare Münze umgerechnet.
Gerechnet wird ab 18 Uhr und an den Wochenenden. Jede*r darstellende Künstler*in mit Kindern kennt diese Herausforderung. Jetzt kann man den Zusatzaufwand auch in Geld beziffern. Das macht die Sache plötzlich weit politischer, als man auf den ersten Blick denken würde.
Der erste Ansatz des Rechners ist es, den Betroffenen Zahlen und Forderungsgrundlage bei Gagenverhandlungen zu geben. Aber wie wir alle wissen, ist das nicht so einfach. Individuelle Darsteller*innen sind in Schweizer Theater-, Tanz- und Performance-Produktionen einem hohen Konkurrenzdruck ausgeliefert. Fordert man/frau zu viel, wird man/frau als „schwierig“ eingeordnet und verbaut sich zukünftige Chancen in der doch eher kleinen Branche in der Schweiz. Noch immer gilt: Wer Kunst machen will, soll gefälligst Opfer dafür bringen. Das ist ein systemischer Fehler, den Einzelne nicht lösen können.
Theater: „Vereinbarkeit ja! Aber …“
Fragt man bei den grossen Theaterhäusern und Bühnen nach, stehen alle mit dem Brustton der Überzeugung für die Vereinigung von Familie und Beruf ein. Keine Frage! Rechnet man diese Vereinbarkeit in Geld um, wird es sehr, sehr leise. Die Verantwortung, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, wird dann plötzlich auf die Künstler*innen abgewälzt.
Mit dem Kalkulator von FemaleAct ist jetzt ein Tool vorhanden, das es ermöglicht, schon bei der Budgetierung von Projekten die Care-Arbeit einzurechnen und sie in die Gagen einzubeziehen. Uns ist klar, dass kleinere Produktionen keinen vollen Ausgleich finanzieren können, ohne die eigene Existenz zu gefährden. Aber bei den grossen, stark subventionierten Häusern, ergibt sich jetzt die Gelegenheit, einen Kulturwandel anzustossen und zusätzlich erbrachte Leistung im Budget zu berücksichtigen, die es den Künstler*innen überhaupt erst ermöglicht, ihren Job zu machen.
Es geht nicht, dass Subventionen von Bund, Kanton oder Stadt für Jobs eingesetzt werden, die den Aufwand für die Kinderbetreuung ausserhalb der Normzeiten einfach auf die Arbeitnehmer*in abwälzt. Dasselbe gilt für Filmproduktionen, die von SRF – und damit indirekt von der Öffentlichkeit – mitfinanziert werden.
Aber woher soll denn das Geld kommen?
Die Frage nach der Finanzierung wird wohl als Erstes kommen, um eine Einführung des Tools bei Gagenberechnungen auszuschliessen. Und da sind wir auch schon beim Hauptproblem: Bei den meisten grossen Häusern, oft im sechsstelligen Bereich subventioniert, fehlt es an Transparenz bei der Verteilung von Geldern. Gagen sind nicht aufgeschlüsselt und niemand weiss ( auch die Subventionsgeber nicht), wer warum wie viel bekommt. Dazu kommt der Genie-Kult, der einzelnen „Stars“ einen grossen Anteil der zur Verfügung stehenden Gelder hinterherwirft, während andere mit dem Mindestansatz abgespiesen werden.
Jetzt wäre es an der Zeit, den vollmundigen Bekenntnissen zur Vereinbarkeit auch Taten folgen zu lassen: mit finanzieller Berücksichtigung von Care-Arbeit ausserhalb der Normzeiten – und mit mehr Transparenz in der Gagenberechnung.
FemaleAct ist ein Zusammenschluss von FINTA Schauspieler*innen, die in der Schweiz leben und arbeiten. Sie identifizieren Lücken in den Darstellenden Künsten und entwickeln Projekte, um einen notwendigen Strukturwandel zu beschleunigen. Für mehr Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne! Zur Seite.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Front-FemaleAct.jpg13952000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-14 11:52:572023-12-20 08:33:45Care-Time-Rechner: Chance für die Grossen
Es ist keine Anmeldung nötig. Wir vom Verband SzeneSchweiz freuen uns auf euch!
Exklusiv für SzeneSchweiz-Mitglieder: Akkreditierung für die Solothurner Filmtage vom 17. bis 24. Januar 2024 – Verlosung!
Ab sofort kann man sich für die 59. Solothurner Filmtage akkreditieren. Wer in den Vorjahren bereits einmal akkreditiert war, hat vermulich bereits eine entsprechende E-Mail erhalten. Um eine Akkreditierung zu beantragen, ist ein Benutzerkonto erforderlich. Wer bereits eines besitzt, kann Sie sich hier anmelden. Andernfalls muss hier ein neues Konto erstellt werden. Die Akkreditierung muss spätestens bis zum 10. Januar 2024 eingereicht werden. Verspätete Anträge sind danach nur noch während dem Festival gegen eine zusätzliche Gebühr von CHF 15 möglich.
SzeneSchweiz verlost 10 Gratis-Akkreditierungen Leider kostet die Akkreditierung neu CHF 60 pro Person (bisher: CHF 45). Eine Kooperation für vergünstigte Akkreditierungen mit dem Festival einzugehen, war leider nicht möglich. Deshalb haben wir beschlossen, 10 Mal eine Akkreditierung an unsere Mitglieder zu verschenken.
So funktioniert der Wettbewerb: Schreibt uns bis spätestens 13. Dezember 2023 eine E-Mail an info@szeneschweiz.ch und nehmt an der Verlosung teil. Wer gewinnt, wird bis zum 18. Dezember benachrichtigt.
GUT ZU WISSEN: Auch wenn ihr am Wettbewerb teilnehmt, müsst ihr euch trotzdem selber online akkreditieren. An der Verlosung kann auch teilnehmen, wer sich online bereits akkreditiert hat. Die Gewinner*innen werden durch Zufall ermittelt und persönlich benachrichtigt. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Pour nos membres en Suisse romande: Workshop à Genève le 30 janvier 2024 avec Anne-Catherine Sutermeister
Ma carrière, mes envies… ScèneSuisse propose un workshop pour faire le point sur ses projets artistiques et déployer son futur professionnel. Avec Anne-Catherine Sutermeister, consultante en politique et management culturel.
Date et lieu: mardi, 30 janvier 2024 de 9h30 à 16 heures, Uptown Geneva
Landis & Gyr Stiftung: Ausschreibung 2024 der Werk-, Reise- und Atelierstipendien
Die Landis & Gyr Stiftung schreibt ab sofortihre jährlichen Werk-, Reise- und Atelierstipendien für Schweizer Kunst- und Kulturschaffende oder für solche anderer Nationalitäten mit offiziellem Wohnsitz in der Schweiz aus.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Solothirner-Filmtage.jpg10802000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-11 16:04:582023-12-19 09:28:04SzeneSchweiz-News im Dezember
Die SAG-AFTRA hat sich mit den US-Filmproduzenten über die Anwendung von KI in der Filmproduktion geeinigt. Wie sieht die aktuelle Rechtslage in der Schweiz aus? Jurist Ernst W. Brem erklärt.
Der mehrmonatige Streik hat mit einem neuen, bis 2026 gültigen Gesamtarbeitsvertrag (sog. Codified Basic Agreement) ein Ende gefunden. Diesem hat zunächst der Vorstand der Gewerkschaft und anschliessend die Mitglieder mit einer deutlichen Mehrheit zugestimmt.
Neben vielen anderen Themen wie die Vergütung bei der Nutzung von Filmen in Streaming-Diensten bildete die Anwendung von KI in der Filmproduktion ein Kernthema der Auseinandersetzung mit den Filmproduzenten und blieb bis zuletzt umstritten. Dabei wurden die folgenden Probleme diskutiert und geregelt:
1. Fall: (employment based digital replica) Der Schauspieler oder die Schauspielerin dreht Szenen im Rahmen eines regulären Arbeitsvertrages. Die Aufnahmen werden durch Auswertung mittels KI auf Szenen erweitert, welche nicht effektiv aufgenommen sondern durch KI geschaffen wurden.
Dadurch spart der Produzent Drehtage ein.
Für diesen Fall sieht der neue Gesamtarbeitsvertrag vor, dass der Schauspieler sein ausdrückliches Einverständnis zu dieser KI Auswertung geben muss und die beabsichtigten Nutzungen der Aufnahmen im Vertrag detailliert beschrieben werden müssen. Ausserdem muss der Schauspieler zusätzlich entschädigt werden und er erhält bei der Nutzung die gleichen zusätzlichen Vergütungen (residuals) wie wenn die durch KI geschaffene Szene real gedreht worden wäre.
2. Fall: (independently created digital replica) Es werden frühere Aufnahmen verwendet, um mittels KI die Person des Schauspielers in einem neuen Film erscheinen zu lassen.
Die Regelung im neuen Gesamtarbeitsvertrag sieht vor, dass für diese Verwendung ein ausdrücklicher Vertrag mit detaillierter Beschreibung der beabsichtigten Nutzungen abgeschlossen werden muss und diese Verwendung entschädigt werden muss, wobei die Höhe der Entschädigung den Parteien überlassen wird. Die residuals sind in gleicher Höhe zu bezahlen, wie wenn die Szenen des Films real gedreht worden wären.
3. Fall: (Generative Artificial Intelligence) Es werden mithilfe KI aufgrund der Auswertung von Filmmaterial Szenen mit künstlich neu entwickelten Personen produziert
Die Regelung im neuen Gesamtarbeitsvertrag sieht für dieses Problem das Folgende vor: Weist die neu geschaffene Person leicht erkennbare Züge (Stimme, Gesichtsausdruck etc.) realer Personen auf, gilt die Regelung nach Fallbeispiel 2. Falls dies nicht der Fall ist, ist der Produktionsprozess und das für die KI verwendete Datenmaterial der Gewerkschaft offenzulegen und es muss eine angemessene Entschädigung ausgehandelt werden.
Mittelfristig weniger Arbeitsplätze für Darstellende
Es ist klar, dass die getroffenen Bestimmungen die Vertragssituation der US-Filmschauspieler kurzfristig verbessern. Langfristig werden sie die Anwendung von KI in der Audiovision kaum beeinflussen. Für die Produzenten war für ihr Einverständnis zur neuen Regelung entscheidend, dass sie KI in der Filmproduktion ohne technisch definierte Einschränkungen einsetzen können. An diesem Punkt setzt auch die Kritik einiger Vorstandsmitglieder der Gewerkschaft ein.
Der neue Vertrag kann ihrer Meinung nach nicht verhindern, dass KI mittelfristig zu einem Stellenabbau in der Branche führen wird, da auch unter dem neuen Vertrag ein Teil der Drehtage durch KI ersetzt werden kann. Rund ein Viertel der Gewerkschaftsmitglieder verweigerten aus diesem Grund dem neuen Vertrag ihre Zustimmung.
Wie sieht die entsprechende Rechtslage in der Schweiz aus?
Ein umfassender Gesamtarbeitsvertrag für Filmschauspieler gibt es in der Schweiz nicht, es gibt lediglich Branchenempfehlungen und Musterverträge. Diese befassen sich bisher nur am Rande mit KI-produzierten Inhalten. So sehen zB. die Richtlinien des VSP höhere Entschädigungen vor, wenn die Lippenbewegungen des Sprechers für eine spätere KI Auswertung in der Audiovision aufgezeichnet werden (sog. Lipsync).
In der Schweiz haben die Schauspieler eine mögliche KI-Verwendung ihrer Darbietung in ihrem individuellen Engagementvertrag zu regeln. Die Verhandlungsposition in einem solchen Vertrag hängt dabei wesentlich von den aus dem Leistungsschutzrecht und Persönlichkeitsrecht fliessenden Verbotsrechten gegen eine KI basierte erweiterte Auswertung einer Darbietung ab. Die entsprechende Rechtslage zu den drei obgenannten Fallgruppen nach schweizerischem Recht kann hier nur kurz skizziert werden.
Rechtsprechung dazu steht noch weitgehend aus.
Zu Fall 1 (employment based digital replica) Eine unbewilligte KI-Verwertung der Aufnahme einer im Arbeitsverhältnis für einen bestimmten Film geschaffenen Darbietung verletzt nach schweizerischem Recht das Vervielfältigungsrecht des Schauspielers nach Art. 33 Abs. 2 lit. c URG. Die Verwendung einer solchen KI basierten neuen Festlegung kann überdies auch das Persönlichkeitsrecht des Künstlers verletzen.
Zum Fall 2 (independently created digital replica) Auch in diesem Fall wird das Vervielfältigungsrecht evtl. auch das Persönlichkeitsrecht des ausübenden Künstlers verletzt, wenn Aufnahmen aus früheren Filmen zur KI basierten Verwendung in Szenen für einen neuen Film verwendet werden.
Zum Fall 3 (general artificial intelligence) Der ausübende Künstler kann mittels seines Vervielfältigungsrechts auch gegen die Verwendung der Aufnahmen seiner Darbietungen im sog. data mining einsetzen, sofern dieses zu kommerziellen Zwecken erfolgt. Er kann die Verwendung von Aufnahmen seiner Darbietungen zur Schaffung neuer Aufnahmen auch dann verbieten, wenn die Charakteristiken seiner Darbietungen im Endprodukt nicht mehr erkennbar sind. Die Schwierigkeit liegt hier darin, eine solche Verwendung überhaupt nachweisen zu können, wozu das schweizerische Prozessrecht (Im Gegensatz zum US-Recht) denkbar schlechte Möglichkeiten gewährt.
Einblick ins KI-Training
Die US-Schauspieler haben das Problem dadurch gelöst, dass die Gewerkschaft Einblick in die Kreationsprozesse künstlich geschaffener Avatare erhält.
Während das schweizerische Recht einigermassen zielführende Rechtsbehelfe gegen die Verwendung von künstlerischen Darbietungen als Input für KI basierte Produkte gibt, sind die Rechtsbehelfe gegen die Verwendung solcher Produkte noch reichlich unklar. Die Rechtsprechung wird hier einiges zu klären haben.
Auch die Verwertungsgesellschaften müssen sich mit der Frage befassen, ob KI basierte «Darbietungen» in Szenen genau gleichzubehandeln sind wie real aufgenommene Darbietungen. Die Frage der verwendungsbasierten Entschädigungen von KI basierten Produkten haben die US-Schauspieler in ihrem neuen Gesamtarbeitsvertrag m.E. befriedigend gelöst. Für die individuelle Vertragsgestaltung in der Schweiz ist nach dem Vorbild des Codified Basic Agreement zu empfehlen, dass vorgesehene KI Auswertungen einer Darbietung im Vertrag im Detail aufgelistet werden.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Cyberpunk-2077.jpg11462000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-10 10:12:222023-12-19 09:13:34Rechtslage für KI-Nutzung im Film
Streamingdienste, Pandemie, Kinoschliessungen, Untergang des Kosmos – die Schweizer Filmszene war die letzten Jahre mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Mit dem Schweizer Film «Bon Schuur Ticino» scheint ein Gegentrend einzusetzen.
Seit Donnerstag läuft Peter Luisis Komödie offiziell im Kino. Die ersten Besucherzahlen sind bemerkenswert. Die Startzahlen sind die besten seit kurz vor der Pandemie, explizit seit dem Grosserfolg Platzspitzbaby (Januar 2020). Am ersten Montag nach Kinostart steht «Bon Schuur Ticino» bei einem nationalen Besuchertotal von 22’021 Kinobesucher:innen (inkl. Vorpremieren).
Peter Luisi: «Kein Schweizer Film hat seit 2020 mehr Besucher:innen nach dem ‘opening weekend’ verbuchen können. Das ist nicht nur für unser Team eine fantastische Nachricht, sondern für die gesamte Kinobranche.»
Abzuwarten bleibt, ob eine Filmschwalbe schon den nächsten Kinosommer macht. Mit dem neuen Streaming-Gesetz 2024 könnte sich wenigstens auf der Produktionsseite etwas verbessern: Netflix, Disney und Co sind ab nächstem Jahr verpflichtet, einen Teil ihres Umsatzes in nationale Produktionen zu investieren.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/12/Bon-shuur-t.jpg540960Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-12-05 07:45:142023-12-19 09:16:21Bester Schweizer Kinostart seit der Pandemie
Eine Diversitäts-beauftragte Person, oder in Englisch «Diversity Agent», gab es als Stelle am Schauspielhaus Zürich bisher noch nicht – Diversitäts-Fragestellungen waren aber durchaus vorhanden, verstärkt mit der Intendanz Blomberg-Stemann und deren progressiver künstlerischer Setzung. Worauf die benötigte Stabsstelle kreiert wurde, Yuvviki Dioh besetzt diese mit Bravour und grossem Ehrgeiz. Ein Gespräch über ihre Arbeit und Visionen.
Als Orientierung für die Erschaffung der Stabsstelle diente ein Modell aus Deutschland, das bereits ab 2018 in verschiedenen Institutionen umgesetzt wurde. Über den Deutschen Kulturförderungsfonds mit dem Programm 360 Grad werden externe Gelder für diversitätsfördernde Projekte akquiriert, genau darin liegt aber der zentrale Unterschied zur Schweiz. Dioh wird vom Haus aus finanziert, dabei ist sie zuständig für die diversitätsorientierte Organisationsentwicklung, als grössere Felder gelten hierfür das Programm, Publikum und das Personal. Ihre Arbeit ist strategisch, sie kreiert Handlungsmassnahmen und neue Ideen – ihre Stelle fungiert quasi als Navigationszentrum.
Am Haus hat sie gemeinsam mit der Leitung lange überlegt, was das Verständnis und die Vision dafür sein könnten, «mit dem Ziel, zu transformieren und diverser zu sein!» Vier Begrifflichkeiten sind dabei wichtig: Diversität, Inklusion, Gleichstellung und Zugehörigkeit.
Dioh ist 32 Jahre alt und hat in Kommunikationswissenschaften doktoriert: «Ich habe mich aber nicht mehr wohl gefühlt an der Universität und deshalb aktiv nach einer Alternative gesucht!» Während des Studiums war sie bereits aktivistisch unterwegs, im Rahmen des Black-Lives-Matter-Movement und der LGBTQIA+ -Bewegung, «und so bin ich immer tiefer in die Materie und in die Themen Marginalisierung und Anti-Diskriminierung gerutscht».
Dabei vermittelt sie auch an Events und Podien ihr wissenschaftliches Knowhow. Ihren Weg in die Bühnenbranche in Zürich fand sie über den Tanz, den sie seit ihrer Kindheit inn einer Tanzgruppe pflegte, bis sie Mitte Zwanzig andere Prioritäten setzte. Später, als Teil der Gruppe Jungtheater, verantwortete den Bereich Strukturarbeit in Leitung und Vorstand. „Durch diese Erfahrungen fanden all meine Fähigkeiten zusammen und ermöglichten mir, die jetzigen Stelle zu übernehmen», erklärt sie ihren Werdegang.
Diversität am Schauspielhaus
«Eine kurze Erklärung zum Begriff Diversität gibt es nicht», sagt Dioh. Am Haus hat sie gemeinsam mit der Leitung lange überlegt, was das Verständnis und die Vision dafür sein könnten, «mit dem Ziel, zu transformieren und diverser zu sein!» Vier Begrifflichkeiten sind dabei wichtig: Diversität, Inklusion, Gleichstellung und Zugehörigkeit. «Am Schauspielhaus geht es um echte soziale Gerechtigkeit. Diversität soll nicht als Tokenism missbraucht werden.
Die Argumentation sieht so aus: Das Schauspielhaus soll ein Ort sein, wo verschiedene Lebensrealitäten aufeinandertreffen, dies soll gelebt werden und künstlerisch ergründet.» Denn: «Was machen wir am Theater – wir setzen uns mit Welt, Mensch, Gesellschaft auseinander.» Und genau dies soll positiv und in inspirierendem und sicherem Raum stattfinden, dafür braucht es viel Arbeit – auch wenn es vielleicht erstmal nach wenig klingt.
Der Begriff Diversität als Basis, der oft mit Heterogenität und Vielfalt erklärt wird, heisst in erster Linie «Repräsentation von Differenz», die auf Identitätskategorien gründet. «Die Triade Race, Class, Gender aber auch Disability, physische und psychische Fähigkeiten, Religion, Weltanschauung, sexuelle Orientierung, Alter und vieles mehr, was noch kommen wird», ergänzt Dioh.
Diese Kategorien sollen in den Alltag der Institution implementiert werden, «gleichsam für Mitarbeiter*innen als auch für das Publikum». Ziel ist es, die Chancengleichheit zu erhöhen und Barrieren abzubauen. Dafür braucht es ein Verständnis, wie Marginalisierung reproduziert wird. Dioh erklärt das etwas genauer mit den Fragen: «Wo schliessen wir als Theater aus, auch historisch betrachtet … Wen sprechen wir heute an? Wer arbeitet eigentlich bei uns? Welche Strukturen braucht es, damit wir einschliessend sind?» Das bedeutet ein Verständnis der Beziehung zwischen Individuum und sozialer Umwelt, von Diskriminierungsformen, Privilegien und Benachteiligungen – «viele Aspekte müssen berücksichtigt werden, damit man im Betrieb nachhaltig, divers und sozial gerecht agieren kann.» Über allem stehen die Themen Transformation und Nachhaltigkeit – «es ist aber noch nicht alles festgeschrieben, sondern darin werden Strategien und Handlungen formuliert», sagt sie.
«Am Schauspielhaus geht es um echte soziale Gerechtigkeit. Diversität soll nicht als Tokenism missbraucht werden. Die Argumentation sieht so aus: Das Schauspielhaus soll ein Ort sein, wo verschiedene Lebensrealitäten aufeinandertreffen, dies soll gelebt werden und künstlerisch ergründet.»
Vermittlungsprogramme und Barrierefreiheit
Der letzte spürbare Erfolg sei schwierig zu definieren: «… wenn bei Vorstellungen immer mehr verschiedene Leute kommen – das ist Communitybuilding-Arbeit! Auch der Begriff Audience Development geht in dieselbe Richtung, wie auch die Frage nach der Lokalität, denn nicht alle Diversitäts-Massnahmen funktionieren überall.» Wichtig sei es, regional, überregional bis international zu agieren und daneben wirklich in Kontakt zu treten mit Leuten in der Stadt. Dioh sagt: «Es sind nicht alle Zuschauer*nnen oder Mitarbeitende Fan unserer Institution, (Diversitäts-)Arbeit und Kunst.
Es gibt aber sehr viele schöne Begegnungen, auch direkt mit den Künstler*innen. Daneben gibt es auch weniger sichtbare Erfolgsmomente, in der Arbeit im Betrieb, wenn der Prozess, die Arbeitspraxis sich langsam verstetigen. Misserfolge hingegen gibt es immer dann, wenn etwas verpasst wurde oder die Infrastruktur nicht barrierefrei ist.
Der Pfauen ist beispielsweise nicht konzipiert für Menschen, die architektonisch andere Zugänge brauchen. Und die Website ist für viele noch nicht zugänglich, die eine leichte Sprache, Bildbeschreibungen und Screen-Readers brauchen. Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst, die Infrastruktur ist an sich aber leider limitiert». Am Haus sind weitere Vermittlungsprogramme in Planung, darunter taktile Führungen, sowie die stetige Vernetzung mit Selbstvertreter*innen in der Kunst und Kulturszene.
«Es sind nicht alle Zuschauer*nnen oder Mitarbeitende Fan unserer Institution, (Diversitäts-)Arbeit und Kunst. Es gibt aber sehr viele schöne Begegnungen, auch direkt mit den Künstler*innen. Daneben gibt es auch weniger sichtbare Erfolgsmomente, in der Arbeit im Betrieb, wenn der Prozess, die Arbeitspraxis sich langsam verstetigen. Misserfolge hingegen gibt es immer dann, wenn etwas verpasst wurde oder die Infrastruktur nicht barrierefrei ist.“
Im Oktober 2023 moderierte Dioh eine Podiumsdiskussion mit dem gerade neu gewählten Zürcher Nationalrat und Behindertenrechtsaktivisten Islam Alijaj, Nicole Grieve (Kultur Inklusiv), Cem Kirmizitoprak (Inklusions-Agent und selbstvertretender Politiker), Edwin Ramirez (Criptonite) zum Thema Politik, Behinderung und Theater. «Dort haben wir sehr gut inklusiv gearbeitet, es wurde ein Skript für Gebärde-Dolmetscher geschrieben, es gab verschiedene Sprech-Tempi, etc.» sagt sie, und sieht die im Podium geäusserte Kritik in Bezug auf die fehlende Barrierefreiheit als Erfolg und Resultat einer wachsenden Debatten-Kultur.
Machtmonopole aufweichen
Im Diversitäts-Kompass des Schauspielhauses wird auf die Notwendigkeit von flachhierarchischen Strukturen hingewiesen, die die Machtstrukturen der Institution «Stadttheater» durchleuchten. Am Schauspielhaus Zürich wird zusätzlich versucht, flachhierarchischere Strukturen zu etablieren. Zum Beispiel: In einem wöchentlichen Beratungsgremium, wo alle Leitungsfunktionen und Stabsstellen zusammenkommen, werden alle wichtigen Punkte gemeinsam besprochen.
Dadurch sollen in Entscheidungsmomenten Machtmonopole aufgeweicht werden. Die Kommunikation ist zentral, alle Leute am Haus mit ihrer jeweiligen Expertise sind bei der Lösung eines Problems gefragt. Es herrscht ein reger Austausch, «einchecken und konkrete Zielvereinbarungen sind dafür ein regelmässiges Tool, an Transparenz, Vertrauen, Wertschätzung und Respekt muss stetig gearbeitet werden. Letztendlich sollen Entscheidungen nicht isoliert gefällt werden, um die Durchsetzung von Eigeninteressen zu minimieren», ist Dioh überzeugt.
«Ohne mein grosses Zutun werden Workshops zu Black Hair, Braiding und Pflege durchgeführt, sowie Schminkkurse für verschiedene Hauttöne. Es geht den Kolleg*innen darum, dass PoC-Künstler*innen ohne Hürden oder Hemmungen in die Maske gehen können. Es herrscht glücklicherweise bereits jetzt ein reger Austausch in Bezug auf Diversität von Körpern am Theater»
Personal, Publikum, Programm – drei Felder
In ihrer Arbeit beschäftigt sich Dioh auch mit Strategien für die Personal- und Kulturentwicklung und einer diversitätsorientierteren Einstellungspraxis mit Onboarding unter Diversitätsaspekten. Sie setzt sich für die Förderung von Diversitätskompetenzen in Leitungspositionen ein und plant Sensibilisierungsmassnahmen. Die Stabsstelle gewährt Dioh die Legitimität, in vielen Gremien dabei zu sein und den Überblick zu haben zum Geschehen am Haus. Sie hat viel Freiheit, zu gestalten und neben ihr gibt es viele interne Multiplikator*innen, darunter bspw. das Dramaturgieteam, das die Repräsentationspolitik bespricht, oder Casting- und Textfragen diskutiert.
So fragt sich die Runde beispielsweise gemeinsam, «was bedeutet eine Aussage für Autor*in X» oder wen repräsentieren die Darsteller*innen in ihrem Spiel. Im Bereich Kostüm, Maske und Haar gab es einen besonderen Erfolgsmoment, erzählt Dioh: «Ohne mein grosses Zutun werden Workshops zu Black Hair, Braiding und Pflege durchgeführt, sowie Schminkkurse für verschiedene Hauttöne. Es geht den Kolleg*innen darum, dass PoC-Künstler*innen ohne Hürden oder Hemmungen in die Maske gehen können.
Es herrscht glücklicherweise bereits jetzt ein reger Austausch in Bezug auf Diversität von Körpern am Theater». Die Bereiche Damen- und Herrenschneiderei sind noch immer gegenderte Berufe, wobei in der Praxis die Grenzen verschwimmen, die Binarität wird aufgeweicht. Die Frage ist hier, wie man das strukturell einbetten kann. «In der Kunst kommen ständig neue Themen und Situationen hervor, damit umzugehen ist ein grosser Teil meiner Arbeit,» sagt Dioh.
«In der Kunst kommen ständig neue Themen und Situationen hervor, damit umzugehen ist ein grosser Teil meiner Arbeit,» sagt Dioh.
Publikumsentwicklung
Auf der Ebene der Programmgestaltung findet auch eine enge Zusammenarbeit mit der Kommunikations- und Marketingabteilung statt, gefunden werden soll eine gemeinsame Sprache für Communitybuilding und Publikumsentwicklung. Dazu meint Dioh: «Wir möchten über unser vielleicht eher bürgerliches Stammpublikum hinaus mehr verschiedene Menschen ansprechen. Wie wir das schaffen? Dahinter steckt Öffentlichkeits-, politische und Vernetzungsarbeit.»
Dioh gestaltet und organisiert dafür themenspezifische Workshops, moderiert Podiumsdikussionen, dadurch entsteht viel Vernetzung über institutionelle Arbeit. Sie folgt ihrem Credo: «Das Wissen, das wir uns aneignen, muss verbreitet werden.» Die Intendanz lässt Dioh Freiheit bei der Umsetzung, sie ist im Austausch mit anderen Institutionen, die dieses Thema strukturell umsetzen wollen. Dazu meint sie: «Diversitätsarbeit und Transformationsarbeit ist kein Wettkampf, das lehne ich komplett ab! Es geht um soviel mehr!»
Auf die Frage, wie ihre Traumvorstellung einer Theater-Institution aussähe, antwortet sie angeregt: «Sie soll vor Leben sprudeln, ein Ort sein, wo man morgens um 3 Uhr allein hingehen kann für einen lockeren Austausch – wo Menschen über Menschsein und die Welt nachdenken, über Politisches und Krisen sinnieren wollen – das ist eine super romantische Vorstellung!» (lacht) «Dieses Gefühl der Verbundenheit spüre ich dann, wenn man spätabends in der Kantine sitzt und Ideen spinnt – ich verstehe Theater als Kunst- und Diskursort, wo alle auf Augenhöhe und mit einem dezidierten Verständnis über Privilegien und Benachteiligungen agieren.
Das Theater als auch die Universität und Kunst im Allgemeinen sind Orte, wo Wissen produziert wird. Theater soll in einer Art berühren, wie es Akademien nicht können. Die Arbeitsbedingungen sollen diversen Bedürfnissen entsprechen. Zwar kann es kein konfliktfreier Ort sein, jedoch sich «safe» anfühlen für alle. Das wäre im Kern für mich das wichtigste, wir sind aber noch weit weg davon entfernt. Das neoliberalistische Leistungsdrucksystem ist auch trotz Subventionen schlecht zu überwinden. Ein Theater sollte aber ein Ort sein, wo man anders arbeitet und diese Safer Spaces entwickelt werden können.“
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/Yuvviki-Dioh.jpg13152000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-30 22:47:532023-12-19 09:17:54«Diversitätsarbeit ist kein Wettkampf!»
Corinne Soland bildet sich weiter. Dabei enthüllen sich Zukunftsperspektiven für Sprecher*innen und Schauspieler*innen im Bereich Gaming und VR. Und man kann lernen richtig zu schreien, zu weinen und zu röcheln. Als sterbende Spielfigur …
Jep, ich bin Weiterbildungs-Fan. Letzten Monat habe ich mir zwei Online-Kurse gegönnt – zum Thema Voiceover für Games. Ich teile mit euch ein paar der Dinge, die mich dabei am meisten beeindruckten. Dies vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass ihr in Zukunft für Videospiele sprechen könntet – doch mehr dazu etwas später.
Der erste Kurs war eine generelle Übersicht über das Berufsfeld. Zwölf interessierte Sprecher*innen und Spielende erhielten einen Einblick, wie das Erarbeiten von Charakteren-Stimmen für Videospiele und interaktive Medienkunst angegangen werden kann. Der zweite Kurs beinhaltete eine ganz spezifische Unterrichtseinheit für das Feld der “Rough Vocal Effects” oder auch “Vocal Distortion”. Übersetzt heisst letzteres so etwas wie „stimmliche Verzerrung“ und beinhaltet Brüllen, Schreien, „Sterben“, Röcheln, Angriffs- oder Gefechts-Laute. Ebenso sind wir auch darauf eingegangen, wie Stimmen von Kreaturen hergestellt werden können, die nur in der Fantasie existieren. Orks zum Beispiel, Drachen – oder Aliens. Es waren viele Metal-Sänger*innen in dem Kurs, das war eine spannende Arbeitsfeld-Überlappung.
Was für ein unglaublicher Spass! Zunächst gingen wir mit dem Spezialisten Sébastien Croteau durch verschiedene Übungen für ein gutes Stimm-Aufwärmen. Danach erklärte er uns den Aufbau des Stimm-Apparates anatomisch, um auch biologisch nachvollziehen zu können, wie die Stimme Schritt für Schritt gesund ein bisschen überstrapaziert werden kann.
So gelingt dann irgendwann die “Stimm-Stunt-Arbeit”. Diese gilt laut den amerikanischen SAG-AFTRA Richtlinien als “stimmlich intensive Aufnahmearbeit”. Weil Röcheln, Hecheln und Schreien die Stimme übermässig strapazieren, ist die Aufnahmezeit auf ein Maximum von zwei Stunden zu beschränken. Interessanterweise fallen unter Stimm-Stunt-Arbeit auch Flüstern und Weinen. Beim Weinen zum Beispiel wird mehr Luft hereingesogen als herausgegeben und das ist für den Stimmband-Apparat sehr anstrengend.
Bei Stimmaufnahmen für 3D-Kreaturen gilt grundsätzlich: verliere deine Körperlichkeit nie aus dem Fokus. Die Figur, der du eine Stimme gibst, hat einen Körper. Am besten, du stellst dir vor, wie es sich anfühlt, mit einem schweren Schildkröten-Panzer auf dem Rücken herumzugehen (für die Ninja Turtles) – was macht das mit der Luftzufuhr, mit der Lunge, mit der Muskulatur im Rippenbogen und dem Zwerchfell? Welchen Einfluss hat wohl das Gewicht auf die Art, wie diese Figur eine andere anspricht?
Alles mit Mass
Diejenigen unter euch, die schon mal synchronisiert haben, wissen: Wir bringen so viel Handlung, “Action”, mit in die Stimme wie möglich. Die Bewegungen werden stimmlich hör- und fühlbar. Ausserdem: die Entscheidung für eine spezifische Stimme deines Charakters muss nachhaltig sein. Es ist super, wenn du eine ganz spezielle Stimmfarbe für eine Figur findest, aber wenn du vier Aufnahmetage hast und jeweils aus stimmlicher Erschöpfung nach 3 Stunden nicht mehr in dein gewähltes Register, die Höhe oder Verzerrung gehen kannst, bringt das leider nicht viel für die Produktion, im Gegenteil – es kann sie verzögern.
Ein weiteres Element, das Sébastien mit uns geteilt hat, war, dass wir oftmals extreme Situationen für die Stimme vermeiden möchten, weil sie körperlich mit einem schlimmen Ereignis oder unerwünschten Nebeneffekt verbunden sind. Beispiele dafür sind Husten, Erbrechen-Laute oder Schmerz-Schreie. Wir müssen also in uns drin, quasi in den Zellen, das Signal geben, dass es in Ordnung ist für die Stimme, gerade an diesen Ort zu gehen.
Konstante Kontrolle über das Ausatmen, beziehungsweise eine verlässlichen, stabilen, gleichmässigen Druck herstellen zu können, ist das elementarste, meinte er. Zur Entspannung wurden jegliche Übungen empfohlen, die mit einem Strohhalm und Wasser gemacht werden. Blubbern für die Zombies!
Bald Schweizer Gamewelten?
Und jetzt noch nebst all der Begeisterung, die ich teilen wollte, der Grund, weshalb diese Art von Weiterbildungen relevant für euch sein könnten:
Es gibt in der Schweiz Bestrebungen, mehr Videospiele zu fördern. Bisher gibt es auf Kantons-Level nur eine klar als Games-Förderung ausgewiesene Unterstützung im Kanton Waadt (50’000 Franken). Andere Kantone oder Förderinstitutionen haben Modelle, die Videospiele unter anderem Label fördern, z.B: “Medienkunst” (Basel) oder “Interaktive Medien” und “She Got Game” (Pro Helvetia).
Oftmals sind Produkte, die sich international absetzen sollen, so produziert, dass sie mit Englisch als “lingua franca” arbeiten. Englisch ist die Sprache für den „grossen Markt“, das internationale Spieler*innen-/Nutzer*innen-Publikum quasi. Spiele, die Deutsch, Schweizerdeutsch, Italienisch, Französisch oder Rätoromanisch als Hauptsprache haben, werden auf einen kleineren Absatzmarkt treffen.
Da in Zukunft jedoch Games gezielter als kulturelle Produkte und nicht nur als wirtschaftlicher Faktor (als reines Unterhaltungsmedium) unterstützt werden sollen, können wir davon ausgehen, dass auch Videospiele mit anderen Sprachen als Englisch produziert werden. Dies eröffnet Sprecher*innen der vorher genannten und auch weiterer Sprachen einen zusätzlichen Arbeitsmarkt. Ausserdem gibt es viele Games, die nicht mit “herkömmlicher Sprache” arbeiten, sondern eine Kunst-Sprache erschaffen oder eben die Figuren vor allem über Geräusche oder Stimm-Stunt-Arbeit zum Leben erwecken.
Gönn dir was
Zum Schluss passend dazu the allerbest news: Der Verband für professionelle Sprecher*innen (www.vps-asp.ch) gibt Anfang 2024 neue Richtlinien heraus, unter anderem einen Schweizer Ansatz für “Voiceover für Games”. Haltet also Ausschau nach den VPS Tarifen 2024 und fragt im neuen Jahr sonst auch dort im Sekretariat nach, wenn ihr euch für dieses Berufsfeld interessiert.
Und gönnt euch doch was Kleines oder Mittelgrosses für euer Schauspiel-Selbst, so zum neuen Jahr? Je nach Budget: eine Weiterbildung, ein Blubber-Röhrli für die Stimm-Entspannung (muss nicht LaxVox sein, ich habe meins aus dem OBI) oder einen neuen Leuchtstift. So, dass ihr euch ready fühlt für die neuen Herausforderungen im 2024.
Hier noch ein Leckerchen: Keanu Reeves bei den Arbeiten zum Game „Cyberpunk 2077“, wo er die animierte Hauptrolle von Johnny Silverhand spielt. Triggerwarung!
Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/Kor1m.jpg9052000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-29 18:02:282023-12-19 09:20:11«Brüllen für Hexen und Drachen»
Ende Oktober fand der Workshop «Projekteingabe und Budgetierung» mit Mathias Bremgartner von m2act statt. Wer Theater- oder Tanzprojekte realisieren möchte, steht im Dialog mit Kulturförderinstitutionen. Ein überzeugendes Projektdossier mit Finanzierungsplan und Budget ist dafür unerlässlich.
Aber was soll in einem Projektdossier stehen? Was gehört zu einem überzeugenden Budget inklusive Finanzierungsplan? Wie müssen Projektinhalt und Budget aufeinander abgestimmt sein? Und worauf achten potenzielle Geldgeber*innen besonders stark? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt des Workshops «Projekteingabe und Budgetierung», der am 30. Oktober 2023 in Zürich im Rahmen des Berufsverband Darstellende Künste SzeneSchweiz standfand. Der Workshop richtete sich an freischaffende SzeneSchweiz-Mitglieder mit eher wenig Erfahrung in der Projekteingabe. Angeleitet durch den Workshopleiter Mathias Bremgartner, Co-Leiter Förderung Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund, setzten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen mit drei konkreten Projekteingaben und -budgets auseinander. Sie erhielten den Auftrag, sich in die Rolle von Kulturförderer*innen zu versetzen. Dabei waren sie angehalten die Dossiers daraufhin zu untersuchen, ob die für ein kohärentes Gesamtbild des Vorhabens und eine Beurteilung notwendigen Informationen auffindbar und verständlich sind. Danach setzten sie sich unter den gleichen Prämissen auch mit den zugehörigen Budgets und Finanzierungsplänen auseinander.
Durch den «Perspektivenwechsel» erhielten die Teilnehmenden so einen Einblick in die Arbeitsprozesse und Überlegungen von Kulturförder*innen. Zudem konnten sie anhand der Übungen Rückschlüsse für ihre eigenen Projekteingaben ziehen und sich untereinander und mit dem Workshopleiter über die Do’s and Don’ts von Projekteingabe und Budgetierung unterhalten.
Mathias Bremgartner
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/Bremgartner.jpg6301200Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-22 17:41:412023-12-19 09:33:30Workshop «Projekteingabe und Budgetierung»
Patrick Karpiczenko, Autor, Regisseur und Schweizer Film-KI-Pionier, sieht die Chancen von künstlicher Intelligenz, aber auch die Veränderungen in Kunst und Kultur. Sein Fazit: „Macht keine schlechte Kunst!“
Für ENSEMBLE interviewte Reda El Arbi
Karpi, gibts in Zukunft eine App, auf der wir uns beliebig Schauspieler*innen herunterladen und dann mit einer KI einen Film zusammenstellen lassen können?
Natürlich. Und das ist erst der Anfang. Nicht nur wird es Apps geben, die auf Knopfdruck ganze Spielfilme erstellen, es wird auch ohne Knopfdruck passieren. Denkbar sind Fernsehsender, die automatisch merken, wenn sich einzelne Zuschauer zu langweilen beginnen – das Programm wird dann in Echtzeit umgestaltet. Genauso wie ich die Gruselgeschichten, die ich meiner Tochter erzähle, spontan ihren Launen und Interessen anpasse, so wird auch die Unterhaltung der Zukunft spontan auf jedes Anzeichen von Langeweile oder Verstörung reagieren.
Aber es geht noch weiter. Auch bestehende Filme können „on the fly“ umgeschrieben werden. Wer keine tragischen Schlüsse mag, dem verpasst die KI spontan ein Happy End – dann geht die Titanic am Schluss halt nicht unter. Und Kate und Leo heiraten.
Die Technologie dafür ist schon jetzt fast da. Einzig ungeklärt ist die Rechtesituation von Schauspieler:innen und bestehenden Filmwerken. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Hindernisse beseitigt werden. Wo ein Business-Modell ist, ist auch ein Weg.
In den USA haben die Schauspieler*innen und die Autor*innen gestreikt, weil die Angst umgeht, durch künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Ist das Szenario realistisch? Müssen Schauspieler*innen Angst haben, ihr Gesicht und ihre Identität könnten geklaut oder überzeugend kopiert werden?
Jaein. Im Moment schon noch, aber eher, weil die Technologie so rasant fortschreitet und in Sachen Urheberrechte noch wilder Westen herrscht. In Deutschland organisieren sich die Synchronsprecher:innen bereits für solche Szenarien.
Ich bin zuversichtlich, dass auch hier bald Richtlinien und Geschäftsmodelle entstehen. Problematisch wär nur, wenn diese Geschäftsmodelle noch mehr auf Ausbeutung bauen, als die bestehenden. Ein Spotify-artiges Geschäftsmodell für Gesichter und Stimmen von Schauspieler:innen wär nicht wünschenswert.
Du hast ein Projekt des SRF verlassen, bei dem an kreativen Prozessen mit KI herumgebastelt wurde. Wolltest du die KI, die in Zukunft deinen Job macht, nicht ausbilden?
Das Projekt habe ich aus ganz profanen Gründen verlassen – und nicht, weil ich Angst hatte, dass mein Job in Zukunft von einer KI gemacht werden kann. Im Gegenteil, ich arbeite seit Jahrzehnten daran, mich obsolet zu machen – bisher ist es mir nicht geglückt.
Wo steht die Schweizer Filmlandschaft in Bezug auf künstliche Intelligenz? Hinken wir wie immer zehn Jahre hinterher?
Leider ja. Von ein paar Nerds und Nerdetten mal abgesehen, treffe ich auf sehr viele Schlafmützen. Auch die Förderinstanzen schlummern friedlich.
Du lebst von deiner Kreativität. Denkst du, dass künstliche Intelligenz diesen eher chaotischen, intuitiven Prozess irgendwann wirklich selbst machen kann?
Irgendwann schon, ja. Aber das ist nicht weiter schlimm, vorausgesetzt wir schaffen es bis dahin, die wirtschaftliche Komponente von der kreativen zu lösen. Utopie ist für mich, wenn wir alle arbeiten können, aber nicht müssen. Und wenn alle Künstler:innen sein können – ohne finanziellen Druck.
Was würdest du Darstellenden Künstler*innen empfehlen, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein? Ausbildung? Jobwechsel? Nur noch Theater?
Schwierig. Lapidar gesagt würde ich dem Nachwuchs raten, keine schlechte Kunst zu machen, weil die am schnellsten obsolet wird. Je spezifischer, persönlicher, gewissenhafter jemand arbeitet, umso mehr sehe ich dafür Bedarf. Das „Wieso“ und „Warum“ wird in Zukunft wichtiger als das „Was“. Auch das Prädikat „hübsch“ wird durch KIs komplett entwertet – was ich grundsätzlich begrüsse.
Und ja, Theater scheint sicherer zu sein als Film und Fernsehen. Ich persönlich schicke meine Tochter in den Zirkuskurs. Der Beruf der Zirkusartistin ist „future proof“.
Und zum Schluss: Denkst du, dass KI irgendwann mal selbstbewusst und empfindungsfähig wird und die Weltherrschaft an sich reisst
Selbstbewusst und empfindungsfähig auf jeden Fall. Das kommt schon bald. Auch das mit der Weltherrschaft ist möglich, aber im Moment noch eher ein Hirngespinst. Ich mach mir weniger Sorgen darüber, was KIs alleine anrichten können, sondern für was sie von Menschen instrumentalisiert werden können. Wenn Konzerne dank KI jeden Bereich meiner Privatsphäre monetarisieren. Oder wenn autokratische Staaten mit Hilfe von KI den „perfekten“ Überwachungsstaat bauen um ihre Macht zu zementieren – das macht mir Sorgen. Die Roboterherrschaft wirkt dagegen noch zahm.
Patrick Karpiczenko, in Bern geboren, freischaffender Autor und Regisseur für Film, Fernsehen, Theater und Werbung (Regie und Konzept u.a. für Migros, SBB, Swisscom, SRF, Schweiz Tourismus, Greenpeace, PostFinance). Preisträger von ein paar nationalen und internationalen Filmpreisen. Showrunner, Miterfinder und Sidekick der SRF Late-Night-Show «Deville» (2016 – 2020).
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/KArpi-Front.jpg11872000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-22 09:46:292023-12-19 07:10:11«Theater scheint sicherer als Film»
„Schein oder nicht Schein“ ist doch eigentlich die Frage, mit der man sich bei der „First Impression“ beschäftigen sollte. Es wird abgecheckt, wer kennt wen, wie sieht die Konkurrenz aus, wie ist die Stimmung im Leading Team, werde ich mich wohlfühlen? Wie Tierchen müssen wir uns erst beschnuppern, aneinander gewöhnen, abschätzen lernen, uns positionieren. Es passiert automatisch.
Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, weshalb wir auch im Alltag Rollen einnehmen? Wieso rede ich mit dem Verkäufer anders als mit meiner Kollegin? Weshalb habe ich bei meinem Neffen einen anderen Tonfall als bei meiner Mutter? Versuche mal einen Tag lang, dich bei jedem Menschen genau gleich zu verhalten! Rede mit deinem Kollegen genauso, wie mit der Dame im Supermarkt. Nutze den gleichen Tonfall für dein Kind, wie für deinen Chef. Deine Welt wird sich von Grund auf verändern, und zwar zum Guten, weil du keine „Rollen“ mehr einnehmen musst. Seit ich das praktiziere fühle ich mich viel wohler gegenüber unbekannten Menschen, nehme jedoch den alltäglichen Zirkus noch viel stärker wahr.
Montag 10 Uhr am ersten Probetag herrscht für mich immer die Hochsaison von „Sein und Schein“. Es liegt Spannung in der Luft, ist man gut genug vorbereitet, wie sind die Kollegen? Diese Situation ist für mich immer noch eine Herausforderung. Gehe ich auf neue Leute zu, fühlen sich die Meisten unwohl, denn Herdentierchen bilden gerne Grüppchen mit Menschen, die sie schon kennen. Deshalb lieber erstmal beobachten und warm werden. Kein Problem für mich, beim nächsten Mal ist es mir egal und ich gehe auf Niemanden zu, erhasche dafür aber komische Blicke. Wer macht sich denn schon selbst zum Aussenseiter?
„Ah ja stimmt“, kommt es mir in den Sinn, „das ist jetzt wieder dieses Schubladisierungs-Phänomen, dass dich jeder erstmal einschätzen möchte.“ Erschreckend, dieses Schauspiel zu beobachten. Macht jemand einen theatralischen Spruch, wird plakativ gelacht, Aufregung mündet in überdrehtes Verhalten. Alle wollen sich erstmal beweisen, ihr Revier markieren. Oft werden die Rollenspiele im Alltag gar nicht hinterfragt, weil man ja gelernt hat, dass man den Regisseur mit Respekt behandeln soll und sich bei der Dresserin keine Mühe geben muss .
Ich erblicke immer wieder Maschinen auf der Bühne, tote Augen, hochgezogene Mauern. Das macht mich traurig. Das Leading Team vergisst manchmal um die
Verantwortung, die Sie tragen. Ich möchte im Theater berührt werden, genauso wie bei der Oper und dem Film. Wahre Kunst ist für mich, den Schein abzulegen und dem Publikum einen Einblick in die Seele zu gewähren. Vielleicht war die deutsche Wortfindung „Schau-Spiel“ nicht die Passendste. Ich möchte keine Schau erleben, sondern dass der Schauspieler die Rolle lebt und mich damit berührt, dass sein „SEIN“ mit dem Charakter der Rolle verschmilzt.
Aber auch das beginnt bei uns selbst im täglichen Leben. Wir werden erzogen und gezogen, bis wir nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind und was wirklich aus uns selbst kommt. Und dann werden wir Schauspieler des Lebens oder Schauspieler auf der Bühne, was uns noch viel weiter weg vom eigentlichen SEIN-Zustand bringt. Der SCHEIN bekommt einen weiteren SCHEIN auf der Bühne, vor der Kamera, im Kaufhaus, beim Arzt und plötzlich sind wir ausgebrannt, weil wir mit all den „gelebten“ Rollen jeden Tag viel zu viel Energie verbrauchen. Uns fehlt die Besinnung auf uns Selbst und dann „finden“ wir uns beim Psychotherapeuten oder beim Yoga-Retreat wieder.
Die Maske, im lateinischen übrigens PERSONA, darf abgelegt werden. Die Person soll Mensch SEIN und zu seinem natürlichen Ursprung zurückgehen, in dem wir „einfach“ zeigen, wie wir uns fühlen und einander so SEIN lassen, wie wir sind. Ich glaube daran, dass ich eines Tages Montagmorgen um 10 Uhr in einem neuen Probesaal stehe und mich wie zu Hause fühle, weil sich alle Beteiligten am richtigen Ort zur richtigen Zeit empfinden und die Schönheit jedes einzelnen Charakters erkennen, um den Schein SEIN zu lassen
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/Stefanie-Gigax-front.jpg11712000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-20 09:26:232023-11-20 09:26:23Schein versus Sein
Es war ein bewegtes Jahr für die Darstellenden Künste – die SzeneSchweiz-Lohnumfrage enthüllte massive Missstände, die Politik fährt einen Angriff auf die SRG und um die nächste Ecke wartet die künstliche Intelligenz, um die Jobs zu übernehmen. Aber wir sind bereit.
Die Lohnumfrage von SzeneSchweiz hat dieses Jahr den Finger in eine offene Wunde gelegt. Die erhobenen Zahlen untermauern, was uns bereits allen bekannt war: Die Einkommen in den Darstellenden Künsten sind für die meisten Künstler*innen prekär. Bei den Festangestellten an den subventionierten Häusern verdient die Hälfte 51 – 70000 Franken, nicht genug, um eine Familie zu ernähren. Bei den Freischaffenden sieht es noch schlimmer aus: 86 Prozent geben an, dass sie fürs Überleben sogenannte Brotjobs brauchen. Hochqualifizierte Künster*innen (die allermeisten mit Masterabschluss) müssen in der Gastronomie, im Verkauf etc. arbeiten, damit sie ihre Rechnungen zahlen können. Das ist Zeit, die in ihrem kreativen Beruf fehlt.
SzeneSchweiz will sich deshalb 2024 noch stärker für bessere Arbeitsbedingungen der Mitglieder und die ganze Branche einsetzen. Doch wie könnte das aussehen? Einige engagierte Künstler*innen wünschen sich klare Kampfmassnahmen, wie man sie dieses Jahr in den USA hatte sehen können. Das ist löblich, leider aber nicht angemessen in der Schweiz, weil hier Kultur und Darstellende Künste subventioniert sind. Man kann keine Kampfmassnahmen ergreifen, ohne den Zusammenhalt der Kulturszene zu zerstören und damit die politische Grundlage für Subventionen zu schwächen.
Aber was tut SzeneSchweiz dann?
Wir starten eine Kampagne gegen prekäre Löhne und unwürdige Anstellungen. «Nett, aber was soll das bringen?», werden sich jetzt einige fragen. «Viel», würde unser Kampagnenleiter Reda El Arbi antworten. «Ziel ist es, die Verteilung der öffentlichen Gelder transparent zu machen. Zurzeit verteilen die Häuser und die Produktionsfirmen die erhaltenen öffentlichen Beiträge oder die Gelder aus dem SRG-Topf in völliger Dunkelheit ohne Regeln und Kontrolle. Das führt dazu, dass auf der einen Seite hohe Honorare und Gehälter an einige wenige ausbezahlt werden, während auf der anderen Seite die meisten darstellenden Künstler*innen nicht von ihrem Job leben können.»
Die Kampagne solle ein Licht auf diesen Missstand werfen, erklärt El Arbi. Es gehe nicht, dass Bund, Kantone oder SRG mit ihren Beiträgen miserable Arbeitsbedingungen ermöglichen würden. Und genau da setzt die Kampagne an. Wenn Publikum und Öffentlichkeit erfahren, dass öffentliche Gelder für prekäre, unwürdige Anstellungsverhältnisse und zu miserablen Honoraren führten, würden sie Druck auf die Politik ausüben.
Der indirekte Ansatz
Dieser Druck soll dazu führen, dass die Subventionsgeber die exakte Verteilung der öffentlichen Gelder einsehen können und wollen. Keine Dunkelkammer mehr, keine unfaire Verteilung der Gelder. Weiter kämpft SzeneSchweiz um einen Sitz am Tisch bei der Vergabe der Subventionen, auf der Ebene von Bund und Kantonen und im Beirat der SRG. Mit einer Mitsprache als Vertreterin der Künstler*innen bei Aufteilung und Einsatz der öffentlichen Gelder könnte SzeneSchweiz die anstehenden Probleme in den Häusern und bei den Produktionen direkt angehen.
Wie wir, SzeneSchweiz, das hinkriegen?
Natürlich mit eurer Hilfe! Jede*r von euch kann mithelfen, unsere Themen zu verbreiten, im Umfeld, im Freundeskreis und in den Familien. Und natürlich liefern wir dazu eine grossartige Kampagne mit Inhalten, über die ihr euch freuen könnt.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/prekaere-Arbiet.jpg11282000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-15 15:31:292023-11-15 16:44:08Prekäre Bezahlung – Was plant SzeneSchweiz?
È stato un anno movimentato per le arti dello spettacolo – il sondaggio sui salari di ScenaSvizzera ha rivelato condizioni deplorevoli, i politici stanno lanciando un attacco alla SSR e l’intelligenza artificiale è in attesa dietro l’angolo per prendere i posti di lavoro. Ma noi siamo pronti.
Quest’anno, l’indagine salariale di ScenaSvizzera ha messo il dito in una ferita aperta. I dati raccolti confermano ciò che tutti noi già sapevamo: i redditi nelle arti dello spettacolo sono precari per la maggior parte degli artisti. La metà dei dipendenti fissi dei teatri sovvenzionati guadagna tra i 51.000 e i 70.000 franchi, non abbastanza per mantenere una famiglia. La situazione è ancora peggiore per i freelance: l’86% dichiara di aver bisogno di lavori aggiuntivi per sopravvivere.
Gli artisti altamente qualificati (la maggior parte con un master) devono lavorare nella ristorazione, nelle vendite, ecc. per pagare le bollette. Questo è il tempo che manca alla loro professione creativa.
Ecco perché ScenaSvizzera vuole fare una campagna ancora più forte per migliorare le condizioni di lavoro dei suoi membri e del settore nel suo complesso nel 2024. Ma come potrebbe essere? Alcuni artisti impegnati vorrebbero vedere un’azione chiara come quella vista negli Stati Uniti quest’anno. Questo è lodevole, ma purtroppo non è appropriato in Svizzera, perché qui la cultura e le arti dello spettacolo sono sovvenzionate. Non si possono adottare misure combattive senza distruggere la coesione della scena culturale e quindi indebolire la base politica delle sovvenzioni.
Ma cosa fa allora ScenaSvizzera?
Lanciamo una campagna contro i salari precari e l’occupazione non dignitosa. „Bello, ma a cosa serve?“, chiederanno alcuni. „Molto“, risponderà il nostro responsabile della campagna Reda El Arbi. „L’obiettivo è quello di rendere trasparente la distribuzione dei fondi pubblici. Attualmente, le case e le società di produzione distribuiscono i contributi pubblici che ricevono o il denaro proveniente dal piatto della SRG nella più completa oscurità, senza alcuna regola o controllo. Di conseguenza, da un lato vengono pagati compensi e stipendi elevati a pochi, mentre dall’altro la maggior parte degli artisti non riesce a vivere del proprio lavoro“.
El Arbi spiega che la campagna intende far luce su questa situazione. Non è accettabile che il Governo federale, i Cantoni o la SSR permettano condizioni di lavoro miserabili con i loro contributi. Ed è proprio qui che entra in gioco la campagna. Se il pubblico e l’opinione pubblica vengono a conoscenza del fatto che il denaro pubblico viene utilizzato per condizioni di lavoro precarie e non dignitose e per stipendi miserabili, faranno pressione sui politici.
L’approccio indiretto
Questa pressione dovrebbe portare i sovvenzionatori a poter e voler vedere l’esatta distribuzione dei fondi pubblici. Niente più camere oscure, niente più distribuzione iniqua dei fondi. Inoltre, ScenaSvizzera si sta battendo per ottenere un posto a tavola nell’assegnazione delle sovvenzioni, a livello federale e cantonale e nel comitato consultivo della SSR. Avendo voce in capitolo come rappresentante degli artisti nella distribuzione e nell’utilizzo dei fondi pubblici, ScenaSvizzera potrebbe affrontare direttamente i problemi dei teatri e delle produzioni.
Come possiamo noi, ScenaSvizzera, raggiungere questo obiettivo?
Con il tuo aiuto, naturalmente! Ognuno di voi può contribuire a diffondere la parola sui nostri temi, nel tuo ambiente, tra i tuoi amici e le vostre famiglie. E, naturalmente, vi offriremo una campagna straordinaria con contenuti di cui potete essere felici.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/Prekaere-Loehne-front.jpg12822000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-15 02:28:372023-11-20 08:33:44Retribuzione precaria – Cosa sta progettando ScenaSvizzera?
Ce fut une année mouvementée pour le secteur des arts du spectacle: l’enquête salariale de Scène Suisse a révélé de nombreuses plaintes, les politiciens attaquent la SSR et l’intelligence artificielle attend au prochain tournant pour prendre le relais. Mais nous sommes prêts.
L’enquête salariale de Scène Suisse de cette année a mis le doigt sur une plaie ouverte. Les chiffres recueillis confirment ce que nous savions tous déjà : les revenus du spectacle vivant sont précaires pour la plupart des artistes. La moitié des employés permanents des maisons subventionnées gagnent entre 51 et 70 000 francs, ce qui n’est pas suffisant pour subvenir aux besoins d’une famille. La situation est encore pire parmi les indépendants : 86 pour cent déclarent qu’ils ont besoin de ce qu’on appelle les emplois de base pour survivre. Les artistes hautement qualifiés (la grande majorité sont titulaires d’un master) doivent travailler dans la restauration, la vente, etc. pour pouvoir payer leurs factures. C’est du temps qui manque à leur métier de créateur.
C’est pourquoi Scène Suisse veut travailler encore plus dur pour de meilleures conditions de travail pour ses membres et pour l’ensemble de la branche en 2024. Mais à quoi cela pourrait-il ressembler ? Certains artistes engagés souhaitent des mesures claires pour lutter contre la situation, comme celles observées aux États-Unis cette année. C’est louable, mais malheureusement pas approprié en Suisse, car ici la culture et les arts du spectacle sont subventionnés. On ne peut pas prendre de mesures de combat sans détruire la cohésion de la scène culturelle et affaiblir ainsi la base politique des subventions.
Mais que fait alors Scène Suisse ?
Nous lançons une campagne contre les salaires précaires et les emplois indignes. « Bien, mais à quoi ça sert ? » diront désormais certains. « Beaucoup », répondait notre directeur de campagne Reda El Arbi. « L’objectif est de rendre transparente la répartition de l’argent public. Les maisons et les sociétés de production distribuent actuellement les contributions publiques qu’elles reçoivent ou l’argent de la cagnotte de la SSR dans l’obscurité la plus totale, sans aucune règle ni contrôle. Cela signifie que, d’une part, des cachets et des salaires élevés sont versés à quelques-uns, et que, d’un autre côté, la plupart des artistes du spectacle ne peuvent pas vivre de leur travail.»
La campagne vise à faire la lumière sur cette doléance, explique El Arbi. Il n’est pas acceptable que la Confédération, les cantons ou la SSR rendent possibles des conditions de travail misérables grâce à leurs contributions. Et c’est exactement là qu’intervient la campagne. Si le public et le public apprenaient que l’argent public a conduit à des conditions d’emploi précaires et indignes et à des salaires misérables, ils feraient pression sur les politiciens.
L’approche indirecte
Cette pression devrait signifier que ceux qui accordent des subventions peuvent et veulent voir la répartition exacte de l’argent public. Fini les chambres noires, finies les répartitions injustes des fonds. Scène Suisse se bat toujours pour une place à la table des négociations en matière d’attribution des subsides, aux niveaux fédéral et cantonal ainsi qu’au conseil consultatif de la SSR. En ayant son mot à dire en tant que représentant des artistes dans la répartition et l’utilisation des fonds publics, Scène Suisse pourrait s’attaquer directement aux problèmes qui se posent dans les maisons et dans les productions.
Avec votre aide bien sûr ! Chacun d’entre vous peut contribuer à diffuser nos sujets, dans votre communauté, entre amis et en famille. Et bien sûr, nous proposons une excellente campagne avec un contenu de qualité.
Letzte Woche einigten sich die Schauspieler- und Filmgewerkschaft SAG-AFTRA mit den Studiobossen von Disney und Netflix auf eine Grundsatzvereinbarung. Doch es ist für Aussenstehende nicht klar, was da genau vereinbart wurde.
Die Schauspieler und Studios in den USA haben eine Einigung erzielt, um den seit Monaten andauernden Streik der Schauspieler zu beenden. Nach der 118-tägigen Arbeitsniederlegung der Schauspieler, die unter anderem eine bessere Bezahlung gefordert hatten, sei eine „Grundsatzvereinbarung“ getroffen worden, wie Zeit.de berichtet.
Nach Angaben der Gewerkschaft sieht das mit Unternehmen wie Disney und Netflix geschlossene Abkommen unter anderem höhere Gehälter und einen besseren Schutz vor einem Einsatz künstlicher Intelligenz vor. Die Studiochefs hatten vor einer Woche ihr „letztes, bestes und endgültiges“ Angebot vorgelegt, das nach Angaben der Führungskräfte den Forderungen der Gilde entsprach.
Keine genauen Angaben
Der Verhandlungsausschuss der SAG-AFTRA untersuchte und diskutierte die Vorschläge anschließend vier Tage lang, bevor er die Antwort der Gewerkschaft vorlegte. Den genauen Inhalt der Vereinbarung war für Presse und Aussenstehende nicht einzusehen.
Die Gewerkschaft hatte ihre Mitglieder im Juli zum Streik aufgerufen, seitdem ruhen in Hollywood die Dreharbeiten. Es ist der erste Streik der US-Schauspieler seit 1980. Weil bereits vor diesem Arbeitskampf die US-Drehbuchautoren die Arbeit niedergelegt hatten, erlebte Hollywood erstmals seit mehr als 60 Jahren einen Doppelstreik. Die Drehbuchautoren hatten ihren Streik im Oktober beendet.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/APP_PHOTO_OnStrike_v2.jpg570828Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-13 09:13:312023-11-13 09:13:31Hollywood-Streik beendet. Ist jetzt alles gut?
D/F Nach Bundesrat Röstis besorgniserregendem Statement fordert Suisseculture eine klare Haltung pro SRG und eine Sicherung des Kultur- und Informationsauftrages.
Obwohl sich die Schweizer*innen vor nur 5 Jahren mit 71.6 Prozent gegen die No-Billag-Initiative gestellt haben, bezieht sich der Bundesrat bei dieser Entscheidung nicht auf den Rückhalt der Bevölkerung und schadet dem Service-public-Auftrag der SRG SSR anstatt diesen zu unterstützen.
Die Halbierungsinitiative stellt einen dreifachen Unfug dar:
Statt über die Leistung und Wirkung der SRG wird nur über die Finanzierung gesprochen.
Bundesrat Rösti stellt in der Medienkonferenz selbst fest, dass es nicht sinnvoll wäre, den Betrag der Radio- und Fernsehabgabe in der Bundesverfassung festzuhalten, wie es die Halbierungsinitiative verlangt.
Das Vorgehen steht im Widerspruch zur aktuellen Weltlage, die geprägt ist von Krisen, Konflikten und der Gefahr, dass durch künstliche Intelligenz manipulierte Informationen noch mehr Unsicherheit schaffen.
Suisseculture ist mit dem Vorgehen des Bundesrats nicht einverstanden und lehnt jeglichen Abbau bei der SRG SSR ab. Die Forderung des Bundesrats an die SRG sich zu transformieren und diese Aufgabe mit einer Senkung der Mittel zu verordnen ist der falsche Weg. Ein schwacher Trost ist es, dass Kultur als eines von drei Themen auch in Zukunft im Fokus der SRG SSR liegen soll, zusammen mit Information und Bildung.
Demokratieabbau auf dem Verordnungsweg
Eine solide und offene Demokratie braucht Medienvielfalt – diese kann in der Schweiz nur die SRG leisten, sowohl mit ihren Kulturproduktionen als auch über die Kulturberichterstattung.
Weniger SRG SSR bedeutet weniger Kultur, weniger Zusammenhalt, weniger Gemeinsinn und damit weniger Schweiz. Wir fordern den Bundesrat auf, Haltung zu zeigen und sich wirklich hinter die SRG SSR zu stellen!
Hier die Medienmitteilung von Suisseculture auf Fr
Suisseculture appelle le Conseil fédéral à se montrer fort et à soutenir réellement la SRG SSR
Suisseculture se félicite que le Conseil fédéral rejette l’initiative « 200 francs ça suffit », mais prend acte avec inquiétude de son intention de réduire par voie d’ordonnance la redevance pour la radio et la télévision et de libérer partiellement les arts et métiers de l’obligation de s’en acquitter.
Alors même que les Suisses, il y a cinq ans, se sont opposés à une majorité de 71,6 % à l’initiative « No Billag », le Conseil fédéral prend cette décision sans tenir compte du
soutien de la population et nuit à la mission de service public de la SRG SSR au lieu de la soutenir.
L’initiative est triplement absurde :
au lieu de parler des prestations et de l’impact de la SSR, elle se focalise sur son financement.
Le conseiller fédéral Albert Rösti relève lui-même lors de la conférence de presse qu’il n’est pas judicieux de fixer le montant de la redevance radio et télévision dans la Constitution, comme le demande l’initiative.
Cette manière de faire est en totale contradiction avec la situation mondiale actuelle, marquée par des crises, des conflits et le risque que des informations manipulées par l’intelligence artificielle accroissent encore l’insécurité.
Suisseculture ne saurait cautionner la démarche du Conseil fédéral et s’oppose à tout démantèlement de la SRG SSR. La volonté du Conseil fédéral d’exiger de la SSR qu’elle se transforme et d’imposer cette tâche en réduisant ses moyens n’est pas la bonne solution Maigre consolation, la culture devrait rester à l’avenir l’un des trois thèmes prioritaires de la SRG SSR, avec l’information et la formation.
La diversité des médias est vitale pour une démocratie forte et ouverte ; et seule la SSR, en Suisse, est en mesure d’offrir cette diversité, aussi bien par ses productions culturelles que par l’information et les reportages qu’elle diffuse sur la vie culturelle. Une SRG SSR diminuée signifie aussi moins de culture, moins de cohésion, moins de d’esprit communautaire ; bref : moins de Suisse. C’est pourquoi nous appelons le Conseil fédéral à se montrer fort et à soutenir réellement la SRG SSR !
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/11/Roesti.jpg10272000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-09 16:11:382023-12-19 07:11:20NoBillag durch die Hintertür? Kein Kahlschlag bei der SRG!
SzeneSchweiz bietet eine eigene Vermittlungsplattform für Mitglieder an. Nutze die Möglichkeit, um deine Sichtbarkeit bei Casting-Agenturen und im Web zu erhöhen.
Wenn du dich bei performersonstage.ch anmeldest, bist du automatisch auch auf schauspieler.ch vertreten. Mit einem sorgfältig gepflegten Profil erhöht es deine Präsenz und gibt dir mehr Job-Möglichkeiten. Der Eintrag auf PerformersOnStage kostet CHF 30 pro Jahr. Darin inbegriffen ist auch ein Eintrag auf schauspieler.ch. Sie erhalten jeweils im Herbst eine Jahresrechnung per Post.
Seit mitte September gibt es ScenaSvizzera NEU auf Instagram und Facebook – folgen und teilen erwünscht! Es fanden ausserdem verschiedene Treffen und Gespräche statt, die die Vernetzung in der italienischen Schweiz fördern, und – es geht vorwärts!
Es gibt für die Sektion Tessin Hoffnungen auf einen konstruktiven Dialog mit dem Departement für Bildung, Kultur und Sport seit die Staatsrätin Marina Carobbio Guscetti die neue Direktorin ist. Sie zeigt sich sehr interessiert an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Sicherheit. Ein weiterer Austausch hat mit der Ticino Film Commission begonnen, es geht darum, dass die Schauspieler*innen der italienischen Schweiz bekannt gemacht und vermehrt für Filmproduktionen gebucht werden. Dafür hat eine persönliche Kontaktaufnahme mit dem Amt für kulturelle Entwicklung Lugano stattgefunden. Es ist generell sehr wichtig, an einer stärkeren Sichtbarkeit von ScenaSvizzera zu arbeiten, sei es durch die Werbekampagne auf Social Media, oder Kontaktaufnahmen mit den Kulturabteilungen der Gemeinden oder durch ein Event wie „Carriera in movimento“ an einem Prestige-Ort wie dem LAC Lugano, welches eine gute Reichweite in den Medien hat und auch ausgestrahlt wurde in den Abendnachrichten vom TV Sender TeleTicino.
Am 2.Oktober hat sich ScenaSvizzera mit Laura Brenni vom Amt „Sviluppo culturale“ Lugano getroffen, um den Verband SzeneSchweiz und seine Aktivitäten vorzustellen, insbesondere die Sektion italienische Schweiz. Nächstes Jahr bietet das Amt Fortbildungsaktivitäten (Workshops) für Kulturschaffende in Lugano an. Laura Brenni war bereit, unsere Mitglieder zu treffen um Fragen zu beantworten über Projekteingabe und Budgetierung. Das Amt für kulturelle Entwicklung unterstützt die Kulturindustrie und professionelle Kulturschaffende, die in der Region Lugano tätig sind, und fördert ehrenamtliche Tätigkeiten und kulturelle Vereinigungen. Es ermutigt zur Schaffung von Netzwerken, indem es die Verbesserung der Qualität des kulturellen Angebots anregt.
Am 24.Oktober fand ein Treffen mit der Staatsrätin Marina Carobbio Guscetti, der Direktorin der Abteilung für Kultur und universitäre Studien Raffaella Castagnola Rossini und Paola Costantini, Chefin vom Büro für Kulturförderung, statt. Mit dabei Salva Leutenegger, Geschäftsleitung des Verbands SzeneSchweiz, und Matthias Albold, Präsident SzeneSchweiz, die die Staatsrätin beeindruckt haben mit ihren Erklärungen über GAV und soziale Sicherheit. Die Strukturen und die Arbeit von SzeneSchweiz wurden vorgestellt, und die Sektion italienische Schweiz wird den Kontakt und den Austausch mit dem DECS intensivieren. Es besteht die Hoffnung auf einen weiterführenden Austausch mit Marina Carobbio und Leutenegger und Albold in Bezug auf Verbesserung der Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit.
Am 25. Oktober fand ein Treffen mit der Ticino Film Commission statt, Aglaja Amadò und Igor Mamlenkov haben als Delegierte von SzeneSchweiz teilgenommen. Es wurde eine Zusammenarbeit beschlossen. Als nächstes wird ein Treffen organisiert mit den Filmproduzenten und den Schauspieler/innen von ScenaSvizzera.
Am 28. Oktober hat ScenaSvizzera, das SSUDK Transition Centre und das LAC eine Diskussion zum Thema „Carriera in movimento…“ veranstaltet, im Gespräch mit der Regisseurin Laura Kaehr und dem SSUDK-Direktor Oliver Dähler und dem besonderen Gast Giulia Tonelli, Solistin Ballett Zürich. TeleTicino hat dazu einen sehr schönen Beitrag mit einem Interview mit Laura Kaehr in den Abendnachrichten vom 28.10.2023 gesendet. Hier der Link (ab 15 Minuten 27 Sek.)
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-31-um-16.27.46.png10972048Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-11-01 10:44:402023-11-07 10:10:53ScenaSvizzera setzt auf Stärkung von Sichtbarkeit
Corinne setzt sich immer mit den zukünftigen Möglichkeiten des Berufs auseinander. Einige davon haben mit neuer Technologie zu tun. So auch das heutige Thema: Motion Capture.
Ich stelle immer wieder Figuren dar, die sich nicht klassisch auf einer Bühne oder im Film ansehen lassen . Den Charakteren, denen ich Leben einhauche, begegnet die Zuschauerin in einer Virtuellen Realität, auf dem Computer oder in einer VR Brille. Oder sie spielt ein Videospiel und steuert die von mir verkörperte Figur durch ein Terrain und löst Rätsel.
Ob ich auf der Bühne spiele, vor der Kamera oder für Motion Capture: Immer werden meine Bewegungen registriert. Auf der Bühne von den Menschen mit ihren Körpern (Augen, Ohren, Haut, Herzen), beim Film durch die Kamera und bei MoCap durch Sensoren, die an meinem Körper angebracht sind.
Ich bewege mich also. Ich bewege mich auf einer Bühne oder auf einem Filmset. Ich bewege die Fleischsehnen in meinem Fleischhaus und die Fleischgliedmassen bewegen sich mit. Dahin, wo ich sie haben möchte. So schnell oder langsam oder verzögert oder beschleunigt, wie die Bewegung sein soll. Ich bin Darstellende Künstler*in, trainiert, diese Bewegungen zu vollziehen und auf eine Korrektur von Aussen zu reagieren: “10% dringlicher”, “mit mehr Verantwortungslosigkeit dem Gegenstand gegenüber” oder “die Wut macht dich noch träger”. Ich passe meine Bewegungen an – so, dass sie eine Geschichte erzählen können.
Mein Körper als Instrument. Meine Bewegungen als Klänge dieses Instruments. Mata Hari sagte: “Der Tanz ist ein Gedicht und jede seiner Bewegungen ein Wort.” Ich liebe es, mit meinem Körper Musik zu machen – oder Poesie. Ihn durch verschiedene Musikstile und Genres hindurch zu bewegen, mal etwas poppiger, mal ernst und dramatisch, mal fast existenziell nah, mal wieder leicht und verspielt. Die Qualität meiner Bewegungen hängt davon ab, wie verfügbar ich bin. Was ich zulasse und was ich “durch mich hindurch gehen” lassen kann, um es dann zu spiegeln, das Innere nach Aussen zu kehren, zu zeigen, zu re-präsentieren, was da drin vor sich geht. Durchlässig sein, transparent.
Kann ich ähnlich transparent sein während unterschiedlichen Arbeitsbedingungen? Ist es anders, für Theater zu spielen als für eine Technologie, die “nur” dreidimensionale Koordinaten aufnimmt? Ja! Und nein.
Tanz der Skelette
Mit der Motion Capture-Technologie werden meine Bewegungen “getrackt”, also aufgenommen. Es gibt verschiedene Systeme, eines davon, das optische, funktioniert so: Spezielle Kameras schiessen ein Infrarot-Licht auf mich hinab. Ich trage einen Anzug, der hauteng auf meinem Körper liegt. Auf diesem Anzug sind Marker befestigt. Diese reflektieren das Infrarot-Licht der Kameras. Die Reflexion gibt der dahinterliegenden Software die Information, an welchem Ort sich dieser Marker befindet, zum Beispiel auf meinem Ellbogen oder meinem Bein oder Kopf.
Drei Kameras und sichtbare Punkte braucht es für die Koordinate im Raum für einen Marker – es werden üblicherweise zwischen 30 und 70 Marker an meinem Körper angebracht. Diese Markierungen werden in der Software und dank einer geübten Motion Capture-Person für die Aufnahmen so angeordnet, dass sie einem menschlichen Skelett entsprechen.
Wenn ich also mit dieser Technologie spiele, muss ich wissen: was ich bewege, ist nicht meine Haut, nicht mein Fleisch, nicht meine Wimpern und Lippen und Haare – es sind meine Knochen. Die Gelenke und das Skelett werden nachvollziehbar verfolgt mit den Markierungen. Auf diese Skelett-Bewegungen wird der digitale 3D Körper gelegt.
Je nachdem, wie ich mich bewegt habe, passt das zu dem ausgewählten 3D Mesh (der digitalen Haut) oder eher nicht. Dann passe ich an und erprobe mit der 3D Figur, wie es ist, mit diesem Körper zu gehen: “I am taking the character for a walk.” Ich spaziere mit meiner Figur, ich renne und drehe mich, sprinte, schleiche und stolziere. Welcher Gang passt wohl am besten?
Character-Work mal anders: Ich betrachte dabei die digitale Figur auf einem Bildschirm – oder vertraue der Animationsfachperson, der Regie oder der Person, welche die Daten aufnimmt, ob es wahrhaftig wirkt in 3D. Eitelkeit hat keinen Platz, denn es geht nicht darum, wie ich aussehe, nur, wie die virtuelle Figur aussieht und ob wir ihr glauben, was sie tut.
Schauspiel mit der Motion Capture Technologie ist für mich eine Art, die volle Transparenz der darstellerischen Kunst herzustellen. Es ist ein interessanter Zwischen-Zustand: Ich bin gleichzeitig wahnsinnig unsichtbar als Darsteller*in – es geht nie um mein Gesicht oder wie mein Körper in echt aussieht – und unvergleichbar sichtbar: Jede meiner nervlichen Zuckungen wird registriert, jede Unsicherheit, Gedanken statt Handlungen.
Alles überträgt sich auf das Skelett. Beim Schauspiel mit der Motion Capture Technologie erzählen die Knochen die Wahrheit.
Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/Corinne-Front-MoCap-1.jpg8982000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-10-26 08:47:072023-10-26 09:38:07Tanz der Skelette
Unser Schwestern-Verband t. Theaterschaffen Schweiz veröffentlichte heute seine weiterentwickelten Richtlöhne und Richthonorare für berufstätige Personen in den Freien Darstellenden Künsten als Lohn- und Honorarkompass.
Die t. Richtlöhne und Richthonorare sollen die faire Entlöhnung von Profis auf und hinter der Bühne sowie Transparenz in Verhandlungen gewährleisten. Berufstätige Personen der Freien Theaterszene, der Kleinkunst und weiteren Sparten der Freien Darstellenden Künste haben aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Professionalität ein Recht auf faire Entlöhnung. Die Richtlöhne und Richthonorare ermöglichen es, einen angemessenen Verdienst für die geleistete Arbeit zu berechnen und damit transparent und nachvollziehbar Lohn- oder Honorarverhandlungen zu führen.
SzeneSchweiz übernimmt Empfehlung für Freischaffende
SzeneSchweiz, nationaler Verband der darstellenden Künste, unterstützt die von t. errechneten Vorgaben und empfiehlt sie den freischaffenden Mitgliedern. Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz: «Es ist gut, ein solches Tool zu haben, um den Unsicherheiten der freischaffenden Szene entgegenzuwirken. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Richtlöhne nicht rechtlich bindend sind. Für uns sind sie ein Schritt auf dem Weg, auf dem wir uns weiter um verbindliche Vereinbarungen gegen prekäre Arbeit in unserer Branche einsetzen werden. Gemeinsam mit t. und allen, denen die Darstellenden Künste am Herzen liegen.»
Unter www.tpunkt.ch/richtloehne stehen zwei neu geschaffene Werkzeuge zur Verfügung, mit denen freischaffende und selbstständig erwerbende Personen ihren Lohn oder ihr Honorar für die Entwicklungs- und Probenphase ausrechnen können. Einbezogen werden dabei neu Abstufungen wie z. B. die Arbeitserfahrung, der Verantwortungsgrad im Projekt und die Arbeitsregion.
Auch Aufführungen lassen sich berechnen
Mit dem t. Budget können der Richtpreis einer Aufführung sowie die Amortisationskosten pro Aufführung berechnet werden. Für die Weiterentwicklung der Richtlöhne und Richthonorare setzte t. Theaterschaffen Schweiz eine Arbeitsgruppe ein, die Ende 2021 ihre Tätigkeit aufnahm. In einer breiten Vernehmlassung bezog sie verschiedenste Akteurinnen und Akteure des Sektors aus allen Landesteilen in die Erarbeitung der Werkzeuge und in die Eruierung der Richtwerte mit ein.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/Richtloehne.jpg11332000Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-10-25 15:56:192023-10-26 16:10:34t. gibt neue Richtlöhne heraus
Bei Castings hierzulande handelt es sich fast ausschliesslich um Schweizer Filmproduktionen, – produzent*innen, Regieleute und Schauspieler*innen, Co-Produktionen mit dem Ausland erfolgen meist im Auftrag von Schweizer Produktionen. Im Gespräch mit Corinna Glaus, erfahrene und schweizweit bekannte Mitinhaberin von Glaus & Gut Casting, zeigt sich, wie sensibel der Prozess ihrer Arbeit ist. Szenen müssen im Vorfeld besprochen und vereinbart werden, damit am Set möglichst keine Grenzverletzungen geschehen.
Vorweg – der respektvolle Umgang am Set funktioniere in der Schweizer Filmindustrie relativ gut – «es findet sogar eine Art Selbstregulierung statt, da die Produktionen durch Fehler ihre Reputation verlieren können. Bei grösseren Ländern braucht es dafür strengere Vorgaben.», meint Glaus. Sie und ihre Kolleg*innen sind bei den Castings grösstenteils anwesend und können so die Situation steuern, respektive kontrollieren. «Es handelt sich bei Casting-Prozessen grundsätzlich um eine grosse Vertrauensangelegenheit, im Vorfeld wird mit der Regie besprochen, was während den Casting-Runden ausprobiert und welche Szenen geprobt werden – je genauer diese Zielsetzung, desto besser kann das Casting von der Agentur geplant und geleitet werden.», ist Glaus überzeugt. Liebe, Sexualität und Erotik oder Gewalt – all diese zugespitzten Lebensmomente kommen in Drehbüchern vor und sind ausschlaggebend für die Entwicklung der Figuren. Diese werden in einer ersten Runde möglichst genau definiert. Emotional aufgeladene, intimen wie auch heikle Szenen sind da noch gar nicht relevant.
Vorweg – der respektvolle Umgang am Set funktioniere in der Schweizer Filmindustrie relativ gut – «es findet sogar eine Art Selbstregulierung statt, da die Produktionen durch Fehler ihre Reputation verlieren können.
Corinna Glaus, Mitinhaberin von Glaus & Gut Casting
Im Vorfeld Grenzen setzen
Bei einer extremen und affektiven Szene wie einem Mord oder einer Vergewaltigung, gibt es immer eine ausschlaggebende Vorgeschichte – das meiste entwickelt sich aus etwas heraus. Zuerst müsse der Charakter und das passende Umfeld erarbeitet werden, um einen überzeugenden Plot zu generieren – ein sensibler Prozess zwischen Regie und Schauspieler*in. In der Schweizer Produktion «Earlybirds», so Glaus, wurden gewalttätige Stunt-Szenen zuerst technisch geprobt. Dies sei sehr heftig für die Schauspieler*in – man müsse sich darüber im Klaren sein, welche expliziten Inhalte gezeigt werden, um emotional dahinterstehen zu können. «Dazu gehört auch die Möglichkeit, klare Grenzen zu setzen, beispielsweise ein Körperteil nicht zu zeigen», betont Glaus. Es gebe aber auch nicht explizit-intime Szenen mit einer grossen subtilen Wirkung, «ich denke dabei an eine Liebeszene, bei der sich zwei Personen mit einer grossen Intensität einfach nur betrachten». Solche Momente entstehen zwischen den Schauspieler*innen, da sind Regie und Caster*innen schon beinahe störend, jedoch im Vorfeld wichtig, um die Basis zu schaffen, damit so eine Szene überhaupt entstehen kann. «Alles andere ist blosser Stress, Überforderung und nicht aussagekräftig». Auch sei es wichtig, bereits während dem Casting alle Themen anzusprechen oder schriftlich abzusprechen – nie erst am Set, weil man da immer in einer schlechteren Position sei. «Schauspieler*innen ohne Agentur müssen die Gewissheit haben, dass sie mit Regie und Produktion ein Vertrauensverhältnis aufbauen und sie konkret in die Umsetzung einbezogen werden.»
Es gebe aber auch nicht explizit-intime Szenen mit einer grossen subtilen Wirkung, «ich denke dabei an eine Liebeszene, bei der sich zwei Personen mit einer grossen Intensität einfach nur betrachten»
Intimität klären – Intimacy-Coaches als Sprachrohr
In Spielfilmen werde der Plot jeweils hergestellt, «das Handwerk der Filmenden ist es, so gut zu faken, dass alles glaubhaft erscheint. Dabei ist Sexualität ein prädestiniertes Thema, dass jeweils sehr individuell umgesetzt wird. Seitens Regie führt das auch zu Überforderung – dabei ist es nicht zielführend, eine Sexszene ‘dokumentarisch’ zu filmen, und zu glauben, sie sei deshalb berührender, krasser, glaubhafter oder natürlicher.» Die Produktion «99 Moons», die 2022 erschienen ist, handelt von einer heftigen Beziehung, die sich vor allem über Szenen mit klaren sexuellen Handlungen definiert. Beim gemischten Cast von Laien und Profis war ein Intimacy-Coach anwesend, um den Ablauf zu leiten – «quasi ein*e Anwält*in für die Schauspielenden», erklärt Glaus. Bis ins Detail wird das Vorgehen gemeinsam erarbeitet, «der Intimacy-Coach ist wichtiger Aspekt der Sprache der beiden Akteur*innen, Im Casting-Prozess ist dies wichtiger als die Szenen selbst.» Grenzverletzungen können also insbesondere im Vorfeld vermieden werden. Dies zeigt Wirkung – noch bis in die 90er Jahre wurde am Set relativ unbedacht agiert, traumatische Situationen, teils ohne böse Absicht, seien an der Tagesordnung gewesen. Die Produktion war «wie eine grosse Maschine, die laufen musste» – sich dagegenzustellen barg die Gerfahr, diskreditiert zu werden. «Das waren heftige Zustände und darin liegt der Ursprung der Me too-Bewegung. Seitdem ist es Produzent*innen nicht mehr möglich, Übergriffe unter dem Deckmantel von künstlerischer Tätigkeit zu vertuschen», zeigt sich Glaus erleichtert. Doch auch heute noch ist es wichtig, für das Wohlbefinden einzustehen und im Falle von Unsicherheit die Agentur stellvertretend handeln zu lassen und einen Verband wie SzeneSchweiz darauf anzusprechen.
Seitens Regie führt das auch zu Überforderung – dabei ist es nicht zielführend, eine Sexszene ‘dokumentarisch’ zu filmen, und zu glauben, sie sei deshalb berührender, krasser, glaubhafter oder natürlicher.»
Weiter gebe es auch Produktionen ohne Caster*innen, die für das Auftreten von Red Flags prädestiniert seien. In Seminaren und Workshops betont Glaus «als Schauspieler*in ist man selbst verantwortlich, und muss klären, mit welcher Art Produktion man es zu tun hat.» Dasselbe gelte für E-Castings mit sogenanntem «Self-Taping» – zwar ein praktikables Vorgehen – aber auch dort müsse besondere Vorsicht gewahrt werden. Das Credo an sich selbst laute: «Ich zeige mich kritisch, mit einer Wachheit und Reife.» Das sei, gemäss Glaus, längst nicht allen Schauspieler*innen gegeben und müsse trainiert werden.
«Filme sind immer ein Spiegel der Realität, die Auswahl von Schauspielenden an Castings sollten keiner Alibi-Übung gleichkommen, die sich auf mehr Diversität beruft.»
Diversität vs. schauspielerische Qualität
Im Hinblick auf Diversität am Set herrscht eine eigene Dynamik bei der Wahl der Besetzungen. «Filme sind immer ein Spiegel der Realität, die Auswahl von Schauspielenden an Castings sollten keiner Alibi-Übung gleichkommen, die sich auf mehr Diversität beruft.» Die Schwierigkeit bestehe darin, die Rollen angemessen zu verteilen, im Hinblick auf kulturelle Herkunft wie auch andere wichtige Charakteristiken einer Person und der zu vergebenden Rolle. «Letztendlich brauchen wir aber Besetzungen, die der Rolle gerecht werden. Das kann unterschiedliches bedeuten – wir Caster*innen stehen am Ende der Kette und müssen bei bereits bestehenden Filmprojekten überzeugende Schauspieler*innen finden.», sagt Glaus. Es gebe Richtlinien vom Bundesamt für Kultur als auch bei Fernsehredaktionen, die Diversität in jedem Bereich einfordern – dies wird sich zukünftig noch mehr etablieren auf allen Ebenen, damit mehr Schauspielende den Mut haben sich zu outen und für mehr Sichtbarkeit sorgen. «In der Filmindustrie gibt es aber diesen verzögerten Rhythmus, da Filme sich immer an der Gesellschaft orientieren», erklärt Glaus. In Bezug auf Minoritäten müsse teils in ganz Europa gecastet werden, um passende Besetzungen zu finden. Es stelle sich durchaus die Frage nach der Gleichbehandlung von Schauspielenden, jedoch gehe es primär um die eingeforderte schauspielerische Qualität.
„Die Gefahr einer schlechten Besetzung ist in solch spezifischen Fällen sehr hoch, was zu einem Rückfall in Sachen Respekt, beziehungsweise einer eventuellen Stigmatisierung der Rolle als auch der Person dahinter führen kann“
Fremde Sprachen und Beeinträchtigung als Herausforderungen
Auch die Besetzung im Film «Semret» aus dem Jahr 2022 war eine Herausforderung für Glaus und ihre Agentur. Es geht um eine aus ihrem Heimatland Eritrea geflüchteten Frau und ihre Tochter. Dafür musste eine Schauspielerin gefunden werden, die Tigrinya spricht – «was eigentlich unmöglich ist. Wir haben dann eine passende Besetzung aus England gefunden, primär eine Musikerin. Die Gefahr einer schlechten Besetzung ist in solch spezifischen Fällen sehr hoch, was zu einem Rückfall in Sachen Respekt, beziehungsweise einer eventuellen Stigmatisierung der Rolle als auch der Person dahinter führen kann» – eine sehr komplexe Angelegenheit, die sich auch um ethische Fragen dreht. «Die eigene Geschichte fliesst notgedrungen immer mit ein, es geht um Vertrauen im Hinblick auf die eigene Biografie, um Emotionen und Erlebnisse.» Besonders bei Laiendarsteller*innen muss sorgfältig geprüft werden, ob die Rolle überzeugt.
Filmsets können aber, wie Glaus sagt, dennoch oft «wie eine Militär- oder Pfadi-Übung sein, teils dauern die Aufnahmen 10-12h bei miserabler Witterung und an unkomfortablen Orten – sie sind quasi immer wieder als ‘Ausnahmezustand’ zu verstehen».
Ein anderes Beispiel für eine herausfordernde Besetzung der Hauptrolle war die SRF-Serie «Neumatt». In Kooperation mit dem Theater Hora wurden die Anforderungen an Schauspielende mit Beeinträchtigung, beziehungsweise deren Rollen, besprochen. Am Set herrsche oft ein stressiger Rhythmus, der geeignet abfedert werden muss und die Anforderungen an die Bedürfnisse anpasst. In der Hauptrolle war ein Laiendarsteller mit Spielerfahrung, der die Thematik der Beeinträchtigung aber nicht ausgespielt, sondern inhaltlich zurückgebunden und nur minimal thematisiert hat. «Man muss sich über die Bedeutung einer Beeinträchtigung bewusst sein – physisch, emotional als auch kognitiv stellt sie Herausforderungen» und es fragt sich, wie sie im Film «aufgefangen» werden können. Auch bei der Arbeit von Kindern am Set gelten besondere Bedingungen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco, die eingehalten werden müssen. Filmsets können aber, wie Glaus sagt, dennoch oft «wie eine Militär- oder Pfadi-Übung sein, teils dauern die Aufnahmen 10-12h bei miserabler Witterung und an unkomfortablen Orten – sie sind quasi immer wieder als ‘Ausnahmezustand’ zu verstehen».
Bild: Ariane Pochon (zvg)
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/thumbnail_Mirjam-Corinna-Nora.jpeg12801920Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-10-19 15:07:362023-12-19 07:12:56Selbstregulierung und Ausnahmezustand am Set
Ihr wollt reich werden? Für jedes neue Mitglied, das über euch den Weg zu SzeneSchweiz findet, gibts einen Finderlohn von 50 Franken!
Ihr seht, wenn ihr 1000 neue Mitglieder bringt, zahlen wir euch 50 000 Franken aus. Was natürlich nicht wahrscheinlich ist. Aber darum gehts ja auch nicht. Eure Freund*innen und Bekannte aus der Branche sollen einfach auch Zugang zu den Dienstleistungen unseres Verbandes erhalten. Dazu gehören rechtliche Unterstützung, Beratung bei Gagenverhandlungen, Pensionskasse, Informationen zu Sachpolitik und Sozialpartnerschaften.
Zusätzlich gibts viele kostenlose Workshops, Schulungen und Events, die den Mitgliedern von SzeneSchweiz offen stehen.
Und vergesst nicht, SzeneSchweiz steht auch euren Kontakten in der Romandie und dem Tessin offen. Neumitglieder melden einfach, wer sie zu uns gebracht hat, und wir kümmern uns um den Rest.
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/Money2.webp405720Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-10-19 09:21:012023-10-19 09:21:0150 Stutz für neue Mitglieder!
Bevor man anderen Grenzen setzen kann, muss man die eigenen Grenzen auch kennen, findet unsere Kolumnistin Stefanie Gygax. In einem Beruf, der mit Emotion, Körper und Nähe arbeitet, muss man für sich selbst eine klare Linie finden, damit man sie auch anderen aufzeigen kann. Text: Stefanie Gygax, professionelle Sängerin & Schauspielerin
„Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck hinterlassen habe, dass du mich so behandeln darfst“. Wenn wir davon ausgehen, dass alle unsere Handlungen aus Aktion und Reaktion bestehen, ist diese Aussage sowas von genial. Wenn du von jemandem nicht so behandelt wirst, wie du es dir wünschst, dann überlege dir, inwiefern dein Verhalten oder dein So-Sein da hineinspielt.
Grenzen zu setzen beginnt nicht in deinem Umfeld, nicht bei der Arbeit, es beginnt bei dir selbst. Hast du schonmal versucht, deinen Gedanken Grenzen zu setzen? Ich trainiere dies seit ein paar Jahren, weil ich es so geschafft habe, meine Panik-Attacken „zurückzuweisen“. Wir können unsere Gedanken lenken, ihre Richtung ändern, sie weg schicken, in dem wir sie bewusst wahrnehmen und entsprechend handeln. Ich mache es so, dass ich mit ihnen rede und ihnen sage, was mir nicht gefällt und was ich mir wünsche.
Dann habe ich angefangen, das bei meinem Gegenüber anzuwenden. Dies klingt zwar banal und selbstverständlich, ist es aber leider ganz und gar nicht. Und wisst ihr, was das Absurdeste daran ist? Dieses Verhalten hat mein Leben nicht leichter gemacht, sondern konfrontiert mich jeden Tag mit Menschen, die mich ganz und gar nicht verstehen und die ganz Verrückten behaupten, dass ich falsch liege, mit dem was ich empfinde.
Wann muss ich Stop sagen?
Ein schönes Beispiel ereignete sich gerade erst in diesem Jahr. Ich arbeitete seit 1.5 Jahren mit einem Kirchenmusiker, der mich immer wieder als Sängerin engagierte. Er war so begeistert von unserer Zusammenarbeit, dass er eine Konzertreihe organisierte. Es kamen immer mehr SMS, weil ja viel geplant werden musste, aber nun vermehrten sich auch die persönlichen Fragen und Berichte. Nun gut, Menschen mögen ja Ver-bindung, dann macht die Arbeit auch mehr Spass?
Okay, jetzt musste plötzlich mehr besprochen werden, also wurde ich zu einer Sitzung zu ihm nach Hause berufen. Zu dieser Zeit fragte ich mich gar nicht, warum der Organist nicht dabei ist. Nun gut, es ging um die Lektion, die ich lernen musste. Und weiter gings, die Begrüssungen, welche ich gerne herzlich in einer Umarmung pflege, wurden erweitert mit einem Kuss auf Ohr oder Hals. Beim ersten Mal dachte ich, das war ein ungeschicktes Manöver, aber nach dem zweiten/dritten Mal war ich wie gelähmt…ich konnte ihn nicht direkt damit konfrontieren.
Normalerweise habe ich damit keine Probleme, wenn die Anmache offensichtlich ist, aber so war das irgendwie total harmlos, aber doch grenzüberschreitend, aber er verhielt sich eigentlich normal und seine Partnerin kannte ich ja auch schon.
OKAY STOP!!!
In welchem Abschnitt dieser Entwicklung hätte ich die Grenze klar setzen müssen. Wann hättest du reagiert und wie? Ich begann die Zügel wieder in meine Hand zu nehmen. Eine Sitzung zu Zweit, von mir aus, aber in einem Cafe. SMS von mir aus, aber bitte nur auf die Arbeit bezogen. Begrüssungen nur noch mit Kopf nicken. Ihr glaubt es nicht, er hat mir dann tatsächlich ein Mail geschrieben, dass er es komisch findet, mal Umarmung, mal nicht, er wolle eine klare Linie und ich solle sagen, wie ich das handhaben will.
Nichts lieber als das, kein Körperkontakt, keine Umarmung. Die Absurditäten nahmen ihren Lauf und je mehr ich meine Grenzen kommunizierte, immer ruhig und anständig wohl bemerkt, desto mehr kochte es in ihm. In einer Nachricht schrieb er, dass ich einen super Job mache, das stützt alle, aber es gibt halt da noch anderes.
WOW meine Damen und Herren, Grenzen setzen macht nicht immer Spass, weil man die Mitmenschen manchmal in die Schranken weisen muss und das mögen grosse Egos ganz und gar nicht. Die ersten 1,5 Jahre verstanden wir uns super, solange es so lief, wie er sich das vorgestellt hatte. Ein halbes Jahr lang durfte ich aber noch an dieser Situation üben, zu sagen, was ich nicht in Ordnung finde. Als Reaktion auf die Halsküsse kam nur, ich hätte das direkt sagen müssen, wenn mir das nicht gefallen hat. Er hatte ja sowas von
Recht.
In unserem Beruf gibt es so viele Grenzüberschreitungen und Machtmissbräuche, zum einen, weil wir mit unseren Körpern, Stimmen Gefühlen arbeiten, zum anderen, weil oft straffe Hierarchien herrschen. Aber ich bitte euch, wehrt euch, steht auf für eure Kollegen und für euch selbst. Wir tun es alle noch viel zu wenig. Nicht mit Wut, nicht mit Zweifel, sondern mit Loyalität und ruhigem Gewissen, weil wir für unseren Wert einstehen.
Stefanie Gygax ist professionelle Sängerin & Schauspielerin, Mitglied bei SzeneSchweiz und schreibt monatlich über Herausforderungen und Erlebnisse im Berufsalltag vor, hinter und neben der Bühne. Hier gibts mehr zu ihr.
Für seine Rolle als Dällebach Kari wurde Rolf Sommer (ehemals Chefredaktor dieses Magazins) als bester Darsteller prämiert, die Thunerseespiele räumten in verschiedenen weiteren Kategorien ab.
«Ich bin total überwältigt vom gestrigen Abend und schwebe immer noch im siebten Himmel. Der Deutsche Musical Theater Preis ist DIE Auszeichnung unserer Branche im deutschsprachigen Raum. Diese als Künstler entgegennehmen zu dürfen, fühlt sich fantastisch an! Die Anerkennung würdigt nebst meiner Leistung auch die Arbeit des Kreativ-Teams, des gesamten Produktionsteams und der Autoren», lässt sich Rolf Sommer auf arttv.ch vernehmen.
Die Musical-Szene feierte Anfang Oktober im Berliner Theater des Westens die Verleihung des Deutschen Musical Theater Preises 2023. Während der Preisverleihung gab es immer wieder minutenlange Standing Ovations. Die Produktion «Dällebach Kari» der Thunerseespiele war mit insgesamt vier Auszeichnungen eine der grossen Gewinnerinnen des Abends.
Dällebach Kari wurde in den Kategorien «Bestes Revival», «Bestes Bühnenbild» (von Charles Quiggin), Bestes Kostüm- und Maskenbild (von Aleš Valášek und Ronald Fahm) und Rolf Sommer als «Bester Darsteller in einer Hauptrolle» ausgezeichnet.
SzeneSchweiz gratuliert dem engagierten und erfolgreichen Mitglied Rolf Sommer und dem Team der Thuner Seespiele!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/deutscher_musical_theater_preis_rolfsommer_photo_morrismacmatzen_15x10cm.jpg600900Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-10-13 08:37:142023-10-13 08:40:56Rolf Sommer gewinnt Deutschen Musical Theater Preis
Erich Vock und Hubert Spiess geben nach 30 Jahren ihr Lebenswerk, die Zürcher Märchenbühne, in neue Hände. Ramona Fattini übernimmt das Märchenreich für Kinder und Erwachsene.
Ramona Fattini ist bestens für diese Aufgabe geeignet. Sie selbst träumt ihren Traum von Bühne und Schauspiel bereits seit ihrem achten Lebensjahr, wie sie in ihrer Vita beschreibt. In einem Alter also, in der Märchen noch wahr sind. Sie selbst hat als Darstellerin auf der Zürcher Märchenbühne wilden Geschichten für Jung und Alt Leben eingehaucht – zum Beispiel als Pippi in Erich Vocks Inszenierung „Pippi Langstrumpf“ oder als Urmel aus „Urmel aus dem Eis“.
Ramona Fattini führt neu die Zürcher Märlibühne
Die Übernahme der Verantwortung für das ganze Projekt war also nur ein kleiner Schritt, auch wenn sie nach Vock und Spiess grosse Fussstapfen ausfüllen muss. Die beiden leidenschaftlichen Bühnenkünstler brachten jedes Jahr sehr viel Spass, grosse Gefühle und spannende Geschichten ins Herz der Limmatstadt. Familien nicht nur aus der Region besuchten die Aufführungen, und manch ein*e junge Erwachsene*r hat den ersten Kontakt mit Bühnenkunst und Schauspiel den beiden zu verdanken. Wer weiss, wie viele junge Schauspieler*innen den Weg in den Beruf nur durch die Inspiration der Märchenbühne gefunden haben?
Hier bedanken wir von SzeneSchweiz uns bei Erich Vock und Hubert Spiess für ihre Leidenschaft, ihr Leistung und ihre Arbeit und wir drücken Ramona Fattini die Daumen. Auf viele spannende Geschichten, kreischende Kinder und leuchtende Augen in den nächsten dreissig Jahren!
https://agasul.com/wp-content/uploads/2023/10/erich-vock.jpg6801360Redaktion ENSEMBLEhttps://agasul.com/wp-content/uploads/2022/01/ensemble_000-80.svgRedaktion ENSEMBLE2023-10-12 09:08:402023-10-12 09:23:33Vock & Spiess geben nach 30 Jahren die Märlibühne ab
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Von Kritiker*innen & Journalist*innen
/in Aktuell/von Reda„Der Kulturjournalismus schafft sich selbst ab“, beklagt der Journalist Michael Lünstroth auf thurgaukultur.ch in einem langen Editorial. Unser Redaktor findet das nicht nur schlecht.
„Vor allem die Zahl der Rezensionen sinkt“, beklagt Lünstroth in seinem Beitrag. Während Studien belegen, dass der Umfang der Kulturberichterstattung in den letzten fünf Jahren gleichbleibend war, sind Rezensionen, beziehungsweise Kritiker*innen-Texte um die Hälfte zurückgegangen.
Zuerst einmal: Wie kam es dazu? Lünstroth: „Die Entwicklung ist komplizierter als man auf den ersten Blick denkt. Es ist wohl am ehesten eine Gemengelage aus Kulturjournalist:innen, die sich selbst wichtiger nahmen als ihr Berichterstattungsobjekt, aus Verlagsmanagern, die geringe Lesequoten für Kulturtexte als Blankoscheck verstanden, Kulturressorts zusammenzustreichen, statt sie besser zu machen und einem Publikum, das in seinen Bedürfnissen so divers geworden ist, dass es herausfordernder (man könnte auch sagen: spannender) geworden ist, einen akzeptierten und geschätzten Kulturjournalismus zu produzieren.“
Medientechnisch ist diese Erklärung etwas kurz gegriffen. Es stimmt, dass die Kulturszene diverser wurde. Die homogene, eingeschränkte Bühnen- und Kulturkritik des 20. Jahrhunderts, die immer wieder auch neue Strömungen vereinnahmt und mit einem eingeschränkten Qualitätskatalog vereinheitlicht hat, verliert an Bedeutung. Der Dialog verschwindet aber nicht, sondern sucht sich neue Plattformen. Diskussionen werden nicht mehr mit einzelnen, oft übermächtigen Kulturjournalist*innen geführt, sondern in der Breite. Niederschwellige Communitys und Social Media übernehmen mehr und mehr die Funktion von Feuilleton und werden Multiplikatoren.
Austausch statt Kritik
Diversität bedeutet auch, dass es Werke und Inszenierungen gibt, die nicht in die Definitionshoheit von Fachjournalist*innen fallen. Und darüber bin ich glücklich. Die Macht des Feuilletons ist gebrochen, kein banges Warten nach der Premiere, ob Kritiker*in YX oder der Kulturteil der NZZ die Aufführung verreisst oder hochjubelt.
Die gesamte Kulturkommunikation hat sich genau wie die gesamte Medienwelt verändert. Fort von selbstgerechten Kritiker*innen in wenig gelesenen Sparten der Tages- und Wochenzeitungen, die ihr Damoklesschwert über jede Premiere, jede Inszenierung, jedes Solo hielten, hin zum direkten Publikumsfeedback. Viele junge Künstler*innen finden es zwar nett, wenn das Feuilleton sie lobend erwähnt, orientieren sich aber inzwischen lieber am Publikum, das heute eigene Kanäle für Feedback und Anerkennung hat.
Kulturpolitik wichtiger als Rezension
Braucht es dann überhaupt noch Kulturjournalist*innen? Ganz bestimmt! Kultur ist auch Politik, gerade wenns um die Finanzierung oder die Arbeitsverhältnisse geht. Viele Kulturjournalist*innen scheuen sich noch immer, kulturpolitische Positionen zu beziehen, Schwächen aufzuzeigen, Kritik an Institutionen anstatt an Inszenierungen auszudrücken. Man könnte ja keine Akkreditierung mehr erhalten. Oder man könnte sich exponieren und beim nächsten Szene-Apéro von irgendeiner wichtigen Figur der Branche ignoriert werden. Die Schweizer Kulturszene, egal ob in Bildender Kunst, Literatur oder den Darstellenden Künsten, ist so klein, dass in der jeweiligen Szene Machtgefälle, kleine Königreiche und Abhängigkeiten entstehen. Und es wäre die Aufgabe von Journalist*innen, den Finger auf diese Missstände zu legen, nicht Teil davon zu sein. Doch zum Glück ändert sich das gerade, durch die Möglichkeiten, die Künstler*innen und Publikum für den direkten Austausch haben.
Verantwortung für den Kulturdialog
Gesellschaftspolitisch ist das wertvoll. Kunst und Kultur bewegen sich so aus einer meist kleinen, elitären Bubble hin zu den Menschen, die bisher vielleicht noch keinen Bezug zu kulturellen Darstellungen fanden. Kulturjournalismus bringt nichts, wenn er nur einige Brancheninsider und ein paar pensionierte Gymi-Lehrer*innen erreicht.
Wenn Kunstschaffende ihre Werke über die Bubble der selbstreferenziellen Szene hinaus entwickeln wollen, müssen sie die Medienarbeit, die Interaktion und die Diskussion um ihre Arbeit selbst führen. Mit ihrem Publikum. Wenn Qualität in der Kunst nur für ein paar wenige Fachpersonen mit expliziter (und oft narzisstisch verstärkter) Expertise erkennbar ist, haben Kunst und Kultur ihren Wert als Zündfunke und Fiebermesser gesellschaftlicher Entwicklungen verloren.
Und mit direkter Ansprache des Publikums füllen sich vielleicht auch die Säle wieder.
Happy Birthday Zurich Film Festival
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV/von Reda20 Jahre ZFF – Wim Wenders Plakat, Richard Gere als Stargast und Hugh Grant als teuflischer Bösewicht – und natürlich unser Netzwerkapéro mit Podium – save the Date!
Ich kann mich noch gut an das erste ZFF erinnern, Glamour in der Limmatstadt. Auch wenn unsere Schweizer Stars mit Garderobe und grünem Teppich etwas überfordert waren (es wirkte wie eine Gymi-Party mit dem Motto „Hollywood“), waren doch alle aufgeregt über die internationale Ausstrahlung, die dieser Event vom ersten Tag an entwickelte. Inzwischen, nach einigen unruhigen und unrühmlichen Episoden, zeichnet die NZZ verantwortlich für die Durchführung. Alles ist hochprofessionell organisiert und wir vermissen etwas vom chaotischen Flair der ersten Jahre.
So sieht das Plakat aus.
Zum Jubiläum entwarf Filmemacher Wim Wenders ein spezielles Plakat für das ZFF, was eine ganz hübsche Idee ist. Nur werden Normalsterbliche nichts davon haben: Das exklusive Plakat im Format A2 erscheint in einer limitierten Auflage von 50 Exemplaren und sind für 5000 Franken pro Plakat im NZZ Shop erhältlich. Zusätzlich sind 300 Plakate ohne Originalsignatur für 55 Franken erhältlich. Aber die gehen an Freunde von Freunden. Wir kennen Zürich.
In der Europa-Premiere des Horrorfilms „Heretic“ zeigt sich Hugh Grant mal nicht als charmanter Nachbar von Nebenan sondern als teuflischer Bösewicht. Ob wir ihm das abnehmen? Wir lassen uns überraschen.
Wenn Hugh Grant der Star der GenX ist, dann ist der Stargast Richard Gere wohl der Schwarm der Boomer. Aber mit 74 hat sich der Star weit von seiner Vergangenheit als filmischer Schwerenöter entfernt und bringt uns etwas Buddhismus in die Zwinglistadt. Richard Gere ist Executive Producer des Films «Wisdom of Happiness» mit und über den Dalai Lama. Begleitet wird Gere von Oren Moverman (Executive Producer), der Schwester des Dalai Lama, Jetsun Pema, und dem Premierminister von Tibet im Exil, Sikyong Penpa Tsering.
Netzwerkapéro mit Podium am ZFF
Wann: Samstag, 12. Oktober 2024, ab ca. 17:00 Uhr
Wo: Tibits Bistro, Falkenstrasse 12, 8008 Zürich
Thema: «Quo vadis Swiss Film – der Weg zum Kassenschlager ist lang und steinig … und wer bezahlt ihn?»
Die Gäste der Podiumsdiskussion werden zu einem späteren Zeitpunkt auf diesem Kanal bekanntgegeben.
Bis dahin freuen wir uns, wenn ihr euch den Termin in der Agenda vormerkt!
BVG-Abstimmung: Keiner blickt durch. Wir schon.
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEZahlenchaos, widersprüchliche Aussagen, Intransparenz und eine grundsätzliche Komplexität des Versicherungsthemas verwirren bei der BVG-Abstimmung. Die wichtigsten Fragen und Antworten aus Sicht der Kulturschaffenden.
Gianluca Pardini (Geschäftsleiter IG Kultur Luzern, Kantonsrat LU)
Etrit Hasler (Alt-Kantonsrat SG, Slampoet, Geschäftsführer Suisseculture Sociale)
Am 22. September entscheidet die Schweiz über die Reform der beruflichen Vorsorge. Wie bei allen Abstimmungen ist die Unsicherheit in der Bevölkerung gross. Abstimmungsvorlagen zur Altersvorsorge haben in der politischen Kultur der Schweiz einen schweren Stand. Seit der Einführung des Gesetzes der beruflichen Vorsorge im Jahr 1985 erfolgte lediglich eine Revision. Daraufhin scheiterten mehrere Reformversuche an der Urne. Ein historischer Coup wurde im März 2024 mit dem Ja zur 13. AHV-Rente erzielt.
Was ist der zentrale Punkt der BVG-Reform?
Im Kern sieht die Reform eine Senkung des Umwandlungssatzes vor, was primär zu einer Kürzung der Renten führt. Ursprünglich wurde die Massnahme damit begründet, dass die aktuellen Renten aus Sicht der Versicherer nicht mehr finanzierbar seien.
Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass die Pensionskassen in der Zeit seit Beginn der Reform finanzielle Reserven angesammelt haben. Und zwar in einem Ausmass, dass die Pensionskassenaufsicht diverse Kassen auffordern musste, ihre Reserven abzubauen, sprich: das angehäufte Geld an die Versicherten weiterzugeben.
Gibt es auch positive Aspekte?
Die Vorlage enthält durchaus ein paar begrüssenswerte Verbesserungen, die aber leider nicht wirklich ins Gewicht fallen. So soll neu der versicherte Lohn erhöht werden, was dazu führen soll, dass Wenigverdiener mehr Beiträge einbezahlen können, um ihre Rente im Alter aufzubessern. Bei einer gleichzeitigen Senkung des Umwandlungssatzes führt das allerdings zu unzumutbar hohen Beiträgen, für gleichviel oder weniger Rente.
Was bedeutet die Vorlage für die Kulturschaffenden?
Die grösste Schwierigkeit für Kulturschaffende mit der beruflichen Vorsorge war bisher, dass in diesem Bereich atypische Berufsbilder sehr viel häufiger vorkommen als im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Das bestätigt ein Bericht des Bundesrats zur sozialen Sicherheit von Kulturschaffenden im Jahr 2023. Kulturschaffende im Arbeitnehmer:innenstatus arbeiten überdurchschnittlich oft Teilzeit.
Befristete Anstellungen sind ebenfalls deutlich häufiger, und der Anteil an Selbstständigen sowie Mehrfachbeschäftigten liegt deutlich über dem Durchschnitt. Auch das durchschnittliche Einkommensniveau von Kulturschaffenden liegt im Vergleich merklich tiefer. Diese Ausgangslage führt in der Altersvorsorge zu einer geringeren sozialen Absicherung. Für diese Personen bringt die aktuelle Reform wenig bis nichts- für die meisten Kulturschaffenden bleibt nach wie vor nur die Möglichkeit, sich über ihre Berufsverbände den freiwilligen Pensionskassen anzuschliessen – diese funktionieren durchaus, sind aber nicht von der aktuellen Reform betroffen.
Hört im Parlament niemand die Anliegen der Kulturschaffenden?
Die Verbreitung der atypischen Arbeitsverhältnisse ist längst nicht mehr nur ein Problem der Kulturschaffenden. Umso störender ist es, dass das Thema der Mehfachbeschäftigungen und die negativen Auswirkungen auf die berufliche Vorsorge mit der BVG-Reform nicht adressiert werden. Was die allgemeine Rentensituation betrifft, so zeichnet sich eigentlich ebenfalls ein einheitliches Bild.
Vor Kurzem hat das Vermögenszentrum VZ sein aktuelles Pensionierungsbarometer veröffentlicht – mit vernichtenden Zahlen: Die Renten sind seit 2002 um 39% geschrumpft. Das verfassungsmässige Leistungsziel wird bereits deutlich unterschritten. Angesichts einer weiteren Senkung steht die Revision quer in der Landschaft, wenn man bedenkt, dass die Pensionskassen zurzeit im Geld schwimmen.
Was ist das Fazit?
Die Reform der beruflichen Vorsorge berücksichtigt die speziellen Anforderungen von atypischen Arbeitsverhältnissen nicht im Geringsten, und dies, obwohl längst nicht nur Kulturschaffende davon betroffen sind. Eine Annahme der BVG-Revision würde die Altersvorsorge kaum verbessern, während die zusätzliche finanzielle Belastung während des Erwerbslebens keine nennenswerten Vorteile bringt.
Film & Ton – KI-sichere Verträge!
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaDarf dein Gesicht auch für weitere Filme und Projekte verwendet werden? Gehört deine Stimme dir? Darf eine KI dich älter, jünger, dicker, dünner machen? Das kannst du jetzt vertraglich regeln!
Die Schweizerische Interpretengenossenschaft stellt Vertragsbausteine für Darsteller*innen bereit, mit denen man sich in Verträgen die Rechte bei KI-Nutzung sichert. Funktioniert auch für Sprecher*innen.
Darf eine Produktionsfirma dein Material benutzen, um mit KI weitere Szenen zu kreieren? Dürfen sie dein Gesicht oder deinen Körper in den bestehenden Aufnahmen verändern? Dich jünger oder älter machen? Dicker oder dünner? Dürfen sie dir ein anderes Gesicht geben? Deine Stimme für andere Sprachversionen benutzen?
Bisher war die Nutzung der KI-Möglichkeiten eine rechtliche Grauzone. Die Schweizerische Interpretengenossenschaft hat die juristischen Aspekte begutachtet und Texte formuliert, mit denen du deine Verträge ergänzen kannst. Die vorgefertigten Texte lassen sich bei den Vertragsabschnitten einfügen, welche die Urheberrechte regeln. So behältst du Kontrolle über die Verwendung deines Körpers und deiner Leistung und Produktionsfirmen müssen sich festlegen, wofür genau sie deine Beiträge benutzen wollen.
Mit den Vorlagen lassen sich bereits bestehende KI-Anwendungen direkt regeln, sie sind aber auch offen für neuere, vielleicht bald kommende Anwendungsmöglichkeiten. Trotzdem rät die Genossenschaft zu einer Abklärung mit einer Fachperson, wenn man die Urheberrechte an der eigenen Person in einem Vertrag regelt. Viele Verbände, darunter auch SzeneSchweiz, bieten dabei Hilfe an.
Und wie sieht so ein Textbaustein aus? Hier ein Beispiel in umständlicher juristischer Sprache:
Bei Fragen zu spezifischen Verträgen wendest du dich am besten direkt an ein*e Vertreter*in deines Berufsverbandes. Noch nicht Mitglied? Dann aber hopphopp.
Abuso & Genio – L’arte come apologia
/in Tanz, Verbandsinfo, Aktuell, Meinung, Theater/von RedaPerché le star e i “geni” sono ancora tutelati nel settore culturale? Perché le persone colpite temono di difendersi? E questo dopo diversi anni di #MeToo? Un editoriale fatto di rabbia e incomprensione.
“Questo è il coraggio di cui hanno bisogno i grandi”, ho pensato tra me. Il piccolo teatro zur Waage di Elgg sta attualmente trasformando una storia di abusi in un’opera sul palco. Più precisamente: Acis e Galatea di Georg Friedrich Händel. Affronta il sessismo, gli squilibri di potere e gli attacchi che vanno dal sottile al massiccio, che fanno parte della vita quotidiana nel settore culturale.
Perché le grandi case non si fanno carico della questione? Da quando ho collaborato alla realizzazione della campagna contro le violenze sessuali davanti e dietro dal palco per ScenaSvizzera, il movimento è stato minimo o nullo, come dimostra il nostro ultimo sondaggio sull’argomento. Naturalmente si sentono belle parole sulle buone intenzioni: ora si chiama Codice di condotta.
Ma se parli con gli ensemble, con gli artisti, ti rendi conto che gli errori, gli attacchi e gli abusi di potere continuano a verificarsi. E può ancora distruggere la carriera degli artisti se aprono la bocca. Quando ScenaSvizzera accompagna le poche persone colpite che si difendono, di solito si conclude con un accordo di riservatezza. Non sono solo le case a voler proteggere la propria reputazione e le proprie star, sono anche gli artisti che temono per la propria carriera. Tutti sanno cosa sta succedendo, nessuno apre bocca.
Il genio può fare qualsiasi cosa
Mi chiedevo perché. E poi mi è venuta in mente una scena alla quale avevo assistito incredulo qualche anno fa, allora come giornalista zurighese: Roman Polański è stato arrestato al Festival del cinema di Zurigo. Un artista, un genio del cinema, che, quando aveva più di 40 anni, aveva aggredito sessualmente una 13enne ed era sfuggito alla punizione dopo essere stato condannato legalmente. Sarebbe già abbastanza scioccante di per sé, ma non lo era. Sono stati gli operatori culturali zurighesi a manifestare davanti al cinema Corso con il distintivo “Polański libero”.
La tesi era: chi produce risultati artistici eccezionali può permettersi di più e ha diritto alla protezione. O più casualmente: “I geni possono anche essere dei brividi purché trasmettano arte”.
E questo continua ancora oggi, anche dopo #MeToo, anche in una scena piccola come quella svizzera. I “geni” sono ancora indulgenti, al “maestro” è ancora concesso tutto. Ti muovi in punta di piedi attorno a un “artista eccezionale” per non interrompere il suo flusso creativo, mentre calpesti i membri dell’ensemble quando aprono bocca. Nei teatri e nelle produzioni svizzere tutti sanno di quali star e geni non ci si può fidare. Esistono persino dei gruppi che avvertono i nuovi arrivati con chi non dovrebbero stare da soli nell’ascensore o nella cabina. Conosciamo tutti le storie.
Danni al settore culturale
E ora torniamo ai responsabili del settore culturale, alle persone che hanno abbastanza potere per fare la differenza: tacciono. Nella migliore delle ipotesi reagiscono con esitazione, nella peggiore minacciano di fare causa. Se lo chiedi, si tratta di “proteggere il settore culturale”. Non vogliono che le istituzioni culturali abbiano una cattiva reputazione presso il pubblico; la situazione (sovvenzioni, vendita dei biglietti) è già abbastanza grave e uno scandalo danneggerebbe tutti.
È imbarazzante. La cultura dovrebbe, tra le altre cose, trasmettere valori. Un’opera d’arte, sia sul palco, sullo schermo o come un quadro sul muro, è espressione di un atteggiamento emotivo e spirituale. E se l’artista (sì, soprattutto uomini) è un mostro invasivo, la sua arte ne è contaminata. L’arte è un’espressione dell’essere più profondo dell’artista, e quando questo essere più profondo è corrotto, lo è anche l’arte.
Cosa è più dannoso per la cultura: una cultura dell’abuso, del nascondimento, dell’ipocrisia o un confronto aperto con le lamentele che tutti gli artisti devono sperimentare se stessi o i loro colleghi nella loro vita quotidiana?
È ora di tirare fuori la pala per il letame e fare pulizia. Insieme. Senza paura.
Missbrauch & Genie – Kunst als Entschuldigung
/in Aktuell, Film/TV, Meinung, Theater, Verbandsinfo/von RedaWarum werden die Stars und die «Genies» im Kulturbetrieb noch immer geschützt? Warum fürchten Betroffene, sich zu wehren? Und das nach mehreren Jahren #MeToo? Ein Editorial aus Wut und Unverständnis.
«Das ist der Mut, den die Grossen brauchen», dachte ich mir. Das Kleintheater zur Waage in Elgg setzt zurzeit eine Missbrauchsgeschichte im Bühnenbereich als Oper um. Genauer: Georg Friedrich Händels Acis and Galatea. Darin werden Sexismus, Machtgefälle und von feinen bis zu den massiven Übergriffen thematisiert, die im Kulturbetrieb zum Alltag gehören.
Warum nehmen sich die grossen Häuser nicht des Themas an? Seit ich für SzeneSchweiz die Kampagne über sexuelle Übergriffe vor und hinter den Bühnen mitgestaltet habe, hat sich nichts bis wenig bewegt, wie unsere aktuellste Umfrage zum Thema zeigt. Natürlich hört man schöne Worte über gute Absichten – Code of Conduct nennt sich das jetzt.
Spricht man aber mit den Ensembles, mit den Künstler*innen, erkennt man, dass die Missgriffe, die Übergriffe und der Machtmissbrauch noch immer stattfinden. Und noch immer kann es die Karriere von Künstler*innen vernichten, wenn sie den Mund aufmachen. Wenn SzeneSchweiz die wenigen Betroffenen, die sich zur Wehr setzen, begleitet, endet das in den meisten Fällen mit einer Stillschweige-Vereinbarung. Es sind nicht nur die Häuser, die ihren Ruf und ihre Stars schützen wollen, es sind auch die Künstler*innen, die um ihre Karriere fürchten. Jeder weiss, was vor sich geht, niemand macht den Mund auf.
Genie darf alles
Ich habe mich gefragt, warum das wohl so ist. Und dann ist mir eine Szene in den Sinn gekommen, die ich vor einigen Jahren – damals noch als Zürcher Journalist – voll ungläubigem Staunen erlebt hatte: Am Zürich Film Festival wurde Roman Polański verhaftet. Ein Künstler, ein Genie des Kinos, der sich als über 40-Jähriger an einer 13-Jährigen vergangen hatte und sich nach einer rechtmässigen Verurteilung der Strafe entzog. Das wäre an sich schon schockierend genug, aber das war es nicht. Es waren die Zürcher Kulturschaffenden, die mit einem «Free Polański»-Anstecker vor dem Kino Corso demonstrierten.
Die Argumention lautete: Wer eine herausragende künstlerische Leistung bringt, darf sich auch mehr erlauben und hat das Anrecht auf Schutz. Oder salopp: «Genies dürfen auch Widerlinge sein, solange sie Kunst abliefern.»
Und das zieht bis heute, selbst nach #MeToo, selbst in einer kleinen Szene wie der Schweiz. Noch immer gilt Nachsicht mit den «Genies», noch immer darf sich der «Maestro» alles erlauben. Man schleicht auf Zehenspitzen um einen «herausragenden Künstler» herum, um nur ja nicht seinen schöpferischen Fluss zu stören, während man über die Mitglieder des Ensembles hinwegstampft, wenn sie den Mund aufmachen. In den Schweizer Häusern und Produktionen ist allen bekannt, welchen Stars und Genies man nicht trauen kann. Es gibt sogar Ensembles, die Neuankömmlinge warnen, mit wem sie besser nicht alleine in den Lift oder in der Kabine sein sollten. Wir alle kennen die Geschichten.
Schaden für den Kulturbetrieb
Und nun zurück zu den Verantwortlichen im Kulturbetrieb, zu den Leuten, die genug Macht haben, um einen Unterschied zu machen: Sie schweigen. Sie reagieren im besten Fall zögerlich, im schlimmsten Fall drohen sie mit Klagen. Fragt man nach, gehts darum „den Kulturbetrieb zu schützen“. Man wolle nicht, dass kulturelle Institutionen in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf bekämen, die Situation (Subventionen, Eintrittsverkäufe) seien so schon schlimm genug und ein Skandal würde allen schaden.
Das ist peinlich. Kultur soll unter anderem Werte vermitteln. Ein Kunstwerk, ob auf der Bühne, auf der Leinwand oder als Bild an der Wand, ist Ausdruck einer emotionalen und geistigen Haltung. Und wenn der Künstler (ja, meist Männer) ein übergriffiger Widerling ist, ist seine Kunst davon besudelt. Kunst ist ein Ausdruck des innersten Wesens der Künstler**innen, und wenn dieses innerste Wesen korrumpiert ist, ist es auch die Kunst.
Was schadet der Kultur mehr: Eine Kultur der Missbräuche, des Versteckens, des Heuchelns oder eine offene Auseinandersetzung mit den Missständen, die alle darstellenden Künstler*innen in ihrem Alltag bei sich oder Kolleg*inne erleben müssen?
Es ist Zeit, die Güllenschaufel hervorzuholen und auszumisten. Gemeinsam. Ohne Angst.
SzeneSchweiz: Dance Passport für Tänzer*innen in ganz Europa
/in Aktuell/von RedaDu tanzt auf der ganzen Welt und nur zeitweise in der Schweiz? Die SzeneSchweiz-Mitgliedschaft macht dir den Dance Passport zugänglich – eine Mitgliedschaft und Service bei allen angeschlossenen Verbänden in ganz Europa.
Are you a global dancer with projects in Switzerland? A SzeneSchweiz membership gives you the Dance Passport, connecting you to a network of unions in Europe.
Im Rahmen von Dance Passportunterstützt SzeneSchweiz Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ausland, die für kurzzeitige Engagements in der Schweiz sind. SzeneSchweiz beantwortet unter anderem Fragen zu Gagen, Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen und Versicherungen. Für Mitglieder, die für kurze Zeit im Ausland engagiert sind, gilt umgekehrt dasselbe Angebot: Sie können bei Fragen die lokalen Künstlerverbände in Europa kontaktieren. Die häufigsten Fragen (FAQ) werden auf der interaktiven Europakarte von Dance Passport beantwortet.
As part of the Dance Passport, SzeneSchweiz offers support to international dancers working on short-term projects in Switzerland. We provide information and assistance on topics such as fees, contracts, working conditions, and insurance. For members working abroad, the same support is available through local artists‘ associations across Europe. Find answers to frequently asked questions on our interactive European map.
„Ziel des Tanzpasses ist es, eine Quelle der Unterstützung für professionelle Tänzer im Zusammenhang mit der Mobilität zu sein. Er ist ein gewerkschaftliches Solidaritätsnetz für Tänzer im Ausland. Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrem Heimatland Mitglied einer Gewerkschaft sind, können während eines kurzen Arbeitsaufenthalts in einem europäischen Land, in dem es eine teilnehmende Gewerkschaft gibt, die Unterstützung und die Dienste der örtlichen Gewerkschaft in Anspruch nehmen.“
„The aim of the Dance Passport is to be a source of support for professional dancers in the context of mobility. It is a union solidarity network for dancers abroad. Dancers who are paid-up union members in their home country can access local union support and services while working for a short period in any European country where there is a participating union.“
SzeneSchweiz: Dance Passport und Weiterbildungsangebote (Workshops)
/in Aktuell, Archiv, Tanz, Theater, Verbandsinfo/von RedaDu tanzt auf der ganzen Welt und nur zeitweise in der Schweiz? Die SzeneSchweiz-Mitgliedschaft macht dir den Dance Passport zugänglich – eine Mitgliedschaft und Service bei allen angeschlossenen Verbänden weltweit.
Im Rahmen von Dance Passport unterstützt SzeneSchweiz Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ausland, die für kurzzeitige Engagements in der Schweiz sind. SzeneSchweiz beantwortet unter anderem Fragen zu Gagen, Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen und Versicherungen. Für Mitglieder, die für kurze Zeit im Ausland engagiert sind, gilt umgekehrt dasselbe Angebot: Sie können bei Fragen die lokalen Künstlerverbände in Europa kontaktieren. Die häufigsten Fragen (FAQ) werden auf der interaktiven Europakarte von Dance Passport beantwortet.
„Ziel des Tanzpasses ist es, eine Quelle der Unterstützung für professionelle Tänzer im Zusammenhang mit der Mobilität zu sein. Er ist ein gewerkschaftliches Solidaritätsnetz für Tänzer im Ausland. Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrem Heimatland Mitglied einer Gewerkschaft sind, können während eines kurzen Arbeitsaufenthalts in einem europäischen Land, in dem es eine teilnehmende Gewerkschaft gibt, die Unterstützung und die Dienste der örtlichen Gewerkschaft in Anspruch nehmen.“
Hier geht es zu den Angeboten des Dance Passports.
Weiterbildungsangebote für Mitglieder
SzeneSchweiz unterstützt Ihre Weiterbildung mit folgenden Angeboten:
CHF 100: Individuelle Weiterbildung für Mitglieder, sofern sie einen beruflichen Hintergrund hat. Eine entsprechende Bestätigung muss eingesendet werden. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten kumuliert werden.
Ein neues Angebot für alle festangestellten und freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Diese Angebot richtet sich an Mitglieder pro Jahr für ein individuelles Coaching beim Kulturmarkt. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten (individuelle Weiterbildung und Gesang) kumuliert werden.
CHF 200: Training mit KorrepetitorInnen pro Mitglied und Jahr – gilt für alle festangestellten und freischaffenden SängerInnen, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Sänger*innen haben die vornehme Pflicht, ihre Stimme stets im Training zu halten, ob für das Vorsingen oder für das bevorstehende Engagement: Sechs KorrepetitorInnen stehen in Basel, St. Gallen und Zürich zur Verfügung (1 Std. zu CHF 80). Für die gebuchten Stunden muss eine Bestätigung eingereicht werden, das Angebot gilt einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten kumuliert werden.
Umfrage: Wie stimmst du bei der BVG-Reform ab?
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaDie Abstimmung zur Reform der zweiten Säule ist so umstritten wie komplex. Wie stimmst du ab?
Es ist selten, dass linke Parteien und engagierte Frauenorganisationen bei landesweiten Abstimmungen geteilter Meinung sind. Bei der Rentenreform ist dies nun der Fall. Während Alliance F. sich für die Annahme ausspricht, sehen Linke und die Gewerkschaften in der Reform einen „Bschiss“. (Weiter unter der Umfrage)
Umfrage
Wie lässt sich dieses Zerwürfnis erklären? In vereinfachter Form:
Die Eintrittsschwelle wird gesenkt: Künftig sind Erwerbstätige ab einem Jahreslohn von 19’845 Franken versichert, heute liegt die Hürde bei 22’050 Franken. Zudem wird die versicherte Lohnsumme erhöht. Dazu wird der Koordinationsabzug, heute ein fixer Betrag von 25’725 Franken, flexibilisiert. Er soll gewährleisten, dass die Pensionskasse nur auf demjenigen Teil des Lohnes Beiträge erhebt, für den die AHV keine Rente ausrichtet. (Quelle Tagesanzeiger)
Dies ist für Geringverdienende und für viele Frauen, die Teilzeit arbeiten, von Vorteil. Einige, die bisher keine Rente erhalten hätten, werden in Zukunft einen Zustupf zur AHV bekommen. Aber …
Der minimale Umwandlungssatz wird von heute 6,8 auf neu 6 Prozent sinken. Das heisst, pro 100’000 Franken Kapital würden nur noch 6000 statt 6800 Franken Rente ausbezahlt. Dank höherer Altersguthaben soll aber «das Leistungsniveau insgesamt erhalten» bleiben, wie das zuständige Bundesamt auf seiner Website schreibt.
Wie sich nun zeigt, wird dieses Versprechen für viele Menschen in gewerbenahen Berufen nicht eingehalten. Wer als Gärtnerin, Metzger oder Coiffeuse arbeitet, muss bei einem Ja zur BVG-Reform mit teils empfindlichen Renteneinbussen im Alter rechnen. Dies zeigen Berechnungen der Stiftung Proparis, die laut eigenen Angaben mit ihren Pensionskassen über 70’000 Menschen aus knapp 10’000 angeschlossenen Gewerbebetrieben versichert. Die Reform sieht einerseits vor, dass Angestellte und Firmen ihre Einzahlungen in die Vorsorgekontos erhöhen. (Quelle Tagesanzeiger)
Für Kulturschaffende ein Dilemma: Zwar werden einige jetzt in eine Rentenkasse aufgenommen, dafür müssen aber alle höhere Beiträge bezahlen und alle Renten werden gekürzt.
Wie seht ihr das? Eure Meinung gerne in die Kommentare!
SzeneSchweiz: Dance Passport und Weiterbildungsangebote (Workshops)
/in Aktuell, Archiv, Tanz, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEIm Rahmen von Dance Passport unterstützt SzeneSchweiz Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ausland, die für kurzzeitige Engagements in der Schweiz sind. SzeneSchweiz beantwortet unter anderem Fragen zu Gagen, Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen und Versicherungen. Für Mitglieder, die für kurze Zeit im Ausland engagiert sind, gilt umgekehrt dasselbe Angebot: Sie können bei Fragen die lokalen Künstlerverbände in Europa kontaktieren. Die häufigsten Fragen (FAQ) werden auf der interaktiven Europakarte von Dance Passport beantwortet.
„Ziel des Tanzpasses ist es, eine Quelle der Unterstützung für professionelle Tänzer im Zusammenhang mit der Mobilität zu sein. Er ist ein gewerkschaftliches Solidaritätsnetz für Tänzer im Ausland. Tänzerinnen und Tänzer, die in ihrem Heimatland Mitglied einer Gewerkschaft sind, können während eines kurzen Arbeitsaufenthalts in einem europäischen Land, in dem es eine teilnehmende Gewerkschaft gibt, die Unterstützung und die Dienste der örtlichen Gewerkschaft in Anspruch nehmen.“
Hier geht es zu den Angeboten des Dance Passports.
Weiterbildungsangebote für Mitglieder
SzeneSchweiz unterstützt Ihre Weiterbildung mit folgenden Angeboten:
CHF 100: Individuelle Weiterbildung für Mitglieder, sofern sie einen beruflichen Hintergrund hat. Eine entsprechende Bestätigung muss eingesendet werden. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten (Kulturmarkt und Gesang) kumuliert werden.
CHF 200: Stay tuned – Coaching in Kooperation mit dem Kulturmarkt
Ein neues Angebot für alle festangestellten und freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Diese Angebot richtet sich an Mitglieder pro Jahr für ein individuelles Coaching beim Kulturmarkt. Diese Unterstützung ist einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten (individuelle Weiterbildung und Gesang) kumuliert werden.
CHF 200: Training mit KorrepetitorInnen pro Mitglied und Jahr – gilt für alle festangestellten und freischaffenden SängerInnen, die NICHT beim RAV angemeldet sind. Sänger*innen haben die vornehme Pflicht, ihre Stimme stets im Training zu halten, ob für das Vorsingen oder für das bevorstehende Engagement: Sechs KorrepetitorInnen stehen in Basel, St. Gallen und Zürich zur Verfügung (1 Std. zu CHF 80). Für die gebuchten Stunden muss eine Bestätigung eingereicht werden, das Angebot gilt einmalig und kann nicht mit anderen Angeboten kumuliert werden.
Benefiz-Gala für krebskranke Lisa
/in Aktuell, Tanz/von RedaDie Schweizer Kunstszene versammelt sich um Lisa Horten-Skilbrei, eine beliebte Tänzerin des Basler Balletts, bei der kürzlich Krebs im 4. Stadium diagnostiziert wurde.
Gemeinsam mit einer Gruppe engagierter Freunde und Organisatoren hat Jorge García Pérez deshalb die “Strength and Grace“-Benefiz-Gala ins Leben gerufen, eine Tanzgala zu Lisas Ehren. An dem Event werden namhafte Tänzerinnen und Tänzer aus Basel und der ganzen Welt auftreten, um Lisas Kunst und die Kraft des Tanzes zu feiern.
Jorge García Pérez organisierte die Aktion spontan: „Als Lisa ihren Zustand und auch den damit verbundenen Kosten öffentlich machte, war ich absolut schockiert und untröstlich. Ich habe sofort etwas gespendet, aber ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht aufhören, über ihre Situation nachzudenken. ‚Das ist nicht genug‘, sagte ich mir, ‚Ich kann mehr tun!'“
Am nächsten Morgen rief Jorge alle Freunde und Bekannten an und die Resonanz war erstaunlich: Alle waren so hilfsbereit und wollten nicht nur mit Tanzen, sondern mit allem, was sie anbieten können, helfen. Alles, um genug Geld zu sammeln, damit Lisa zu ihrer Familie zurückkehren kann. Es ist unser Ziel, genügend Unterstützung für Lisa zu mobilisieren, um ihr eine Heimkehr zu ihrer Familie in Norwegen zu ermöglichen. In Lisas gegenwärtigen, gesundheitlichen Zustand ist dies ein komplexes und teures Unterfangen.
Benefiz-Gala 18 August ab 14 Uhr
Die Benefizveranstaltung findet am 18. August um 15:00 Uhr (Einlass ab 14:00 Uhr) im Schauspielhaus am Theater Basel (Steinentorstrasse 7) statt. Der gesamte Erlös kommt Lisas medizinischer Versorgung und Betreuung zugute. Weil Lisa am Veranstaltungsort nicht anwesend sein kann, wird die Gala per Livestream übertragen, sodass sie die Liebe und Unterstützung ihrer grossen Tanz-Familie dennoch miterleben kann.
Künstler*innen aus der ganzen Welt engagieren sich für die Benefizveranstaltung am Theater Basel: Die Gala zeigt Auszüge bestehender und auch neue Werke von Choreografen wie Sidi Larbi Cherkaoui, Iratxe Ansa & Igor Bacovich, Bobbi Jene Smith, Alexander Ekman, Hofesh Shechter, Richard Wherlock, Thomas Martino, Alba Castillo, Bryan Arias, Armando Braswell, Rachelle Anais Scott, Javier Rodríguez Cobos, Marcelino Libao, Ricardo Fernando, Cathy Marston und Garrett Smith. Neben Tänzerinnen und Tänzern des Ballettes Basel werden auch Künstlerinnen und Künstler des Ballettes Zürich, des Ballett Bern, des Ballet de l’Opera de Lyon, des Hamburg Ballett, des Ballett Augsburg, des Braswell Arts Center, Aterballetto und Künstler aus der freiberuflichen Tanzszene bei der Benefizgala auftreten, um so die Unterstützung der gesamten Tanzgemeinschaft für Lisa in ihrem Kampf gegen den Krebs zu symbolisieren.
Über Lisa
Locarno bittet zum Kino-Spektakel!
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Verbandsinfo/von RedaDas 77. Locarno Film Festival startet heute, Mittwochabend. Und natürlich ist SzeneSchweiz auch dabei!
225 Filme, darunter 104 Premieren, flimmern in den nächsten zehn Tagen in Locarno über die Leinwände. 41 Pruduktionen kommen aus der Schweiz oder haben starken Schweizer Bezug. 17 Filme konkurrieren im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden.
Eröffnungsfilm des 77. Locarno Film Festivals ist «Le Déluge» vom italienischen Regisseur Gianluca Jodice («The Bad Poet»), ein Historiendrama um Marie Antoinette und Ludwig XVI. Die beiden Hauptdarsteller Mélanie Laurent («Inglourious Basterds») und Guillaume Canet («Asterix & Obelix im Reich der Mitte») werden an der Eröffnungsgala mit dem Ehrenpreis des Festivals, dem Excellence Award Davide Campari ausgezeichnet.
Aber natürlich ist das nur die halbe Geschichte. In den hübschen Strassen Locarnos geniessen Stars und Branchenvertreter*innen die heissen Sommertage und die mediterranen Nächte während des Festivals. Stars, wie die Regisseurin Jane Campion besuchen die Schweiz. Campion («The Piano») erhält einen Ehrenleoparden. Zusätzlich holen etwa der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, die US-amerikanische Produzentin Stacey Sher oder der US-amerikanische Tontechniker Ben Burtt ihre Ehrungen ab.
SzeneSchweiz-Netzwerkapéro am 10.8.2024
Ab 17 Uhr wie immer in der Bar Caffé Festival (Viale Balli 2, Locarno).
Streiten hinter der Bühne – fight or flight?
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLELieber still sein oder einen Streit riskieren? Soll man sich auch mal gegen die Mächtigen wehren und dabei auch etwas riskieren, oder einfach nicken und weitermachen? Unsere Kolumnistin übt den Widerstand.
Von Stefanie Gygax
Dieses Thema bringt mich immer wieder auf die Palme, wenn ich daran denke, wie viel ich mir schon habe gefallen lassen.
Kürzlich habe ich eine Doku über das Thema Machtmissbrauch im Theater gesehen und habe gespürt, dass die interviewten Künstler zwar darüber reden wollen, aber immer noch mit Vorsicht, dass man ja nichts Verbotenes sagt, was bei potenziellen Arbeitgebern „falsch“ rüber zu kommen könnte. Kurz danach gab es dann einen Artikel im Opernmagazin von einer Sängerin, die nicht mehr aktiv im Business ist und Missstände frei ansprechen konnte.
Die tief verwurzelte Angst ist echt schockierend. Es zieht sich durch die ganze Gesellschaft und prägt vermutlich jeden Arbeitsbereich. Beginnt es doch bereits in der Primarschule, dass man dem Lehrer nicht widersprechen soll. Die Eltern wissen in der Regel alles besser, weil sie ja „Er-wachsen“ sind und „Schwäche“ zeigen ist grundsätzlich tabu.
Wieso lehrt und lernt man nicht, wie man richtig streitet? Warum ist es immer entweder einknicken oder total eskalieren?
„Sei ruhig und mach deinen Job“ ist doch, seien wir ehrlich, aus dem letzten Jahrhundert. Ein Stück zu kreieren, ein Team zu bilden, ist doch sowas Magisches, wenn alle am gleichen Strick ziehen, jeder seine ganz eigene Persönlichkeit einbringt und das Gegenüber mit Wertschätzung behandelt! Und das wäre eben auch dann angebracht, wenn es darum geht, sich zu wehren oder Grenzen zu setzen. Aber in einer untergeordneten Position riskiere ich damit meinen Job. Anstatt zu sagen, was mich verletzt oder wie ich mich fühle, warnt mich eine innere Stimme vor den Konsequenzen. Dabei wäre es gesünder für die ganze Produktion, wenn man Auseinandersetzungen auch offen führen kann.
Oft steht und fällt dieser Prozess mit den leitenden Positionen. Genau wie die Eltern in der Kindheit, hat das Leading Team im Theater eine immense Verantwortung, die weit über das Künstlerische hinaus geht. Wenn einige beginnen, über andere schlecht zu reden, breitet sich das aus wie eine Pest. Es entsteht Gerede, die Stimmung kommt ins Wanken, Unzufriedenheit erwacht.
Es ist auch wichtig, bei schwelenden Konflikten, die nicht nur uns direkt betreffen, Stellung zu beziehen. Ist der Konflikt unterschwellig, macht es das Ganze schwieriger, aber wenn verbale Beleidigungen offensichtlich sind, kann es doch nicht sein, dass wir alle zu Eis erstarren. Ich habe diesen Mechanismus so oft erlebt, an mir selbst und bei anderen. Ich dachte immer wieder, jetzt sage ich was dazu, aber dann war der Augenblick vorbei und ich liess es wieder sein. Es braucht so viel Mut, einfach mal STOP zu sagen, eine Probe zu unterbrechen oder danach die betreffende Person darauf anzusprechen. Meistens sind mehrere Leute involviert und man hat das Gefühl, zu sensibel zu sein oder der Stimmung zu schaden. Aber das ist ja in dem Moment bereits passiert, wenn auch „nur“ in dir. Du bist aber wichtig, denn du bist ein Teil des Ganzen, egal wie gross deine Rolle ist!
Mittlerweile trainiere ich immer mehr, den Punkt zu erwischen, von der Erstarrung sofort umzuschalten, um klar und respektvoll sagen zu können, was ich nicht in Ordnung finde. Es funktioniert nur mit dem Willen, das nächste Mal den Moment nicht zu verpassen, damit das Hirn sofort den Schalter legt und einen Bruch im gewohnten Verhalten erzeugen kann. Blitzschnelle Reaktionsfähigkeit ist gefragt, gepaart mit Mut und Klarheit. Und wenn das nicht hilft, darf man auch mal davon laufen.
Wie viele reden davon, haben es aber noch nie getan?
„Am liebschte wär ich devo gloffe!“
Ist denn schon mal jemand wirklich bei der Probe davon gelaufen, wenn die Situation unerträglich war? Ich kenne nur einen einzigen Kollegen, der die Eier hatte, das zu machen. Manchmal sind die Menschen leider so unreflektiert, dass ein Gespräch im Augenblick nicht hilft. Eine Freundin von mir ist damals ihrem Lehrmeister davon gelaufen, weil er sie immer von oben herab behandelt hatte. Das braucht so viel Mut, ich finde das unglaublich beeindruckend. Hier ist die Grenze, so lasse ich mich nicht mehr behandeln.
Es kann auch wirklich zu Zusammenbrüchen führen, wenn man sich nicht rechtzeitig wehrt oder abgrenzt. In einer Situation, in der ALLE Solisten malträtiert wurden, konnte ein Bekannter eines Morgens einfach nicht mehr aufstehen. Es ging nichts mehr, sein Körper verweigerte den Gehorsam und es musste ein Ersatz organisiert werden. Nicht mal dann wurde über den Missstand gesprochen, weil die Sänger*innen die restliche Probezeit ohne „weitere Probleme“ überstehen wollten. Von aussen klingt das total absurd, aber wenn man mittendrin ist, fühlt man sich manchmal wie gefangen.
Wir brauchen mehr mutige Seelen, die sich klar aber höflich ausdrücken können und füreinander einstehen. Sprich das „Problem“ direkt an, damit es eben nicht zum Problem wird. Wir wären erstaunt, wie plötzlich die Zahnräder ineinander greifen, weil wir das grössere Zahnrad nicht für etwas „Besseres“ halten.
Sommerpause / Best of ENSMEMBLE-Kolumnen
/in Aktuell/von RedaHallo liebe Leser*innen
vom 22. Juli bis zum 5. August machen wir Sommerpause und bringen nur die aktuellsten und wichtigsten Ereignisse, falls denn welche vorfallen.
Damit ihr nicht ganz ohne Lesestoff über die Sommerferien kommen müsst, haben wir euch eine Best-of- Auswahl der letzten Monate bereitgestellt:
Schauspiel: Einmal Tiger und zurück
Von „Es reicht!“ bis „I fucking love it“
Bühne: Burnout oder Boreout?
Kultur: Zwischen Selbstausbeutung und Kommerz
Einsamkeit, Selbstzweifel und Bühnenrausch
Mit der eigenen Geschichte auf die Bühne
London Teil 3: Verletzlichkeit und Schutz
«Fremde Bühne, fremde Wohnung, fremde Stadt»
Wachstumsschmerzen – Februar in London
Unsichtbarer Aufwand und Gagen-Verteilung
Migros-Tochter schiesst Profi-Lehrgang im Tanzwerk 101 ab
/in Aktuell, Tanz, Tanz, Tanz/von Redaktion ENSEMBLEDie Migros-Tochter Miduca AG beendet die Profi-Ausbildungen am Tanzwerk101 und verliert den Status als höhere Fachschule – Dozent*innen und Leiter*innen wurden bei der Entscheidung übergangen.
Das Tanzwerk 101 gibt seine Position als höhere Fachschule auf und beendet den weltweit anerkannten und geschätzten Profilehrgang für Tänzer*innen. Die Szene spricht von einem schweren Schlag, die betroffenen Dozent*innen stehen vor dem Nichts.
Die Miduca AG betreibt seit zwei Jahren die Klubschule Migros, zu der auch das Tanzwerk101 gehört. Die in der Szene weltweit hohe Anerkennung geniessende Tanzausbildung entstand 2013 aus dem Zusammenschluss der Migros Dance Academy und der Colombo Dance Factor. Jetzt ist der exzellente Studiengang am Ende, wie der Tagesanzeiger berichtet.
Aus Sicht der Miduca AG kann «die wirtschaftliche Durchführung» der Ausbildung nicht mehr «gewährleistet» werden. Doch nicht alle sehen das so. Dem Entscheid gingen Streitigkeiten zwischen dem Dozent*innen-Team, inklusive der operativen Schulleitung, und der Miduca AG voraus.
Mehr Elon Musk als Gottlieb Duttweiler
Offenbar fiel der Entscheid zur Beendigung des Studiengangs bereits im Sommer 2023 und der damalige künstlerische Leiter Jochen Heckmann, der den Ausbildungslehrgang mit aufgebaut hatte, wurde nicht in die Entscheidung mit einbezogen. Damit standen vergangenen Sommer nicht nur zwölf junge Studierende, sondern auch zwei Dutzend Dozierende ohne Perspektive oder mit reduziertem Pensum da. Die Betroffenen bemängeln nicht nur die fehlende Bereitschaft, Alternativen zur Schliessung zu diskutieren, sie kritisierten auch die fehlende Kommunikation.
Die Dozierenden suchten sich Unterstützung beim Berufsverband. Miduca AG verweigerte anfangs eine Aussprache und traf sich erst mit den Dozierenden, als diese sich weigerten, die Folgeverträge zu unterschreiben. Miducas internes Geschäftsgebaren und die fehlende Inklusion der Leitung der Tanzakademie erinnern eher an einen Elon-Musk-Konzern als an eine Gottlieb-Duttweiler-Institution.
Harte Abgänge
Im Laufe des vergangenen Herbsts entzweiten sich das Tanzwerk 101 und die Betreibergesellschaft Miduca AG so stark, dass der langjährige Schulleiter Franz Rutishauser, Gründungsmitglied des Tanzwerks und einst Leiter der Colombo Dance Factory, die Akademie verliess. Später trennte sich Miduca auch vom künstlerischen Leiter Heckmann.
Die ehemalige HF-Dozierende Claire Birrfelder May sagt gegenüber dem Tagesanzeiger: «Wir konnten es nicht fassen, dass eine Arbeitgeberin wie die Migros, die sich immer als sozial positioniert, so vorgeht.»
In Zukunft wird das Tanzwerk101 weiter Kurse anbieten, die sich eher als Freizeit-Aktivitäten und nicht mehr als Ausbildung auf Weltklasse-Niveau verstehen.
Für echte Bühnenleistung: «Check your ego at the door»
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEUnsere Kolumnistin Rebekka Burckhardt denkt über eine legendäre Studio-Nacht nach, die zeigt, wie sich unter besten Bedingungen arbeiten lässt – selbst noch vierzig Jahre später …
Über diesen so kleinen wie griffigen Satz, diesen freundlichen Imperativ, denke ich seit einer Weile nach und drehe und wende ihn in meinem Kopf, lasse ihn mir auf der Zunge zergehen wie einen Eiswürfel: «Check your ego at the door», – dieser Satz kommt in der Netflix Doku «The greatest night in pop», über die Entstehung des legendären Benefiz-Songs «We are the World» vor.
Die Doku zeigt the story behind the song: die Aufnahmesession dieses, von Lionel Richie und Michael Jackson, komponierten Songs. Und ist ein aufschlussreiches Porträt einer legendären Nacht, das unter die Haut geht.
(Weiter nach dem Video)
Ich habe es mir zweimal angesehen – und beide Male hat mich der Film bewegt, wehmütig gestimmt, euphorisiert und beeindruckt zugleich. Das Ding ist wie ein Klassentreffen für Menschen, die ihre Jugendjahre in den 80ern verlebt hatten – es triggert das Erinnerungsarchiv.
Warum aber berichte ich hier darüber? Weil es ein gutes Beispiel ist für einen herausragenden künstlerischen Prozess, der in dieser Qualität entstehen kann, weil sich die Beteiligten öffnen, sich vorbehaltlos und wahrhaftig zeigen – ohne Angst und Arg. Damit ein solches Arbeitsklima entstehen kann, braucht es kluge, inspirierende und menschliche Drahtzieher.
Im Falle von «We are the world“ waren das die Legenden Harry Belafonte und Quincy Jones. Die beiden haben es geschafft – und auf ihre hartnäckige Einladung hin verbringen eine grosse Zahl der damals weltberühmtesten Rock- und Pop-Sängerinnen und Sänger eine ganze Nacht gemeinsam im Studio, auf engem Raum miteinander, ohne vorher zu wissen, was genau auf sie zukommen wird.
They got skin in the game – egal wie berühmt und erfolgreich sie sind. Wir Zuschauenden dieser Doku sehen sie, singend im Kreise voreinander stehend, einander zuhören, zuschauen und unterstützen. Es ist wunderschön, diesen Flow zu betrachten, denn danach sehnen sich alle Bühnenmenschen: Ungeschützt, aber nicht schutzlos, im Dialog gemeinsam eine Sache entwickelnd.
Wie alle guten Dompteure wusste der Produzent Quincy Jones, dass er Ruhe bewahren und zugleich entspannte Kontrolle behalten muss, damit dieses einmalige Setting gutgehen – und die Aufnahmen gelingen können. Wenn die Voraussetzungen stimmen, lassen sich Bühnenkünstler:innen ohne Netz auf den kreativen Prozess ein. Check your ego at the door – dieser Zettel hing an der Studiotür – Quincy Jones schrieb ihn kurz vorm Eintreffen der Pop- und Rockgrössen.
Check your ego at the door.
Was ist das für ein ultimativer Leitspruch. Wir sehen, wie diese Superstars ihre Schwierigkeiten haben, ihre Nervosität, die Unsicherheiten, ihr Ringen. Nicht allen fällt alles auf Anhieb leicht, in dieser nächtlichen Session- und es ist einfach umwerfend, das zu sehen – weil es pur ist.
Die Kamera nehmen sie kaum wahr – der Mensch im Jahre 1985 und die Gemeinschaft noch ein, von eingehenden Textnachrichten, ungestörter Zustand. Aus heutiger Sicht vielleicht eine Art lost paradise…
Was ist eigentlich das «Ego»?
Die Suchmaschine wirft zuerst dies aus: «Ego» ist lateinisch und bedeutet «Ich». In der Psychologie wird Ego definiert als die Vorstellung, die der Mensch von sich hat. Es ist als eine Art Identifikation mit dem gewünschten Selbstbild zu verstehen, das Selbstkonzept als Antwort auf die Frage «Wer bin ich?»
Aha, voilà – «….die Vorstellung, die ich von mir habe und die Identifikation mit meinem gewünschten Selbstbild…» Zum Glück habe ich jetzt dieses Mantra:
Check your ego at the door.
check your ego at the door
check your ego at the door
So-und jetzt alle miteinander, zwo, drei, vier:
Check your ego at the door!
– und jetzt, habt einen schönen Sommer!
Locarno: 41 Schweizer Filme!
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV/von RedaFilmproduktionen haben es schwer in der Schweiz – trotzdem schaffen engagierte Künstler*innen jedes Jahr neue, herausragende Werke. 41 davon sind am Filmfestival Locarno zu sehen.
Am Filmfestival von Locarno, das vom 7. bis 17. August stattfindet, wird es an Schweizer Produktionen nicht mangeln: ausgewählt wurden 41. «Das Schweizer Kino erlebt einen besonderen Moment», sagte der künstlerische Festival-Leiter Giona A. Nazzaro gegenüber dem Medienportal persoenlich.
Auch mehrere Schweizer Koproduktionen zu sehen sein, darunter «Reinas» der schweizerisch-peruanischen Filmemacherin Klaudia Reynicke und der Science-Fiction-Film «Electric Child» von Simon Jaquemet aus Zürich. Insgesamt werden 225 Filme zu sehen sein, darunter 104 Weltpremieren und fünf internationale Premieren. DAsd vollständige Programm wird in den nächsten Tagen online einsehbar sein.
Festival-Finanzierung unsicher
Sorgen um die Zukunft macht sich Festival-Geschäftsführer Raphaël Brunschwig. «Die finanzielle Situation ist nicht einfach, aber wir sind gut aufgestellt», erklärte er. Die öffentliche Finanzierung durch das Bundesamt für Kultur (BAK), den Kanton Tessin und die Stadt Locarno für die nächsten Jahre sei nicht gesichert.
«Eine unserer Prioritäten ist der Ausbau der Zusammenarbeit mit privaten Partnern», sagte Brunschwig. Das Ziel sei es, neue internationale Partner zu finden.
SzeneSchweiz Apéro am Festival
Am Samstag, 10. August 2024 findet während des Festivals wieder unser beliebter Netzwerk- und Branchenapéro statt, den wir zusammen mit dem Verband SSFV veranstalten. Wie immer gibts Snacks, Drinks und viele gute Gespräche. Und wer weiss, vielleicht ergibt sich ja der eine oder andere Kontakt zu einem neuen Engagement …
Ab 17 Uhr wie immer in der Bar Caffé Festival (Viale Balli 2, Locarno).
Wichtige Workshops, fantastischer Festival Apéro – News für den Sommer!
/in Aktuell, Theater, Verbandsinfo/von RedaHallo liebe SzeneSchweiz-Mitglieder und Unterstützer*innen
Diesen Sommer gibts wieder viele Möglichkeiten zur Weiterbildung und fürs Netzwerken! Für Mitglieder kostenlos. Nur schon das ist ein Grund, dich bei uns anzumelden!
Und los gehts!
Workshop mit Gary Condés in Zürich, 26. bis 28. Juli 2024
Der Kurs ist in Englisch und für maximal 12 Teilnehmende.
Zitat aus dem Kursbeschrieb:
„Actors are interpretative artists. We work on material that’s been created by someone else and so we have a duty to make sense of what’s written in order to tell the story faithfully. You will learn a very specific and practical way of breaking down a scene so that you are be able to translate whatever script you are given into real actable’s that you can personally commit to.
The work of the actor lies in the ability to create behaviour and the skill to express that behaviour in line with the imaginary circumstances of the scene. You will learn to make bold, interesting choices so that you are able to bring a character to life with behaviour that is meaningful and revealing.“
Fragen und Anmeldungen direkt an Stephanie Bucher: info@stephaniebucher.ch
Locarno Film Festival: Netzwerkapéro am 10.8.2024
Ab 17 Uhr wie immer in der Bar Caffé Festival (Viale Balli 2, Locarno).
Workshop «Projekteingabe und Budgetierung» am Montag, 2. September 2024
Was soll in der Projekteingabe stehen? Und wie?
Was gehört zu einem überzeugenden Budget inkl. Finanzierungsplan?
Wie müssen Projektinhalt und Budget aufeinander abgestimmt sein?
Worauf achten potenzielle Geldgeber*innen besonders stark?
Der Workshop richtet sich an die freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder mit wenig Erfahrung in der Projekteingabe.
Der Workshopleiter Mathias Bremgartner ist Leiter Förderung Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich. Von 2015 und 2023 leitete er dort verschiedene Projekte, z.B. m2act, das Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozent für die Darstellenden Künste. Mathias ist promovierter Theaterwissenschaftler und war von 2004 bis 2015 als freischaffender Dramaturg und Produktionsleiter in der Schweizer Theaterszene und von 2012 bis 2015 als Mitglied der Theater- und Tanzkommission der Stadt Bern tätig.
Datum: Montag, 2. September 2024
Uhrzeit: 10:15 h bis max.16:30 h (inkl. kurzer Stehlunch)
Ort: Kasernenstrasse 23, 8004 Zürich, SIG-Mehrzweckraum (Eingang im Hof)
Kosten: Übernimmt SzeneSchweiz
Anmeldung bis 2. August 2024: info@szeneschweiz.ch
Prämie für Mitgliederwerbung – schon gewusst?
WICHTIG: Das neue Mitglied muss in der Anmeldung zwingend euren Namen nennen («auf SzeneSchweiz aufmerksam gemacht wurde ich durch …»).
Hier kann man Mitglied werden.
ZH-Kulturförderung: «Auch schmerzhafte Momente»
/in Aktuell/von Seraina KoblerWas ist ein gutes Gesuch? Welcher Logik gehorcht das neue Förderwesen für Tanz und Theater in der Stadt Zürich? Welche Möglichkeiten habe ich noch, wenn mein Antrag abgelehnt wird? Ein Besuch bei der Förderstelle im ehrwürdigen Stadthaus gibt Auskunft.
Von Seraina Kobler
Fast alle Kunstschaffenden können ein Lied davon singen: Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was in ein paar Monaten kommt. Manchmal noch nicht einmal, wie die nächste Miete gezahlt werden soll. Und dann geht es plötzlich wieder, neue Engagements kommen. Und mit ihnen neue Energie und Leidenschaft zum Beruf, bis sich wieder die Lücke auftut. Ganz zu schweigen von der permanent schwelenden Lücke in der Altersvorsorge, bei den Sozialwerken.
Was für eine Erleichterung wäre es, sich einmal längere Zeit, vielleicht zwei bis vier Jahre, einem finanzierten Projekt widmen zu können. Welche Freiheit in der Kunst würde das geben …
Doch leider ist auch ein grosszügig ausgestattetes Förderwesen, wie etwa jenes der Stadt Zürich, nicht für alle ausreichend, die ihren Lebensunterhalt mit Kunst verdienen. Wer schon ein paar Mal ein Gesuch eingegeben hat, das abgelehnt wurde, weiss um die deprimierende Phase danach, die Hoffnungslosigkeit und Zweifel, die einen noch über Wochen blockieren können.
Weg von der reinen Produktionslogik
Seit diesem Jahr hat die Stadt Zürich ein neues Fördersystem für die Bereiche Tanz und Theater. Voraus ging ein längerer Beteiligungsprozess, bei dem die freie Szene, Expert:innen und Bühnenschaffende ihre Sicht einbringen konnten. Entstanden sind Neuerungen, die sich so zusammenfassen lassen: Weg von der reinen Produktionslogistik, hin zu einer personenbezogenen Förderung.
Eigentlich sollten es nur ein paar Fragen an die Förderstelle werden, doch diese lud kurzerhand zum Gespräch ins Stadthaus, den imposanten Arkaden entlang in einem der oberen Geschosse, wo sich die Büros befinden. «Unser Ziel war auch, mehr Durchlässigkeit zu schaffen», sagt Michael Rüegg, Leiter Ressort Tanz und Theater. «Wir wollten möglichst viele Andockpunkte schaffen».
So habe nun etwa eine einzelne Tanz- oder Theaterschaffende, die keine Mehrjahreseingabe gut gesprochen bekommen habe, nun die Möglichkeit, direkt bei den Häusern unterzukommen. Diese verfügen neu über eigene Produktionsmittel, die sie unabhängig von einer Kommission direkt vergeben können. So sei es möglich, trotzdem weiter zu arbeiten. Und natürlich bestehe dann die Möglichkeit, alle zwei Jahre erneut eine Mehrjahreseingabe zu stellen. Zusätzlich können die Tanz- und Theaterschaffenden Projektbeiträge oder Mittel für den Aufbau von Gruppen im Bereich der Darstellenden Künste für Kinder und Jugendliche beantragen.
«Natürlich bleibt es letztendlich immer eine Selektion, so hat die Förderung schon immer funktioniert», sagt Rüegg. Gewisse prekäre Arbeitszusammenhänge liessen sich zwar auch so nicht aus der Welt schaffen. Und eine Kulturförderung könne ein funktionierendes Sozialsystem nicht ersetzen. «Es wird immer schmerzhafte Momente geben, das wissen wir auch. Dennoch wird versucht, all den Dossiers gerecht zu werden und zu schauen, wie man dieser Landschaft und ihrer Vielfalt entsprechen kann.»
Ein gutes Gesuch hat viele Gesichter
Was ein gutes Gesuch sei, darüber lasse sich keine einzelne Aussage machen. Es gebe keine spezielle, bevorzugte Ästhetik. Und die zuständige Jury für die Konzeptförderung, die in einem mehrjährigen Turnus amtet und deren Amtszeit auf 8 Jahre beschränkt ist, urteilt nach den städtischen Richtlinien wie Qualität, Originalität, Entwicklungsansatz, Ausstrahlung, Realisierbarkeit, Vernetzung und Vielfalt. «Neben diesen Aspekten ist es wichtig, dass man das Anliegen spürt», fügt Rüegg an. Ausserdem sei es für Newcomer ratsam, zu Beginn der Laufbahn in Zusammenarbeit mit einem Haus einzureichen.
Unterstützung finde sich auch bei Angeboten wie dem artFAQ im Kulturmarkt in Zürich. Dort werden Wissen und Erfahrungen aus den Bereichen Tanz, Theater und Performances gebündelt und weitergegeben.
Stete Weiterentwicklung gefragt, alleine und/oder im Kollektiv
Klappe es doch mit einem Gesuch, dann hätten die Beteiligten Planungssicherheit und können sich den künstlerischen Vorhaben, im besten Fall, über mehrere Jahre hindurch widmen. Es wird geschätzt, dass so auch Arbeitsschritte, die früher unbezahlt erfolgen mussten, zumindest über einen gewissen Zeitraum gedeckt seien.
In der personenbezogenen Förderung finde die Entwicklung hin zur Biografie statt, wobei auch stete Weiterentwicklung gefragt sei, auch in Zusammenarbeit oder unter dem Dach der Institutionen und Häuser. Bei Fragen zu einer Eingabe empfiehlt es sich, frühzeitig Kontakt aufzunehmen: «Dann kann man uns auch immer anrufen und sich erkundigen», sagt Rüegg. Da brauche es keine falsche Hemmschwelle. «Wir sind da, um wo immer möglich Auskunft zu geben.»
Kultur-Kahlschlag auch bei Pro Helvetia
/in Aktuell/von Reda6.5 Millionen Franken weniger soll Pro Helvetia in Zukunft bekommen, wenn es nach der Nationalrats-Kommission geht. Das trifft alle.
Entgegen dem Willen des Bundes- und des Ständerats will die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats (WBK-N) den Betrag für die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia um 6.5 Millionen Franken kürzen. Das heisst, der Sparwahn, besser: der Kahlschlag im eidgenössischen Kulturangebot geht weiter.
Einige Bürgerliche mögen jetzt denken: „Das trifft eh nur Filmprojekte in Afrika und woke Hipster, die in einer Zwischennutzungs-Bauhalle in Berlin politische Performance aufführen!!!“
Dem ist nicht so. Es trifft jede Art von Schweizer Kulturexport, viele gemeinsame Projekte auf der ganzen Welt. Pro Helvetia unterstützt auch Schweizer Chöre, die helvetisches Kulturgut in die Welt tragen, Trachtenvereine auf ihren Reisen zu Kulturtreffen, Alphorn-Aufführungen und Fahnenschwingen. Natürlich geht auch ein Teil in Förderprojekte in ärmeren Regionen, was wir uns als reiches Land auch leisten sollten. Kultur geht uns alle an. Egal, aus welcher politischen oder kulturellen Ecke wir kommen.
Suisseculture dazu: „Die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia sind eine notwendige Grundlage dafür und schaffen die Netzwerke vor Ort, von denen die Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz profitieren können.“
Die Kommission will dem Bund Geld sparen, da zurzeit das Budget zum Beispiel von Militärausgaben stärker belastet wird. Doch es ergibt überhaupt keinen Sinn, diese Ausgaben auf dem Rücken von Bildung und Kultur auszutragen. Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz: „Die politische Weltlage verunsichert Bevölkerung und Politik. Doch es zeugt von einer gewissen Ironie, wenn wir zugunsten der Landesverteidigung genau die kulturelle Identität opfern, die wir eigentlich schützen wollen. Nicht jede Einsparung soll zulasten der Kultur, der Bildung und der Entwicklungshilfe gehen.“
Suisseculture und SzeneSchweiz sehen Handlungsbedarf, nicht nur auf politischer Ebene, auch im Alltag. Leutenegger: „Wir alle sind aufgefordert, mehr an die Öffentlichkeit zu treten und aufzuzeigen, was das Kulturschaffen gerade in unsicheren Zeiten bewirken kann. Kunst kann Konflikte spiegeln und Perspektiven aufzeigen, wenn die Politik an ihre Grenzen stösst. Kultur kann Menschen dazu bringen, Zuversicht und Lösungsansätze zu entwickeln.“
Suisseculture: „Die Zahl der künstlerischen Projekte, die Pro Helvetia mit ihren Mitteln unterstützen kann, ist seit Jahren rückläufig, vor allem aufgrund verschiedener bereits erfolgter Kürzungen. So ist auch das Budget der Kulturbotschaft 2025–2028 nur bedingt ausreichend für alle in ihr aufgeführten Aufgaben.“
«Was dich nicht umbringt, gibt dir Trauma ….“
/in Aktuell, Kolumne/von RedaMacht Scheitern uns stärker? Gestatten wir uns das Glücklichsein? Unsere Kolumnistin Stefanie Gygax denkt darüber nach, was uns beruflich und menschlich weiterbringt.
In letzter Zeit lese ich sehr viele Posts mit der Aussage „Scheitern macht dich stark“. Wahrscheinlich hat mein Handy den Artikel über „The show must stop“ mitbekommen.
Ich finde die Aussage interessant, weil ich gerne die Blickwinkel wechsle, aber ich frage mich: Stimmt das wirklich?
Als Mensch, der in seinem Leben viele Absagen, Skepsis und Ausgrenzung erlebt hat, sehe ich das eher andersherum. Die negativen Aspekte in unserem Beruf haben mich erst zu Blockaden geführt, zum Zweifeln an meiner Persönlichkeit, meiner Kompetenz. Natürlich passierte dies auch zur Genüge in meinem Privatleben, aber wenn ich es nun rein auf meinen Beruf beziehe, hat das meiner künstlerischen Tätigkeit geschadet.
Ich habe die negativen Feedbacks Hürden bauen lassen, ohne die ich viel schneller vorwärtsgekommen wäre. Ich habe Ängste entwickelt, die gar nicht zu mir gehören. Das macht mich unglaublich traurig, weil ich mich eigentlich nicht gerne beeinflussen lasse und doch aufgrund meiner Sensibilität dazu genötigt worden bin.
Dann heisst es: „Du brauchst eine dickere Haut.“ Aha, aber in der Probe muss ich dann jeden Tag auf Knopfdruck die Elefantenhaut ablegen, weil ich mein Innerstes nach Aussen kehren muss?! Wir sind Menschen, unser Umfeld hat immer einen gewissen Einfluss auf uns, auch wenn es auf der unbewussten Ebene stattfindet. Deshalb sei vorsichtig, mit welchen Menschen du dich umgibst, es könnte dich nachhaltig prägen. Oft habe ich Jobs angenommen, weil ich unbedingt wieder auf der Bühne stehen wollte, ohne Rücksicht darauf, wer im Team mit dabei ist. Ich habe diese Komponente lange Zeit unterschätzt. Wieso sollte ich mit jemandem zusammenarbeiten, der mich nicht ausstehen kann, nur weil der Regisseur mich unbedingt dabei haben will?
Mamma Mia, ich habe es getan und das Erlebnis war traumatisch. Ich dachte, wenn diese Person mich kennenlernt, wird sie ihre Meinung ändern – falsch gedacht. In der ersten Saison war das zwar angeblich so und ich wiegte mich in Sicherheit. Aber als ich in der zweiten Saison krank geworden bin, ging es los. Ich war angreifbar und das wurde benutzt, um mich noch mehr zu schwächen. Natürlich immer unterschwellig, damit es niemand sonst mitbekommt. Emotionale Kämpfe sind genauso grausam wie physische und psychische Verletzungen, sie hinterlassen auch schwere Narben.
Und was lerne ich daraus? Meide Menschen, die dir schaden.
Von mir aus, aber bringt mich das beruflich weiter? Macht das eine bessere Darstellerin, eine bessere Sängerin aus mir? Wohl eher nicht, es hemmt mich oder frustriert mich und ich habe irgendwann keine Lust mehr, mich zu öffnen oder verfluche die Berufung, weil sie so viele Wunden verursacht hat.
Die meisten Fortschritte mache ich, wenn Menschen an mich glauben, wenn sie mich fördern, mir Vertrauen schenken. Dann kann ich mich öffnen und die beste Version von mir leben. Natürlich sind Stars auch oft gescheitert und lassen es uns ständig wissen, aber was haben sie denn anders gemacht? Wir alle scheitern, aber wer kommt trotzdem an die Spitze? Und vor allem: wer bleibt dort und ist dabei auch noch glücklich? Erfolg bedeutet ja noch lange nicht, dass es dir wirklich gut geht! Wir sagen immer: „Mir gahts guet“, aber wann sind wir glücklich?
Wenn ich Sätze aus meinem Kindertagebuch lese, bin ich jedes Mal total erstaunt, wie überschwänglich ich damals war. Nach meiner ersten Ballett-Aufführung schrieb ich: „Das war der schönste Tag in meinem ganzen Leben und meine Mama hat mir Blumen geschenkt, sie ist die beste Mama auf der ganzen Welt.“
Auch heute kommen diese Gefühle noch manchmal, meistens findet es in Verbindung mit der Bühne statt. Denn wenn ich im Alltag solche Phasen habe, werde ich von allen blöd angeschaut. Ich sehe in den Blicken: „Was hat die denn genommen? Das ist ja wohl übertrieben, so glücklich ist niemand.“
Vielleicht lernen wir vom Scheitern, aber nicht nur. Sollten wir nicht mehr aus den Momenten lernen, in denen wir pures Glück empfinden? Wann finden diese statt und mit wem? Schämen wir uns, unsere Glücksgefühle zu zeigen? Ich glaube, es ist viel wichtiger aus dem zu lernen, was dich glücklich macht und in welchem Umfeld du erblühst, um DIESEN Teil in dir zu expandieren und die negativen Aspekte loszulassen.
SRG: Rösti gegen die Demokratie
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaBundesrat Rösti kürzt auf dem Verordnungsweg die SRG-Gebühren und ignoriert vergangene und kommende Abstimmungen. Das ist besorgniserregend.
Es ist nicht das erste Mal, dass der SVP-Bundesrat sich nicht um den Willen der Bevölkerung schert: Bereits beim Wolfsschutz entschied er am Abstimmungsergebnis vorbei und gab ganze Rudel zum Abschuss frei. Diesmal, bei der Kürzung der Serafe-Beiträge, ist die Situation noch eindeutiger. Sowohl das Parlament als auch die Medienkommission und alle Interessenverbände stehen gegen Röstis Alleingang mit der Teilrevision der Radio- und Fernsehverordnung.
Zudem hat die Schweizer Bevölkerung sich erst 2018 bei der NoBillag-Abstimmung mit überwältigender Mehrheit hinter die SRG gestellt. Das alles interessiert den Bundesrat nicht. Rösti sieht sich offenbar nicht im Dienste des Volkes, sondern als Alleinherrscher in seinem Departement.
Hier ein Zitat aus der Stellungnahme von suisseculture:
Der Totalabsturz der NoBillag-Initiative hat Röstis Partei einen veritablen Nasenstüber versetzt. Das vergisst man nicht. Das ist auch der Grund, warum Rösti bereits jetzt, vor der Abstimmung zur Halbierungsinitiative, die Finanzierung der SRG angreift: Sollte die Initiative seiner Partei scheitern, kann er wenigstens auf seine Kürzung verweisen.
Gedacht wie ein Autokrat: Die Bevölkerung hat nicht die Wahl zwischen voller Finanzierung der SRG und einer Kürzung der Gelder. Die Bevölkerung hat nur die Wahl zwischen einer kleinen Kürzung und einem massiven Abbau des Service Public.
Weiter bei suisseculture:
Es ist klar, dass die Aufgaben der SRG immer wieder überprüft und angepasst werden müssen. Das ist Aufgabe des Parlaments und der Bevölkerung. Was nicht geht, ist, dass ein Bundesrat wie ein kleiner Diktator gegen Parlament, Kantone und Verbände eine Entscheidung durchdrückt, über deren Inhalt erst noch eine Diskussion geführt werden muss.
Als Erinnerung: Wir leben in einer Demokratie. Wir entscheiden gemeinsam. Und ein Bundesrat herrscht nicht, er dient.
Attrici/Attori? Ti supportiamo!
/in Aktuell, Verbandsinfo, Verbandsinfo/von RedaPerché un’Associazione di artisti dello spettacolo? Proteggiamo i nostri membri, ci sosteniamo a vicenda, ci prendiamo cura di coloro che sono sfortunati in questo momento. E noi siamo una forza politica.
Anton D. perde il lavoro allo Stadttheater. Anton era membro di ScenaSvizzera fino all’anno scorso, ma poi ha cancellato la sua adesione perché negli ultimi anni non aveva mai avuto bisogno di nessuno dei servizi. Comprensibile, ma ora, nella crisi, dipenderebbe dalla consulenza legale e avrebbe bisogno del know-how e del sostegno dell’Associazione.
ScenaSvizzera lavora secondo il principio di solidarietà. Tutti noi diamo un contributo nei momenti buoni, che poi va a beneficio di coloro che attraversano le crisi. In questo modo proteggo me stesso e allo stesso tempo aiuto gli altri in situazioni difficili. Ma non è tutto.
“60% freelance”
ScenaSvizzera non è solo un’assicurazione per le controversie legali. L’Associazione offre supporto nel cambio di carriera, nelle domande sulla conciliabilità tra famiglia e lavoro, nella formazione continua (ogni membro può farsi versare un contributo per la formazione continua) e offre anche un proprio sito di casting. Ogni anno si svolgono seminari gratuiti per i membri su un’ampia varietà di argomenti. I dipendenti dell’Associazione sono ben collegati e supportano gli artisti non solo su questioni legali ma anche sociali ed economiche e aiutano nell’organizzazione delle assicurazioni sociali e della previdenza.
ScenaSvizzera si impegna particolarmente nei confronti dei liberi professionisti, che spesso si trovano nelle condizioni più difficili. Quasi il 60% dei nostri membri sono liberi professionisti nel panorama indipendente o hanno un contratto a tempo determinato. Rafforziamo la loro posizione e miglioriamo le condizioni di lavoro per tutti.
Dimensione politica
L’Associazione negozia il contratto collettivo di lavoro con le case dei teatri, chiede maggiori sussidi e controlla anche l’attuazione delle circostanze concordate. In quasi ogni teatro della Svizzera c’è un membro con cui puoi parlare. Con un’ampia rete di persone impegnate, ScenaSvizzera contribuisce a dare forma al mondo delle scene e delle produzioni e mette il dito sulle lamentele.
I membri di ScenaSvizzera hanno una posizione di partenza completamente diversa nelle trattative con i datori di lavoro, sia come liberi professionisti che come dipendenti a tempo indeterminato. Se il datore di lavoro sa che la persona non è sola ma ha alle spalle una potente Associazione, si sforzerà di apparire giusto e legalmente pulito fin dall’inizio. Perché chi vuole finire nei guai con l’Associazione professionale?
Contributi flessibili
Conosciamo la vita da artista, le insicurezze, i guadagni irregolari, i divari tra gli impegni. Ecco perché non è prevista una quota associativa fissa. Il tuo importo viene calcolato in base al tuo reddito e l’iscrizione per gli studenti è gratuita.
Durante e dopo la pandemia, molti artisti si trovavano in situazioni finanziariamente precarie. ScenaSvizzera non solo ha contribuito a organizzare il più rapidamente possibile il denaro per le persone colpite, ma è stata anche molto accomodante nel pagamento dei contributi. Se una persona avesse difficoltà a pagare i contributi, potrebbe contattare la segreteria e si troverebbe una soluzione.
Quindi se vuoi diventare membro, o lo sei già, ma sei preoccupato per i contributi, contattaci. Non siamo un’azienda che ha bisogno di realizzare profitti, ma l’Associazione ha bisogno di fondi per difendere te e i tuoi colleghi. E abbiamo bisogno anche del tuo sostegno, della tua voce e del tuo modo molto speciale di rappresentare tutti gli aspetti delle arti dello spettacolo.
Inspiration? Kunst erzeugt Kunst.
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEWo hockt sie, die Kreativität? Auf welchen Lockruf reagiert sie? Kolumnistin Rebekka Burckhardt fragt sich, was die Bühnenarbeit zu so einer erfüllenden Sache macht. Denn vielleicht ist es auch nur dieser eine, ganz spezielle Moment, wenn wir ganz bei uns und Eins mit allem sind…
(Fotocredit: Renata Burckhardt bei einer Bühnenproduktion von Rebekka Burckhardt für das Theater SEM)
Kürzlich war ich Sprecherin bei einem Chorkonzert. Der Chor sang selten aufgeführte Shakespeare Vertonungen und ich las die deutschen Übersetzungen dazwischen. Es war eine für mich sehr erfüllende Angelegenheit. Die Verbindung von Musik und Sprache ist eine inspirierende Kombination und macht die meisten Bühnenmenschen glücklich.
Dazu fällt mir auch die köstliche Geschichte von Eva Brumby ein. Alte Brecht-Schauspielerin, die noch mit Helene Weigel auf der Bühne stand. Sie unterrichtete damals an meiner Schauspielschule die Anfängerklassen – ein freundlicher Mensch mit trockenem Humor und strengem Dutt. Sie stiess (wie der betagte Kollege aus meiner letzten Kolumne) in ihren späten Berufsjahren ebenfalls zu Marthalers Theatertruppe und berichtete uns von ihren Erfahrungen und anfänglichen Verunsicherungen.
«Es wird seit Wochen nur gesungen und gesungen und nach drei Stunden Proben ist Schluss und dann wird erstmal den ganzen Nachmittag lang Mittag gegessen – wann bitte fangen wir denn an, das Stück zu proben???!!!«, rief sie in ihrer Erzählung verzweifelt aus, um gleich in ihr vom Rauchen heiseres Lachen auszubrechen – sie rauchte natürlich während des Unterrichts – das waren noch Zeiten… Nach und nach aber wurde sie von der berühmten Marthaler-Magie ergriffen und überliess sich dem Flow – eine für sie neue und beglückende Erfahrung.
Gestern sah ich anlässlich der Preisverleihung des diesjährigen Meret Oppenheim-Preises ein Filmportrait der Schweizer Künstlerin Valerie Favre. Sie sprach über ihre Motivation als Künstlerin und darüber, wo und wie sie ihre Motive und Inspiration findet: Die schiere Tatsache, am Leben zu sein, sei ihre Motivation und ihr tiefes Bedürfnis, am Anfang jeden neuen Tages, etwas zu kreieren – das könne übrigens auch einfach nur ein Apfelkuchen sein.
Sie findet die Inspiration und die Motive zu ihren Bildern nicht in den sie umgebenden Objekten des alltäglichen Lebens, sondern in der Literatur, der Philosophie und der Poesie. In einem grossen Werkzyklus befasste sie sich mit Sarah Kanes Theatertexten und machte diese zum Thema ihrer Bilder. Wie muss diese Geschichte erzählt werden, was ist der Subtext? Was macht es zwingend – so lauten ihre Fragen während des Arbeitsprozesses. Es sind dieselben Fragen, die wir Theaterleute uns stellen.
Theaterstücke und Poesie sind die Inspirationsquelle einer bildenden Künstlerin. Und Bildende Kunst ist eine Fundgrube für uns Bühnenmenschen. Wie verhält sich ein Mensch in einer bestimmten Situation? Was sagt seine Körperhaltung, seine Mimik und Gestik über seinen Charakter und seine Befindlichkeit aus? Wir beobachten unsere Mitmenschen im echten Leben oder aber finden Inspiration auf den Bildern der alten Meister oder zeitgenössischer Fotografie.
So, das wär’s für heute – jetzt schaue ich weiter meiner Katze zu.
Die weiss eigentlich immer genau wie’s geht. Instinkt & Impuls, da stellt sich möglicherweise die Frage nach Inspiration nicht.
Ich frag die Mieze mal, wie sie es damit hält.
Darsteller*in? Wir unterstützen dich!
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaWozu ein Verband für darstellende Künstler*innen? Wir schützen unsere Mitglieder, wir unterstützen uns gegenseitig, wir kümmern uns um diejenigen, die gerade Pech haben. Und wir sind eine politische Kraft.
(Bild: Reda El Arbi unter Mitwirkung von KI.)
Anton D. verliert seinen Job am Stadttheater X. Seine Kündigung ist rechtlich fraglich und er will sich wehren, aber das ist teuer: Anwälte, Gerichtskosten, Nerven, Zeit. Bis letztes Jahr war Anton Mitglied bei SzeneSchweiz, hat dann aber die Mitgliedschaft storniert, weil er in den letzten Jahren ja nie eine der Dienstleistungen benötigt hat. Verständlich, aber jetzt, in der Krise, wäre er auf die rechtliche Beratung angewiesen, bräuchte das Knowhow und die Unterstützung des Verbandes.
SzeneSchweiz funktioniert nach dem Solidarprinzip. Wir alle leisten Beiträge in guten Zeiten, die dann denjenigen zugutekommen, die eine Krise durchmachen. So bin ich selbst abgesichert und helfe gleichzeitig anderen in schwierigen Situationen. Das ist aber nicht alles.
SzeneSchweiz ist nicht nur eine Absicherung für rechtliche Auseinandersetzungen. Der Verband unterstützt beim Berufswechsel, bei Fragen rund um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei Weiterbildung (jedes Mitglied kann sich einen Beitrag für Weiterbildung auszahlen lassen) und bietet sogar eine eigene Castingseite an. Jährlich finden Workshops zu den unterschiedlichsten Themen statt, kostenlos für Mitglieder. Die Verbands-Mitarbeiter*innen sind bestens vernetzt und unterstützen Darsteller*innen neben rechtlichen auch in sozialen und wirtschaftlichen Fragen, helfen bei der Organisation der Sozialversicherungen und der Altersvorsorge.
Gerade bei Freischaffenden, die oft die schwierigsten Bedingungen haben, setzt sich SzeneSchweiz besonders ein. Beinahe 60 Prozent unserer Mitglieder sind Freischaffende in der freien Szene oder mit Stückverträgen befristet engagiert. Wir stärken deren Position und verbessern die Arbeitsbedingungen für alle.
Politische Dimension
Der Verband handelt den Gesamtarbeitsvertrag mit den Häusern aus, setzt sich für mehr Subventionen ein und kontrolliert auch die Durchsetzung der vereinbarten Umstände. In beinahe jedem Theater in der Schweiz gibt es ein Mitglied, das man ansprechen kann. Mit einem breiten Netzwerk aus engagierten Menschen prägt SzeneSchweiz die Welt der Bühnen und Produktionen mit und legt einen Finger auf Missstände.
SzeneSchweiz-Mitglieder haben eine gänzlich andere Ausgangsposition in Verhandlungen mit Arbeitgeber*innen, egal ob als Freischaffende oder Festangestellte. Weiss der Arbeitgeber, dass die Person nicht alleine dasteht, sondern einen schlagkräftigen Verband hinter sich hat, bemüht er sich von Beginn an, fair und rechtlich sauber aufzutreten. Denn wer will schon Ärger mit dem Berufsverband?
Flexible Beiträge
Wir kennen das Leben als Künstler*in, die Unsicherheiten, das unregelmässige Einkommen, die Löcher zwischen den Engagements. Deshalb gibt es keinen fixen Mitgliedsbeitrag. Dein Betrag wird aufgrund deines Einkommens berechnet und für Studierende ist die Mitgliedschaft sogar gratis.
In und nach der Pandemie gab es viele Künstler*innen in finanziell prekären Situationen. SzeneSchweiz half nicht nur, möglichst schnell Geld für die Betroffenen zu organisieren, der Verband war auch sehr kulant bei den Beitragszahlungen. Wenn eine Person Schwierigkeiten mit dem Begleichen der Beiträge hatte, konnte man sich bei Sekretariat melden und es wurde eine Lösung gefunden.
Wenn du also Mitglied werden willst, oder es schon bist, aber die Beiträge machen dir Sorgen, komm auf uns zu. Wir sind kein Unternehmen, das Profit machen muss, aber der Verband benötigt Mittel, um sich für dich und deine Kolleg*innen einzusetzen. Und wir brauchen auch deine Unterstützung, deine Stimme und deine ganz besondere Art, um alle Facetten der darstellenden Künste abzubilden und zu vertreten.
«Kindertheater? Schlicht und einfach Theater!»
/in Aktuell, Theater/von Seraina KoblerRonja Rinderknecht arbeitet als Dramaturgin und Produktionsleiterin im Theater für ein junges Publikum. Im Interview erzählt sie, wie es ist, unter guten Bedingungen diesen Beruf auszuüben. Und warum man Kindern durchaus auch schwerere Themen zumuten kann.
Von Seraina Kobler
Ronja, du arbeitest als Dramaturgin, Produktions- und Gastspiel-Leiterin. Wie organisierst du so viele Rollen?
Ronja Rinderknecht: Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie Dach und Boden des Theaterhauses. Auf eine sehr gute Art und Weise geht die Vielfalt meiner bisherigen Tätigkeiten und Ausbildungen ineinander auf.
Nach dem Studium warst du erst mal mit deiner Band «Prader & knecht» unterwegs, die «introspektive, fein ziselierte Musik macht», wie das SRF vor einigen Jahren schrieb …
Das war eine schöne Zeit. Irgendwann aber war da auch der Wunsch, die Dinge zu bündeln. Am Vorstadttheater habe ich einen Fokus gefunden, bei gleicher Vielfältigkeit, kann mich auf verschiedenste Weise einbringen und bin doch in ein tolles, kleines Team eingebunden.
Ihr macht Theater für «ein junges Publikum», diese Bezeichnung ziehst du dem «Kindertheater» vor, warum?
Einerseits, weil der Begriff «Kindertheater» mit vielen Klischees und Erwartungen beladen ist und häufig auch abwertend benutzt wird. Andererseits: Es ist doch primär schlicht und einfach Theater! Und das darf auch einfach nur Kunst sein. Es muss nicht immer alles sofort angewendet und verwertet werden können. Diese Vorstellungen möchte ich gerne aufbrechen.
In der Literatur hört man oft, dass zeitgenössische Kinderbücher zu pädagogisch seien. Nur darauf angelegt, versteckte Botschaften zu transportieren. Wie ist das bei euch?
Klar ist es schön, wenn man auf eine lustvolle Art aktuelle Themen ansprechen und behandeln kann in einem Stück. Aber im besten Fall werden Themen auf verschiedenen Ebenen transportiert. Solche, die vordergründig erkennbar sind, aber auch versteckte oder übergreifende Gedankenanstösse. Und zwar für alle Altersgruppen.
Ein Anspruch, den ihr auch mit dem Ansetzen der Vorstellungszeiten ansetzt…
Genau. Eine Vorstellung für junges Publikum darf durchaus auch mal am Abend stattfinden. Wir setzen unsere Hausproduktionen auch bewusst dann an – weil wir damit nicht nur Kinder als Zielpublikum ansprechen. Genauso, wie ich umgekehrt selber als Erwachsene auch gerne mal ein Stück am Nachmittag schauen gehe, wenn etwa die Vereinbarkeit mit der Familie einfacher zu bewerkstelligen ist.
Aber es gibt schon auch Vorgaben, etwa für Schulvorstellungen?
Natürlich. Da finde ich es wichtig, eine Balance zu finden zwischen Ansprüchen der Schule (des Lehrplans) und eigenen künstlerischen Ideen. Das Schöne ist, dass wir durch die Schulvorstellungen als Publikum viele Schüler: innen haben. Die Erziehungsdepartemente der Kantone Basel-Stadt und Baselland finanzieren massgeblich die Schulbesuche mit.
So gibt es die Möglichkeit ein Publikum zu erreichen, das sonst nicht unbedingt zu uns finden würde. Und da kommt schon auch mal die Frage von Lehrpersonen, wo sie das im Lehrplan verbuchen können. In welchem Fach sich eine Nachbereitung anbietet. Da lassen sich bei jedem Stück Ansätze finden. Es sollte aber am Ende des künstlerischen Prozesses stehen, nicht am Anfang.
Gibt es auch andere Vorgaben?
Es wird zum Beispiel oft verlangt, dass ein Stück nur so oder so lange ist. Weil sich die Kinder und Jugendlichen angeblich nicht mehr länger konzentrieren können. Da frage ich mich schon: Beim Film geht das doch auch. Warum soll es dann im Theater nicht möglich sein, wo die direkte Resonanz noch viel grösser ist. Aber klar gibt es im Hinblick auf die gewohnte Dauer einer Schulstunde eine Rechtfertigung. Häufig wird auch darüber diskutiert, was man zeigen darf und was nicht.
Trauen wir unseren Kindern diesbezüglich zu wenig zu?
Lustigerweise kommen diese Bedenken nie von den Kindern selbst. Meine grösste Angst ist, sie zu langweilen und sie dadurch längerfristig zu verlieren. Daher finde ich es wichtig, ihnen genug Platz zu geben, um die eigene Fantasie mitspinnen zu lassen. Ihnen Räume für eigene Bilder zu schenken. Wie man den Kindern eine Geschichte erzählt, das ist doch das Wesentliche. Ausserdem entsteht ein starkes, gemeinschaftliches Erlebnis, wenn sie gleichzeitig das Gleiche erleben und sehen. Das Schöne ist ja, dass sie da nicht alleine im Raum sitzen…
Was würdest du dir da für die Zukunft wünschen?
Dass wir unseren Kindern auch schwere Themen zutrauen. Etwa psychische Gesundheit, Verluste, Abschiede… Man hat Angst, sie damit zu konfrontieren. Doch sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen, merken, was um sie herum geschieht in der Welt. Und ihnen wird so die Möglichkeit genommen, einen altersgerechten Umgang damit zu lernen.
Du erwähntest die Zusammenarbeit mit dem Kanton, wie setzt sich die Unterstützung für das Haus zusammen?
Das Vorstadttheater Basel ist subventioniert durch den Kanton Basel-Stadt. Und erwirtschaftet einen weiteren Teil seines Budgets selbst. Der Betrieb nährt sich aber auch von privaten Spenden und wir sind davon abhängig, dass unsere Produktionen zusätzlich gefördert werden. Das ist leider eine Tatsache. Und doch sind wir in der glücklichen Position, dass unser Grundbetrieb gewährleistet ist. Natürlich müssen wir auf die Finanzen schauen, unsere Räume vermieten, weitere Einnahmequellen erschliessen. Doch wir arbeiten nicht permanent auf Messers Schneide.
Wie verändert das die künstlerische Arbeit?
Es ermöglicht eine Art Nachhaltigkeit und Planungssicherheit. Was wohl der grösste Unterschied zum Prekariat der freien Szene ist, von dem wir auch viel spüren, da wir ja für die Hausproduktionen immer wieder mit Menschen aus der Freien Szene zusammenarbeiten und auch für das Gastspielprogramm im laufenden Austausch mit dieser stehen. Wir haben ein stabiles Fundament. Das ist Seelennahrung.
Wie steht es generell um das Theaterschaffen für ein junges Publikum?
Es gibt eine eigene Szene, viele Festivals im deutschsprachigen Raum, einen Verband, Häuser, die sich explizit dem Theater für ein junges Publikum verschrieben haben, die sich verbinden. Leider ist die Szene in sich eher geschlossen. Deshalb finde ich auch wichtig: Man kann durchaus mal ein Stück, eine Produktion für junges Publikum machen – und dann auch wieder für Erwachsene.
Das sollte durchlässiger sein. Aus diesem Grund haben wir vor einigen Jahren die Plattform «FR!SCH» gegründet, für neue Gesichter im Theater für ein junges Publikum, die dadurch Aufführungsmöglichkeiten und Zugang zu einem Netzwerk erhalten können.
Eine Haltung, die ihr auch im neuen Zuhause des Vorstadttheaters pflegt?
Aber sicher, im Gemeindehaus Oekolompad, wo wir nun angekommen sind, gibt es viele spannende Institutionen über alle Generationen hinweg. Wie der Quartiertreffpunkt und ein Angebot zum Berufseinstieg von jungen Müttern bis hin zu einer Tagesstätte für Demenzerkrankte. Das ist sehr in unserem Geiste, sehen wir auch unsere Kunst auf der Bühne als generationenübergreifend.
Wir machen «Theater für alle Generationen». Ausserdem sind wir nun am neuen Ort im Gotthelf Quartier noch viel mehr in ein vielfältiges Familienquartier eingebunden. Aber es gibt noch mehr Parallelen zu uns…
Die wären?
Das Vorstadttheater Basel ist nun in einem alten Kirchenraum zuhause. Auch in einem Theatersaal kommen Menschen zusammen und bilden eine temporäre Gemeinde. Da stehen Personen auf der Bühne, die vor dieser Gemeinschaft etwas zu sagen haben.
Obwohl ich am Anfang etwas erschrocken bin, wie opulent der neue Theaterraum im alten Kirchenschiff daherkommt. Im Foyer gibt es hohe Spiegel und eindrucksvolle Leuchten. Aber dann dachte ich: Warum sollen Kinder nicht ebenfalls einen solch prachtvollen, grossen Raum als ihr Theater bekommen?!
Nach ihrem Studienabschluss in Politikwissenschaft und Musikwissenschaft an der Universität Zürich absolvierte sie ein Dramaturgie-Studium an der ZHdK. Bis 2020 führte sie den Verband für Kinder- und Jugendtheaterschaffende ASSITEJ Schweiz. Als Cellistin und Sängerin steht sie seit über 10 Jahren auf diversen nationalen und internationalen Bühnen und hat in diversen Studioproduktionen mitgewirkt.
#Metoo und Macht hinter den Bühnen
/in Aktuell, Meinung, Theater, Verbandsinfo/von RedaÜbergriffe während der Vorstellung, Machtmissbrauch beim Casting, Personenkult – SRF Reporter sticht mit einem Beitrag über die Missstände auf und hinter Opernbühnen eine Eiterblase auf.
Es überrascht niemanden innerhalb der Szene: Missbräuche, Übergriffe, toxisches Arbeitsumfeld, das alles kennt man seit Generationen. Noch immer können einzelne Mächtige sich alles leisten und werden gedeckt. Oft mit dem Hinweis auf das „Genie“ des Täters, das aber meist nur aus gehyptem Status besteht. Und nichts ändert sich. Oder wie in der SRF Reportage zu hören: «Der Verhaltenskodex in den Theatern ist mehrheitlich Alibi», sagt eine preisgekrönte Sopranistin.
Fast jede erfolgreiche Künstlerin hat in ihrer Karriere mehrfach sexistische und verbale Grenzüberschreitungen erlebt. «Mach‘ deinen Job und schweig», hat man Opernsängerin Marion Ammann zu Karrierebeginn geraten. Und Regula Mühlemann, der Star am Schweizer Opernhimmel, sagt: «In der Branche herrscht ein Machtgefälle. Das birgt die Gefahr, dass die Leute auf der unteren Stufe sich nicht wehren.»
Hört sich für viele bekannt an, ob als Beobachter*in oder Betroffene*r. Die Hierarchien sind steil, die Macht in den Händen weniger Branchen-Götter – fast ausschliesslich Männer – und Opfer von Übergriffen oder Bossing können sich nicht wehren, ohne dabei ihre Karriere zu riskieren. Schliesslich sind es oft die Täter, welche über die Macht verfügen, die nächsten Rollen zu besetzen .
Lösungen statt Alibi
Viele Betroffene, die sich mit ihren persönlichen Erfahrungen bei SzeneSchweiz melden, bestehen auf unbedingter Anonymität. In der Szene gilt: „Wer aufmuckt, wird nicht engagiert“. Sie gelten dann in der Branche als „schwierig“ oder „kompliziert“, oder noch schlimmer: „Nicht bereit, für die Kunst Opfer zu bringen.“ Die Häuser legen interne Verhaltensregeln oft lasch aus und schützen nicht selten lieber die berühmten Namen und die mächtigen Aushängeschilder als die Mitglieder der Ensembles. Der Schein ist wichtiger als das Sein. Allfällige Missstände werden intern und in absolutem Stillschweigen gelöst, meist ohne gravierende Folgen für allfällige Täter.
Wie kann man diesen Missständen in den darstellenden Künsten ein Ende setzen? Zuerst braucht es den Willen aller Beteiligten. Und dann braucht es eine unabhängige Meldeinstanz, die Vorfälle untersucht, öffentlich dokumentiert und auch Strafen aussprechen kann. Eine Ombudsstelle, eingerichtet und finanziert von Vertretern der Bühnen, der Produktionsfirmen, der Studios und der Künstler*innen, sollte das Recht haben, angezeigte Fälle unabhängig und gründlich abzuklären und bei jedem Fall einen Abschlussbericht zu veröffentlichen.
Die Macht der Hierarchie muss gebrochen werden, Missstände müssen Konsequenzen haben, müssen schmerzen. Erst, wenn Opfer die gleich langen Spiesse haben, erst wenn Aufarbeitung ausserhalb von Abhängigkeiten und Seilschaften stattfindet, wird sich etwas verbessern. Solange die gleichen Personen für die Aufarbeitung zuständig sind, deren höchstes Ziel die Wahrung des Rufs der Institution ist, werden die Opfer immer wieder unter die Räder kommen.
Nicht „Wer aufmuckt, wird nicht engagiert“, sondern „Wer übergriffig ist, fliegt raus“ muss das Credo sein. Und wir werden bei der Diskussion um eine unabhängige Kontrollinstanz genau erkennen, wer an den bestehenden Machtstrukturen hängt und wer wirklich eine Verbesserung der Situation anstrebt.
SGB einstimmig gegen Kulturabbau des Bundes
/in Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEDer Schweizerische Gewerkschaftsbund bezieht Stellung gegen Kulturabbau des Bundes – auf Antrag von SzeneSchweiz und dem Schweizer Musiker*innenverband SMV verabschiedete der SGB einstimmig eine Resolution gegen den geplanten Kahlschlag in der Schweizer Kulturlandschaft.
5.4 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten im Bereich Kultur. In den letzte drei Jahren sind laut einer BFS Studie von 2023 rund 40 000 Kulturschaffende aus dem Beruf ausgestiegen. Das ist ein Fünftel des Schweizer Kulturschaffens. Die Kulturbotschaft des Bundes für 2025 bis 2028 plant trotzdem Kürzungen in allen Bereichen.
Für die Umsetzung sieht der Bund laut Mitteilung vom März 14 Millionen Franken weniger als im Vernehmlassungsentwurf vor. Der Finanzrahmen berücksichtige die kürzlich beschlossenen Kürzungen zur Verhinderung weiterer struktureller Defizite im ordentlichen Haushalt des Bundes, schrieb der Bundesrat zum Entscheid im Frühling.
Aus dem Resolutionstext:
„Die wenigsten Künstler in der Schweiz erreichen den Medianlohn. Im Gegenteil: die Hälfte aller professionellen freischaffenden Künstler/innen erwirtschaftet mit ihren Tätigkeiten ein Jahreseinkommen von 25’000 Franken. Die meisten Freischaffenden müssen ihr Einkommen durch einen Brotjob aufbessern. Das alles kombiniert mit höchst flexiblen Arbeitszeiten, Einkommenslöchern und oftmals erschwerten Arbeitsbedingungen.
2019 zeigte eine Studie auf, dass fast 60 Prozent der Kulturschaffenden weniger als 3’075 Franken pro Monat verdienen (x13). Zahlen vom letzten Jahr sind noch erschütternder: In den Darstellenden Künsten gaben 86 Prozent (Umfrage unter den Mitgliedern von SzeneSchweiz) der professionellen Freischaffenden an, nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben zu können.“
In der Kulturbotschaft des Bundesrates stehen vor allem Sparmassnahmen im Fokus. Wenn der Bund diese umsetzt, ist das nicht nur eine Schwächung auf wirtschaftlicher Ebene, es entzieht unserem Land einen Teil der DNA. Kultur und Kunst sind keine Güter, sie sind Ausdruck lebendiger Gesellschaft, fördern kreativen Austausch zwischen Gesellschaftsgruppen, ja zwischen Nationen und Kulturen. Da Einschnitte zu machen, schadet nicht nur den individuellen Künstler*innen und Instititutionen, es beschädigt die Schweiz als Ganzes.
Hier die Resolution im Volltext:
Kulturelle Vielfalt erhalten – die Attraktivität der Arbeitswelt Kultur sichern
Die Kulturschaffenden der Schweiz sind ein kaum zu fassende Community, die sowohl in der Gruppe, als auch solistisch anzutreffen ist. Und doch darf ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden: 5.4 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten im kulturellen Sektor. Eine Spezies die ihre Arbeit an eigens dazu vorgesehenen Plätzen aber auch irgendwo im Nirgendwo verrichtet. Einzelgänger und Aktivisten, Ensembles und Solisten, Träumende und Realisten, Angestellte und Selbständige.
Wir haben viel zu bieten und wenig zu verlieren. Sollte man meinen! Während der Pandemie haben die Kulturschaffenden besonders zu leiden gehabt und viele von uns konnten Ihre Existenz, gerade als sogenannte freischaffende, temporäre Kulturarbeiter, nicht mehr durch ihre Profession sichern und gaben auf. In nur drei Jahren sind 40’000 und damit knapp 20 Prozent der Beschäftigten des kulturellen Bereiches verschwunden (BFS Studie 2023). Bund, Kantone und Gemeinden wurden sich der oftmals prekären Arbeitsverhältnisse bewusst und in die jetzt vorgelegte Kulturbotschaft 2025-2028 flossen diese Erkenntnisse mit ein. Szene Schweiz, der Berufsverband Darstellende Künste, gab eine Lohnumfrage unter den Verbandsmitgliedern in Auftrag. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die wenigsten Künstler in der Schweiz erreichen den Medianlohn. Im Gegenteil: die Hälfte aller professionellen freischaffenden Künstler/innen erwirtschaftet mit ihren Tätigkeiten ein Jahreseinkommen von 25’000 Franken. Die meisten Freischaffenden müssen ihr Einkommen durch einen Brotjob aufbessern. Das alles kombiniert mit höchst flexiblen Arbeitszeiten, Einkommenslöchern und oftmals erschwerten Arbeitsbedingungen.
2019 zeigte eine Studie auf, dass fast 60 Prozent der Kulturschaffenden weniger als 3’075 Franken pro Monat verdienen (x13). Zahlen vom letzten Jahr sind noch erschütternder: In den Darstellenden Künsten gaben 86 Prozent (Umfrage unter den Mitgliedern von SzeneSchweiz) der professionellen Freischaffenden an, nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben zu können.
Die Entwicklung der vergangenen Dekaden macht deutlich, dass der Schutz der Kulturschaffenden durch Gesamtarbeitsverträge wirksam ist – wenn auch auf niedrigem Niveau. Die GAV gelten aber in der Regel nur für die Festangestellten. Die Freischaffenden haben diesen Schutz nicht. Der SGB setzt sich deshalb zusammen mit seinen Kulturverbänden dafür ein, dass anständige Löhne mit der nationalen Kulturpolitik gefördert und die soziale Absicherung Kulturschaffender verbessert wird. Die Einhaltung ihrer GAV-Löhne, Gagen- und Honorarempfehlungen muss deshalb auch im Rahmen der staatlichen Kulturförderung garantiert sein. Umso problematischer sind deshalb die vom Bundesrat geplanten Kürzungen in der staatlichen Kulturförderung. Denn nur allzu oft verorten Arbeitgeber im Kulturbereich die ersten Sparmöglichkeiten beim künstlerischen Betriebspersonal. Der SGB fordert das Parlament deshalb dazu auf, auf die geplanten Kürzungen zu verzichten.
Wenn der Bund seine Kürzungswünsche wie vorgelegt durchsetzt, gibt er Kantonen und Gemeinden ein fatales Signal. Nach der Pandemie ist die Branche noch weit von Erholung entfernt. Wer jetzt spart, zerstört kulturelle Infrastruktur und Arbeitsplätze. Wer jetzt nicht beherzt unterstützt, schafft die Voraussetzung für prekäre Lebensumstände von Kulturschaffenden in der Schweiz.
Senden wir ein solidarisches Signal an Nationalrat und Ständerat von Kürzungen im Kulturbereich abzusehen.
Krank? The Show must stop.
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEWie krank muss ich sein, um eine Vorstellung abzusagen? Werde ich dafür verurteilt? Für schwach gehalten? Muss die Show wirklich weitergehen, bis jemand zusammenbricht? Unsere Kolumnistin Steffi Gygax macht sich Gedanken zu Selfcare.
Von Stefanie Gygax
Krank sein ist relativ, gesund sein ebenso. Wer bestimmt, ab wann wir krank genug sind, um uns von einer Probe oder Vorstellung abzumelden? Wo hört gesund sein auf und wo beginnt das krank sein?
Als Künstler ist es grundsätzlich nicht erlaubt krank zu sein. Krank sein bringt Schwierigkeiten mit sich, wie Besetzungsnot, Lohnausfall und Angriffsfläche für Kollegen und Arbeitgeber. Ich bin mit dem Grundsatz im Theater aufgewachsen: „The show must go on“ und Kranke gelten als stark, wenn Sie sich trotz Grippe und gebrochenen Rippen durch die Vorstellung kämpfen. Wenn man die 2.Besetzung spielen lässt, so wie es eigentlich gedacht wäre, fangen sogar die weissen Schafe an, sich die Mäuler über den Umstand zu zerreissen. Anstatt es einfach anzunehmen, wie es ist, werden Fragen in den Raum gestellt.
„Meinst du, sie ist wirklich krank? Was hat Sie denn überhaupt?“
Scheinbar ist es dem Menschen in die Wiege gelegt, sich immer und in jeder Situation ein Urteil bilden zu müssen und zu tratschen. Dabei braucht ein kranker Mensch vor allem Mitgefühl, um wieder gesund und fit zu werden. Aber wenn jemand das Bein bricht, dann ist natürlich klar, dass er zu Hause bleiben muss. Von einem Musiker, dem das kürzlich passiert ist, habe ich erfahren, dass sogar ER ein schlechtes Gewissen hatte, die Vorstellungen abzugeben.
Wie oft habe ich schon miterlebt, dass die Märtyrer gelobt werden.
Ich fühle mich oft sehr alleine mit der Entscheidung, ob es mir schlecht genug geht, um abzusagen. Solange ich gut stehen und gehen kann, kämpfe ich mich zur Probe, auch wenn ich die Kollegen anstecke, weil es so erwartet wird. Muss ich erst vor Schwindel umklappen, dass ich weiss, jetzt sollte ich nicht mehr auf die Bühne gehen? Wieso kann mir nicht mal ein Arzt sagen, wo die Grenze ist?
Seitdem ich das erste Mal erlebte, wie meine Stimme und mein Kreislauf während der Arbeit eingeknickt, habe ich riesigen Respekt vor dieser Entscheidung. Ein solches Erlebnis ist traumatisch. Die Stimme und die ganze körperliche Befindlichkeit können sich im Laufe einer Vorstellung drastisch verändern. Wahrscheinlich liegt das an den hohen Mengen von Cortisol und Adrenalin, die man während eines Auftritts ausschüttet.
Wo ist die Grenze?
Wo ist meine Grenze? Ich habe gelernt, dass wir selbst die Grenzen in unserem Leben bestimmen müssen, ohne Rücksicht auf Verlust. Aber im Künstleralltag kann die Grenze am einen Ort zu einem weiteren Engagement führen und die anders gesetzte Grenze schiesst dich ins Out! Eine zweite Besetzung für eine Rolle machen diese Regeln einfacher, aber zu oft kann sich das die Produktion nicht leisten.
Ist es das wert, sich mit Medikamenten vollzustopfen, um weiter arbeiten zu können und die Gefahr einzugehen, dass der Körper irgendwann die Notbremse zieht?
Für mich ist diese Thematik schwierig, weil ich gerne arbeite und negative Reaktionen fürchte, wenn ich nicht über meine Grenzen hinausgehe. Trotzdem glaube ich, in einer Welt, in der klar ist, dass ich bei Krankheit zu Hause bleiben kann, ohne meinen Körper zu zerschleissen oder gar meine Kolleg*innen anzustecken, besser und gesünder für alle wär.
Oft zeigen sich die Auswirkungen der Lebensweise ja erst nach Jahrzehnten. Im Alter zahlen wir den Preis für unsere Lebensweise. Aber auch wenn wir jünger sind, redet der Körper mit uns und gibt immer wieder Zeichen, was nicht gut für uns ist. Unser Bauchgefühl arbeitet ununterbrochen und schickt Informationen an den Verstand. Oft haben wir aber keine Lust uns auszuruhen oder eine Veränderung des Lebensstils herbeizuführen, sodass der Körper immer deutlichere Signale senden muss.
Hör auf deinen Körper oder er wird dich flachlegen
Mich hat mein Körper bisher immer lahmgelegt, wenn ich etwas verändern sollte. Das äussert sich bei mir durch Kreislaufprobleme wie Schwindel, Rauschen in den Ohren und Kribbeln im Körper. Dann fahre ich herunter und schaue, wie ich mich in meinem Alltag erleichtern kann.
Das ist zwar ein miserables Gefühl, aber trotzdem bin ich dankbar, dass ich keine schwerwiegende Krankheit bekomme, sondern ein klares Kommando für Ruhe und Stillstand, um meine Batterien wieder aufzuladen. Wenn ich dem Rat folge, geht es schneller, wenn ich trotzdem immer wieder arbeite, genese ich langsamer. Erstaunlich wozu unser Körper fähig ist.
Viele Künstler, vor allem die Hochsensiblen, kennen diese Zustände und reden nicht darüber, weil sie nicht als schwach gelten wollen und Angst haben, aufgrund dessen nicht mehr engagiert zu werden. Ich finde es wichtig darüber zu reden, denn die Gemeinsamkeit und das Verständnis hilft uns besser damit umzugehen und schneller wieder Gesundheit zu geniessen. Wer seine Leidenschaft ausübt, ist bereit 24/7 zu arbeiten und wird dafür noch gelobt. Dabei sollten wir uns gegenseitig ermutigen, uns Auszeiten der Ruhe zu nehmen, damit unser Körper und unser Geist in Zukunft beste Leistungen bringen können.
Schöne, neue Welt
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEWir leben an der Bruchkante zur Zukunft – digitale Personas können Menschen ersetzen, technische Entwicklungen rasen an uns vorbei, um im Übermorgen auf uns zu warten. Corinne Soland taucht in Gefahren und Möglichkeiten.
Von Corinne Soland
Künstliche Intelligenz und Schauspiel. Ja, es löst etwas aus in uns, oder? Zu denken, in einer grösseren Produktion können “sie” uns jetzt einfach jünger oder älter retuschieren (gerade gesehen in der SRF Serie “Mindblow”). Oder ersetzen? Modellieren ist ja seit längerem möglich, doch erst durch die gesteigerte Rechenleistung der letzten paar Jahre sowie der Entwicklung von computerbasierten Modellen können solche Prozesse nun deutlich effizienter gestaltet werden und werden somit in mehr Produktionen eingesetzt. Auch inhaltlich ist das Interesse an Stoffen gestiegen, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen.
Gestern: Scarlett Johansson musste 2024 rechtlich gegen OpenAI vorgehen, um zu verhindern, dass ChatGPT nach ihrer Stimme klingt. Mit dem Film “Her” wurde ein Vorbild geschaffen, das die Schauspielerin nun tatsächlich zu spüren bekommt. Auch die berühmte “Sky” Stimme ist davon betroffen.
Vorvorgestern: 2019 gab es Neuigkeiten über einen Film mit James Dean – beziehungsweise seinem digitalen Double, hergestellt aus bestehendem Filmmaterial und neu zusammengesetzt von einem Algorithmus. Zelda Williams, Tochter des verstorbenen Schauspielers Robin Williams, bezeichnete dies als “puppeteering the dead”, “mit den Toten Puppen spielen”. Bis heute ist der Film nicht erschienen.
Gestern: Ein Chinesisches Gericht hat im April 2024 zu Gunsten einer Synchronsprecherin entschieden, die sich gegen den missbräuchlichen Einsatz ihrer Stimme gewehrt hatte. “Das Gericht stellte fest, dass die Beklagten unerlaubt die Stimme der Klägerin in ihren KI-Text-zu-Sprache- Anwendungen genutzt haben, wodurch die Persönlichkeitsrechte der Klägerin verletzt wurden. Frau Yin forderte, dass die Beklagten sie für ihre wirtschaftlichen Verluste und seelischen Schmerzen entschädigen und sich für die unerlaubte Nutzung ihrer Stimme entschuldigen.
Das Gericht entschied, dass die KI-generierten Stimmen aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Frau Yins Stimme identifizierbar waren und daher ihre Persönlichkeitsrechte verletzten. Weiterhin stellte das Gericht fest, dass die Beklagten nicht die erforderlichen Genehmigungen für die Verwendung ihrer Stimme hatten und ordnete eine Entschädigungszahlung an Frau Yin an. Dieser Fall markiert ein bedeutsames Urteil zum Schutz vor der unbefugten Verwendung von KI zur Nachahmung menschlicher Stimmen. Es zeigt auch die Bedeutung von klaren Regelungen und Genehmigungen bei der Nutzung von KI-Technologien und könnte zukünftige Verhandlungen und Vertragsbeziehungen in der Medien- und Unterhaltungsindustrie beeinflussen.”
Vorgestern: Helena lebt in den USA, arbeitet als Musikerin und Sprecherin und bereut, ihre Stimme für 3000 Franken an Microsoft verkauft zu haben.
Vorvorgestern: Szenen aus dem Film “S1mone” von Andrew Niccol: Ein Produzent (Al Pacino) steht vor dem Problem, dass ihm seine Hauptdarstellerin vom Set gelaufen ist. Er beschliesst kurzerhand, eine virtuelle Schauspielerin zu kreieren und feiert damit grosse Erfolge, kommt aber an seine Grenzen, als Simone (Rachel Roberts) für weitere Filme, Live-Auftritte und Interviews angefragt wird und er die virtuelle Person auch vor seiner Familie geheim halten muss.
Heute: Undenkbar und skandalös war es im Film “S1mone” eine solche virtuelle Person zu kreieren, zu besetzen und als real auszugeben – heute würde ein*e Produzent*in wahrscheinlich gefeiert werden dafür, einen solchen Meilenstein zu erreichen. Wenn wir den Film heute anschauen, bemerken wir aber auch, dass allgemein ein gesellschaftlicher Wandel stattfand: die blonde, weisse Schöne wird künstlich hergestellt, wird zur digitalen Puppe eines männlichen weissen Wahnsinnigen und kümmert sich dann auch noch um dessen Gefühle, als ihm die Sache über den Kopf zu wachsen beginnt. Care Arbeit eines Roboters also. “Taking care of someone”, sich um eine Person kümmern, entweder mit Fürsorge-Arbeit oder/und auf einer emotionalen Ebene – das wäre mal ein Thema, das die gleichen Schlagzeilen verdient hätte wie derzeit die Künstliche Intelligenz!
Morgen: Ich kann ein Modell mit meiner Stimme trainieren, sie für mich sprechen, arbeiten und Geld verdienen lassen und in der gleichen Zeit einen Antrag schreiben für ein Theaterstück, das ich produzieren möchte. Fingers crossed, dass wir gute Richtlinien bekommen und faire Gagen-Ansätze. Es wird konkret, übrigens: Der Verband deutscher Sprecher:innen hat bereits Statements, Ausschlussrichtlinien und rechtliche Abklärungen auf seiner Website publiziert. Die Schweiz rückt nach, diverse Verbände und Dachorganisationen, u.a. Interpret*innen (SIG), SzeneSchweiz, SSFV sind daran, herauszufinden, was für die Schweiz gelten könnte. Auch das AI Toolkit von EQUITY (UK) ist empfehlenswert.
Immer?: Wie viele Millionen werden schon wieder geschätzt…? Nein, stimmt, es sind Milliarden… 434 Milliarden sogar. So viel kostet die Care-Arbeit, die momentan nicht bezahlt wird. Ausserdem: “Zwei Drittel (60%!) der unbezahlten Arbeit werden aktuell von Frauen geleistet. Würden Frauen [Anm.: leider werden sowohl trans- wie auch nichtbinäre Personen statistisch nicht erfasst] ihre unbezahlte Arbeit nur um 10 Prozent kürzen, hätte das dieselbe Auswirkung auf das Bruttoinlandsprodukt wie die Schliessung sämtlicher Einrichtungen des bezahlten Gesundheits- und Sozialwesens. Eine gewisse Umverteilung der unbezahlten Arbeit findet zwar statt, jedoch nicht von Frau zu Mann, sondern von Frau zu Frau: Immer öfter übernehmen Migrantinnen Haus-, Pflege- und Betreuungsarbeiten.”
Heute: Noch ist Maschinelle Intelligenz nicht so weit, dass sie Spielende komplett und in allen Einstellungen simulieren können. Besonders spezielle Kamera-Winkel machen der Bildgenerierung Mühe und natürlich auch der adäquate menschliche (emotionale?) Ausdruck. Noch werden wir als Spieler*innen also nicht ersetzt und dürfen unseren Beruf ausüben UND Care-Arbeit übernehmen. YAY. Jackpot.
Übermorgen: Was wir tun können, scheint mir folgendes: Laut bleiben, dass wir spielen möchten. An uns und unserem Instrument weiterforschen und neue Wege finden, Menschlichkeit darzustellen. Ein wenig darüber nachdenken, was denn Menschlichkeit für uns bedeutet – und wer es sich aktuell denn überhaupt leisten kann, Menschlichkeit zu zeigen – oder Schauspieler*in zu sein. “Taking care of each other”, als Spielende, als Menschen, die in dieser Branche unterwegs sind. Und dann ganz laut für menschliche Schauspielende einstehen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.
Ach ja und:
Überübermorgen: Lea Whitchers neuem Projekt folgen, in welchem sie eine utopische Parallelwelt entwirft, in der zwar auch KI Platz hat, die aber komplett auf Care Arbeit basiert. Es ist ein künstlerisches Rechercheprojekt an der Schnittstelle zwischen Literatur, Aktivismus und Theater. Ich empfehle diese Simulation allen, sie ist krasser als jedes computergenerierte Bild. Weil sie in unserem Kopf und unserem Herzen entsteht aus unserer Fantasie, genährt von Leas Texten, unserem Hässigsein und befeuert durch unseren Willen, Mut und unserer Lust, diesen Beruf “careful” ausüben zu können. Alle Infos unter #carecity _stories*, das findet euer Google Algorithmus bestimmt für euch.
Goecke geht nach Basel
/in Aktuell/von RedaMarco Goecke schaffte es mit seiner Hundekot-Attacke zu internationaler Berühmtheit – jetzt geht er als Tanzdirektor ans Theater Basel und zeigt Reue.
„Ausnahme-Talent“ ist ein Begriff, den viele benutzen, wenn sie über Marco Goecke sprechen. Und dieses Talent bringt der 52-jährige Choreograf jetzt ab Sommer 2025 als neuer künstlerischer Leiter des Balletts ans Theater Basel. Die Misstöne während seiner Zeit als Ballettdirektor an der Staatsoper Hannover, die seine Attacke mit Hundekot auf eine Kritikerin ausgelöst hat, sind inzwischen vergeben. Entschuldigungen wurden ausgetauscht, der Rechtsfall ist abgeschlossen.
Leben zusammengebrochen
Das Engagement in Basel beschreibt Marco Goecke gegenüber SRF als eine Art Neuanfang, als grosses Geschenk. Er selbst sei dankbar für das Vertrauen, das ihm von so vielen Leuten entgegengebracht wurde. «Ich freue mich auf die Zukunft und ein neues Zuhause mit dem Ballett Basel.»
Er habe sich mittlerweile vom Eklat nach der Hundekot-Attacke erholt, so Goecke. Er hoffe, dass das auch auf alle zutrifft, die er verletzt habe. Zum Weitermachen bewegt habe ihn der Zuspruch, auch von Menschen, die von der Aktion in Hannover schockiert oder verstört waren.
Neuanfang mit alten und neuen Werken
Goecke ersetzt Adolphe Binder, die das Ballett seit 2023 leitet. «Die Verpflichtung von Marco Goecke ist ein Glücksgriff für das Theater Basel, die Stadt, die Region und die Schweiz insgesamt», sagte Intendant Benedikt von Peter gegenüber SRF. Goecke plant Werke aus den letzten 25 Jahren zu zeigen, aber auch neue Stücke zu machen – wichtig sei ihm, wieder mehr junge Menschen für Ballett zu begeistern.
Zürcher Kultur geht Pleite
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaMehrere Zürcher Kulturinstitutionen stehen finanziell am Abgrund, wie eine Tagesanzeiger-Recherche zeigt. Es ist Zeit für mehr Subventionen.
Dem Kunsthaus geht das Geld aus, ebenso schwierig ist die Lage für Schauspielhaus und Pfauen. Auch die Tonhalle musste in der letzten Spielzeit Verluste verbuchen, mehr als selbst in der Pandemie-Saison 21/22.
Zitat aus dem Tagesanzeiger:
„Ohne Subventionen kann kaum eine Zürcher Kultureinrichtungen überleben. Selbst der Zoo, die am meisten besuchte Freizeit- und Bildungsinstitution der Schweiz, bekommt jährlich fast 7 Millionen Franken von Stadt und Kanton Zürich, was rund 10 Prozent der Einnahmen im Zoo Zürich entspricht.
Total gibt die Stadt Zürich jedes Jahr fast 170 Millionen Franken für Kultur aus, Tendenz steigend. Allerdings ist dieses Kostenwachstum nicht überdurchschnittlich in Zürich, und 170 Millionen Franken sind nicht einmal 2 Prozent des gesamten städtischen Aufwandes.“
FDP und SVP gegen Kultur
Der Zürcher Gemeinderat hat im April das Kulturleitbild 2024 bis 2027 gutgeheissen (74 Ja, 35 Nein, 8 Enthaltungen). Ein Leitbild, das die Kulturstadt sozial, ökologisch und wirtschaftlich weiterbringen soll.
Die SVP, die das Leitbild gemeinsam mit der FDP ablehnte, sah das etwas anders. Gemeinderat Stefan Urech sprach im Tagesanzeiger von einem «Leidbild», von einem «öden, linken Einheitsbrei» in der Kulturlandschaft, die nur «politisch belehren möchte». Das Publikum bleibe am Rand liegen, sagte er. «Es geht um Klima und Nachhaltigkeit – ausser bei den Finanzen.»
Die Aussage ist lächerlich, wenn man bedenkt, dass das Opernhaus, nicht gerade bekannt für linksaktivistische Kultur, vom Kanton über 88 Millionen jährlich bekommt. Sogar der Zoo, auch keine Che-Guevarra-Brutstätte, erhält Geld aus den Subventionstöpfen. Es sieht eher so aus, als ob die rechten und bürgerlichen Parteien Geld nach Gesinnung verteilen wollten: Subventionen bekommt, wer ihren (politischen) Geschmack trifft.
Es braucht mehr!
Realität ist, dass viele Zürcher Kulturinstitutionen, allen voran die Theater, ihren Ensembles zum Teil prekäre Löhne zahlen. Der GAV deckt nur die Einstiegslöhne ab, was für Hochschulabgänger knapp ausreichend ist, aber niemals für die Gründung einer Familie reicht. Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz: „Diese Häuser brauchen Subventionen, um endlich anständige Gagen zu zahlen. Auch wenn in der internen Verteilung durchaus Verschiebungen möglich sein sollten: Von überrissenen Regie-Vorstellungen hin zur monetären Wertschätzung der Künstler*innen.“
Ü50 auf der Bühne – Erfahrung und Verständnis
/in Aktuell, Kolumne, Theater/von Redaktion ENSEMBLEUnsere neue Kolumnistin Rebekka Burckhardt blickt zum Einstand ihrem jüngeren Bühnen-Ich ins Auge und würde heute vorallem eine Sache anders machen …
Seit einem Jahr bin ich arbeitsbedingt immer mal wieder in Berlin – ein schönes Privileg. Grosse Stadt, große Bühne, grosse Sache! Es gibt mir, nebst der erfüllenden Arbeit, die Möglichkeit, meine alten Freunde zu sehen. So auch einen sehr alten Freund – er wurde kürzlich stolze 90 Jahre alt. Er war Intendant und hatte mich vor fast 31 Jahren an sein Theater engagiert. Er war mein erster Chef.
Von der staatlichen Schauspielschule direkt an ein deutsches Stadttheater, mit allem Drum und Dran – Träumchen. Ich durfte schöne Rollen spielen, Hauptrollen und Nebenrollen, durch alle Genres hindurch, von den Klassikern über Uraufführungen – ein wirklich schönes Debüt.
An diesem Theater gab es viele ältere bis alte Bühnenmenschen. Sie waren damals alle mindestens so alt wie ich heute bin: Mitte 50.
Alles, was ein Leben generell und ein langes Theaterleben sowieso aus einem Menschen machen kann, war dort vertreten: Die kluge, aber einsame und von den Enttäuschungen zynisch gewordene hagere Lady. Die nervöse, von den Demütigungen des Berufes fahrig und hektisch gewordene Dame. Der mit bemüht herzlichem Lachen und viel Leibesfülle seinen tiefen Jähzorn überspielende Gemütsmensch.
Der schnauzbärtige Seemannstyp, eigentlich ein Laie, der jede Nebenrolle freudig spielte. Der kleine, schweigsame und niemals lächelnde bittere Mann, vor dem wir alle etwas Angst hatten. Der leutselig anzügliche und etwas undurchsichtige Papamoll, der, längstens probenmüde geworden, fast wöchentlich eine schlimme Kieferentzündung mit Zahnnotfall inszenierte um den Proben fernbleiben zu können – man liess ihn gewähren, den Publikumsliebling.
Der bei allen hochgeschätzte und immer mit viel Klasse aufspielende Grandseigneur. Er ging nach den Vorstellungen mit uns Jungen in die Kneipe und riet uns nachdrücklich zu einem guten, soliden Privatleben, was wir brav zu befolgen gedachten – einfach später mal.
Der brillante und zerrissene Charakterdarsteller mit DDR-Traumata, von dem wir nie wussten, wann er sich ins nächste und irgendwann letzte Koma saufen würde.
Der stoische Methusalem, seit einem halben Jahrhundert am Haus, der mit fast 80 bei Christoph Marthaler eine späte Alterskarriere machte.
Sie alle waren Teil des Ensembles, zu dem ich als junge Schauspielerin gehören durfte. Ich beobachtete meine Kolleg:innen mit der für junge Anfänger:innen so typischen Mischung aus Bewunderung, Befremden und dem der Unerfahrenheit einer Anfängerin geschuldeten
Unverständnis.
Wie kann man nur so lasch spielen?
Wie kann man nur so pedantisch auf pünktliches Probenende bestehen?
Wie kann man nur so verklemmt auf körperliche Berührung im Probenprozess reagieren?
Wie kann man nur die Impulse der Regie abblocken und sabotieren?
Wie kann man nur immer und immer wieder dieselben alten Kamellen und Anekdoten erzählen?
Heute bin ich selber eine alternde Schauspielerin, mit einem gelebten Leben voller Höhen und Tiefen, vielen beruflichen Niederlagen, Rückschlägen, Aufrappelungen und einigen Erfolgen, die von jüngeren Theatermenschen angesehen und beurteilt wird.
Ich halte auch immer mal wieder aus mancherlei Erfahrung mein Visier geschlossen und bemühe mich – und es fühlt sich meistens mies an – bewaffnet zu sein bis unter die knirschenden Zähne, wenn es die Situation erfordert. Eben, was halt das Leben und das Theaterleben aus uns Menschen so machen kann. Wenn ich die Gelegenheit habe mit viel jüngeren Menschen auf der Bühne zu stehen oder ihren Regieideen zu folgen, denke ich an meine Kolleg:innen von damals zurück. Viele dieser Menschen sind nicht mehr am Leben.
Sie hatten alle ein Privatleben, vielleicht Kinder, Sorgen, Wünsche, Pläne. Ich hatte dermassen viele Fragen an mich selbst und an meinen frisch erlernten und mir noch so unverständlichen Traumberuf, dass ich diesen erfahrenen Menschen, meinen Mitspieler:innen, wiederum keine Fragen – und wenn, dann sowieso nicht die richtigen – stellte. Ich hatte meine jugendliche Meinung, oh ja. Ich hatte meinen besserwisserischen Hochschulabgängerinnenblick. Aber Fragen stellte ich – und das ist so schade – zu selten. Das bedaure ich gelegentlich, und daran musste ich denken, als ich meinem alten Freund und ehemaligen Intendanten zu seinem grossen Geburtstag gratulierte.
Ich blicke zurück in diese Zeit und sehe mich auf Theaterproben. Sehe mich – jung und verspielt, unter Druck und voller Versagensängste, idealistisch und bedenkenlos – mein ganzes Sein in dieses Theaterleben werfen. Ich erinnere mich an meine Einsamkeit und Überforderung. Sie waren da, die Alten, direkt neben mir, mit ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und ihrer (davon gehe ich jetzt einfach mal aus) Hilfsbereitschaft, die ich nicht sehen konnte, weil ich mir bereits ein Bild gemacht hatte von ihnen.
Wahrscheinlich hätte ich sie nur fragen brauchen:
Was ist Dir widerfahren? Bringst Du mir bitte etwas bei von dem, was Du kannst?
Wie lebst Du mit den harten Bedingungen des Berufs? Gehen wir spazieren?
«Gemeinsam stark» – SzeneSchweiz Ost-Versammlung
/in Aktuell, Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEPrekäre Löhne – Kunsthaus tritt ins Fettnäpfchen
/in Aktuell, Theater, Verbandsinfo/von RedaDas Kunsthaus wildert in den Darstellenden Künsten – und bietet in einem Open Call prekäre Löhne für die Teilnahme an einer Aufführung. So geht das nicht, liebes Kunsthaus.
Vielleicht liegt es daran, dass die Künstler*innen, mit denen das Kunsthaus normalerweise zu tun hat, meist schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten tot sind und weder Miete bezahlen noch Essen einkaufen müssen. Nur so ist es zu verstehen, dass die Verantwortlichen zurzeit einen Open Call an darstellende Künstler*innen ausgeschrieben haben, der einen Stundenlohn von ganzen 28 Franken anbietet. Die Gesuchten sollen in Performance-Aufführungen an Marina Abramović‘ Retrospektive auftreten.
Wenn Branchenfremde sich in die darstellenden Künste wagen, kann es geschehen, dass die Mindestanforderungen nicht eingehalten werden. Wenn zum Beispiel das Gemeindefest in Hinterzupfighofen den Willhelm Tell aufführt, wird niemand reklamieren, wenn die Mindestgagen der Darsteller*innen nicht eingehalten werden. Plant man aber als eine der führenden Kulturinstitutionen der Schweiz eine Aufführung, dürfte man erwarten, dass die Verantwortlichen zumindest schnell die Rahmenbedingungen googeln – oder sich an einen der zuständigen Verbände wenden, um sich vorab zu informieren.
Es geht nicht, dass das grosse Kunsthaus – mit seiner immensen staatlichen Finanzierung – Menschen zu prekären Löhnen anstellt. 28 Franken Stundenlohn wären sogar sehr knapp bemessen, wenn die Personen einen langfristigen Arbeitsvertrag bekämen (auch das entspräche in etwa einem Monatslohn von nur 4500 Franken in Zürich!), aber sicher nicht für kurze Einsätze, die quer durch den Alltag brechen.
Der Verband t. Theatherschaffende hat sich, gemeinsam mit dem Performance-Verband PANCH, mit dem Kunsthaus zusammengesetzt, um die Sache zu klären. Wir hoffen, dass dies zu einem guten Abschluss führt. Für die Performance ist übrigens auch „Nacktheit“ der Darstellenden erforderlich – so kann das Kunsthaus wenigstens bei den Kostümen sparen.
Kultur: Miteinander statt gegeneinander
/in Aktuell, Meinung, Verbandsinfo/von RedaDie staatliche Unterstützung für Kultur kommt in allen Bereichen politisch unter Druck – egal ob auf Bundesebene, in den Kantonen oder in den Städten. Zeit, als Kulturschaffende zusammenzustehen.
Die darstellenden Künstler*innen stehen am Ende der Nahrungskette, wenn es um die Verteilung oder den Erhalt von Fördergeldern oder Subventionen geht. Auf der einen Seite müssen sie sich gemeinsam mit den Theaterhäusern und Kultureinrichtungen für den Erhalt finanzieller Mittel von öffentlicher Seite einsetzen, auf der anderen Seite haben sie keine Stimme, wenn es um die Verteilung der erhaltenen Gelder geht.
Niemand fragt das Ensemble, wie denn die Summe aufgeteilt werden soll, die man im gemeinsamen Effort von den staatlichen Stellen erhalten hat. Wehren sich die Künstler*innen für bessere Löhne – sprich für ein Leben, das sich nicht im Prekariat oder an der Armutsgrenze abspielt – gelten sie als Spielverderber, die sogar „die Subventionen gefährden“. Man ist abhängig von den Institutionen und Häusern, mit denen man sich gemeinsam um Unterstützung bemüht, steht aber machtlos da, wenn es darum geht, die Gelder zu verteilen.
Und das ist nicht das Einzige: Durch den harten Arbeitsmarkt stehen die darstellenden Künstler*innen zusätzlich in gegenseitiger Konkurrenz. Wehrt sich jemand für eine anständige Gage, kann das den Job kosten. Es sind ja genug andere da, die nur darauf warten und froh sind, wenn sie überhaupt ein Engagement ergattern können. Das führt zu einem Klima der Angst und der Missgunst unter den Künstler*innen, was einen gemeinsamen Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen unmöglich macht. Es ist Zeit, das die Künstler*innen auf Augenhöhe mitreden, wenn es um den Einsatz von Mitteln geht, die sie (und ihre Verbände) mit erstritten haben. Nur dann kann man sich gemeinsam gegen einen Kulturabbau in der Schweiz einsetzen.
Teile und herrsche
Was im Kleinen zwischen den Leuten passiert, spiegelt sich auch im Grossen zwischen den Bühnen: Sie stehen am Ende auch wieder in Konkurrenz zueinander. Als Beispiel die neue Förderregelung der Stadt Zürich, die gerade zwei kleine Theater in den Ruin treibt: „Es reicht halt nicht für alle, egal, wie lange die schon bestehen“. Alle paar Jahre ist man gezwungen, sich (wieder) um einen Platz am Trog zu bewerben. Kriegt man den nicht, kann es das Ende einer jahrelang aufgebauten und erfolgreichen Bühne führen. Oft bekommen die ganz grossen, etablierten Häuser das grosse Stück vom Kuchen, während die Kleineren sich den Rest teilen müssen. Einige politische Kräfte wollen Kultur nach Marktgesetzen finanziert sehen, in denen nur der Stärkste überlebt. Das zerstört die kulturelle Landschaft der Schweiz.
Aber auch da ist es noch nicht zu Ende: Selbst die verschiedenen Bereiche der Kultur stehen im Wettstreit: Musik gegen Film, Theater gegen Tanz, bildende Kunst gegen Literatur, alle gegen alle. Sogar zwischen den Verbänden herrscht manchmal eine Konkurrenz, da jeder Verband die Interessen seiner Klientel nicht nur gegen aussen durchsetzen muss, sondern auch mit den anderen Verbänden um Ressourcen und Einfluss ringt.
Zeit, gemeinsam zu handeln
Es ist Zeit, dass dies ein Ende hat. Die Sparmassnahmen beim Bund, aber auch bei den Kantonen und Städten, bedrohen die gesamte Kulturlandschaft. Es ist Zeit, dass Kulturschaffende auf allen Ebenen zusammenstehen und sich für eine Vielfalt und eine ausreichende Finanzierung von Kunst in jeder Form einsetzen. Schluss mit Gärtchendenken, Schluss mit Grabenkämpfen, Schluss mit Neid. Alle müssen an einem Strick ziehen.
Die Häuser müssen ihre Ensembles anständig entlöhnen, die Verbände eine gemeinsame Stimme finden, die Kulturbereiche ihren Einfluss zusammenlegen. Wir sollten uns nicht mehr gegeneinander ausspielen lassen, weder als Personen, noch als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nicht als Verbände und schon gar nicht als Kunstformen. Nur gemeinsam schaffen wir eine Schweiz, in der Kultur in jeder Form das Leben bereichert.
Dazu brauchen wir euch, die Künstler*innen, die Intendant*innen, die Museumsdirektor*innen, die Filmproduzent*innen und die Vertreter*innen der Verbände. Es fängt im Kleinen an, aber es kann grosse Wirkung zeigen. Unterstützt euch gegenseitig, setzt euch in den Verbänden ein, zeigt Mitgefühl und Verständnis für andere. Dann wird das was.
(PS: Und bezahlt bitte eure Beiträge, die Rechnungen sind in eurem Email. Sie kommen nicht mehr per Post. Ohne Geld haben wir keine Chance. :) )
Höhere Mindestgagen – nur das Theater am Neumarkt sperrt sich
/in Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLESzeneSchweiz hat diese Woche bei der Erhöhung der Mindestgagen für Berufseinsteiger*innen mit dem Schweizerischen Bühnenverband einen weiteren Erfolg erzielt. 9 von 10 Häusern erhöhten nach zähen Verhandlungen ihre Ansätze für die Saison 24/25.
Die Erhöhung der Einstiegsgagen gelten für Freie wie auch für Festangestellte bei Einstellung. Laut SBV sei bei allen 9 betroffenen Bühnen der Teuerungsausgleich damit erreicht und es bleibe am Ende sogar noch etwas übrig.
So sehr sich SzeneSchweiz über diesen Erfolg freut, bedauert der Verband, dass nicht alle 10 Bühnen sich zu einer Erhöhung, und sei es nur ein Zeichen des Goodwills, überwinden konnten. Beim Haus, das sich nicht zu einer minimalen Erhöhung der Mindestgage durchringen konnte, handelt es sich um das Theater am Neumarkt. Dass es gerade eine Bühne ist, die sich soziale Anliegen und Inklusion auf die Fahne geschrieben hat, ist für SzeneSchweiz unverständlich.
„Gerade in Zürich, der Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten im ganzen Land, ist es unverständlich. Es ist uns bewusst, dass die Zeiten hart sind und die Subventionen nicht sprudeln. Aber innerhalb der Budget-Aufteilung gäbe es sicher Spielraum, um den Schwächsten im Ensemble wenigstens 50 Franken mehr zu geben“, meint Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz. Es gehe doch nicht, dass ein sozial engagiertes Theaterhaus Gagen zahle, die Mitarbeiter*innen ins Prekariat schickten.
Neumarkt: Keine Lust auf Fragen
Diese Redaktion wollte der Intendanz des Theaters am Neumarkt einige Fragen zum Entscheid stellen, aber die drei Intendantinnen fanden dazu keine Zeit. Stattdessen erhielten wir eine vorgefertigte Antwort der Pressestelle, die besagt, das Neumarkt hätte bereits letztes Jahr etwas gemacht und sicher würde die neue Intendanz in der Saison 25/26 sich wieder des Themas annehmen. Die Mindestgage beim Theater am Neumarkt beträgt für Neueinsteiger 4300 Franken. In einer der teuersten Städte der Welt kann man damit nicht unbelastet leben, eine Familiengründung kann man sich schon gar nicht leisten.
Doch was wären unsere Fragen gewesen? Uns hätte zum Beispiel die Budget-Aufteilung interessiert, die es dem Theater ermöglicht, gleichzeitig drei Intendantinnen zu beschäftigen, aber sperrt, wenn es um die Erhöhung der Mindestgagen geht. Die Kosten für 50 Franken Erhöhung für alle Einsteiger*innen hätte in der Jahresrechnung nicht mehr als ein paar Tausend Franken ausgemacht, wäre jedoch ein Zeichen von Goodwill gewesen.
Dazu hätte uns die Lohnschere innerhalb des Hauses interessiert. Wer bekommt wie viel und aus welchem Grund? Wir erhielten nicht nur keine Antworten, es war uns nicht einmal möglich, die Fragen zu stellen. Dies hinterlässt bei uns einen schalen Geschmack. Offenbar ist soziales Engagement in der Kultur nur dann wichtig, wenn es nichts kostet oder bestehende Strukturen nicht infrage stellt.
Instagram: «Perfektion ist sogar schädlich!“
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaDiesen Monat führte SzeneSchweiz einen Social-Media-Workshop durch. Kursleiter Réda El Arbi fasst für die Mitglieder die wichtigsten Learnings zusammen.
Gerade in den Darstellenden Künsten bieten sich Social-Media-Plattformen als persönlicher Kanal an, sowohl, um sich zu präsentieren, wie auch, um eine Verbindung zur eigenen Community zu pflegen-
Aber warum genau sollen wir auf SoMe präsent sein?
Social Media gibt dir Sichtbarkeit. Indem wir sowohl für Publikum als auch für Casting-Agenturen, Regisseur*innen und Produzent*innen sichtbar sind, in immer neuen Facetten, bleiben wir frisch im Gedächtnis. Bei vielen Produktionen in Film und Theater, gerade in der Schweiz, haben die Verantwortlichen bereits ein Gesicht oder einen Typ im Kopf, schon bevor das Casting beginnt. Und man taucht da nur auf, wenn man sich um Sichtbarkeit bemüht. Die üblichen Showreels auf den Castingseiten sind zwar notwendig, zeigen aber oft nicht das ganze Spectrum der eigenen Arbeit und der eigenen Person.
Dazu kommt die Themenhoheit: Wenn man dich googelt, sind die Social Media-Profile, wenn sie gut gepflegt werden, meist unter den ersten Treffern. So hast du die Kontrolle darüber, wie man dich im Netz wahrnimmt.
Welche Plattformen soll ich nutzen?
In der Schweiz ist sicher Instagram die Hauptplattform. Im Gegensatz zu Tiktok funktioniert der Algorithmus stärker lokal, man sieht also die Accounts, die auch geografisch nahe liegen. Dazu kommt „Creator before Content“, was soviel bedeutet, dass Inhalte von einem Account, den du magst, mehr Gewicht haben als Themen oder Hashtags. Die werden zwar auch gewichtet, verdrängen aber nicht die Accounts, denen du folgst. Zudem werden mit Storys und Reels Formate möglich, die in den Darstellenden Künsten sehr gut genutzt werden können.
Facebook ist hier noch immer die Plattform mit den meisten Accounts. Inzwischen sind aber viele ungenutzt und verwaisen. Trotzdem macht es für einige Sinn, auch hier einen Auftritt zu pflegen. Gerade für kleinere Häuser oder Produktionen ist es hier möglich, Gruppen, Seiten und Events zu gestalten, die mit gezieltem Targeting beworben werden können. Diese Inhalte werden dann auch auf Insta verbreitet.
Ebenfalls sehr wichtig ist Linkedin, gerade für Schauspieler*innen, die auch Sprecher*innen- und Moderationsaufträge übernehmen. Auf Linkedin sind die Marketing-, Werbe und Corporate-Production-Leute unterwegs. Sichtbarkeit auf dieser Plattform kann effektiv Geld bringen. Die Moderation einer Aktionärsversammlung ist meist besser bezahlt als jeder Drehtag. Dazu muss man diese Plattform nicht aufwändig pflegen und kann sie gleichzeitig als leicht zugängliche CV nutzen.
Aber das interessiert doch niemanden, das ist doch nicht gut genug!
Das Wichtigste: Poste nur, was echt ist. Zwinge dich nicht zu Contenterstellung. Erstaunlicherweise haben viele Darstellende Künstler*innen gewisse Hemmungen, sich auf Social Media zu präsentieren. Oft, weil die Inhalte, vor allem Bild und Video, in ihren Augen nicht den professionellen Standards entsprechen.
Wichtig: Auf SoMe funktionieren unperfekte Einblicke weit besser als professionell produzierte. Schwächen machen liebenswert. Niemand will ein perfektes Leben sehen. Gerade in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum sind echte, authentische, fehlerbehaftete Auftritte weit stärker als sauber geleckte, von Agenturen produzierte. Also: Sei keine Diva, zeig dich mit Unzulänglichkeiten, Ecken und Kantern. So, wie deine Freund*innen dich kennen.
Aber ich will mich nicht dauernd in den Mittelpunkt stellen!
Es geht nicht darum, dich in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht darum, deine Leidenschaft zu zeigen. Nicht „Schaut mich an!“ sondern „Schaut durch meine Augen!“. Natürlich zeigt man sich auch, aber nicht, weil man Aufmerksamkeit will, sondern weil man sich für seine Arbeit, seine Interessen begeistert. Behind the Scenes-Videos, Erschöpfung nach den Proben oder dem Dreh, Dinge, die nicht beim ersten Mal gelingen – das sind Inhalte, die die Menschen berühren. Und zeigt nicht nur euren Berufsalltag. Social Media ist in erster Linie „Social“, nicht „Business“. Von unperfekten Menschen für unperfekte Menschen.
Was soll ich denn erzählen?
Grundsätzlich kann man für Reels in „Topic“ und „Story“ einteilen. Entweder, du hast ein Thema, über das du sprechen willst, etwas das dir am Herzen liegt, menschlich, gesellschaftlich, politisch oder beruflich. Dann sprichst du darüber direkt in die Kamera. Oder du hast etwas erlebt. Dann erzählst du diese Geschichte möglichst klar und mit Pointe.
Für Storys eignen sich kurze, spontane Aufnahmen aus dem Alltag. Zum Beispiel ein Feierabendbier mit Kolleg*innen, oder eine kurze Aufnahme von der Bühne ins Publikum. Auch hier: Wir präsentieren nicht uns, wir zeigen unsere Leidenschaft für das, was wir tun. Wir geben immer Credits an die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten.
Tools
So, das wären ein paar Tipps gewesen. Wer nun wirklich loslegen will, hat hier noch ein paar Tools, mit denen ich selbst gerne arbeite:
Also, in diesem Sinne: Verlasst eure Comfy Zone und geht raus ins Netz. Habt Spass!
3D-Aufnahmen aus dem 17. Jahrhundert
/in Aktuell, Film/TV, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEDie Faszination für die exakte Darstellung menschlicher (und tierischer) Bewegung in 3D existiert nicht erst seit die digitale Erfassung möglich ist. Corinne Soland taucht in die Geschichte der dreidimensionalen Bilderfassung.
Von Corinne Soland
Ach, was sind wir Menschen doch mit uns selbst beschäftigt! Wir können virtuell alles entwerfen, was möglich und denkbar wäre – aber wir bauen uns selbst nach. Zugegeben, wir sind schon interessante Wesen. Werden wir uns jemals ganz verstehen? Vielleicht. Vielleicht nicht. Mit der Konstruktion von 3D-Avataren nähern wir uns vielleicht von einer neuen Seite dem (Selbst-)Verständnis an.
Das alle begann schon vor sehr langer Zeit: 1624 zeichnete Giovanni Battista Bracelli seine «Bizzarie di Varie Figure». Aus heutiger Perspektive sieht es aus wie eine Aneinanderreihung von Figuren, die auch einer 3D-Datenbank entstammen könnten.
Mixamo ist so eine Datenbank. Wenn ihr auf www.mixamo.com geht, könnt ihr diverse Figuren ansehen und auch herunterladen als Datei. Was es in dieser Datenbank auch hat, sind Bewegungen. Auch diese können angeschaut werden – mit einem der ausgewählten 3D-Körper – und dann heruntergeladen werden. Wenn ihr euch auskennt in einem Programm, das animieren kann (z.B. Unity oder Unreal), könnt ihr diese Bewegungen als kleine Pakete in die Software importieren und damit eure selber kreierte Figur animieren.
Manchmal jedoch braucht es Animationen, die schwer zu bekommen sind oder die es noch nicht gibt. Heute schauen wir uns Beispiele an, die die menschliche Bewegungserfassung verlassen, doch die Parallelen werden bald offensichtlich.
Neue Bewegungen erfassen
Das Interesse an der Erfassung von Bewegung ist wohl so alt wie wir selbst sind, weshalb auch in der Malerei Tiere zum Beispiel mit laufenden Beinen gemalt wurden, nicht nur mit stehenden. Die Betrachtung veränderte sich mit der Veränderung der Technologien, mit denen diese Erfassung möglich war.
Im Sommer 1878 meldete Eadweard J. Muybridge ein Patent an. „Der Hauptzweck“, so erklärte der Fotograf und Erfinder in seiner Anmeldung, „besteht darin, fotografische Aufnahmen von Pferden zu machen, die sich schnell bewegen, um die Haltung, die Position und das Verhältnis ihrer Gliedmaßen in den verschiedenen Abschnitten ihres Schritts zu bestimmen.
“Woman Jumping, Running Straight High Jump: Plate 156 from Animal. Locomotion (1887)
Muybridges Interesse am „Schritt“ und „Gehen“ von Pferden geht auf das Jahr 1872 zurück, als der Eisenbahnmagnat Leland Stanford ihn bat, eine Debatte unter Pferdefreunden zu klären: Wenn ein Pferd trabte (oder galoppierte), verließen dann alle vier Hufe gleichzeitig den Boden? Wie Muybridge in einem Fotoprojekt, das sich von 1872 bis 1879 erstreckte, bewies, lautete die Antwort: Ja.
Mit einer Reihe von Kameras, die mit elektrischen Verschlüssen ausgestattet waren, löste Muybridge einen Streit, den das menschliche Auge nicht lösen konnte. Seine Pferdefotografien demonstrierten das künstlerische, wissenschaftliche und industrielle Potenzial des Mediums Fotografie. Nebst der Erfassung von Tieren beschäftigten ihn auch Bewegungsabläufe von Menschen. So entstanden diverse Fotoreihen mit Abfolgen von Bewegungen, unter anderem die oben gezeigte Serie einer Dame.
In heutiger Zeit …
Die Firma Animatrik führte die Erfassung von Bewegung 2018 auf ein ganz neues Level: Nach der Arbeit am Filmset von “Warcraft” waren sie so inspiriert von Pferden und deren Bewegungen, dass sie es sich zur Aufgabe machten, ein Pferd zu digital zu erfassen. Wenn Menschen lustig aussehen in MotionCapture-Anzügen, dann definitiv auch Pferde!
Sara Cameron, die Produzentin bei Animatrik, begründete das folgendermassen: „Aus dem Stillstand direkt in den Galopp zu gehen, wäre für einige der Pferde am Set weder geeignet noch gesund. Ich teilte die Bewegungen auf und gruppierte die Aufnahmen in Fähigkeiten für jedes Pferd. Von dort aus habe ich sie virtuell in eine Abfolge von Bewegungen gegliedert, die es dem (digitalen) Pferd ermöglichten, vom Schritt in den Trab überzugehen, ohne sich überzubeanspruchen.“
Sie nutzte also die Möglichkeit einer künstlich hergestellten Bewegung, um das Subjekt am Set – in diesem Falle das Pferd – nicht über seine Grenzen hinaus strapazieren zu müssen.
Digitale Stunt-Figuren bei emotionaler Belastung?
Denken wir diese Herangehensweise weiter, würde mein skeptischer Anteil wohl im Szenario enden, dass in zukünftigen Produktionen, die sehr gefährlich für Schauspielende sind, nur noch animierte Modelle eingesetzt werden. Was ja bei Action-Filmen durchaus schon heute passiert. Doch was genau heisst “gefährlich” für Schauspielende? Ist das vor allem Stunt-Arbeit oder könnte da auch an emotional sehr einnehmende Szenen gedacht werden?
Könnte ich in Zukunft verlangen, dass mein digitales Double die emotional anspruchsvollste Szene übernimmt für mich, weil ich mich nicht an einen solchen “dunklen” innerlichen Ort begeben möchte? Wäre das sogar ein Teil self-care für mich als Spieler*in? Oder liegt genau im Fühlen und Durch-sie-Hindurchgehen dieser Emotionen und Zustände der Reiz – einerseits für mich als spielende Person und/oder für die Zuschauenden?
«Der Erfolg ist als Ziel nicht interessant»
/in Aktuell, Film/TV, Interview, Porträt, Theater/von Seraina KoblerSeit 31 Jahren steht Kaspar Weiss auf Bühnen und vor Kameras. Im Interview spricht er über einen Spagat zwischen Film und Freiem Theater, der eigentlich nicht zu schaffen ist, und die Frage, wie lange sich das Warten auf die «richtig grosse Rolle» lohnt.
Von Seraina Kobler
Du bist in einem Haushalt mit acht Halbgeschwistern aufgewachsen. Dein Grossvater war der in den 1950er Jahren bekannte Grafiker und Autor der «Pitschi»-Kinderbücher Hans Fischer. Hat man dir die Kunst in die Wiege gelegt?
Natürlich war mein ganzes Umfeld sehr kreativ. Und schon in der Steinerschule habe ich zu meinem ältesten Bruder, dem Schauspieler und Theaterregisseur Samuel Weiss, aufgeschaut, der heute in Hamburg lebt. Mein Onkel, der Schauspieler Kaspar Fischer, war mit Franz Hohler, Emil und Dimitri befreundet und hat Masken gesammelt. Es wurde gebastelt, gemalt. Wir bauten eine Arche Noah im Garten. Und immer war da der Einfluss von Malen, Zeichnen und einem leichtfüssigen, spielerischen Umgang mit Kunst und Theater. Ja, ein bisschen wächst man da tatsächlich auch mit rein.
Und was kommt nach so einer Kindheit?
Sehr klassisch: Schauspielschule in Zürich, dann Filme, aber auch Theater. Ich habe immer gerne beides gemacht. Das waren damals die Neunziger Jahre, Fernsehen war noch das Massenmedium, keine Smartphones. Filme hatten einen ganz anderen Stellenwert. Ich drehte einige Male auf 35 Millimeter… «Tschäss» z. B. mit Pasquale Alearadi entstand in dieser Zeit, ein grosser Film. Mit grossem Budget. Wir wurden an Filmfestivals eingeladen, ein paar Mal haben wir vor dem Kino Alba auf der Trompete gespielt. Danach folgte eine kleine Rolle in einer Hollywood Produktion, ich spielte eine Nazi-Offizier in Lemmberg, und dachte: Jetzt geht es los!
Und ging’s los?
Nun ja, sagen wir so: Ich habe viele Nebenrollen gespielt. Daneben aber halt auch immer Theater, irgendwann kam dann die erste Hauptrolle am Schauspielhaus Zürich, aber ich wollte auch immer in der freien Szene bleiben.
Ist der Spagat zwischen solchen kommerziellen Filmproduktionen und der freien Theaterszene nicht enorm schwierig?
Damals sogar noch schwieriger. Entweder du warst in einem Ensemble ODER du hast gedreht. Beides ging kaum zusammen, auf ein Filmset zu gehen war verpönt, wenn du ernsthaft Theater machen wolltest. Das hatte auch mit den produktionellen Abläufen zu tun. Beide verlangen oberste Priorität.
Du wurdest oft gefragt, was du lieber machst: Bühne oder Film. Hast du mittlerweile eine zufriedenstellende Antwort gefunden?
Es sind einfach zwei komplett verschiedene Handwerke (lacht). Auch wenn der Ursprung derselbe ist. Spannend finde ich beides. Die Selbstausbeutung ist übrigens auch ähnlich. Der Film ist halt intimer, alles kommt näher. Die Kamera erfasst auch die kleinste mimische Veränderung, das musst du lernen. Und du hast dort natürlich ein viel grösseres Publikum, einen Tatort schauen Millionen jeden Sonntag.
Und im Theater ist die maximale Grösse, was der Saal hergibt…
Exakt. In einem experimentellen Tanztheaterstück in der roten Fabrik spielst du für ein paar Dutzend Leute, wenn es hoch kommt. Das ist eine Entscheidung. Dafür ist da diese andere Intimität, die du direkt und unmittelbar über den Raum teilst. Die Bewegungen werden grösser, die Stimme lauter, die Mimik stärker. Es ist einfach nicht zu vergleichen…
War es im Rückblick nachteilig, dass du dich nicht auf eines festgelegt hast?
Ich habe die Karriere nie aktiv und ehrgeizig forciert. Der Erfolg ist als Ziel nicht interessant. Nehmen wir etwa das Pflegen des Netzwerkes, das ist ein wahnsinnig wichtiger Teil des Berufes. Im Business läuft alles übers «gesehen werden», in eine freie Gruppe oder Theaterfamilie hineinzuwachsen, über einen Namen, das Renommee. Bis zu einem gewissen Punkt habe ich mich dem entzogen.
Inwiefern?
Ich habe etwa keine Social Media Profile ! Zuerst hat es sich einfach nicht ergeben, dann war ich im Verzug. Doch je länger ich darüber nachdenke, war das wohl doch eine sehr bewusste Entscheidung. Beziehungen habe ich immer persönlich gepflegt, zu meinen Stücken lade ich via Mail ein. Oder rufe an. Selbstmarketing ist nicht meine Stärke.
Wie kommst du dennoch zu deinen Engagements und Aufträgen?
Natürlich lese ich jeden Tag Zeitung, die Feuilletons, den Spiegel. Es ist ja nicht so, dass man ohne Social Media Profile nichts von der Welt mitbekommt. Im Gegenteil, ich informiere mich auch über das Schaffen anderer, indem ich oft ins Kino gehe. Nehme an E-Castings teil, habe dutzende und verschiedene Auftraggeber, für die ich in unregelmässigen Abständen zum Beispiel Sprecherjobs machen kann. Diese Tätigkeit hatte ich früh entdeckt. Ich liebe die Arbeit mit der Stimme vor dem Mikrophon.
Und auch Werbung…
Ja, Werbung mache ich auch gern. Tatsächlich machte mich ein Werbespot für Sport-XX vor einigen Jahren auf einen Schlag viel bekannter. Das war auch eine Erfahrung, die so nicht geplant war. Die Reichweite des Spots und die Verbreitungskanäle waren mir bei der Vertragsunterschrift nicht wirklich klar.
Würdest du das so nochmals machen?
Was soll ich sagen…ich denke ja. Werbung zu machen schadet einem Schauspieler heute nicht mehr. Mir war es immer wichtig, mir die Zeit für unabhängige, sehr freie Produktionen zu nehmen, auf Festival-Touren gehen zu können. Auch für Projekte, die nicht dem gängigen Förder-Trend entsprechen. Raum für Experimente zulassen. Apropos Film: In der Schweiz ist der Markt zu klein, um nur vom Film leben zu können. Daher hat mir die kommerzielle Arbeit die Tür zur Kunst geöffnet, auch wenn das zuerst paradox erscheint.
Ist es überhaupt möglich, nur von der Schauspielerei zu leben in der Schweiz?
Tatsächlich werde ich immer wieder gefragt, gerade nach Theaterauftritten, «was ich den tagsüber so mache». Die Anerkennung für den Beruf lässt doch immer wieder zu wünschen übrig. Es ist aber auch so, dass es schwierig ist, davon zu leben. Und ich meine ein einfaches Leben: Keine Kinder, eine Person, günstige Miete. Und dann gibt es ein grosses Gefälle innerhalb der Branche: Die einen werden überbezahlt, die anderen unterbezahlt.
Ist das nicht auch zermürbend? Der ewige Wettbewerb?
Doch.
Warum bist du trotzdem noch dabei?
Manchmal frage ich mich auch, wie man all die Tiefschläge aushält. Weil die Identität so stark mit dem Beruf verbunden ist? Auch, sicher. Aber viel entscheidender ist, dass immer wieder etwas Neues kommt. Eine neue Idee! Ein neues Engagement! Jedesmal geht eine andere Reise los. Und mit ihr kommt die Begeisterung, wenn du dich auf ein künstlerisches wie soziales Abenteuer gleichermassen einlässt. Und mit ungewissem Ausgang! Auch nach dreissig Jahren noch.
Und zwischen den Produktionen? Wenn gerade keine neue Heldenreise winkt?
Wahrscheinlich konnte ich mir alles in allem doch ein sonniges Wesen bewahren. Auch in einer hochkompetitiven Branche. Neid bringt dich nicht weiter. Als ich dreissig wurde, dachte ich: «Jetzt mache ich Karriere.» Doch es ist ein schmaler Grat zwischen Supererfolg und Verbissenheit, das wurde mir rasch klar. Ich wollte mir meine Freiheit behalten, das habe ich getan. Mit allen Konsequenzen.
Das ist spannend, mit welchen Konsequenzen?
Nun, der Erfolg hätte grösser sein können. Aber auch das Glück spielt eine Rolle. Vieles funktioniert getreu dem Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Hast du eine Hauptrolle, dann ist die nächste oft nicht weit. Und wenn du eine Nebenrolle hast, dann kommt halt die nächste Nebenrolle.
Was die vielen Nebenrollen in grossen Schweizer Filmproduktionen der letzten Jahre bestätigen, in denen du mitgespielt hast: Frieden, Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse, Papa Moll, Der Teufel von Mailand, um nur einige zu nennen.
Aber zurück zu den Freiheiten, wie pflegst du diese?
Als erstes ziehe ich mich immer wieder zurück, in die Berge, in die Natur. Bin für ein paar Tage, manchmal auch Wochen, nur schwer erreichbar. Ich meditiere, wandere, manchmal auch Eisbaden. Dann merke ich, wie der Atem zurückkommt. Ich habe gelernt, sehr bewusst mit dem Atem zu arbeiten. Es ist absolut faszinierend, wie oft wir pro Tag atmen und wie wenig wir uns in der Regel damit beschäftigen. Dabei ist er es, der uns lebendig hält!
Ein Allheilmittel?
Für mich, ja. Seit ich damit begonnen habe, fühle ich mich rundum resilienter und gesünder. Man behält sprichwörtlich «den längeren Atem». Ein anderer Punkt, das sind die sozialen Beziehungen. Seit jeher habe ich meinen Freundeskreis erhalten. Und nehme mir auch wirklich Zeit dafür: Gespräche, zusammen Tanzen gehen, Kochen. Jetzt haben auch viele wieder mehr Zeit, weil ihre Kinder grösser sind.
Der Harvard Professor Raymond Cattell unterscheidet zwischen zwei Arten von Intelligenz: Die Fluide und die Kristalline. Ersteres bezieht sich auf die Fähigkeit, Probleme zu lösen, zweiteres umfasst das Wissen und die Fähigkeiten, die man im Laufe eines Lebens erlernt hat. Zufrieden alt wurden nur jene, die nach der Lebensmitte eine Mentorenrolle gefunden haben. Wie ist das bei dir?
Tatsächlich arbeite ich seit einem Jahr für die Stadt Zürich mit Schüler:innen an Theaterprojekten. Das ist extrem bereichernd, aber auch herausfordernd. Ich versuche, junge Menschen dafür zu begeistern, was Theater sein könnte. Arbeite mit ihnen an Projekten zusammen mit einer Theaterpädagogin. In einer anderen Altersgruppe sind die Anwärter:innen für die Schauspielschulen, die ich in Coachings für die Aufnahmeprüfung fit mache…
Und damit auch für die Zukunft des Berufes sorgst. Wie sieht deine eigene aus?
Die Frage ist schon, ob du als Schauspieler überhaupt in Rente gehen kannst – oder willst. Letzteres ist fast der stärkere Treiber. Das Alterswerk ist doch etwas vom grossartigsten überhaupt. Denken wir an die Karriere von Stephanie Glaser mit den «Herbstzeitlosen» oder Christoph Waltz. Ja, wer weiss. Vielleicht fängt es ja auch gerade erst an…
Wen würdest du am liebsten spielen?
Albert Einstein. Oder Mozart.
Und zum Schluss: Was sind eine Wünsche für die Branche? Ganz praktisch?
Richtlöhne vom SSFV sollten endlich gesichert sein, noch mehr Diversität bei der Auswahl von Schauspielenden, aber auch in den Drehbüchern. Gute, spannende Altersrollen. Eine offene Bandbreite bei den Casting-Prozessen, frische und andere Stimmen bei den Auswahlverfahren für Sprecherjobs. Mehr Wagemut in der Besetzung von Rollen.
Bern vergibt Gelder für Bühnen-Projekte
/in Aktuell, Tanz, Theater/von Redaktion ENSEMBLEDie kantonale Kulturförderung schreibt die Off-Stage-Stipendien für professionelle Theater- und Tanzschaffende aus dem Kanton Bern aus. Die Stipendien ermöglichen individuell gestaltbare Freiräume ohne Produktionsdruck und unabhängig von einem konkreten Bühnenprojekt.
Ausgewählte Kulturschaffende erhalten die Gelegenheit
Wer wird gefördert?
Professionelle Theater- und Tanzschaffende sowie Kollektive aus dem Kanton Bern aus allen künstlerischen, pädagogischen, technischen und organisatorischen Theater- und Tanzberufen.
Wie wird gefördert?
Was wird vorausgesetzt?
Kollektive
Reale Begegnungen schlagen virtuelle Castings
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLECorinne Soland geniesst den persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen in einer zunehmend digitalen Welt. Durch Beziehungen entstehen Projekte, durch Festivals entstehen Beziehungen – Mensch zu Mensch.
Diesen Monat hatte ich die grosse Freude, für das Ensemble Magazin ein Gespräch mit Cheryl Burniston führen zu können. Die Schauspielerin aus England ist zusätzlich ausgebildet in Kampfchoreografie für Film und Fernsehen sowie Stuntarbeit. Sie spielte bereits in grossen Games wie „Final Fantasy XVI“ und „The Dark Pictures Anthology: Little Hope“.
Nicht nur war das Gespräch per Videocall wahnsinnig bereichernd, wir haben uns dann auch persönlich kennengelernt an der ZFICTION Tagung zum Thema «Future Bodies. Screen Acting in the Digital Age». Das ist schon beeindruckend: Auch wenn vieles heute über E-Castings läuft und für Games sogar über LinkedIn und/oder X (ehemals Twitter) nach der passenden Besetzung gesucht wird – es geht doch fast nichts über eine persönliche Begegnung. Egal wie toll wir unseren Instagram Feed kuratieren, wenn es in einem Gespräch klickt, dann klickt es. Und dann hat mensch Lust, miteinander zu arbeiten.
Wenn ich zum Schauspiel der Zukunft schreibe, so ist immer auch zu berücksichtigen, dass, trotz all der Digitalität, sehr vieles von dem, was einem Jobs verschafft oder Sichtbarkeit garantiert, offline passiert. An Ausstellungen, welche Digitale Kunst ins Zentrum stellen, die aber mit dem Körper „in person“ besucht werden müssen, damit die von den Aussteller*innen gewünschte Immersion funktioniert.
Im Kino, im Theater, beim Kaffee, durch Empfehlung einer*s Bekannten, in Filmjobs- und Theaterjobs-Chatgruppen, auf Foren und Servern wie Discord. Vielleicht weniger an Premieren, wie allgemein angenommen. Vor ein paar Wochen habe ich mit zwei Spielpartner*innen überlegt, wie wir Premierenfeiern in etwas verwandeln können, was nicht nur denjenigen, die Geld haben oder gegeben haben, zugutekommt, sondern vor allem dem Ensemble und dem künstlerischen Team. Vielleicht eine interne Feier zuerst? Auch dieses Gespräch entstammt dem Wunsch, sich noch länger etwas nah zu sein nach der Übergabe des „Babys“, nach der künstlerischen Geburt, als Elternteile noch etwas gemeinsam wehmütig zu sein über diesen Transformationsprozess.
Natürlich brauchen nicht alle das gleiche, für einige Darstellende ist es eine grosse Erleichterung, nicht mehr immer nach Züri fahren zu müssen für ein kurzes Casting, sondern erstmal eine Videodatei einsenden zu können. Dennoch: haben wir die sehr seltene Gelegenheit, persönlich in den Raum eingeladen zu werden, in dem Regie und Casting sitzen, dann ist das nicht nur eine tolle Gelegenheit, eine Rolle zeigen zu dürfen, es schenkt uns auch Erinnerungen, an die wir physisch zurück”denken“ können. Unsere Zellen werden sich erinnern, weil wir in Beziehung standen zu anderen Zellen im Raum, Menschen, die gefühlt, gedacht und mit uns interagiert haben. Die sich – wie wir uns auch – eingegeben haben, eingelassen auf ihr Gegenüber. Zugehört. Nachgedacht. Spontan rausgelacht. Oder noch kurz umarmt oder zugewinkt am Schluss.
Sich persönlich zu treffen, hat einen wichtigen Stellenwert. Was aber, wenn die Rollen, die ich möchte, nicht in Züri zu bekommen sind? Wenn sie im benachbarten Ausland sind – oder im zeitlich und reisetechnisch sehr weit entfernten Ausland? Wie kann ich diese Kontakte pflegen, ausser in ihre privaten DMs in den Sozialen Medien zu „sliden“ (sie dort persönlich anzuschreiben :)) oder mich zurückzuhalten, nochmals das Kontaktformular ihrer Website abzuschicken, nachdem sie auf die ersten zwei Versuche nicht reagiert haben?
Natürlich kommen da Festivals ins Spiel! An Festivals ist es wohl am offensichtlichsten: Da zu sein heisst, sichtbar zu sein. Vielleicht wäre es gut, in Zukunft Förderung anzubieten für Spielende, auf Festivals gehen zu können. Das Schweizer Theatertreffen macht das mit dem Forum junger Theaterschaffender. Das ist ein Stipendienprogramm, welches es jungen Theaterschaffenden bis 35 ermöglicht, an das Theatertreffen zu gehen – und kein Geld dafür ausgeben zu müssen. 15 Menschen dürfen Vorstellungen und Workshops besuchen sowie kostenfrei am jeweiligen Ort leben und essen. Diese Möglichkeit richtet sich laut der Ausschreibung „ausdrücklich“ an „Studierende von Kunsthochschulen und kunstwissenschaftlichen Fächern“. Das ist wahnsinnig toll – gleichzeitig wünsche ich mir, dass es auch Theatermenschen und Spielenden, welche nicht den klassischen Weg über eine Hochschulausbildung gehen, leichter gemacht wird, Kontakte in die Szene knüpfen zu können.
Mit wem wir in Berührung kommen, ist entscheidend für unsere Professionalisierung. Wer mit wem spielt und wer wem welche Möglichkeit eröffnet, sichtbar zu werden, ist wichtig. Wer gibt mir immer die gleiche Rolle und wer lässt mich auch mal über meinen „Typecast“ hinausspielen? Wer wen unterstützt in Foren, Chatgruppen, wer wem welche Ausschreibung weiterleitet – es geht immer darum, wer mit wem in Beziehung ist.
Zwischenmenschliche Beziehungen sind laut Alfred Adler das, was uns als Menschen prägt. Vor allem anderen. „Adler betrachtet den Menschen nicht nur als Reflex auf die Einflüsse der Aussenwelt, sondern als eine schöpferische Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt.“ Sehr spannend finde ich in diesem Zusammenhang folgendes: „Adler weist besonders darauf hin, dass der nicht verbundene Mensch seine Geltung in der Macht oder Unterwerfung suchen kann, die Menschen in Oben und Unten einteilt und bei entsprechenden Möglichkeiten Macht ausübt.“
Salopp gesagt, kann Verbundensein mit einer Gemeinschaft also dabei helfen, dieselbe Gemeinschaft um nicht noch mehr Egozentrismus und Machtgehabe zu bereichern. Vielleicht ist es wichtig, sich die Menschen hinter den Machtstrukturen zu denken. Wahrscheinlich hilft es, die menschliche Beziehung in den Vordergrund zu rücken, das Verhältnis. Egal, welche Beziehung: wir möchten immer etwas. Und sei es nur, gesehen oder gehört zu werden. Manchmal ist es auch, gehalten zu werden.
Ich glaube, die Zukunft des Schauspiels liegt in unseren Beziehungen. Wie wir füreinander einstehen, wenn die Gagen wieder sinken (omg, ich hoffe nicht noch mehr). Wen wir mit ins Boot ziehen für ein Projekt, weil wir mit diesen Menschen Lebenszeit verbringen möchten. Wen wir anderen empfehlen, unabhängig davon, ob uns das gerade nützt oder nicht. Wen wir informieren über etwas, was wir herausgefunden haben, Tipps und Tricks.
Wenn wir füreinander da sind, fängt das vieles auf, was die Strukturen ruinieren. Und dann sind wir etwas weniger müde, gegen diese Strukturen anzugehen oder selber neue zu bauen. In der Hoffnung, dass ich das jetzt nicht verkitscht habe, weil es echt auch manchmal undankbare Arbeit ist, freue ich mich, euch in Chats zu begegnen oder eure Arbeiten zu sehen und danach im persönlichen Gespräch darüber zu sprechen – oder über Alfred Adlers Individualpsychologie, haha. In dem Sinne schliesse ich jetzt mal mit einem Buchtipp: The Courage to be Disliked von Ichiro Kishimi und Fumitake Koga.
«Aktivismus entsteht an Festivals»
/in Aktuell, m2act/von Redaktion ENSEMBLELucrezia Perrig, Sidonie Atgé-Delbays und Noemi Grütter engagieren sich für Gleichstellung in der Kultur. Bereits 2020 verfassten sie gemeinsam das Rosa Heft. Dieses Handbuch bündelt die Erkenntnisse ihrer Forschungsarbeit, die 2018 im Rahmen des Genfer Festivals Les Créatives begonnen hat.
Lucrezia Perrig und Noemi Grütter interviewt von Ana Isabel Mazon/coop mit Migros-Kulturprozent m2act
Sie sammeln Erfahrungsberichte, rechtliche Ressourcen und Werkzeuge, die von und für Westschweizer Künstler*innen und Institutionen zu den Themen genderspezifische Lohnungleichheit und schwierige Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben entwickelt wurden, um die Genderungleichheit auf praktische und alltägliche Weise anzugehen.
Wie ist die Idee für das Rosa Heft entstanden und wie hat sich die Initiative seither entwickelt?
Unsere Initiative wurde nach einer Podiumsdiskussion gestartet, die 2018 vom Festival Les Créatives in Genf mit dem Titel «Wo sind die Frauen?» organisiert wurde. Es ging darum, sich ernsthaft mit der Frage der Genderungleichheit in den verschiedenen künstlerischen Bereichen auseinanderzusetzen und eine übergreifende Diskussion zu führen.
Dieses Treffen erwies sich als unverzichtbarer Diskussionsraum für viele im Kulturbereich tätige Frauen.
2019 beauftragte das Festival eine von uns mit der Organisation einer weiteren Podiumsdiskussion. Diese fand nur wenige Monate nach dem historischen schweizweiten feministischen Streik im Juni desselben Jahres statt und löste ein noch grösseres Echo aus.
Rund um diese zweite Podiumsdiskussion wurden Workshops zu vier zentralen Themen organisiert: sexuelle Belästigung, Gleichheit und Vielfalt in der Programmgestaltung und in den Teams, Lohngleichheit sowie Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben. In jedem dieser Workshops beantworteten Jurist*innen Fragen aus konkreten Fällen und schlugen rechtliche Handlungsoptionen vor.
Das Rosa Heft ist aus dem Wunsch heraus entstanden, das in diesen Workshops Besprochene in einem Leitfaden festzuhalten. Anschliessend haben wir einen Fragebogen an alle Westschweizer Kulturinstitutionen geschickt, mit dem wir herausfinden wollten, wie und in welchem Ausmass sie versuchen, die verschiedenen Ungleichheiten auszugleichen. Seither werden wir regelmässig eingeladen, das Rosa Heft und die Initiative sowohl im akademischen Umfeld als auch auf Kunstfestivals zu präsentieren.
Welche Auswirkungen auf den Kultursektor hatten das kollektive Befragen und das Sammeln von Erfahrungen, Forderungen und Vorschlägen aus der Praxis?
Bereits seit der ersten Podiumsdiskussion 2018 verlangt die Stadt Genf von Projekten, die gefördert werden wollen, dass sie Gleichstellung anstreben. Es ist zwar nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber immerhin.
Infolge des ersten Workshops zum Thema Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben im Jahr 2019 hat der Direktor des zeitgenössischen Musikensembles Contrechamps in Genf einen Betrag von 10 000 Franken aus dem Jahresbudget des Vereins freigegeben, um Massnahmen zu finanzieren, die den Angestellten helfen, ihr Familienleben mit ihrem Beruf zu vereinbaren. Er hat uns anvertraut, dass allerdings nur ein kleiner Teil der bereitgestellten Summe ausgegeben wurde.
Wir sind überzeugt, dass nicht nur die Entscheidungsträger*innen, sondern auch die Angestellten sensibilisiert werden müssen, damit sie sich berechtigt fühlen und in der Lage sind, die ihnen zur Verfügung stehenden Massnahmen und Ressourcen in Anspruch zu nehmen, ohne das Gefühl zu haben, dass das schlecht ankommt.
Wie würdet ihr heute eure Rolle bei solchen punktuellen Veranstaltungen, ob Festivals oder Netzwerktreffen, definieren?
Wir positionieren uns bei solchen Veranstaltungen als Referentinnen. Wir haben die in diesem Heft festgehaltenen Stimmen gesammelt und wenden uns an Fachleute des Kulturbereichs, die vor neuen Formen der Diskriminierung stehen, mit denen wir früher nicht unbedingt konfrontiert waren und die wir uns vielleicht nicht einmal hätten vorstellen können.
Wir beginnen unsere Workshops meistens mit Zahlen zur genderspezifischen Ungleichheit im Kultursektor, um das berechtigte Gefühl der Ungerechtigkeit bei den Teilnehmenden zu wecken und ihnen das Ausmass dieser Ungerechtigkeit bewusst zu machen.
Danach machen wir eine qualitativere Bestandsaufnahme, bei der die Teilnehmenden gefragt werden, welche Massnahmen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ergreifen, um gegen diese Ungleichheiten anzugehen. Wir gehen davon aus, dass alle auf ihre eigene Weise handeln, und versuchen, gemeinsam eine Plattform zu schaffen, die diese Massnahmen zusammenführt.
Immer mehr Institutionen verabschieden Chartas mit bewährten Praktiken, was eine gute Sache zu sein scheint. Wie kann sichergestellt werden, dass sie es allen Berufstätigen ermöglichen, sich diese Instrumente anzueignen und sie in ihren Arbeitsalltag zu integrieren?
Wir ermutigen natürlich alle Institutionen, ihre eigenen Chartas zu verfassen: eine Charta für Inklusivität, Vielfalt, Antirassismus, Feminismus, Nachhaltigkeit etc. Wir ermutigen sie aber auch, diese schriftlichen, teils starren Dokumente, nicht zu glorifizieren, sondern sie lebendig zu machen und sie an ihre Realitäten und das sich wandelnde Umfeld anzupassen. Diese Chartas bleiben oft wirkungslos, sobald die Personen, die sie in ihren Institutionen eingeführt haben, ihre Stelle wechseln oder die Struktur verlassen. Wie die meisten Kapitel des Rosa Heftes müssten fast auch die Chartas jedes Jahr neu geschrieben werden, damit sie aktuell bleiben und die Komplexität aller Situationen bestmöglich widerspiegeln.
Die Workshops und Treffen müssen weiterhin an mehreren Fronten agieren, indem sie alle Teilnehmenden dazu ermutigen, mehr Vertrauen in die kollektive Kreativität und Intelligenz zu setzen, und indem sie ihnen den nötigen Impuls geben, sowohl ihre Forderungen als auch ihre innovativen Lösungen in alle Schichten des institutionellen, kulturellen und politischen Ökosystems zu tragen.
Geld oder Zeit? Oder gar nichts?
/in Aktuell, Kolumne, Meinung/von RedaUnsere Kolumnistin erzählt, warum „freie Zeit“ eben nicht „frei“ ist, warum Geld und Angst immer Hand in Hand gehen, und wieso man untereinander über Gagen und Arbeitsbedingungen sprechen sollte.
Von Stefanie Gygax
„Ich könnte das nicht“ – diese Worte höre ich immer wieder, wenn ich Freunden und Verwandten von den Unsicherheiten in meinem Beruf erzähle. Die ewige Ungewissheit, wie das Geld nächsten Monat reinkommt, ist für viele Menschen ein Horror-Szenario. In einem Monat mehr als genug zu verdienen und im nächsten unter das Existenzminimum zu rutschen, ist für Viele unvorstellbar, für mich aber ganz normal. Für die Meisten meiner Bekannten steht fest, sie würden lieber einen langweiligen, unbefriedigenden Job machen, als in der ständigen Existenzangst leben zu müssen.
Für mich war es schon immer wichtig, meinem Umfeld einen Einblick in den Künstleralltag zu geben, mit allen Schwierigkeiten, die er mit sich bringt. Während ich als junge Darstellerin die übliche Frage X-Mal hören musste: „Was machsch du eigentlich de ganz Tag?“ oder „Scho schön, wemmer de ganz Namitag frei het“, höre ich diese Floskeln seit einigen Jahren nicht mehr. Mittlerweile sind viele in meinem Umfeld diesbezüglich verstummt, weil sie mitbekommen, dass ich eigentlich nie wirklich frei habe.
Bei jedem „Feierabend“ überlege ich mir genau, ob ich noch auf ein Glas mit den Kollegen ausgehe. Muss ich morgen wieder singen? Wie fühlt sich mein Hals an? Sollte ich jetzt schweigen oder den Körper ausruhen, damit ich das morgen schaffe? Ich sollte mich ausruhen, damit der Körper für die Vorstellung am Abend genügend Energiereserven zur Verfügung hat. Trotzdem fällt es mir schwer, wenn ich doch noch Bewerbungen schreiben, Wäsche waschen oder einkaufen sollte.
Jeder freie Tag beinhaltet die Möglichkeit zu unterrichten, um weniger an die bevorstehenden Ausgaben und Rechnungen denken zu müssen. Habe ich einen freien Nachmittag, ist das die Gelegenheit, sich um den nächsten Job zu kümmern oder in den Übungsraum zu gehen, um die Stimme zu trainieren.
Wenn wir frei haben, ist unser Kopf ist bereits auf die Vorstellung ausgerichtet oder die nächste Probe, die wir bewältigen dürfen. Wir müssen eine Masse an Text und Noten liefern, meistens auswendig und jeder Fehler nervt die Kollegen, weil es den Fluss der Arbeit stört. Wir haben auch nicht frei, weil wir permanent rechnen, ob wir nächsten Monat genug Geld verdienen, um unsere Fixkosten zu bezahlen und einen Plan schmieden, wie wir das nächste Arbeitsloch füllen können. Die Monate, in denen genug Geld reinkommt, gehen meistens schnell vorbei und die Reserven reichen oft nicht für einen Urlaub, sondern gerade mal für den nächsten Gesangsunterricht, den man ja auch noch weiterführen sollte, wenn man sich weiterentwickeln möchte.
Wie wäre es also mal mit der Frage:
„Wie schaffst du es, auf der Bühne zu stehen, wenn du krank bist?
„Muss man Stimme und Körper eigentlich trainieren oder weiterbilden, so wie die Sportler, um im Rennen zu bleiben?“
„Wie machst du das, während den Arbeitslöchern nicht zu verzweifeln?“
Ich möchte mich nicht beklagen, der Lebensstandard in der Schweiz ist hoch und wir haben eine Sicherheit vom RAV, dass wir einen Teil unseres Angestellten- Einkommens versichert haben. Dennoch bin ich jeden Monat am Rechnen und Einteilen. Ist das der Preis für die Selbständigkeit? Offensichtlich geht es Angestellten an den Stadttheatern doch genauso. Warum verdienen Opernsänger *innen mehr als Ballett-Tänzer*innen? Warum verdient ein Dirigent mehr als der Solist auf der Bühne? Wer hat jetzt mehr Verantwortung? Die Regeln sind verwirrend und niemand macht sich die Mühe, das mal zu erklären. Kann mir also jemand erklären, warum die Ballett-Tänzer die niedrigsten Gagen haben? Da kommt noch der Verschleiss und das Karriereende mit Mitte Dreissig..
Wie kann ich im Ensemble nur 20.- weniger verdienen, als eine Hauptrolle? Wieso verdient der Kollege, mit einer viel kleineren Rolle gleichviel, obwohl ich eine viel grössere Verantwortung habe? Die Aufteilung ist unverständlich, oft unlogisch, deshalb steht wohl in jedem Vertrag, man solle Stillschweigen bewahren, was die Meisten zum Glück nicht mehr machen.
Die veraltete Aufteilung darf in der modernen Gesellschaft bitte mal überdacht werden. Es kann doch nicht sein, dass überall die Teuerung ausgeglichen wird, ich im Theater aber immer noch gleich viel verdiene wie vor 20 Jahren.
Ich danke allen da draussen, die sich für faire Löhne im Theater die Zähne ausbeissen. Auch hier könnte man doch mal damit beginnen, auf Augenhöhe MITeinander zu verhandeln, anstatt den Künstlern immer das Gefühl zu geben: „Dir geht’s wohl nur ums Geld? Ich dachte, du machst das aus Freude.“
Neue Gagenrichtlinien für Schauspieler*innen
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEDer SSFV publiziert gemeinsam mit Partnerorganisationen die neuen Gagenrichtlinien, um prekärer Arbeit im Bereich der Schauspielerei entgegenzutreten. SzeneSchweiz ist mit dabei.
Italienisch/Französisch weiter unten
Zu niedrige Gagen, ausgeprägter Gender Pay Gap und neue Herausforderungen durch KI
Die Corona-Pandemie und mehrere Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, wie schlecht die Einkommenssituation und damit die soziale Absicherung von Freischaffenden in der Kulturbranche sind. Unsere eigene Studie (SSFV 2021) hat nachgewiesen, dass dies insbesondere für das Filmschauspiel gilt.
Professionelle Schauspieler:innen erhielten im Zeitraum von 2010 – 2019 im Durchschnitt sehr niedrige Filmschauspielgagen und erlebten trotz zunehmender Berufserfahrung nur eine geringe Lohnentwicklung. Schauspieler:innen mit weniger als 10 Jahren Erfahrung erhielten trotz abgeschlossener Ausbildung vielfach Kleinstgagen. Frauen waren zudem von einer geschlechtsspezifischen Lohndiskriminierung (Gender Pay Gap) von durchschnittlich 23% betroffen.
Neue gemeinsame Gagenempfehlungen der Schauspielverbände für das Filmschauspiel
Weil Verhandlungen über die Einführung eines verbindlichen mehrstufigen Richtgagensystems mit den Filmproduzentenverbänden 2023 gescheitert sind, geben wir zusammen mit den Schauspielverbänden Syndicat Suisse Romand du Spectacle (SSRS), SzeneSchweiz – Berufsverband Darstellende Künste und t. Theaterschaffen Schweiz neue Richtlinien für Gagen von professionellen Schauspieler:innen in audiovisuellen Produktionen (ohne Werbung)[1] heraus. Sie umfassen drei Tarife, damit die Berufsausbildung und die zunehmende Berufserfahrung anerkannt und der Gender Pay Gap verringert wird:
Einstiegsgage nach abgeschlossener Schauspielausbildung oder bei Erfüllung von definierten Alternativkriterien
Für erfahrene Schauspieler:innen mit 10 – 15 Jahren Berufserfahrung
Für sehr erfahrene Schauspieler:innen mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung
Die Gage vergütet weit mehr als nur den Drehtag
Der national wie international verwendete Begriff der Tagesgage im Filmschauspiel ist irreführend. Mit der Gage wird mehr als nur der eigentliche Drehtag bezahlt: Dazu gehören sämtliche Vorarbeiten wie Textstudium, Rollenentwicklung, Masken- und Kleiderproben sowie Spielproben, ausserdem auch einen Tag Nachsynchronisation und allfällige Festival- oder Medienauftritte. Zudem beinhaltet die Gage die weitgehende Abtretung an Leistungsschutzrechten und Persönlichkeitsrechten. Die Gage muss also den gesamten Aufwand und die Rechteabtretung angemessen vergüten.
Die neuen Richtlinien listen übersichtlich auf, was mit einer Gage abgegolten ist und was nicht. So können sich Arbeitnehmende und Arbeitgebende, aber auch Vergabestellen von öffentlichen Fördermitteln bei der Vertragsgestaltung bzw. -prüfung leicht orientieren.
Neue vertragliche Regelungen wegen KI nötig
Die neuen Richtlinien verweisen zudem auf die neuen, vertraglich zu regelnden Herausforderungen, die sich durch die Verwendung von generativer künstlicher Intelligenz (KI) für Schauspieler:innen ergeben.
[1] Die vier Schauspielverbände haben eigene Richtlinien für Gagen und Buyouts für die Werbung veröffentlicht.
Nuove linee guida per le retribuzioni di attori/attrici professionisti/e nelle produzioni audiovisive (senza pubblicità)
Retribuzioni troppo basse, notevole gender pay gap e nuove sfide per via dell’IA
Negli ultimi anni la pandemia di coronavirus e diversi studi hanno evidenziato quanto sia precaria la situazione reddituale e pertanto la sicurezza sociale dei lavoratori freelance nel settore culturale. Il nostro studio (SSFV 2021) ha dimostrato che questo vale in modo particolare per la recitazione cinematografica.
Nel periodo dal 2010 al 2019 gli attori e le attrici professionisti/e hanno lavorato in media per tariffe molto basse e, a dispetto della crescita dell’esperienza professionale, hanno assistito ad uno sviluppo salariale contenuto. Attori ed attrici con meno di 10 anni di esperienza hanno spesso ricevuto retribuzioni minime nonostante una formazione completa. Le donne sono state inoltre oggetto di una discriminazione salariale di genere (gender pay gap) in una percentuale media del 23%.
Nuove raccomandazioni comuni delle associazioni di attori/attrici per la retribuzione della recitazione nelle produzioni audiovisive
Dato che nel 2023 sono falliti i negoziati con le associazioni dei produttori cinematografici per l’introduzione di un sistema retributivo di riferimento multilivello e vincolante, pubblichiamo insieme alle associazioni di attori/attrici Syndicat Suisse Romand du Spectacle (SSRS), ScenaSvizzera – associazione dei professionisti delle arti sceniche e t. Professioni dello Spettacolo Svizzera le nuove Linee guida per le retribuzioni di attori/attrici professionisti/e nelle produzioni audiovisive (senza pubblicità) [1]. Esse prevedono tre tariffe allo scopo di attribuire un riconoscimento alla formazione professionale ed all’esperienza lavorativa maturata e di ridurre il gender pay gap:
Retribuzione iniziale dopo il conseguimento di un percorso di formazione in recitazione oppure in base ai criteri alternativi definiti in seguito
Per attori/attrici professionisti con esperienza lavorativa di 10-15 anni
Per attori/attrici professionisti con oltre 15 anni di esperienza lavorativa
La retribuzione copre molto più della sola giornata delle riprese
Il termine ‛ingaggio giornaliero’ utilizzato a livello nazionale ed internazionale per la recitazione cinematografica è fuorviante. Un ingaggio comprende molto più della sola giornata delle riprese: occorre tenere in considerazione tutta la preparazione come lo studio del testo, lo sviluppo del ruolo, le prove trucco e costumi, così come le prove di recitazione, oltre ad una giornata per la post-sincronizzazione ed eventuali apparizioni nei festival o nei media. La retribuzione include inoltre la cessione dei diritti di protezione affini e dei diritti di personalità e deve pertanto compensare adeguatamente tutto l’impegno e la cessione dei suddetti diritti.
Le nuove linee guida elencano chiaramente cosa viene retribuito e cosa no. In questo modo i lavoratori ed i datori di lavoro, ma anche gli organismi di finanziamento pubblici e privati, possono facilmente orientarsi nella stesura e nella revisione di un contratto.
Necessità di nuove norme contrattuali per via dell‘IA
Le nuove linee guida fanno inoltre riferimento a nuove sfide contrattuali non ancora disciplinate, che attori/attrici dovranno affrontare per via dell’uso dell’intelligenza artificiale generativa.
[1] Le quattro associazioni hanno pubblicato le proprie Linee guida per i compensi ed i buyout nella pubblicità.
Nouvelles lignes directrices pour les cachets des comédien·nes professionnelles dans la production audiovisuelle (hors publicité)
Des cachets trop bas, un écart salarial flagrant entre les genres et les nouveaux défis de l’IA
Au cours des dernières années, la pandémie Corona ainsi que plusieurs enquêtes ont mis en évidence la précarité de la situation des revenus, et donc aussi de la protection sociale, des intermittent·es de la branche culturelle. Notre propre enquête (SSFV 2021) a confirmé que les comédiens et comédiennes étaient tout particulièrement concerné·es.
Entre 2010 et 2019, les comédien·nes professionnelles ont touché des cachets en moyenne très bas dans le cinéma et leurs cachets n’ont que très peu évolué malgré l’accroissement de leur expérience professionnelle. Et, malgré une formation achevée, des comédien·nes avec moins de dix ans d’expérience professionnelle n’ont généralement touché que des cachets minimes. Les femmes étaient de plus victimes d’une discrimination salariale spécifique au genre (écart salarial entre les femmes et les hommes) de 23% en moyenne.
Nouvelles recommandations communes des associations de comédien·nes pour les cachets dans la production audiovisuelle
En raison de l’échec en 2023 des négociations avec les associations de producteur·ices sur l’introduction d’un système de cachets indicatifs contraignant à plusieurs niveaux, nous publions conjointement avec les associations de comédien·nes Syndicat Suisse Romand du Spectacle (SSRS), ScèneSuisse – Association des professionnels des arts de la scène – et t. Professions du Spectacle Suisse, de nouvelles lignes directrices pour les cachets des comédien·nes professionnelles dans la production audiovisuelle (hors publicité)[1]. Elles comprennent trois tarifs afin qu’il soit tenu compte de la formation professionnelle et de l’accroissement de l’expérience professionnelle, et afin de réduire l’écart salarial entre les genres :
Cachet d’entrée pour les comédien·nes ayant achevé une formation d’acteur·ice ou qui remplissent certains critères alternatifs
Pour les comédien·nes expérimentées avec 10 -15 ans d’expérience professionnelle
Pour les comédien·nes très expérimentées avec plus de 15 ans d’expérience professionnelle
Le cachet rémunère nettement plus que la journée de tournage
Le terme de cachet journalier usuel dans le cinéma, au niveau national comme au niveau international, est trompeur. Un cachet rémunère en effet bien plus que la journée de tournage en tant que telle : il comprend aussi l’ensemble du travail de préparation, à savoir l’étude du texte, le développement du personnage, les essais maquillage et costumes, les répétitions, ainsi qu’un jour de postsynchronisation et d’éventuelles apparitions dans les festivals ou dans les médias. Par ailleurs, le cachet comprend aussi la cession d’une grande partie des droits voisins et des droits de la personnalité. Le cachet doit donc rémunérer de manière appropriée l’ensemble du travail fourni et la cession des droits.
Nouvelles dispositions contractuelles nécessaires en raison de l’IA
Par ailleurs, les nouvelles lignes directrices se réfèrent aussi aux nouveaux défis – à régler contractuellement – qui se posent aux comédien·nes avec l’utilisation de l’intelligence artificielle (IA) générative.
[1] Les quatre associations de comédien·nes ont publié leurs propres lignes directrices pour les cachets et les Buyouts pour la publicité
«Ich empfand MoCap-Sets viel gesünder»
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV/von Redaktion ENSEMBLEDie Londonerin Cheryl Burniston kämpft, tanzt, weint und lacht in Computerspielen. Im Interview anlässlich des Zürcher ZFICTION-Events erklärt sie die Unterschiede zwischen MoCap-Acting und anderen Schauspielformen.
Interview und Übersetzung: Corinne Soland
Corinne: Cheryl, wie bist du zur Schauspielerei mit Motion Capture gekommen?
Cheryl: Mein erstes Mocap-Projekt war im Jahr 2017. Ich erhielt einen Anruf von einer Maskenbildnerin, die eine Person suchte, die Bewegungen für einen animierten Kurzfilm liefern sollte. Ich habe mich schon immer für körperliche Darstellung interessiert und habe Tanz, Kampfsport und Kampftechniken für den Film trainiert.
Ich spielte eine Tee-Nymphe, die aus einer verschütteten Tasse Tee herauskam, die Umgebung erkundete und schließlich wieder in die Tasse sprang. Das war sehr befreiend für mich. Die Vorstellung, dass man alle*s spielen kann – es gibt nichts Schöneres, als seinen Avatar zum ersten Mal auf einem Bildschirm zu sehen. Ich musste mehr davon haben! Ich war danach sehr hartnäckig bei den Mocap-Studios dran, um mehr Aufträge zu bekommen.
Du hast große Rollen gespielt, zum Beispiel in dem Spiel Final Fantasy. Wie bist du dazu gekommen?
Ende 2018 hatte ich ein paar Demos für dasselbe Studio gemacht. Zu dieser Zeit schickte mir ein Freund einen Tweet über ein Casting für ein Videospiel. Der Casting-Aufruf stammte von Jessica Jefferies, einer mittlerweile sehr etablierten Performance-Capture-Casting-Direktorin in Großbritannien.
Das Gefühl, das man hat, wenn man eine Filmrolle bekommt – das war dieses Glück, aber hundertmal mehr! Dieses Videospiel wurde schließlich zu „The Dark Pictures Anthology: Little Hope“, der zweite Teil der Trilogie von Supermassive Games. Während der Dreharbeiten zu diesem Spiel habe ich mit Neil Newbon zusammengearbeitet, der beim Trailer zu Borderlands 3 Regie führte, und durch diese Rolle bekam ich die Möglichkeit, für Final Fantasy XVI vorzusprechen.
Wie bereitest du dich auf ein Mocap-Vorsprechen vor?
Es ist wie bei jedem anderen Vorsprechen für eine Rolle. Man setzt sich so gut wie möglich mit der Rolle auseinander und bereitet sich mit dem Material vor, das man bekommt. Du bringst alles ein, was du in deiner Ausbildung oder aus deinen bisherigen Erfahrungen gelernt hast. Beim Vorsprechen für Little Hope wollte ich meine Bewegungen übertreiben, um zu zeigen, wie ich mich bewegen kann. Aber ich wusste, dass das Projekt eine naturalistische Darbietung erfordert. Man muss wirklich lesen und zuhören, was das Projekt und die Rolle von einem verlangen.
Zur Person
Cheryl Burniston ist Londoner Schauspielerin und arbeitet seit ihrem Abschluss an der School of the Arts, University of Northamptonhauptsächlich im Filmbereich. Cheryl ist zudem eine erfahrene Motion-Capture-Künstlerin undspielte Kreaturen als auch für menschliche Charaktere in Projekten wie Final Fantasy XVI, The Dark Pictures Anthology, Magic: The Gathering, Borderlands 3 und Need For Speed gemacht.
Wie war der Produktionsprozess für dich als Schauspielerin?
Ich habe etwa 9 Monate mit den Dreharbeiten zu Little Hope und 5 Monate mit den Dreharbeiten zu Final Fantasy VXI verbracht. Für Little Hope drehten wir jeden Monat eine Woche lang, von Montag bis Freitag. So hatten die Animatoren Zeit, die Daten durchzugehen, wir kamen dann im nächsten Monat zurück und machten weiter. In den drei Wochen zwischen den Drehs konnten wir uns ausruhen.
Die Drehwoche war oft sehr anstrengend, wir mussten viel rennen und sehr physisch Dämonen abwehren. Jedes Projekt hat einen anderen Prozess. Die Aufnahme von Körper, Gesicht und Stimme zusammen wird Performance Capture genannt, aber die einzelnen Elemente können auch aufgeteilt und von mehreren Darstellern aufgenommen werden.
Für Little Hope wurde mein Body Capture mit den zuvor aufgenommenen Gesichts- und Stimmaufnahmen kombiniert. Ich hatte kein Drehbuch, das ich kennen musste. Ich bekam ein Bild meines Charakters, etwas Hintergrundgeschichte und ein paar Entwürfe der Welt, in der wir uns befanden. Im Volume (so heisst die Capture Stage, die 3D Bühne, in der aufgenommen wird, Anm. cs) hörten wir den Dialog für die Szene, merkten uns davon so viel, wie wir konnten, und gabe alles, um die Emotionen, die wir hörten, darzustellen und sicherzustellen, dass die Körperlichkeit mit der Stimme übereinstimmt. Little Hope ist ein Spiel, das auf Entscheidungen basiert, so dass es Hunderte von alternativen Möglichkeiten für die Szenen gab.
Für Final Fantasy XVI drehten wir jeweils zwei Wochen am Stück mit zwei Wochen Pause. Wir haben Motion- und Facial-Capture-Aufnahmen für einen Synchronsprecher gemacht, mit dem wir uns später abstimmen konnten. Die Besetzung bestand aus neun Personen, und wir haben alle mehrere Rollen gespielt.
Was sind gute Eigenschaften für das Spiel mit Motion oder Performance Capture?
Bei AAA-Spielen wird alles unglaublich geheim gehalten. Ich denk ich, dass eine der wichtigsten Fähigkeiten eines*r Motion-Capture-Künstlers*in deshalb darin besteht, völlig offen zu sein. Es ist wie bei dem Improvisationsspiel „Ja und…“: Man muss einfach nehmen, was man bekommt, und loslegen. Vertrauen in sich selbst als als Darsteller*in ist der Schlüssel. Je nach Projekt kann es sein, dass man eine Vorabvisualisierung erhält, einerseits der Umgebung oder auch deiner Figur. Manchmal hast du nur die Umrisse eines Menschen in einer grauen Landschaft und ein paar Bäume. Genau da kommt die Vorstellungskraft ins Spiel, ohne die es nicht geht.
Was sind die Vorteile gegenüber dem normalen Acting?
Eine Sache, die ich wirklich wichtig finde, ist die Möglichkeit, das Volume aus der Vogelperspektive zu betrachten. Oben zu sitzen und nach unten zu schauen und sich selbst zu kartografieren, seinen Weg zu sehen, den man abgehen soll und alles auf einmal zu erfassen. Aber letztendlich ist es Schauspiel.
Es scheint, als gäbe es jetzt mehr Motion- und Performance-Capture-Rollen und auch mehr Schauspielende, die in diesem Feld arbeiten möchten. Deshalb ist es wichtig für Spielende, ihre Fähigkeiten aufrechtzuerhalten – Schauspiel, Kampffähigkeiten, Bewegungsqualitäten. Die Drehtage sind oft lang und anstrengend, so dass viel Durchhaltevermögen erforderlich ist, sowohl körperlich als auch geistig. Das Schauspielen von Kreaturen macht unglaublich viel Spaß, ist aber auch unglaublich anstrengend, nicht nur für den Körper, sondern auch für die Stimme.
Wie unterscheidet sich das Spiel rein technisch gesehen?
Ich würde nicht sagen, dass man anders spielt. Man berücksichtigt den Stil des Projekts und die Eigenschaften der Figur und gibt die Leistung, die die Regie von einem verlangt. Es kommt wirklich auf den Inhalt an. Die bekannte Übung „Spiel’ diese Emotion, erhöhe sie auf zwei, dann auf fünf“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man die Emotionen hoch- und runterschrauben kann – aber immer aus einer realen Situation heraus. Manchmal kann man das, was man tut, auf den Bildschirmen überprüfen. Am Ende des Tages soll die Figur lebendig sein: Dafür ist die Atmung entscheidend.
Ist es für die Schauspielenden wichtig, etwas über die Technologie zu wissen?
Ich finde es interessant, zu wissen, wie sie funktioniert. Bei der Arbeit weiß ich dann, worauf die Animationsspezialist*innen achten, und man kann das in seine Arbeit einfließen lassen – um klare Bewegungen finden und sicherzustellen, dass die Marker nicht von den Kameras verdeckt werden. Es ist wichtig, an die Leute zu denken, die die Daten bereinigen, und es wird nicht unbemerkt bleiben, wenn man ihnen das Leben ein wenig leichter macht.
Ein Interesse an der Branche und ein Verständnis für die Zeit und den Aufwand, die in der Entwicklung eines Spiels stecken, sind ebenfalls hilfreich. Die Spieleindustrie ist riesig und wächst, und die Menschen verbringen Stunden und Tage damit, mit Ihrer Figur zu interagieren, und das ist etwas ganz Wunderbares. Sie beobachten dich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern sind in ein viel interaktiveres Abenteuer verwickelt. Man kann jahrelang auf die Veröffentlichung eines Spiels warten, man ist zur Geheimhaltung verpflichtet.
Wie ist deine Beziehung zur Regie in der Vorbereitungsphase und während des Drehs?
Beim Film und auf der Bühne bekommst du das Drehbuch, daraus ziehst du die Dinge, die deine Figur prägen. Du kannst über die Epoche, das Land, die Stadt oder den Ort recherchieren, in dem der Film oder das Stück spielt. Bei Mocap ist es anders – bis du ins Volume kommst, kann es sich so anfühlen, als ob du im Dunkeln tappst. Manchmal wird dir auch Material zur Verfügung gestellt, das du vorbereiten kannst, aber meiner Erfahrung nach erfahre ich den Großteil der Informationen am ersten Tag. Du musst also dir selbst und dem Team vertrauen.
Bevor du an Bord kommst, sind Monate und oft Jahre in das Projekt geflossen. Ich finde, dass die Beziehung zu einer Regie im Volume dann enger ist als am Filmset oder auf der Bühne. Die Dreharbeiten gehen schneller als bei einem Filmset, aber es fühlt sich für mich mehr nach Zusammenarbeit an. Die kollektive Vorstellungskraft der Designer*innen, der Produzent*innen, der Regie und der Darstellenden ist wirklich stark.
Wie funktioniert das Besetzen für Games in Großbritannien – du meintest vorhin, dass es eine*n spezielle*n Casting Director gibt?
Ja, Jessica Jefferies. Sie macht ihre Casting-Aufrufe öffentlich und setzt sich für Neulinge in diesem Bereich ein. In England gibt es auch einige Schauspielagenturen, die sich neben der Schauspielerei für Leinwand, Bühne und Werbung auf Motion Capture spezialisiert haben. Viele Studios casten aber auch immer noch selbst. Es kann also nicht schaden, sie anzuschreiben, sich vorzustellen, seine Fähigkeiten zu bewerben und eine Beziehung aufzubauen.
Es gibt auch Unternehmen, die Workshops anbieten und dir das aufgenommene Material zur Verfügung stellen. Präsentiere alle anderen Bewegungsfähigkeiten, die du hast – Kampf- und Stuntfähigkeiten werden in Spielen häufig eingesetzt. Wenn du schon Sprecher*innenaufträge hattest, halte sie auf dem neuesten Stand oder aktualisiere sie. Mach‘ dir klar, für welche Art von Projekten du arbeiten möchtest, und arbeite darauf hin. Die Welt der Performance Capture fühlt sich viel zugänglicher an. Auf mich wirken alle ein bisschen netter.
Ich habe das gleiche Gefühl. Mocap Menschen sind toll!
Oh, es sind fantastische Menschen! Ich empfand die MoCap-Sets als viel gesünder. Es fühlt sich zu keinem Zeitpunkt des Prozesses wie ein Beliebtheitswettbewerb an.
Hast du schon Kreaturen aufgenommen und wenn ja – welche Art: Tiere oder Humanoide?
In Little Hope habe ich den Ertrunkenen Dämon gespielt. Sie war der Dämon einer Figur, die als Hexe verurteilt und ertränkt worden war. Wenn es um die Arbeit mit Kreaturen geht, näherst du dich ihnen am besten wie jeder anderen Figur. Zum Beispiel kannst du dich fragen: Warum ist diese Kreatur diese Kreatur – wurde sie so geboren oder wurde sie erst später dazu? Warum ist sie hier, was ist ihr Ziel? Versuche, die Kreatur zu verstehen: Versucht sie, jemanden zu verletzen oder zu töten? Hat sie Angst vor etwas? Oder geht es ihr nur ums Überleben?
Mit all diesen Überlegungen arbeitest du dann an ihrer Körperlichkeit. Ich hatte einen Arm um mich gewickelt, den ich nicht benutzen konnte, und ich hatte Gewichte an meinen Beinen befestigt, um die Anstrengung zu zeigen, die es bedeutet, meinen Körper mit einem Arm über den Boden zu ziehen. Und dann bringt die Stimme alles zusammen. Der Atem ist ein wichtiger Teil der Rollengestaltung, es kann eine Abkürzung sein, um sich in die Figur hineinzuversetzen, die Grundhaltung zu finden, zu atmen und dann zu spielen.
Und dann war da noch die Braut von Frankenstein. Sie kann sich bewegen, atmen und sprechen wie ein Mensch, aber ihre Bewegungen und ihr Blick sind die einer ängstlichen Katze. Das Zischen war das, was für mich die Emotionen und die Dringlichkeit der Szene hervorgerufen hatte, nebst ihrem Ziel. Bei der Arbeit mit Kreaturen muss man 110% geben. Es ist anstrengend, und da kommt es darauf an, sich fit zu halten, aber es macht so viel Spaß.
Was rätst du Schauspielenden, die in Videospielen arbeiten möchten?
Ich finde es hilfreich, einen Workshop zu finden, einen sicheren Ort, an dem man neue Bewegungsmöglichkeiten für seinen Körper finden kann. Du hast dieselben zwei Arme und zwei Beine, einen Rumpf und einen Kopf, aber dein Körper kann sich auf so viele wunderbare und unterschiedliche Arten bewegen, dass du dich jedes Mal selbst überraschen wirst.
Es ist natürlich toll, wenn man eine Mocap-Rolle hatte und diese vorweisen kann. Wenn man diese Erfahrung noch nicht hat, kann man sich in einem leeren, beleuchteten Raum in enger Kleidung filmen, um seinen Körper und seine Bewegungen zu zeigen. Du musst keinen Mocap-Anzug tragen, es geht darum, deine Körperform zu zeigen und wie sich dein Körper bewegen kann.
In 3 Worten – was hat Mocap zu deinem Schauspiel-Leben beigetragen?
Verspieltheit. Offenheit. Und vielleicht etwas über den Geist: Experimentieren. Wenn ich über Performance Capture und die Möglichkeiten nachdenke, die es bietet, über unsere Größe, unsere Gestalt, unser Geschlecht und unser Alter hinauszugehen, und wie die Technologie es uns erlaubt, uns in einen Charakter zu verwandeln, der so weit von unserem eigenen Charakter entfernt sein kann – das ist wirklich erstaunlich. Mit jedem Projekt, das ich mache, mit jeder Figur, die ich spiele, spüre ich, wie ich mich mehr öffne und mutiger werde, um Ideen, Fähigkeiten und Figuren in Angriff zu nehmen, von denen ich dachte, sie lägen jenseits von mir. Im Volume hat es Platz. Raum zum Atmen und Wachsen.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast für unser Gespräch und das Teilen deiner Gedanken!
ZFICTION in Zürich
Cheryl Burniston teilte in ihrem Vortrag „The differences and similarities in acting for screen, stage and performance capture“ an der Zürcher Spielfilm Tagung ZFICTION.24 ihre Gedanken zum Schauspiel mit Motion Capture.
Die Spielfilmtagung ZFICTION.24 fand am 21. und 22. März 2024 statt. Die Beiträge wurden gefilmt und werden auf hier verfügbar sein.
In der Schweiz gibt es mehrere Anbieter*innen für Motion Capture Workshops, unter anderem das Quantum Stage Studio in Winterthur oder die Filmschauspielschule Zürich filmZ GmbH. Der nächste Kurs der filmZ kann hier gebucht werden.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Schauspiel für Screen, Bühne und Performance Capture
Was ist der Unterschied zwischen dem “traditionellen” Schauspiel, wie man es auf der Leinwand und auf der Bühne sieht, und dem Schauspiel für Performance Capture und Face Capture? Wie geht eine schauspielende Person an ein Projekt heran, wenn es kein Bühnenbild und keine Kostüme gibt? Welche Unterschiede gibt es im Prozess der Charaktervorbereitung, wenn die entstehende Figur virtuell ist? Hier zum Blog.
Deutsche Darsteller*innen: «Keine Flatrate für Bühnenarbeit»
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaDie Herausforderungen für Darstellende Künstler*innen sind grenzübergreifend. In Deutschland thematisiert das Kampagnenvideo #StoppNVFlatrate jetzt die Probleme.
Schlechte Planbarkeit, keine offenen Kitas während Proben und Aufführungen, prekäre Bezahlung, unsichere Anstellungsverträge – auch in Deutschland belasten prekäre und unfaire Arbeitsbedingungen die Branche.
Der Deutsche Bundesverband Schauspiel BFFS und dessen Partnerorganisationen legen jetzt in seinem Kampagnenvideo den Finger auf alle wunden Punkte der Darstellenden Künste. Viele der angesprochenen Missstände kennen auch die Schweizer Schauspieler*innen und Tänzer*innen. Schaut mal rein und lasst uns in den Kommentaren wissen, was ihr davon haltet.
«Gegen das Gefühl, verloren zu sein»
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Theater/von Seraina KoblerWanda Wylowa spricht im Interview über Unsicherheit zwischen Engagements, schwierige Altersvorsorge – und Solidarität zwischen Frauen.
Von Seraina Kobler
«Das Kino ist zurück», hast du kürzlich gejubelt. Woher die Freude?
Wanda Wylowa*: Es ist gerade so ein guter Zeitgeist: Spannende Schauspielenden wie Andrew Scott oder Emma Stone, eine gute Generation. Auch wird wieder mehr besprochen in den Medien und öffentlich diskutiert, obwohl das Feuilleton so viele Federn lassen musste. An Filmen wie «Zone of Interest», «Poor Things» oder «All of us strangers» kommt man derzeit kaum vorbei, zu Recht. Das wünsche ich mir nun auch für das Theater.
Du meinst, den Besucheraufschwung nach der Pandemie?
Ja, ich gehe ja seit jeher zwischen beiden Welten hin und her. Und auf der Bühnen, mit dem direkten Kontakt, spannt sich ein Raum auf für das Empfindsame, das Sensible. Der lässt sich durch keine Streaming-Plattform der Welt ersetzen. Und doch müssen die Häuser kämpfen, besonders die Kleinen.
Wie äussert sich das für euch als Schauspielende?
Es gibt schon einige Mechanismen, das zeigt sich schon nur in der Terminplanung, die manchmal der Quadratur des Kreises gleicht. Und am Ende beanspruchen einfach doch immer die Engagements für Filme freie Vorfahrt, einfach weil dort viel mehr Geld vorhanden ist.
Wie bekommst du dennoch beides unter einen Hut?
Man muss sich selbst eine Struktur schaffen. Mir fällt immer mehr auf, dass ich oft sechs Dinge gleichzeitig am machen bin. Zwei Stunden Organisation, dann etwas Netzwerk, dazwischen Text lernen, die Garderobe für den nächsten Auftritt festlegen, jemanden Treffen, neue Ideen aushecken, Schreiben für die Kurzfilme von gerade, nochmals was vorbereiten, ein Brot backen, im Kopf nochmals den Text durchgehen, den Terminkalender verinnerlichen, alles einteilen.
Und machst du auch mal frei?
Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber ich arbeite freiwillig sieben Tage die Woche, auch wenn ich nicht spiele. Letztes Jahr waren es über 60 Vorstellungen oft auch an Wochenenden… Aber ich muss dazu auch sagen, dass ich dafür verkürzte Arbeitstage mache, ich nütze die produktiven Stunden, jeden Tag. Alles andere birgt das Risiko, dass ich rausfalle. So bleibe ich immer in Verbindung mit dem, was ich tue. Das ist mir viel lieber, als ein 9-5-Job.
Gab es auch mal Momente, wo du überlegt hast, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen?
Ja, früher jeden Sommer. Da tat sich dieses grosse Loch ohne Engagements auf, wenn die Produktionen still stehen und die Bühnen in der Pause sind. Nun habe ich diese Wochen mit Sommertheatern füllen können, das ist aufs Jahresbudget gesehen kein grosser Anteil, aber dafür eine grosse Freude. Daneben hilft Werbesprechen, was aber leider auch nicht mehr soviel Gage gibt wie früher. Manche fürchten, dass Sprecher:innen-Stimmen schon in wenigen Jahren durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können… Das wäre dramatisch. Schon jetzt könnte man mit dem, was von meiner Stimme im Netz verfügbar ist, eine künstliche Spur erzeugen.
Gibt es da keinen Schutz? Was unternimmt die Branche?
Bis jetzt ist nichts reglementiert. Das Problem ist auch hier, dass die Rechtsprechung dem rasanten technologischen Wandel hinterherhinkt. Bis die nach sind, ist die Stimme schon lange geklaut oder imitiert …
«Wenn ich es schaffe,
die Schwingungen der Worte zu erfassen,
sie glasklar denke,
braucht es nichts mehr»
Und doch gibt es Bereiche, wo Menschen nicht zu ersetzen sind. Gerade im Wechselspiel mit Kunst und Sprache. Literatur liegt dir auch sehr am Herzen, du besprichst oft Bücher im Netz, moderierst Vernissagen oder liest dich für Monsterlesungen mal eben durch Dürrenmatt Werk …
Das stimmt, Sprache ist mir sehr wichtig. Am Anfang von jedem Stück und jedem Film steht der Text. Ich lasse ihn durch mich hindurchfliessen. Wenn ich es schaffe, mich da reinzugeben, die Schwingungen der Worte zu erfassen, sie glasklar denke, dann braucht es eigentlich nichts mehr. Ausserdem bedeutet Lesen auch immer, über die Welt nachzudenken. Warum sind wir hier? Warum tun wir die Dinge so, wie wir sie tun? Wie funktioniert die Liebe?
Nochmals zurück zur wirtschaftlichen Lebensrealität. Du engagierst dich seit einigen Jahren dafür, mehr Transparenz und Handlungsmöglichkeiten auf die Altersvorsorge von Kunstschaffenden aufzuzeigen. Was machst du genau?
Die Idee dahinter ist, dass es viele Kunstschaffende gibt, die sich schämen, dass sie keine Altersvorsorge haben. Vielleicht auch diese Themen verdrängen, eine hohe Hemmschwelle aufbauen, je länger sie das tun. Weil sie so wenig verdienen. Für diese Menschen gibt es in einem Pilotprojekt von der Migros eine Peer-to-Peer Beratung.
Mit dir?
Wer möchte (lacht), ja. Natürlich können auch wir Ambassador:innen nicht die Probleme lösen, aber wir zeigen Möglichkeiten auf. Helfen gegen das Gefühl, verloren zu sein. Klären über die zweite und dritte Säule auf, denn schon ein paar hundert Franken mehr, machen im Alter viel aus.
Wie kommst du selbst zwischen den Produktionen über die Runden?
Zum Glück steht uns das Arbeitsamt als Zwischenlösung zur Verfügung. Da wir ja von einer Kürzestanstellung zur nächsten gehen. Vieles hat sich auch verbessert, so war es früher etwa nicht einmal möglich, durchgängig Kinderzulagen zu beziehen. Es gab keine Mutterschaftsversicherung … Eine weitere Vereinfachung bringt die Sprecherkasse.
Wie funktioniert die?
Das ist ein gemeinsames Abrechnungssystem für Schauspielende, die gelegentlich Sprecherjobs machen, kleinere Engagements oder Lesungen. Ich zahle 2,5 Prozent von meiner Gage, dafür wird mir die ganze Abrechnung und Einzahlung der Sozialabgaben abgenommen, für Honorare unter tausend Franken. Man muss dem Geld nicht nachrennen, nicht selbst mahnen, man ist versichert, das hilft enorm.
Welche Verbesserungen für die Branche würdest du dir wünschen?
Auch E-Castings sollten entgolten werden, da es wahnsinnig aufwendig ist, sich darauf vorzubereiten. Die Arbeit vom Textlernen, jemanden für die Aufnahmen beauftragen und das ganze Prozedere werden bislang unentgeltlich geleistet. Arbeitszeiten sollen eingehalten werden, Schauspielende sind keine Leibeigene während Wochen für 24 Stunden an 7 Tagen die Woche. Dem Theater wünsche ich mehr Zeit zum Proben und weniger Einfluss von Modeströmungen.
Und speziell für Frauen?
Dass auch Frauen über fünfzig diverse und spannende Rollen erhalten und diese schon viel früher, etwa beim Drehbuch und Geschichtenschreiben, gestaltet werden. Sie können so viel mehr spielen, als Grossmütter oder Geschiedene.
Gibt es Dinge, die dir eine andere Gelassenheit geben als früher?
Der Vorteil davon, fünfzig zu werden ist, dass man merkt: So viel Zeit ist da nicht mehr wie auch schon. Was ist mir wichtig? Das möchte ich geniessen und dankbar sein, statt mich um morgen zu sorgen, schliesse ich lieber eine liebe Freundin in den Arm und verbringe einen schönen Abend mit gutem Essen. Feiere den Moment. Das geht natürlich auch leichter, wenn die ganze Rush-hour des Leben mit kleinen Kindern etwas nachlässt, das Tempo geht automatisch runter. Der Atem kommt zurück. Und die Musse einfach mal auf einem Bänklein sitzenzubleiben und in die Sonne zu blinzeln. Oder eine Siesta machen, wenn man müde ist.
Stichwort Freundinnen, du bist auch beruflich geschickt darin, Frauen zu verbinden …
Das liegt mir tatsächlich sehr am Herzen. Da gibt es «Female Act», einen regelmässigen Stammtisch für Schauspieler*innen, einen Safe Space, wo wir uns austauschen und bestärken. Oder regelmässige Aktionen, wie sich gemeinsam eine Fotografin buchen und neue Shots fürs Portfolio machen. So vieles geht einfacher, wenn man es teilt. Das ist wichtig, gerade, wenn du in so einem kompetitiven Umfeld tätig bist.
Letzte Frage: Wenn du zurückblickst, was war deine schönste Produktion?
Seitentriebe von Güzir Kar, eine Produktion für das Schweizer Fernsehen, auf die ich heute noch immer wieder von jungen Frauen angesprochen werde. Es ging über zwei Staffeln, insgesamt waren wir zwei Jahre lang dran. Der Anerkennungspreis der Stadt Zürich im November 2023 war für mich wirklich sehr wichtig, er hat mein bisheriges Arbeiten gewürdigt und vor allem das zukünftige gefördert. Natürlich hat mich auch der Schweizer Filmpreis für die beste Nebenrolle im «Hamster» gefreut. Diese Dinge, die bleiben.
Wanda Wylowa ist als Performer*in seit Anfang der Nullerjahre in verschiedensten Formaten des Kunstschaffens zu erleben. Als Mitbegründerin der freien Theatergruppe 400asa hat sie die Möglichkeiten der Theaterbühne ausgelotet und insbesondere in ihrer Kombination mit neuen Medien an der Erforschung neuer Erzählformen mitgearbeitet. Die Untersuchungen führten und führen sie immer wieder zu Film- und Audioarbeiten.
«KI darf uns nicht überrollen»
/in Aktuell, Film/TV, Verbandsinfo/von RedaBruno Marty, Geschäftsleiter Schweizerische Interpretengenossenschaft, arbeitet an Vertragsbausteinen, die Missbrauch von KI in Film und Musik verhindern sollen. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft.
Das Interview fand über Videocall statt.
Bruno Marty, braucht es in zehn Jahren noch Interpret*innen oder übernimmt das dann alles die künstliche Intelligenz?
Bruno Marty: Ja, die braucht es durchaus noch. Das Schöne an Kunst ist, dass sie sich immer weiterentwickelt, immer neue Formen annimmt. Natürlich ist künstliche Intelligenz ein Teil der Zukunft, aber Interpret*innen und Künstler*innen wird es immer brauchen.
Patrick Karpiczenko aka Karpi, der Comedian und KI-Experte, meinte, dass man nur mit Theater auf der sicheren Seite sei, weil die KIs das nicht imitieren könnten. Stimmt das?
Ich wär da nicht so sicher. Wir stehen ja noch ganz am Anfang. ChatGPT und seine Kollegen sind erst seit knapp zwei Jahren präsent, der Boom hat gerade erst begonnen. Wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt und wie Künstler*innen mit den Möglichkeiten von KI umgehen werden. Ich will auch nicht in Pessimismus verfallen. Es gibt viele coole Möglichkeiten mit KI und viele Kreative suchen neue Wege. Es ist nicht alles schlecht, was mit KI zu tun hat, auch wenn einige Unternehmen oder Personen sie zum Nachteil von Interpret*innen oder gar der Gesellschaft einsetzen.
Bruno Marty ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Interpretengenossenschaft SIG in Zürich. Er kennt die Musikbranche einerseits als ehemaliger Musiker, Manager, Promoter und Booker und anderseits als früherer Geschäftsführer der action swiss music (heute Sonart). Über die Jahre aktiv in verschiedenen Organisationen (u.a. Suisseculture, mx3, SIS und Swissperform).
Kreativität und das Schaffen von originärer Kunst setzt, zumindest bis heute, noch Empfindungsfähigkeit, Empathie voraus. Werden in Zukunft künstliche Intelligenzen auch diesen Bereich erobern?
Ha, das sind philosophische Fragen! Aber ja, das könnte irgendwann kommen, ich will es auf jeden Fall nicht ausschliessen. Doch zurzeit sind KIs eher Instrumente, Tools, die auch bewusst von Künstler*innen eingesetzt werden, um Neues zu erschaffen. Wir kennen das ja auch aus der Geschichte. Leute, die meinten, elektrische Gitarren seien der Untergang der Musik-Kultur, später dann der Synthesizer, dann Sampling. Kunst und Kultur nimmt Veränderungen auf und nutzt sie für neue Wege, für weiteren kreativen Ausdruck.
Besonders gut sieht man das im Filmbusiness. Viele der Sachen, die wir im Kino, TV oder auf Netflix sehen, wären ohne KI gar nicht mehr möglich. Neue Technologien werden adaptiert und mit der Zeit Normalität.
Aber gerade für Interpret*innen stecken da auch die Gefahren. Wenn eine KI mit meiner Stimme und meinem Aussehen einen ganzen Film oder einen Song produzieren kann, muss ich als Künstler*in schauen, wo ich bleibe …
Völlig richtig und letztlich eine Frage der Regulierung – und die ist sehr dringlich. Zurzeit arbeiten wir, also die Interpretengenossenschaft und ihre Partner, an Vertragsbausteinen, die man gerade für solche Situationen benutzen kann, um die Rechte der Interpret*innen schützen.
Also völliges rechtliches Neuland?
In der Schweiz sind die Persönlichkeitsrechte von Künstler*innen recht gut geschützt. Aber wir haben das Problem, dass es noch keine Rechtspraxis dazu gibt. Keine Urteile, die bestehendes Recht auf neue Technologien und Situationen anwendet. So bewegen wir uns da in einer Dunkelkammer. Unsere Empfehlungen an Interpret*innen: Nichts unterschreiben, das man nicht völlig versteht und die Nutzung nicht klar umschreibt. Im Zweifelsfalle einen Vertrag kurz von einer Fachperson checken lassen. Und da sind wir auch gut aufgestellt: Die Interessensverbände, also wir, Suisa, SzeneSchweiz, etc. alle bieten einen kostenlosen Rechtsberatungsdienst an.
Das war ja beim SAG-EFTA-Streik in den USA ein zentrales Thema …
Dort ging es neben den Definitionen der Nutzung auch ganz konkret um den finanziellen Aspekt. Was ist es wert, wenn meine Stimme, meine äussere Erscheinung, meine ganze Person virtuell von einer KI ‚gespielt‘ wird. Als Beispiel: Wenn ich für nur einen Drehtag am Set bin und meine Daten erfasst werden, danach aber ein ganzer Kinofilm mit meiner Identität produziert wird, wie viel Entschädigung bekomme ich dann? Daran arbeiten wir auch ganz konkret: Wir schaffen gerade Richtlinien, die solche Sachen regeln sollen. Schliesslich geht es um Berufe, die ein Recht auf anständige Entlöhnung haben.
Ist das in der Schweiz wirklich schon ein Thema?
Bei der Nachproduktion oder bei einem Stunt kann es durchaus sein, dass digitale Versionen der Schauspieler*innen verwendet werden. Aber das ist weniger das Problem, da es sich meist nur um Filmsekunden handelt. Wenn man aber nur noch kurz am Set benötigt wird, entzieht das den Schauspieler*innen jegliche Existenzgrundlage.
Für uns ist es wichtig, dass wir schnell dazulernen, schnell Lösungen und Hilfsmittel entwickeln, weil die KI sehr viel schneller lernt als wir.
Was ist das Dringendste, das die Branche jetzt tun muss?
Das Wichtigste ist, dass die unterschiedlichen Verbände und Interessenvertreter jetzt an einem Strang ziehen und schnell Regelungen und Empfehlungen formulieren, neben ganz praktischen Dingen wie eben diesen Vertragsbausteinen und weiteren Infos, an denen wir gerade arbeiten. Wenn wir nicht von der KI-Welle überrollt werden wollen, sondern diese neue Technologie fair nutzen möchten, müssen wir etwas Tempo zulegen.
«Alles vergessen, was ich gelernt hab!»
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Theater/von RedaHollywood, London, Berlin? Nein, Sandro Stocker zog aus, um in Lima Telenovela-Star zu werden. Wir sprachen mit Sandro über Kulturschock, Netzwerk und eine Filmindustrie ohne staatliche Unterstützung.
Das Interview wurde per Videocall geführt.
Sandro, deine Karriere in der Schweiz lief gut. Wie kommt man als Schweizer Schauspieler dazu, plötzlich seine Sachen zu packen und sich in Peru auf die Suche nach einer Telenovela-Karriere zu machen?
Sandro Stocker: Das habe ich mich auch schon gefragt. Aber ich bin nicht einfach eines Morgens aufgestanden und nach Lima geflogen. Das war ein Prozess. Vor circa drei Jahren, also noch mitten in der Pandemie, wurde ich vom Kinderhilfswerk Embolo-Foundation angefragt, ob ich für sie als Botschafter nach Peru gehen würde. Durch die Corona-Massnahmen waren Einreisen nur für Personen möglich, die hier Verwandte haben. So habe ich das Land wiederentdeckt.
Wiederentdeckt?
Ja, als ich das letzte Mal vor der Pandemie nach Peru reiste, hatte ich sehr schwierige Erfahrungen gemacht. Damals war ich sechzehn und danach überzeugt, dass ich nie mehr nach Peru wollte.
Was hat sich geändert?
Ich hab mich geändert. Ich bin nicht mehr 16 und ich bin wohl offener für neue Kulturen und flexibler. Und nach einigen Besuchen verliebte ich mich in das Land.
Wie hast du dich eingelebt? Wie war der Kulturschock?
Die Schere zwischen Arm und Reich ist hier extrem. Es gibt kaum einen Mittelstand und nur Bessergestellte können es sich leisten, überhaupt eine Karriere im Filmbusiness anzustreben. Ich lebe zum Beispiel in Miraflores, einem der wohlhabenderen Teile von Lima, um von der Szene auch ernst genommen zu werden. Zuerst versuchte ich, in meiner Schweizer Naivität, dieses Klassendenken zu durchbrechen, aber Peru hat nicht auf mich gewartet, damit ich eine soziale Revolution beginne. Inzwischen spiele ich nach den hiesigen Spielregeln.
Wie sieht das aus?
Hier gibt es nicht wie in der Schweiz einen Verband oder staatliche Stellen, bei denen man sich Unterstützung und Information holen kann. Hier läuft alles über persönliche Netzwerke. Ich ging zuerst einfach mal auf Google und suchte nach „Filmindustrie Peru“. Da gabs keine Treffer.
Was hast du dann gemacht?
Ich suchte mir die Social Media-Profile der erfolgreichen peruanischen Schauspieler*innen und spamte sie mit Anfragen voll.
Das hat funktioniert?
Nur einer hat geantwortet. Der peruanische Filmemacher Tommy Paraga war gerade mit seinem Film „Cancion sin Nombre“ in Cannes und meinte, wir sollten mal was trinken gehen. Er war es, der mich hier meinen ersten Kontakten vorstellte und mir die Tür in die peruanische Filmwelt einen Spalt öffnete.
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Wie reagieren die Filmleute in Peru auf einen Schweizer?
Zuerst war da das Sprachproblem. Ich brachte zwar etwas Spanisch mit, aber für die meisten Gespräche musste ich auf Englisch zurückgreifen. Aber auch das Spanisch, das ich sprach, unterschied sich vom peruanischen Dialekt. Inzwischen nehme ich Peruanisch-Unterricht.
Hat die peruanische Filmindustrie auf Sandro Stocker gewartet?
Nicht wirklich. Aber gerade durch meinen Hintergrund hab ich ein Alleinstellungsmerkmal. Ich sehe aus wie ein junger Peruaner, also wäre ich grundsätzlich in Konkurrenz mit Schauspielern, die besser Spanisch sprechen und die Szene besser kennen. Da hätte ich wenig Chancen. Aber durch meinen offensichtlich fremden Background werde ich auch für andere Rollen gecastet.
Der Cousin aus Europa?
Haha, ja solche Sachen.
Wie sieht das Arbeiten in der peruanischen Film- und Theater-Branche im Alltag aus?
Die Kultur unterscheidet sich doch sehr. Ich bin mich gewohnt, Dinge zu planen und dann auch durchzuziehen. Punkt für Punkt und pünktlich. Das ist hier Gold wert. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit. Arbeitsethos.
Alles, was wir in der Schweiz als etwas „bünzlig“ anschauen, gibt dir einen Vorteil?
Ja, genau. Ich hatte hier eine Theaterrolle und konnte den Text vor der ersten Probe auswendig. Die Reaktion? „Sandro, du musst etwas lockerer werden.“ Oder ein Bierchen während der Probe? In der Schweiz ein Skandal, hier völlig normal. Ich musste wirklich erst neu lernen, wie man entspannter mit dem Leben umgeht. Aber ich habe den Vorteil, dass ich beides kann.
Sandro, warum Telenovela?
Das war von Kindheit an mein Traum. Und jetzt bin ich noch jung und flexibel genug, um es auszuprobieren.
Bei den „seriösen“ europäischen Schauspieler*innen gilt diese Kunstform als „Trash“ …
Haha, ja. Es wird ganz anders gespielt. Als ich hier ankam, ging ich auf die lokalen Streamingdienste und schaute mir an, wie die Leute hier spielen. Und ich dachte „Oh. Mein. Gott.“ Hier wird alles Over the Top gespielt. Alles, was ich in meiner Ausbildung gelernt habe, muss ich wieder ablegen. Dieses „alles kommt aus den Augen“ und die zurückhaltende Attitüde bringt dich nicht weiter. Hier muss ich gestikulieren, Drama ist nicht leise und subtil, sondern sichtbar und intensiv. Aber ehrlich gesagt, passt das zu mir, ist näher an meiner echten Persönlichkeit. Und es macht ungeheuer Spass.
Kann man davon leben?
Noch nicht. Zurzeit gebe ich Kurse für Leute, die wirklich an Schauspielerei interessiert sind, und für Jugendliche, die so einmal in den Beruf schnuppern können. Hier geben viele Telenovela-Stars kurze Workshops, aber die werden mehr von Fans besucht, die ihren Idolen einmal nahe sein wollen. Schauspielerei wird da weniger wichtig genommen. Da kommt mir meine Schweizer Mentalität wieder zugute: Kunst und Schauspielerei ist solide Arbeit. Man bringt Qualität.
Wie reagieren deine peruanischen Kolleg*innen auf deine Karriereplanung?
Die verstehen das nicht. „Wieso kommst du aus Europa hierher?“ Für die meisten wäre es das Ziel, nach Hollywood oder nach London oder Berlin zu kommen. Den umgekehrten Weg kann sich niemand vorstellen. Sie halten mich wohl für ein bisschen komisch.
Wie sieht die Filmindustrie in Lima aus? Gibt es Subventionen?
Nein, hier wird alles über Werbung und Productplacement finanziert. Und die Filme, die in Europa an Festivals eingeladen werden, die Preise und Fördergelder bekommen, laufen hier in den Kinos kaum. Das interessiert hier niemanden, oft zu arty und zu intellektuell. Die erfolgreichen Produktionen sind alle massentauglich und auf das lokale Publikum zugeschnitten. Unterhaltung. Die Leute hier brauchen keine weiteren Probleme, wenn sie ins Kino gehen. Sie wollen im Gegenteil einfach mal abschalten von ihrem oft sehr schwierigen Alltag.
Wie sehen deine nächsten Schritte aus?
Netzwerken, netzwerken, netzwerken. An Premieren gehen, Theater spielen, Kontakte pflegen. Sichtbar sein. Telenovela-Star werden.
Wir wünschen dir viel Glück!
Ein Beispiel peruanischer Telenovelas:
Raum für freie Künstler*innen & ein Kleinstfestival
/in Aktuell, Tanz, Theater/von RedaDer Verein Bruecki 235 bietet Infrastruktur und organisiert mit dem „Aufführungsfenster“ Kleinstfestivals aus Theater, Tanz und Performance – von der Szene für die Szene.
Theater, Tanz und Performance ohne Hierarchie? Das ist in Zürich möglich. Der Verein Brücki 235 bietet mit Arbeits-, Probenräumen sowie mit den Aufführungsfenstern in bestehenden Theaterhäusern Raum und Möglichkeiten, die freie Tanz- und Theaterschaffende in Zürich in einer selbstverwaltete Infrastruktur nutzen können.
Vertreter*innen der lokalen Szene können dort an Projekten arbeiten, recherchieren, proben und trainieren. Die Mitglieder des Vereins setzen sich dafür ein, dass in der freien performativen Arbeit die Organisation vereinfacht und die Position freischaffender Künstler*innen gestärkt wird. Zudem trägt Brücki 235 zur Vielfältigkeit des Kulturangebotes der Stadt Zürich bei, ergänzend zu den kuratierten Programmen der Produktionshäuser.
O-Ton Verein: „Unser Ziel ist es, die Knappheit an niederschwelligen Proben- und Aufführungsmöglichkeiten zu lindern. Wir bieten vier Zeitfenster pro Jahr an, während der Künstler*innen ihre aktuellen Arbeiten präsentieren können.
Um möglichst vielen Gruppen bzw. Künstler*innen offenzustehen, werden die Aufführungsfenster gemeinsam bespielt, z.B. mit mehreren Kurzstücken oder Works in Progress, geteilten Abenden mit zwei längeren Stücken oder einer Vorgruppe vor einem abendfüllenden Stück. Alternative Präsentationsformen sind explizit erwünscht. Zudem wollen wir eine gemeinsame Reflexionskultur pflegen und neue kollaborative Arbeitsprozesse erforschen.“
Infrastruktur und Raum
Brücki 235 stellt Probenmöglichkeiten im Aufführungsraum sicher, bezahlt Licht-/Tontechniker*in und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit. Das Fenster OK koordiniert das Programm und Bühnenproben. Auftretende Gruppen/Künstler*innen und Mitwirkende des Fenster OK erhalten eine Aufwandsentschädigung, die von ihrer Anzahl abhängig ist und vom Szenerat festgelegt wird.
Die Ausstellungsfenster finden ihren Platz viermal im Jahr in den unterschiedlichsten Locations, so zum Beispiel im Maxim Theater, bei Bühne S, im Kulturmarkt, im Kulturhaus Helferei und eben in der Zentralwäscherei.
Interessiert? Hier gibts mehr: Verein Bruecki
Und hier zum aktuellen Ausstellungsfenster in der Zentralwäscherei
Kulturbotschaft des Bundes: Schöne Worte …
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaDer Bundesrat hat am 1. März die Kulturziele für 2025-28 festgelegt. Darunter auch die Absicht, Kulturschaffenden existenzsichernde Einkommen zu ermöglichen. Was bedeutet das konkret?
„Namentlich will der Bund eine angemessene Entschädigung der Kulturschaffenden garantieren sowie deren Arbeitsbedingungen und die Chancengleichheit verbessern. Die Unterstützungen werden unter Berücksichtigung des gesamten Wertschöpfungsprozesses vergeben“, heisst es in der Botschaft. Das hört sich gut an. Aber diesmal fordert SzeneSchweiz Nägel mit Köpfen. Von gutem Willen und heisser Luft können Künstler*innen keine Miete zahlen.
Bisher sah das Engagement des Bundes so aus, dass Subventionen und Fördergelder vergeben wurden, jedoch deren Verteilung innerhalb der Kulturbetriebe nicht „über den gesamten Wertschöpfungsprozess“ begleitet wurde. Oft gab es einige wenige Gewinner*innen, die grossen Namen – während die Kleinen, zum Beispiel Ensembles, Tänzer*innen, Schauspieler*innen, weiter zu prekären Löhnen arbeiteten. Die Kulturbotschaft des Bundesrates ist so vage gehalten, dass sie alles bedeuten kann. Aber es lässt hoffen.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund begrüsst es ausdrücklich, dass der Bundesrat die Kultur als Arbeitswelt in den Fokus rücken will: „Kulturschaffende haben häufig sehr tiefe Einkommen und grosse Lücken in der sozialen Absicherung. Der SGB setzt sich zusammen mit seinen Kulturverbänden dafür ein, dass im Rahmen der nationalen Kulturpolitik angemessene Entlöhnungen gefördert und die soziale Absicherung Kulturschaffender erweitert wird – insbesondere in der AHV und der Arbeitslosenversicherung. Neue Beratungs- und Dienstleistungsangebote sind hingegen nur zielführend, wenn die Kulturverbände ab sofort eng einbezogen werden in die Umsetzungsarbeiten.“
Die Verbände, darunter auch SzeneSchweiz, fordern einen Platz am Tisch, wenn es um die Entscheidung zu konkreten Massnahmen geht. Nur so kann Unterstützung genau dahin fliessen, wo sie am dringendsten benötigt wird.
86 Prozent der freien Darsteller*innen können nicht von ihrem Job leben
SGB: Im letzten Jahrzehnt hat nicht nur die Anzahl Kulturschaffender stark zugenommen, auch atypische Beschäftigungsverhältnisse sind im Kultursektor deutlich häufiger geworden. Die Erwerbstätigkeit vieler Kulturschaffender ist geprägt durch befristete, projektbezogene Verträge, Teilzeitanstellungen und Mehrfachbeschäftigungen. Sie haben häufig sehr tiefe Einkommen und einen geringen sozialen Schutz. 2019 zeigte eine Studie auf, dass fast 60 Prozent der Kulturschaffenden weniger als 3075 Fr. pro Monat verdienen (x13).
Zahlen vom letzten Jahr sind noch erschütternder: in den Darstellenden Künsten gaben 86 Prozent der professionellen Freischaffenden an, nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben zu können. Wenig überraschend haben viele äusserst tiefe Altersrenten, die Rentenlücke in der beruflichen Vorsorge ist gross. Aber auch bei Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit und teilweise auch Mutterschaft sind Kulturschaffende ungenügend abgesichert.
Keine Förderung für prekäre Arbeitsplätze
Die Verbände der Kulturschaffenden spielen eine herausragende Rolle, um im Kultursektor gute Arbeitsbedingungen, angemessene Einkommen und Zugang zu sozialer Sicherheit zu gewährleisten. Die Einhaltung ihrer GAV-Löhne, Gagen- und Honorarempfehlungen ist entscheidend. Sie müssen im Rahmen der staatlichen Kulturförderung garantiert sein. In Bezug auf die soziale Sicherheit begrüsst der SGB den Vorschlag, die Bestimmungen für Kulturschaffende in der AHV auszuweiten und das Beratungsangebot auszubauen. Es braucht aber auch Lösungen, um Kulturschaffende mit stetig sinkenden Pensen in der Arbeitslosenversicherung besser abzusichern. Die angedachte gesamtschweizerische Beratungs- und Dienstleistungsstelle für Kulturschaffende muss unter Einbezug der Berufsverbände konkretisiert werden. Denn nur sie verfügen über breite Erfahrungen und fundierte, branchenspezifische Kenntnisse. Bestehende regional und branchentechnisch spezialisierte Beratungsangebote dürfen nicht untergraben werden.
Hollywood diskriminiert Frauen stärker
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV/von RedaVor und hinter der Kamera: Von den 100 erfolgreichsten Filmen 2023 hatten nur 30 eine weibliche Hauptfigur oder Co-Hauptfigur. Der niedrigste Wert seit über einem Jahrzehnt. Hinter der Kamera waren es sogar nur 22 Prozent.
2023 galt, vor allem auch wegen des Barbie-Filmes, als „Jahr der Frauen“. Nun, nein. Die Erhebung der kalifornischen Annenberg Inclusion Initiative zeigt nicht nur, wie stark Mädchen und Frauen als Protagonistinnen repräsentiert werden. Sie verdeutlichen auch ganz konkret die Karrierechancen für Schauspielerinnen in der Filmindustrie.
Frauen über 45 doppelt diskriminiert
Die streikbedingte Verschiebung mancher Filme ins Jahr 2024 reiche nicht als Erklärung für den Rückgang aus – »Das ist ein katastrophaler Rückschritt für Mädchen und Frauen im Film«, sagte die Gründerin der Annenberg-Initiative, Stacy L. Smith zu Spiegel . »In den vergangenen 14 Jahren haben wir die Fortschritte in der Branche beschrieben«. Deshalb sei diese Wende so erstaunlich. Sie stehe in klarem Widerspruch »zu all dem Gerede über 2023 als dem ›Jahr der Frauen‹«.
Nur drei Filme hätten Protagonistinnen, die älter als 45 Jahre seien, notierte die Initiative in ihrem Report weiter: »Cocaine Bear« (Keri Russell), »My Big Fat Greek Wedding 3« (Nia Vardalos) und »Magic Mike’s Last Dance« (Salma Hayek). Im Gegensatz dazu seien 32 Männer dieser Altersgruppe Protagonisten gewesen.
Weniger als ein Viertel Frauen in den wichtigsten Filmjobs
Im Branchenmagazin Cineman führt die Journalistin Maria Engler vor: 2023 waren in den 250 finanziell erfolgreichsten Filmen lediglich 22 Prozent der Jobs in Regie, Drehbuch, Produktion, Schnitt und Kamera von Frauen besetzt, wie Die Studie «The Celluloid Ceiling» von Dr. Martha M. Lauzen der San Diego State University zeigt. Im Jahr 2022 waren es noch 24 Prozent. Dreht man diese Zahlen um, wird das Bild noch deutlicher: In 83 Prozent der Filme führten Männer Regie, in 94 Prozent der Fälle führte ein Mann die Kamera.
In den einzelnen Sparten gibt es dabei mitunter grosse Unterschiede. Die besten, wenn auch fernab von fairen, Chancen haben Frauen in der Filmproduktion. Bei den 250 erfolgreichsten Filmen hatten 26 Prozent Produzentinnen und 24 Prozent ausführende Produzentinnen. Im Bereich Schnitt arbeiteten 21 Prozent Frauen und Drehbücher wurden zu 17 Prozent von Frauen geschrieben. Greta Gerwig und ihre Regie-Kolleginnen waren lediglich an 16 Prozent der Filme beteiligt und besonders traurig sieht es im Bereich Kamera aus – hier waren nur 7 Prozent weiblich besetzt.
Dem Schicksal in den Hintern treten
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLE„Du kannst nichts verpassen, was für dich bestimmt ist!“ – ein schöner Slogan, beruhigend, glaubwürdig und gibt einem ein gutes Gefühl. Da ich ein Mensch bin, der gerne alles infrage stellt und anderer Perspektive betrachtet, bin ich mir nicht sicher, ob die Psychologen damit nicht einfach nur ihre Klienten entspannen wollen.
Von Stefanie Gygax
Einige Jahre lang nahm ich diese Aussage an. Es half mir Vertrauen in meinen Weg zu finden und – da ich meistens mit Mut gesegnet bin – bei Chancen dementsprechend zu handeln. Ich machte mir kaum Gedanken über verpasste Gelegenheiten. Wieso sollte man über etwas nachdenken, das man
sowieso nicht mehr ändern kann?
Ein kürzliches Ereignis hat mich da doch etwas aufgerüttelt. Bisher habe ich eine Absage hingenommen und ein „Sorry, momentan haben wir keine Vakanzen“ als Tatsache akzeptiert. Nach einem ersten persönlichen Vorsingen letzten Sommer offerierte mir eine Casting-Direktorin eine Worksession auf der grossen Bühne im Herbst. Sie würde ausserdem nach kleinen Rollen Ausschau halten, um mich mit dieser Bühne vertraut zu machen.
Ich war begeistert und freute mich über das Angebot. Was dann aber folgte, war alles andere als erfreulich. Ich bekam keine Antwort mehr auf meine Mails und Anrufe wurden auch nicht entgegengenommen. Über ihre Assistentin, die ich persönlich kannte, versuchte ich dann mit ihr Kontakt aufzunehmen. Auch von ihr bekam ich erstmal keine Antwort, konnte sie dann aber telefonisch erreichen. Sie vertröstete mich auf später und dass sie sich melden würde.
Der Herbst wurde immer dunkler und auf meine Mails gab es noch immer keine Reaktion. Im November erreichte ich dann per Telefon die Assistentin nochmals und wurde ein weiteres Mal vertröstet. Als ich mich dann im Januar entschlossen habe, etwas direkter oder für uns Schweizer doch eher forsch zu schreiben, bekam ich von der Assistentin die typische Abschiebungsfloskel: „Es tut mir leid, wir machen unter dieser Intendanz bis Sommer 2025 keine Vorsingen und auch keine Worksessions mehr. Ich melde mich, falls es eine Möglichkeit gibt, aber momentan haben wir auch keine Vakanzen.“
Wie bitte?
Normalerweise hätte ich das akzeptiert, aber weil mir die Casting-Direktorin diese Dinge offeriert hat, die für mich ein Sprungbrett bedeuten können, konnte ich das nicht einfach so hinnehmen. Also habe ich der Casting-Direktorin auf die Mailbox geredet, ziemlich forsch und nochmal ein Mail geschrieben und gefordert, sie solle mich bitte mit Respekt behandeln und ihr Wort halten.
Zwei Stunden später hatte ich eine Antwort von ihr persönlich! Nachdem ich ein halbes Jahr lang keine Reaktion bekommen habe, ging es jetzt plötzlich so schnell. Sie versicherte mir, dass wir diese Worksession jetzt im Frühjahr machen, da müsse ihre Assistentin wohl wegen Deutsch/Englisch was falsch verstanden haben. Sie mache mit gezielten Sängern sehr wohl Auditions und wegen der kleinen Rollen für die nächste Saison wisse sie dann in den nächsten Wochen mehr.
Entschuldigung? Ist das euer Ernst? Wollt ihr mir damit sagen, dass ich die Chance meines Lebens verpasst hätte, wenn ich jetzt nicht frech geworden wäre und eure Antwort einfach hingenommen hätte? Das hat meine Grundeinstellung von wegen, man soll die Dinge so akzeptieren, wie sie sind im Kern erschüttert.
Denk jetzt mal ernsthaft nach, wie oft du dich hast abwimmeln lassen. Ich finde diese Respektlosigkeit den Künstlern gegenüber eine Frechheit.
Natürlich kann jeder Mensch mal etwas vergessen, aber … Ich möchte dich dazu auffordern, nicht immer sofort nachzugeben, dich zu wehren und deinen „Vorgesetzten“ auf Augenhöhe zu begegnen. Die veralteten Hierarchien können nur durchbrochen werden, wenn wir Künstler*innen anfangen für uns einzustehen, ohne ständig Angst zu haben, dass es den nächsten Job kosten könnte.
Ich wünsche mir eine Theaterwelt, in der die Künstler als das behandelt werden, was sie sind: Nämlich die Protagonisten, die vorne auf der Bühne stehen und ihr Innerstes nach Aussen kehren. Ohne uns läuft gar nichts. Also egal ob Künstler oder Vorgesetzter: Versuche dich doch mal an dem Experiment, in deinem Alltag das Gegenteil von dem zu machen, was du normalerweise tust und beobachte, wie sich dein Leben verändert.
SzeneSchweiz: Bitte Beiträge bezahlen
/in Aktuell, Verbandsinfo, Verbandsinfo, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLELetztes Jahr stellte SzeneSchweiz die Rechnungsstellung auf E-Mail um. Das hat zu Verwirrungen bei der Begleichung der Mitgliederbeiträge geführt.
Ein grosser Teil der Beiträge des letzten Jahres wurden noch nicht beglichen. Das hat damit zu tun, dass die Rechnungen neu per E-Mail kommen, und wohl oft übersehen werden („Das Mail schaue ich mir später an!“ – „Schon wieder ein Newsletter“). Für SzeneSchweiz ist das ein wirkliches Problem, da so die Gelder fehlen, um Unterstützung wie rechtliche Beratung oder Workshops oder Betreuung zu finanzieren.
Das Sekretariat hat sich deshalb in diesem Jahr nochmals die Mühe gemacht, eine Erinnerung per Post an alle Mitglieder zu verschicken. Also, bitte checkt, ob ihr euren Beitrag bereits einbezahlt habt (dann könnt ihr die Erinnerung ignorieren) oder ob ihr zu denen gehört, die das E-Mail übersehen haben. Dann zahlt bitte den Betrag ein. Solltet ihr Schwierigkeiten mit dem Einzahlungsprozess haben, könnt ihr bei Bank oder Post kurz nachfragen, die helfen gerne.
Solltet ihr in einer finanziell schwierigen Situation sein, meldet euch doch bitte per Mail bei info@szeneschweiz.ch, und wir finden eine Lösung, wie immer.
Wichtig ist, dass euch bewusst ist, dass wir euch nicht unterstützen können, wenn wir keine Beiträge bekommen. Euer Beitrag hilft Kolleg*innen in schwierigen Situationen, genau wie die Beiträge anderer euch einmal helfen können.
Herzlichen Dank!
SRF-Regeln schützen Sprecher*innen vor KI
/in Aktuell, Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Verbandsinfo/von RedaSRF hat interne Ethik-Richtlinien für den Einsatz von KI im Bereich Audio erstellt und will damit die menschlichen Sprecher*innen schützen. So siehts aus:
Regeln für die Anwendung im Bereich Audio beim SRF
Die Handlungsanweisungen gelten für alle KI-generierten und -bearbeiteten Audios, welche für folgende Anwendungszwecke genutzt werden:
Erlaubt
Verwendung KI-generierter Audios in der Berichterstattung zum Thema KI
In der Berichterstattung zu Themen rund um Künstliche Intelligenz können KI-generierte Audios eingesetzt werden. Dabei können im Sinne eines Zitats auch KI-generierte Audios aus dem Internet verwendet werden.
Einsatz KI-generierter Audios in der Text-Vertonung zur Förderung der Barrierefreiheit
Zur Förderung der Barrierefreiheit können KI-Anwendungen zur Text-Vertonung (Text-to-Speech) eingesetzt werden (e.g. Bild-Beschreibung, Manuals und Tutorials). Künstlich generierte Stimmen dürfen verwendet werden, sofern sie nicht der Stimme einer real existierenden Person nachempfunden sind.
Einsatz KI-generierter Audios bei linearen und digitalen Formaten
Innovative Anwendungsfälle und beschränkte Experimente mit künstlich generierten Audios sind erlaubt. Dies gilt insbesondere bei digitalen Formaten (z.B. satirische Beiträge in digitalen Audios /Videos oder Moderation auf Web-/Digitalradio).
Experimente in Formaten, in denen die Nutzer:innen eine menschliche Stimme erwarten (Radio, TV, Podcasts), müssen jeweils einzeln bewilligt werden (z.B. Overvoicing)
Nicht erlaubt
Breitflächiger Einsatz KI-generierter Stimmen auf etablierten Kanälen
Künstlich generierte Stimmen dürfen überall dort nicht breitflächig verwendet werden, wo das Publikum eine menschliche Stimme erwartet. Dies gilt insbesondere für unsere linearen Audio- und Video-Angebote (Radio und Fernsehen) sowie Podcasts. Allerdings sollen in einem beschränkten Rahmen Experimente mit KI-Stimmen
auch hier möglich sein. Diese Experimente müssen aber jeweils einzeln bewilligt werden.
Einsatz KI-generierter Stimmen, die real existierenden Personen nachempfunden sind
Künstlich generierte Stimmen, die der Stimme einer real existierenden Person nachempfunden sind, dürfen grundsätzlich nicht verwendet werden. Ausnahmen sind die Anwendungsfälle „Berichterstattung zum Thema „KI“ und „Audios bei Digitalen Formaten“ im Bereich der Satire.
Einsatz KI-generierter Stimmen als Ersatz für SRF-Sprechende
Künstlich generierte Stimmen kommen nicht als Ersatz für Moderator:innen, Sprecher:innen oder Redaktor:innen zum Einsatz.
Mathieu Bertholet übernimmt Intendanz am Neumarkt
/in Aktuell/von RedaDer Romand Mathieu Bertholet nimmt ab Saison 25/26 die Herausforderung an, das Theater am Neumarkt zu führen.
Obwohl er in der Deutschschweiz eher unbekannt ist, hat der bilingue Walliser einen grossartigen Leistungsausweis. Zurzeit trägt der 46-Jährige die künstlerische Leitung am Genfer Poche/GVE. Er studierte in Berlin szenisches Schreiben, arbeitete an verschiedenen Genfer Theatern als Hausautor und als Tänzer. 2007 gründete er die Gruppe MuFuThe (Multifunktionstheater), wie der Tagesanzeiger berichtet.
Er ist Träger des Schweizer Preises für Darstellende Künste und legt Wert auf die Überbrückung des Röstigrabens, was ihm bereits einmal gelungen ist; Letzten Herbst feierte das vom Neumarkt und Bertholets Theater Poche koproduzierte Stück «Der untalentierte Mr. R.» in Zürich Premiere, ehe es auch in Genf zu sehen war.
Bereits letzte Woche wurde eine andere Veränderung am Neumarkt bekannt: Der Hausdramaturg Eneas Prawdzic verlässt das Theater und gönnt sich eine Auszeit.
Neue Medien? Alter Hut.
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEKunst hatte schon immer den Anspruch, das Publikum in fremde Welten zu entführen, andere Wirklichkeiten zu simulieren. Neu daran ist nur die Technologie. Corinne Soland entführt auf eine Reise durch die Geschichte der Virtualität.
Was verstehen wir denn eigentlich unter “Neue” Medientechnologien? Die meisten Technologien und damit einhergehende Veränderungen unserer Arbeit bestehen schon eine ganze Weile. Dennoch hält sich diese Begrifflichkeit, auch wenn Förder*innen mittlerweile darin übergegangen sind, “Interaktive” Medien oder “Multimediale” Kunst zu fördern.
Virtual Reality zum Beispiel wird immer noch als neues Medium betrachtet. Virtuelle Realität wird vor allem darüber definiert, dass es ein Gefühl erschafft von “präsent sein in der dargestellten Welt”. Bereits die 360°-Panorama Wandbilder aus dem 19. Jahrhundert in Europa stellten dieses Gefühl bei den Betrachtenden her. Um 1840 wurden dann stereoskope Bilder erschaffen, Fotografien, die bei den Betrachtenden ein Gefühl von Dreidimensionalität auslösten. Im 20. Jahrhundert kam die Rechenkraft von Computern hinzu. Nun wurde es erstmals möglich, grosse Simulationen zu errechnen.
Als erstes Testfeld für neue Technologien dient jeweils das Militär, so entstand auch der erste Flugsimulator. Doch die Fiktion ist auch eine grosse Ideengeberin – diverse Technologien wurden erst in Büchern und für Filme entworfen, bevor sie dann, durch Hardware umgesetzt, für Nutzer*innen verfügbar waren. Das iPad-ähnliche Tablet kam in 2001: A Space Odyssey zum ersten Mal vor. Es gibt im Film selber keine Anzeichen für eine Touchscreen-Technologie oder ausdrückliche Hinweise auf mehrere Funktionen, da das Tablet nur kurz zu sehen ist. Seltene Dokumente aus dem Stanley-Kubrick-Archiv belegen aber, dass Kubricks Team tatsächlich diverse Funktionen für seine Erfindung ins Auge gefasst hatte.
Virtual Reality in den 1960ern
Stanley G. Weinbaum fiktionalisierte mit “Pygmalion’s Spectacles” zum ersten Mal die Idee, dass Menschen durch Brillengläser eine andere Wirklichkeit erfahren konnten. 1950 wurde diese Idee dann auch maschinell umgesetzt – im “Sensorama”, einem Gerät, das den Nutzenden unter anderem eine Skiabfahrt fühlbar nahe bringen sollte, unter anderem mit Video und Luftbläser. Ab 1960 wurden die Brillen entworfen, deren Aussehen und Funktionen wir im Kern heute auch noch verwenden.
Was genau “neu” ist an der Neuen Medientechnologie wird also immer wieder neu definiert. Motion Capture gehört eigentlich auch bereits zum alten Eisen (dazu in einer nächsten Kolumne mehr). Was vielleicht momentan als absolut neu betrachtet werden kann, ist die kommende Generation Augmented Reality oder das Training von maschinellen Modellen, die menschliche Intelligenz simulieren sollen (und dabei etwas ganz anderes machen).
Mehr Chance als Fluch
Ich muss ehrlich sagen, auch wenn ich mich mit “Neuen” Medientechnologien beschäftige und jeden Tag damit zu tun habe: Mir ist Technik oftmals auch suspekt oder ich verstehe sie nicht. Und ich glaube, dass nicht die neuen Medientechnologien für Schauspielende eine Herausforderung sind, sondern eher die bewährten, altbekannten:
Wie kann ich eine verlässliche Website bauen, die ich einfach und schnell abfüllen kann, ohne grosse Kosten? Wie kann ich mein Theaterstück filmen, ohne dass der Ton schlecht ist und die Lichteinstellungen automatisch hin- und herwechseln? Wie kann ich mein Casting-Video aufnehmen mit dem Handy, es schneiden, Titel einfügen und losschicken? Kann ich zwei Internet-Plattformen vereinen, so dass meine Showreels auf einer Seite sind? Soll ich ein Youtube- oder ein Vimeo-Profil machen? Wie bediene ich ein Social Media Profil, damit mich die Algorithmen favorisieren?
Im Spiegelbild der Technologie
Und dann kommt noch eine andere Dimension dazu: Wer bin ich denn in diesen unterschiedlichen Medien? Selbst wenn wir einmal in der Woche ins Kino gehen oder streamen oder sonstwie Video konsumieren: wir sehen uns selber selten auf Video, ausser in den fertigen Produkten (mit Maske, perfekt ausgeleuchtet und cadragiert).
Ganz ehrlich – nehmt ihr euch auch verzerrt wahr über Video? Bei mir entstand so auch schon die Frage: Ich bewege mich doch schon “schnell”, wieso sieht es auf Video nicht “schnell” aus? (Schnelligkeit ist relativ, I guess.) Video zeigt mich demnach, wie ich auf Video bin. Nicht, wie ich mich empfinde oder wie ich “schnell” empfinde. Meine Wahrheit deckt sich in dem Moment nicht mit der „Wahrheit“, welche die Kamera zeigt.
Motion Capture Bewegungserfassung zeigt, wie meine Bewegungen aussehen als dreidimensionale Koordinaten in einem dreidimensionalen, digitalen Raum. Technologien können uns nicht perfekt abbilden. Sie können ergänzen, simulieren, weiterführen oder die Basis bilden für etwas, das wir hinzugeben.
Ein neuer Spielplatz für menschliche Neugierde
Computerspiele entstanden, weil ein paar neugierige Menschen ein wenig mit der Hard- und Software von Computern herumgespielt hatten. Weil sie eine Technologie genommen und sie gehackt hatten, also das Bestehende für eine andere Verwendung nutzen. Für die Verwendung, die sie wollten. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir durch unsere Kreativität Dinge erschaffen können. Zum Beispiel ein ganz neues Medium wie Videospiele.
“Neu” ist also immer von uns abhängig. Und wenn wir mal keine Lust haben auf “neu” können wir auch immer noch auf “neu” machen. So wie im fabulösen Stück “Ersatz” von Aïe aïe aïe Collectif d’Artistes, das für zwei Vorstellungen zu Gast war am Theater Stadelhofen in Zürich. Sarah Reyjasse spielte die Erfahrung von Virtual Reality – komplett ohne ein einziges reales Virtual Reality Headset auf der Bühne. Das war grossartig – und umspannte ohne menschliche Worte die ganze Menschheitsgeschichte.
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1. Stan Kubrik und das iPad
2. Geschichte der virtuellen Realität
3. Ernst Brem über die juristischen Herausforderungen
4. Sarah Reyjasse im Stadelhofen
Workshop: Creatività e struttura?
/in Verbandsinfo, Aktuell/von Redaktion ENSEMBLESono aperte le iscrizioni per il workshop «Quanto strutturata dev’essere l’attività di un creativo?» diretto da Paola Valchera, coach e facilitatore, con special guest Maria Bonzanigo.
27 febbraio 2024 ore 13.30 – 17.00
presso Hotel Pestalozzi Lugano
Info e iscrizioni entro il 23 febbraio a info@scenasvizzera.ch / tel. 078 806 70 60
Il workshop e gratuito per i membri ScenaSvizzera (CHF 50.- per i nonmembri).
Svolgimento del workshop:
Nella prima parte, i partecipanti saranno invitati, attraverso un workshop *facilitato, a riflettere sui diversi approci alla creatività. Esploreremo gli aspetti importanti, ma soprattutto condivideremo le esperienze e le pratiche dei partecipanti.
Dopo un Networking Caffé accoglieremo la special guest Maria Bonzanigo, compositrice e coreografa della Compagnia Finzi Pasca con la quale dialogheremo sul suo approcio alla creatività.
*La facilitazione crea un ambiente collaborativo, gestisce le dinamiche di gruppo, sviluppa competenze di leadership, migliora i processi decisionali e rende le riunioni più produttive.
Weiterbildungsbeitrag für die Künstlerbörse: Nachtrag
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaIm Januar haben wir an dieser Stelle darüber informiert, dass SzeneSchweiz neu auch die Teilnahme an der Schweizer Künstlerbörse mit dem jährlichen Weiterbildungsbeitrag von CHF 100 unterstützt. Gerne doppeln wir zur Erklärung mit einer Ergänzung nach:
Voraussetzung für die Bewerbung an der Künstlerbörse ist eine Mitgliedschaft beim Verband t. Theaterschaffen Schweiz. Nur wenige unserer Mitglieder sind allerdings bei beiden Verbänden Mitglied. SzeneSchweiz unterstützt eure Präsenz an der Künstlerbörse dennoch wie folgt:
Wer nicht Mitglied bei t. Theaterschaffen Schweiz ist und sich deshalb nicht für einen Auftritt an der Künstlerbörse bewerben kann, aber trotzdem gerne als Besucher*in an die Künstlerbörse gehen möchte: SzeneSchweiz beteiligt sich an den Eintrittstickets und Tagespässen (Kosten: zwischen CHF 50 und CHF 180)
ODER
Wer sowohl bei SzeneSchweiz als auch bei t. Mitglied ist und sich für die Künstlerbörse bewirbt, kann unseren Weiterbildungsbeitrag für die Einschreibegebühr (Kosten: CHF 50) nutzen. Im Falle eines Auftritts unterstützen wir euch auch bei der «Startgebühr» (Kosten: CHF 300).
Schickt uns bitte eure Quittung für die Tickets oder die Zahlungsbestätigung für die Einschreibe- oder Startgebühr: info@szeneschweiz.ch.
IBAN-Nummer nicht vergessen, damit wir euch den Weiterbildungsbeitrag auszahlen können!
Eneas Prawdzic: «Subversives, utopisches Potential»
/in Aktuell, Theater/von Seraina KoblerNach 5 Jahren als Hausdramaturg am Theater Neumarkt in Zürich blickt Eneas Nikolai Prawdzic zurück auf Stücke der Hoffnung, Produktionen wie Spitzensport und verrät, wie prägend Theater sein kann
Interview: Seraina Kobler
Eneas Prawdzic, in deiner Kurzbiografie steht, Dringlichkeit sei dein Lieblingswort. Wie verwendest du es in Bezug auf das Theater?
Als Wegweiser. Die Frage stellt sich genauso beim Gestalten eines Spielplans wie während der Proben. Mein Job ist ein ständiges Einschätzen und Gewichten. Was erzählen wir mit dieser und jener Entscheidung und warum? Natürlich gibt es dafür unzählige Variablen, die es zu berücksichtigen gilt – gerade an einem Stadttheater – aber für mich ist die Frage nach der Dringlichkeit eine unverzichtbare.
Das liegt wohl an meinem Verständnis von Theater und allgemein der Künste als wichtiger Pfeiler jeder offenen und demokratischen Gesellschaft. Man könnte sagen, die Dringlichkeit ist die Nadel meines humanistischen Wertekompasses. Wo die humanistischen Werte an Boden verlieren, schlägt sie besonders aus.
Kannst du das erklären?
Wer meint, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Demokratie sind Errungenschaften, für die es sich nicht mehr einzusetzen braucht, ist naiv. Der Aufklärung weht ein eisiger Wind entgegen. Wenn die führenden Köpfe der grössten Partei in diesem Land den ungarischen Premierminister Viktor Orbán einladen und wie ein Superstar feiern, dann heisst das auch für dieses Land nichts Gutes.
Orban schwärmt von seinem Modell der illiberalen Demokratie und macht kein Hehl daraus, dass er von freien Medien oder Gerichten nur wenig hält. Wenn beispielsweise ein rechter Mob mit Unterstützung derselben Partei in diesem Land eine performative Kinderlesung mit Drag Queens und Kings stören und verbieten will, dann müssen bei uns alle Alarmglocken läuten.
Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass autoritäre Kräfte, wenn sie an die Macht kommen, die Künste als etwas vom Ersten angreifen…
Ein Beispiel, das auch meine Familie betrifft: In Polen löste 1968 ein Theaterstück Jugendunruhen aus. Das Stück las man als Kritik an der Sowjetunion. Die Regierung setzte es ab. Es kam zu den grössten Demonstrationen seit Kriegsende. Leider nimmt diese Geschichte kein gutes Ende. Die Regierung hatte schnell die Schuldigen gefunden. Es traf wie so oft die jüdische Bevölkerung.
Die wenigen tausend polnischen Überlebenden der Shoah und ihre Nachkommen wurden als „fünfte Kolonne“ gebrandmarkt und aufgefordert, das Land zu verlassen. Im Zuge der antisemitischen Hetze flüchteten auch meine Grossmutter mit meiner Mutter aus Polen. Sie wurden staatenlos, erhielten über Umwege drei Jahre später in der Schweiz Asyl.
Womit kann Theater diese Kraft entfalten?
Ich würde sagen, die Antwort fällt je nach Kontext anders aus. Was aber doch unabhängig von Zeit und Raum gilt: die Kraft des „als ob“ und der Versammlungscharakter. Die Macht der physischen Kopräsenz, sie bewirkt, dass kollektive real-fiktive Erlebnisse entstehen, die mal subversives, mal utopisches Potenzial haben. Diese Erfahrungen von Agency, Freiheit oder Solidarität können sich ins Bewusstsein einschreiben. Theater kann Möglichkeitsräume erproben.
Mit dem Kollektiv «Proberaum Zukunft» lotet ihr diesen Raum noch mehr aus – und webt die Fiktion unter reale Begebenheiten, wenn etwa Politiker:innen in einem Stück sich selbst spielen …
Wir haben uns gefragt, wie wir den Theaterapparat so in Bewegung setzen können, dass Menschen sich in einer Versammlung wiederfinden, in der wichtige gesellschaftliche Entscheidungen debattiert und gefällt werden und in der die Anwesenden für einen Moment vergessen, dass es sich hierbei nur um eine Fiktion handelt.
So haben wir etwa zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution 2017 behauptet, die Schweizer Revolution fände gerade statt und wir seien eine der über 2000 Versammlungen, die zeitgleich über die Frage abstimmen, ob die Revolution weitergeführt und eine verfassungsgebende Versammlung einberufen werden soll oder das Ganze wieder abgeblasen wird.
Aber warum mit echten Politiker*innen und nicht mit Schauspieler*innen?
Wenn etwa Aline Trede von den Grünen oder Fabian Molina von der SP behaupten, sie seien Teil der Revolution, dann beginnt sich ein interessanter Raum zwischen Realität und Fiktion zu öffnen. Aus dieser Real-Fiktion im Zürcher Volkshaus entstand dann das Kollektiv Proberaum Zukunft. Seither entwickeln wir Versammlungsformate, in der wir fiktive Schlüsselereignisse der Geschichte erproben.
Zur Person: Eneas Nikolai Prawdzic, geboren 1989, ist seit der Spielzeit 2019/20 Hausdramaturg am Neumarkt und Co-Regisseur des Kollektivs «Proberaum Zukunft». Er arbeitete als Regieassistent am Schauspielhaus Zürich sowie als Dramaturgieassistent am Luzerner Theater. Bevor er sich dem Theater zuwandte, engagierte er sich im Feld der Politik u.a. als Politischer Sekretär sowie Mediensprecher und Kampagnen-Leiter Eidgenössischer Volksabstimmungen. Er studierte Soziologie an der Universität Zürich und an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau sowie Dramaturgie an der Zürcher Hochschule der Künste.
Wo ist da die Grenze zum Aktivismus? Wie bleibt Kunst dennoch frei?
Wir bewegen uns im fiktiven Raum. Hier herrscht das Gebot des „als ob“, was im Idealfall eine produktive Reibung mit dem Ist-Zustand ermöglicht. Mir bleibt in Erinnerung, wie nach der Real-Fiktion „Die Aarau AG“ (2021) im Aargauer Kantonsparlament sich u.a. beteiligte Politiker:innen von links bis rechts für diese Erfahrung bedankt haben.
Die Kunst kann hier Mittel sein, um das Vorstellbare durch das Erleben einer Fiktion zu erweitern. Das kann man aber auch mit einem abstrakten Gemälde, mit Tanz und Musik, die Menschen in andere Welten entführen, von dort aus sie wieder anders auf ihr Leben blicken.
Ist das auch eine Handlungsoption, gegen die Hoffnungslosigkeit, die einem manchmal unter der täglichen Nachrichtenflut befällt?
Natürlich bin auch ich oft morgens erschlagen, wenn ich die News-App öffne. Da finde ich es auch absolut legitim, wenn die Kunst auch einfach mal zur Realitätsflucht dient. Schliesslich müssen wir auch auftanken und das Leben geniessen. Dann wissen wir wieder, für was es sich zu kämpfen lohnt. Trotzdem, ein positiver Wandel wird nur dann einsetzen, wenn die Menschen sich damit befassen und sich organisieren. Da das viel zu wenig geschieht, verstehe ich alle, die an der aktuellen Situation verzweifeln.
Wie gehst du damit um?
Oft hilft mir der Perspektivenwechsel, was ja auch das Geschäft des Theaters ist. Wie sah es vor dreissig Jahren oder vor dreihundert Jahren aus? Wie nehmen Menschen mit anderen Biografien oder aus anderen Weltregionen die Gegenwart wahr? Der Perspektivenwechsel ermöglicht mir, anders auf meine Realität zu blicken. Gerade durfte ich eine Produktion der Gruppe ‚Bruch‘- dramaturgisch begleiten.
Sag Eneas, was macht ein Dramaturg eigentlich ganz genau?
Das ist tatsächlich schwierig zu beschreiben (lacht). Am einfachsten erklärt: Als Hausdramaturg entwickle ich mit meinen drei Kolleginnen einen Spielplan. Das ist die kuratorische Arbeit. Wir vier splitten dann die Produktionen untereinander auf und ich bin dann für das Gelingen der mit anvertrauten Produktionen verantwortlich. Für mich beginnt produktionsspezifische Arbeit immer mit der Frage, wie ich die Regie und das gesamte Team am besten künstlerisch unterstützen kann.
Letztendlich führt das dazu, dass der Job jedes Mal etwas anders ist. Was sind die Bedürfnisse, Dynamiken und wo sehe ich Handlungsbedarf? Manchmal läuft das auf eine Art Co-Regie hinaus, ein anderes Mal bin ich mehr Outside Eye, wo punktuell die Proben begleite und erst ab den Endproben intensiv betreue. Dasselbe beim Text: Mal bin ich für den Text verantwortlich, mal bleibe ich in der Rolle des Lektors.
Das braucht eine gute Beobachtungsgabe…
Bestimmt, ja. Einfühlsam sein, Rücksicht nehmen, aber auch das eigene Ego zurücknehmen sind meiner Ansicht nach essenziell für diese Funktion. Auch wenn du während der Proben denkst, die eine Abzweigung wäre besser gewesen, wenn die Regie sich gegen deine Intention entscheidet, musst du dich damit abfinden und weiter geht’s. Neben dieser Arbeit fallen dann noch so To-dos wie Ankündigungstexte oder Pressemappen in meinen Verantwortungsbereich.
Nach fünf Jahren am Theater Neumarkt nimmst du dir eine Auszeit. Was hast du gelernt in der Zeit?
Es waren fünf intensive und lehrreiche Spielzeiten mit tollen Künstler:innen und einem inspirierenden Team. Ich habe grosses Glück, Teil dieses „unbedingten Theaters“ zu sein. Zugleich ist der Job auch auszehrend. Jemand hat es mal mit Spitzensport beschrieben. Ich finde, das beschreibt den Ausnahmezustand ganz gut, in den du gerätst, wenn die Proben starten.
Du kriegst sechs Wochen und dann go! Am Ende will jeder eine Medaille. Wenn du dir dann noch den Weg zu Ziel mit experimentellen Stückentwicklungen verkomplizierst, nimmt die Challenge weiter zu … Auch wenn das Theater mit öffentlichen Geldern finanziert wird, sind die Ressourcen knapp. Trotzdem halte ich es aus künstlerischer und menschlicher Sicht für notwendig, dass man den Marathon-Charakter ein wenig abschwächt und auch Raum fürs Flanieren lässt.
Welche Rahmenbedingungen bräuchte es, um auch im Alltag zum Durchatmen zu kommen?
Ich plädiere ganz klar dafür, dass 8 Wochen pro Produktion die Regelzeit für eine Inszenierung werden. Auch wenn das bedeutet, dass man als Haus weniger Stücke produziert. Ich bin überzeugt, solche Stücke würden noch besser und das würde sich wiederum auf die Publikumszahlen auswirken.
Idealerweise teilt man die Proben in Blöcke auf. Eine Pause kann helfen, die Dinge sacken zu lassen und noch einmal über die Bücher zu gehen. Aber an Statheatern ist das kompliziert. Trotzdem versuchen! Ausserdem ist es unfassbar wichtig, dass Resonanzräume für Austausch und Zwischenmenschliches nicht dem Stress und der fehlenden Zeit zum Opfer fallen.
Deine weiteren Pläne?
Ich würde jedem empfehlen, der, die oder they eine solche Funktion innehat, nach Möglichkeiten auch mal eine Auszeit zu nehmen. Ich hoffe, ich schaffe es, trotz all der Dringlichkeit weniger zu arbeiten, mehr zu lesen und Freundschaften zu pflegen und auch mal jenseits der Sommerpause zu reisen. Es gibt Projekte, Ideen und hoffentlich bald auch weitere Formate von Proberaum Zukunft, aber genauso freue ich mich auf das noch Unverplante, all das Unbekannte.
Minus 1.4 Millionen: Schauspielhaus unter Beschuss
/in Aktuell, Theater/von RedaZuschauer*innenschwund und 1.4 Millionen Verlust – Bürgerliche geben „woken“ Inszenierungen die Schuld.
Weniger Sponsorenverträge, weniger Besucher*innen – das Schauspielhaus schliesst das Geschäftsjahr 22/23 mit einem Minus von 1.39 Millionen Franke ab, wie der Tagesanzeiger berichtet. Und das macht die Rechnung zum Zürcher Politikum.
3 Millionen Gewinn erwartet
«Das Publikumsaufkommen entsprach über die ganze Spielzeit hinweg nicht den Erwartungen», teilt die Schauspielhausleitung mit. Budgetiert waren 3 Millionen Franken Gewinn. Die beiden grossen Spielstätten Pfauen und Schiffbau-Halle seien mit 48 Prozent und 54 Prozent ungenügend ausgelastet gewesen. Auch die Bereiche Sponsoring und Fundraising konnten laut der Mitteilung das hohe Niveau der Vorjahre nicht halten und lagen mit Einnahmen von rund 1,45 Millionen unter den Erwartungen, teilt das Schauspielhaus weiter mit.
„Woke Aufführungen sind schuld“
«Die dramatischen Zahlen unterstreichen, dass die Sorgen der FDP völlig berechtigt waren», sagt Michael Schmid, FDP-Fraktionschef im Zürcher Gemeinderat, gegenüber dem Tagesanzeiger. Das Publikum laufe dem Schauspielhaus in Scharen davon, der Kurs der scheidenden Intendanz sei «komplett gescheitert». Es brauche einen radikalen Neuanfang.
SVP-Gemeinderat Stefan Urech behauptet, ein „linksideologisches Programm“ habe die treuen Abonnenten vertrieben (von Abonnentinnen spricht er nicht). SVP-Grünen-Gemeinderat Urs Riklin sieht das anders: Nacht der Pandemie hätte sich das ältere Publikum zurückgezogen und jüngere Besucher würden weniger Abonnemente kaufen, sondern sich eher spontan für eine Vorstellung entscheiden.
SP-Gemeinderätin Maya Kägi Götz erwähnt das veränderte Freizeitverhalten im gesamten Kulturbereich. Dass der Besucherrückgang auf das künstlerische Programm allein zurückzuführen sei, bezweifelt sie.
Projekte abgesetzt, Tänzerinnen entlassen
Das Schauspielhaus hat bereits Sparmassnahmen eingeleitet, unter anderem gilt ein Einstellungsstopp. So liegen die Personalkosten inflationsbereinigt rund eine halbe Million unter dem Vorjahr. Dazu beigetragen hat auch die Entlassung von mindestens zwei Ensemblemitgliedern im Bereich Tanz.
Weiter wurden verschiedene künstlerische Projekte gestrichen und nicht zwingend notwendige Investitionen verschoben. Mittelfristig müssten wieder «deutlich mehr zahlende Zuschauerinnen und Zuschauer» kommen, um den Betrieb finanziell zu stabilisieren, hält das Schauspielhaus fest.
Neue Intendanz, guter Mix
Das Schauspielhaus nimmt die Kritik aus dem bürgerlichen Lager ernst: „Wir möchten verhindern, dass die geglückte Verjüngung des Publikums zulasten des Publikums geht, welches das Schauspielhaus seit Jahren besucht», sagt Sprecherin Zora Schaad gegenüber dem Tagesanzeiger. Schon für die aktuell laufende Spielzeit habe die jetzige Intendanz einen Spielplan zusammengestellt, der auch jene Personen wieder vermehrt ansprechen möchte, die Sprechtheater, Klassikerinszenierungen und texttreue Umsetzungen bevorzugten.
Puppe oder Spieler?
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEIst man als Darsteller*in Objekt oder Subjekt? Eine Puppe? Spielt man den eigenen Körper oder wird man gespielt? Was bedeutet das für neuere Formen der Darstellung? Corinne Soland taucht in die philosophische Tiefe der Schauspielerei.
Fühlt ihr euch manchmal wie Puppen als Darstellende Künstler*innen? Mit denen irgendwelche Andere halt so machen, was sie wollen?
Puppenspiel und Schauspiel ist ja verwandt, von daher erstaunt das nicht. Es sind erstmal Körper, die auf einer Bühne bewegt werden. Im Falle des Puppentheaters in dessen Anfängen zu unterschiedlichen Zwecken: es gab das Puppen- oder Marionettentheater eher europäischer aka westlicher Tradition, das auf Unterhaltung der Menschen aus war. Und dann gab es das Puppen- und Marionettentheater des asiatischen Raumes und Nahen und Mittleren Ostens, das eher die Gottheiten als Zuschauende annahm. Ausnahmen natürlich überall inkludiert.
Körper also, die zu einem bestimmten Zweck auf einer Bühne bewegt werden. Natürlich kommt da die Frage auf: von wem? Das ist relativ einfach: auch von Körpern! Nun gut, ich mache es mir damit etwas einfach, es gibt heute zum Beispiel auch Maschinen, die einzig für den Zweck designt werden, Puppen zu spielen – doch ich möchte es für den Zweck dieser Kolumne kurz darauf herunterbrechen. Ausserdem vernachlässige ich in diesem Text auch die Stimme (die zum Beispiel im Bunraku, einer traditionellen japanischen Form des Puppentheaters, als Element ihre ganz eigene Funktion hat), es sei mir verziehen.
Der eigene Körper als Puppenspieler*in
Da gibt es also Körper, die Objekte sind, die handgefertigt werden aus Holz, Stoff, Plastik, Leder, Stopfwolle, Fäden und so weiter und so fort. Nennen wir sie Puppen. Diese Objekte werden durch Subjekte, nennen wir sie Spieler:innen, so bewegt, dass sie für die Zuschauenden als Subjekte wahrgenommen werden. Sie erhalten durch eine Erzählung, möge sie auch noch so minimal sein, ein Eigenleben.
Dann gibt es Körper, die Subjekte sind, nennen wir sie Schauspielende, welche ihrerseits eine virtuelle Person erschaffen. Diese Person gibt es nicht wirklich, eigentlich existiert sie irgendwo zwischen Text und Körper und als Wechselwirkung in den Köpfen der Spielenden und der Zuschauenden. Und doch gibt es ja einen Körper für diese virtuelle Figur, den Körper der:s Spielenden. Also ist auch das eine Subjekt-Werdung durch die Hilfestellung eines Körpers. (Was bedeuten würde, dass wir das, was virtuell entsteht, als Objekt bezeichnen könnten, was natürlich die Frage aufmacht: wann beginnt ein Subjekt?).
Seid ihr noch dabei?
Wenn ich heute in den Motion Capture Anzug reinsteige und die 3D Bühne betrete, dann bin ich beides. Ich bin der Körper, der spielt und ich bin der Körper, der gespielt wird. Ich bin gleichzeitig die:r Puppenspieler:in und die Puppe. Wenn ich meinen Arm hebe, dann hebt sich auch der Arm der digitalen Puppe. Da sie exakt genau meine Bewegungen ausführt, mache ich nicht die für das Puppenspiel und Marionettentheater typischen Bewegungen, um die Darstellung der Puppe möglichst lebensecht erscheinen zu lassen: ich selbst muss meinen Körper so bewegen, dass es möglichst lebensecht aussieht. Also wie Schauspiel. Aber halt mit einer Puppe, die “realtime”, gleichzeitig mit mir, als Spiegel funktioniert.
Wir könnten also von einer neuen Berufsgattung sprechen. Es ist ein anderes Feld als Schauspiel, in dem dein Körper das repräsentiert, was du darstellen möchtest. Und es ist ein anderes Feld als das Puppen- und Marionettentheater, in welchem dein Körper die Repräsentation unterstützt, die du mit einem anderen Körper darstellen möchtest.
Sucht Autonomie in der Darstellung
Es ist eine Vermischung, ein “Entanglement”, eine Verwebung, ein Miteinander-Durcheinander, ein Ermöglichen und eine Erweiterung.
Wenn ihr also wieder einmal das Gefühl habt, mit euch “wird gemacht” auf der Bühne – überlegt euch, ob ihr euch als Subjekt oder als Objekt behandelt fühlt. Und wo genau liegt da eure Trennlinie? Wann nehmt ihr euch als Subjekt wahrgenommen und ernst genommen?
Oder in der Erarbeitung eurer Figur: Fühlt sie sich noch etwas “objekt-artig” an? Was braucht sie, um Subjekt zu werden? Muss der Körper eventuell anders involviert sein – ob Puppenkörper oder euer eigener?
Filmtage: «Wie kommt man zu Jobs?»
/in Aktuell/von RedaAm Apero an den Solothurner Filmtagen trafen sich Darsteller*innen, um Sorgen und Hoffnungen der Branche zu teilen.
Sie tröpfelten anfangs, von Regen und Wind durchgeschüttelt, einzeln in den Uferbau. Eine Stunde später konnte man das eigene Wort nicht mehr verstehen. Geschätzte 80 Mitglieder von SSFV und SzeneSchweiz fanden sich ein. Die Themen wie so oft: Wer war und ist in welchen Produktionen beschäftigt? Und wie kommt man zu Jobs?
Prekäre Löhne, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Existenzsicherung zeigten sich als die Hauptsorgen in den Gesprächen der Mitglieder. „Wie soll man eine Familie planen, wenn man schon als Einzelperson kaum durchkommt?“, war zu hören. Einige nutzten die Gelegenheit, Beratung der Verbände gleich vor Ort in Anspruch zu nehmen.
„KI ist sicher ein Thema“, hörte man an diesen Filmtagen ebenfalls an allen Ecken. Der Schweizer KI-Pionier Karpi informierte an einem Anlass über die Chancen und Gefahren der künstlichen Intelligenz in der Unterhaltungsbranche. Neue Technologie, die Darsteller*innen überflüssig macht? Eine weitere Zukunftsangst.
Je später die Stunde, umso lockerer die Gespräche und flüssiger der Wein. Dankbar für den Apéro waren sie alle.
I | D Rimanere in conversazione | Im Gespräch bleiben
/in Aktuell, Aktuell, Tanz, Tanz, Tanz/von Redaktion ENSEMBLEIl 28 ottobre 2023, ScenaSvizzera, il Centro di Transizione SSUDK e il LAC Lugano (nell’ambito di LAC edu) hanno ospitato un dibattito sul tema „Carriera in movimento…“ in conversazione con la regista Laura Kaehr e il direttore SSUDK Oliver Dähler e con l’ospite speciale Giulia Tonelli, solista del Ballett Zürich.
Articolo scritto da Katja Vaghi, danzatrice, coreografa e ricercatrice di danza si forma alla Ballet Arts di New York per poi proseguire il suo percorso di approfondimento tra Zurigo, Londra e Berlino. Addottorata in studi della danza presso la University of Roehampton (UK), alterna lo studio teorico e la critica alla creazione per la scena. È lecturer presso la scuola per le arti sceniche e visive DIE ETAGE a Berlino, e guest lecturer e project supervisor alla Rambert School of Ballet and Contemporary Dance (BA e MA) a Londra. Ha una formazione nelle tecniche somatiche GYROTONIC®, GYROKINESIS® e yoga.
Nella società liquida descritta da Zygmunt Bauman, siamo sempre in transizione; l’unica certezza è l’incertezza. E alla mancanza di punti fermi, le danzatrici e i danzatori rispondo con creatività e adattabilità, non solo in scena. Abituati a coniugare apparenti contraddizioni come una prestazione da sportivi d’élite con un’alta sensibilità artistica, o il rilocarsi in un’altra nazione ad uno schiocco di dita, per la maggiore, con un contratto a tempo determinato in mano, le artiste e gli artisti della scena sono ben consci che nonostante tutta la dedizione e il precoce investimento di energie la loro sarà una carriera corta, molto più corta che in altre professioni. La passione per il movimento e la danza guidano la scelta verso queste professioni, e se a vent’anni ci si sente di avere una riserva d’energia pressoché infinita con il passare degli anni questa scema lentamente. Vi possono anche essere eventi che determinano una prematura chiusura di carriera. Spesso questo intenso legame con la propria arte non ha lasciato il tempo per esplorare altri interessi o passioni che aiuterebbero il reindirizzamento verso qualcosa di diverso. In questo caso c’è bisogno se non di una guida, quanto meno di uno scambio d’idee con qualcuno di affine. Fondata nel 1993 dall’Associazione Svizzera degli artisti scenici (SBKV, adesso SzeneSchweiz), la Fondazione per la riqualifica degli artisti della scena (SSUDK) dal 2016 ha un Centro di Transizione. Diretto dal danzatore, coreografo e pedagogo Oliver Dähler, il centro si prodiga di sostenere questo delicato momento di transizione accompagnando le artiste e gli artisti a trovare risorse economiche, psicologiche ed emotive.
Il 28 ottobre 2023, ScenaSvizzera, il Centro di Transizione SSUDK e il LAC Lugano (nell’ambito di LAC edu) hanno ospitato un dibattito sul tema „Carriera in movimento…“ in conversazione con la regista Laura Kaehr e il direttore SSUDK Oliver Dähler e con l’ospite speciale Giulia Tonelli, solista del Ballett Zürich. Aperto dalla rappresentante per il Ticino di ScenaSvizzera, Margit Huber, l’evento ha visto Dähler in conversazione con l’ex-danzatrice ticinese Laura Kaehr autrice di Becoming Giulia uscito nelle sale l’anno scorso, insieme con l’interprete del lungo metraggio, Giulia Tonelli, solista presso il balletto dell’Opernhaus di Zurigo. (Link dell’ intervista con Laura Kaehr nella trasmissione Ticinonews del 28 ottobre 2023, a partire dal minuto 15.28)
La carriera di una/un artista della scena è breve ed inizia molto presto. L’intensità della carriera all’interno di una compagnia spesso è accompagnata da una completa dedizione fisica, emotiva ed intelletuale al lavoro durante l’anno teatrale che non permette di intraprendere una traiettoria di sviluppo durante questi engagements. Per chi è freelance invece, si aggiunge spesso anche la mancanza di fondi come ostacolo ad una graduale riconversione professionale negli anni precedenti al ritiro dalla scena. Storicamente il bisogno di sostenere la transizione di carriera delle artiste e artisti della scena è partito dai paesi anglosassoni con la fondazione nel Regno Unito nel 1973 del Dancers Career Development (DCD). A questo è seguito nel 1985 il canadese Dancer Transition Resource Centre e il Career Transition for Dancers (CFTD) negli Stati Uniti. In Europa, il Retraining Program for Dancers (SOD) in Olanda viene fondato nel 1986. L’Organizzazione Internazionale per la Transizione Professionale dei Danzatori (IOTPD) è stata fondata nel 1993 a Losanna e ora ha preso il nome di Danse-Transition. Uno degli ultimi arrivati è la Stiftung TANZ, centro di transizione germanico con sede a Berlino ed istituito nel 2010. Durante il 2022 ad esempio il SSUDK in Ticino ha sostenuto la riconversione professionale di dieci persone. In totale, 170 artisti hanno beneficiato dei servizi di consulenza del Centro di Transizione della SSUDK sul tema della transizione professionale.
Due vite (professionali) in una, è questo quanto la fondazione SSUDK si riprone con la transizione. Il filo che lega queste due vite non va spezzato ma portato pian piano a trasformarsi in altro, per cambiare lentamente colore. Spesso si pensa che l’unico mestiere che si possa fare una volta terminata la carriera sul palco sia nell’insegnamento di danza o in qualche altro ruolo in stretto contatto con la scena. Il sostegno del SSDUK permette di aprire strade nuove di questo rimettersi in gioco, di pensare ‘out of the box’ andando, se si vuole, oltre la danza ed intraprendendo qualcosa di completamente diverso. Con il nuovo inizio formativo gli spazi della sala da prova e del palco sono sostituiti dai banchi di scuola e la presa di coscienza che la nuova professione richiederà un altro tipo di sforzo da parte dell’individuo. Un sostegno emotivo e psicologico aiuta a vedere l’esperienza come danzatrice o danzatore come un atout che porta con sé tutto un bagaglio di soft skills che saranno di vantaggio nel nuovo contesto lavorativo e che sono centrali nella scelta della direzione della riqualifica professionale.
Questo è anche l’esperienza riportata dalla cineasta Kaehr durante la chiacchierata con Dähler. Dopo una carriera come danzatrice freelance, si è avvicinata al mondo del cinema. Nel suo intervento Kaehr ricorda come il cinema l’abbia sempre affascinata anche nel periodo di formazione in danza. Ricorda anche il primo momento di sospensione e disorientamento quando ha lasciato il mondo della scena, riflettendo su come la persona che si approccia alla riqualifica professionale si trovi di fronte a vari ostacoli a cui serve dare ascolto: prima di tutto comprendere che una decelerazione dell’attività è necessaria per considerare al meglio quello che poi sarà la nuova realtà professionale. Questa è una decisione che va ponderata e non si può pretendere di prendere una decisione su due piedi. Ma anche il fatto che ci si troverà di fronte a tutto un altro modo pensare – non più prettamente cinestetico – e che quindi sarà richiesto un grado di concentrazione per poter comprendere le nuove regole da sottostare nel nuovo ambito lavorativo. Questo può essere molto stancante e ci si può facilmente demotivare; è quindi importante che le persone vengano sostenute da coach o psicologi in questa delicata transizione.
Da sottolineare è che spesso la danza viene vista come un mestiere per cui non si usa la testa. Questo è uno stereotipo perché il sapere usato in danza non è verbalizzato, o si è poco inclini a verbalizzarlo. In realtà si tratta di un sapere molto raffinato e cospicuo. Per fare un esempio basti pensare al livello di coordinazione necessario ad un corps de ballet per eseguire anche una semplice coreografia. Come si potrebbe trasporre questo al livello di un’azienda? Oltre alle personali capacità e skills dipendenti dal carattere di ognuno, il praticare danza soprattutto se così intensamente come a livello professionale offre quindi una grande ricchezza di risorse. Un primo gruppo di risorse sono nella sfera delle soft skills, ovvero quello che ci permette di navigare al meglio lo stare in relazione: quindi il continuo scambio tra l’interno, l’intimo dell’individuo, e l’esterno, la capacità di avere una collaborazione efficace. La persona avrà poi una forte capacità di autogestione e automotivazione come chi ha passato anni a perfezionare la sua prestazione e fisica. Oltre, a questo porterà con sé nel suo prossimo lavoro anche la capacità di interpretare a livello fisico e cinestetico compiti e situazioni. Ad esempio, il corpo è centrale nel suo modo di fare cinema di Kaehr. Oppure avrà facilità a guidare le persone alla introcezione. Tutte sfumature offerte dall’intelligenza cinestetica caratteristica delle persone che hanno predisposizione a lavorare con il corpo. In una società improntata alla visualità, sempre più virtuale e distante dal corpo, questo non può che essere un punto a favore.
Per ulteriori informazioni consultare: Il dossier “The Dancers Survival Guide to Transition” del SSUDK
Altri centri di riconversione:
Dancers’ Career Development (DCD – UK)
Dancer Transition Resource Centre (DTRC – CA)
Career Transition for Dancers (CFTD – US)
Retraining Program for Dancers (SOD – NL)
Stiftung TANZ (DE)
Reconversion des Danseurs Professionnels (CH)
International Organization for the Transition of Professional Dancers (IOTPD)
Sul concetto di riconversione in danza:
2004: Baumol, William J., Joan Jeffri and David Throsby (2004) Making Changes: Facilitating the Transition of Dancers to Post-Performance Careers, Research Report, New York N.Y.: The aDvANCE Project. https://stiftung-tanz.com/wordpress/wp-content/uploads/2013/02/Facilitating-the-Transition-of-dancers.pdf
2006: Jeffri, Joan and David Throsby (2006) “Life after Dance” Career Transition of Professional Dancers” in International Journal of Arts Management, Vol 8, No 3 (spring 2006), p. 55-63. https://www.jstor.org/stable/41064887
2008: IJdens, Teunis and Berend Jan Langenberg (2008) Dancers Keep Moving International careers and transition: Research report Tilburg: IVA Policy Research and Consultancy Tilburg University. /https://on-the-move.org/files/dancers_keep_moving.pdf
2011: Poláček, Richard and Tara Schneider (2011) Dancers’ Career Transitions: A EuroFIA Handbook: https://www.fia-actors.com/uploads/Dancers_Handbook_EN.pdf
Im Gespräch bleiben: Treffen zur Umschulung für darstellende Künstler
Am 28. Oktober 2023 veranstalteten ScenaSvizzera, das SSUDK Transition Centre und das LAC Lugano (innerhalb des LAC edu) eine Debatte zum Thema „Karriere in Bewegung…“ im Gespräch mit der Regisseurin Laura Kaehr und dem SSUDK-Direktor Oliver Dähler und dem besonderen Gast Giulia Tonelli, Solistin des Ballett Zürich.
Artikel geschrieben von Katja Vaghi: Sie ist Tänzerin, Choreografin und Tanzforscherin, erhielt ihre Ausbildung bei Ballet Arts in New York und setzte dann ihre Studien in Zürich, London und Berlin fort. Als Absolventin der Universität von Roehampton (Großbritannien) wechselt sie zwischen theoretischen Studien und Kritik und der Kreation für die Bühne. Sie ist Dozentin an der Schule für darstellende und bildende Kunst DIE ETAGE in Berlin und Gastdozentin und Projektbetreuerin an der Rambert School of Ballet and Contemporary Dance (BA und MA) in London. Sie ist ausgebildet in GYROTONIC®, GYROKINESIS® somatischen Techniken und Yoga.
In der von Zygmunt Bauman beschriebenen flüssigen Gesellschaft befinden wir uns immer im Übergang; die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit. Und auf das Fehlen von Fixpunkten reagieren Tänzer mit Kreativität und Anpassungsfähigkeit, nicht nur auf der Bühne. Sie sind es gewohnt, scheinbare Widersprüche wie sportliche Höchstleistungen mit hoher künstlerischer Sensibilität zu verbinden oder mit einem Fingerschnippen in ein anderes Land umzuziehen, meist mit einem befristeten Vertrag in der Hand, denn die Bühnenkünstler*innen sind sich bewusst, dass ihre Karriere trotz all ihres Engagements und ihrer früh investierten Energie nur kurz sein wird, viel kürzer als in anderen Berufen. Die Leidenschaft für Bewegung und Tanz treibt die Entscheidung für diese Berufe voran, und wenn man in seinen Zwanzigern das Gefühl hat, über eine fast unendliche Energiereserve zu verfügen, nimmt diese mit den Jahren langsam ab. Es kann auch Ereignisse geben, die zu einem vorzeitigen Ende der eigenen Karriere führen. Oft hat diese intensive Verbindung zur eigenen Kunst keine Zeit gelassen, andere Interessen oder Leidenschaften zu erforschen, die helfen würden, die eigene Energie auf etwas anderes zu lenken. In diesem Fall besteht das Bedürfnis, wenn schon nicht nach Beratung, so doch zumindest nach einem Gedankenaustausch mit einer vertrauten Person. Die 1993 vom Schweizerischen Bühnenkünstlerverband (SBKV, jetzt SzeneSchweiz) gegründete Stiftung für die Umschulung von Bühnenkünstler*innen (SSUDK) verfügt seit 2016 über ein Transition-Center. Unter der Leitung des Tänzers, Choreografen und Pädagogen Oliver Dähler setzt das Center alles daran, Künstlerinnen und Künstler in dieser heiklen Zeit des Übergangs zu unterstützen, indem es sie bei der Suche nach ökonomischen, psychologischen und emotionalen Ressourcen begleitet.
Am 28. Oktober 2023 veranstalteten ScenaSvizzera, das SSUDK Transition Centre und das LAC Lugano (innerhalb des LAC edu) eine Debatte zum Thema „Karriere in Bewegung…“ im Gespräch mit der Regisseurin Laura Kaehr und dem SSUDK-Direktor Oliver Dähler und dem besonderen Gast Giulia Tonelli, Solistin des Ballett Zürich. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Margit Huber, der Tessiner Vertreterin von ScenaSvizzera, gefolgt vom Gespräch Dählers mit der ehemaligen Tessiner Tänzerin Laura Kaehr, der Autorin des Films „Becoming Giulia“, das letztes Jahr in die Kinos kam, und der Interpretin des Kinofilms, Giulia Tonelli, Solistin des Zürcher Balletts am Opernhaus.
Die Karriere eines Bühnenkünstlers ist kurz und beginnt sehr früh. Die Intensität einer Karriere innerhalb einer Kompanie geht oft mit einer völligen körperlichen, emotionalen und intellektuellen Hingabe an die Arbeit während des Theaterjahres einher, die eine Entwicklung während dieser Engagements nicht zulässt. Bei freischaffenden Künstlern hingegen wird häufig ein Mangel an finanziellen Mitteln als Hindernis für einen allmählichen Übergang der Karriere in den Jahren vor dem Ausscheiden aus dem Bühnenleben angeführt. Historisch gesehen begann die Notwendigkeit, den Übergang von Künstler*innen auf der Bühne zu unterstützen, in den angelsächsischen Ländern mit der Gründung der Dancers Career Development (DCD) im Jahr 1973 im Vereinigten Königreich. Es folgten 1985 das Canadian Dancer Transition Resource Centre und Career Transition for Dancers (CFTD) in den Vereinigten Staaten. In Europa wurde 1986 das Umschulungsprogramm für Tänzer (SOD) in den Niederlanden gegründet. Die International Organisation for the Career Transition of Dancers (IOTPD) wurde 1993 in Lausanne gegründet und heißt jetzt Danse-Transition. Einer der jüngsten Neuzugänge ist die Stiftung TANZ, ein 2010 gegründetes deutsches Umschulungszentrum mit Sitz in Berlin. Im Jahr 2022 unterstützte die SSUDK in der Schweiz zum Beispiel die berufliche Umschulung von zehn Personen. Insgesamt konnten 170 darstellende Künstler*innen von den Beratungsangeboten des Transition-Centers SSUDK zur Thematik der beruflichen Transition profitieren.
Zwei (Berufs-)Leben in einem, das ist es, was sich die SSUDK-Stiftung mit dem Übergang neu vorstellt. Der Faden, der diese beiden Leben verbindet, soll nicht abreißen, sondern sich langsam in etwas anderes verwandeln, langsam die Farbe wechseln. Oft wird angenommen, dass man nach einer Bühnenkarriere nur noch als Tanzlehrerin/Tanzlehrer oder in einer anderen Rolle mit engem Kontakt zur Bühne arbeiten kann. Die Unterstützung des SSUDK eröffnet neue Wege, sich wieder zu engagieren, über den Tellerrand hinauszuschauen, wenn man so will, über den Tanz hinauszugehen und etwas ganz anderes zu machen. Mit dem Neubeginn der Ausbildung werden die Räume des Proberaums und der Bühne durch Schulbänke und die Erkenntnis ersetzt, dass der neue Beruf dem Einzelnen eine andere Art von Anstrengung abverlangen wird. Emotionale und psychologische Unterstützung hilft dabei, die Erfahrung als Tänzerin oder Tänzer als eine Erfahrung zu sehen, die ein ganzes Bündel von Soft Skills mit sich bringt, die im neuen Arbeitskontext von Vorteil sein werden und die bei der Wahl der Richtung der beruflichen Umschulung von zentraler Bedeutung sind.
Von dieser Erfahrung berichtet auch die Filmemacherin Kaehr in ihrem Gespräch mit Dähler. Nach einer Karriere als freischaffende Tänzerin näherte sie sich der Welt des Films. In ihrem Gespräch erinnert sich Kaehr daran, dass der Film sie schon während ihrer Tanzausbildung immer fasziniert hat. Sie erinnert sich auch an den ersten Moment der Spannung und der Orientierungslosigkeit, als sie die Welt der Bühne verließ, und reflektiert darüber, wie derjenige, der sich einer beruflichen Umschulung nähert, mit verschiedenen Hindernissen konfrontiert wird, die es zu beachten gilt: zunächst einmal die Einsicht, dass eine Entschleunigung der Tätigkeit notwendig ist, um besser zu überlegen, wie die neue berufliche Realität dann aussehen wird. Es handelt sich um eine Entscheidung, die gut überlegt sein muss, und man kann nicht erwarten, dass man eine Entscheidung spontan trifft. Aber auch die Tatsache, dass man mit einer ganz neuen Denkweise konfrontiert wird – nicht mehr rein kinästhetisch – und dass daher ein gewisses Maß an Konzentration erforderlich sein wird, um die neuen Regeln zu verstehen, die im neuen Arbeitsumfeld gelten werden. Dies kann sehr anstrengend sein und man kann leicht demotiviert werden; daher ist es wichtig, dass die Menschen bei diesem heiklen Übergang von Coaches oder Psychologen unterstützt werden.
Es ist zu betonen, dass der Tanz oft als ein Beruf angesehen wird, bei dem man seinen Kopf nicht einsetzt. Das ist ein Klischee, denn das Wissen, das im Tanz zum Einsatz kommt, wird nicht verbalisiert, oder es besteht wenig Neigung, es zu verbalisieren. In Wirklichkeit handelt es sich um sehr raffiniertes und auffälliges Wissen. Denken Sie zum Beispiel an den Koordinationsaufwand, den ein Corps de Ballet benötigt, um eine einfache Choreografie auszuführen. Wie ließe sich dies auf die Ebene eines Unternehmens übertragen? Neben den persönlichen Fähigkeiten und den vom Charakter abhängigen Fertigkeiten bietet die Ausübung des Tanzes, vor allem wenn sie so intensiv ist wie auf professioneller Ebene, also eine Fülle von Ressourcen. Eine erste Gruppe von Ressourcen liegt im Bereich der Soft Skills, d.h. derjenigen, die es uns ermöglichen, uns in einer Beziehung am besten zurechtzufinden: d.h. der ständige Austausch zwischen dem Inneren, dem Intimen des Individuums, und dem Äußeren, der Fähigkeit zu einer effektiven Zusammenarbeit. Die Person verfügt dann über eine starke Fähigkeit zum Selbstmanagement und zur Selbstmotivation als jemand, der jahrelang an seiner Leistung und seinem Körperbau gefeilt hat. Darüber hinaus bringt er die Fähigkeit mit, Aufgaben und Situationen auf körperlicher und kinästhetischer Ebene zu interpretieren. Zum Beispiel ist der Körper zentral für Kaehrs Art des Filmemachens. Oder es wird ihm leichtfallen, Menschen zur Introzeption zu führen. Alle Nuancen, die die kinästhetische Intelligenz von Menschen bietet, die eine Veranlagung zur Arbeit mit dem Körper haben. In einer von Visualität geprägten Gesellschaft, die immer virtueller und körperferner wird, kann dies nur von Vorteil sein.
Für weitere Informationen siehe: Dossier “The Dancers Survival Guide to Transition” von SSUDK
Andere Konversionszentren:
Dancers’ Career Development (DCD – UK)
Dancer Transition Resource Centre (DTRC – CA)
Career Transition for Dancers (CFTD – US)
Retraining Program for Dancers (SOD – NL)
Stiftung TANZ (DE)
Reconversion des Danseurs Professionnels (CH)
International Organization for the Transition of Professional Dancers (IOTPD)
Zum Konzept der Umschulung in Tanz:
2004: Baumol, William J., Joan Jeffri and David Throsby (2004) Making Changes: Facilitating the Transition of Dancers to Post-Performance Careers, Research Report, New York N.Y.: The aDvANCE Project. https://stiftung-tanz.com/wordpress/wp-content/uploads/2013/02/Facilitating-the-Transition-of-dancers.pdf
2006: Jeffri, Joan and David Throsby (2006) “Life after Dance” Career Transition of Professional Dancers” in International Journal of Arts Management, Vol 8, No 3 (spring 2006), p. 55-63. https://www.jstor.org/stable/41064887
2008: IJdens, Teunis and Berend Jan Langenberg (2008) Dancers Keep Moving International careers and transition: Research report Tilburg: IVA Policy Research and Consultancy Tilburg University. /https://on-the-move.org/files/dancers_keep_moving.pdf
2011: Poláček, Richard and Tara Schneider (2011) Dancers’ Career Transitions: A EuroFIA Handbook: https://www.fia-actors.com/uploads/Dancers_Handbook_EN.pdf
«Netzwerk ist Arbeit, nicht Freundschaft»
/in Aktuell, Kolumne/von Redaktion ENSEMBLEWie wichtig ist mein Netzwerk? Lange habe ich nicht begriffen, welche Bedeutung Kontakte haben können. Obwohl mein erstes Engagement daher zustande kam, dass ich meine Mutter ins Theater begleitet habe und dem Regisseur Fanbriefe geschrieben habe, realisierte ich lange nicht, was es eigentlich bedeutete.
Vermutlich gerade deshalb, weil es für mich selbstverständlich war als Kind und ich scheinbar „nichts“ dafür tun musste. Aus jetziger Sicht tat ich aber sehr viel.
Auf der Bühne aufgewachsen
Mit knapp 12 Jahren in meiner kindlichen Naivität überlegte ich gar nicht, wie es ankommt. Ich wollte einfach meine Gefühle und meine Begeisterung zum Ausdruck bringen. Ich schrieb in Briefen an einen Regisseur, dass ich wütend war, weil zu jung, um bei Space Dream mitzumachen. Und ich meinte es auch wirklich so. Das Leben zeigte mir schon damals, dass ALLES möglich ist. Da der Chor mit Laien besetzt war, durfte ich nach einem halben Jahr im Volk mitsingen und spielen.
Da ich im letzten Jahr dann auch als Jüngste eine kleine Rolle übernehmen durfte und meinen ersten Freund im Team hatte, war ich natürlich in aller Munde. In diesen 5 Jahren lernte ich so viele Menschen kennen, dass ich noch heute, 29 Jahre später immer wieder mit Darstellern von damals zusammenarbeite!
Beziehungen pflegen
Die Herausforderung bei so vielen Kontakten ist es, irgendwie in Verbindung zu bleiben. Damals gab es noch keine sozialen Medien, aber ich habe aufgrund der Geschichte und der langen Spielzeit das Glück, dass ich den Meisten in Erinnerung geblieben bin. Heutzutage läuft das anders. Ich vergesse ja selbst die Namen meiner Kollegen, mit denen ich vor ein paar Jahren gearbeitet habe.
Die Spielzeiten sind kurz und als freischaffende Künstlerin bin ich in so vielen verschiedenen Bereichen tätig, dass der Kontaktverschleiss enorm ist. Deshalb feiere ich Facebook und Instagram, um wenigstens mit einem Teil meiner Bekanntschaften in Verbindung zu bleiben. Auch wenn ich manchmal keine Lust habe etwas zu posten, ist es doch eine dankbare Möglichkeit sichtbar zu bleiben und in Erinnerung gerufen zu werden.
Netzwerk ist sowohl Arbeit wie auch Investition
Das alleine reicht aber leider nicht. Da ich in den letzten 15 Jahren zwei Spartenwechsel vollzogen habe, wurde mir bewusst, wie es auch in den künstlerischen Bereichen Grüppchenbildungen und Mafiasysteme gibt. Die Qualität ist nicht immer das Wichtigste, vielmehr geht es um die Kosten-Nutzenrechnung, um zwischenmenschliche Beziehungen oder Kontakte. Ich rate euch, geht zu diesen Premièren und Anlässen, wo die Kollegen wieder auftauchen und mischt euch unter die Leute.
Manchmal genügt es nur ein paar Worte zu wechseln, um wieder einen Eindruck zu hinterlassen oder den nächsten Job zu ergattern. Ich habe realisiert, dass es oft gar nicht um den Smalltalk geht, sondern um sich auf dem Markt wieder neu zu positionieren. Erzählt den Kollegen, was ihr macht und noch wichtiger, was ihr machen wollt und schafft Verbindung zu Menschen, die sie kennen. Der soziale Teil unseres Berufes darf nicht unterschätzt werden.
Hemmungen überwinden
Obwohl mein Verstand mir immer wieder einredet, dass es peinlich ist, habe ich angefangen bei meinen Bewerbungen und Begegnungen Grüsse auszurichten und zu erzählen mit wem ich wo gearbeitet habe. Und siehe da, diese Kontakte haben mir Jobs gebracht, weil die Leute dadurch das Gefühl hatten, sie kennen mich schon. Dieser Mechanismus ist echt erschreckend, aber gut. Nutze es!
Momentan cruise ich im ganzen deutschsprachigen Raum umher und darf endlich an Opernhäusern vorsingen. Und warum? Weil ich mein Netzwerk immer wieder durchforsche und reaktiviere. Gerade erst bei einem Vorsingen war der Pianist, der mich begleiten sollte, desinteressiert und reserviert. Obwohl meine Stimme im Kopf sagte: „Ach lass ihn in Ruhe“, überwand ich mich und sagte: „Wir haben schon mal ein Konzert zusammen gemacht“ …plötzlich ging sein
Blick auf, er schaute mich richtig an und erinnerte sich sofort! Danach war die Anspielprobe total angenehm und das Zusammenspiel bei Vorsingen perfekt!
Auch wenn ich das nicht verstehe, muss ich doch zur Kenntnis nehmen, dass Menschen anders arbeiten, wenn eine persönliche Beziehung besteht. Sie fühlen sich wohler,
entspannter, sind meistens offener und gutmütiger. Schlussendlich lebt davon ein gutes Netzwerk.
Netzwerk ist nicht Freundschaft
Wenn sich die Verantwortlichen dann von dir abwenden, wenn du mal krank bist oder ihnen eine Absage schickst, merkst du erst, wie sie ticken. Du kannst über Monate als beste Mitarbeiterin geschätzt sein, aber wenn du „Schwierigkeiten“ bringst, kann es gut sein, dass sie nicht mehr mit dir arbeiten wollen, auch wenn du vorher quasi zur Familie gehört hast.
Wozu dann mein Netzwerk pflegen, wenn es doch so schnell-lebig ist und ich mich nicht darauf verlassen kann? Ich rede eher von Netzwerk nutzen. Denn wenn du dem Netzwerk nicht mehr „nützt“, kann es sein, dass man dich fallen lässt. Aus diesem Grund drehen wir es jetzt um:
„Ich lasse mich nicht mehr von meinem Netzwerk benutzen, sondern ich nutze es!“
Künstlerbörse! SzeneSchweiz hilft beim Beitrag
/in Aktuell, Verbandsinfo/von RedaDer individuelle Szeneschweiz-Weiterbildungsbeitrag von CHF 100 kann jetzt auch für die Teilnahme an der Schweizer Künstlerbörse, organisiert von t. Theaterschaffen Schweiz, eingesetzt werden. Die Künstlerbörse findet dieses Jahr vom 17. bis 20. April in Thun statt.
Was ist die Künstlerbörse?
Die Schweizer Künstlerbörse bietet rund 70 Künstler*innen und Theatergruppen die Möglichkeit, einen 20-minütigen Ausschnitt aus ihren aktuellen Produktionen zu zeigen. Die Auftritte finden auf unterschiedlichen Bühnen im und um das Kultur- und Kongresszentrum Thun (KKThun) statt.
Eine professionelle Auswahlkommission wählt Bühnenproduktionen verschiedenster Genres aus allen Sprachregionen der Schweiz und dem Ausland aus.
«Sentire di Teatro»
/in Aktuell, Verbandsinfo, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEWorkshop gratuito per i membri Scenasvizzera: L’importanza di essere presente tramite digital marketing e social network. 17 gennaio dalle 13.30 alle 16.30 circa, presso Hotel Pestalozzi Lugano
Come posso migliorare la comunicazione nel futuro guardando ai miei lavori e le mie produzioni del passato? Come creo dei contenuti (testi, foto e video) per promuovere con successo la mia attività artistica?
Workshop diretto da Cesare Zacchetti, titolare di Panorama Comunicazione
Iscrizioni entro il 15 gennaio 2024 a info@scenasvizzera.ch Gratuito per i membri ScenaSvizzera
nonmembri pagano CHF 50.- sul conto IBAN CH44 0900 0000 4017 2436 9.
Pausa caffè: ScenaSvizzera offrirà caffè, frutta e dolci.
3 – 2 – 1 – Zwischennutzung!
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLESucht ihr ein Zuhause für euer Theaterprojekt? Einen Ort, an dem ihr Szenen drehen könnt? Einen Raum für Proben? Im Lettenareal ZH wird eine Zwischennutzung frei!
Die Zwischennutzung des Burrischopfs, der zwischen dem sogenannten Kesselhaus und dem EWZ-Kraftwerk an der Limmat liegt, wird in einem partizipativen Verfahren mit dem Quartier festgelegt. Der Quartierverein Wipkingen sammelt über seine Website www.wipkingen.net ab sofort und bis Ende Januar 2024 entsprechende Ideen.
Ablauf
Wir sammeln Ideen bis Ende Januar. Im Februar gehts weiter mit den möglichen NutzerInnen. Dann erhalten Bewerberinnen einen ersten Bescheid. Ende Februar soll ein mögliches Nutzerkonzept stehen. Ziel ist es möglichst vielen initiativen Freiwilligen eine Plattform zur SELBSTorganisation zu bieten.
Der Zuschlag soll bis Ende Februar 2024 erfolgen.
Bezahlter Erfahrungstransfer
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEDer Kulturmarkt bietet neu ein Tandemprojekt an, das Künstler*innen, die am Anfang ihres künstlerischen Schaffens stehen, in einem gleichberechtigten Austausch mit erfahrenen Künstler*innen, eine spartenübergreifende, künstlerische Zusammenarbeit ermöglicht.
Die interdisziplinären Künstler*innen-Duos, bestehend aus je einem*r erfahrenen und einem*r weniger erfahrenen Berufskolleg*in, arbeiten selbstständig über einen terminierten Zeitraum von gut drei Monaten an einem gemeinsamen Projekt. Die Duos legen Inhalte und Ziele der Zusammenarbeit individuell fest. Der Kulturmarkt untertstützt nach Möglichkeit mit Proberäumen, Infrastruktur und technischer Unterstützung und dient als Plattform, um das Erarbeitete zu präsentieren.
Alle Beteiligten erhalten vom Kulturmarkt ein Honorar von je CHF 4000.
Im Zentrum stehen der künstlerische Prozess die gemeinsame Suche nach neuen Formen und Formaten des Zusammenarbeitens. Je nach Konstellation der Duos und des ergebnisoffenen Prozesses kann diese Präsentation sehr unterschiedlich aussehen: vom Werkstattgespräch bis zu einem ausgearbeiteten Kurzauftritt ist alles denkbar.
Die etablierten Künstler*innen werden vom Kulturmarkt angefragt und engagiert.
m2act bittet zur Anmeldung!
/in Aktuell/von RedaAm 5. Februar startet der m2act Call for Action 2024! Das Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozent für die Darstellenden Künste gibt euch die Möglichkeit, Veränderungen anzupacken!
Der m2act Call for Action 2024 richtet sich an Compagnien, Häuser, Festivals, Produktionsbüros, Netzwerke und andere feste Formationen und Strukturen, die ko-kreativ – also gemeinsam mit Expert*innen – eine konkrete Herausforderung ihres Arbeitsalltags angehen und Lösungsansätze anwenden möchten. Die Gesuchsteller*innen schlagen selbst Expert*innen sowie Tools und Methoden vor, mit denen sie den Prozess angehen.
Möchtet ihr eine aktuelle, konkrete Herausforderung eurer Arbeitsrealität anpacken oder eure Arbeitsweise nachhaltig verändern? Wollt ihr diesen Prozess mit der Unterstützung von Expert*innen angehen? Gibt es bestimmte Tools, Methoden oder Prozesse, die ihr dabei anwenden möchtet? Spiegelt sich euer Vorhaben in den Zielen von m2act wider? (Faire Praxis, Nachhaltigkeit, offener Wissenstransfer) Seid ihr bereit, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, das heisst, eure Arbeit und eure Geschichte mit anderen Kulturschaffenden und den Medien zu teilen?
Habt ihr Zeit, euer Vorhaben bis Sommer 2024 detailliert auszuarbeiten und bis Sommer 2025 umzusetzen und abzuschliessen? Ab Montag, 5. Februar 2024, könnt ihr euer Vorhaben eingeben. Auf der m2act Website findet ihr schon jetzt alle nötigen Informationen zur Ausschreibung und zur Vorbereitung der Eingabe. Eingabeschluss ist der 4. März 2024 um 23.59 Uhr.
«Klima der Angst»: TAZ-Bericht veröffentlicht
/in Aktuell, Tanz, Tanz, Tanz/von Redaktion ENSEMBLENach den Recherchen der „Zeit“ im Juni 2022 kam Kritik und massive Vorwürfe an die Tanzakademie Zürich ans Licht. Die verantwortliche ZHDK gab daraufhin eine Untersuchung in Auftrag. Der Schlussbericht ist nun öffentlich.
Quelle: Tagesanzeiger
Zahlreiche Schülerinnen und Schüler schilderten in den Befragungen übereinstimmend, dass sie an der TAZ hohen Druck und Angst empfunden haben. Gemäss einer Dozentin war es eine Strategie der Schulleitung, Schülerinnen gegeneinander auszuspielen und Rivalitäten zu schaffen, wie der Tagesanzeiger berichtet.
Zitat: „Psychische Gewalt sei an der TAZ regelmässig zur Anwendung gekommen, sagten zahlreiche Schülerinnen in der Untersuchung. «Je nach Laune der Lehrpersonen wurde geschrien und geschimpft, bis jemand zu weinen anfing», heisst es in den Protokollen. Wie mit ihnen umgegangen worden sei, habe sie traumatisiert, ihr Selbstbewusstsein ruiniert oder zu anhaltenden gesundheitlichen Problemen geführt.“
Beschimpfungen wegen Gewicht, Abwertungen vor der ganzen Gruppe, wenn Betroffene Fehler machten, und das Ausspielen der einzelnen Student*innen gegeneinander – alles, was man heute normalerweise „schwarze Pädagogik“ bezeichnen würde.
Der verantwortliche Gesamtleiter entschuldigte diese Angstkultur damit, dass die Student*innen ja auf ein Klima des internationalen Wettbewerbs vorbereitet würden. Das sei ein Hochleistungssektor und dort wehe eben ein harter Wind.
Die Untersuchung deutet heraus, dass die TAZ-Leitung den Leistungsdruck zwar wahrnahm, nicht aber die damit einhergehende mentale Belastung, die sich verbunden mit Angst leistungsmindernd auswirken könne. Es entsteht der Eindruck, dass die Schule keinen Fokus auf ein ermutigendes Motivationsklima gemäss heutiger pädagogischer Erkenntnisse hatte.
Romantisiertes Leiden
Grundsätzlich zeigt der Bericht, dass in den Tanzschulen, nicht nur in Zürich, noch immer ein veraltetes Verständnis des Tanzberufes vorherrscht: Strenge Hierarchien, Abwertung als Motivation, Magersucht als Status und blutige Füsse als Auszeichnung. Natürlich ist längst belegt, dass diese Form der Ausbildung nicht zu besseren Tänzer*innen führt, sondern zu anhaltenden Schäden in Psyche und Körper.
Die Tanzakademie hat aus diesen Vorfällen bereits Lehren gezogen: Wie die ZHDK mitteilt, wurde die Empfehlung des Untersuchungsberichts, die Dozierenden und ihre Vorgesetzten mit Schulungen zu sensibilisieren und ihnen alternative Handlungsformen aufzuzeigen, bereits umgesetzt. Seit dem Herbstsemester 2022 seien umfangreiche Weiterbildungen durchgeführt und die Unterrichtsmethodik angepasst worden.
Das im August 2022 eingesetzte Interimsleitungsteam bleibt bis auf weiteres im Amt. Als die Vorwürfe im Juni 2022 bekannt wurden, haben der TAZ-Gesamtleiter und die künstlerische Leiterin ihre Ämter niedergelegt, vorerst vorübergehend. Die künstlerische Leiterin ist inzwischen in Pension, das Anstellungsverhältnis mit dem Gesamtleiter wurde im Sommer 2023 aufgelöst.
Quelle: Tagesanzeiger
Ein Handwerkstreffen
/in Aktuell, Film/TV, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLESoPro-Workshops an den Solothurner Filmtagen bieten eine einzigartige Chance für Austausch, Knowhow und Vernetzung. Hier einige Anlässe.
Zürich Filmfestival ist das Disneyland der Schweizer Filmfestivals, Locarno der mondän-elitäre Szeneevent und die Solothurner Filmtage? Sie sind das Handwerkstreffen der Branche. Neben den gezeigten Filmen gibts es diverse organisierte Workshops und Treffen, an denen man nicht Stars bewundert oder etwas Smalltalk betreibt, sondern handfeste Arbeitsbeziehungen knüpft und Knowhow aus der Branche teilt.
SoPro open
Die «SO PRO Open» bieten einen spielerischen Rahmen fürs Networking. Es werden Doppelpartien im Tischtennis gespielt. Sowohl Zweierteams als auch Einzelspieler:innen können sich per Mail (sopro@solothurnerfilmtage.ch) anmelden. Apéro-Partner sind ARF/ FDS und Pro Short.
18.01.2024 18.00 Uhr
FilmRegioBrunch: Standortförderung für den Film – in den Regionen
Treffen der Filmschaffenden mit den Film-Lobbys aus den Regionen. Ein Netzwerk-Anlass mit einem kurzen Input zum Thema «Filmförderung ist auch Standortförderung – und das (auch) in den Regionen». Der FilmRegioBrunch bietet Kaffee und Gipfeli, Begegnungen und eine Debatte.
19.01.2024 10.00 Uhr
Delegation Meeting «Gastland Schweiz in Cannes»
Treffen der Partner:innen des Projekts «Gastland Schweiz am Marché du film in Cannes». Ziel ist ein gemeinsamer Austausch und die Einstimmung der Delegation auf den Auftritt der Schweiz am Marché du film von Cannes 2024. In Anwesenheit von Guillaume Esmiol (CEO des Filmmarktes von Cannes). Auf Einladung von SWISS FILMS.
19.01.2024 10.00 Uhr
FOCAL: Präsentation Mentoring-Programm einsplus
Einsplus ist ein Coaching-Programm zur Stärkung weiblicher Crewmitglieder, die zum ersten oder zweiten Mal bei einem Langfilm oder einer Serie ein Department leiten.
20.01.2024 13,15 Uhr
Licht auf künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz: Diese beiden Wörter sind in aller Munde, umhüllt von einer Aura der Faszination und manchmal auch des Unverständnisses. «SO PRO» bietet einen Nachmittag mit Präsentationen und Case Studies, die sich mit der Verwendung von Softwares, die als «intelligent» und «künstlich» gelabelt werden, in der Filmindustrie beschäftigen. Das Programm wird mit einer «SO PRO & Contra»-Diskussion über die Auswirkungen dieser Werkzeuge auf die verschiedenen Arbeitsbereiche in der Filmbranche abgeschlossen.
20.01.2024 13.00 Uhr
Und dann natürlich noch der Apéro von SzeneSchweiz und SSFV!
Wir freuen uns, auch 2024 wieder mit dem SSFV zum beliebten Netzwerkapéro an den Solothurner Filmtagen einzuladen. Es ist keine Anmeldung nötig. Wir vom Verband SzeneSchweiz freuen uns auf euch!
22. 01.2024, 18:30 im Uferbau Solothurn
Viel Spass und wir treffen uns da!
Geld und Geist – Bilanz zum Jahresende
/in Aktuell, Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEWir haben uns in unseren Breitengraden darauf geeinigt, dass das Jahr 12 Monate hat und in dem Sinne nach dieser beschränkten Zeit vorbeigeht. Das macht aus kapitalistischen Gründen alles etwas einfacher, wenn Abrechnungen anstehen. Mit dem Jahresende kommt auch das Buchhaltungsende. Die Abrechnungen flattern ins Haus, wir freuen uns entweder, dass wir so viel verdient haben oder fragen uns, welche Alternative zu den Covid-Zahlungen da wäre, um uns sicher in die nächste Abrechnungsperiode zu bringen.
Ob freischaffend oder nicht – als Künstler*in in der Schweiz leben zu können, heisst oftmals unter finanziell prekären Umständen zu arbeiten. Viele von uns könnten auf dem klassischen ersten Arbeitsmarkt mehr Geld verdienen, als wir es mit unserer Kunst machen. Wieso tun wir es trotzdem? Die Gründe sind natürlich so vielfältig wie die Menschen, die dahinter stehen. Keine*r von uns hat die gleiche Laufbahn. Was für ein Feld, welche Möglichkeiten, welche Risiken und welche Freuden!
Eine Umfrage der SzeneSchweiz hat dieses Jahr die Zahlen in Schwarz-Weiss abgedruckt: 86 Prozent der professionellen Freischaffenden können nicht von ihrem Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit leben. 74 Prozent der freischaffenden Künstler*innen und 59 Prozent der Festangestellten fürchten negative Konsequenzen bei Gagen- und Lohnforderungen. Ein Grossteil der Teilnehmenden steckt über Jahre im Anfangslohn fest. 54 Prozent der (festangestellten) Frauen haben zwischen 2018 und 2022 keine Lohnerhöhung bekommen. Bei den Männern sind es noch 50 Prozent. Familiengründung ist in der Darstellenden Kunst ein Armutsrisiko (Zum Interview mit Salva Leutenegger und dem Download der Umfrage geht hier.).
Ich bin gerade nicht in der Schweiz, besuche über die Festtage Freund*innen und Beinahe-Verwandte. Wir sprechen viel über Politik und Kunst in diesem Land, das ich jetzt mal ungenannt lasse, über die Verhältnisse für Künstler*innen und wie die Politik alles beeinflusst. Der Arbeitsmarkt ist hier so heruntergerockt, dass es keine fairen Arbeitsverhältnisse gibt für junge Menschen. Sie müssen sich den vorherrschenden patriarchalen Verhältnissen unterordnen oder leben von Schwarzarbeit. Die meisten leben mit ihren Eltern, ausser die Eltern haben das Geld, ihnen eine Wohnung zu mieten oder es gibt eine Immobilie, die im Familienbesitz ist.
Immer wieder tauchen in unseren Gesprächen Gemeinsamkeiten auf, immer wieder werde ich mir bewusst, wie gut es ist, einen Berufsverband zu haben, der für einen da ist und die Interessen der Mitglieder vertreten möchte. Es gibt sicher Themenfelder, auf denen das besser gelingt als auf anderen. Dazu braucht es die Mitglieder, die sich melden, die sich wehren wollen, die einstehen möchten für sich selbst und sich dabei Hilfe holen. Dann kann der Verband was tun. Aber einfach zu wissen, dass es eine Institution gibt, die dafür da ist, meine Interessen zu vertreten, ist wahnsinnig erleichternd und stärkt den Rücken. Gerade auch, wenn es darum geht, Verträge zu lesen oder Gagen zu verhandeln.
Ich weiss nicht, wie euer Jahr war, meines war gut. Ich konnte meinen Beruf ausüben, mich weiterbilden, mir neue Ziele setzen und Kontakte knüpfen. Ich bin bereit, mich noch weiter darauf einzulassen, dass das mein Beruf ist, ich entscheide mich jeden Tag wieder neu dafür, in dieser Art der Arbeit zu Hause zu sein und als Künstler*in zu leben. Dass wir das können, hat auch mit den stärkenden Privilegien zu tun, die wir haben und die andere vor uns erarbeitet haben.
Ende Jahr ist doch immer eine gute Zeit, sich zu fragen: Wofür bin ich dankbar in diesem Jahr? Was waren meine Herausforderungen? Und was habe ich daraus gelernt? Wie möchte ich weitergehen: Wie, mit was und mit wem möchte ich meine Zeit verbringen im 2024?
Die letzte Weiterbildung, die ich 2023 besucht habe, war zum Thema Improvisation im Theater. Ich habe so viel mitgenommen, was ich auch im 2024 als Grundsätze in meinem Leben etablieren möchte. Zum Beispiel: Wachsam sein. Aufmerksamkeit schärfen. Angebote annehmen. Logisch, Spielangebote eh (immer her damit). Aber auch andere Angebote. Was ist, wenn ich mal zuerst nicht Nein sage? Sondern ausprobiere – und schaue, was es mit mir macht? Und dann die richtigen Schlüsse daraus ziehe – ja, das mache ich wieder. Nein, davon lasse ich in Zukunft die Finger. Eine gute Strategie auch, Vorurteile abzubauen.
Weiter auch: Den Widerstand zu finden und mit diesem zu spielen. Gerade dabei auch keine Angst vor dem Profanen zu haben, vor dem Offensichtlichen. Vor dem, was erzählt werden möchte. Nicht zu weit suchen. Auf Gemeinsamkeiten aufbauen, die unausgesprochen im Raum stehen, die erzählt werden möchten. Wir alle haben Wünsche und wir alle haben Hürden, die sich uns in den Weg stellen. Sie sind alle erzählenswert.
Und vielleicht als letztes, aber nicht minder wichtig: den anderen auch ihren Moment gönnen, um zu glänzen. Sie darin unterstützen, unterfüttern, eine solide und stabile Nebenfigur sein in ihrem Moment. Der eigene Moment kommt nämlich in der Impro meist schneller als gedacht und dann ist es doch schön, wenn andere als supporting act da sind (wahrscheinlich schon das bessere Wort als Nebenfigur).
Geschichten erzählen sich nicht von alleine. Sie brauchen uns! Unsere Stimmen, unsere Emotionen, unsere Körper, unser Gefühl und unsere Fertigkeiten, die Geschichten zu schleifen, sie zu komponieren und sie zu verdichten. Dafür versuchen wir, Klarheit zu schaffen. In unseren Köpfen und unseren Körpern. Mit Im-Moment-Sein. Mit einem wieder-und-wieder-Schleifen unserer Intuition und unseren Fähigkeiten. Um bereit zu sein. Um sich unterstützt zu wissen. Um Freude daran haben zu können.
Übergriff an Dimitri-Schule
/in Aktuell, Tanz, Tanz, Theater, Theater/von Redaktion ENSEMBLEIm März 2021 kommt es in der Accademia Teatro Dimitri zu einem gravierenden Übergriff. Ein Student schleicht sich zu einer Mitschülerin in die Wohnung und bedrängt diese im Bett. Die Schulleitung versagt im Krisenmanagement.
Die 19-jährige Schülerin wirkt in den Wochen nach dem Vorfall verstört, zerrissen zwischen der Loyalität des engen Klassenverbandes und der persönlichen Verletzung. Schliesslich meldete sie den Vorfall ihrer Klassenlehrerin. Die darauf nichts unternahm. Ob auf Wunsch der Schülerin oder aus eigenem Antrieb, ist von aussen zur Zeit nicht zu eruieren.
Für eine unabhängige Beurteilung schildert der Tagesanzeiger den Fall der Richterin Monika Roth. Für sie ist klar, dass die Schule in einer solchen Situation hätte handeln müssen. «Ohne Einladung der Studentin hat der Student mit dem Betreten des Schlafzimmers de facto Hausfriedensbruch begangen.» Dabei spiele es keine Rolle, ob die Tür offen gestanden sei.
„Strafrechtlich relevant“
Sollte der Täter die Studentin zudem festgehalten und an die Wand gedrückt haben, wäre das strafrechtlich relevant. «Die Schule hätte dem auf jeden Fall Rechnung tragen und eine Untersuchung einleiten müssen», sagt die Expertin. Doch an der Dimitri-Schule wird nach der ersten Meldung des Vorfalls keine Untersuchung eingeleitet. Sondern offenbar erst Monate später.
In den Wochen nach dem Gespräch mit der Lehrerin verschlechtert sich der Zustand der Schülerin. Das fällt ihren Klassenkameradinnen auf, die ihr glauben, als sie hören, was passiert ist. Es habe schon andere Vorfälle mit diesem Mitstudenten gegeben.
Nachdem mehrere Frauen sich gemeinsam bei der Tessiner Opferhilfe gemeldet haben, kommt auch in der Schulleitung Bewegung in der Sache. Nur eben nicht sinnvoll. Die Schulleitung versucht, das mutmassliche Opfer eines Übergriffs und den mutmasslichen Täter an einen Tisch zu zwingen. Sollten nicht beide einwilligen, könnten sie das Studium nicht fortsetzen. So wird dem Opfer eine Mitschuld zugewiesen.
Entschädigung bezahlt
«Wenn man eine Mediation zwischen dem Verursacher eines Übergriffs und der Betroffenen zur Bedingung für die Fortsetzung eines Studiums macht, grenzt das fast schon an Nötigung. Das geht wirklich gar nicht», sagt Monika Roth im Tagesanzeiger.
Inzwischen hat die Studentin die Ausbildung an der Dimitri-Akademie abgebrochen. Die Schule bezahlte ihr eine Entschädigung und erstattete ihr das Lehrgangsgeld zurück. Man habe gestützt auf die «Erfahrungen» zusammen mit der Fachhochschule Supsi eine «Richtlinie für den Schutz der persönlichen Integrität» für die Studierenden und die Mitarbeitenden erlassen, schreibt die Schule.
Sinnkrise: «Gehöre ich auf die Bühne?»
/in Aktuell, Kolumne, Meinung, Tanz, Theater/von Redaktion ENSEMBLEUnsere Kolumnistin Steffi Gygax hat sich 2023 in Selbstzweifeln und Krisen selbst verloren. Dann nutzte sie diese Herausforderung, um sich selbst neu zu erfinden.
Was für ein Jahr – Jedes Silvester erwische ich mich bei diesem Gedanken. Die Ups and Downs wurden mit zunehmendem Alter schwerwiegender. Obwohl man gewisse Sachen mit der Zeit nicht mehr so tragisch nimmt, fühlt es sich so an, als würde der Rucksack des Lebens doch immer voller. Mittlerweile konzentriere ich mich viel mehr darauf, mich regelmässig von Balast zu erleichtern. Sei es, meine Grenzen klarer zu setzen, mehr Zeit für mich selbst zu nehmen, mich von Menschen zu distanzieren, die mir nicht guttun und auch nicht mehr alle Jobs anzunehmen.
Obwohl ich mich stets um meine Weiterentwicklung kümmere, hatte ich in diesem Jahr eine echte Lebenskrise, was meinen Beruf anbelangt. Ich sah es gar nicht kommen, hatte total viel Arbeit und plötzlich wurde ich von Zweifeln geplagt und stellte alles in Frage. Ich hatte an nichts mehr Freude, die Arbeit war nur noch eine Last und meine Energiereserven aufgebraucht. Nach dem Corona-Break war ich einfach nur froh, wieder im künstlerischen Bereich zu arbeiten und es ging überhaupt nicht darum, wohin ich möchte und wie ich mein nächstes Ziel erreiche.
Mein Kopf war übersättigt mit Noten und Texten, meine Sinne gelähmt und meine Stimme zeigte zum allerersten Mal Wölbungen an. Meine Lust auf die Bühne zu gehen, war zum ersten Mal ausgelöscht und soziale Kontakte konnte ich nicht mehr ertragen. Ich verstand die Welt nicht
mehr. War es nun Zeit, den Beruf zu wechseln? Habe ich ein sogenanntes Burnout? Oder eine Art Depression? Was könnte mir sonst noch Freude bereiten
ausser die Bühne?
Eine Auszeit
Ich entschloss mich für eine Auszeit von allen und allem! Die Reise ging nach Italien, wo ich für 4 Wochen bei Gasteltern wohnte und an einer Sprachschule mein Italienisch auffrischte. Neue Menschen, neues Umfeld, eine andere Sprache, anderes Klima. Während diesem Monat sang ich keinen Ton und vermisste es rein gar nicht. Die Mitstudenten bewunderten meine Videos auf YouTube und ich dachte nur: „Bin ich das wirklich? Was ist nur los mit mir … ändert sich jetzt mit 40 meine Berufung Stecke ich in der sogenannten Midlifekrise?“ Immer offen für Veränderungen, erkundigte ich mich nach einem Psychologiestudium, fing wieder an zu unterrichten als ich zurück in Zürich war und bat das Universum um ein Zeichen, wie es weitergehen soll.
Genau einen Monat nach Italien bekam ich mein erstes Vorsingen an einer Staatsoper und fühlte mich so lebendig, wie schon lange nicht mehr. Auf der Hinreise zur Audition verspürte ich ein Gefühl von tiefem Frieden und beim Vorsingen war ich so in meinem Element, wer kann da noch nach seiner Berufung fragen. Ich musste erkennen, dass sich mein Fokus einfach nur verschoben hatte. Während dem ich eigentlich einen Schritt „zurück“ auf die Musicalbühne machte, um meinem Kindheitstraum noch einmal Raum zu geben, etablierte sich meine Sehnsucht nach der grossen Opernbühne, die ich seit ein paar Jahren verfolge, umso stärker.
Während ich jahrelang in Operetten Hauptrollen sang, fühlte ich mich doch nie richtig angekommen. Lange Zeit dachte ich, Hauptsache ich stehe auf irgendeiner Bühne und darf Rollen verkörpern. Rückblickend betrachtet, fühlte ich mich aber nie richtig wohl. Nachdem ich dann während zwei Jahren in Wien meine Gesangstechnik nochmal neu aufgleiste und nach Corona meine ersten Opernrollen singen durfte, war das für mich fast eine schockierende Offenbarung.
Das Leben als Abenteuer
Ich habe mich noch nie so vollkommen gefühlt. Wie kann das sein? Als Kind fand ich Musical toll und konnte mit Oper nichts anfangen? Meine körperlichen Beschwerden und meine stimmliche Veranlagung führten mich dann schnell mal in die klassische Richtung, aber bis Dreissig hatte ich mit Oper nichts am Hut, auch wenn meine Mutter Opernsängerin war
„Nun gut, dann werde ich jetzt wohl alles dafür geben müssen, um diese Vollkommenheit wieder spüren zu können“, dachte ich. Und siehe da, durch die
Unterstützung eines bedeutenden Kontaktes, der sich inmitten meiner „Krise“ eröffnete, bekomme ich endlich Vorsingen auf Opernbühnen, was ein langer, harziger Prozess war.
Die Krise ist überstanden und einmal mehr habe ich gelernt, dass es manchmal eine Umorientierung braucht, wenn auch im eigenen Berufsfeld, um wieder auf
den richtigen Weg zu kommen. Dazu gehörte in meinem Fall, Jobs abzusagen, auf die man keine Lust hat, auch wenn der Verstand sagt: „Du brauchst das
Geld, die fragen dich nie wieder.“
Die Ungewissheit im künstlerischen Beruf ist doch die spannendste, wenn auch die schwierigste Komponente. Manchmal zerfrisst es meinen Verstand, wenn ich nicht weiss, ob ich nächsten Monat genug Geld habe, um meine Rechnungen zu bezahlen. Im nächsten Moment feiere ich das Leben, wenn eine unerwartete Anfrage kommt, die mein Herz höher schlagen lässt.
Ich könnte nicht in einem eight-to-five Job überleben, Routine langweilt mich und macht mich wortwörtlich wahnsinnig. Mein Lieblingszitat: „Wer ständig
glücklich sein will, muss sich oft verändern“ rührt wohl daher. Ich wünsche euch den Mut, jeden Tag mit der Frage konfrontiert zu sein: „Wer möchte ich heute sein? Bin ich glücklich oder möchte ich mein Drehbuch des Lebens umschreiben? Was würde ich mir jetzt wünschen, wenn ich wüsste, dieser Wunsch geht sofort in Erfüllung?“
Wir sollten das Leben nicht hinter uns bringen, sondern ein Abenteuer daraus machen. Denn Leben ist dort, wo du noch nicht warst, alles Andere ist Wiederholung! In
diesem Sinne: „En guete Rutsch und vil Neues fürs Jahr 2024.“
Kultur ist nicht gleich Wurst!
/in Aktuell, Aktuell, Archiv, Archiv, Archiv, Verbandsinfo, Verbandsinfo, Meinung, Meinung, Meinung, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEAm 20. Dezember lädt die Parlamentarische Gruppe Kultur zum 14. sogenannten „Wurstanlass“ ein, Matthias Albold wird als Präsident von SzeneSchweiz dabei sein und teilt im Vorfeld seine Gedanken. Einmal jährlich treffen sich dort Kulturschaffende und Kulturverbände mit Parlamentariern um über Themen der Kulturbranche zu sprechen.
Worum geht es in diesem Treffen und wie sieht die konkrete Zielsetzung für SzeneSchweiz aus? Was ist deine Aufgabe dabei?
Wie es bei diesem Anlass genau abläuft, werde ich selbst zum ersten Mal erleben, da ich die vergangenen beiden Jahre durch Vorstellungen nicht dabei sein konnte. In der Vorbereitung zum kommenden Mittwoch ist mir die Rede von Alain Berset zum Wurstanlass 2017 untergekommen, er spricht dort im wesentlichen über soziale Sicherheit von Künstler*innen und man müsse beobachten wie sich die Arbeitsverhältnisse entwickeln. Man könnte diese Rede nochmals halten und sich fragen, was sich ausser dem beobachten wirklich getan hat. Dem BAK und vielen Politikern ist die prekäre Situation vor allem vieler freischaffender Künstler bewusst, in der Kulturbotschaft wird dies deutlich. Mit unserer Lohnumfrage und der Kampagne im Gepäck, werde ich versuchen die Politiker zu überzeugen, das sechs Jahre nach Bersets Worten endlich auch Taten folgen sollen. Ich hoffe, die mir persönlich bekannten Parlamentarier*innen ansprechen zu können und sie für unsere Pläne zur Verbesserung der sozialen Situation der Freischaffenden begeistern zu können.
Einladung zur Veranstaltung
Wie steht es deiner Meinung nach um die Vorurteile zur Lobby-Arbeit? Sind sie gerechtfertigt?
Lobbyarbeit…..der Name allein, hat einen Beigeschmack von Hinterzimmer, geheime Absprache, Bestechung, dunklen Gestalten, Opportunismus. Ehrlich gesagt, ich habe leider keinen Koffer voll Geld, den ich gewinnbringend einsetzen könnte…..aber Spass beiseite. Es ist mein erstes Mal und ich kann danach sicherlich mehr erzählen als ich mir jetzt vorstellen kann. Es ist eine Gelegenheit mit Menschen zu sprechen, die Ideen in Gesetze giessen können und ich werde einen Koffer voller guter Argumente im Gepäck führen, damit sich endlich etwas bewegt für all die Menschen, die die Schweiz mit Kultur versorgen.
Ist Lobby-Arbeit in einer gewissen Hinsicht auch wertvoll für einen Veband wie SzeneSchweiz? Inwiefern?
Die Frage ob es für den Verband gut ist kann ich nicht beantworten. Ich durfte viele andere Sitzungen dieses Jahr besuchen und ob bei der Euro FIA, suisseculture, beim SGB oder beim BAK alles sind wichtige Termine in denen man den Verband und seine Erfahrung einbringen kann. Wenn dadurch Verbesserungen im Leben unserer Mitglieder stattfinden, dann ist das letztlich auch gut für den Verband. Und sicherlich ist es von Vorteil an Diskussionen mit dem Gesetzgeber teilzunehmen, wann immer möglich, denn wer nicht dabei ist, wird nicht wahrgenommen und kann sein Profil nicht schärfen. In Zeiten von Inflation und Sparvorlagen, muss eine Kraft auf die prekären Lebensumstände vieler darstellender Künstler aufmerksam machen. Und das werden wir tun.
Kann Lobby-Arbeit auch eine Kampagne ersetzen und wenn ja, warum und wie?
Lobbyarbeit kann eine Kampagne ergänzen, aber nie ersetzen. Bei einem Anlass wie diesem werden viele Parlamentarier*innen zum ersten mal mit unserer Lohnumfrage in Kontakt kommen, ich kann nur hoffen, dass sie in den Köpfen haften bleibt und die Menschen so bewegt, dass sie unsere Kampagne in den kommenden Jahren verfolgen werden. Die Kette der Handlungen unseres Verbandes ist die Basisarbeit, die Beratung und Vertretung unserer Mitglieder. Daraus erwächst eine Kampagne um auf Missstände aufmerksam zu machen und um diese zu beheben tritt man in Kontakt mit den Entscheidungsträgern. Ich würde mich sehr darüber freuen, gäbe es mehr solche Anlässe auch auf anderen Ebenen um mit kantonalen, städtischen oder gemeindlichen Subventionsgebern direkt in Kontakt zu kommen. Und jetzt bin ich als St. Galler doch sehr gespannt, welche Metzgerei die Ostschweizer Wurstspezialität servieren darf und ob es wagt, diese mit Senf zu verspeisen.
Danke an Matthias Albold, Präsident von SzeneSchweiz und Schauspieler aus St. Gallen, für das Interview!
Care-Time-Rechner: Chance für die Grossen
/in Aktuell, Film/TV, Meinung, Tanz, Theater/von Redaktion ENSEMBLEVorstellungen und Proben am Abend? Am Wochenende? Dafür gibts keine finanzielle Unterstützung für Kinderbetreuung. Mit dem Rechner von FemaleAct kann jede*r kalkulieren, welche Kosten dadurch entstehen.
Der Online-Kalkulator der Gruppe FemaleAct* zur Berechnung der nicht-subventionierten Care-Time bei Bühnen- und Film-Engagements ist ein sehr einfaches Tool: Man gibt seine Arbeitszeiten ein, und der Rechner gibt an, wie viel Arbeitsstunden man zusätzlich leisten, bzw. organisieren muss, um seiner Tätigkeit nachzugehen, wenn kein subventionierter Kita-Platz zur Verfügung steht. Das wird dann in bare Münze umgerechnet.
Gerechnet wird ab 18 Uhr und an den Wochenenden. Jede*r darstellende Künstler*in mit Kindern kennt diese Herausforderung. Jetzt kann man den Zusatzaufwand auch in Geld beziffern. Das macht die Sache plötzlich weit politischer, als man auf den ersten Blick denken würde.
Der erste Ansatz des Rechners ist es, den Betroffenen Zahlen und Forderungsgrundlage bei Gagenverhandlungen zu geben. Aber wie wir alle wissen, ist das nicht so einfach. Individuelle Darsteller*innen sind in Schweizer Theater-, Tanz- und Performance-Produktionen einem hohen Konkurrenzdruck ausgeliefert. Fordert man/frau zu viel, wird man/frau als „schwierig“ eingeordnet und verbaut sich zukünftige Chancen in der doch eher kleinen Branche in der Schweiz. Noch immer gilt: Wer Kunst machen will, soll gefälligst Opfer dafür bringen. Das ist ein systemischer Fehler, den Einzelne nicht lösen können.
Theater: „Vereinbarkeit ja! Aber …“
Fragt man bei den grossen Theaterhäusern und Bühnen nach, stehen alle mit dem Brustton der Überzeugung für die Vereinigung von Familie und Beruf ein. Keine Frage! Rechnet man diese Vereinbarkeit in Geld um, wird es sehr, sehr leise. Die Verantwortung, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, wird dann plötzlich auf die Künstler*innen abgewälzt.
Mit dem Kalkulator von FemaleAct ist jetzt ein Tool vorhanden, das es ermöglicht, schon bei der Budgetierung von Projekten die Care-Arbeit einzurechnen und sie in die Gagen einzubeziehen. Uns ist klar, dass kleinere Produktionen keinen vollen Ausgleich finanzieren können, ohne die eigene Existenz zu gefährden. Aber bei den grossen, stark subventionierten Häusern, ergibt sich jetzt die Gelegenheit, einen Kulturwandel anzustossen und zusätzlich erbrachte Leistung im Budget zu berücksichtigen, die es den Künstler*innen überhaupt erst ermöglicht, ihren Job zu machen.
Es geht nicht, dass Subventionen von Bund, Kanton oder Stadt für Jobs eingesetzt werden, die den Aufwand für die Kinderbetreuung ausserhalb der Normzeiten einfach auf die Arbeitnehmer*in abwälzt. Dasselbe gilt für Filmproduktionen, die von SRF – und damit indirekt von der Öffentlichkeit – mitfinanziert werden.
Aber woher soll denn das Geld kommen?
Die Frage nach der Finanzierung wird wohl als Erstes kommen, um eine Einführung des Tools bei Gagenberechnungen auszuschliessen. Und da sind wir auch schon beim Hauptproblem: Bei den meisten grossen Häusern, oft im sechsstelligen Bereich subventioniert, fehlt es an Transparenz bei der Verteilung von Geldern. Gagen sind nicht aufgeschlüsselt und niemand weiss ( auch die Subventionsgeber nicht), wer warum wie viel bekommt. Dazu kommt der Genie-Kult, der einzelnen „Stars“ einen grossen Anteil der zur Verfügung stehenden Gelder hinterherwirft, während andere mit dem Mindestansatz abgespiesen werden.
Jetzt wäre es an der Zeit, den vollmundigen Bekenntnissen zur Vereinbarkeit auch Taten folgen zu lassen: mit finanzieller Berücksichtigung von Care-Arbeit ausserhalb der Normzeiten – und mit mehr Transparenz in der Gagenberechnung.
FemaleAct ist ein Zusammenschluss von FINTA Schauspieler*innen, die in der Schweiz leben und arbeiten. Sie identifizieren Lücken in den Darstellenden Künsten und entwickeln Projekte, um einen notwendigen Strukturwandel zu beschleunigen. Für mehr Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne! Zur Seite.
SzeneSchweiz-News im Dezember
/in Aktuell, Aktuell, Archiv, Archiv, Archiv, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLE59. Solothurner Filmtage: Mitglieder- & Netzwerkapéro am 22. Januar 2024
Wir freuen uns, auch 2024 wieder mit dem SSFV zum beliebten Netzwerkapéro an den Solothurner Filmtagen einzuladen.
Wann: Montag, 22. Januar 2024, 18:30 im Uferbau Solothurn
Es ist keine Anmeldung nötig.
Wir vom Verband SzeneSchweiz freuen uns auf euch!
Exklusiv für SzeneSchweiz-Mitglieder:
Akkreditierung für die Solothurner Filmtage vom 17. bis 24. Januar 2024 – Verlosung!
Ab sofort kann man sich für die 59. Solothurner Filmtage akkreditieren. Wer in den Vorjahren bereits einmal akkreditiert war, hat vermulich bereits eine entsprechende E-Mail erhalten. Um eine Akkreditierung zu beantragen, ist ein Benutzerkonto erforderlich. Wer bereits eines besitzt, kann Sie sich hier anmelden. Andernfalls muss hier ein neues Konto erstellt werden. Die Akkreditierung muss spätestens bis zum 10. Januar 2024 eingereicht werden. Verspätete Anträge sind danach nur noch während dem Festival gegen eine zusätzliche Gebühr von CHF 15 möglich.
SzeneSchweiz verlost 10 Gratis-Akkreditierungen
Leider kostet die Akkreditierung neu CHF 60 pro Person (bisher: CHF 45). Eine Kooperation für vergünstigte Akkreditierungen mit dem Festival einzugehen, war leider nicht möglich.
Deshalb haben wir beschlossen, 10 Mal eine Akkreditierung an unsere Mitglieder zu verschenken.
So funktioniert der Wettbewerb:
Schreibt uns bis spätestens 13. Dezember 2023 eine E-Mail an info@szeneschweiz.ch und nehmt an der Verlosung teil. Wer gewinnt, wird bis zum 18. Dezember benachrichtigt.
GUT ZU WISSEN: Auch wenn ihr am Wettbewerb teilnehmt, müsst ihr euch trotzdem selber online akkreditieren. An der Verlosung kann auch teilnehmen, wer sich online bereits akkreditiert hat. Die Gewinner*innen werden durch Zufall ermittelt und persönlich benachrichtigt. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Pour nos membres en Suisse romande:
Workshop à Genève le 30 janvier 2024 avec Anne-Catherine Sutermeister
Ma carrière, mes envies…
ScèneSuisse propose un workshop pour faire le point sur ses projets artistiques et déployer son futur professionnel. Avec Anne-Catherine Sutermeister, consultante en politique et management culturel.
Pour en savoir plus, trouvez ici le descriptif du workshop
Landis & Gyr Stiftung: Ausschreibung 2024 der Werk-, Reise- und Atelierstipendien
Die Landis & Gyr Stiftung schreibt ab sofort ihre jährlichen Werk-, Reise- und Atelierstipendien für Schweizer Kunst- und Kulturschaffende oder für solche anderer Nationalitäten mit offiziellem Wohnsitz in der Schweiz aus.
Weitere Infos findet ihr hier.
Bewerbungsfrist: 31. Januar 2024
Kontakt bei Fragen: Anna Wälli, anna.waelli@lg-stiftung.ch, 041 725 23 58
Hier geht es zur entsprechenden Medienmitteilung in vier Sprachen:
Rechtslage für KI-Nutzung im Film
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEDie SAG-AFTRA hat sich mit den US-Filmproduzenten über die Anwendung von KI in der Filmproduktion geeinigt. Wie sieht die aktuelle Rechtslage in der Schweiz aus? Jurist Ernst W. Brem erklärt.
Der mehrmonatige Streik hat mit einem neuen, bis 2026 gültigen Gesamtarbeitsvertrag (sog. Codified Basic Agreement) ein Ende gefunden. Diesem hat zunächst der Vorstand der Gewerkschaft und anschliessend die Mitglieder mit einer deutlichen Mehrheit zugestimmt.
Neben vielen anderen Themen wie die Vergütung bei der Nutzung von Filmen in Streaming-Diensten bildete die Anwendung von KI in der Filmproduktion ein Kernthema der Auseinandersetzung mit den Filmproduzenten und blieb bis zuletzt umstritten. Dabei wurden die folgenden Probleme diskutiert und geregelt:
1. Fall: (employment based digital replica) Der Schauspieler oder die Schauspielerin dreht Szenen im Rahmen eines regulären Arbeitsvertrages. Die Aufnahmen werden durch Auswertung mittels KI auf Szenen erweitert, welche nicht effektiv aufgenommen sondern durch KI geschaffen wurden.
Dadurch spart der Produzent Drehtage ein.
Für diesen Fall sieht der neue Gesamtarbeitsvertrag vor, dass der Schauspieler sein ausdrückliches Einverständnis zu dieser KI Auswertung geben muss und die beabsichtigten Nutzungen der Aufnahmen im Vertrag detailliert beschrieben werden müssen. Ausserdem muss der Schauspieler zusätzlich entschädigt werden und er erhält bei der Nutzung die gleichen zusätzlichen Vergütungen (residuals) wie wenn die durch KI geschaffene Szene real gedreht worden wäre.
2. Fall: (independently created digital replica) Es werden frühere Aufnahmen verwendet, um mittels KI die Person des Schauspielers in einem neuen Film erscheinen zu lassen.
Die Regelung im neuen Gesamtarbeitsvertrag sieht vor, dass für diese Verwendung ein ausdrücklicher Vertrag mit detaillierter Beschreibung der beabsichtigten Nutzungen abgeschlossen werden muss und diese Verwendung entschädigt werden muss, wobei die Höhe der Entschädigung den Parteien überlassen wird. Die residuals sind in gleicher Höhe zu bezahlen, wie wenn die Szenen des Films real gedreht worden wären.
3. Fall: (Generative Artificial Intelligence) Es werden mithilfe KI aufgrund der Auswertung von Filmmaterial Szenen mit künstlich neu entwickelten Personen produziert
Die Regelung im neuen Gesamtarbeitsvertrag sieht für dieses Problem das Folgende vor: Weist die neu geschaffene Person leicht erkennbare Züge (Stimme, Gesichtsausdruck etc.) realer Personen auf, gilt die Regelung nach Fallbeispiel 2. Falls dies nicht der Fall ist, ist der Produktionsprozess und das für die KI verwendete Datenmaterial der Gewerkschaft offenzulegen und es muss eine angemessene Entschädigung ausgehandelt werden.
Mittelfristig weniger Arbeitsplätze für Darstellende
Es ist klar, dass die getroffenen Bestimmungen die Vertragssituation der US-Filmschauspieler kurzfristig verbessern. Langfristig werden sie die Anwendung von KI in der Audiovision kaum beeinflussen. Für die Produzenten war für ihr Einverständnis zur neuen Regelung entscheidend, dass sie KI in der Filmproduktion ohne technisch definierte Einschränkungen einsetzen können. An diesem Punkt setzt auch die Kritik einiger Vorstandsmitglieder der Gewerkschaft ein.
Der neue Vertrag kann ihrer Meinung nach nicht verhindern, dass KI mittelfristig zu einem Stellenabbau in der Branche führen wird, da auch unter dem neuen Vertrag ein Teil der Drehtage durch KI ersetzt werden kann. Rund ein Viertel der Gewerkschaftsmitglieder verweigerten aus diesem Grund dem neuen Vertrag ihre Zustimmung.
Wie sieht die entsprechende Rechtslage in der Schweiz aus?
Ein umfassender Gesamtarbeitsvertrag für Filmschauspieler gibt es in der Schweiz nicht, es gibt lediglich Branchenempfehlungen und Musterverträge. Diese befassen sich bisher nur am Rande mit KI-produzierten Inhalten. So sehen zB. die Richtlinien des VSP höhere Entschädigungen vor, wenn die Lippenbewegungen des Sprechers für eine spätere KI Auswertung in der Audiovision aufgezeichnet werden (sog. Lipsync).
In der Schweiz haben die Schauspieler eine mögliche KI-Verwendung ihrer Darbietung in ihrem individuellen Engagementvertrag zu regeln. Die Verhandlungsposition in einem solchen Vertrag hängt dabei wesentlich von den aus dem Leistungsschutzrecht und Persönlichkeitsrecht fliessenden Verbotsrechten gegen eine KI basierte erweiterte Auswertung einer Darbietung ab. Die entsprechende Rechtslage zu den drei obgenannten Fallgruppen nach schweizerischem Recht kann hier nur kurz skizziert werden.
Rechtsprechung dazu steht noch weitgehend aus.
Zu Fall 1 (employment based digital replica) Eine unbewilligte KI-Verwertung der Aufnahme einer im Arbeitsverhältnis für einen bestimmten Film geschaffenen Darbietung verletzt nach schweizerischem Recht das Vervielfältigungsrecht des Schauspielers nach Art. 33 Abs. 2 lit. c URG. Die Verwendung einer solchen KI basierten neuen Festlegung kann überdies auch das Persönlichkeitsrecht des Künstlers verletzen.
Zum Fall 2 (independently created digital replica) Auch in diesem Fall wird das Vervielfältigungsrecht evtl. auch das Persönlichkeitsrecht des ausübenden Künstlers verletzt, wenn Aufnahmen aus früheren Filmen zur KI basierten Verwendung in Szenen für einen neuen Film verwendet werden.
Zum Fall 3 (general artificial intelligence) Der ausübende Künstler kann mittels seines Vervielfältigungsrechts auch gegen die Verwendung der Aufnahmen seiner Darbietungen im sog. data mining einsetzen, sofern dieses zu kommerziellen Zwecken erfolgt. Er kann die Verwendung von Aufnahmen seiner Darbietungen zur Schaffung neuer Aufnahmen auch dann verbieten, wenn die Charakteristiken seiner Darbietungen im Endprodukt nicht mehr erkennbar sind. Die Schwierigkeit liegt hier darin, eine solche Verwendung überhaupt nachweisen zu können, wozu das schweizerische Prozessrecht (Im Gegensatz zum US-Recht) denkbar schlechte Möglichkeiten gewährt.
Einblick ins KI-Training
Die US-Schauspieler haben das Problem dadurch gelöst, dass die Gewerkschaft Einblick in die Kreationsprozesse künstlich geschaffener Avatare erhält.
Während das schweizerische Recht einigermassen zielführende Rechtsbehelfe gegen die Verwendung von künstlerischen Darbietungen als Input für KI basierte Produkte gibt, sind die Rechtsbehelfe gegen die Verwendung solcher Produkte noch reichlich unklar. Die Rechtsprechung wird hier einiges zu klären haben.
Auch die Verwertungsgesellschaften müssen sich mit der Frage befassen, ob KI basierte «Darbietungen» in Szenen genau gleichzubehandeln sind wie real aufgenommene Darbietungen. Die Frage der verwendungsbasierten Entschädigungen von KI basierten Produkten haben die US-Schauspieler in ihrem neuen Gesamtarbeitsvertrag m.E. befriedigend gelöst. Für die individuelle Vertragsgestaltung in der Schweiz ist nach dem Vorbild des Codified Basic Agreement zu empfehlen, dass vorgesehene KI Auswertungen einer Darbietung im Vertrag im Detail aufgelistet werden.
Bester Schweizer Kinostart seit der Pandemie
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV/von Redaktion ENSEMBLEStreamingdienste, Pandemie, Kinoschliessungen, Untergang des Kosmos – die Schweizer Filmszene war die letzten Jahre mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Mit dem Schweizer Film «Bon Schuur Ticino» scheint ein Gegentrend einzusetzen.
Seit Donnerstag läuft Peter Luisis Komödie offiziell im Kino. Die ersten Besucherzahlen sind bemerkenswert. Die Startzahlen sind die besten seit kurz vor der Pandemie, explizit seit dem Grosserfolg Platzspitzbaby (Januar 2020). Am ersten Montag nach Kinostart steht «Bon Schuur Ticino» bei einem nationalen Besuchertotal von 22’021 Kinobesucher:innen (inkl. Vorpremieren).
Peter Luisi: «Kein Schweizer Film hat seit 2020 mehr Besucher:innen nach dem ‘opening weekend’ verbuchen können. Das ist nicht nur für unser Team eine fantastische Nachricht, sondern für die gesamte Kinobranche.»
Abzuwarten bleibt, ob eine Filmschwalbe schon den nächsten Kinosommer macht. Mit dem neuen Streaming-Gesetz 2024 könnte sich wenigstens auf der Produktionsseite etwas verbessern: Netflix, Disney und Co sind ab nächstem Jahr verpflichtet, einen Teil ihres Umsatzes in nationale Produktionen zu investieren.
«Diversitätsarbeit ist kein Wettkampf!»
/in Aktuell, Aktuell, Archiv, Archiv, Archiv, Tanz, Tanz, Tanz, Theater, Theater, Theater/von Redaktion ENSEMBLEEine Diversitäts-beauftragte Person, oder in Englisch «Diversity Agent», gab es als Stelle am Schauspielhaus Zürich bisher noch nicht – Diversitäts-Fragestellungen waren aber durchaus vorhanden, verstärkt mit der Intendanz Blomberg-Stemann und deren progressiver künstlerischer Setzung. Worauf die benötigte Stabsstelle kreiert wurde, Yuvviki Dioh besetzt diese mit Bravour und grossem Ehrgeiz. Ein Gespräch über ihre Arbeit und Visionen.
Als Orientierung für die Erschaffung der Stabsstelle diente ein Modell aus Deutschland, das bereits ab 2018 in verschiedenen Institutionen umgesetzt wurde. Über den Deutschen Kulturförderungsfonds mit dem Programm 360 Grad werden externe Gelder für diversitätsfördernde Projekte akquiriert, genau darin liegt aber der zentrale Unterschied zur Schweiz. Dioh wird vom Haus aus finanziert, dabei ist sie zuständig für die diversitätsorientierte Organisationsentwicklung, als grössere Felder gelten hierfür das Programm, Publikum und das Personal. Ihre Arbeit ist strategisch, sie kreiert Handlungsmassnahmen und neue Ideen – ihre Stelle fungiert quasi als Navigationszentrum.
Dioh ist 32 Jahre alt und hat in Kommunikationswissenschaften doktoriert: «Ich habe mich aber nicht mehr wohl gefühlt an der Universität und deshalb aktiv nach einer Alternative gesucht!» Während des Studiums war sie bereits aktivistisch unterwegs, im Rahmen des Black-Lives-Matter-Movement und der LGBTQIA+ -Bewegung, «und so bin ich immer tiefer in die Materie und in die Themen Marginalisierung und Anti-Diskriminierung gerutscht».
Dabei vermittelt sie auch an Events und Podien ihr wissenschaftliches Knowhow. Ihren Weg in die Bühnenbranche in Zürich fand sie über den Tanz, den sie seit ihrer Kindheit inn einer Tanzgruppe pflegte, bis sie Mitte Zwanzig andere Prioritäten setzte. Später, als Teil der Gruppe Jungtheater, verantwortete den Bereich Strukturarbeit in Leitung und Vorstand. „Durch diese Erfahrungen fanden all meine Fähigkeiten zusammen und ermöglichten mir, die jetzigen Stelle zu übernehmen», erklärt sie ihren Werdegang.
Diversität am Schauspielhaus
«Eine kurze Erklärung zum Begriff Diversität gibt es nicht», sagt Dioh. Am Haus hat sie gemeinsam mit der Leitung lange überlegt, was das Verständnis und die Vision dafür sein könnten, «mit dem Ziel, zu transformieren und diverser zu sein!» Vier Begrifflichkeiten sind dabei wichtig: Diversität, Inklusion, Gleichstellung und Zugehörigkeit. «Am Schauspielhaus geht es um echte soziale Gerechtigkeit. Diversität soll nicht als Tokenism missbraucht werden.
Die Argumentation sieht so aus: Das Schauspielhaus soll ein Ort sein, wo verschiedene Lebensrealitäten aufeinandertreffen, dies soll gelebt werden und künstlerisch ergründet.» Denn: «Was machen wir am Theater – wir setzen uns mit Welt, Mensch, Gesellschaft auseinander.» Und genau dies soll positiv und in inspirierendem und sicherem Raum stattfinden, dafür braucht es viel Arbeit – auch wenn es vielleicht erstmal nach wenig klingt.
Der Begriff Diversität als Basis, der oft mit Heterogenität und Vielfalt erklärt wird, heisst in erster Linie «Repräsentation von Differenz», die auf Identitätskategorien gründet. «Die Triade Race, Class, Gender aber auch Disability, physische und psychische Fähigkeiten, Religion, Weltanschauung, sexuelle Orientierung, Alter und vieles mehr, was noch kommen wird», ergänzt Dioh.
Diese Kategorien sollen in den Alltag der Institution implementiert werden, «gleichsam für Mitarbeiter*innen als auch für das Publikum». Ziel ist es, die Chancengleichheit zu erhöhen und Barrieren abzubauen. Dafür braucht es ein Verständnis, wie Marginalisierung reproduziert wird. Dioh erklärt das etwas genauer mit den Fragen: «Wo schliessen wir als Theater aus, auch historisch betrachtet … Wen sprechen wir heute an? Wer arbeitet eigentlich bei uns? Welche Strukturen braucht es, damit wir einschliessend sind?» Das bedeutet ein Verständnis der Beziehung zwischen Individuum und sozialer Umwelt, von Diskriminierungsformen, Privilegien und Benachteiligungen – «viele Aspekte müssen berücksichtigt werden, damit man im Betrieb nachhaltig, divers und sozial gerecht agieren kann.» Über allem stehen die Themen Transformation und Nachhaltigkeit – «es ist aber noch nicht alles festgeschrieben, sondern darin werden Strategien und Handlungen formuliert», sagt sie.
Vermittlungsprogramme und Barrierefreiheit
Der letzte spürbare Erfolg sei schwierig zu definieren: «… wenn bei Vorstellungen immer mehr verschiedene Leute kommen – das ist Communitybuilding-Arbeit! Auch der Begriff Audience Development geht in dieselbe Richtung, wie auch die Frage nach der Lokalität, denn nicht alle Diversitäts-Massnahmen funktionieren überall.» Wichtig sei es, regional, überregional bis international zu agieren und daneben wirklich in Kontakt zu treten mit Leuten in der Stadt. Dioh sagt: «Es sind nicht alle Zuschauer*nnen oder Mitarbeitende Fan unserer Institution, (Diversitäts-)Arbeit und Kunst.
Es gibt aber sehr viele schöne Begegnungen, auch direkt mit den Künstler*innen. Daneben gibt es auch weniger sichtbare Erfolgsmomente, in der Arbeit im Betrieb, wenn der Prozess, die Arbeitspraxis sich langsam verstetigen. Misserfolge hingegen gibt es immer dann, wenn etwas verpasst wurde oder die Infrastruktur nicht barrierefrei ist.
Der Pfauen ist beispielsweise nicht konzipiert für Menschen, die architektonisch andere Zugänge brauchen. Und die Website ist für viele noch nicht zugänglich, die eine leichte Sprache, Bildbeschreibungen und Screen-Readers brauchen. Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst, die Infrastruktur ist an sich aber leider limitiert». Am Haus sind weitere Vermittlungsprogramme in Planung, darunter taktile Führungen, sowie die stetige Vernetzung mit Selbstvertreter*innen in der Kunst und Kulturszene.
Im Oktober 2023 moderierte Dioh eine Podiumsdiskussion mit dem gerade neu gewählten Zürcher Nationalrat und Behindertenrechtsaktivisten Islam Alijaj, Nicole Grieve (Kultur Inklusiv), Cem Kirmizitoprak (Inklusions-Agent und selbstvertretender Politiker), Edwin Ramirez (Criptonite) zum Thema Politik, Behinderung und Theater. «Dort haben wir sehr gut inklusiv gearbeitet, es wurde ein Skript für Gebärde-Dolmetscher geschrieben, es gab verschiedene Sprech-Tempi, etc.» sagt sie, und sieht die im Podium geäusserte Kritik in Bezug auf die fehlende Barrierefreiheit als Erfolg und Resultat einer wachsenden Debatten-Kultur.
Machtmonopole aufweichen
Im Diversitäts-Kompass des Schauspielhauses wird auf die Notwendigkeit von flachhierarchischen Strukturen hingewiesen, die die Machtstrukturen der Institution «Stadttheater» durchleuchten. Am Schauspielhaus Zürich wird zusätzlich versucht, flachhierarchischere Strukturen zu etablieren. Zum Beispiel: In einem wöchentlichen Beratungsgremium, wo alle Leitungsfunktionen und Stabsstellen zusammenkommen, werden alle wichtigen Punkte gemeinsam besprochen.
Dadurch sollen in Entscheidungsmomenten Machtmonopole aufgeweicht werden. Die Kommunikation ist zentral, alle Leute am Haus mit ihrer jeweiligen Expertise sind bei der Lösung eines Problems gefragt. Es herrscht ein reger Austausch, «einchecken und konkrete Zielvereinbarungen sind dafür ein regelmässiges Tool, an Transparenz, Vertrauen, Wertschätzung und Respekt muss stetig gearbeitet werden. Letztendlich sollen Entscheidungen nicht isoliert gefällt werden, um die Durchsetzung von Eigeninteressen zu minimieren», ist Dioh überzeugt.
Personal, Publikum, Programm – drei Felder
In ihrer Arbeit beschäftigt sich Dioh auch mit Strategien für die Personal- und Kulturentwicklung und einer diversitätsorientierteren Einstellungspraxis mit Onboarding unter Diversitätsaspekten. Sie setzt sich für die Förderung von Diversitätskompetenzen in Leitungspositionen ein und plant Sensibilisierungsmassnahmen. Die Stabsstelle gewährt Dioh die Legitimität, in vielen Gremien dabei zu sein und den Überblick zu haben zum Geschehen am Haus. Sie hat viel Freiheit, zu gestalten und neben ihr gibt es viele interne Multiplikator*innen, darunter bspw. das Dramaturgieteam, das die Repräsentationspolitik bespricht, oder Casting- und Textfragen diskutiert.
So fragt sich die Runde beispielsweise gemeinsam, «was bedeutet eine Aussage für Autor*in X» oder wen repräsentieren die Darsteller*innen in ihrem Spiel. Im Bereich Kostüm, Maske und Haar gab es einen besonderen Erfolgsmoment, erzählt Dioh: «Ohne mein grosses Zutun werden Workshops zu Black Hair, Braiding und Pflege durchgeführt, sowie Schminkkurse für verschiedene Hauttöne. Es geht den Kolleg*innen darum, dass PoC-Künstler*innen ohne Hürden oder Hemmungen in die Maske gehen können.
Es herrscht glücklicherweise bereits jetzt ein reger Austausch in Bezug auf Diversität von Körpern am Theater». Die Bereiche Damen- und Herrenschneiderei sind noch immer gegenderte Berufe, wobei in der Praxis die Grenzen verschwimmen, die Binarität wird aufgeweicht. Die Frage ist hier, wie man das strukturell einbetten kann. «In der Kunst kommen ständig neue Themen und Situationen hervor, damit umzugehen ist ein grosser Teil meiner Arbeit,» sagt Dioh.
Publikumsentwicklung
Auf der Ebene der Programmgestaltung findet auch eine enge Zusammenarbeit mit der Kommunikations- und Marketingabteilung statt, gefunden werden soll eine gemeinsame Sprache für Communitybuilding und Publikumsentwicklung. Dazu meint Dioh: «Wir möchten über unser vielleicht eher bürgerliches Stammpublikum hinaus mehr verschiedene Menschen ansprechen. Wie wir das schaffen? Dahinter steckt Öffentlichkeits-, politische und Vernetzungsarbeit.»
Dioh gestaltet und organisiert dafür themenspezifische Workshops, moderiert Podiumsdikussionen, dadurch entsteht viel Vernetzung über institutionelle Arbeit. Sie folgt ihrem Credo: «Das Wissen, das wir uns aneignen, muss verbreitet werden.» Die Intendanz lässt Dioh Freiheit bei der Umsetzung, sie ist im Austausch mit anderen Institutionen, die dieses Thema strukturell umsetzen wollen. Dazu meint sie: «Diversitätsarbeit und Transformationsarbeit ist kein Wettkampf, das lehne ich komplett ab! Es geht um soviel mehr!»
Das Theater als auch die Universität und Kunst im Allgemeinen sind Orte, wo Wissen produziert wird. Theater soll in einer Art berühren, wie es Akademien nicht können. Die Arbeitsbedingungen sollen diversen Bedürfnissen entsprechen. Zwar kann es kein konfliktfreier Ort sein, jedoch sich «safe» anfühlen für alle. Das wäre im Kern für mich das wichtigste, wir sind aber noch weit weg davon entfernt. Das neoliberalistische Leistungsdrucksystem ist auch trotz Subventionen schlecht zu überwinden. Ein Theater sollte aber ein Ort sein, wo man anders arbeitet und diese Safer Spaces entwickelt werden können.“
«Brüllen für Hexen und Drachen»
/in Aktuell, Film/TV, Kolumne, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLECorinne Soland bildet sich weiter. Dabei enthüllen sich Zukunftsperspektiven für Sprecher*innen und Schauspieler*innen im Bereich Gaming und VR. Und man kann lernen richtig zu schreien, zu weinen und zu röcheln. Als sterbende Spielfigur …
Jep, ich bin Weiterbildungs-Fan. Letzten Monat habe ich mir zwei Online-Kurse gegönnt – zum Thema Voiceover für Games. Ich teile mit euch ein paar der Dinge, die mich dabei am meisten beeindruckten. Dies vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass ihr in Zukunft für Videospiele sprechen könntet – doch mehr dazu etwas später.
Der erste Kurs war eine generelle Übersicht über das Berufsfeld. Zwölf interessierte Sprecher*innen und Spielende erhielten einen Einblick, wie das Erarbeiten von Charakteren-Stimmen für Videospiele und interaktive Medienkunst angegangen werden kann. Der zweite Kurs beinhaltete eine ganz spezifische Unterrichtseinheit für das Feld der “Rough Vocal Effects” oder auch “Vocal Distortion”. Übersetzt heisst letzteres so etwas wie „stimmliche Verzerrung“ und beinhaltet Brüllen, Schreien, „Sterben“, Röcheln, Angriffs- oder Gefechts-Laute. Ebenso sind wir auch darauf eingegangen, wie Stimmen von Kreaturen hergestellt werden können, die nur in der Fantasie existieren. Orks zum Beispiel, Drachen – oder Aliens. Es waren viele Metal-Sänger*innen in dem Kurs, das war eine spannende Arbeitsfeld-Überlappung.
Was für ein unglaublicher Spass! Zunächst gingen wir mit dem Spezialisten Sébastien Croteau durch verschiedene Übungen für ein gutes Stimm-Aufwärmen. Danach erklärte er uns den Aufbau des Stimm-Apparates anatomisch, um auch biologisch nachvollziehen zu können, wie die Stimme Schritt für Schritt gesund ein bisschen überstrapaziert werden kann.
So gelingt dann irgendwann die “Stimm-Stunt-Arbeit”. Diese gilt laut den amerikanischen SAG-AFTRA Richtlinien als “stimmlich intensive Aufnahmearbeit”. Weil Röcheln, Hecheln und Schreien die Stimme übermässig strapazieren, ist die Aufnahmezeit auf ein Maximum von zwei Stunden zu beschränken. Interessanterweise fallen unter Stimm-Stunt-Arbeit auch Flüstern und Weinen. Beim Weinen zum Beispiel wird mehr Luft hereingesogen als herausgegeben und das ist für den Stimmband-Apparat sehr anstrengend.
Bei Stimmaufnahmen für 3D-Kreaturen gilt grundsätzlich: verliere deine Körperlichkeit nie aus dem Fokus. Die Figur, der du eine Stimme gibst, hat einen Körper. Am besten, du stellst dir vor, wie es sich anfühlt, mit einem schweren Schildkröten-Panzer auf dem Rücken herumzugehen (für die Ninja Turtles) – was macht das mit der Luftzufuhr, mit der Lunge, mit der Muskulatur im Rippenbogen und dem Zwerchfell? Welchen Einfluss hat wohl das Gewicht auf die Art, wie diese Figur eine andere anspricht?
Alles mit Mass
Diejenigen unter euch, die schon mal synchronisiert haben, wissen: Wir bringen so viel Handlung, “Action”, mit in die Stimme wie möglich. Die Bewegungen werden stimmlich hör- und fühlbar. Ausserdem: die Entscheidung für eine spezifische Stimme deines Charakters muss nachhaltig sein. Es ist super, wenn du eine ganz spezielle Stimmfarbe für eine Figur findest, aber wenn du vier Aufnahmetage hast und jeweils aus stimmlicher Erschöpfung nach 3 Stunden nicht mehr in dein gewähltes Register, die Höhe oder Verzerrung gehen kannst, bringt das leider nicht viel für die Produktion, im Gegenteil – es kann sie verzögern.
Ein weiteres Element, das Sébastien mit uns geteilt hat, war, dass wir oftmals extreme Situationen für die Stimme vermeiden möchten, weil sie körperlich mit einem schlimmen Ereignis oder unerwünschten Nebeneffekt verbunden sind. Beispiele dafür sind Husten, Erbrechen-Laute oder Schmerz-Schreie. Wir müssen also in uns drin, quasi in den Zellen, das Signal geben, dass es in Ordnung ist für die Stimme, gerade an diesen Ort zu gehen.
Konstante Kontrolle über das Ausatmen, beziehungsweise eine verlässlichen, stabilen, gleichmässigen Druck herstellen zu können, ist das elementarste, meinte er. Zur Entspannung wurden jegliche Übungen empfohlen, die mit einem Strohhalm und Wasser gemacht werden. Blubbern für die Zombies!
Bald Schweizer Gamewelten?
Und jetzt noch nebst all der Begeisterung, die ich teilen wollte, der Grund, weshalb diese Art von Weiterbildungen relevant für euch sein könnten:
Es gibt in der Schweiz Bestrebungen, mehr Videospiele zu fördern. Bisher gibt es auf Kantons-Level nur eine klar als Games-Förderung ausgewiesene Unterstützung im Kanton Waadt (50’000 Franken). Andere Kantone oder Förderinstitutionen haben Modelle, die Videospiele unter anderem Label fördern, z.B: “Medienkunst” (Basel) oder “Interaktive Medien” und “She Got Game” (Pro Helvetia).
Oftmals sind Produkte, die sich international absetzen sollen, so produziert, dass sie mit Englisch als “lingua franca” arbeiten. Englisch ist die Sprache für den „grossen Markt“, das internationale Spieler*innen-/Nutzer*innen-Publikum quasi. Spiele, die Deutsch, Schweizerdeutsch, Italienisch, Französisch oder Rätoromanisch als Hauptsprache haben, werden auf einen kleineren Absatzmarkt treffen.
Da in Zukunft jedoch Games gezielter als kulturelle Produkte und nicht nur als wirtschaftlicher Faktor (als reines Unterhaltungsmedium) unterstützt werden sollen, können wir davon ausgehen, dass auch Videospiele mit anderen Sprachen als Englisch produziert werden. Dies eröffnet Sprecher*innen der vorher genannten und auch weiterer Sprachen einen zusätzlichen Arbeitsmarkt. Ausserdem gibt es viele Games, die nicht mit “herkömmlicher Sprache” arbeiten, sondern eine Kunst-Sprache erschaffen oder eben die Figuren vor allem über Geräusche oder Stimm-Stunt-Arbeit zum Leben erwecken.
Gönn dir was
Zum Schluss passend dazu the allerbest news: Der Verband für professionelle Sprecher*innen (www.vps-asp.ch) gibt Anfang 2024 neue Richtlinien heraus, unter anderem einen Schweizer Ansatz für “Voiceover für Games”. Haltet also Ausschau nach den VPS Tarifen 2024 und fragt im neuen Jahr sonst auch dort im Sekretariat nach, wenn ihr euch für dieses Berufsfeld interessiert.
Und gönnt euch doch was Kleines oder Mittelgrosses für euer Schauspiel-Selbst, so zum neuen Jahr? Je nach Budget: eine Weiterbildung, ein Blubber-Röhrli für die Stimm-Entspannung (muss nicht LaxVox sein, ich habe meins aus dem OBI) oder einen neuen Leuchtstift. So, dass ihr euch ready fühlt für die neuen Herausforderungen im 2024.
PS: Die Kurse hatte ich beim Halp Network gebucht, kann ich nur empfehlen. Der zweite Instruktor war Brook Chalmers – weitere spannende Links sind: www.iwanttobeavoiceactor.com und www.voiceacting.boards.net.
Hier noch ein Leckerchen: Keanu Reeves bei den Arbeiten zum Game „Cyberpunk 2077“, wo er die animierte Hauptrolle von Johnny Silverhand spielt. Triggerwarung!
Workshop «Projekteingabe und Budgetierung»
/in Aktuell, Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEEnde Oktober fand der Workshop «Projekteingabe und Budgetierung» mit Mathias Bremgartner von m2act statt. Wer Theater- oder Tanzprojekte realisieren möchte, steht im Dialog mit Kulturförderinstitutionen. Ein überzeugendes Projektdossier mit Finanzierungsplan und Budget ist dafür unerlässlich.
Aber was soll in einem Projektdossier stehen? Was gehört zu einem überzeugenden Budget inklusive Finanzierungsplan? Wie müssen Projektinhalt und Budget aufeinander abgestimmt sein? Und worauf achten potenzielle Geldgeber*innen besonders stark? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt des Workshops «Projekteingabe und Budgetierung», der am 30. Oktober 2023 in Zürich im Rahmen des Berufsverband Darstellende Künste SzeneSchweiz standfand. Der Workshop richtete sich an freischaffende SzeneSchweiz-Mitglieder mit eher wenig Erfahrung in der Projekteingabe. Angeleitet durch den Workshopleiter Mathias Bremgartner, Co-Leiter Förderung Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund, setzten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen mit drei konkreten Projekteingaben und -budgets auseinander. Sie erhielten den Auftrag, sich in die Rolle von Kulturförderer*innen zu versetzen. Dabei waren sie angehalten die Dossiers daraufhin zu untersuchen, ob die für ein kohärentes Gesamtbild des Vorhabens und eine Beurteilung notwendigen Informationen auffindbar und verständlich sind. Danach setzten sie sich unter den gleichen Prämissen auch mit den zugehörigen Budgets und Finanzierungsplänen auseinander.
Durch den «Perspektivenwechsel» erhielten die Teilnehmenden so einen Einblick in die Arbeitsprozesse und Überlegungen von Kulturförder*innen. Zudem konnten sie anhand der Übungen Rückschlüsse für ihre eigenen Projekteingaben ziehen und sich untereinander und mit dem Workshopleiter über die Do’s and Don’ts von Projekteingabe und Budgetierung unterhalten.
Mathias Bremgartner
«Theater scheint sicherer als Film»
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Theater/von Redaktion ENSEMBLEPatrick Karpiczenko, Autor, Regisseur und Schweizer Film-KI-Pionier, sieht die Chancen von künstlicher Intelligenz, aber auch die Veränderungen in Kunst und Kultur. Sein Fazit: „Macht keine schlechte Kunst!“
Für ENSEMBLE interviewte Reda El Arbi
Karpi, gibts in Zukunft eine App, auf der wir uns beliebig Schauspieler*innen herunterladen und dann mit einer KI einen Film zusammenstellen lassen können?
Natürlich. Und das ist erst der Anfang. Nicht nur wird es Apps geben, die auf Knopfdruck ganze Spielfilme erstellen, es wird auch ohne Knopfdruck passieren. Denkbar sind Fernsehsender, die automatisch merken, wenn sich einzelne Zuschauer zu langweilen beginnen – das Programm wird dann in Echtzeit umgestaltet. Genauso wie ich die Gruselgeschichten, die ich meiner Tochter erzähle, spontan ihren Launen und Interessen anpasse, so wird auch die Unterhaltung der Zukunft spontan auf jedes Anzeichen von Langeweile oder Verstörung reagieren.
Aber es geht noch weiter. Auch bestehende Filme können „on the fly“ umgeschrieben werden. Wer keine tragischen Schlüsse mag, dem verpasst die KI spontan ein Happy End – dann geht die Titanic am Schluss halt nicht unter. Und Kate und Leo heiraten.
Die Technologie dafür ist schon jetzt fast da. Einzig ungeklärt ist die Rechtesituation von Schauspieler:innen und bestehenden Filmwerken. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Hindernisse beseitigt werden. Wo ein Business-Modell ist, ist auch ein Weg.
In den USA haben die Schauspieler*innen und die Autor*innen gestreikt, weil die Angst umgeht, durch künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Ist das Szenario realistisch? Müssen Schauspieler*innen Angst haben, ihr Gesicht und ihre Identität könnten geklaut oder überzeugend kopiert werden?
Jaein. Im Moment schon noch, aber eher, weil die Technologie so rasant fortschreitet und in Sachen Urheberrechte noch wilder Westen herrscht. In Deutschland organisieren sich die Synchronsprecher:innen bereits für solche Szenarien.
Ich bin zuversichtlich, dass auch hier bald Richtlinien und Geschäftsmodelle entstehen. Problematisch wär nur, wenn diese Geschäftsmodelle noch mehr auf Ausbeutung bauen, als die bestehenden. Ein Spotify-artiges Geschäftsmodell für Gesichter und Stimmen von Schauspieler:innen wär nicht wünschenswert.
Du hast ein Projekt des SRF verlassen, bei dem an kreativen Prozessen mit KI herumgebastelt wurde. Wolltest du die KI, die in Zukunft deinen Job macht, nicht ausbilden?
Das Projekt habe ich aus ganz profanen Gründen verlassen – und nicht, weil ich Angst hatte, dass mein Job in Zukunft von einer KI gemacht werden kann. Im Gegenteil, ich arbeite seit Jahrzehnten daran, mich obsolet zu machen – bisher ist es mir nicht geglückt.
Wo steht die Schweizer Filmlandschaft in Bezug auf künstliche Intelligenz? Hinken wir wie immer zehn Jahre hinterher?
Leider ja. Von ein paar Nerds und Nerdetten mal abgesehen, treffe ich auf sehr viele Schlafmützen. Auch die Förderinstanzen schlummern friedlich.
Du lebst von deiner Kreativität. Denkst du, dass künstliche Intelligenz diesen eher chaotischen, intuitiven Prozess irgendwann wirklich selbst machen kann?
Irgendwann schon, ja. Aber das ist nicht weiter schlimm, vorausgesetzt wir schaffen es bis dahin, die wirtschaftliche Komponente von der kreativen zu lösen. Utopie ist für mich, wenn wir alle arbeiten können, aber nicht müssen. Und wenn alle Künstler:innen sein können – ohne finanziellen Druck.
Was würdest du Darstellenden Künstler*innen empfehlen, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein? Ausbildung? Jobwechsel? Nur noch Theater?
Schwierig. Lapidar gesagt würde ich dem Nachwuchs raten, keine schlechte Kunst zu machen, weil die am schnellsten obsolet wird. Je spezifischer, persönlicher, gewissenhafter jemand arbeitet, umso mehr sehe ich dafür Bedarf. Das „Wieso“ und „Warum“ wird in Zukunft wichtiger als das „Was“. Auch das Prädikat „hübsch“ wird durch KIs komplett entwertet – was ich grundsätzlich begrüsse.
Und ja, Theater scheint sicherer zu sein als Film und Fernsehen. Ich persönlich schicke meine Tochter in den Zirkuskurs. Der Beruf der Zirkusartistin ist „future proof“.
Und zum Schluss: Denkst du, dass KI irgendwann mal selbstbewusst und empfindungsfähig wird und die Weltherrschaft an sich reisst
Selbstbewusst und empfindungsfähig auf jeden Fall. Das kommt schon bald. Auch das mit der Weltherrschaft ist möglich, aber im Moment noch eher ein Hirngespinst. Ich mach mir weniger Sorgen darüber, was KIs alleine anrichten können, sondern für was sie von Menschen instrumentalisiert werden können. Wenn Konzerne dank KI jeden Bereich meiner Privatsphäre monetarisieren. Oder wenn autokratische Staaten mit Hilfe von KI den „perfekten“ Überwachungsstaat bauen um ihre Macht zu zementieren – das macht mir Sorgen. Die Roboterherrschaft wirkt dagegen noch zahm.
Schein versus Sein
/in Aktuell, Kolumne, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLE„Schein oder nicht Schein“ ist doch eigentlich die Frage, mit der man sich bei der „First Impression“ beschäftigen sollte. Es wird abgecheckt, wer kennt wen, wie sieht die Konkurrenz aus, wie ist die Stimmung im Leading Team, werde ich mich wohlfühlen? Wie Tierchen müssen wir uns erst beschnuppern, aneinander gewöhnen, abschätzen lernen, uns positionieren. Es passiert automatisch.
Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, weshalb wir auch im Alltag Rollen einnehmen? Wieso rede ich mit dem Verkäufer anders als mit meiner Kollegin? Weshalb habe ich bei meinem Neffen einen anderen Tonfall als bei meiner Mutter? Versuche mal einen Tag lang, dich bei jedem Menschen genau gleich zu verhalten! Rede mit deinem Kollegen genauso, wie mit der Dame im Supermarkt. Nutze den gleichen Tonfall für dein Kind, wie für deinen Chef. Deine Welt wird sich von Grund auf verändern, und zwar zum Guten, weil du keine „Rollen“ mehr einnehmen musst. Seit ich das praktiziere fühle ich mich viel wohler gegenüber unbekannten Menschen, nehme jedoch den alltäglichen Zirkus noch viel stärker wahr.
Montag 10 Uhr am ersten Probetag herrscht für mich immer die Hochsaison von „Sein und Schein“. Es liegt Spannung in der Luft, ist man gut genug vorbereitet, wie sind die Kollegen? Diese Situation ist für mich immer noch eine Herausforderung. Gehe ich auf neue Leute zu, fühlen sich die Meisten unwohl, denn Herdentierchen bilden gerne Grüppchen mit Menschen, die sie schon kennen. Deshalb lieber erstmal beobachten und warm werden. Kein Problem für mich, beim nächsten Mal ist es mir egal und ich gehe auf Niemanden zu, erhasche dafür aber komische Blicke. Wer macht sich denn schon selbst zum Aussenseiter?
„Ah ja stimmt“, kommt es mir in den Sinn, „das ist jetzt wieder dieses Schubladisierungs-Phänomen, dass dich jeder erstmal einschätzen möchte.“ Erschreckend, dieses Schauspiel zu beobachten. Macht jemand einen theatralischen Spruch, wird plakativ gelacht, Aufregung mündet in überdrehtes Verhalten. Alle wollen sich erstmal beweisen, ihr Revier markieren. Oft werden die Rollenspiele im Alltag gar nicht hinterfragt, weil man ja gelernt hat, dass man den Regisseur mit Respekt behandeln soll und sich bei der Dresserin keine Mühe geben muss .
Ich erblicke immer wieder Maschinen auf der Bühne, tote Augen, hochgezogene Mauern. Das macht mich traurig. Das Leading Team vergisst manchmal um die
Verantwortung, die Sie tragen. Ich möchte im Theater berührt werden, genauso wie bei der Oper und dem Film. Wahre Kunst ist für mich, den Schein abzulegen und dem Publikum einen Einblick in die Seele zu gewähren. Vielleicht war die deutsche Wortfindung „Schau-Spiel“ nicht die Passendste. Ich möchte keine Schau erleben, sondern dass der Schauspieler die Rolle lebt und mich damit berührt, dass sein „SEIN“ mit dem Charakter der Rolle verschmilzt.
Aber auch das beginnt bei uns selbst im täglichen Leben. Wir werden erzogen und gezogen, bis wir nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind und was wirklich aus uns selbst kommt. Und dann werden wir Schauspieler des Lebens oder Schauspieler auf der Bühne, was uns noch viel weiter weg vom eigentlichen SEIN-Zustand bringt. Der SCHEIN bekommt einen weiteren SCHEIN auf der Bühne, vor der Kamera, im Kaufhaus, beim Arzt und plötzlich sind wir ausgebrannt, weil wir mit all den „gelebten“ Rollen jeden Tag viel zu viel Energie verbrauchen. Uns fehlt die Besinnung auf uns Selbst und dann „finden“ wir uns beim Psychotherapeuten oder beim Yoga-Retreat wieder.
Die Maske, im lateinischen übrigens PERSONA, darf abgelegt werden. Die Person soll Mensch SEIN und zu seinem natürlichen Ursprung zurückgehen, in dem wir „einfach“ zeigen, wie wir uns fühlen und einander so SEIN lassen, wie wir sind. Ich glaube daran, dass ich eines Tages Montagmorgen um 10 Uhr in einem neuen Probesaal stehe und mich wie zu Hause fühle, weil sich alle Beteiligten am richtigen Ort zur richtigen Zeit empfinden und die Schönheit jedes einzelnen Charakters erkennen, um den Schein SEIN zu lassen
Prekäre Bezahlung – Was plant SzeneSchweiz?
/in Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEEs war ein bewegtes Jahr für die Darstellenden Künste – die SzeneSchweiz-Lohnumfrage enthüllte massive Missstände, die Politik fährt einen Angriff auf die SRG und um die nächste Ecke wartet die künstliche Intelligenz, um die Jobs zu übernehmen. Aber wir sind bereit.
Die Lohnumfrage von SzeneSchweiz hat dieses Jahr den Finger in eine offene Wunde gelegt. Die erhobenen Zahlen untermauern, was uns bereits allen bekannt war: Die Einkommen in den Darstellenden Künsten sind für die meisten Künstler*innen prekär. Bei den Festangestellten an den subventionierten Häusern verdient die Hälfte 51 – 70000 Franken, nicht genug, um eine Familie zu ernähren. Bei den Freischaffenden sieht es noch schlimmer aus: 86 Prozent geben an, dass sie fürs Überleben sogenannte Brotjobs brauchen. Hochqualifizierte Künster*innen (die allermeisten mit Masterabschluss) müssen in der Gastronomie, im Verkauf etc. arbeiten, damit sie ihre Rechnungen zahlen können. Das ist Zeit, die in ihrem kreativen Beruf fehlt.
SzeneSchweiz will sich deshalb 2024 noch stärker für bessere Arbeitsbedingungen der Mitglieder und die ganze Branche einsetzen. Doch wie könnte das aussehen? Einige engagierte Künstler*innen wünschen sich klare Kampfmassnahmen, wie man sie dieses Jahr in den USA hatte sehen können. Das ist löblich, leider aber nicht angemessen in der Schweiz, weil hier Kultur und Darstellende Künste subventioniert sind. Man kann keine Kampfmassnahmen ergreifen, ohne den Zusammenhalt der Kulturszene zu zerstören und damit die politische Grundlage für Subventionen zu schwächen.
Aber was tut SzeneSchweiz dann?
Wir starten eine Kampagne gegen prekäre Löhne und unwürdige Anstellungen. «Nett, aber was soll das bringen?», werden sich jetzt einige fragen. «Viel», würde unser Kampagnenleiter Reda El Arbi antworten. «Ziel ist es, die Verteilung der öffentlichen Gelder transparent zu machen. Zurzeit verteilen die Häuser und die Produktionsfirmen die erhaltenen öffentlichen Beiträge oder die Gelder aus dem SRG-Topf in völliger Dunkelheit ohne Regeln und Kontrolle. Das führt dazu, dass auf der einen Seite hohe Honorare und Gehälter an einige wenige ausbezahlt werden, während auf der anderen Seite die meisten darstellenden Künstler*innen nicht von ihrem Job leben können.»
Die Kampagne solle ein Licht auf diesen Missstand werfen, erklärt El Arbi. Es gehe nicht, dass Bund, Kantone oder SRG mit ihren Beiträgen miserable Arbeitsbedingungen ermöglichen würden. Und genau da setzt die Kampagne an. Wenn Publikum und Öffentlichkeit erfahren, dass öffentliche Gelder für prekäre, unwürdige Anstellungsverhältnisse und zu miserablen Honoraren führten, würden sie Druck auf die Politik ausüben.
Der indirekte Ansatz
Dieser Druck soll dazu führen, dass die Subventionsgeber die exakte Verteilung der öffentlichen Gelder einsehen können und wollen. Keine Dunkelkammer mehr, keine unfaire Verteilung der Gelder. Weiter kämpft SzeneSchweiz um einen Sitz am Tisch bei der Vergabe der Subventionen, auf der Ebene von Bund und Kantonen und im Beirat der SRG. Mit einer Mitsprache als Vertreterin der Künstler*innen bei Aufteilung und Einsatz der öffentlichen Gelder könnte SzeneSchweiz die anstehenden Probleme in den Häusern und bei den Produktionen direkt angehen.
Wie wir, SzeneSchweiz, das hinkriegen?
Natürlich mit eurer Hilfe! Jede*r von euch kann mithelfen, unsere Themen zu verbreiten, im Umfeld, im Freundeskreis und in den Familien. Und natürlich liefern wir dazu eine grossartige Kampagne mit Inhalten, über die ihr euch freuen könnt.
Retribuzione precaria – Cosa sta progettando ScenaSvizzera?
/in Aktuell, Archiv, Archiv, Tanz, Verbandsinfo, Meinung, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEÈ stato un anno movimentato per le arti dello spettacolo – il sondaggio sui salari di ScenaSvizzera ha rivelato condizioni deplorevoli, i politici stanno lanciando un attacco alla SSR e l’intelligenza artificiale è in attesa dietro l’angolo per prendere i posti di lavoro. Ma noi siamo pronti.
Quest’anno, l’indagine salariale di ScenaSvizzera ha messo il dito in una ferita aperta. I dati raccolti confermano ciò che tutti noi già sapevamo: i redditi nelle arti dello spettacolo sono precari per la maggior parte degli artisti. La metà dei dipendenti fissi dei teatri sovvenzionati guadagna tra i 51.000 e i 70.000 franchi, non abbastanza per mantenere una famiglia. La situazione è ancora peggiore per i freelance: l’86% dichiara di aver bisogno di lavori aggiuntivi per sopravvivere.
Gli artisti altamente qualificati (la maggior parte con un master) devono lavorare nella ristorazione, nelle vendite, ecc. per pagare le bollette. Questo è il tempo che manca alla loro professione creativa.
Ecco perché ScenaSvizzera vuole fare una campagna ancora più forte per migliorare le condizioni di lavoro dei suoi membri e del settore nel suo complesso nel 2024. Ma come potrebbe essere? Alcuni artisti impegnati vorrebbero vedere un’azione chiara come quella vista negli Stati Uniti quest’anno. Questo è lodevole, ma purtroppo non è appropriato in Svizzera, perché qui la cultura e le arti dello spettacolo sono sovvenzionate. Non si possono adottare misure combattive senza distruggere la coesione della scena culturale e quindi indebolire la base politica delle sovvenzioni.
Ma cosa fa allora ScenaSvizzera?
Lanciamo una campagna contro i salari precari e l’occupazione non dignitosa. „Bello, ma a cosa serve?“, chiederanno alcuni. „Molto“, risponderà il nostro responsabile della campagna Reda El Arbi. „L’obiettivo è quello di rendere trasparente la distribuzione dei fondi pubblici. Attualmente, le case e le società di produzione distribuiscono i contributi pubblici che ricevono o il denaro proveniente dal piatto della SRG nella più completa oscurità, senza alcuna regola o controllo. Di conseguenza, da un lato vengono pagati compensi e stipendi elevati a pochi, mentre dall’altro la maggior parte degli artisti non riesce a vivere del proprio lavoro“.
El Arbi spiega che la campagna intende far luce su questa situazione. Non è accettabile che il Governo federale, i Cantoni o la SSR permettano condizioni di lavoro miserabili con i loro contributi. Ed è proprio qui che entra in gioco la campagna. Se il pubblico e l’opinione pubblica vengono a conoscenza del fatto che il denaro pubblico viene utilizzato per condizioni di lavoro precarie e non dignitose e per stipendi miserabili, faranno pressione sui politici.
L’approccio indiretto
Questa pressione dovrebbe portare i sovvenzionatori a poter e voler vedere l’esatta distribuzione dei fondi pubblici. Niente più camere oscure, niente più distribuzione iniqua dei fondi. Inoltre, ScenaSvizzera si sta battendo per ottenere un posto a tavola nell’assegnazione delle sovvenzioni, a livello federale e cantonale e nel comitato consultivo della SSR. Avendo voce in capitolo come rappresentante degli artisti nella distribuzione e nell’utilizzo dei fondi pubblici, ScenaSvizzera potrebbe affrontare direttamente i problemi dei teatri e delle produzioni.
Come possiamo noi, ScenaSvizzera, raggiungere questo obiettivo?
Con il tuo aiuto, naturalmente! Ognuno di voi può contribuire a diffondere la parola sui nostri temi, nel tuo ambiente, tra i tuoi amici e le vostre famiglie. E, naturalmente, vi offriremo una campagna straordinaria con contenuti di cui potete essere felici.
Salaire précaire – Que prévoit Scène Suisse ?
/in Aktuell, Aktuell, Archiv, Tanz, Film/TV, Verbandsinfo, Theater/von Redaktion ENSEMBLECe fut une année mouvementée pour le secteur des arts du spectacle : l’enquête salariale de Scène Suisse a révélé de nombreuses plaintes, les politiciens attaquent la SSR et l’intelligence artificielle attend au prochain tournant pour prendre le relais. Mais nous sommes prêts.
L’enquête salariale de Scène Suisse de cette année a mis le doigt sur une plaie ouverte. Les chiffres recueillis confirment ce que nous savions tous déjà : les revenus du spectacle vivant sont précaires pour la plupart des artistes. La moitié des employés permanents des maisons subventionnées gagnent entre 51 et 70 000 francs, ce qui n’est pas suffisant pour subvenir aux besoins d’une famille. La situation est encore pire parmi les indépendants : 86 pour cent déclarent qu’ils ont besoin de ce qu’on appelle les emplois de base pour survivre. Les artistes hautement qualifiés (la grande majorité sont titulaires d’un master) doivent travailler dans la restauration, la vente, etc. pour pouvoir payer leurs factures. C’est du temps qui manque à leur métier de créateur.
C’est pourquoi Scène Suisse veut travailler encore plus dur pour de meilleures conditions de travail pour ses membres et pour l’ensemble de la branche en 2024. Mais à quoi cela pourrait-il ressembler ? Certains artistes engagés souhaitent des mesures claires pour lutter contre la situation, comme celles observées aux États-Unis cette année. C’est louable, mais malheureusement pas approprié en Suisse, car ici la culture et les arts du spectacle sont subventionnés. On ne peut pas prendre de mesures de combat sans détruire la cohésion de la scène culturelle et affaiblir ainsi la base politique des subventions.
Mais que fait alors Scène Suisse ?
Nous lançons une campagne contre les salaires précaires et les emplois indignes. « Bien, mais à quoi ça sert ? » diront désormais certains. « Beaucoup », répondait notre directeur de campagne Reda El Arbi. « L’objectif est de rendre transparente la répartition de l’argent public. Les maisons et les sociétés de production distribuent actuellement les contributions publiques qu’elles reçoivent ou l’argent de la cagnotte de la SSR dans l’obscurité la plus totale, sans aucune règle ni contrôle. Cela signifie que, d’une part, des cachets et des salaires élevés sont versés à quelques-uns, et que, d’un autre côté, la plupart des artistes du spectacle ne peuvent pas vivre de leur travail.»
La campagne vise à faire la lumière sur cette doléance, explique El Arbi. Il n’est pas acceptable que la Confédération, les cantons ou la SSR rendent possibles des conditions de travail misérables grâce à leurs contributions. Et c’est exactement là qu’intervient la campagne. Si le public et le public apprenaient que l’argent public a conduit à des conditions d’emploi précaires et indignes et à des salaires misérables, ils feraient pression sur les politiciens.
L’approche indirecte
Cette pression devrait signifier que ceux qui accordent des subventions peuvent et veulent voir la répartition exacte de l’argent public. Fini les chambres noires, finies les répartitions injustes des fonds. Scène Suisse se bat toujours pour une place à la table des négociations en matière d’attribution des subsides, aux niveaux fédéral et cantonal ainsi qu’au conseil consultatif de la SSR. En ayant son mot à dire en tant que représentant des artistes dans la répartition et l’utilisation des fonds publics, Scène Suisse pourrait s’attaquer directement aux problèmes qui se posent dans les maisons et dans les productions.
Comment nous, Scène Suisse, pouvons-nous gérer cela ?
Avec votre aide bien sûr ! Chacun d’entre vous peut contribuer à diffuser nos sujets, dans votre communauté, entre amis et en famille. Et bien sûr, nous proposons une excellente campagne avec un contenu de qualité.
Hollywood-Streik beendet. Ist jetzt alles gut?
/in Aktuell, Film/TV, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLELetzte Woche einigten sich die Schauspieler- und Filmgewerkschaft SAG-AFTRA mit den Studiobossen von Disney und Netflix auf eine Grundsatzvereinbarung. Doch es ist für Aussenstehende nicht klar, was da genau vereinbart wurde.
Die Schauspieler und Studios in den USA haben eine Einigung erzielt, um den seit Monaten andauernden Streik der Schauspieler zu beenden. Nach der 118-tägigen Arbeitsniederlegung der Schauspieler, die unter anderem eine bessere Bezahlung gefordert hatten, sei eine „Grundsatzvereinbarung“ getroffen worden, wie Zeit.de berichtet.
Nach Angaben der Gewerkschaft sieht das mit Unternehmen wie Disney und Netflix geschlossene Abkommen unter anderem höhere Gehälter und einen besseren Schutz vor einem Einsatz künstlicher Intelligenz vor. Die Studiochefs hatten vor einer Woche ihr „letztes, bestes und endgültiges“ Angebot vorgelegt, das nach Angaben der Führungskräfte den Forderungen der Gilde entsprach.
Keine genauen Angaben
Der Verhandlungsausschuss der SAG-AFTRA untersuchte und diskutierte die Vorschläge anschließend vier Tage lang, bevor er die Antwort der Gewerkschaft vorlegte. Den genauen Inhalt der Vereinbarung war für Presse und Aussenstehende nicht einzusehen.
Die Gewerkschaft hatte ihre Mitglieder im Juli zum Streik aufgerufen, seitdem ruhen in Hollywood die Dreharbeiten. Es ist der erste Streik der US-Schauspieler seit 1980. Weil bereits vor diesem Arbeitskampf die US-Drehbuchautoren die Arbeit niedergelegt hatten, erlebte Hollywood erstmals seit mehr als 60 Jahren einen Doppelstreik. Die Drehbuchautoren hatten ihren Streik im Oktober beendet.
NoBillag durch die Hintertür? Kein Kahlschlag bei der SRG!
/in Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLED/F Nach Bundesrat Röstis besorgniserregendem Statement fordert Suisseculture eine klare Haltung pro SRG und eine Sicherung des Kultur- und Informationsauftrages.
Suisseculture, der Dachverband der Organisationen der professionellen Kulturschaffenden der Schweiz und der schweizerischen Urheberrechtsgesellschaften, teilt mit, sie begrüsse zwar die grundsätzliche Ablehnung der sogenannten Halbierungsinitiative («200-Franken-sind-genug»-Initiative), nehme aber mit Unbehagen dessen Absicht zur Kenntnis, die Abgaben für Radio und Fernsehen auf dem Verordnungsweg zu reduzieren und das Gewerbe teilweise aus der Beitragsverpflichtung entlassen zu wollen.
NoBillag durch die Hintertür
Obwohl sich die Schweizer*innen vor nur 5 Jahren mit 71.6 Prozent gegen die No-Billag-Initiative gestellt haben, bezieht sich der Bundesrat bei dieser Entscheidung nicht auf den Rückhalt der Bevölkerung und schadet dem Service-public-Auftrag der SRG SSR anstatt diesen zu unterstützen.
Die Halbierungsinitiative stellt einen dreifachen Unfug dar:
Suisseculture ist mit dem Vorgehen des Bundesrats nicht einverstanden und lehnt jeglichen Abbau bei der SRG SSR ab. Die Forderung des Bundesrats an die SRG sich zu transformieren und diese Aufgabe mit einer Senkung der Mittel zu verordnen ist der falsche Weg. Ein schwacher Trost ist es, dass Kultur als eines von drei Themen auch in Zukunft im Fokus der SRG SSR liegen soll, zusammen mit Information und Bildung.
Demokratieabbau auf dem Verordnungsweg
Eine solide und offene Demokratie braucht Medienvielfalt – diese kann in der Schweiz nur die SRG leisten, sowohl mit ihren Kulturproduktionen als auch über die Kulturberichterstattung.
Weniger SRG SSR bedeutet weniger Kultur, weniger Zusammenhalt, weniger Gemeinsinn und damit weniger Schweiz. Wir fordern den Bundesrat auf, Haltung zu zeigen und sich wirklich hinter die SRG SSR zu stellen!
Hier die Medienmitteilung von Suisseculture auf Fr
Suisseculture appelle le Conseil fédéral à se montrer fort et à soutenir réellement la SRG SSR
Suisseculture se félicite que le Conseil fédéral rejette l’initiative « 200 francs ça suffit », mais prend acte avec inquiétude de son intention de réduire par voie d’ordonnance la redevance pour la radio et la télévision et de libérer partiellement les arts et métiers de l’obligation de s’en acquitter.
Alors même que les Suisses, il y a cinq ans, se sont opposés à une majorité de 71,6 % à l’initiative « No Billag », le Conseil fédéral prend cette décision sans tenir compte du
soutien de la population et nuit à la mission de service public de la SRG SSR au lieu de la soutenir.
L’initiative est triplement absurde :
Suisseculture ne saurait cautionner la démarche du Conseil fédéral et s’oppose à tout démantèlement de la SRG SSR. La volonté du Conseil fédéral d’exiger de la SSR qu’elle se transforme et d’imposer cette tâche en réduisant ses moyens n’est pas la bonne solution Maigre consolation, la culture devrait rester à l’avenir l’un des trois thèmes prioritaires de la SRG SSR, avec l’information et la formation.
La diversité des médias est vitale pour une démocratie forte et ouverte ; et seule la SSR, en Suisse, est en mesure d’offrir cette diversité, aussi bien par ses productions culturelles que par l’information et les reportages qu’elle diffuse sur la vie culturelle. Une SRG SSR diminuée signifie aussi moins de culture, moins de cohésion, moins de d’esprit communautaire ; bref : moins de Suisse. C’est pourquoi nous appelons le Conseil fédéral à se montrer fort et à soutenir réellement la SRG SSR !
Schon dabei? Performers on Stage für SzeneSchweiz-Mitglieder
/in Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLESzeneSchweiz bietet eine eigene Vermittlungsplattform für Mitglieder an. Nutze die Möglichkeit, um deine Sichtbarkeit bei Casting-Agenturen und im Web zu erhöhen.
Wenn du dich bei performersonstage.ch anmeldest, bist du automatisch auch auf schauspieler.ch vertreten. Mit einem sorgfältig gepflegten Profil erhöht es deine Präsenz und gibt dir mehr Job-Möglichkeiten. Der Eintrag auf PerformersOnStage kostet CHF 30 pro Jahr. Darin inbegriffen ist auch ein Eintrag auf schauspieler.ch. Sie erhalten jeweils im Herbst eine Jahresrechnung per Post.
Noch nicht dabei? HIER ANMELDEN
ScenaSvizzera setzt auf Stärkung von Sichtbarkeit
/in Aktuell, Aktuell, Archiv, Archiv, Archiv, Tanz, Tanz, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Verbandsinfo, Verbandsinfo, Tanz, Theater, Theater, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLESeit mitte September gibt es ScenaSvizzera NEU auf Instagram und Facebook – folgen und teilen erwünscht! Es fanden ausserdem verschiedene Treffen und Gespräche statt, die die Vernetzung in der italienischen Schweiz fördern, und – es geht vorwärts!
Es gibt für die Sektion Tessin Hoffnungen auf einen konstruktiven Dialog mit dem Departement für Bildung, Kultur und Sport seit die Staatsrätin Marina Carobbio Guscetti die neue Direktorin ist. Sie zeigt sich sehr interessiert an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Sicherheit. Ein weiterer Austausch hat mit der Ticino Film Commission begonnen, es geht darum, dass die Schauspieler*innen der italienischen Schweiz bekannt gemacht und vermehrt für Filmproduktionen gebucht werden. Dafür hat eine persönliche Kontaktaufnahme mit dem Amt für kulturelle Entwicklung Lugano stattgefunden. Es ist generell sehr wichtig, an einer stärkeren Sichtbarkeit von ScenaSvizzera zu arbeiten, sei es durch die Werbekampagne auf Social Media, oder Kontaktaufnahmen mit den Kulturabteilungen der Gemeinden oder durch ein Event wie „Carriera in movimento“ an einem Prestige-Ort wie dem LAC Lugano, welches eine gute Reichweite in den Medien hat und auch ausgestrahlt wurde in den Abendnachrichten vom TV Sender TeleTicino.
Am 24.Oktober fand ein Treffen mit der Staatsrätin Marina Carobbio Guscetti, der Direktorin der
Abteilung für Kultur und universitäre Studien Raffaella Castagnola Rossini und Paola Costantini, Chefin vom Büro für Kulturförderung, statt. Mit dabei Salva Leutenegger, Geschäftsleitung des Verbands SzeneSchweiz, und Matthias Albold, Präsident SzeneSchweiz, die die Staatsrätin beeindruckt haben mit ihren Erklärungen über GAV und soziale Sicherheit. Die Strukturen und die Arbeit von SzeneSchweiz wurden vorgestellt, und die Sektion italienische Schweiz wird den Kontakt und den Austausch mit dem DECS intensivieren. Es besteht die Hoffnung auf einen weiterführenden Austausch mit Marina Carobbio und Leutenegger und Albold in Bezug auf Verbesserung der Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit.
Am 25. Oktober fand ein Treffen mit der Ticino Film Commission statt, Aglaja Amadò und Igor Mamlenkov haben als Delegierte von SzeneSchweiz teilgenommen. Es wurde eine Zusammenarbeit beschlossen. Als nächstes wird ein Treffen organisiert mit den Filmproduzenten und den Schauspieler/innen von ScenaSvizzera.
Am 28. Oktober hat ScenaSvizzera, das SSUDK Transition Centre und das LAC eine Diskussion zum Thema „Carriera in movimento…“ veranstaltet, im Gespräch mit der Regisseurin Laura Kaehr und dem SSUDK-Direktor Oliver Dähler und dem besonderen Gast Giulia Tonelli, Solistin Ballett Zürich. TeleTicino hat dazu einen sehr schönen Beitrag mit einem Interview mit Laura Kaehr in den Abendnachrichten vom 28.10.2023 gesendet.
Hier der Link (ab 15 Minuten 27 Sek.)
Tanz der Skelette
/in Aktuell, Film/TV, Film/TV, Film/TV, Kolumne, Meinung/von Redaktion ENSEMBLECorinne setzt sich immer mit den zukünftigen Möglichkeiten des Berufs auseinander. Einige davon haben mit neuer Technologie zu tun. So auch das heutige Thema: Motion Capture.
Ich stelle immer wieder Figuren dar, die sich nicht klassisch auf einer Bühne oder im Film ansehen lassen . Den Charakteren, denen ich Leben einhauche, begegnet die Zuschauerin in einer Virtuellen Realität, auf dem Computer oder in einer VR Brille. Oder sie spielt ein Videospiel und steuert die von mir verkörperte Figur durch ein Terrain und löst Rätsel.
Ob ich auf der Bühne spiele, vor der Kamera oder für Motion Capture: Immer werden meine Bewegungen registriert. Auf der Bühne von den Menschen mit ihren Körpern (Augen, Ohren, Haut, Herzen), beim Film durch die Kamera und bei MoCap durch Sensoren, die an meinem Körper angebracht sind.
Ich bewege mich also. Ich bewege mich auf einer Bühne oder auf einem Filmset. Ich bewege die Fleischsehnen in meinem Fleischhaus und die Fleischgliedmassen bewegen sich mit. Dahin, wo ich sie haben möchte. So schnell oder langsam oder verzögert oder beschleunigt, wie die Bewegung sein soll. Ich bin Darstellende Künstler*in, trainiert, diese Bewegungen zu vollziehen und auf eine Korrektur von Aussen zu reagieren: “10% dringlicher”, “mit mehr Verantwortungslosigkeit dem Gegenstand gegenüber” oder “die Wut macht dich noch träger”. Ich passe meine Bewegungen an – so, dass sie eine Geschichte erzählen können.
Mein Körper als Instrument. Meine Bewegungen als Klänge dieses Instruments. Mata Hari sagte: “Der Tanz ist ein Gedicht und jede seiner Bewegungen ein Wort.” Ich liebe es, mit meinem Körper Musik zu machen – oder Poesie. Ihn durch verschiedene Musikstile und Genres hindurch zu bewegen, mal etwas poppiger, mal ernst und dramatisch, mal fast existenziell nah, mal wieder leicht und verspielt. Die Qualität meiner Bewegungen hängt davon ab, wie verfügbar ich bin. Was ich zulasse und was ich “durch mich hindurch gehen” lassen kann, um es dann zu spiegeln, das Innere nach Aussen zu kehren, zu zeigen, zu re-präsentieren, was da drin vor sich geht. Durchlässig sein, transparent.
Kann ich ähnlich transparent sein während unterschiedlichen Arbeitsbedingungen? Ist es anders, für Theater zu spielen als für eine Technologie, die “nur” dreidimensionale Koordinaten aufnimmt? Ja! Und nein.
Tanz der Skelette
Mit der Motion Capture-Technologie werden meine Bewegungen “getrackt”, also aufgenommen. Es gibt verschiedene Systeme, eines davon, das optische, funktioniert so: Spezielle Kameras schiessen ein Infrarot-Licht auf mich hinab. Ich trage einen Anzug, der hauteng auf meinem Körper liegt. Auf diesem Anzug sind Marker befestigt. Diese reflektieren das Infrarot-Licht der Kameras. Die Reflexion gibt der dahinterliegenden Software die Information, an welchem Ort sich dieser Marker befindet, zum Beispiel auf meinem Ellbogen oder meinem Bein oder Kopf.
Wenn ich also mit dieser Technologie spiele, muss ich wissen: was ich bewege, ist nicht meine Haut, nicht mein Fleisch, nicht meine Wimpern und Lippen und Haare – es sind meine Knochen. Die Gelenke und das Skelett werden nachvollziehbar verfolgt mit den Markierungen. Auf diese Skelett-Bewegungen wird der digitale 3D Körper gelegt.
Je nachdem, wie ich mich bewegt habe, passt das zu dem ausgewählten 3D Mesh (der digitalen Haut) oder eher nicht. Dann passe ich an und erprobe mit der 3D Figur, wie es ist, mit diesem Körper zu gehen: “I am taking the character for a walk.” Ich spaziere mit meiner Figur, ich renne und drehe mich, sprinte, schleiche und stolziere. Welcher Gang passt wohl am besten?
Character-Work mal anders: Ich betrachte dabei die digitale Figur auf einem Bildschirm – oder vertraue der Animationsfachperson, der Regie oder der Person, welche die Daten aufnimmt, ob es wahrhaftig wirkt in 3D. Eitelkeit hat keinen Platz, denn es geht nicht darum, wie ich aussehe, nur, wie die virtuelle Figur aussieht und ob wir ihr glauben, was sie tut.
Schauspiel mit der Motion Capture Technologie ist für mich eine Art, die volle Transparenz der darstellerischen Kunst herzustellen. Es ist ein interessanter Zwischen-Zustand: Ich bin gleichzeitig wahnsinnig unsichtbar als Darsteller*in – es geht nie um mein Gesicht oder wie mein Körper in echt aussieht – und unvergleichbar sichtbar: Jede meiner nervlichen Zuckungen wird registriert, jede Unsicherheit, Gedanken statt Handlungen.
Alles überträgt sich auf das Skelett. Beim Schauspiel mit der Motion Capture Technologie erzählen die Knochen die Wahrheit.
t. gibt neue Richtlöhne heraus
/in Aktuell, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEUnser Schwestern-Verband t. Theaterschaffen Schweiz veröffentlichte heute seine weiterentwickelten Richtlöhne und Richthonorare für berufstätige Personen in den Freien Darstellenden Künsten als Lohn- und Honorarkompass.
Die t. Richtlöhne und Richthonorare sollen die faire Entlöhnung von Profis auf und hinter der Bühne sowie Transparenz in Verhandlungen gewährleisten. Berufstätige Personen der Freien Theaterszene, der Kleinkunst und weiteren Sparten der Freien Darstellenden Künste haben aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Professionalität ein Recht auf faire Entlöhnung. Die Richtlöhne und Richthonorare ermöglichen es, einen angemessenen Verdienst für die geleistete Arbeit zu berechnen und damit transparent und nachvollziehbar Lohn- oder Honorarverhandlungen zu führen.
SzeneSchweiz übernimmt Empfehlung für Freischaffende
SzeneSchweiz, nationaler Verband der darstellenden Künste, unterstützt die von t. errechneten Vorgaben und empfiehlt sie den freischaffenden Mitgliedern. Salva Leutenegger, Geschäftsführerin SzeneSchweiz: «Es ist gut, ein solches Tool zu haben, um den Unsicherheiten der freischaffenden Szene entgegenzuwirken. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Richtlöhne nicht rechtlich bindend sind. Für uns sind sie ein Schritt auf dem Weg, auf dem wir uns weiter um verbindliche Vereinbarungen gegen prekäre Arbeit in unserer Branche einsetzen werden. Gemeinsam mit t. und allen, denen die Darstellenden Künste am Herzen liegen.»
Unter www.tpunkt.ch/richtloehne stehen zwei neu geschaffene Werkzeuge zur Verfügung, mit denen freischaffende und selbstständig erwerbende Personen ihren Lohn oder ihr Honorar für die Entwicklungs- und Probenphase ausrechnen können. Einbezogen werden dabei neu Abstufungen wie z. B. die Arbeitserfahrung, der Verantwortungsgrad im Projekt und die Arbeitsregion.
Auch Aufführungen lassen sich berechnen
Mit dem t. Budget können der Richtpreis einer Aufführung sowie die Amortisationskosten pro Aufführung berechnet werden. Für die Weiterentwicklung der Richtlöhne und Richthonorare setzte t. Theaterschaffen Schweiz eine Arbeitsgruppe ein, die Ende 2021 ihre Tätigkeit aufnahm. In einer breiten Vernehmlassung bezog sie verschiedenste Akteurinnen und Akteure des Sektors aus allen Landesteilen in die Erarbeitung der Werkzeuge und in die Eruierung der Richtwerte mit ein.
Selbstregulierung und Ausnahmezustand am Set
/in Aktuell, Aktuell, Archiv, Archiv, Archiv, Film/TV, Film/TV, Film/TV/von Redaktion ENSEMBLEBei Castings hierzulande handelt es sich fast ausschliesslich um Schweizer Filmproduktionen, – produzent*innen, Regieleute und Schauspieler*innen, Co-Produktionen mit dem Ausland erfolgen meist im Auftrag von Schweizer Produktionen. Im Gespräch mit Corinna Glaus, erfahrene und schweizweit bekannte Mitinhaberin von Glaus & Gut Casting, zeigt sich, wie sensibel der Prozess ihrer Arbeit ist. Szenen müssen im Vorfeld besprochen und vereinbart werden, damit am Set möglichst keine Grenzverletzungen geschehen.
Vorweg – der respektvolle Umgang am Set funktioniere in der Schweizer Filmindustrie relativ gut – «es findet sogar eine Art Selbstregulierung statt, da die Produktionen durch Fehler ihre Reputation verlieren können. Bei grösseren Ländern braucht es dafür strengere Vorgaben.», meint Glaus. Sie und ihre Kolleg*innen sind bei den Castings grösstenteils anwesend und können so die Situation steuern, respektive kontrollieren. «Es handelt sich bei Casting-Prozessen grundsätzlich um eine grosse Vertrauensangelegenheit, im Vorfeld wird mit der Regie besprochen, was während den Casting-Runden ausprobiert und welche Szenen geprobt werden – je genauer diese Zielsetzung, desto besser kann das Casting von der Agentur geplant und geleitet werden.», ist Glaus überzeugt. Liebe, Sexualität und Erotik oder Gewalt – all diese zugespitzten Lebensmomente kommen in Drehbüchern vor und sind ausschlaggebend für die Entwicklung der Figuren. Diese werden in einer ersten Runde möglichst genau definiert. Emotional aufgeladene, intimen wie auch heikle Szenen sind da noch gar nicht relevant.
Im Vorfeld Grenzen setzen
Bei einer extremen und affektiven Szene wie einem Mord oder einer Vergewaltigung, gibt es immer eine ausschlaggebende Vorgeschichte – das meiste entwickelt sich aus etwas heraus. Zuerst müsse der Charakter und das passende Umfeld erarbeitet werden, um einen überzeugenden Plot zu generieren – ein sensibler Prozess zwischen Regie und Schauspieler*in. In der Schweizer Produktion «Earlybirds», so Glaus, wurden gewalttätige Stunt-Szenen zuerst technisch geprobt. Dies sei sehr heftig für die Schauspieler*in – man müsse sich darüber im Klaren sein, welche expliziten Inhalte gezeigt werden, um emotional dahinterstehen zu können. «Dazu gehört auch die Möglichkeit, klare Grenzen zu setzen, beispielsweise ein Körperteil nicht zu zeigen», betont Glaus. Es gebe aber auch nicht explizit-intime Szenen mit einer grossen subtilen Wirkung, «ich denke dabei an eine Liebeszene, bei der sich zwei Personen mit einer grossen Intensität einfach nur betrachten». Solche Momente entstehen zwischen den Schauspieler*innen, da sind Regie und Caster*innen schon beinahe störend, jedoch im Vorfeld wichtig, um die Basis zu schaffen, damit so eine Szene überhaupt entstehen kann. «Alles andere ist blosser Stress, Überforderung und nicht aussagekräftig». Auch sei es wichtig, bereits während dem Casting alle Themen anzusprechen oder schriftlich abzusprechen – nie erst am Set, weil man da immer in einer schlechteren Position sei. «Schauspieler*innen ohne Agentur müssen die Gewissheit haben, dass sie mit Regie und Produktion ein Vertrauensverhältnis aufbauen und sie konkret in die Umsetzung einbezogen werden.»
Intimität klären – Intimacy-Coaches als Sprachrohr
In Spielfilmen werde der Plot jeweils hergestellt, «das Handwerk der Filmenden ist es, so gut zu faken, dass alles glaubhaft erscheint. Dabei ist Sexualität ein prädestiniertes Thema, dass jeweils sehr individuell umgesetzt wird. Seitens Regie führt das auch zu Überforderung – dabei ist es nicht zielführend, eine Sexszene ‘dokumentarisch’ zu filmen, und zu glauben, sie sei deshalb berührender, krasser, glaubhafter oder natürlicher.» Die Produktion «99 Moons», die 2022 erschienen ist, handelt von einer heftigen Beziehung, die sich vor allem über Szenen mit klaren sexuellen Handlungen definiert. Beim gemischten Cast von Laien und Profis war ein Intimacy-Coach anwesend, um den Ablauf zu leiten – «quasi ein*e Anwält*in für die Schauspielenden», erklärt Glaus. Bis ins Detail wird das Vorgehen gemeinsam erarbeitet, «der Intimacy-Coach ist wichtiger Aspekt der Sprache der beiden Akteur*innen, Im Casting-Prozess ist dies wichtiger als die Szenen selbst.» Grenzverletzungen können also insbesondere im Vorfeld vermieden werden. Dies zeigt Wirkung – noch bis in die 90er Jahre wurde am Set relativ unbedacht agiert, traumatische Situationen, teils ohne böse Absicht, seien an der Tagesordnung gewesen. Die Produktion war «wie eine grosse Maschine, die laufen musste» – sich dagegenzustellen barg die Gerfahr, diskreditiert zu werden. «Das waren heftige Zustände und darin liegt der Ursprung der Me too-Bewegung. Seitdem ist es Produzent*innen nicht mehr möglich, Übergriffe unter dem Deckmantel von künstlerischer Tätigkeit zu vertuschen», zeigt sich Glaus erleichtert. Doch auch heute noch ist es wichtig, für das Wohlbefinden einzustehen und im Falle von Unsicherheit die Agentur stellvertretend handeln zu lassen und einen Verband wie SzeneSchweiz darauf anzusprechen.
Weiter gebe es auch Produktionen ohne Caster*innen, die für das Auftreten von Red Flags prädestiniert seien. In Seminaren und Workshops betont Glaus «als Schauspieler*in ist man selbst verantwortlich, und muss klären, mit welcher Art Produktion man es zu tun hat.» Dasselbe gelte für E-Castings mit sogenanntem «Self-Taping» – zwar ein praktikables Vorgehen – aber auch dort müsse besondere Vorsicht gewahrt werden. Das Credo an sich selbst laute: «Ich zeige mich kritisch, mit einer Wachheit und Reife.» Das sei, gemäss Glaus, längst nicht allen Schauspieler*innen gegeben und müsse trainiert werden.
Diversität vs. schauspielerische Qualität
Im Hinblick auf Diversität am Set herrscht eine eigene Dynamik bei der Wahl der Besetzungen. «Filme sind immer ein Spiegel der Realität, die Auswahl von Schauspielenden an Castings sollten keiner Alibi-Übung gleichkommen, die sich auf mehr Diversität beruft.» Die Schwierigkeit bestehe darin, die Rollen angemessen zu verteilen, im Hinblick auf kulturelle Herkunft wie auch andere wichtige Charakteristiken einer Person und der zu vergebenden Rolle. «Letztendlich brauchen wir aber Besetzungen, die der Rolle gerecht werden. Das kann unterschiedliches bedeuten – wir Caster*innen stehen am Ende der Kette und müssen bei bereits bestehenden Filmprojekten überzeugende Schauspieler*innen finden.», sagt Glaus. Es gebe Richtlinien vom Bundesamt für Kultur als auch bei Fernsehredaktionen, die Diversität in jedem Bereich einfordern – dies wird sich zukünftig noch mehr etablieren auf allen Ebenen, damit mehr Schauspielende den Mut haben sich zu outen und für mehr Sichtbarkeit sorgen. «In der Filmindustrie gibt es aber diesen verzögerten Rhythmus, da Filme sich immer an der Gesellschaft orientieren», erklärt Glaus. In Bezug auf Minoritäten müsse teils in ganz Europa gecastet werden, um passende Besetzungen zu finden. Es stelle sich durchaus die Frage nach der Gleichbehandlung von Schauspielenden, jedoch gehe es primär um die eingeforderte schauspielerische Qualität.
Fremde Sprachen und Beeinträchtigung als Herausforderungen
Auch die Besetzung im Film «Semret» aus dem Jahr 2022 war eine Herausforderung für Glaus und ihre Agentur. Es geht um eine aus ihrem Heimatland Eritrea geflüchteten Frau und ihre Tochter. Dafür musste eine Schauspielerin gefunden werden, die Tigrinya spricht – «was eigentlich unmöglich ist. Wir haben dann eine passende Besetzung aus England gefunden, primär eine Musikerin. Die Gefahr einer schlechten Besetzung ist in solch spezifischen Fällen sehr hoch, was zu einem Rückfall in Sachen Respekt, beziehungsweise einer eventuellen Stigmatisierung der Rolle als auch der Person dahinter führen kann» – eine sehr komplexe Angelegenheit, die sich auch um ethische Fragen dreht. «Die eigene Geschichte fliesst notgedrungen immer mit ein, es geht um Vertrauen im Hinblick auf die eigene Biografie, um Emotionen und Erlebnisse.» Besonders bei Laiendarsteller*innen muss sorgfältig geprüft werden, ob die Rolle überzeugt.
Ein anderes Beispiel für eine herausfordernde Besetzung der Hauptrolle war die SRF-Serie «Neumatt». In Kooperation mit dem Theater Hora wurden die Anforderungen an Schauspielende mit Beeinträchtigung, beziehungsweise deren Rollen, besprochen. Am Set herrsche oft ein stressiger Rhythmus, der geeignet abfedert werden muss und die Anforderungen an die Bedürfnisse anpasst. In der Hauptrolle war ein Laiendarsteller mit Spielerfahrung, der die Thematik der Beeinträchtigung aber nicht ausgespielt, sondern inhaltlich zurückgebunden und nur minimal thematisiert hat. «Man muss sich über die Bedeutung einer Beeinträchtigung bewusst sein – physisch, emotional als auch kognitiv stellt sie Herausforderungen» und es fragt sich, wie sie im Film «aufgefangen» werden können. Auch bei der Arbeit von Kindern am Set gelten besondere Bedingungen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco, die eingehalten werden müssen. Filmsets können aber, wie Glaus sagt, dennoch oft «wie eine Militär- oder Pfadi-Übung sein, teils dauern die Aufnahmen 10-12h bei miserabler Witterung und an unkomfortablen Orten – sie sind quasi immer wieder als ‘Ausnahmezustand’ zu verstehen».
Bild: Ariane Pochon (zvg)
50 Stutz für neue Mitglieder!
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEIhr wollt reich werden? Für jedes neue Mitglied, das über euch den Weg zu SzeneSchweiz findet, gibts einen Finderlohn von 50 Franken!
Ihr seht, wenn ihr 1000 neue Mitglieder bringt, zahlen wir euch 50 000 Franken aus. Was natürlich nicht wahrscheinlich ist. Aber darum gehts ja auch nicht. Eure Freund*innen und Bekannte aus der Branche sollen einfach auch Zugang zu den Dienstleistungen unseres Verbandes erhalten. Dazu gehören rechtliche Unterstützung, Beratung bei Gagenverhandlungen, Pensionskasse, Informationen zu Sachpolitik und Sozialpartnerschaften.
Zusätzlich gibts viele kostenlose Workshops, Schulungen und Events, die den Mitgliedern von SzeneSchweiz offen stehen.
Und vergesst nicht, SzeneSchweiz steht auch euren Kontakten in der Romandie und dem Tessin offen. Neumitglieder melden einfach, wer sie zu uns gebracht hat, und wir kümmern uns um den Rest.
Stopp – Grenzen setzen!
/in Aktuell, Film/TV, Kolumne, Meinung, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEBevor man anderen Grenzen setzen kann, muss man die eigenen Grenzen auch kennen, findet unsere Kolumnistin Stefanie Gygax. In einem Beruf, der mit Emotion, Körper und Nähe arbeitet, muss man für sich selbst eine klare Linie finden, damit man sie auch anderen aufzeigen kann.
Text: Stefanie Gygax, professionelle Sängerin & Schauspielerin
„Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck hinterlassen habe, dass du mich so behandeln darfst“. Wenn wir davon ausgehen, dass alle unsere Handlungen aus Aktion und Reaktion bestehen, ist diese Aussage sowas von genial. Wenn du von jemandem nicht so behandelt wirst, wie du es dir wünschst, dann überlege dir, inwiefern dein Verhalten oder dein So-Sein da hineinspielt.
Grenzen zu setzen beginnt nicht in deinem Umfeld, nicht bei der Arbeit, es beginnt bei dir selbst. Hast du schonmal versucht, deinen Gedanken Grenzen zu setzen? Ich trainiere dies seit ein paar Jahren, weil ich es so geschafft habe, meine Panik-Attacken „zurückzuweisen“. Wir können unsere Gedanken lenken, ihre Richtung ändern, sie weg schicken, in dem wir sie bewusst wahrnehmen und entsprechend handeln. Ich mache es so, dass ich mit ihnen rede und ihnen sage, was mir nicht gefällt und was ich mir wünsche.
Dann habe ich angefangen, das bei meinem Gegenüber anzuwenden. Dies klingt zwar banal und selbstverständlich, ist es aber leider ganz und gar nicht. Und wisst ihr, was das Absurdeste daran ist? Dieses Verhalten hat mein Leben nicht leichter gemacht, sondern konfrontiert mich jeden Tag mit Menschen, die mich ganz und gar nicht verstehen und die ganz Verrückten behaupten, dass ich falsch liege, mit dem was ich empfinde.
Wann muss ich Stop sagen?
Ein schönes Beispiel ereignete sich gerade erst in diesem Jahr. Ich arbeitete seit 1.5 Jahren mit einem Kirchenmusiker, der mich immer wieder als Sängerin engagierte. Er war so begeistert von unserer Zusammenarbeit, dass er eine Konzertreihe organisierte. Es kamen immer mehr SMS, weil ja viel geplant werden musste, aber nun vermehrten sich auch die persönlichen Fragen und Berichte. Nun gut, Menschen mögen ja Ver-bindung, dann macht die Arbeit auch mehr Spass?
Okay, jetzt musste plötzlich mehr besprochen werden, also wurde ich zu einer Sitzung zu ihm nach Hause berufen. Zu dieser Zeit fragte ich mich gar nicht, warum der Organist nicht dabei ist. Nun gut, es ging um die Lektion, die ich lernen musste. Und weiter gings, die Begrüssungen, welche ich gerne herzlich in einer Umarmung pflege, wurden erweitert mit einem Kuss auf Ohr oder Hals. Beim ersten Mal dachte ich, das war ein ungeschicktes Manöver, aber nach dem zweiten/dritten Mal war ich wie gelähmt…ich konnte ihn nicht direkt damit konfrontieren.
Normalerweise habe ich damit keine Probleme, wenn die Anmache offensichtlich ist, aber so war das irgendwie total harmlos, aber doch grenzüberschreitend, aber er verhielt sich eigentlich normal und seine Partnerin kannte ich ja auch schon.
OKAY STOP!!!
In welchem Abschnitt dieser Entwicklung hätte ich die Grenze klar setzen müssen. Wann hättest du reagiert und wie? Ich begann die Zügel wieder in meine Hand zu nehmen. Eine Sitzung zu Zweit, von mir aus, aber in einem Cafe. SMS von mir aus, aber bitte nur auf die Arbeit bezogen. Begrüssungen nur noch mit Kopf nicken. Ihr glaubt es nicht, er hat mir dann tatsächlich ein Mail geschrieben, dass er es komisch findet, mal Umarmung, mal nicht, er wolle eine klare Linie und ich solle sagen, wie ich das handhaben will.
Nichts lieber als das, kein Körperkontakt, keine Umarmung. Die Absurditäten nahmen ihren Lauf und je mehr ich meine Grenzen kommunizierte, immer ruhig und anständig wohl bemerkt, desto mehr kochte es in ihm. In einer Nachricht schrieb er, dass ich einen super Job mache, das stützt alle, aber es gibt halt da noch anderes.
WOW meine Damen und Herren, Grenzen setzen macht nicht immer Spass, weil man die Mitmenschen manchmal in die Schranken weisen muss und das mögen grosse Egos ganz und gar nicht. Die ersten 1,5 Jahre verstanden wir uns super, solange es so lief, wie er sich das vorgestellt hatte. Ein halbes Jahr lang durfte ich aber noch an dieser Situation üben, zu sagen, was ich nicht in Ordnung finde. Als Reaktion auf die Halsküsse kam nur, ich hätte das direkt sagen müssen, wenn mir das nicht gefallen hat. Er hatte ja sowas von
Recht.
In unserem Beruf gibt es so viele Grenzüberschreitungen und Machtmissbräuche, zum einen, weil wir mit unseren Körpern, Stimmen Gefühlen arbeiten, zum anderen, weil oft straffe Hierarchien herrschen. Aber ich bitte euch, wehrt euch, steht auf für eure Kollegen und für euch selbst. Wir tun es alle noch viel zu wenig. Nicht mit Wut, nicht mit Zweifel, sondern mit Loyalität und ruhigem Gewissen, weil wir für unseren Wert einstehen.
Rolf Sommer gewinnt Deutschen Musical Theater Preis
/in Aktuell, Tanz, Theater, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEFür seine Rolle als Dällebach Kari wurde Rolf Sommer (ehemals Chefredaktor dieses Magazins) als bester Darsteller prämiert, die Thunerseespiele räumten in verschiedenen weiteren Kategorien ab.
(Aus Arttv.ch)
«Ich bin total überwältigt vom gestrigen Abend und schwebe immer noch im siebten Himmel. Der Deutsche Musical Theater Preis ist DIE Auszeichnung unserer Branche im deutschsprachigen Raum. Diese als Künstler entgegennehmen zu dürfen, fühlt sich fantastisch an! Die Anerkennung würdigt nebst meiner Leistung auch die Arbeit des Kreativ-Teams, des gesamten Produktionsteams und der Autoren», lässt sich Rolf Sommer auf arttv.ch vernehmen.
Die Musical-Szene feierte Anfang Oktober im Berliner Theater des Westens die Verleihung des Deutschen Musical Theater Preises 2023. Während der Preisverleihung gab es immer wieder minutenlange Standing Ovations. Die Produktion «Dällebach Kari» der Thunerseespiele war mit insgesamt vier Auszeichnungen eine der grossen Gewinnerinnen des Abends.
Dällebach Kari wurde in den Kategorien «Bestes Revival», «Bestes Bühnenbild» (von Charles Quiggin), Bestes Kostüm- und Maskenbild (von Aleš Valášek und Ronald Fahm) und Rolf Sommer als «Bester Darsteller in einer Hauptrolle» ausgezeichnet.
SzeneSchweiz gratuliert dem engagierten und erfolgreichen Mitglied Rolf Sommer und dem Team der Thuner Seespiele!
Vock & Spiess geben nach 30 Jahren die Märlibühne ab
/in Aktuell/von Redaktion ENSEMBLEErich Vock und Hubert Spiess geben nach 30 Jahren ihr Lebenswerk, die Zürcher Märchenbühne, in neue Hände. Ramona Fattini übernimmt das Märchenreich für Kinder und Erwachsene.
Ramona Fattini ist bestens für diese Aufgabe geeignet. Sie selbst träumt ihren Traum von Bühne und Schauspiel bereits seit ihrem achten Lebensjahr, wie sie in ihrer Vita beschreibt. In einem Alter also, in der Märchen noch wahr sind. Sie selbst hat als Darstellerin auf der Zürcher Märchenbühne wilden Geschichten für Jung und Alt Leben eingehaucht – zum Beispiel als Pippi in Erich Vocks Inszenierung „Pippi Langstrumpf“ oder als Urmel aus „Urmel aus dem Eis“.
Ramona Fattini führt neu die Zürcher Märlibühne
Die Übernahme der Verantwortung für das ganze Projekt war also nur ein kleiner Schritt, auch wenn sie nach Vock und Spiess grosse Fussstapfen ausfüllen muss. Die beiden leidenschaftlichen Bühnenkünstler brachten jedes Jahr sehr viel Spass, grosse Gefühle und spannende Geschichten ins Herz der Limmatstadt. Familien nicht nur aus der Region besuchten die Aufführungen, und manch ein*e junge Erwachsene*r hat den ersten Kontakt mit Bühnenkunst und Schauspiel den beiden zu verdanken. Wer weiss, wie viele junge Schauspieler*innen den Weg in den Beruf nur durch die Inspiration der Märchenbühne gefunden haben?
Hier bedanken wir von SzeneSchweiz uns bei Erich Vock und Hubert Spiess für ihre Leidenschaft, ihr Leistung und ihre Arbeit und wir drücken Ramona Fattini die Daumen. Auf viele spannende Geschichten, kreischende Kinder und leuchtende Augen in den nächsten dreissig Jahren!