Salva Leutenegger: «Ensemble» geht in die nächste Runde

SzeneSchweiz-Geschäftsfüherin Salva Leutenegger verabschiedet die Crew von ENSEMBLE Print und erinnert sich an die Anfänge des moderneren Magazins unter der Führung von Rolf Sommer.

Am 5. Januar 2015 trat ich beim damaligen SBKV die Stelle als Geschäftsleiterin an. Gleich zu Anfang erhielt ich Post von einem Mitglied namens Rolf Sommer, mit dem Inhalt einer vernichtenden Kritik zu unserem Mitgliedermagazin «Ensemble». Eine «langweilige Bleiwüste» sei dieses Magazin in schwarz/weiss, meinte er, man würde darin nur mitteilen statt Stellung zu beziehen. Recherche und der journalistische Ansatz habe man sträflich vernachlässigt. Und, man könne das Papier höchstens als WC-Lektüre gebrauchen, mehr nicht.

Eine «langweilige Bleiwüste»

Ich war aber nicht schockiert – weder über seinen Ton noch zur Kritik. Im Gegenteil, ich fühlte mich von ihm bestätigt und angespornt. Rolf Sommer beschränkte sich nicht nur auf die Kritik am bestehenden «Ensemble», er hatte klare Vorstellungen von einem Magazin, das die Leserschaft begeistern sollte. Er skizzierte die inhaltliche Gliederung nach Sparten, eine Schwerpunkt-Recherche und mindestens ein Interview pro Nummer, sowie kleinere Rubriken durften nicht fehlen. Der Bezug zu unseren Mitgliedern und zur darstellenden Kunst musste unbedingt wiederhergestellt werden. Verbandsnews, Kolumnen und das Editorial sollten das Magazin inhaltlich abrunden.

Seit 2016 im neuen Kleid

Also lud ich ihn direkt zu einem Gespräch ein und bemerkte erst bei der Begrüssung, dass ich ihn schon mal gesehen hatte. Als Rolf noch ein Teenager war, traf ich nämlich seine ältere Schwester und seinen Vater oft zum Skifahren auf dem Gemsstock (UR), einmal war auch er bei einer kleinen Skitour dabei. Viele Jahre später sassen wir also in meinem Büro und ich war nach wenigen Minuten hin und weg von seinen Vorschlägen – das waren keine Träumereien, sondern umsetzbare Visionen.

Im Juni 2016 erschien das erste «Ensemble» unter der redaktionellen Verantwortung von Rolf Sommer. Für das Layout konnte Rolf ein weiteres Mitglied gewinnen: Christian Knecht, darstellender Künstler und gelernter Grafiker erfreut uns seit der ersten Nummer mit einer präzisen Gestaltung sowie ausdrucksstarken Bildern. Unsere Mitglieder waren und sind begeistert von der Arbeit, die Christian und Rolf viermal im Jahr mit wenig Geld und grossem Enthusiasmus leisten. In den vergangenen sechs Jahren haben die beiden zurecht viel Lob und wenig Kritik erhalten.

Mit der Umstellung des Print-«Ensemble» auf «Ensemble Online» geben Rolf Sommer und Christian Knecht nun leider die redaktionelle und gestalterische Verantwortung ab. Nein, es ist kein Abschied – beide bleiben uns als Mitglieder von SzeneSchweiz und als schreibende, respektive gestaltende Gäste erhalten.

Als Bewundererin und Geschäftsleiterin sage ich nur: Herzlichen Dank für eure grossartige Arbeit, lieber Rolf und lieber Christian.

Bernhard­theater darf doch bleiben

Nach dem Umbau des Opernhauses behält das Bernhardtheater seinen Standort.

Anfang 2024 teilte das Opernhaus mit, dass es seinen Erweiterungsbau abreissen und durch einen Neubau ersetzen will. Seit dieser Ankündigung musste das Zürcher Bernhardtheater um seinen Standort zittern. Seit über 40 Jahren bespielt das Theater die Bühne im Erweiterungsbau.

Jetzt ist auch die Zukunft gesichert. Das Bernhardtheater darf nach dem Umbau weiter neben dem Opernhaus am Sechseläutenplatz bleiben, wie das «SRF-Regionaljournal» berichtet.

Die Erleichterung sei gross, sagt Bernhardtheater-Chefin Hanna Scheuring gegenüber SRF: «Ein Standortwechsel wäre schwierig gewesen. Weil das Bernhardtheater keine Subventionen erhält, ist es für uns wichtig, dass wir einen zentralen Platz mitten in der Stadt haben», sagt die Schauspielerin. Ausserdem sei die Boulevardbühne vom Opernhaus abhängig. «Wir sind auf die Synergien mit dem Opernhaus angewiesen – ohne könnten wir gar nicht überleben», sagt Scheuring.

 

 

Trump, Disney, Kimmel: Die Macht der Mimen

Der Disney-Konzern lässt Kimmel wieder auftreten, nachdem sie ihn zuvor auf Trumps Druck hin gecancelt hatten. Was hat das mit Schauspieler*innen zu tun? Und was lernen wir daraus?

Ein Aufschrei ging durch die Welt der Unterhaltung, als ABC vor einigen Tagen den Comedian und Satiriker Jimmy Kimmel auf unbestimmte Zeit absetzte. Donald Trump störte sich an  Kimmels Satz „Der Präsident trauert um Kirk wie ein Vierjähriger um seinen Goldfisch“. Dabei richtet sich der Satz nicht gegen den ermordeten Charlie Kirk, sondern gegen Trump. Das schrie nach Rache.

Kimmel war nicht der erste Comedian, der sich Trumps Zorn zuzog. Bereits Stephen Colberts Show wird auf Druck der jetzigen Regierung nicht mehr verlängert. Und Trump sprach auch schon eine Drohung gegen Jimmy Fallon aus: „You will be next“.  Die Show-Giganten Colbert, Fallon und Kimmel gehören zu den schmerzhaftesten Trump-Kritikern mit der grössten Reichweite.

Nun, in einer überraschenden Wendung, ist der Disney-Konzern zurückgekrebst und hat Kimmels Show ab sofort wieder im Programm. Was ist geschehen? Zuerst müssen wir verstehen, warum Trumps Regierung überhaupt Druck auf den Sender ABC, beziehungsweise auf den Mutterkonzern Disney ausüben konnte.

Disney gilt als „woke“

2023 verursachte die Besetzung der schwarzen Schauspielerin Halle Bailey als Arielle, die Meerjungfrau für Aufruhr im rechtskonservativen Amerika. Disney zuckte mit den Schulern. 2024 wollte der republikanische Gouverneur von Florida, Rick DeSantis, Disney World dazu zwingen, alle queeren Inhalte abzuschaffen. Die MAGA-Bewegung fand, Disney sei zu schwul. Disney wehrte sich, drohte, den Bundesstaat mit 20 000 Jobs zu verlassen, und gewann den Machtkampf unter Applaus aller anständigen Amerikaner.

Disneys Serien zeigen immer wieder queere Lebensentwürfe und diverse Casts, egal ob in ihren Trickfilmen, der Marvel- oder der Star-Wars-Franchise. Disney widersetzte sich der Anti-Diversität-Attacke der Trump-Regierung erfolgreich und ohne Anstrengung. Nicht, weil Disney „woke“ ist, sondern weil man mit Menschlichkeit mehr Leute erreicht, ergo mehr Geld macht. Zudem ist Disney nicht nur ein Milliardenkonzern mit Hunderten von Anwälten, sie haben auch Reichweite und Einfluss auf die Öffentlichkeit, können sich also gegen Druck wehren.

Warum konnte die Regierung den Konzern jetzt trotzdem unter Druck setzen? Disney will wie jeder andere Multimilliarden-Konzern wachsen. Nicht mit besseren Filmen oder breiterem Publikum, sondern mit dem Zukauf von neuen Sendern und Studios. Dafür brauchen sie die Einwilligung der US-Sendebehörde FCC. Dort ist jetzt ein Trump-Getreuer am Steuer und drohte ABC, beziehungsweise Disney, mit dem Entzug der Rechte, neue Medienunternehmen dazuzukaufen. Ergo: Disneys Manager knickten ein und ABC setzte Kimmel ab.

Die Macht der Mimen

Was die Manager nicht bedachten ist, dass Disney weltweit ihren Gewinn mit normalen Menschen macht, nicht mit christlichen Fanatikern und den paar Milliardären und den Freunden von Trump. Und was Disneys Führungsspitze auch nicht bedachte: Die Menschen lieben nicht den Konzern, sie lieben die Schauspieler*innen, die in ihren Lieblingsserien und Filmen auftreten.

Als nach Kimmels Absetzung der Aufschrei durch die sozialen Medien ging, haben sich viele dieser Serien- und Filmstars ebenfalls geäussert. Darunter auch die ganz grossen Stars wie Jennifer Aniston, Tom Hanks, Meryl Streep, Robert De Niro, Selena Gomez, Natalie Portman, Jamie Lee Curtis und Pedro Pascal. Gerade letzterer, der in der Star Wars Erfolgsserie „The Mandalorian“ die Hauptrolle spielte, hat viele Menschen erreicht.
(Fortsetzung unter dem Video)

Ron Perlman (Hellboy, Der Name der Rose) zu Disney. Ganzes Reel schauen.

Als Reaktion begannen hunderttausende Menschen ihre Disney+-Abos und Hulu-Apps zu kündigen, ihre Reisen nach Disneyland zu stornieren und Disney erlebte einen weltweiten Shitstorm. Und da Disney zwar ein amerikanischer Konzern ist, aber sein Geld international macht, war das sehr schmerzhaft.

Disney hat innerhalb einiger Tage zweifache Millionenwerte verloren, und das nicht einmalig, da die 15 Dollar für die Abos ja auch in Zukunft nicht mehr monatlich eintreffen. Zudem stürzte der Aktienkurs kurzzeitig um 7 Prozent. Und die Shareholder verstehen keinen Spass, wenn es um ihre Profite geht.

Also musste Disney zurückkrebsen. Nicht weil sie woke sind, sondern weil sie eine hässige US-Regierung aushalten können. Aber ein hässiges Publikum kostet sie einfach zu viel Geld.

Mit Geld und Ruhm kommt Verantwortung. Und dieses Mal haben die Stars aus Hollywood mitgeholfen, einer mehr und mehr autoritären Regierung die Stirn zu bieten – auch wenn sie sich damit mit ihrem Arbeitgeber anlegten und vielleicht sogar ihre Karrieren gefährdeten.

Schauspielhaus: Ensemble im Fokus

67 Portraits von Darsteller*innen stellen das Ensemble in der neuen Kampagne des Schauspielhauses in den Mittelpunkt.

Das Schauspielhaus Zürich lanciert eine umfassende Kampagne, die das Ensemble in den Mittelpunkt stellt. In der ganzen Stadt Zürich sind über 67 verschiedene Plakate mit Porträts der Schauspielerinnen und Schauspieler zu. Aufgenommen wurden sie vom renommierten Fotografen Reto Schmid.

Die Kampagne ist ein Element des neuen visuellen Gesamtauftritts, den die Co-Intendanz von Pınar Karabulut und Rafael Sanchez angestossen haben. Ziel der Kampagne sei es, das Schauspielhaus als «persönliches Erlebnis im Stadtraum greifbar» zu machen und den programmatischen Neustart zu begleiten, wie es in einer Mitteilung heisst.

Der neue Auftritt ist in unterschiedlichen Formen im städtischen Raum präsent: Über dem Eingang des Pfauen prangt eine neue Leuchtschrift mit der eigens entwickelten Hausschrift «Pfauen Plakat»  und ein gebrandeter Lastwagen trägt das neue Erscheinungsbild in die Stadt hinaus, während im Schiffbau grossformatige LED-Screens zum Einsatz kommen. Zusätzlich wurde das Foyer im Pfauen neu gestaltet.

Neuer Merch

Weitere Mittel der Kampagne sind neue digitale Formate und eine erste Merchandising-Kollektion. Beim Besuch sollen sammelbare Schlüsselanhänger und Stückplakate die Erinnerung frisch halten und eine Beziehung schaffen. Mit dem Claim: «Theater beginnt im Kopf» wurde die Videoserie «Playguess» produziert, in der Ensemblemitglieder die Inhalte kommender Stücke erraten.

Es ist schön, vom Schauspielhaus diese Wertschätzung für das Ensemble zu sehen. Ob sich das auch in den Gagen und den Arbeitsbedingungen niederschlägt, werden wir in den nächstens Saisons sehen.

Geistiges Eigentum: Besserer Schutz vor KI

Der Nationalrat hat eine abgeschwächte Version der Motion Gössi angenommen. Damit wird geistiges Eigentum besser vor Missbrauch durch KI geschützt.

Die ursprüngliche Motion von Petra Gössi zum «besseren Schutz des geistigen Eigentums vor KI-Missbrauch» wollte KI-Training nur mit Zustimmung der Urheberrechtsinhaber erlauben. Verschiedene Wissenschaftler*innen und Universitäten warnten jedoch vor einem Standortnachteil in der Forschung.

Der Nationalrat nimmt in der neuen Formulierung auf diesen Aspekt Rücksicht. Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats (WBK-N) hat die Passage entfernt und den Auftrag an den Bundesrat so formuliert, dass «der Wirtschafts- und Innovationsstandort Schweiz (…) nicht geschwächt wird».

Gössi ist trotz Änderungen in der Motion zufrieden über die Zustimmung des Nationalrates. «Ich freue mich, dass die Diskussion über eine sinnvolle Umsetzung weitergehen kann», sagt sie gegenüber persoenlich.com. «Wichtig finde ich insbesondere auch, dass mit dem Vorstoss eine breite Diskussion angestossen wurde, welche Regelung für die Schweiz die richtige ist. Es ist gelungen, die unterschiedlichsten Stakeholder an einen Tisch zu bringen.»

Auch beim Verlegerverband Schweizer Medien (VSM) und vielen Kulturinstitutionen zeigt man sich zufrieden.

ZFF-Apéro, KI-Workshop und offenes Training

SzeneSchweiz-Mitglieder starten in einen spannenden Herbst: Podium und Drinks am Zürich Film Festival, Workshop über KIs und offenes Training in Basel!


Zurich Film Festival: Netzwerkapéro am Sa. 4. Oktober 2025

Wir freuen uns, euch auch dieses Jahr wieder zum Netzwerkapéro am Zurich Film Festival ZFF einzuladen, den wir zusammen mit dem Verband SSFV durchführen.

WANN: Samstag, 4. Oktober 2025, 17:15 bis ca. 20:00 Uhr
WO: Tibits Bistro, Falkenstrasse 12, 8008 Zürich, Blumenzimmer

PROGRAMM:

  • 17:15 Uhr Podiumsgespräch zum Thema «Kürzungen bei SRG und BAK, dazu Lex Netflix … was bedeutet das für uns Kulturschaffende?»
    Das Gespräch führt Matthias Albold, Präsident von SzeneSchweiz.
    Die Namen der Podiumsgäste werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.
  • Ab ca. 18:15 Uhr Apéro mit Häppchen und Networking.

Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Wir freuen uns auf euch!

PS: Hinweise zu den Akkreditierungen für das ZFF findet ihr in unserem letzten Newsletter vom 11. Juli 2025.

Workshop
«KI in den Darstellenden Künsten»
am Mo. 13. Oktober mit Reda El Arbi

Künstliche Intelligenz breitet sich in allen Lebensbereichen aus, auch in den Darstellenden Künsten. Im Basic-Workshop lernen wir, wie KI eigentlich funktioniert, wo sie gerade für Darsteller*innen, Sprecher*innen und Musiker*innen Gefahren birgt – und wie wir sie selbst nutzen können.

Eckdaten
Datum: Montag, 13. Oktober 2025
Leitung: Reda El Arbi, Journalist & Autor
Ort: SIG-Mehrzweckraum an der Kasernenstrasse 15, 8004 Zürich (Eingang via Innenhof)
Uhrzeit: Von 10:15 bis ca. 17:00 Uhr (inkl. kurzer Stehlunch)
Kosten: Übernimmt SzeneSchweiz

Inhalt:

Teil 1 KI – wie funktioniert das?
Wir schauen uns an, warum KI nicht wirklich kreativ sein kann, und warum wir uns keine Sorgen machen müssen, dass sie die Weltherrschaft ergreift.
Teil 2 KI und die Darstellenden Künste
Was darf KI? Wie schütze ich mich und meine Arbeit vor Missbrauch und Plagiat durch KI? Wo stehen wir in der Schweiz rechtlich, was die Verwendung von KI im Bereich Kunst angeht?
Teil 3 KI-Spielstunde
Wir schreiben einfache Prompts und spielen mit Sprache, Bild und Ton.

Anmeldungen bis zum 30. September 2025 an: info@szeneschweiz.ch
Die Anzahl Teilnehmende ist auf 15 Personen beschränkt.

 

Offenes Profitraining für Schauspielende in Basel – Kostenbeteiligung für SzeneSchweiz-Mitglieder!

Das offene Profitraining für Schauspieler*innen in Basel hat wieder begonnen! Das wöchentliche Schauspieltraining zu Stimme, Körper, Improvisation u.a. findet in der Kaserne Basel und im ROXY Birsfelden statt.
SzeneSchweiz-Mitglieder können den jährlichen Weiterbildungsbeitrag von CHF 100 für das Training geltend machen. Hierzu brauchen wir eine Bestätigung und einen Rechnungsbeleg über die besuchten Trainings sowie eure IBAN-Nr.

Hier geht es zu den Trainingsdaten bis Dezember 2025 und weiteren Informationen.

Die Versicherung ist Sache der Teilnehmer*innen.

Für junge Kulturschaffende: Migros-Kulturprozent sucht Projekte für Sparx

Vom 20.8. bis 29.10.2025 können junge Kulturschaffende wieder ihre spannenden Projektvisionen bei Migros Kulturprozent Sparx einreichen.
Projektvisionen aus allen Sparten sind willkommen.
Dabei werden die geförderten Kulturschaffenden mit zeitlichen, räumlichen und finanziellen Freiräumen gefördert. Über einen Zeitraum von vier Monaten sollen junge Kulturschaffende die Möglichkeit haben, ihre eigene Projektvision und ihre persönliche Professionalisierung weiterzuentwickeln.

Die ausgewählten Projekte werden von Sparx bei ihrer Weiterentwicklung unterstützt durch:

  • individuelles Coaching
  • Vernetzungsangeboten an den Studio Days
  • Expert*innen Treffen
  • ein persönlicher Förderbeitrag von 6500 CHF
  • einem Beitrag an die soziale Sicherheit von rund 12% des Förderbetrages
  • Materialbeitrag für die Ideenentwicklung
  • Übernahme der Mobilitätskosten zu den Studio Days

Einsendeschluss: Der Call for Ideas endet am 29. Oktober 2025

Zu weiteren Informationen und zur Anmeldung geht es hier.

ZFF: Viele Stars & eine Schweizer Gewinnerin

Von Cumberbatch bis Crowe – die Grossen treffen sich auf dem grünen Teppich: Das 21. Zurich Film Festival steht vor der Tür.

114 Filme bietet das Zürich Filmfestival dieses Jahr, davon 41 als Welt- oder Europapremiere. Ein Rekordanteil, wie Festivaldirektor Christian Jungen am Donnerstag vor den Medien sagte. „Dies zeigt, dass die Produzenten hohes Vertrauen in unser Festival haben und dieses insbesondere nutzen, um ihre Werke für die Award-Saison mit Prestige aufzuladen“, erklärt Jungen stolz.

Eine geehrte Schweizerin & 16 Schweizer Produktionen

Die Schweizer Filmproduzentin Anne Walser wird an der 21. Ausgabe des Zurich Film Festival mit dem Career Achievement Award für die Literaturverfilmung STILLER sowie ihre aussergewöhnliche Karriere ausgezeichnet. Sie wird den Preis am 3. Oktober 2025 persönlich entgegennehmen.

Anne Walser, C-Films

„Anne Walser produziert seit über 20 Jahren kontinuierlich und auf hohem qualitativen Niveau Filme. Das ist eine enorme Leistung. Uns gefällt besonders, dass sie immer wieder intelligente Unterhaltung mit Anspruch für ein breites Publikum schafft.“, lobt Jungen.

Trotz der internationalen Ausrichtung des Festivals schafften es 16 Schweizer Programm. Darunter „Stiller“ von Stefan Haupt, produziert von Anne Walser.

Grosses Staraufgebot

Zu den Stars, die in Zürich erwartet werden, zählen Dakota Johnson, Colin Farrell, Benedict Cumberbatch, Alexander Skarsgård, Anthony Mackie, Wagner Moura und Dylan O’Brien. Claire Foy wird mit einem Goldenen Auge ausgezeichnet und Oscarpreisträger Russell Crowe («Gladiator», «Land of Bad») erhält etwa den Lifetime Achievement Award. Am Festival ist er im Film «Nuremberg» zu sehen, in dem er den Nazi Hermann Göring spielt.

 

Werde sichtbar für Castings!

PerformersOnStage erreicht 300 Theaterhäuser, Castingagenturen und Produktionsfirmen mit euren Profilen. Zeit, deinen Auftritt aufzufrischen. Nur für Mitglieder.

Liebe Mitglieder von SzeneSchweiz

Wir haben grossartige Neuigkeiten für euch! PerformersOnStage, unsere weitreichende Vermittlungsplattform, ist jetzt sehr viel benutzerfreundlicher geworden. Egal ob Schauspielerin, Tänzer, Sängerin oder Musicaldarsteller – ab sofort könnt ihr euer Profil selbst verwalten und gestalten! Zeigt der Welt, wer ihr seid und was ihr könnt.

Wir sind weiterhin für euch im Einsatz und machen regelmässig über 300 Theaterhäuser, Castingagenturen und Produktionsfirmen auf eure Profile aufmerksam. Das Beste daran? Der Eintrag ist und bleibt für euch kostenlos und in eurer Mitgliedschaft enthalten.

Hier geht’s zur Anmeldung und zum Profil-Check.

WICHTIG: Wer bereits ein Profil auf PerformersOnStage hat, hat von uns per E-Mail die persönlichen Login-Daten erhalten. Bitte meldet euch nicht nochmals neu an. Solltet ihr das Login nicht mehr finden, meldet euch direkt.

PS: Denkt daran, eure Bilder aktuell zu halten!

Von Scham und Schauspiel

Warum tun Menschen sich das an? Gehen auf eine Bühne und riskieren, entblösst, ausgelacht, gesehen zu werden? Corinne setzt sich in einer Performance mit dem Wesen der Scham auseinander.

Wir spielen unser erstes im MA Lab entwickeltes Solo. Das Publikum sind unsere Mitstudierenden, ein paar Alumni und ausgewählte Dozent:innen. Ich habe zwei Pflanzen mitgebracht: eine Plastikpflanze aus dem Bad in meiner Londoner WG und eine Pflanze meiner Mitbewohnerin, die sehr wahrscheinlich schon länger tot ist. Sie sieht zumindest so aus.

Ich spiele heute «The Exit sign is to the left».  Angekündigt habe ich meine Auseinandersetzung mit dem Thema Scham und 17-minütiges Einpersonen-Stück als «encounter of the philosophy of shame, cyclical memories and location-based coping strategies». (Deutsch: Auseinandersetzung mit der Philosophie der Scham, zyklischen Erinnerungen und standortbasierten Bewältigungsstrategien)

Die zwei Pflanzen dienen in der Performance als Orte des Rückzugs auf der Bühne und als Symbole der Beziehung meiner Performer:innen-Persona zum Thema Scham.

Haben Sie kein Schamgefühl?* Wie können Sie sich selbst im Spiegel ansehen?

Ein Gefühl der Leere. Die Verlegenheit, überhaupt zu existieren. Der verzweifelte Wunsch, dass sich der Boden öffnet und einen verschlingt.

Wir hatten zusammengerechnet 30 Stunden Zeit, die Performance zu entwickeln, während drei Wochen verteilt über mehrere Tage. Den Grossteil der Arbeit haben wir alleine gemacht, verteilt in die vielen RADA Räume, manchmal mit anderen im Raum, die parallel an ihrem Stück arbeiteten.

Scham ist schwer abzuschütteln. Ich habe das Gefühl, dass ich wie ein wunder Daumen hervorstehe. Ich fühle mich sowohl furchtbar auffällig als auch völlig fehl am Platz.

Viele Menschen in meiner Familie waren kreativ. Machten Erfindungen. Zeichneten, malten, sangen und schrieben. Es gab auch Pfarrer – eine Beziehung zum Unsichtbaren, welches sichtbar gemacht werden will. Dennoch spüre ich: Wenn ich heute vor Menschen hinstehe und Geschichten erzähle, dann hat das Gewicht. Die Haltung meiner Zellen dazu, dass ich Geschichten erzählen und “spielen” möchte, ist erstmal, das zu hinterfragen.

Oftmals kann ich die Lust, mich zu verkleiden und andere zu unterhalten, mir selbst gegenüber nur so rechtfertigen, indem ich mir sage “Schauspiel ist ein Handwerk – oder eine Dienstleistung“. Wieso möchte ich das: Vor andere hinstehen, etwas erzählen?

Wenn Scham keine Rolle mehr spielt, wenn es um diejenigen geht, die wir lieben – gehörst du zu denen, die du liebst?

Durch das Buch von Fédéric Gros “Philosophie der Scham” habe ich herausgefunden, dass es viele verschiedene Arten von Scham gibt und sie eigentlich nur existieren, weil der Mensch die Fähigkeit hat, zu imaginieren. Wenn wir uns für jemand anderes schämen, zum Beispiel, fremdschämen, dann geht das nur, weil wir uns vorstellen können, wie diese Person sich wohl gerade fühlen muss.

Nichts ist letztlich intimer als Scham, aber es ist ein intimer Raum, dessen Gewässer durch die Spuren anderer getrübt sind.

Scham hat auch damit zu tun, für welche ethischen Grundsätze oder moralischen Regeln wir uns als Gesellschaft kollektiv entscheiden – und wer dagegen verstösst. Scham ist, laut Gros, eine Wunde zu offenbaren, nur um sie dann vor den Augen anderer gleich wieder zu verstecken.

Scham ist wie ein undurchsichtiger Schleier herabgesunken. Sie umschliesst deine Kehle, entstellt deine Lippen und verleiht dir einen gequälten Ausdruck. Niemand fühlt sich mehr wohl oder weiss, wo hinschauen. Scham ist etwas mehr als das: eine dichte und durchdringende Substanz.

Scham kommt mit gewissen Geräuschen einher, mit Haltungen des Körpers und Gesten. Scham ist natürlich individuell empfunden und gleichzeitig universell als Machtinstrument einsetzbar. Scham über die eigenen Unzulänglichkeiten, die von aussen behauptet werden.

Wir verzichten auf das Töten aus dem gleichen Grund, aus dem wir uns in der Öffentlichkeit nicht mit der Hand die Nase putzen.

Die Scham, die uns reguliert, die verhindert, dass wir Undenkbares machen. Wenn wir begreifen, worüber wir uns schämen, wird uns bewusst, was uns wichtig ist. Ähnlich wie die Wut zeigt die Scham auf, welche Grenzen überschritten wurden. Welche Werte wir vertreten (wollen).

Wenn du merkst, wie du rot wirst, während du sprichst, bedeutet das, dass du deinem Selbst näher kommst. Die Fähigkeit der Scham, uns an unsere Verpflichtung zur persönlichen Veränderung zu erinnern. 

Ich lese und lese, probiere Gesten aus, baue verschiedene Bewegungsabläufe, experimentiere mit Off-Stimme, Geräuschen und Erinnerungen an körperliche Handlungen im Raum, die mit den Arbeitsabläufen meiner Vorfahr:innen zu tun haben.

Der Körper als Quelle der Scham für die Seele.

Und dann stehe ich plötzlich in einem Raum mit den Mitstudierenden, die möchten, dass ich hier stehe und erzähle, die mich anfeuern, die mitlachen und unterstützen. Ich bewege, wende, winde und wringe mich in diesem Raum, der dafür da ist, dass ich als Performer:in lernen darf, scheitern, wieder aufstehen und wachsen kann.

Öffentlich und von ganzem Herzen etwas annehmen, das schändlicherweise verborgen gehalten wurde. Nicht nur akzeptieren, sondern öffentlich bekräftigen. Den Raum einnehmen, der durch die Beleidigung entstanden ist.

Zurück an den Absender. Das Exit-Schild befindet sich auf der linken Seite. Es ist jetzt deutlich sichtbar. Meine Angst verwandelt sich.

Sie gehört dem Täter. Scham ist ein Zeichen der Solidarität. „Wir hätten bei Ihnen sein sollen.“

Vor der Performance weiss ich, dass noch alles schiefgehen kann. Mein Körper fühlt sich ausgeliefert.

Ich werde das sein, was du behauptest, dass ich bin. Wilder, als du es dir in deinen stigmatisierenden Fantasien jemals zu träumen gewagt hast. Indem du mich abgelehnt hast, hast du mich von den Zwängen der Banalität befreit. Ein Treibstoff des Daseins.

Ich akzeptiere, dass ich all das, was ich für das Erzählen brauche, in mir trage. I surrender. Die Geschichte erzählt sich, die Sätze sind da, wo sie die Bewegungen treffen und mein Unterbewusstsein, gefüttert von Geschichten und Erinnerungen, übernimmt, verbindet das Jetzt und mein Hiersein mit dem, was war und findet darin Stärke und Sichtbarkeit.

Zeus sends Hermes to distribute shame (AIDOS) and justice (DIKE) to all people

a sense of shame to regulate your behaviour

to act gracefully and be proud of acting well

a point of ethical intersection

a basic sense of humility and restraint

there are no heroes in morality

sound-mindedness

shame as a source of courage

 

Philosophen haben die Wurzel der Scham im Herzen verortet – arbeitet euch das Herz aus dem Leib – WENN SCHAM REAL IST, VERBIRGT SIE EIN SCHÄRFERES, GEFÄHRLICHERES ELEMENT – EINEN STICH, DER JEDEN BEDROHT, DER SIE PROVOZIERT.

Scham ist konstruiert. Fremdgemacht. Sie kann eine Quelle der Stärke sein. Ich verstehe jetzt, weshalb ich so mutig bin.

* Sätze in kursiv sind Textfragmente aus dem Buch von Fréderic Gros ”Philosophy of Shame”, welche Teile des Stück-Skriptes ausgemacht haben.

SzeneSchweiz vs SRG-Halbierung

SzeneSchweiz gehört zur Allianz Pro Medienvielfalt, die sich gegen die Halbierungsinitiative stellt. Insgesamt sind inzwischen 26 Organisationen sowie rund 4500 Einzelpersonen mit dabei.

Die Verlierer der NoBillag-Initiative haben mit der Halbierungsinitiative, dem zweiten Versuch, den Service Public und die SRG zu attackieren, im Parlament und bei den Bundesräten bisher wenig Glück.

Während der Herbstsession wird der parlamentarische Prozess abgeschlossen. Am Montag, 22. September entscheidet der Ständerat über die Halbierungsinitiative. Nachdem die zuständige Kommission mit 12:1 Nein sagte (inkl. einer SVP-Stimme, die in unser Lager wechselte), dürfte es keine Überraschungen mehr geben. Die Schlussabstimmung für beide Räte findet am 26. September statt.

Doch wir dürfen uns nicht ausruhen. Das Thema SRG ist emotionsgeladen und dient rechtskonservativen und reaktionären Gruppierungen als Blitzableiter für eine generelle Unzufriedenheit. Das Schweizer Fernsehen als Symbol einer vielfältigen und kulturell aufgeschlossenen Schweiz – vom Schwingfest bis zur Rap-Battle, vom Fussball bis zur Literaturkritik – ist gewissen Kreisen ein Dorn im Auge.

Faktenbasierte Berichterstattung macht es populistischen Gruppierungen schwer, ihre Narrative zu verbreiten. Deshalb zielen sie in ganz Europa auf die Zerstörung von unabhängigen Medien. Medien, die nicht von privaten Gruppen oder Oligarchen kontrolliert werden, sind existenziell für unsere Demokratie. Man sieht in den USA, wie es ausgeht, wenn politische und finanzielle Partikular-Intressen die Medieninhalte bestimmen.

Das wollen wir nicht zulassen. Deshalb engagiert euch mit SzeneSchweiz und der Allianz Pro Medienvielfalt gegen den Abbau des Service Public.

Die Lust, sich neu zu erfinden

Als Künstler*in muss man sich dauernd neu erfinden, neue Fähigkeiten entdecken, weiterentwickeln  – Stefanie Gygax springt immer wieder ins kalte Wasser und findet neue Herausforderungen.
Text: Stefanie Gygax

Ich mag es, mich als Künstlerin und auch als Mensch immer wieder neu zu erfinden. Dazu gehört es, meine Verhaltensweisen zu hinterfragen, alte Gewohnheiten durch neue einzutauschen und Dinge zu probieren, die ich noch nie gemacht habe. So wie ich es seit Kindesbeinen liebe, in verschiedene Rollen zu schlüpfen als Schauspielerin, genauso reizen mich im Alltag neue Herausforderungen. Ich freue mich immer wie ein Kind, wenn mir was begegnet, das ich zum ersten Mal erleben darf.

Auch bei der Arbeit können wir immer wieder neue Erfahrungen machen und ich merke, dass mich das lebendig fühlen lässt. Routine und Alltag fällt mir schwer, sie langweilt mich, und doch kann man sie nicht immer umgehen. Die Selbständigkeit ist für mich deshalb wie geschaffen, mit all ihren Höhen und Tiefen, die ich aushalten muss.

Ein Zitat von Dieter Lange gefällt mir besonders: „Leben ist dort, wo du noch nicht warst, alles Andere ist Wiederholung.“

Derzeit wage ich mich erstmals in die Rolle der Produktions-Assistenz und der Regie-Assistentin. Es ermöglicht mir neue Einblicke in die Künstlerszene, neue Aufgaben und viel Respekt für die Arbeit von Produzentenseite. An was man alles denken muss, wenn eine Produktion auf die Beine gestellt wird, ist unglaublich. Der Teil des ausführenden Künstlers ist da schon fast entspannt hingegen, aber wahrscheinlich auch nur weil ich dies seit 30 Jahren mache und mir alle Abläufe bekannt sind.

Wann hast du zum letzten Mal etwas zum 1. Mal gemacht?

Um eine neue Gewohnheit zu etablieren, muss man sie mindestens 21 Tage durchziehen können. Wenn ich etwas Neues integriere in meinen Alltag, werden andere Prozesse im Hirn freigesetzt. Anscheinend möchte unser Gehirn wos auch nur geht Energie sparen und liebt deshalb alte Gewohnheiten.

Sobald ich eine Idee habe, die mir gefällt, fällt mir die Umstellung eigentlich nicht so schwer, da ich sowieso andauernd versuche, meine Routinen neu zu gestalten. Ein guter Trick, um sich mit Veränderung anzufreunden, ist, auch einfach mal Abläufe des Alltags in einer anderen Reihenfolge auszuführen. Ich bin gespannt, wie sich die neuen Aufgabengebiete auf meine künstlerische Arbeit und mein Leben auswirken. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Horizonterweiterung bei unserem Job nie aufhört. Was ich schon alles an Meisterkursen, Gesangsunterricht und Filmworkshops besucht habe, ist echt wahnsinn.

Rückblickend muss ich echt sagen, dass sich das Rad immer weitergedreht hat, auch wenn mal jobmässig nicht so viel los war. Das Wichtigste ist einfach, dass man auch mal eine Pause hat von dem ganzen Trubel. Man nimmt sich die Zeit mit sich selbst und mit seinen Liebsten, um wieder Kraft, Mut und neue Motivation zu tanken,  um wieder mit Freude und Leichtigkeit durchzustarten. Ich wünsche euch viel Ausdauer, bewusste Pausen und viele erste Male für die neue Saison.

Kommentar: Theater ohne Spektakel

Das Zürcher Theater Spektakel verliert einen grossen Teil des Charmes: der Basar, der Markt der kleinen, schrägen, bunten Stände und Künstler*innen, findet nicht mehr statt.

Ich sass vor dreissig Jahren nachmittags mit meinem bedruckten weissblauen Tuch am Rande des Theater Spektakels, vor mir die Tarot-Karten, neben mir irgendwelche Akrobat*innen und Jongleure, jemand, der Kindern Tiermasken schminkte oder Ballone knüpfte, ein oder zwei Leute, die Silberschmuck aus Indien oder der Türkei verkauften. Alle wild durcheinander, alle lachend miteinander.

Und: Überall Familien mit Kindern, grossäugigen Kindern, die einem Magier zuschauten, wie er Papierblumen aus dem Mund zog. Oder einem muskulösen Mann mit freiem Oberkörper, der abwechslungsweise Schwerter schluckte und Feuer spuckte. Teenager, die sich die Haare flechten liessen. Die sich ihr erstes Schmuckbändchen oder Anhängerchen für den Schatz kauften, oder einen Ring mit diesem grünen Stein. Handgeknüpfte Freundschaftsbändchen in der Reggae-Trikolore. Das war das Spektakel. Das hat viele Familien näher zur Kultur gebracht. Ich selbst kam über das Theater Spektakel überhaupt erst mit den Darstellenden Künsten in Berührung, wie viele folgende Generationen auch.

Natürlich hat sich das Theater Spektakel seither verändert, ist professioneller geworden, was auch gut ist. Für die Szene und für die Darstellenden Künste. Bisher konnte es sich aber wenigstens einen Rest des Spektakel-Flairs erhalten. Das ist jetzt vorbei.

Das Team Theater Spektakel hat den Basar abgeschafft. Kein wilder Jahrmarkt mehr, keine Wahrsager, keine aus Indien importierten Bauchtaschen und Patschuli-Gestank. Was wurde aus den Luftballonkünstlern, die früher am Uferweg standen? «Die fanden wir weder künstlerisch besonders interessant noch ökologisch besonders sinnvoll», sagt Matthias von Hartz vom Spektakel-Team im Tagesanzeiger. Er könne verstehen, dass Kinder sie vermissten, doch für die Kleinen biete man dieses Jahr im Gegenzug noch mehr Programm.

Spektakel ist fertig. Jetzt gibt es „Programme und Angebote“ für Kinder. Als ob man Kinder programmieren müsste. Das Spektakel im Theater Spektakel war und ist nicht den professionell inszenierten Aufführungen geschuldet, sondern dem chaotischen, anarchischen Markt und dem echten Leben rund ums Areal.

Die freien Strassenkünstler*innen werden inzwischen klar reglementiert, mit eng abgesteckten Bereichen, wo sie „wild“ sein dürfen. Natürlich ist auch die Zeit begrenzt.

Warum hat man den lebendigen und bunten Markt aus dem Anlass entfernt? Es gehe bei Entscheidungen, die das Leitungsteam treffe, darum, den grossen Kontext im Auge zu behalten, verteidigt sich von Hartz. Und es gehe um die Frage: «Wie entwickeln wir das Theater Spektakel zukünftig weiter?» Am Spektakel etwas grundsätzlich zu verändern, «sei aber nicht die Intention».

Das ist misslungen. Das Spektakel ist weg. Was bleibt ist ein bis ins letzte Detail sauber und geleckt kuratierter und organisierter Theaterevent, mit teurer Gastronomie und für ein gesetztes Publikum aus älteren Gymnasial-Lehrer*innen und pensionierten Grafikern. Der Geist des Spektakels, geboren aus dem anarchischen Chaos der 80er-Jahre, hat sich mit dem Verschwinden des Basars aus dem Event verabschiedet.

Es gibt noch eine Tarot-Kartenlegerin. Sie hat bei einer der Gastro-Hütten Unterschlupf gefunden und darf sich abends da installieren. Und es gibt auch noch Kinderschminken. Aus dem Basar herausgelöst. Als Angebot im „Programm“.

Wieso erinnert mich das an den Tag, an dem ich das erste Mal Che-Guevarra-Tshirts im H&M gesehen hab?

 

Casino Winterthur: Theater für Gehörlose

Das Casinotheater Winterthur übersetzt ab Herbst live direkt auf der Bühne in Gebärdensprache. Fünf Produktionen werden so für Gehörlose interpretiert.

Für die Begleitung arbeitet das Theater mit dem Verein sichtbar Gehörlose Zürich zusammen. «Kultur soll verbinden. Deshalb machen wir unser Theater zugänglicher – nicht nur im Kopf, sondern auf der Bühne», teilt die künstlerische Leiterin Léa Spirig mit.

Interpretiert werden die Shows von Dominik Muheim, Anet Corti, das Format «Momentum» mit Moritz Schädler, die Goliath Show  und Lapsus mit dem Stück «Ego!». Für einige Künstler*innen ist die Übersetzung in Gebärdensprache eine Premiere.

Das Casinotheater begründet den Schritt mit dem Ziel, kulturelle Teilhabe zu fördern und Barrieren abzubauen. Comedy und Theater seien für gehörlose Menschen bisher selten barrierefrei zugänglich gewesen.

«Stimme, Ensemble, Impulse»

Intensives Training – körperlich, stimmlich und mental – verändert nicht nur die Performance, es verändert, wie wir uns selbst und den Beruf wahrnehmen. Corinne Soland zieht Bilanz.

Mitte des Jahres. Etwas über die Halbzeit. Sieben Monate London. Sieben Monate RADA. Sieben Monate Theatre Lab. Ich realisiere langsam, wie viel ich hier erlebe. Und beginne, mir zu notieren, was denn eigentlich alles passiert ist bisher und was ich auf jeden Fall mitnehmen werde. Was folgt, ist deshalb ein nicht abschliessendes, für euch einsehbares Gedankensortieren. Vielleicht erkennt ihr euch ja auch direkt darin, wenn ihr unterwegs seid, in den Proberaum oder zu einer Vorstellung, und das lest. Liebe Grüsse von hier!

Stimme: Öffnen. Erweitern. Platz-Machen.

Sowohl die Stimm-Dozentin Suzanne West als auch der Gesangslehrer Mark Oldfield machen kein wöchentliches Training mit uns, sondern begleiten uns mit gezielten Inputs in Modulen. Besonders Mark legt grossen Wert darauf, durch eine Öffnung des ganzen Stimmapparates und der Resonanzräume für Leichtigkeit im Umgang mit der Stimme zu sorgen.

Für den griechischen Chor haben wir mit Suze “Extreme Voicing” Techniken erarbeitet und gelernt, die Stimmbänder auch durch stark beanspruchende Passagen wie Schreien im offenen Raum (Amphitheater) oder Weinen mit Übergang in den Klage- oder Trauergesang gut durch das Zwerchfell zu stützen.

Wir haben ein 10-minütiges Warmup erstellt, das aus dem Körper heraus funktioniert und in stressigen Situationen abgekürzt werden kann. Darin enthalten und neu für mich sind zum Beispiel die Zungendehnung oder die Infinity Vowel Chart. Das ist grafisch dargestellt eine liegende 8, das Unendlichkeitszeichen, worauf die Vokale AH, AY, EE, AW und OO notiert sind. Diese unterschiedlichen phonetischen Klänge kombinieren wir dann mit Konsonanten (s, t, p, w, k, etc.), um eine kleine rhythmische Abfolge auszusprechen: “stah, stay, stee, stay, stah, staw, stoo, staw”.

Ausserdem immer wieder amüsant sind die englischen Zungenbrecher, bei denen ich auch nach der fünften Wiederholung nicht nachkomme – und die den britischen Humor ins Unterrichtszimmer bringen… Hier der “fave” von Suze: “Mrs Puggy Wuggy has a square cut punt. Not a punt cut square, just a square cut punt. It’s round in the stern and blunt in the front. Mrs Puggy Wuggy has a square cut punt.”

Ensemble: Zuhören. Atmen. Dasein.

Zu Beginn begleitete uns die Schauspielerin und Bewegungsdozentin Chiara D’Anna im Prozess, uns als Menschen und Performende im Raum zu begegnen. Sie führte uns durch ein Bewegungsvokabular, das im Physical Theatre oft gebraucht wird und als Grundlage dient, sich intensiver mit gewissen akrobatischen Elementen beschäftigen zu können.

Durch den Fokus auf die Form und die aktive Zusammenarbeit, um zum Beispiel Gewicht abzugeben im Liegen über den Rücken einer:s Mitstudente:in, wurden wir körperlich aneinander gewöhnt und lernten, uns zu vertrauen. Die Entscheidung, aus uns in den ersten vier Monaten ein Ensemble zu machen, ist natürlich bewusst gefällt, und stammt aus Ian Morgan’s Expertise in Company-Produktionen.

Mein persönlich wichtigstes “Take-Away” ist, dass in einem Chor oder in einem Ensemble nicht alle gleich sein müssen – im Gegenteil. Ein Chor lässt Platz für jede einzelne Figur, sich selbst zu sein und Dynamiken aufzugreifen, die entstehen, gerade weil es unterschiedliche Energien gibt. Wir als Ensemble haben uns mit der Zeit aufeinander eingestimmt und lassen der Individualität der einzelnen Menschen und Spielenden Platz; gleichzeitig erschaffen wir etwas, das im Raum bestehen kann, das grösser ist als unsere kumulierte Energie: eine Nachhaltigkeit in unserem Wirken durch das Zusammenspiel. Am besten wird dies deutlich, wenn wir uns alle im Raum bewegen, gemeinsam atmen und unsere Bewegungen unsichtbar durch den Atem aufeinander abgestimmt sind.

Devising: Impulsen vertrauen. Bauen. Stärken.

In einem Modul präsentieren wir alle zwei Wochen ein neues 15- bis 20-minütiges Kurzstück. “Contextual Studies” ist so aufgebaut, dass wir zwei exemplarische Stücke einer bestimmten kunst- oder kulturhistorischen Epoche lesen und diese dann umsetzen. Unsere 18 Performenden sind in 3 Gruppen aufgeteilt, wobei zwei Gruppen die Texte umsetzen und eine Gruppe frei nach den Themen der Stücke etwas Eigenes kreiert.

Für die Umsetzung dieser Stücke ist zentral, dass wir uns mit den zu der Zeit des Stückes herrschenden Konventionen des Schauspiels sowie des politischen Klimas auseinandersetzen. Beides beeinflusst immens, was wir hervorbringen und je mehr wir uns auf den jeweiligen Spielstil und das “Warum” des Stückes einlassen können, umso klarer wird die Sprache der Performance selbst.

Das möchte ich unbedingt weiterziehen nach dem MA: das Interesse an dem, was bereits war und wie wir uns diese Theatersprachen aneignen und weiter kultivieren können – nebst dem Interesse daran, neues und eigenes zu erschaffen. (Nebst Theaterliteratur dafür wie “Theatre Histories – An Introduction” von Zarilli/McConachie/Williams/Sorgenfrei ist “The Story of Art Without Men” von Katy Hessel oder ihr Podcast “The Great Women Artists” empfehlenswert.)

Gleichzeitig lernen wir in den Unterrichtseinheiten “Physical Performance” und “Developing Performance” Techniken und Strategien, Performance zu entwickeln. Aus einem Bild, einer Idee, einem Gedicht, einem Lied, einem Satz oder einem Blick werden Fragmente und Szenen entwickelt. Aus einer kontextlosen Handlung, die wir beobachtet haben im Alltag, aus einer Haltung, die wir eingenommen haben im physischen Training, aus einem Gefühl, das gerade vorherrscht… Aus einem Buch, einem Film, einem Foto aus dem persönlichen Archiv, aus Aussagen in der Politik, aus der Erzählung einer Freundin, aus einem alten Projekt, aus dem Traum eines zukünftigen Projekts, aus der Idee eines Ensemble-Mitglieds. Wir lernen, uns zur Verfügung zu stellen, in der Co-Präsenz mitzubauen und Impulse zu stärken.

Sieben Monate “ofem Bode omerugele” und intensiv mit den gleichen Menschen in einem Raum arbeiten. Ich freue mich auf die verbleibenden fünf.

«Stimme und Psyche sind eng verbunden»

Was haben Salbei und Rauchen gemeinsam? Und wie bereitet man seine Stimme für den grossen Auftritt vor? Logopädin Camilla Weber Berg gibt Antworten.

Mit der Logopädin Camilla Weber Berg sprach Marisa Jüni. Der Fokus des Gesprächs richtet sich auf intensive Stimmnutzung in beruflichem Kontext der Darstellenden Künste.

Was sind die häufigsten Stimmprobleme bei Schauspieler*innen und Sänger*innen?

Camilla Weber Berg: Schauspieler*innen und Sänger*innen lassen sich in Bezug auf stimmliche Herausforderungen nicht einfach über einen Kamm scheren. Während Schauspieler*innen vor allem mit ihrer Sprechstimme arbeiten, sind Sänger*innen auf ihre Singstimme angewiesen – das stellt unterschiedliche Anforderungen an die Funktion des Kehlkopfs.

Stimmprobleme bei Schauspieler*innen entstehen beispielsweise dann, wenn eine Rolle stimmlich nicht zu den individuellen Möglichkeiten passt. Was beide Berufsgruppen jedoch verbindet: Überbeanspruchung, falscher Gebrauch der Stimme oder das «Performen» trotz Krankheit können zu Heiserkeit, Stimmmüdigkeit, einem Druck- oder Klossgefühl im Hals und im schlimmsten Fall sogar zu Stimmverlust führen.

Wie wichtig ist Vocal Rest für Bühnenkünstler*innen? Gibt es bestimmte Regeln?

Es gibt keine allgemeingültigen Regeln. Vielmehr ist es entscheidend, dass jede*r ein feines Gespür für die eigenen körperlichen und stimmlichen Grenzen entwickelt und lernt, diese auch zu respektieren. Nur wer die eigene Belastbarkeit kennt, kann stimmlich nachhaltig arbeiten. Grundsätzlich sind Frauenstimmen anfälliger, da die Stimmlippen mit höherer Frequenz schwingen.

Spielt der Dialekt eine Rolle in der Stimmarbeit?

Ja, Dialekte beeinflussen die Klangfarbe der Stimme deutlich. Je nach Region klingt die Stimme eher eng, hochfrequent oder offen. Der Dialekt verändert den Mundraum als Resonanzraum, und gleichzeitig wird der Stimmklang auch durch individuelle Sprechgewohnheiten geprägt. Es handelt sich also stets um ein Zusammenspiel zwischen regionaler Färbung und persönlichem Ausdruck.

Im Vergleich zum Berndeutsch werden im Ostschweizer Dialekt die Vokale weiter hinten im Mundraum und mit einem verlängerten Vokaltrakt gebildet. Das führt zu einer ganz eigenen Klangfarbe.


Zur Person: Camilla Weber Berg studierte Logopädie an der Uni Fribourg und absolvierte eine Weiterbildung  „Singstimme – Fehlfunktionen erkennen, abbauen, vermeiden“ an der Hochschule der Künste Bern. Sie bezeichnet sich selbst als Hobbysängerin und fokussiert in ihren Arbeiten auf einen ganzheitlichen Ansatz von Stimme und Körper.


Wie wirken sich Emotionen auf die Stimme aus und wie kann man das bewusst steuern?

Emotionen wirken über Körperspannung und Atmung direkt und meist unbewusst auf die Stimme ein. Von Menschen auf der Bühne wird erwartet, dass sie ihre Gefühle zwar wahrnehmen und zulassen, zugleich aber in der Lage sind, diese mit Hilfe ihres geschulten Körperbewusstseins, ihrer Atemtechnik und ihres stimmlichen Könnens gezielt zu steuern.

Wie eng sind Stimme und Psyche miteinander verknüpft? Kann Stress die Stimme verändern?

Stimme und Psyche sind eng verbunden. Unsere seelische Verfassung zeigt sich in der Körperspannung, der Atmung und somit auch in der Stimme. Umgekehrt kann eine veränderte Stimme auch das psychische Empfinden beeinflussen. Bei chronischem Stress besteht die Tendenz, mit erhöhtem Luftdruck zu sprechen. Das kann zu Hustenreiz, Heiserkeit oder einem unangenehmen Gefühl im Kehlkopf führen.

Gibt es Techniken aus der Logopädie, um die Stimme trotz Nervosität zu stabilisieren?

Die Stimme ist wie ein Instrument: Je bewusster und geübter man die einzelnen Anteile kennt, also Körper, Atmung und Stimme, desto sicherer kann man sie auch unter Nervosität einsetzen. In der Logopädie lernt man, diese Bausteine gezielt wahrzunehmen, zu trainieren und wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Es gibt nicht nur eine einzige Übung, sondern viele verschiedene, die individuell angepasst werden. Die Stimme bleibt dabei immer ein Stück weit unberechenbar, aber auch authentisch.

Was passiert bei einer Vocal Massage und für wen ist sie geeignet?

Der Begriff ist nicht einheitlich definiert. Grundsätzlich geht es darum, durch gezielte Berührung oder Massage bestimmte Anteile des „Instrumentes Mensch“ zu lockern. So kann z. B. die Muskulatur des Kehlkopfes gelöst werden, was eine freiere, resonanzreichere Stimmgebung ermöglicht.

Kann man solche Techniken auch selbst anwenden?

Ja, man kann lernen, etwa die Kehlkopfmuskulatur oder das Zwerchfell gezielt zu entspannen. Das sollte aber immer von einer Fachperson angeleitet werden.

Welche Rolle spielt die Atmung bei der Entspannung der Stimme?

Eine Zentrale. Die Atmung ist der Motor der Stimmlippenschwingung, vergleichbar mit dem Bogen, der bei einem Streichinstrument die Saiten in Bewegung bringt. Stimmlippen reagieren unmittelbar auf den Atemfluss. Deshalb ist es wichtig, den Atemfluss zu spüren, viele verwechseln diesen mit Atemdruck. Während der Einatmung sollten die Stimmlippen entspannt sein und sich vollständig öffnen. Wenn das nicht geschieht, fehlt dem Kehlkopf die kurze Entspannungspause. Das kann zu funktionellen Stimmproblemen führen.
Stimme im Alltag

Welche Alltagsgewohnheiten schaden der Stimme, ohne dass wir es merken?
Stress, häufiges Räuspern, Rauchen, zu wenig Flüssigkeit, trockene Luft, lautes oder dauerhaftes Flüstern und Schlafmangel. Auch das häufige Lutschen oder Trinken von Produkten mit Salbei, Menthol oder Kamille, sei es als Tee, Bonbons oder Kaugummi, kann kontraproduktiv sein.

Gibt es Routinen, um die Stimme langfristig gesund zu halten?

Eine sehr verbreitete Übung ist LAX VOX: Man blubbert mit der Stimme durch einen Silikonschlauch in eine Wasserflasche. Der rückströmende Luftdruck aus dem Schlauch wirkt wie eine sanfte Massage und unterstützt die Schwingungsbewegung der Stimmlippen. Das führt bei vielen Menschen zu einer entspannteren Stimmgebung.

Wichtig ist, dass man die Übung regelmässig macht und dabei auch Haltung und Atmung beachtet. Zusätzlich helfen Atemübungen, dehnende Körperbewegungen und Ausdauersport. Ganz wesentlich ist: Jede*r sollte für sich herausfinden, welche Massnahmen dem eigenen Instrument guttun.

Wie kann man sich auf eine stimmlich herausfordernde Produktion vorbereiten?

Neben gezieltem Stimmtraining gehören ausreichend Schlaf und ein guter emotionaler Ausgleich unbedingt dazu, denn die Stimme reagiert sehr sensibel auf unser inneres Befinden. Wer seine Stimme wirklich schützen und stärken möchte, sollte daher Körper, Geist und Seele als Einheit betrachten und liebevoll pflegen.

Doris Fiala präsidiert neu das ZFF

Die Zürcher Unternehmerin und alt Nationalrätin Doris Fiala präsidiert neu den Verwaltungsrat des Zurich Film Festival (ZFF). Sie soll das ZFF noch stärker mit Politik und Wirtschaft zu vernetzen. Sie folgt auf Roger Crotti, der sein Amt niedergelegt hat.

Doris Fiala kann auf eine beeindruckende Karriere zurückschauen: Sie war rund 30 Jahre lang in der Politik aktiv, unter anderem als Gemeinderätin der Stadt Zürich und 16 Jahre lang als Mitglied des Nationalrats. Zudem war sie Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz. Sie ist noch immer Unternehmerin im Kommunikationsbereich und präsidiert den Verband ProCinema, den Dachverband der Schweizer Kino- und Filmverleihunternehmen.

Fiala präsidiert den Verwaltungsrat, dem mit dem Festival-Mitbesitzer und langjährigen Journalisten Felix E. Müller sowie dem Anwalt Thomas Hügi zwei weitere in Zürich verankerte Mitglieder angehören. Die Aufgabe von Fiala wird es sein, das ZFF gegenüber der öffentlichen Hand, Partnern und Kulturschaffenden zu vertreten und dabei helfen, neue Partner zu gewinnen. Mit dieser Wahl zeigt sich, in welche Richtung das Festival sich weiter entwickeln will. Schwerpunkt scheint bei der Filmvermarktung zu liegen, weniger bei der kreativen Entwicklung des Schweizerischen Filmschaffens.

«Kinos und Festivals sind die Orte, an denen Erinnerungen geteilt, Emotionen kollektiv erlebt und Geschichten lebendig werden. Sie sind Teil unserer demokratischen und kulturellen Infrastruktur – unverzichtbar für eine offene, vielfältige und reflektierte Gesellschaft», erklärt Fiala. «Die Filmbranche braucht starke Stimmen. Deshalb ist es mir auch ein persönliches Anliegen, Christian Jungen zu würdigen, der mit Kompetenz, Herzblut und internationaler Ausstrahlung den Schweizer Film fördert und positioniert.»

Wir hoffen, dass die internationale Ausstrahlung des Festivals auch in die Breite der Schweizer Filmszene wirkt, und nicht nur bereits finanziell erfolgreiche Player auf der Plattform gefeatured werden.

Doris Fiala wurde in Zürich geboren und war von 2000 bis 2007 Mitglied des Gemeinderats der Stadt Zürich. Von 2008 bis 2019 war Fiala Mitglied der Schweizer Delegation am Europarat und seit 2022 ist sie Präsidentin des Verbandes ProCinema und Verwaltungsrätin des Opernhauses Zürich. Das Engagement fürs ZFF ist sie auch eingegangen, um etwas für die internationale Ausstrahlung der Limmatstadt zu tun.

Kids, Theater & Abenteuer

Fröhliches Geschrei, Konzentration, Musik, Freudentränen und wilde Geschichten – Nadine spürt die tiefe Befriedigung, die das Spielen und Arbeiten Theaterkindern bringen kann. 

Ich sitze auf meiner Dachterrasse, noch ganz durchtränkt von den letzten neun Tagen. Hinter mir liegt wieder einmal eine Woche Theaterutopie – intensiv, wild, voller komischer Ideen, voller Leben. Eine Woche, in der ich einmal mehr das Schönste am Menschsein erleben durfte.

Am Samstag davor sind wir gestartet: ein Team aus vier Theaterschaffenden, einem Musiker und zwei Kochenden. Mit sechs Bauwagen und einer groben Idee rollten wir in Opfikon ein– auf dem Areal einer stillgelegten Kläranlage. Ziel: ortsspezifisches Freilufttheater mit Kindern und Jugendlichen.

Der erste Tag ist ein eingespieltes Gewusel – noch ohne Kinder. Wagen entladen, Küche einrichten, Matratzen überziehen, Wasser und Strom verlegen, putzen, sortieren, improvisieren und Lösungen finden. Bevor überhaupt an Proben zu denken ist, müssen wir erst einen bewohnbaren Ort schaffen.

Dann: Geländeerkundung. Ein Teich im alten Klärbecken, eine riesige Graffiti-Halle, ein Spielplatz mit einem überdimensionierten Fliegenpilz – umgeben von Gentrifizierung und Wohnoptimierung. Ein surrealer und skurriler Ort, der in mir eher dystopische Bilder aufsteigen liess.

Und natürlich war da viel Potenzial für Geschichten. Aus den ersten Ideen wurden vier konkrete Spielorte, aus dem Konzept vier Gruppen. Am Abend sassen wir stundenlang beisammen und spannen mögliche Geschichten: Welche Themen wollen wir erzählen? Welche Orte wie verweben?

Am nächsten Morgen trudelten unsere jungen Schauspieler*innen ein – neugierig, und noch ein bisschen schüchtern. Sie erkundeten ihre Schlafplätze, wir spielten erste Kennenlern- und Theaterspiele. Schon in den ersten Stunden wurde spürbar: Diese Gruppe bringt viel mit. Vor allem eine grosse Portion Lust.

Von da an versanken wir in eine Woche voller konzentrierter Leichtigkeit. Gemeinsam improvisierten und experimentierten wir, verwarfen Ideen und dachten immer wieder neu. Aus Spass wurde Bedeutsam, und aus Bedeutsam formte sich unser Miteinander. Selten waren wir streng, oft albern. Wir liessen den Kindern viel Freiheit, kommunizierten aber stets klar und ehrlich und erklärten unsere Grenzen. Und: Sie verstanden. Sie spürten ihre eigenen Grenzen und auch unsere.

Die Kinder wuchsen in ihre Rollen hinein, nahmen Raum, gaben Ideen, überraschten uns täglich. Man sah ihnen zu und wusste: Da passiert gerade etwas. Ein Gefühl von Zugehörigkeit und Vertrauen lag in der Luft – nicht nur auf der Bühne, sondern mitten in dem kleinen Universum, das wir gemeinsam gebaut hatten.

Die Herausforderung: ein Stück auf die Beine zu stellen, das Sinn macht. Das ihre Ideen genauso sichtbar macht wie unsere. Das Szenen, Orte, Musik und Publikum miteinander verwebt – dabei umsetzbar bleibt und weder überfordert noch langweilt. Und das alles natürlich unter enormem Zeitdruck.

Es ist ein Tanz auf dem Drahtseil. Und gleichzeitig das, was ich am meisten liebe: diese Sitzungen bis tief in die Nacht, in denen Ideen herumfliegen wie Glühwürmchen. Wo man einen Gedanken in die Luft wirft, und jemand anders ihn zu Ende denkt.

Am Samstag war Premiere. 130 Menschen kamen – und wir wussten: Es wird gut. Aber so gut? Damit hatten wir nicht gerechnet. Standing Ovation. Und ich – eine einzige Grinsebacke. Beim Schlusssong liefen mir die Freudentränen nur so über die Wangen. Dieser Song. Er war wunderschön und mindestens so kitschig wie meine Kolumne. Komponiert von einem unserer Schauspieler – 13 Jahre alt. Als wir ihn zum ersten Mal gemeinsam ausprobierten, war nicht nur ich aus dem Häuschen, sondern auch er. Über beide Ohren strahlend sagte er: „Danke, dass wir meinen Song auf die Bühne bringen. Er ist noch viel schöner, als ich ihn mir vorgestellt habe.“

Nach der Vorstellung war der ganze Platz erfüllt von dieser Energie. Die Kinder sangen, lachten, und waren völlig übermütig. Und als es zu regnen begann, drehten sie singend Runde um Runde um den Teich – vielleicht fünfzehnmal. Klatschnass. Und liebenswert sonderbar.
Und wir sassen da, zufrieden und müde. Und ich wusste einmal mehr: Ich habe den schönsten Job der Welt.

Locarno Film Festival: Apéro & Paneldiskussion

Der Branchen-Apéro am Locarno Film Festival kommt dieses Jahr mit einer Paneldiskussion zum Thema „Intimacy Coordination“. Dazu gibts natürlich Netzwerken und Austausch mit Kolleg*innen.

Das Schweizer Syndikat Film und Video (SSFV) organisiert am 78. Locarno Film Festival (6.–16. August) gemeinsam SzeneSchweiz wieder einen Apéro, allerdings an einem neuen Ort: in der Osteria Canetti. Neu ist dieses Jahr auch, dass es vor dem Apéro ein Programm mit Diskussion geben wird.

Wann: Sa., 9. August 2025
Wo: Osteria Canetti, Piazza Grande 13, 6600 Locarno. Hier geht es zur Wegbeschreibung.

PROGRAMM:
16.15 Uhr: PANELDISKUSSION INTIMACY COORDINATION
Wir laden euch ein, mit uns über eure Erfahrungen, Wünsche und Ansprüche an eine Intimacy Coordination bei Schweizer Produktionen zu diskutieren. Wir möchten erfahren, wie unsere Mitglieder zur Intimacy Coordination auf einem Filmset oder im Theater stehen. Dabei sollen sowohl die Perspektive der Schauspieler*innen als auch die der Crew zu Worte kommen.

Ein moderiertes Gespräch mit 

  • Katalin Godrös, Drehbuch, Regie, Mitinitiantin des Projektes «Leitlinien für den Dreh von intimen Szenen»
  • Caroline Imhof, Schauspielerin (u.a. «A bras le corps», «Winter Palace», «Frieden»)
  • Ursina Schmid, Kostümbildnerin, Vorstandsmitglied SSFV
  • Moderation: Ursula Häberlin, stv. Geschäftsleiterin SSFV

Die Veranstaltung findet in Deutsch statt.

Ab 17.15 Uhr: APERO
Im Anschluss an die Paneldiskussion laden der SSFV und SzeneSchweiz ihre Mitglieder zum gewohnten Networking-Apéro mit feinen Häppchen ein.
Der Apéro findet ebenfalls in der Osteria Canetti statt.

Der Eintritt ist frei.

EINE ANMELDUNG FÜR BEIDE PROGRAMMTEILE IST ERWÜNSCHT via online-FormularAnmeldeschluss ist der 6. August.

Schweizer Filme im Rekordhoch

Rund 900 000 Kinobesucher*innen schauten im ersten Halbjahr 2025 Schweizer Filme im Kino. Das ist ein neuer Rekord.

Insgesamt fielen die Kinobesuche in der Schweiz auf 4,5 Millionen Eintritte, elf Prozent weniger als in der Vorjahresperiode, wie das Bundesamt für Statistik mitteilt.

Die Schweizer Filme erreichten jedoch ein historisches Hoch. Ganze 49 inländische Erstaufführungen zeigten die Kinosäle und brachten es auf 20 Prozent mehr Besucher*innen als in der Vorjahresperiode, als 48 Schweizer Filme Erstaufführung feierten. Die Schweizer Produktionen erreichten insgesamt einen Marktanteil von 12,3 Prozent.

US-amerikanische Filme sanken trotz 54 Neuerscheinungen in der Zuneigung des Publikums. Sie verzeichneten einen Zuschauerrückgang von 17 Prozent. Der Marktanteil der US-Filme sank hierzulande laut BFS auf den historischen Tiefstand von 53,5 Prozent.

 

Die Suche nach Glücksmomenten

Kann man als Darstellerin die Freude am Beruf verlieren? Oder müssen wir sie einfach immer wieder neu finden? Stefanie Gygax sinniert.

Von Stefanie Gygax

Ich kann mich noch gut an den Satz einer Kollegin erinnern, mit der ich vor vielen Jahre in einem Chorprojekt gesungen hatte: „Ich möchte das Singen nicht zu meinem Beruf machen, damit ich die Freude daran nicht verliere.“

Damals waren meine Artgenossen und ich empört über diese Aussage, weil sie die jungen Profis von uns ansprach. Unvorstellbar war es für uns, dass wir je die Freude am Singen verlieren könnten und argumentierten mit unserer Leidenschaft zum Beruf. Jetzt, 20 Jahre später habe ich immer wieder die Tendenz mich zu fragen, wo ist die Freude geblieben? Woran das liegt?

An den zehrenden Arbeitslücken, der finanziellen Unsicherheit, des immer wieder sich beweisen müssen, am stetigen Leistungsdruck? Diese Aspekte machen mich müde, je länger, je mehr. Ich verstehe mittlerweile, dass viele Kollegen sich umschulen lassen oder ein zweites Standbein aufbauen, jedoch schränkt es die künstlerische Freiheit ein.

Wo finde ich den Adrenalinkick, wenn ich gerade nicht auf der Bühne tätig bin? Welche Dinge bereiten mir keine Freude mehr und warum?
Das Hochgefühl einer Premiere im Theater ist für mich wirklich durch nichts zu ersetzen. Dem am nächsten kommt der Kick einer turbulenten Achterbahnfahrt. Gleitschirmfliegen kommt vielleicht einer zweiten und dritten Vorstellung am nächsten. Immer noch aufregend, aber nicht vergleichbar mit dem Premieren-Feeling. Damit nun aber die Freude im Alltag, beim Üben und Proben bleibt, brauche ich immer wieder mal ein neues Rezept.

Das erinnert mich an eines meiner Lieblings-Sprichwörter: „Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.“ 2Beim Googeln dieses Zitats von Konfuzius, erscheint folgende Beschreibung: „Um ein dauerhaftes Gefühl von Glück zu erleben, ist es oft notwendig, sich von alten Mustern zu lösen und neue Wege zu gehen. Dies kann bedeuten, dass man seine Lebensumstände, Gewohnheiten oder Denkweisen anpassen muss. Veränderungen ermöglichen es uns, zu wachsen und unser Leben positiver zu gestalten.“

Was bereitet dir ein Gefühl des Glücks? Ich rede nicht von Zufriedenheit, ich meine das Gefühl von: „Wann schlägt dein Herz höher?“ Inwiefern hat es sich verändert in den letzten 20 Jahren? Ich glaube, das Glück liegt oft in deiner Hand. Ob du das Glück nun schmälerst durch die äusseren Lebensumstände oder potenzierst durch deinen Willen, ist dir überlassen.

Wir Menschen realisieren leider oft nicht, welche Kraft und Macht wir über unseren Gemütszustand haben. Das Glück ist zur Gewohnheit geworden und wir streben permanent nach dem nächst besseren. Das hat natürlich auch sein Gutes, weil so lange wir nach etwas streben, haben wir ein Ziel und fühlen einen Sinn, morgens aufzustehen.

Sobald wir in die Opferhaltung gehen, dass wir „nichts dafür können“, wie es gerade läuft, geht es abwärts. Ein Trend heutzutage sind die Worte: „Du musst akzeptieren, wie es gerade ist. Nur dann kannst du glücklich sein.“ Ich vertrete eine andere Meinung: Du bist fähig, ALLES in deinem Leben zu verändern. Sobald DU etwas veränderst in dir und deinen Gewohnheiten, wird sich auch dein Umfeld wandeln. Vielleicht erstmal unmerklich, plötzlich aber siehst du es in kleinen Details und schliesslich kann sich dir eine neue Welt eröffnen.

Ich wünsche dir, dass du den Mut hast, immer wieder deine Verhaltensweisen zu hinterfragen und zu verändern, um zu sehen, wie sich dein Leben ins Positive verwandeln kann, zum Wohle aller Mitmenschen und vor allem zu deinem glücklich sein.

Zurich Film Festival verlässt die NZZ-Gruppe

Das ZFF wird vom Management übernommen und soll neu ausgerichtet werden. Wir hoffen auf einen positiven Impact auf die Schweizer Filmszene.

Zehn Jahre lange gehörte das Zurich Film Festival (ZFF) zur NZZ-Gruppe. Nun übernimmt eine neue Eigentümergruppe um Direktor Christian Jungen das ZFF. Ihr gehören neben Vizedirektorin Reta Guetg auch der Unternehmer und Moderator Max Loong, der langjährige ZFF-Präsident Felix E. Müller und der Finanzfachmann Marek Skreta an. Die NZZ veräussert das ZFF per Juli 2025 im Rahmen eines Management-Buyouts an die neue Trägerschaft rund um Direktor Christian Jungen.  Die 21. Durchführung des Festivals findet bereits unter den neuen Eigentümern statt.

Die Trägerschaft plant, das ZFF mittels Kooperationen mit internationalen Partnern als eines der führenden Filmfestivals in Europa zu etablieren. Die NZZ bleibt weitere drei Jahre Main Partner und das Kino Frame wird als «Home of Zurich Film Festival» von Kinokoni betrieben.

Mit der Betriebsübernahme durch Kinokoni erhält das Kino Frame an der Europaallee ein neues Profil. Nach Olten und Basel bringt der Kino- und Gastrounternehmer Konrad Schibli sein Boutique-Kinokonzept nun auch nach Zürich. Neben einer weiterhin kuratierten Filmauswahl – punktuell ergänzt um kommerziellere Titel – liegt der Fokus künftig verstärkt auf Gastronomie, Saalvermietung und einem erweiterten Besuchserlebnis. Das Frame als «Home of Zurich Film Festival» bleibt fester Bestandteil des Gesamtkonzepts.

Wir hoffen, dass die neuen Eigentümer das Festival wieder näher an die Kulturszene bringen und der Filmbranche Schweiz genug Gewicht einräumen.

Umfrage: Machtmissbrauch & sexuelle Übergriffe

Prof. Dr. Thomas Schmidt, University of Music and Performing Arts Frankfurt, führt zum zweiten Mal eine Studie zu Machtmissbrauch im Kulturbereich in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch.

Die Umfrage ist absolut anonym und gibt Aufschluss über das Machtgefälle in den verschiedenen kulturellen Bereichen. Mit der Umfrage sollen Machtmissbrauch und Diskriminierung in der gesamten Kulturszene der drei Länder erfasst, analysiert und erörtert werden. Wir wollen erstmalig in allen Sparten und Bereichen der Kultur erheben:

* wie groß das Problem des Machtmissbrauchs in der Kulturlandschaft tatsächlich ist,
* welche Arten von Machtmissbrauch und Diskriminierung besonders verbreitet sind,
* welche Unterschiede es darin zwischen den Kunstsparten und den drei Ländern gibt und
* welche strukturellen Zusammenhänge zu Machtmissbrauch und Diskriminierung führen

Professor Thomas Schmidt:

„Wenn die Studie ein annähernd gutes Ergebnis an Rückläufen wie im Jahr 2018 zeigt, werden vor allem Sie mit neuem Wissen über den Stand des Gebrauchs von Macht und über Machtmissbrauch und Diskriminierung informiert sein. Sie werden zudem die immer wieder in den Medien oder in den Organisationen ihres Verbandes auftretende Fälle besser einordnen können und bereits an weiteren Maßnahmenbündeln arbeiten, die eine bessere Macht-Prophylaxe möglich macht.

Als Wissenschaftler*innen benötigen wir Ihre Mitwirkung und Hilfe. In fast allen Umfragen über die Zukunft unserer Länder wird geschrieben, dass vor allem Forschung und Entwicklung gestärkt werden müssen, damit wir uns in allen Segmenten der Gesellschaft weiterentwickeln können. Dazu gehört vor allem die Kultur.“

Bilaterale III: Aufschrei aus der Kultur!

«La (culture) Suisse n’éxiste pas!» tönt der Empörungsruf durch die Schweizer Kulturlandschaft. Kultur ist für den Bundesrat bei den Bilateralen III kein Thema.

Nach dieser Woche steht fest: Für den Bundesrat braucht es die Kultur in der Schweiz nicht mehr. Die Kultur ist für ihn schlicht eine Quantité négligeable, deren Mittel in jedem Fall gekürzt werden können. Bilaterale III – die Kultur kommt nicht vor! Beitritt zu Creative Europe – auf den St. Nimmerleinstag verschoben! Alle Kürzungen für den Kulturbereich im sogenannten Entlastungspaket 27, auch die versteckten: Beibehalten! Eine Landesausstellung nach 2027: Kann man machen, – aber Geld gibt es dafür nicht!

Zitat Taskforce culture: «Wer heute an der Kultur spart, riskiert morgen den gesellschaftlichen Zusammenhalt,»

Die Kürzungen im Kulturbereich bedrohen nicht nur die Vielfalt und Innovationskraft der Schweizer Kultur, sondern schwächen auch gezielt die gesellschaftliche Resilienz – in einer Zeit, in der diese Stärke strategisch wichtiger denn je ist. Die Taskforce Culture, ein sparten- und verbandsübergreifendes Netzwerk von über 100 Schweizer Kulturverbänden und -organisationen ist empört darüber, wie konsequent die Forderungen aus dem Kulturbereich ein ums andere Mal ignoriert werden, während gleichzeitig die Schweizer Kultur kaputtgespart wird!

Kulturpolitik ist Sicherheitspolitik: Weitsicht statt Spardiktat

Kultur ist kein Nebenschauplatz. Sie trägt zu Bildung, Identität, Innovationskraft und internationaler Ausstrahlung der Schweiz bei. Gerade angesichts hybrider Bedrohungen und gesellschaftlicher Polarisierung mahnt die Taskforce Culture: Der Schutz kultureller Infrastrukturen ist eine Investition in die demokratische Widerstandsfähigkeit des Landes.

Die geplanten Einsparungen bedrohen kulturelle Bildung, internationale Kooperationen und die kreative Wirtschaft – genau jene Bereiche, die der Schweiz auch in schwierigen Zeiten Stabilität und Dynamik sichern.

Zitat Taskforce culture: „Kultur ist wie die Grundlagenforschung unserer Gesellschaft. Ihr unmittelbarer Nutzen lässt sich oft nicht in Zahlen fassen – doch langfristig ist sie unverzichtbar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die demokratische Resilienz und die kreative Erneuerung.“

Die Schweiz auf dem Prüfstand – Kultur als Verzichtsmasse?

Das Entlastungspaket 27 ist mehr als eine Sparrunde – es ist ein Lackmustest für die gesellschaftliche Vision unseres Landes. Will die Schweiz auch künftig eine offene, vielfältige und resiliente Demokratie bleiben? Oder signalisiert sie, dass Kultur verzichtbar ist, wenn es finanziell eng wird?

Die Taskforce Culture warnt: Wer jetzt bei der Kultur kürzt, spart an der falschen Stelle. Es braucht Investitionen in kulturelle Teilhabe, soziale Kohäsion und kreative Zukunftskraft, – aber sicher keinen Abbau. Denn der Verzicht auf Kultur ist immer auch ein Verzicht auf Zusammenhalt, Innovation und Identität.

Forderungen im Überblick

  • Keine Kürzungen bei kulturellen Institutionen und Programmen.
  • Schutz der kulturellen Vielfalt als strategisches Standortmerkmal.
  • Stärkung kultureller Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe, insbesondere für Kinder und Jugendliche.
  • Bewahrung internationaler Kulturpartnerschaften als Beitrag zur hybriden Sicherheitspolitik.
  • (Wieder-)Beitritt der Schweiz zum europäischen Kulturprogramm «Creative Europe», neben «Erasmus+» und «Horizon». Für den Schweizer Kulturbereich ist die Teilnahme an allen drei Programmen essenziell, denn sie bauen aufeinander auf und ergänzen sich gegenseitig.
  • Einbindung der Kultur bei der Erarbeitung der KI-Regulierung und bei Begleitveranstaltungen wie dem geplanten KI-Weltgipfel 2027.
  • Verankerung kultureller Resilienz als strategisches Ziel der Schweizer Politik.

Die vollständige Stellungnahme zum Entlastungspaket 27 der Taskforce Culture finden Sie hier.


Über die Taskforce Culture

Die Taskforce Culture ist ein sparten- und verbandsübergreifender Zusammenschluss von über 100 Schweizer Kulturverbänden und -organisationen. Sie wurde während der Covid-19-Krise gegründet, um gemeinsame kulturpolitische Interventionen zu bündeln, und hat sich seither als zivilgesellschaftliche Stimme für die Anliegen der Kultur etabliert. Die Taskforce Culture versteht Kultur als systemrelevanten Bestandteil einer demokratischen, innovativen und widerstandsfähigen Gesellschaft.

Estelle Revaz übernimmt Suisseculture-Präsidium

Estelle Revaz wurde einstimmig zur neuen Präsidentin von Suisseculture, dem Dachverband der Organisationen der professionellen Kulturschaffenden und der Urheberrechtsgesellschaften der Schweiz gewählt.

Die Musikerin und Nationalrätin löst den bisherigen Präsidenten Omri Ziegele ab, der nach sieben Jahren von seinem Amt zurücktritt. Die Mitgliederversammlung würdigte und verdankte den grossen Einsatz Ziegeles für die Kulturschaffenden.

Estelle Revaz wurde 1989 im Wallis geboren. Sie ist eine Cellistin mit internationaler Karriere und hat ihre Ausbildung in Paris, Köln und Lausanne absolviert. Sie spielt regelmässig in vielen Ländern Europas, Asiens und Amerikas. Als Künstlerin begann sie sich während der Covid-Zeit politisch zu engagieren, schrieb das Buch «La Saltimbanque» und sitzt seit 2023 im Nationalrat, insbesondere um die Interessen der Kulturschaffenden zu vertreten.

Seit ihrer Wahl als Nationalrätin ist es ihr gelungen, die Thematik der sozialen Sicherheit der Kulturschaffenden als eine der Prioritäten der Legislaturperiode durchzusetzen. Ausserdem hat sie es ermöglicht, die Revision des Gesetzes über die Nationalbibliothek zugunsten der Kulturschaffenden und der Medien abzuändern, und hat ihre erste persönliche Motion für eine nationale Strategie zur Bekämpfung der Armut gewonnen.

Sie übernimmt das Präsidialamt zum 1. Oktober 2025. Bei ihrer zukünftigen Tätigkeit wird sie von einem elfköpfigen Vorstand unterstützt. Estelle Revaz ist die erste Präsidentin von Suisseculture aus der Westschweiz.

Schauspiel: Einmal Tiger und zurück

Wie transformiert man sich selbst ins Unbekannte? Ins Wilde? Ins Neue? Corinne Soland lernt in London, wie man das Ego entspannt, sich öffnet und den Tiger reinlässt.
Von Corinne Soland

Soften.

Wir wurden in unserer Arbeit von Timothy Dodd von der Company Gabrielle Moleta begleitet und angeleitet. Die Tier-Transformationsarbeit stammt aus einer Tradition, die stetig weiterentwickelt wurde. Gelehrt und praktiziert haben unter anderen Jacques Copeau, Michel Saint-Denis, John Blatchley und Catherine Clouzot. Letztere gab ihr Wissen 2005 weiter an Gabrielle Moleta, Birgit Nordby und Hilde Hanna Buvik. Tim ist langjähriges Mitglied in Gabrielle’s Company und begann in den letzten Jahren, selber zu unterrichten.

Er führte uns durch die wichtigsten Arbeitsschritte im Prozess und stellte sicher, dass wir uns als Performende in einem Raum bewegen konnten, der sowohl für unser Performer:innen-Ich wie auch unser Tier-Ich (und alles, was dazwischen lag), unterstützte. Diese Herangehensweise passte gut zum Konzept des Softening, das uns das ganze Jahr über im MALab begleitet. To soften ist der erste Schritt im Tier-Transformationsprozess, um dich als Performer:in bereitzumachen, “das Tier übernehmen zu lassen”. 

Meet.

Der Prozess begann damit, dass Tim uns unser erstes Tier nannte (Tiger) und uns in den Zoo schickte. Ausgestattet wurden wir mit einem A4 Blatt, auf dem stand, was wir genau beobachten sollten. Tim meinte, wir sollten uns mehrere Stunden Zeit nehmen und erstmal nur mit dem Tier in Co-Präsenz sein, die Energie fühlen, das generelle Tempo und den ersten Eindruck wirken lassen. Ab unserem zweiten Besuch fokussierten wir uns auf die praktischen und objektiv beobachtbaren Handlungen. In welcher Umwelt existiert dieses Tier? Wie ist die Anatomie, wo ist das Gewicht verlagert, in Bewegung? Was sind die Positionen für Schlafen, Essen, Trinken, Gähnen und Kratzen? Was sind die verschiedenen Rhythmen? Wie geht das Tier mit seinem Essen um, welche Handlungen sind involviert und welche Körperteile? Wie ist das Verhältnis von Muskeln zu Fett zu Fell zu Zähnen?

Wenn wir Details berichteten, forderte Tim uns auf, noch mehr auf den Gesamtkomplex Tier – Umgebung zu fokussieren, wenn wir von Grundenergien und Rhythmus sprachen, wollte Tim mehr Berichte von Nahaufnahmen. Was ist ein Magic Moment? Achtung – keine subjektiven Bewertungen einfliessen lassen oder moralisch geprägten Adjektive! Sehr gut zu gebrauchen für die weitere Arbeit waren Beschreibungen von Handlungsabläufen, zum Beispiel: “Der Tiger presst sein Gewicht mit seinen Vorderpfoten in den Boden. Dadurch verlagert sich das Gewicht in die Schultern und nach vorne. Der Tiger steht auf. Sein Kopf bleibt gesenkt.”

Behave.

Zurück im Proberaum ging es an die Übertragung des Beobachteten und zur Umsetzung unseres individuellen Tigers. Denn eines wurde ganz schnell sehr offensichtlich: Es gibt nicht die Art, einen Tiger zu verkörpern. Es gibt im Einladen des Tigers in unseren Transformations-Proberaum genau so viele Tiger, wie es Performende gibt, mit ihren eigenen Stimmen, Bewegungen und Charakteren. Einige unserer Tiger krochen, andere schlichen, andere begannen früh, sich in ein Tiger-Mensch-Wesen zu verwandeln. Videoaufnahmen von in der Wildnis lebenden Tigern unterstützen uns bei dieser Arbeit, um zusätzliche Bewegungsmuster einfliessen zu lassen.

Die Verkörperung fand immer während 20-minütigen Runden statt, in denen die Gruppe halbiert wurde. Während die eine Hälfte der Gruppe den Raum als Tiger erkundete und Dinge erlebte, sass die andere Hälfte bereits wieder über ihren Notizheften oder am Handy, um neue Videos anzuschauen.

Transformation.

Nach dem Tiger wurde uns noch ein weiteres Tier zugeteilt. Ich habe mit einem Pferd gearbeitet und bin dabei auf ganz andere Erkenntnisse gestossen als beim Tiger. Auch haben sich die menschlichen Figuren, die sich aus diesen beiden Tieren für mich entwickelt hatten, stark unterschieden: Der Tiger wurde bei mir zu einem Goldwäscher mit dicken Stiefeln, viel Gewicht und einem Alter von etwa 50 Jahren. Das Pferd hingegen brachte in mir einen ca. 10-jährigen Jungen hervor, der ein Baumhaus hatte, auf dem Weg war dorthin und noch eine Liste machen wollte mit Dingen, die er dann nicht vergessen durfte, mitzunehmen. 

Ein paar Eindrücke, die ich aus dem Prozess mitgenommen habe, geben euch vielleicht Einblick darin, was in diesen Transformationen alles entstanden ist. Diese Aussagen stellen gleichzeitig auch neue Fragen dar, die in der Begegnung mit neuen Tieren wieder ausgekundschaftet werden können.

  • Menschen urteilen über ihren Körper und ihr Verhalten, Tiere nicht.
  • Wir lernen von der Lebensenergie des Tieres. Was macht das Tier mit dieser Lebensenergie, wie zeigt sich diese im Körper und im Verhalten?
  • Der Atem. Der Atem als Weg und Zugang zu einem anderen Körper, der grösser, schwerer, agiler, leichter, flexibler, stärker ist als du.
  • Wie begegnet dein Tierkörper den Umständen, in denen er sich befindet?
  • Der Tiger nimmt sich, was er möchte. Keine Gedanken an die Folgen. Keine Entschuldigung. Gleichzeitig weiss er, dass er nicht verletzt werden darf, weil er sich selber nicht heilen kann, wenn er eine Wunde hat. Er möchte Einsamkeit, er möchte beschützen.
  • Kampf ist Spiel. Bis es kein Spiel mehr ist.
  • Tierarbeit ist das Aufgeben einer menschlichen Logik.
  • Erkunde die Kind-Version des Tieres. Verwandle dich in die ältere Version und beobachte, was sich verändert in und an deinem Körper.
  • Tiere existieren und verhalten sich. Sie performen nicht. D.h. wenn wir Tiere sind und ein Publikum haben, ist es kein Publikum im klassischen Sinne, sondern es sind Zeug:innen unseres Seins.

Wenn ihr Interesse habt an der Tier-Transformations-Arbeit der Company Gabrielle Moleta, könnt ihr mit dem Dokumentarfilm auf ihrer Website sehr gut einsteigen. Er porträtiert die Company, wie sie sich exemplarisch in einem Projekt mit dem Habicht auseinandersetzt. Die Tier-Transformations-Arbeit kann auch für das Kreieren von Figuren, Geschichten und ganzen Stücken verwendet werden. www.companygabriellemoleta.co.uk

Von „Es reicht!“ bis „I fucking love it“

Eine Geschichte über Hoffnung und Resilienz in den Darstellenden Künsten: Nadines Reise durch die Höhen und Tiefen einer kreativen Berufung – Stress, Erfolg, Selbstzweifel, Zufriedenheit und Kompromisse.

Seit Anfang 2024 bin ich nun freischaffend unterwegs. Ein Schritt, den ich schon lange geplant hatte – eigentlich schon direkt nach meiner Ausbildung. Doch dann kam Corona und ich blieb erst mal in meinem erlernten Beruf, liess mich noch einmal fest anstellen.

Mein Ziel war klar: So schnell wie möglich zurück zum Theater. Der Zufall – oder das Leben – führte mich zum Circolino Pipistrello. Dort arbeitete und lebte ich zwei Jahre festangestellt im Zirkus. Die Sicherheit einer Festanstellung, verbunden mit Kunst und Kultur. Zwei Jahre voller Intensität, im Zirkuswagen unterwegs, mit 30 km/h, aber im Hochgeschwindigkeitsmodus.

Nach diesen Jahren auf öffentlichen Plätzen und engen Wagen schwand die Zirkusromantik, und ich sehnte mich nach Privatsphäre, nach Zeit für mich und meine Liebsten. Ich wollte Abwechslung, neue Projekte, zurück in die Welt ausserhalb der Manege und all die Möglichkeiten entdecken, die da draussen sind.

Ich nahm also Anlauf, schmiedete Pläne und kontaktierte die Menschen, mit denen ich arbeiten wollte. Und ich hatte Glück: Ich wurde mit offenen Armen empfangen und in die unterschiedlichsten Projekte engagiert. 2024 war voller kleiner und grösserer Engagements. Natürlich gab es Wochen ohne Termine – aber das war mir recht. Ich brauchte Zeit, um wieder bei mir anzukommen, freischaffendes Arbeiten zu lernen, vor allem aber: wieder selbstständig zu leben.

Das mag dramatisch klingen, aber meine Zeit im Zirkus war komplett fremdbestimmt. Die Tage waren in 15-Minuten-Slots durchgetaktet und eigene Bedürfnisse musste man konsequent auf später verschieben. Als ich diese Welt verliess, zog ich nicht nur beruflich weiter, ich wechselte auch meinen Wohnort und mein gesamtes Umfeld. Da steht man dann winkend da und sieht den drei Säulen des Lebens zu, wie sie hinter dem Horizont verschwinden.

Ich brauchte Zeit. Um mir neue Säulen zu bauen. Um meine eigenen Bedürfnisse überhaupt wiederzuerkennen.

Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja, die neuen Projekte erfüllten mich, gaben mir Struktur, eine klare Aufgabe – waren genau das, worauf ich mich so gefreut und so lange hingearbeitet hatte. Und: Ich hatte endlich wieder Zeit für mich.

Doch das war nicht nur einfach. An meinen vielen freien Tagen kam ich oft ins Grübeln, fiel in emotionale Löcher. Sie waren weniger erholsam, als ich erwartet hatte. Jetzt, wo ich endlich Zeit für mich und meine Mitmenschen hatte, war da ständig diese Stimme im Kopf: „Mach mehr. Du könntest doch … Du müsstest eigentlich …“ Und so war ich oft nicht so präsent, wie ich gerne gewesen wäre.
Je näher das Jahresende rückte, je ungeplanter meine Zukunft wurde, desto unruhiger wurde ich. Ich dachte viel darüber nach, welche Projekte mich interessieren könnten.

Was mich reizte, fand ich selten ausgeschrieben. Und was ausgeschrieben war, reizte mich nicht. Und so vergingen Wochen, in denen ich zwar viel arbeitete – aber in meiner Planung gefühlt keinen Millimeter weiterkam. Der Stress nahm zu. Jeden Morgen erwachte ich mit einem drückenden Gefühl und einem Kopf, der sich ans Sorgenwälzen gewöhnt hatte. Fürs Privatleben wollte ich nichts mehr planen – was, wenn da ein Projekt reinkommt? Ich war unzufrieden und hielt es kaum aus, einfach nur zu sein.

Ein Engagement musste ich absagen, weil es sich mit einem anderen überschnitten hätte. Ich trauerte dem lange nach. Und die Zweifel: War es die richtige Entscheidung? Was wäre gewesen, wenn …? Mir wurde bewusst: Diesen latenten Stress muss ich lösen – und zwar bald, wenn ich in diesem Berufsfeld bleiben will. Und das wollte ich. Ich wusste auch: Ein nächstes Engagement reicht nicht. Denn auch das hat ein Ende.

Vielleicht ist es einfach menschlich, dass so viel Unklarheit stresst – besonders hier, in der sicherheitsliebenden Schweiz.
Ich bekam viele gut gemeinte Ratschläge: „Mach doch dies! Schau mal da!“ – doch sie verstärkten nur das Gefühl, nicht genug zu tun. Und zu wählerisch zu sein.

Meine Mutter meinte: «Es chunnt den scho wieder öpis, musch eifach drahblibe und nöd ufgeh. Wenn ei Türe zue gaht, gaht di nächsti uf. Und musch halt villicht doch emal öpis mache, wo nöd all dini Vorstellige erfüllt.“ und «Musch halt doch emal». Als hätte ich das nicht schon die letzten zwölf Jahre gemacht.

Dabei waren meine Ansprüche gar nicht so abgehoben:
1. Ich will Teil von Projekten sein, die mich künstlerisch interessieren.
2. Ich möchte mit Menschen arbeiten, die meine Haltung teilen – oder wenigstens verstehen wollen.
3. Ich arbeite nicht für drei Franken die Stunde. (Ja, liebe Kultur-Freund:innen, das war tatsächlich ein Angebot. Von einem renommierten Theater.)

Die Zeit des Gratis-Arbeitens muss irgendwann vorbei sein. Und sie hört bekanntlich nur auf, wenn man selbst damit aufhört.

Aber zurück zum Thema. Was es in meinem Fall vor allem brauchte, war eine Entscheidung. Die Erkenntnis hatte ich nicht zum ersten Mal – aber ich brauchte einige Anläufe, bis ich sie wirklich umsetzte. Eines Morgens wachte ich auf und beschloss: Heute beginne ich den Tag nicht mit Sorgen. Ich hörte auf, bei privaten Entscheidungen alle beruflichen Eventualitäten mitzudenken. Ich buchte eine Reise, die ein halbes Jahr in der Zukunft lag, und habe mir gesagt; alles, was offensichtlich zu mir kommt – das nehme ich an. Gleichzeitig traf ich eine weitere Entscheidung: Ich will eine Lösung für mein Bedürfnis nach Struktur, Konstanz und finanzieller Sicherheit.

Ich sprach mit vielen Kolleg*innen. Und: Surprise, surprise – alle kämpfen mit denselben Fragen. Leerräume gehören offenbar dazu. Ich kenne niemanden, der konstant in Projekten beschäftigt ist.

Ich konnte in meinem Umfeld drei unterschiedliche Lebensstrategien ausmachen: die RAVs, die Flexies und die Produzierenden.

Die RAVs:
Eine Freundin aus dem Filmbereich und ein Kollege aus der Westschweiz erzählten mir, dass viele ihrer Kolleg:innen aufs RAV gehen, sobald sie keine Projekte mehr haben. Also informierte ich mich bei Input & Gipfeli von ArtFAQ (übrigens: sehr empfehlenswert!) über unsere Arbeitslosenkasse. Bis zu meiner Schlussfrage klang alles super. Dann wollte ich wissen, wie der Lohn berechnet wird. Die Antwort: Der Durchschnittslohn der letzten zwei Jahre zählt. Und obwohl ich über 100 % gearbeitet hatte, fiel mein Lohn im Zirkus – dank Kost und Logis plus kulturüblich mieser Bezahlung – so tief aus, dass die Taggelder nicht zum Leben gereicht hätten. Zusätzliche Verdienste werden abgezogen.
Fazit: Das RAV war für mich keine Option. Ich brauchte also eine andere Lösung.

Die Flexies:
Einige Theaterschaffende, mit denen ich sprach – und die entspannter wirkten als ich – erzählten mir von ihren flexiblen Nebenjobs. Jobs mit etwa 30 % Jahresarbeitszeit, im Homeoffice machbar, und so gestaltet, dass sie 100 %-Engagements dazwischen reinschieben konnten. Vorarbeiten, nacharbeiten – alles möglich. Klingt traumhaft. Aber: Finde mal so einen Job. Ich bin leider keine Lehrerin, die mit vier Einsätzen im Monat 1’500 Franken verdient. Und auch keine IT-Spezialistin, die von überall her arbeiten kann. Trotzdem machte ich mich auf die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau-Festanstellung: Niedrigprozentig, flexibel, fair bezahlt, meinen Fähigkeiten entsprechend – und am besten noch mit Bezug zur Kunst.
Fazit: Nice, aber leider schwer zu finden.

Die Produzierenden:
Die dritte Gruppe Kulturschaffender, die sich über Wasser halten können, sind die, die ihre eigenen Projekte machen. Sie stellen sich selbst an, bestimmen, mit wem sie arbeiten und woran. Aber, um das wirklich tun zu können – und das nötige Geld zu organisieren – braucht es neben Kreativität vor allem eines: Fähigkeiten in Projektmanagement. Dass ich früher oder später eigene Projekte realisieren will, war immer Teil meines freischaffenden Plans.
Fazit: Machbar, wenn ich erst Zeit investiere.

Also setzte ich meinen Fokus auf administrative Weiterbildung. Das brachte mir die Empfehlung für eine projektspezifische Regie- und Produktionsmitarbeit ein. Die Tür, die sich öffnet, wie meine Mutter sagen würde. Und heute – einige Projekte und Kontakte später – kann ich sagen: Sie ist mir einfach zugelaufen, die eierlegende Wollmilchsau.

Niedrigprozentig, flexibel – und genau in dem Bereich im Theater, in dem ich mich ohnehin weiterentwickeln wollte: Produktionsleitung.

Fucking love it.

Heute weiss ich: Hätte ich damals das Engagement angenommen, dem ich so lange nachgetrauert habe – ich hätte nie von diesem Job erfahren. Auch mein Wählerisch-Sein hat sich gelohnt. Und das Leben hat mir mal wieder gezeigt, dass meine Mutter mit ein paar ihrer Ratschläge eben doch recht hat.

Und damit: Hasta luego – in vier Tagen fliege ich nach Mexiko. Auf die Reise, die ich mutig und glücklicherweise vor einem halben Jahr gebucht habe.

Nationalrat klar gegen SRG-Halbierung

Mit 116 zu 74 Stimmen lehnte der Nationalrat die Halbierungsinitiative ab. Doch das öffentlich-rechtliche Medienangebot ist noch lange nicht sicher.

Erwartungsgemäss stimmten eine geschlossene SVP und Teile der FDP für eine Senkung der Radio- und Fernsehgebühren von 335 auf 200 Franken. Auf einen Gegenvorschlag, direkt oder indirekt, wurde verzichtet. Das klare Verdikt würde die Unterstützer einer unabhängigen und funktionalen SRG eigentlich aufatmen lassen, aber die Sache ist komplizierter. In der breiten Bevölkerung verfängt die Argumentation der Initianten stärker als im Parlament, wo sich die Politiker*innen vertieft mit den Fakten auseinandersetzen müssen.

Bei einer Annahme der Initiative würde die SRG in ihrer heutigen Form nicht mehr existieren, sagte Martin Candinas (Mitte/GR) im Namen der vorberatenden Kommission. «Demokratiefeindliche Kräfte haben ein Interesse daran, Medienplattformen entweder zu kaufen oder zu schwächen», pointierte Anna Rosenwasser (SP/ZH).

Doch das SRF ist nicht nur von aussen unter Beschuss. In den letzten 24 Monaten setzte die Leitung nicht nur einen immensen Sparhammer ein, sie hat sich auch ohne Grund in der Reichweite selbst beschnitten.

Selbstverstümmelung der SRG

Das SRF hat sich durch die Vereinbarung mit den grossen Schweizer Medienhäusern praktisch selbst. Das Kooperationsabkommen zwischen SRG und Verlegerverband umfasst deutlich mehr Punkte, als der Öffentlichkeit bisher bekannt war. SRF soll sich bis auf wenige Auftritte aus den sozialen Medien zurückziehen und die Online-Beiträge auf den eigenen Seiten dürfen nicht länger als 2400 Zeichen sein. In Zeiten, in denen linearer Medienkonsum wie TV und Radio langsam verschwinden und die Menschen sich über Internetplattformen informieren, ist das eine sehr gravierende Einschränkung – und das freiwillig.

Eine weitere Bestimmung in der Vereinbarung erweist sich bei genauerem Hinsehen für den Verlegerverband als finanziell lukrativ. «Die SRG SSR ist bereit, dem VSM als Mitglied beizutreten», ist im Dokument festgehalten (Quelle persoenlich.com). Da sich der Mitgliederbeitrag am Umsatz eines Unternehmens bemisst, würde die SRG gemäss Beitragsreglement jährlich 180’000 Franken an den VSM zahlen.

Rettung der SRG

Für die Unterstützer*innen einer funktionierenden und starken SRG bleibt also viel zu tun: Es gilt nicht nur, die Abstimmung gegen die Halbierungsinitiative zu gewinnen, es geht auch darum, die Selbstverstümmelung der SRG zu stoppen und das unabhängige Medienangebot und den Service Public wieder zu stärken. Solange SRG und SRF sich selbst kannibalisieren, ist das ein schwieriges Unterfangen.

Musical Theater Basel gerettet

Der Gegenvorschlag zur Initiative „Erhalt des Musical Theaters“ wurde Grossen Rat mit 59 zu 32 Stimmen angenommen. Damit kann das kulturelle Angebot des Theaters weiter stattfinden.

Das Musical Theater Basel darf als Kulturhaus und nicht als Schwimmhalle weiter bestehen. Die Absicht der Regierung, das Gebäude als 50-Meter-Hallenbad umzunutzen, fand im Parlaments keine Mehrheit.

Die vorberatende Kommission brachte den jetzt erfolgreichen Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Erhalt des Musical Theater Basel», der an einer kulturellen Nutzung des Gebäudes festhält, dafür aber Bedingungen formuliert. Die Initiant*innen ziehen das Volksbegehren «Erhalt des Musical Theater Basel» zurück, sofern kein fakultatives Referendum ergriffen wird, was nicht wahrscheinlich scheint.

15 Millionen für Sanierung

Das Gebäude wird weiterhin für Musicals und Konzerte, soll aber auch als Kultur- und Begegnungsstätte genutzt werden können. Es wird in Zukunft durch eine noch auszuschreibende Betreiberschaft geführt. Damit soll ausgeschlossen werden, dass der Kanton das Kulturhaus in Eigenregie betreiben muss. Der Kanton beteiligt sich  mit einem Investitionsbeitrag von 15 Millionen Franken an der Sanierung.

SP als einzige gegen Theater

Das Erstaunliche an dieser politischen Auseinandersetzung: Die sonst kulturaffine SP stimmte nicht nur gegen die Initiative, sondern lehnte auch den Gegenvorschlag ab und hielt an der Idee eines Schwimmbades fest.

Das Initiativ-Komitee lässt verlauten: „Wir sind dankbar, dass eine klare Mehrheit des Grossen Rats Basel heute den Erhalt des Musical Theaters befürwortet hat. Wir freuen uns darüber, dass alle Fraktionen mit Ausnahme der SP für die Zukunft des Musical Theater Basel gestimmt haben. Wir ziehen unsere Initiative zurück und stellen uns aus Überzeugung hinter den Antrag des ‚Grossen Rates Basel‘. Unser Ziel ist damit erreicht.“

 

Arbeitgeberverband: Eine Hand in der Staatskasse

Roland A. Müller will, dass der Staat die Kosten übernimmt, wenn ein Unternehmen keine existenzsichernden Löhne zahlt. Das ist nicht nur zynisch, das ist antiliberal. Ein Kommentar.
Von Reda El Arbi

«Ein rein existenzsichernder Lohn ist nicht die Aufgabe der Arbeitgeber», sagte Roland A. Müller, Direktor des Arbeitgeberverbands, wie jetzt bekannt wurde an einer Anhörung durch die Wirtschaftskommission des Nationalrats. «Da muss dann schliesslich die Sozialhilfe einspringen.»

Als ich diese Aussage hörte, hielt ich sie für einen schlechten Witz. Und nur, damit wir uns richtig verstehen: Es geht hier um Vollzeit-Löhne, nicht um irgendwelche Teilzeitstellen. Dass linke Parteien und Organisationen darüber erbost waren, ist nicht überraschend. Überraschend ist, dass man aus liberalen Kreisen keinen Ton vernimmt. Seit der Industrialisierung gelten in der Schweiz liberale Grundwerte: Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und machen damit Profit, Angestellte arbeiten in den Betrieben, dafür erhalten sie einen Lohn, der ihnen ein anständiges Leben ermöglicht. Das ist der urliberale Gedanke.

ElonMuskisierung der Schweiz

Was der Chef des Arbeitgeberverbandes jetzt will, ist, dass wir mit Steuergeldern die Unternehmensgewinne subventionieren. So sollen Unternehmen Profite einstreichen können, während der Staat mit unseren Steuergeldern das (Über)Leben der Arbeitnehmer*innen finanziert. Dass neoliberale und libertäre Unternehmer den Staat zwar beschneiden wollen, sich aber immer mit einer Hand in der Staatskasse bedienen, war schon vor der ElonMuskisierung der USA bekannt.

Dass aber Schweizer Arbeitgeber so direkt aus dem Volksvermögen abzocken wollen, mit einer zynischen Verachtung für die Menschen, die ihre Gewinne erarbeiten, ist neu. Man muss bewundern, wie dreist und beinahe schon mutig der Arbeitnehmerverband eingesteht, dass ihm liberale Werte am Hintern vorbeigehen. Wir haben ja bereits grundsätzlich die Situation, dass Gewinne privatisiert und soziale Risiken und Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Nur nie in einer solchen Deutlichkeit.

Unternehmerische Versager

Was Roland A. Müller aber auch eingesteht: Es geht nicht mehr um unternehmerisches Können, um Leistung. Es geht nur noch um Gewinnoptimierung um jeden Preis. Denn: Wer ein Unternehmen führt, das aus wirtschaftlichen Gründen keine existenzsichernden Löhne zahlen kann, ist ein Versager. Wer seine Produkte und Dienstleistungen nur dann gewinnbringend anbieten kann, wenn der Staat für die Bezahlung der Arbeitnehmer*innen aufkommt, ist eine unternehmerische Trauerfigur.

Was schmerzt, ist, dass auch Grünliberale und Mitte-Politiker*innen bei dieser Abzocke von Staatsgeldern mitmachen. Bürgerliche, die eigentlich Eigenverantwortung und Leistung predigen, und dann die Verantwortung auf die Steuerzahler abschieben, sind ein Witz.

Bühne: Burnout oder Boreout?

Das emotionale Loch zwischen den Projekten kann ermüdend sein. Steffi überlegt sich, ob sie einen bühnenfremden Job annehmen soll, um die Krisen in Schach zu halten.
Von Stefanie Gygax

Ich befinde mich in einem sogenannten künstlerischen Arbeitsloch. Um psychisch nicht zu verzweifeln, beschäftige ich mich mit Gelegenheitsjobs, Bewerbungen und treffe Berufskollegen, um mich auszutauschen.

Ich bin zwar „beschäftigt“ und irgendwas arbeiten geht ja immer, um über die Runden zu kommen, aber ich bin unglücklich. Ich mülle mich zu mit nicht-künstlerischer Arbeit. Ich stelle wiedermal mein ganzes Leben infrage, fühle mich ausgelaugt und gelangweilt zugleich.

Diese Phase habe ich als freischaffende Sängerin schon oft erlebt und dennoch wird das Verständnis nicht grösser, sondern es schwindet immer mehr. Wo liegt der Sinn im Leben? Gibt mir das Arbeiten im Theater wirklich meinen ganzen „Lebenssinn“? Definiere ich mich derart mit dem Bühnenschaffen, dass ich ohne dies nicht glücklich sein kann?

Ich beobachte meine lieben Kollegen und Kolleginnen auf den sozialen Medien, wo diese gerade singen oder spielen, möchte aber keinesfalls mit Ihnen tauschen. Bewusst bewerbe ich mich nicht mehr überall. Das Motto: „Ich mache alles, Hauptsache ich stehe auf der Bühne“ gilt nicht mehr, so wie in meinen Zwanzigern. Die Ansprüche sind gestiegen und ich mache nicht mehr jeden „Seich“ mit.

Nun stehe ich an dem Punkt, wo ich mich frage, ob es nicht doch besser wäre, eine Anstellung irgendwo zu bekommen, um vielleicht nur noch 50 % in Freiheit zu geniessen. Dann bin ich aber gebunden, hier in der Schweiz und kann nicht mehr von heute auf morgen ins Ausland abhauen. Für die meisten meiner Schweizer Artgenossen ist dies ganz normal, weil das Leben in der Schweiz einfach unfassbar teuer ist. Meine ausländischen Kollegen kommen schnell mal mit ein paar Konzerten eine Zeit lang über die Runden, aber in unserem schönen Land Schweiz reicht dies leider nicht sehr weit.

Ich erfinde mich gerne neu in solchen Situationen, um frische Motivation zu finden. Ich starte ein eigenes neues Projekt und bewerbe mich an Orten, wo ich mich noch nie beworben habe, um zu sehen, was passiert. Einige meiner befragten Kollegen machen in solchen Arbeitslücken ein Studium oder starten ihre eigene Produktionsfirma, probieren sich auf der Leading-Team-Seite …

Ich bin momentan sehr unschlüssig, was ich noch lernen will, wo ich mich weiter ausprobieren will. Weiterbildungen habe ich schon dutzende gemacht. Mich interessiert das Praktische, das Unterrichten, was ich schon eine Weile mache und der nächste Schritt ist in Richtung Regie, Produktion. Ich hole mir Inspiration bei Coaches und Therapeuten und versuche, nicht an der Ungewissheit zu verzweifeln.

Nicht zu wissen, was als Nächstes passiert, hat auch immer etwas Aufregendes. Der Nervenkitzel hört nie auf, er verändert sich bloss mit dem älter werden. Ich wünsche uns in solchen Momenten des Zweifelns und der Ungewissheit, dass wir uns neue Inspiration holen und eigene Ideen kreieren.

Was berührt euch? Wie möchtet ihr euch in der Kulturbranche einbringen und was möchtet ihr Neues kreieren?

Theater: Sommerpause oder Sommerflaute?

Die Bühnen und die Häuser rutschen langsam in den Sommerschlaf. Wir wollen wissen, was das für die Darstellenden bedeutet. Melde dich!

Endlich Zeit für den verspäteten Frühlingsputz oder Langeweile? Bereits in den Proben für den Herbst oder noch bei Castings und Projektvorbereitungen? Existenzielle Ängste oder endlich Zeit, die Batterien wieder aufzuladen?  Für Festangestellte ist die Sommerpause wohl einfacher auszuhalten als für Freischaffende.

Wir wollen wissen, wie ihr den Sommer überlebt. Schreibt eure Inputs, Geschichten und Eindrücke in die Kommentare oder per Mail an reda@elarbi.ch.

110 Organisationen gegen Halbierungsinitiative

Zum Auftakt der parlamentarischen Debatte über die «Halbierungsinitiative» sind 110 Organisationen dem Aufruf des SSM gefolgt, darunter auch SzeneSchweiz,

In einem gemeinsamen Appell an die Nationalrätinnen und Nationalräte, beziehen sie Position gegen die Initiative und stellen klar, dass es um mehr geht als um die SRG. Die Halbierungsinitiative ist ein Dolchstoss in kulturelle Herz unseres Landes.

Der Appel im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren Nationalrätinnen und Nationalräte

Es geht um mehr als die SRG – es geht um den Zusammenhalt in unserem Land. In der kommenden Sommersession werden Sie die Volksinitiative «200 Franken sind genug – SRG Initiative» beraten. Die sogenannte «Halbierungsinitiative» will die Haushaltsabgabe für Radio und Fernsehen von heute CHF 335 auf CHF 200 senken und sämtliche Unternehmen von der Abgabe befreien. Damit würde der SRG die Hälfte des Budgets entzogen: statt CHF 1.2 Mia. stünden ihr nur noch rund CHF 630 Mio. zur Verfügung. Die Folge wäre ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen, Programmangeboten und regionaler Präsenz – in allen vier Sprachregionen. Gerade auch Kultur- und Sportangebote wie auch inklusionsfördernde Leistungen sind besonders gefährdet.

Die SRG ist grösser als die Summe ihrer Teile: mit ihren Aufträgen schafft die SRG pro Arbeitsstelle rund eine zusätzliche Stelle in den Bereichen IT, audiovisuelle Produktion, Technik und weitere Dienstleistungen von privaten Unternehmen. Die BAK-Studie zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der SRG zeigt ausserdem eindrücklich, dass sie eine Wertschöpfung von insgesamt CHF 1.67 Mia. generiert und rund 10’500 Vollzeitstellen sichert. Der Abbau hätte entsprechend gravierende Folgen für die gesamte Schweizer Wirtschaft.

Wir, 110 Organisationen aus Kultur, Sport, Bildung, Zivilgesellschaft, Inklusion & Sinnesbehinderung Arbeitnehmendenvertretung und der Medienbranche, stehen entschieden gegen diesen Abbau. Unsere Perspektiven mögen unterschiedlich sein, aber uns eint die Überzeugung, dass die Schweiz einen starken, unabhängigen medialen Service public braucht – heute und auch in der Zukunft.

Wir appellieren an Sie, geschätzte Nationalrätinnen und Nationalräte: Lehnen Sie die «Halbierungsinitiative» und sämtliche den medialen Service public einschränkende Gegenvorschläge entschieden ab.

Mit der geforderten Abgabensenkung würde eine massive Qualitätseinbusse im Angebot der SRG einhergehen, die in keinem Verhältnis zur finanziellen Entlastung der Haushalte und Unternehmen steht. Private Medien können diese Lücke nicht kompensieren.

Betroffen wären nicht nur Informations-, Meinungs- und Medienvielfalt, sondern auch die Kulturproduktion: weniger Schweizer Filme und Serien würden produziert werden und die Schweizer Musik hätte weniger Präsenz. Die Sichtbarkeit von Sprachminderheiten würde sinken oder verschwinden. Der Austausch zwischen den Regionen und das gegenseitige kulturelle Verständnis in unserem viersprachigen Land würde dadurch erschwert oder sogar verunmöglicht.

Auch die Sportberichterstattung ist bei einer Annahme der Initiative gefährdet, insbesondere bei nationalen und regionalen Veranstaltungen. Dadurch sinkt die Sichtbarkeit zahlreicher (Rand-) Sportarten, was nicht nur Einbussen bei Sponsorengeldern und Sportförderung mit sich bringt, sondern auch den gesellschaftlichen Wert gemeinsamer Sporterlebnisse schmälert.

Der mediale Service public ist unverzichtbar für unsere direkte Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz. Die steigende Bedeutung von Social Media, die ungefilterte Informationsflut im Internet und die breite Nutzung von künstlicher Intelligenz, begünstigt die Gefahr von Desinformation und gezielter Manipulation, die genutzt werden kann, um Demokratien zu destabilisieren. Was passiert, wenn der unabhängige, mediale Service public geschwächt wird oder gar verschwindet, zeigt sich bereits eindrücklich in anderen Ländern, wie in den USA, wo Medien ausgedünnt wurden und Desinformation sowie Polarisierung bereits zugenommen haben.

Der Bundesrat und beide zuständigen Kommissionen sind sich einig: Diese Initiative geht zu weit und muss abgelehnt werden.

Der Bundesrat hat die Initiative bereits 2024 abgelehnt und mit der Teilrevision der Radio- und Fernsehverordnung (RTVV) ein Gegenkonzept auf Verordnungsstufe beschlossen: Bei Ablehnung der «Halbierungsinitiative» wird die Haushaltabgabe bis 2029 auf CHF 300 gesenkt. Unternehmen mit einem Umsatz bis CHF 1.2 Mio. werden von der Abgabe befreit – das sind rund 80 Prozent der mehrwertsteuerpflichtigen Unternehmen. So erhält die SRG CHF 120 Mio. weniger pro Jahr als heute.

Wir, die unterzeichnenden Organisationen, sind überzeugt: Mit der Teilrevision der RTVV hat der Bundesrat den Initiant:innen bereits weitgehende Zugeständnisse gemacht. Ein weiterer Abbau des medialen Service public und der SRG würde die mediale Grundversorgung ernsthaft gefährden.

Geschätzte Nationalrätinnen und Nationalräte, Sie stehen vor einer wichtigen Entscheidung, die nicht nur den Schweizer Mediensektor massiv prägen wird. Bitte bedenken Sie die Funktion und die Bedeutung eines umfassenden medialen Service public für die Schweiz. Setzen Sie seine finanziellen Mittel nicht leichtfertig aufs Spiel. Stärken Sie den medialen Service public mit der Ablehnung der «Halbierungsinitiative» und sämtlicher den medialen Service public einschränkender Gegenvorschläge.

Die 110 unterzeichnenden Organisationen repräsentieren ein breites gesellschaftliches Spektrum – darunter Arbeitnehmendenvertretung, Inklusion und Sinnesbehinderung, Bildung, Zivilgesellschaft, Sport, Medien und Kultur.

«Darsteller*innen brauchen hohe Stressresistenz»

Rahel Hubacher, ausgebildete Psychologin und Schauspielerin, begleitet neu das Ensemble des Schauspielhauses Zürich sowohl als Ensemble-Psychologin wie auch als Mitglied. Wir sprachen über die Herausforderungen dieser neu geschaffenen Position.
Interview: Reda El Arbi / Bild: Ona Pinkus


Frau Hubacher, Sie besetzen als Schauspielerin und ausgebildete Psychologin die neue Stelle „Psychologische Begleitung“ am Schauspielhaus. Was muss man sich unter dieser neu geschaffenen Position vorstellen?

Diese neue Position, wir nennen sie «Ensemble-Psychologie», wird am Schauspielhaus mit der Intendanz Karabulut/Sanchez ab der Spielzeit 2025/26 eingeführt. Sie ist aus dem Anliegen entstanden, der Gesundheit und dem kreativen Potenzial des Ensembles Sorge zu tragen. Es handelt sich dabei um eine Position, die im künstlerischen Praxisalltag verankert ist und sich von innen heraus, aus dem Ensemble heraus, für eine gesundheitsfördernde Arbeitsatmosphäre engagiert.

Welche Themen erwarten Sie in ihrem zukünftigen Alltag?

Ich erwarte erstmal alle Themen. Es ist ein Neubeginn, das ist komplex. Einige aus dem Ensemble ziehen für das Engagement neu nach Zürich, andere sind schon länger da und mit der Stadt und den bisherigen betrieblichen Strukturen vertraut. Eine Offenheit für Neues brauchen also alle. Es ist ein grosses, generationendurchmischtes Ensemble mit über 30 Positionen.

Wenn es uns von Beginn an gelingt, gemeinsam einen starken Ensemblezusammenhalt zu entwickeln, werden wir eine sehr kraftvolle Ressource haben. Einen guten Boden für das kreative Schaffen. Es liegt mir am Herzen, mitten in der dichten Proben- und Aufführungspraxis, die ein Repertoirebetrieb von der Grösse des Schauspielhauses mit sich bringt; Zeit, Raum und Gefässe zu schaffen, die einen vertrauensvollen Ensemblezusammenhalt fördern.
(Fortsetzung nach der Info-Box.)


Credits: Janine Guldener

Zur Person

Rahel Hubacher ist als Schauspielerin und Psychologin Msc. mit den strukturellen Besonderheiten von Theaterinstitutionen vertraut und kennt die damit verbundenen Herausforderungen für darstellende Künstler:innen von innen heraus. Ab Spielzeit 2025/26 ist Rahel Hubacher Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich und übernimmt die am Haus neu geschaffene Position der Ensemblepsychologin.


Stehen Darsteller*innen unter einem höheren psychischen Druck als Menschen in anderen Berufsfeldern? 

Der Theaterbetrieb ist schwer vergleichbar mit anderen Berufsfeldern. Statistisch gesehen liegt die höchste psychische Belastung bei den Berufen im Gesundheitswesen. Bei uns im Theater sind es, wie in anderen Branchen auch, spezifische Aspekte, die Druck auslösen. Einige davon sind strukturell bedingt, wie die unregelmässigen Arbeitszeiten, die Vereinbarung von Beruf und Familie, oder die Angst vor der existentiellen Unsicherheit, die das Berufsleben von darstellenden Künstler*innen begleitet.

Andere Herausforderungen können im Zusammenhang mit der Berufstätigkeit entstehen. Schauspieler*innen arbeiten mit ihrem eigenen Körper, ihren Emotionen und Gedanken. Sie brauchen dafür eine grosse Durchlässigkeit, ein hohes Einfühlungsvermögen, Hingabe, Kreativität, eine hohe intrinsische Motivation und eine ausgelassene Spielfreude. Gleichzeitig brauchen sie aber auch eine hohe Stressresistenz und Belastbarkeit. Da können z.B. negative Kritik und wertende Zuschreibungen von aussen Druck auslösen. Bei Darsteller*innen ist das «künstlerische Produkt» eng verwoben mit der Person.

Darsteller*innen begeben sich oft in eine intime und intensive Nähe zueinander. Entsteht da mehr Konfliktpotential oder eher mehr gegenseitiges Verständnis?

Die Fähigkeit Nähe herzustellen und zuzulassen und eine tiefere Beziehung zueinander aufzubauen, schafft grundsätzlich gegenseitiges Verständnis. Manchmal erleben wir im Theater diese verbindende Nähe während einer begrenzten Zeitdauer. Für eine Produktion. Oder über mehrere Jahre in einem Ensemble vielleicht. Irgendwann finden sich alle in neuen Städten und neuen künstlerischen Zusammenhängen wieder. Somit bringt diese Nähe im Arbeitsalltag auch immer wieder eine Art des Loslassenmüssens mit sich.

Manchmal lässt sie sich jahrelang über Distanz aufrechterhalten, manchmal verliert man sich aus den Augen. Menschen in einem Ensemble verfügen über ein verinnerlichtes Wissen darum. Ein guter Ensemblezusammenhalt zeichnet sich in konflikthaften Momenten dadurch aus, dass es immer Bemühungen geben wird, dieses Wissen zu Nähe und Distanz zu nutzen, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Darsteller*innen schlüpfen in andere Rollen, spielen andere Charaktere, müssen sich in der Rolle gar von der eigenen psychischen Befindlichkeit entfernen. Sie spielen z.B. fröhliche Rollen, auch wenn sie sich selbst an einem psychischen Tiefpunkt befinden. Ist das aus psychologischer Sicht noch gesund?

Wenn wir als Darsteller*innen hinter der Stückaussage stehen können, wenn wir wissen und verstehen, warum wir die Rolle so spielen wollen und was wir damit erzählen wollen, dann haben wir eine gute Ausgangslage. Also, wenn wir einen selbstbestimmten Zugang haben, zu dem, was wir auf der Bühne tun, dann können wir im Spiel sehr weit gehen und befinden wir uns aus psychologischer Sicht in einem gesunden Bereich.

Es gibt viele bekannte Schicksale, in denen gerade Comedians unter schweren Depressionen litten und einen endgültigen Ausweg suchten, Robin Williams ist nur ein Beispiel. Sind Depressionen unter Darstellenden häufiger? Gibt es dazu Zahlen?

Ich kenne keine fundierten Zahlen dazu. Studien, die auf Gesundheitsdaten der Bevölkerung basieren, zeigen, dass depressive Erkrankungen in allen Berufen auftreten können.

Bei Comedians ist es jedoch besonders komplex, weil sich Comedy darauf versteht, die tiefsten menschlichen Abgründe in eine satirische oder humorvolle Überhöhung zu transformieren. Comedians schreiben ihre Texte oft selbst und schöpfen aus dem eigenen Erkenntnisfundus.

Wenn psychische Erkrankungen wie Depressionen unbehandelt bleiben, verstärkt sich der Leidensdruck. Es ist wichtig, fachliche Hilfe anzunehmen und nicht damit in die Arbeit auszuweichen. Ein Frühwarnzeichen für Darsteller*innen kann sein, wenn die Bühne zum Erholungsort von sich selbst wird. Wenn es nur noch da möglich ist, die Facetten der ganzen Gefühlspalette zu aktivieren.

Muss man nicht bis zu einem gewissen Punkt narzisstische Persönlichkeitsanteile haben, um sich auf eine Bühne, in den Fokus der Aufmerksamkeit zu begeben, oder ist das ein Vorurteil?

Ich denke, das ist ein Vorurteil. Was es sicher braucht, ist eine hohe Empathiefähigkeit und ein grosses Vorstellungsvermögen. Es gibt von den Persönlichkeitsanteilen her gesehen keine typische Zauberformel für Schauspieler*innen. Alle verfügen über einzigartige, komplexe Zusammensetzungen und Mischungen von Persönlichkeitsanteilen.

Interessanterweise beschreiben viele Schauspieler*innen in meinem Umfeld, dass es ihnen schwerer fällt, privat im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen, als in einer Rolle ins Scheinwerferlicht zu treten.

Aus den üblichen People-Magazinen erfährt man, dass erfolgreiche Stars in Hollywood oft ein Problem mit Sucht und Substanzmissbrauch haben. Ist diese Wahrnehmung verfälscht? Oder ist es mehr der Erfolg als der Beruf, der diese Schattenseite der Schauspielerei immer wieder öffentlich werden lässt?

Grundsätzlich habe ich grossen Respekt vor allen Personen, die mit ihren eigenen persönlichen Erfahrungsberichten dazu beitragen, der Stigmatisierung von Suchterkrankungen entgegenzuwirken. Ob im Surprise Magazin oder in der Vogue. Wenn erfolgreiche Stars ihre Reichweite nutzen, um damit zur Sensibilisierung und Prävention beizutragen, kann das eine Wirkkraft haben.

Es kann Verständnis schaffen, wie wichtig es ist, Hilfe und Unterstützung zu erhalten. Auch für Angehörige. Wie in People-Magazinen darüber berichtet wird, ist eine andere Geschichte. Dort wird oftmals eher einfach ein Klischee gefestigt. Mit der Hollywoodindustrie wird zudem ein ganz anderes Umfeld angesprochen, das lässt sich nicht mit der Arbeit am Stadttheater gleichsetzten.

Die unregelmässigen Arbeitszeiten, die Schwierigkeiten, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, schaffen zusätzlichen Stress. Dazu kommt das Gefälle zwischen den aktiven Zeiten der Aufführungen und den Löchern zwischen den Engagements. Kann da eine Psychologin helfen?

Ja genau, da kann der Blickwinkel aus der Psychologie hilfreich sein. Im Arbeitsalltag einen geschützten Raum für vertrauensvolle Gespräche zur Verfügung zu stellen und konkrete Herausforderungen zeitnah besprechen zu können, bevor sie grösser werden und zu Belastungssituationen heranwachen, gehört in den Aufgabenbereich der «Ensemble-Psychologie». Auch die Weiterführung davon gehört dazu: aus den Praxiserkenntnissen vom Ensemble, Anregungen abzuleiten, die ein gesundes Arbeitsumfeld schaffen.

Am Schauspielhaus stehe ich in der Funktion als «Ensemble-Psychologin» in engem Austausch mit der Agentin für Diversität, Dr. phil. Yuvviki Dioh. Sie hat in den vergangenen Jahren eine Diversität-orientierte Organisationsentwicklung mitgestaltet und vorangebracht. Gemeinsam werden wir uns in den beiden Funktionen für eine wertschätzende, künstlerische Zusammenarbeit im ganzen Haus engagieren.

Was müsste sich ändern oder verbessern, um die mentale Gesundheit im Bereich Bühnenarbeit für alle Beteiligten zu verbessern?

Es braucht eine Wachheit, eine Zuwendung und ein Dranbleiben auf verschiedenen Flughöhen. Gleichzeitig. Kontinuierlich. Die wertvollen kleinen Schritte im Alltag, die zu einer guten Zusammenarbeit mit allen Abteilungen beitragen, sind dabei nicht zu unterschätzen. Tag für Tag in der konkreten Zusammenarbeit. Ein gesundes und wertschätzendes Arbeitsklima festigt sich im täglichen Miteinander und wird von allen mitgetragen.

Gleichzeitig zu wissen, dass strukturelle Veränderungen im Theaterbetrieb nicht anhand einer To-do-Liste abgehakt und erledigt werden können. Im Hinblick auf die zukünftige Arbeit im Schauspielhaus freue ich mich, dass die Co-Intendanz Karabulut/Sanchez mit einer offenen Haltung und einem Wissen, dass sinnhafte Anpassungen und strukturelle Wandlungen fortwährend dazugehören, dafür einen ermöglichenden Rahmen bieten.

Theater im Amphitheater – Back to the Roots.

Von London nach Griechenland, in die Wiege des klassischen europäischen Theaters – Corinne Soland erzählt diesen Monat vom Abenteuer, in einem Amphitheater zu spielen.

An der RADA zu studieren, bedeutet auch immer wieder, überrascht zu werden: Ich hatte mich nicht eingeschrieben, um international auf Mini-Tournée zu gehen. Doch genau davon möchte ich euch in diesem Monat erzählen.

Über mehrere Wochen haben wir mit dem Schauspiellehrer und Coach Christopher Sivertsen in England zum Thema Griechischer Chorus gearbeitet. Entstanden ist eine Performance, die Euripides’ Bakchen und Medea sowie die Orestie von Aischylos verbindet, durch physische Elemente, Gesang und Lamentationen.

Chris war langjähriges Mitglied der polnischen Theatergruppe Song of the Goat (Teatr Pieśń Kozła) und traf dort auf Ian Morgan, den heutigen Kursleiter unseres Masterprogramms. Seit 13 Jahren gehen die beiden zusammen mit der Theatre Lab Gruppe nach Griechenland, um ihre Arbeit am Youth Theatre Festival in Messini zu zeigen.

Wir durften zwei Shows spielen: die erste vormittags in “Ancient Messene”, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, die zweite abends in Messini auf dem Dorfplatz.

Das historische Messini liegt in den mit Oliven- und Zitronenbäumen bewachsenen Hügeln im Süden der peloponnesischen Halbinsel. Etwa drei Stunden von Athen entfernt und nur fünfzehn Minuten vom nahegelegenen Flughafen Kalamata. Wir übernachteten in Messana, einem wunderbaren Hotel und durften in der Ithomi Taverne im Dorf absolut fantastisches Essen geniessen. (Wenn euch das inspiriert, Griechenland-Ferien zu buchen, do it ;))

Vom Hotel spazierten wir 15 Minuten hinunter in die archäologische Stätte und wärmten uns auf. Unser Spielort war nicht das massive Amphitheater fünf Gehminuten entfernt, sondern das mittelgrosse Amphitheater, in dem früher debattiert wurde. Aufgeregt, aber auch sehr beeindruckt von der Möglichkeit, hier zu spielen, und der Atmosphäre rund um das Theater, flossen wir gemeinsam in einen fokussierten Zustand.

Um 9.30 Uhr morgens trudelten die Schüler:innen ein und wir starteten die Performance mit einem Gesang aus Medea. 45 Minuten lang war das Stück und die Zuschauenden waren aufmerksam dabei. Bereits am Tag zuvor, bei den Proben, schien uns freundlich die Sonne auf den Kopf, der beste Scheinwerfer der Welt. Es fühlte sich gut an, an diesem Ort, so verbunden mit der Natur und der Geschichte, zu tanzen und zu singen und diese Geschichten zu erzählen.

Unsere englische Physical Theatre-ähnliche Version kam gut an und es war spannend, zuvor und danach auch die Stücke der anderen Gruppen anzuschauen – griechische Mythologie erzählt auf Griechisch, Spanisch und Chinesisch.

Beschwingt machten wir uns danach auf zu unserer zweiten Spielstätte.

Das Dorf Messini befindet sich nicht unweit von der Küste – zum Meer haben wir es allerdings nicht geschafft. Unsere Performance wurde im Rahmen des Festivals um 19 Uhr nochmals gezeigt und dieses Mal fühlte sich unsere Show lebendiger an, wach und entspannt. Gleichzeitig haben wir mehr Raum eingenommen und das Stück “zu unserem gemacht” – bevor es dann abgespielt war.

Die Erfahrung war eine wichtige für die Gruppe. Gemeinsam zu reisen bringt doch einige Tücken mit sich und bei so viel Programm in vier Tagen hätte es einige Momente geben können, die durch Anspannung oder Überforderung zu Unruhen führen. Doch dem war nicht so und so können wir heute mit der neuen Erfahrung im Gepäck gestärkt als Gruppe in die neuen Unterrichtseinheiten eintauchen.

Einen Tag nach der Rückkehr geht es also direkt weiter mit der Arbeit an Clown (mit Peta Lily) und Animal Transformation Work (mit Tim Dodd von der Compagnie Gabrielle Moleta). Aufregend! Davon mehr nächsten Monat – bis dahin Grüsse von hier <3

Kultur: Zwischen Selbstausbeutung und Kommerz

Kulturschaffende sind in der Zwickmühle zwischen begeistertem Einsatz, Selbstausbeutung und prekärer Arbeit. Sie leben einen Beruf, der eigentlich keiner sein will. Oder soll. Gedanken von Nadine Hochstrasser.

Der Stadtpräsident sprach – umgeben von einem fast übermütig grossen Blumenbouquet – davon, wie wichtig wir für die Stadt seien. Dass wir Kunst- und Kulturschaffenden gesehen würden. Dass unsere Arbeit nicht genug gewürdigt werden könne – und dass es so nicht weitergehen könne mit diesen prekären finanziellen Umständen von Kunst- und Kulturschaffenden. 40’000 Franken Jahresverdienst im Durchschnitt seien zu wenig für das, was wir leisten. Da müsse sich etwas ändern. Die Lösung: Künftig gäbe es Gelder nur noch für Projekte, die Richtlöhne und Sozialversicherungen einrechnen.

Ich sass da, nickte – und fühlte mich irgendwie seltsam leer.

Wir haben uns anschliessend in sogenannten World Cafés über die Verordnung der Kulturförderung unterhalten und Unklarheiten, Verbesserungsvorschläge und Wünsche mitgeteilt.

Ich stand da, sah mir meine Mitstreiter*innen an und hatte den Eindruck, dass ich nicht die Einzige war, die sich irgendwie wenig angeregt fühlte und eher teilnahmslos wirkte. Und trotzdem sprudelte irgendetwas in mir.

Obwohl ich viel Wertschätzung seitens der Stadt spürte und das Apéro-Buffet keine Wünsche offenliess, ging ich mit einem bekümmerten Gefühl und mehr Fragen als Antworten nach Hause.

Ich wurde den Gedanken nicht los, dass wir den ganzen Morgen nicht über das eigentliche Problem gesprochen hatten.
In den folgenden Zeilen probiere ich nun, diese Gedanken in Worte zu fassen:

Ich glaube, ich habe einen Job, der nicht in unser wirtschaftliches System gehören sollte. Einen Beruf, der lieber keiner wäre.

Wie sollen wir von Kunst leben, wenn wir Kunst der Kunst willen machen – und nicht, um etwas zu produzieren, das in erster Linie gefallen muss, sich verkauft, sich rechnet?
Wenn sie keinen konkreten Nutzen hat – ausser vielleicht jenen, der sich nur mit den Sinnen erfassen lässt?

Kunst hat keine klare Funktion. Sie ist kein Produkt mit garantierter Rendite. Kunst ist eine Art, auf die Welt zu schauen. Eine Form, Fragen zu stellen, bevor Antworten überhaupt in Sicht sind.

Ein Regisseur, mit dem ich arbeite, sagte einmal:
„Weisst du, Nadine, ich finde das nicht kommerzielle Theater auch spannender. Aber damit kann ich leider kein Geld verdienen.“

Aber wieso machen wir das alles? Um uns mit angepasster Mittelmässigkeit zufriedenzugeben?

Wie ironisch ist es eigentlich, dass ein Mensch wie Van Gogh zu Lebzeiten in Armut lebte – und sich heute Tausende an seiner Kunst ergötzen und von seinen Werken profitieren? Wann ist Kunst „wertvoll“? Wahrscheinlich hat seine Kunst gerade deshalb einen solchen Wert, weil er sich eben nicht angepasst hat. Nur schade, dass er von dieser Wertschätzung nichts mitbekommen hat.

Ist es überhaupt möglich, von Kunst zu leben, ohne sie dem Kapitalismus zu opfern?

Am Ende ist doch genau das, was Kunst ausmacht, ihre unendliche Bandbreite. Es gibt immer Neues zu entdecken – für jeden Menschen, in jedem Moment. Kunst ist nie ausgeschöpft. Und wenn so viele Menschen Kunst schaffen, ist es vielleicht unvermeidlich, dass nicht alle davon leben können.

Aber vielleicht ist es genau diese Fülle, die wir brauchen. Diese Vielzahl an Angeboten, an Ausdrucksformen, an Stimmen. Wie schaffen wir also einen Raum, in dem Kunst unabhängig sein darf – ohne Zweck, ohne Zielvorgabe? Einen Raum, der diese wunderbare und geistesreiche Vielfalt nicht begrenzt, sondern schützt?

Ich schiebe meine Passionsprojekte kontinuierlich nach hinten, weil ich darauf angewiesen bin, mich anderen Projekten anzuschliessen, die finanziell weniger risikoreich für mich sind. Die Passion und der Idealismus schwingen natürlich immer mit. Aber künstlerische Anpassung und Kompromisse sind unumgänglich. Das ist eben der Job. Ich diene in dem Moment dem Projekt. Und da sind wir wieder bei der oben genannten Schwierigkeit.

Ich wünsche mir, dass das Kunst- und Kulturschaffend-Sein nicht gleichbedeutend ist mit Selbstausbeutung im Namen der Leidenschaft.
Aber wer weiss – vielleicht brauchen wir diesen Druck. Vielleicht ist es gerade diese Spannung, aus der etwas entsteht.

Ich hänge oft zwischen dem, was ich gerne tun würde, und dem, was gerade möglich ist. Zwischen Idealismus und Kompromiss. Und das ist manchmal frustrierend.

Aber das ist wohl der Unterschied zwischen Hobby und Job, I guess.

Einsamkeit, Selbstzweifel und Bühnenrausch

Der Wechsel zwischen Geborgenheit in einer Ensemble-Gemeinschaft und der Isolation zwischen zwei Engagements ist eine Belastung für Darstellende. Kolumnistin Stefanie Gygax erzählt von ihren Krisen.

Egal ob Ensemble- oder Solokünstler, am Ende stehen wir immer wieder alleine da. Bei vielen Kollegen begann es schon mit dem Berufswunsch. Ich hatte das Glück von meinen Eltern unterstützt zu werden, da ich bereits ab dem 12. Lebensjahr im Theater arbeiten durfte.

Die Gemeinschaft in einer Grossproduktion, wie ich sie als erste Bühnenerfahrung erleben durfte, war unfassbar intensiv. Ich fühlte mich wie in einer grossen Familie. Freunde, die meine Leidenschaft teilten. Das Musical „Space Dream“ in Baden spielte während 5 Jahren in der damaligen Trafohalle und war für mich nicht nur das erste Engagement, sondern auch das Schönste bisher. Ich stand mit meiner Mama auf der Bühne, mit meinem ersten Freund, mit meiner besten Freundin, mit meinen Idolen. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass man sich in diesem Beruf EINSAM fühlen könnte.

In meiner Schulzeit stand ich immer wieder auf der Bühne und mein Terminplan war immer voll. Nach der Matura zog ich mit meinem Freund nach Wien und der Trubel ging weiter. Während und nach meiner Ausbildung hatte ich weiterhin Engagements und dachte, das geht jetzt immer so weiter, steil aufwärts.

Denkste. Die Beziehung ging auseinander, ich zog wieder zurück in die Schweiz und da ich bei einem Weiterbildungslehrgang für Operette nicht aufgenommen wurde, stand ich mit 25 Jahren zum ersten Mal mit leerem Kalender da. Ich realisierte nach und nach bei den Castings, dass ich mit meiner Stimme gar nicht so richtig ins Musicalbusiness von heute passe.

Überall wollten Sie Pop- und Rockstimmen, oder du landest in einem Tanzensemble, weil dort jede gute Stimme wertvoll ist. Ich möchte aber nicht immer im Ensemble singen und meine Tanzkarriere war gesundheitlichen Gründen auch bereits am Ende. Schon Anfang zwanzig hatte ich permanente Schmerzen im Rücken und musste mich damit abfinden, dass tanzen nicht mehr lange drinliegt.

Plötzlich stand ich alleine da, ohne Job und mit schmerzerfülltem Körper.

Ich war psychisch total am Ende. Wusste nicht, was ich jetzt machen soll. Alles worauf ich so viel gesetzt hatte und all mein Herzblut hineininvestiert hatte, schien sich nun aufzulösen.

„Hm… du könntest ja Operette machen!“, hörte ich es in mir. Da meine Mutter viele Operetten gesungen hatte, wusste ich, dass es leichtere Operettenrollen gibt und schwerere, die ohne klassische Ausbildung nicht gesungen werden können. Also begann ich mit klassischem Gesangsunterricht bei einer Opernsängerin. Ich machte also einen Genre-Wechsel und fühlte mich in dieser Zeit alleine und ohne Halt.

Ich nahm Unterricht, wohnte bei meiner Tante im ehemaligen Grosselternhaus, hielt mich körperlich fit, machte immer wieder Castings und jobbte als Model. Die ewige Suche nach dem nächsten Theaterjob ist eine schwere Belastung für die Psyche. Ich begann an mir und an allem zu zweifeln, was ich bisher gemacht und erlebt hatte.

Ich hatte zwar ein neues Ziel im Sinn, wusste aber nicht, ob es klappen wird, dahin zu kommen. Ich merkte, wie wichtig es ist, gebraucht zu werden, Arbeit zu haben und einen Sinn im Leben zu spüren. Es geht nicht nur um Beschäftigung. Es ist schön, etwas mit Freunden zu unternehmen, aber es gibt mir nicht ein Gefühl von Sinnhaftigkeit im Leben. Ich möchte etwas bewirken, etwas kreieren, Geld verdienen. Innerhalb einer Produktion fühle ich mich nie einsam. Man probt jeden Tag zusammen, kreiert ein Stück, verbringt Pausen und auch Freizeit gemeinsam. Aber in Zwischenphasen, in denen ich unterrichte, Konzerte singe und übe, drehe ich regelmässig am Rad.

Wir haben in der Schule nichts über uns und unsere Psyche gelernt. Darum müssen wir uns selbst darum kümmern. Seit Jahren rennen so viele Menschen in ein Burn-out und dass viele Künstler im Drogenrausch oder beim Psychiater landen, ist sowieso bekannt. Wieso gibt es dafür nicht eine Anlaufstelle?

Letztes Jahr wurde mir erstmals kommuniziert, dass es im Kulturmarkt Zürich ein Programm gibt für Künstler, die beim RAV gemeldet sind. Dort können Sie Kurse besuchen und bekommen durch einen Fachcoach Begleitung und Unterstützung in sogenannten Arbeitslücken. Was für eine geniale Auffangmöglichkeit, die meiner Meinung nach viel zu Wenige kennen. So viele Menschen sind einsam und unglücklich mit ihrem Beruf, mit ihrem Umfeld, mit sich selbst.

Ich hoffe sehr, dass es in Zukunft immer mehr solcher Auffangstellen geben wird und es normal wird, mit einem Psychotherapeuten zu arbeiten. Es gibt so viele verschiedene Arten von Coachings und Beratungen heutzutage. Bitte nehmt diese in Anspruch und hängt nicht gleich alles an den Nagel, wenn euch der erstbeste Therapeut nicht entspricht.

Die Selbstreflexion und der Austausch mit einem „fremden“ Anker von Aussen ist so lebensverändernd und sollte daher auch viel erschwinglicher werden. Wenn wir unser Geld anstatt in irgendwelchen materiellen Kram, Alkohol und Drogen, in Therapien investieren würden, gäbe es meiner Meinung nach nicht so viel Burn-out und Depression auf dieser Welt.

Hohe US-Zölle auf internationale Filme

US-Präsident Donald Trump will im Ausland produzierte Filme mit hohen Zöllen belegen. Sollten das Ausland mit den gleichen Mitteln antworten, wäre das ein herber Schlag für Hollywood.

Der Republikaner kündigte auf der Plattform Truth Social an, er ermächtige das Handelsministerium, «sofort mit der Einführung eines Zolls in Höhe von 100 Prozent auf alle Filme zu beginnen, die in unser Land kommen und im Ausland produziert wurden». Einzelheiten nannte er dabei nicht.

Trump beklagte lediglich allgemein, die Filmindustrie in den USA gehe unter. «Andere Länder bieten alle möglichen Anreize, um unsere Filmemacher und Studios aus den Vereinigten Staaten abzuwerben», kritisierte er. «Hollywood und viele andere Gebiete in den USA werden vernichtet. Dies ist eine konzertierte Aktion anderer Nationen und daher eine Bedrohung der nationalen Sicherheit.» Filme sollten wieder in Amerika produziert werden, forderte er. (DPA)

«Kultur ist keine Subvention, sondern Kapital»

D/F/I – Kulturbudget-Kürzungen des Bundes gefährden laut Taskforce Culture nicht nur die kulturelle Vielfalt der Schweiz, sondern auch deren gesellschaftliche Resilienz in Krisenzeiten.
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Die geplanten Kürzungen im Kulturbereich in der Vernehmlassung des Entlastungspakets 27 bedrohen nach Ansicht der Taskforce Culture nicht nur die Vielfalt und Innovationskraft der Schweizer Kultur, sondern schwächen auch gezielt die gesellschaftliche Resilienz – in einer Zeit, in der diese Stärke strategisch wichtiger denn je ist.

Hier zur vollständigen Medienmitteilung

Kultur ist kein Nebenschauplatz. Sie trägt zu Bildung, Identität, Innovationskraft und internationaler Ausstrahlung der Schweiz bei. Gerade angesichts hybrider Bedrohungen und gesellschaftlicher Polarisierung mahnt die Taskforce Culture: Der Schutz kultureller Infrastrukturen ist eine Investition in die demokratische Widerstandsfähigkeit des Landes.

Die geplanten Einsparungen bedrohen kulturelle Bildung, internationale Kooperationen und die kreative Wirtschaft – genau jene Bereiche, die der Schweiz auch in schwierigen Zeiten Stabilität und Dynamik sichern.

Zitat Taskforce Culture

«Wer heute an der Kultur spart, riskiert morgen den gesellschaftlichen Zusammenhalt», so die Taskforce Culture. «In einer Zeit, in der Resilienz zur härtesten Währung wird, darf die Schweiz nicht am falschen Ende sparen. Kultur ist keine Subvention, sondern strategisches Kapital.»

Die Schweiz auf dem Prüfstand

Die Debatte über das Entlastungspaket 27 stellt eine Richtungsentscheidung dar: Setzt die Schweiz weiterhin auf eine starke, offene Gesellschaft oder opfert sie kulturelle Infrastrukturen kurzfristigen Sparzielen? Taskforce Culture fordert: Statt Kürzungen braucht es gezielte Investitionen in gesellschaftliche Resilienz, kulturelle Vielfalt und demokratische Innovationskraft.
Forderungen im Überblick

  • Keine Kürzungen bei kulturellen Institutionen und Programmen.
  • Schutz der kulturellen Vielfalt als strategisches Standortmerkmal.
  • Stärkung kultureller Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe, insbesondere für Kinder und Jugendliche.
  • Bewahrung internationaler Kulturpartnerschaften als Beitrag zur hybriden Sicherheitspolitik.
  • Verankerung kultureller Resilienz als strategisches Ziel der Schweizer Politik.

Info

Die Taskforce Culture ist ein sparten- und verbandsübergreifender Zusammenschluss von über 70 Schweizer Kulturverbänden und -organisationen, darunter auch SzeneSchweiz. Sie wurde während der Covid-19-Krise gegründet, um gemeinsame kulturpolitische Interventionen zu bündeln, und hat sich seither als zivilgesellschaftliche Stimme für die Anliegen der Kultur etabliert. Die Taskforce Culture versteht Kultur als systemrelevanten Bestandteil einer demokratischen, innovativen und widerstandsfähigen Gesellschaft.


«La culture n’est pas une subvention, mais un capital stratégique»

Selon la Taskforce Culture, les coupes dans le budget culturel de la Confédération menacent non seulement la diversité culturelle de la Suisse, mais aussi sa résilience sociale en temps de crise.

Les coupes prévues dans le secteur culturel dans le cadre de la consultation sur le paquet d’allègement 27 menacent, selon la Taskforce Culture, non seulement la diversité et la capacité d’innovation de la culture suisse, mais affaiblissent aussi délibérément la résilience de notre société – à un moment où cette force est plus stratégique que jamais.

La culture n’est pas un domaine secondaire. Elle contribue à l’éducation, à l’identité, à la créativité et au rayonnement international de la Suisse. Face aux menaces hybrides et à la polarisation sociale, la Taskforce Culture rappelle : la protection des infrastructures culturelles est un investissement dans la résilience démocratique du pays.

Les économies envisagées mettent en danger l’éducation culturelle, la coopération internationale et l’économie créative – précisément les domaines qui garantissent à la Suisse stabilité et dynamisme, même en période de crise.

Citation de la Taskforce Culture

« Couper aujourd’hui dans la culture, c’est risquer de compromettre demain la cohésion sociale », affirme la Taskforce Culture. « À une époque où la résilience devient une monnaie forte, la Suisse ne peut pas se permettre de faire des économies au mauvais endroit. La culture n’est pas une subvention, mais un capital stratégique. »


La Suisse à la croisée des chemins

Le débat autour du paquet d’allègement 27 représente une décision d’orientation : la Suisse veut-elle continuer à miser sur une société forte et ouverte ou sacrifier ses infrastructures culturelles à des objectifs d’économie à court terme ? La Taskforce Culture demande : au lieu de coupes, il faut des investissements ciblés dans la résilience sociale, la diversité culturelle et l’innovation démocratique.

Revendications en résumé

  • Aucune coupe dans les institutions et programmes culturels.
  • Protection de la diversité culturelle comme atout stratégique pour la Suisse.
  • Renforcement de l’éducation artistique et de la participation culturelle, notamment pour les enfants et les jeunes.
  • Préservation des partenariats culturels internationaux comme contribution à la sécurité hybride.
  • Ancrage de la résilience culturelle comme objectif stratégique de la politique suisse.

Informations

La Taskforce Culture est une alliance interdisciplinaire et interassociative réunissant plus de 70 organisations et associations culturelles suisses, dont également SzeneSchweiz. Créée durant la crise du Covid-19 pour coordonner des interventions culturelles communes, elle s’est imposée comme voix citoyenne de la culture. La Taskforce Culture considère la culture comme un élément essentiel d’une société démocratique, innovante et résiliente.


«La cultura non è una sovvenzione, ma un capitale strategico»

Secondo la Taskforce Culture, i tagli al budget culturale da parte della Confederazione mettono a rischio non solo la diversità culturale della Svizzera, ma anche la sua resilienza sociale in tempi di crisi.

Secondo la Taskforce Culture, i tagli previsti al settore culturale nella consultazione sul pacchetto di sgravio 27 non minacciano soltanto la diversità e la capacità innovativa della cultura svizzera, ma indeboliscono intenzionalmente anche la resilienza della società – proprio in un momento in cui questa forza è più strategica che mai.

La cultura non è un ambito secondario. Contribuisce alla formazione, all’identità, alla creatività e al prestigio internazionale della Svizzera. Di fronte alle minacce ibride e alla polarizzazione sociale, la Taskforce Culture sottolinea: la protezione delle infrastrutture culturali è un investimento nella resilienza democratica del Paese.

I risparmi previsti mettono a rischio l’educazione culturale, la cooperazione internazionale e l’economia creativa – proprio quei settori che garantiscono stabilità e dinamismo alla Svizzera, anche in tempi difficili.

Citazione della Taskforce Culture

«Chi oggi risparmia sulla cultura, rischia domani la coesione sociale», afferma la Taskforce Culture. «In un’epoca in cui la resilienza diventa la valuta più preziosa, la Svizzera non può permettersi risparmi sbagliati. La cultura non è una sovvenzione, ma un capitale strategico.»

La Svizzera a un bivio

Il dibattito sul pacchetto di sgravio 27 rappresenta una scelta di direzione: la Svizzera vuole continuare a puntare su una società forte e aperta oppure sacrificare le sue infrastrutture culturali a obiettivi di risparmio a breve termine? La Taskforce Culture chiede: invece di tagli, sono necessari investimenti mirati nella resilienza sociale, nella diversità culturale e nella capacità democratica di innovazione.

Le richieste in sintesi

  • Nessun taglio alle istituzioni e ai programmi culturali.
  • Protezione della diversità culturale come fattore strategico di attrattiva per la Svizzera.
  • Rafforzamento dell’educazione culturale e della partecipazione sociale, in particolare per bambine/i e giovani.
  • Tutela delle partnership culturali internazionali come contributo alla sicurezza ibrida.
  • Integrazione della resilienza culturale come obiettivo strategico della politica svizzera.

Informazioni

La Taskforce Culture è un’alleanza intersettoriale e interassociativa che riunisce oltre 70 organizzazioni e associazioni culturali svizzere, tra cui anche SzeneSchweiz. Fondata durante la crisi del Covid-19 per coordinare interventi comuni in ambito culturale, si è affermata come voce della società civile a favore della cultura. La Taskforce Culture considera la cultura una componente essenziale di una società democratica, innovativa e resiliente.

«Auch heikle Situationen in Rollenspielen»

Kann man sich mit künstlerischen Mitteln der eigenen Geschichte nähern, auch wenn sie schmerzhaft ist? Im Interview zeigen Katja Zellweger und Dennis Schwabenland mit biografie.art einen möglichen Zugang.
Interview: Isabelle Jakob für m2act/ENSEMBLE Magazin

Könnt Ihr Euch an ein Theatererlebnis erinnern, bei dem es um eine persönliche Geschichte ging und bei dem Ihr das Gefühl hattet, dass das ethisch heikel ist?

Katja Zellweger: Das war ein Stück von und mit einer aus der Schweiz ausgewiesenen Person, wobei ich stark den Eindruck hatte, dass sie sich in ihrer neuen Situation noch nicht zurechtgefunden hat. Sie wirkte emotional eher unstabil, zu nah an den Geschehnissen, als dass sie für einen öffentlichen Rahmen gepasst hätten. Als Zuschauende fühlte sich das teils voyeuristisch an und ich hatte das Gefühl, mit drin zu hängen.  

Dennis Schwabenland: Ich habe mich vor Kurzem mit einer Organisation getroffen, die versucht, armutsbetroffenen Personen eine Perspektive zu geben. Das Team hat mir erzählt, dass sie sehr schlechte Erfahrungen mit Theater gemacht haben. Bei einem Projekt haben armutsbetroffene Personen ihre Geschichten geteilt, waren dann aber mit der Veröffentlichung nicht einverstanden. Die Theatergruppe hat es aber trotzdem gemacht. Sowas zerstört total das Vertrauen und die Bereitschaft dieser Personen, sich in einem künstlerischen Projekt zu öffnen.


Info

biografie.art wurde von Dennis Schwabenland und Katja Zellweger ins Leben gerufen und erhält Förderung durch Migros-Kulturprozent m2act. Das Projekt stellt Fragen, inspiriert und gibt Einblick – aufbauend auf Gesprächen mit Künstler*innen, Beteiligten und Expert*innen, die sich mit biografischen Geschichten künstlerisch auseinandersetzen. Die Website bietet Erfahrungsberichte, befragt Vorgehensweisen und regt zum ethischen Handeln an. Am 1. Mai geht die Webseite von biografie.art online. Ein Toolboxeintrag auf der Webseite von m2act folgt.  

m2act ist das Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozent für die Darstellenden Künste der Schweiz und fördert diverse Projekte, Netzwerke und Initiativen in der Darstellenden Kunst.


Euer Projekt biografie.art möchte genau solche Fälle verhindern bzw. dafür sorgen, dass mit persönlichen Geschichten auf der Bühne sorgfältig und ethisch umgegangen wird. Wie kam es zu dieser Idee? 

DeS: Vor circa drei Jahren habe ich ein Stück über den sozialen Absturz meiner Eltern geplant, welches ich dieses Jahr veröffentlichen werde. Ich hatte keinerlei Richtlinien, wie ich mich an dieses emotionale Thema herantasten könnte. Dann kam die Ausschreibung von Migros-Kulturprozent m2act, wo es darum ging, die Praxis im Theaterschaffen zu verbessern.

Ich fand es interessant, diese fehlenden Richtlinien selber herauszuarbeiten und habe zu diesem Zweck Katja kontaktiert. Ich fand ihre journalistische Perspektive spannend und auch die Tatsache, dass sie selbst ein Stück über einen Suizid in ihrer Familie geschrieben hat. Zudem habe ich schon oft bei Projekten mitgewirkt, bei denen das Arbeiten mit biografischem Material ethisch nicht unbedingt korrekt war. Ich wollte diesbezüglich einfach besser werden. 

Katja Zellweger, Co-Leitung biografie.art, Kulturjournalistin und Germanistin aus Bern.

KaZ: Ich fand diese Idee sehr spannend, auch weil ich aus Erfahrung wusste, wie einsam die Arbeit an einem persönlich gefärbten Projekt sein kann. Ich hätte mir damals oft den Austausch gewünscht. Zudem ist bei solch persönlichen Projekten oftmals das Umfeld involviert und ich fragte mich immer wieder, wie man das macht. 

Für wen ist biografie.art gedacht und was bietet Ihr konkret an? 

KaZ: Unser Projekt richtet sich an Praktizierende der Darstellenden Künste und darüber hinaus. Wir haben fünf Projektphasen definiert, an denen man sich orientieren kann. Aber wir geben keine fixen Instruktionen, die nach Schema X abgearbeitet werden können. Bei biografie.art geht es darum, dass man sich zu seinem Projekt Fragen stellen und das künstlerische Vorgehen spiegeln und im Team reflektieren kann.

Man kann uns auch kontaktieren für einen Austausch, einen Workshop oder eine Beratung. Die zehn Erfahrungsberichte auf unserer Webseite sind auch sehr aufschlussreich. Zudem gibt es diverse Aussenansichten z. B. aus der Sozialanthropologie, der Traumatherapie und dem Investigativjournalismus.  

DeS: Was wir zusätzlich anbieten, ist ein Arbeitsdokument, wo wir die wichtigsten Reflexionsfragen zusammengestellt haben. Die Idealvorstellung wäre, dass die Projektleitung mit allen Beteiligten diese Fragen diskutiert und so eine gemeinsame Grundlage oder sogar Vereinbarung schafft, auf die man sich im Prozess bis hin zur Veröffentlichung berufen kann.  

Kann biografie.art auch als Meldestelle genutzt werden? 

DS: Nein, das übersteigt unsere Kompetenzen. Zudem kann es bei heiklen Fällen schnell juristisch relevant werden, dafür sind wir nicht ausgebildet. Da wendet man sich besser an entsprechende Expert*innen, an die Theater und Verbände.  

Angenommen, eine Theatergruppe entscheidet sich für einen Workshop mit Euch. Wie könnte das konkret aussehen? 

KaZ: Wir haben am letztjährigen Netzwerktreffen Forum Tanz x m2act bereits zwei Workshops durchgeführt: Alle Teilnehmenden kamen ungefragt mit konkreten Fragestellungen aus dem Arbeitsalltag. Das hat sich als Türöffner erwiesen,  denn so konnten innerhalb der Gruppensolidarität auch heikle Themen besprochen werden. Was auch denkbar ist, wären Rollenspiele. Dadurch könnte eine grössere Empathie und mehr Verständnis für andere Positionen in einem Projekt geschaffen werden. 

Dennis Schwabenland, Co-Leitung biografie.art, Regisseur und Schauspieler aus Bern.

Dennis Schwabenland, Co-Leitung biografie.art, Regisseur und Schauspieler aus Bern.

DeS: In den Rollenspielen geht es teilweise um heikle Situationen, die uns geschildert wurden, die wir verfremdet haben und über die man sich fragen kann, wie man selbst reagieren oder handeln würde. Nebst den Workshops sind für uns übrigens auch Coachings denkbar, wo wir im Probeprozess regelmässig dazukommen und helfen, das Geschehene ethisch zu prüfen. 

Gibt es auch auf Seite des Publikums Massnahmen, die Ihr notwendig findet, damit auch dort ethische Standards gewährleistet sind?  

DeS: Die ersten Personen, die im Publikum sitzen sind meistens direkt Betroffene. Da ist es gut, wenn man bereits im Vorfeld Beziehungsarbeit leistet und sie informiert, was im Stück vorkommt oder sie zu einer Vorpremiere einlädt. Wenn es nicht direkt Betroffene sind, sind auch die Theater gefragt mit Nachgesprächen, Infos auf der Webseite etc. Ich sehe da auch eine gewisse Pflicht auf Seite der Veranstaltenden, dass sie sich für die Gruppen auch verantwortlich fühlen und ihnen je nachdem mit verschiedenen Massnahmen zur Seite stehen. 

Das klingt alles sehr zeitaufwändig. Was bedeutet der Faktor Zeit, wenn man mit persönlichen Geschichten Theater macht? 

KaZ: Zeit ist extrem wichtig, denn solche Projekte unterscheiden sich stark von Theaterprojekten, die keine persönliche Geschichte als Grundlage haben. Es gibt mehr Verantwortlichkeiten in einem solchen Prozess und es gibt mehr Stressfaktoren. Und deshalb muss bei allem mehr Zeit einberechnet werden. 

DeS: Der Faktor Zeit kann auch ganz praktisch eine Rolle spielen, wenn Menschen dabei sind, die nicht alle dieselbe Sprache sprechen oder aus einem anderen Kulturkreis kommen. Da braucht es viel Zeit für Übersetzungs- und Vermittlungsarbeit. Zum Beispiel, um zu erklären, was dokumentarisches Theater eigentlich ist. Und was es heisst, wenn Publikum und Presse kommen, die das Gesehene alle anders sehen und einordnen. Diese Vermittlungsarbeit kann sehr viel Zeit beanspruchen, ist aber essenziell, um das Projekt ethisch durchzuführen. 

KaZ: All das ist Beziehungsarbeit. Und Beziehungsarbeit ist zeitintensiv. Das muss man einberechnen und auch budgetieren. Eine amerikanische Studie zum Thema Dokumentarfilm hat ergeben, dass Personen dann wieder bei einem solchen Film mitmachen würden, wenn sie sich richtig wiedergegeben fühlen. Das ist also das Wichtigste und lässt sich auch auf das Theater übertragen. Aber damit das richtige Wiedergeben gewährleistet ist, muss man die Person wirklich kennenlernen. Das braucht Zeit. 

Zusammenfassend: warum ist ethisches Handeln in den Darstellenden Künsten für alle Beteiligten – sei es Darstellende, Zuschauende und Projektleitende – so wichtig? 

DeS: Es geht um echte Leben, die auf der Bühne geteilt und gezeigt werden. Dieses Heraustragen einer persönlichen Geschichte in einen öffentlichen Raum ist kein Spiel und kann Konsequenzen haben. Hinzu kommt, dass man nicht auf der Bühne Missstände anprangern kann und im Projekt selbst unethisch arbeitet. Das ist unglaubwürdig und nicht konsequent.

 

Mit der eigenen Geschichte auf die Bühne

Dürfen Darsteller*innen die eigene Geschichte transportieren? Früher war das verpönt, doch heute gelten die eigenen Erfahrungen als Ressource. Unsere Kolumnistin Rebekka erlebt einen intensiven Abend in Italien.
Von Rebekka Burckhardt

Kürzlich war ich in Mailand im Theater. Das Stück hiess Autoritratto (Selbstportrait), geschrieben und gespielt von Davide Enia – einem Künstler mit vielen Talenten. Enia ist kein Unbekannter, kein Frischling, kein Geheimtipp. Ich selbst kannte ihn aber bisher nicht.

Der Abend hat mich sehr berührt – und er hat mich zu gleich blendend unterhalten. Wie kann jemand diese großartige Mischung erschaffen?
Die berührt und zugleich aufs Beste unterhält? Und das auch noch alleine auf der Bühne, zwei Stunden eine Geschichte erzählend, nur begleitet von einer Gitarre?

Ich habe selbst im Laufe der Jahre ein paar Theater-Monologe gespielt, darunter einen selbstgeschriebenen Soloabend über die Geschichte meiner Familie. Ich kann Soloperformance nur empfehlen. Es ist herausfordernd und erfüllend zugleich einen Abend alleine zu bewältigen – und trotzdem zensiere ich mich noch immer sehr oft in meinem Kopf. Was hält mich zurück, frage ich mich nach dem Abend mit Enia.

Muss man sich fremd werden, um gut zu sein?

Zu meiner Studienzeit war noch die „heilige Transformation“ state of art: Wir Schauspieler:innen sind das Gefäss für den Text unserer Figur; und unsere eigene Biographie ist unwichtig. „In eine Rolle schlüpfen“, hieß das. Ich fand diesen Ausdruck immer irritierend. Je markanter sich jemand in eine Rolle verwandelt, desto lobenswerter. Oder es hieß dann eben kritisch: Er oder sie spielt eigentlich immer sich selbst. Als würde das automatisch die Qualität der Darstellung mindern.

Die eigene Biographie: Herkunft, Kindheit, Sozialisierung, Vorfahren zu thematisieren war beinahe tabu. Das hat sich geändert, nicht wahr?
Viele Bühnenmenschen beschäftigen sich in Projekten/Solo-Abenden mit ihrer Familiengeschichte und ihrer Herkunft. So eben auch Davide Enia. Er erzählt seine Geschichte: Die Geschichte seiner Kindheit und Jugend in Palermo.

Davide steht, ganz alleine, in seiner Strassenkleidung, mit der er vorher an uns vorbeiging, auf der großen leeren Bühne des Piccolo Teatro in Mailand. Rechts am Bühnenrand, ein Gitarrist, der mit seinen Klängen die Sprache und den Gesang von Davide begleitet, manchmal mit ihm gemeinsam Sizilianische Lieder singt und machmal nur die Erinnerungen an das Schweigen, den Schmerz, die Angst, die Trauer und die Wut mit seiner Musik auffängt. Ein großer Abend.

Mit so einer dramatischen Biographie wie Davide Enia – der Geschichte seiner Jugend im Palermo der 80iger und 90iger Jahre, der entsetzlichen Zeit der Mafia-Morde an Politikern, Richtern, Priestern und dem Schweigen der Bevölkerung – kann natürlich nicht jeder Bühnenmensch aufwarten und mithalten, das ist klar.

Jede Biographie ist eine Geschichte wert

Aber jede Biographie, jede Geschichte einer Familie ist erforschens- und erzählenswert. Zwar eröffnet Tolstoi seinen Roman: Anna Karenina mit den berühmten Worten: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“ Happige Familiengeschichten sind natürlich guter Stoff für einen Theaterabend. Wir Bühnenmenschen bringen oft genug ein gut gefülltes Drama Füllhorn aus unserer Kindheit und Jugend mit in den Beruf.

Aber eine tragische Familiengeschichte ist nicht die Bedingung, die Voraussetzung für einen Monolog, für ein Solo.
Davide Enia erzählt uns über 2 Stunden seine Geschichte. Er ist dabei sehr nahbar, sehr bei sich. Es gibt den leeren Bühnenraum, den Klang der Gitarre und seine Geschichte, die er mit seiner Stimme, seiner Gestik und Mimik vor uns ausbreitet – manchmal wirft sein Körper einen Schatten auf die Wand hinter ihm. Eine Mischung aus Performance, dramatischem Stand-up und Klagegesang. Er lässt uns hinein in seine Geschichte. Das sind die Voraussetzungen, die Zutaten für einen erfüllenden, bewegenden und unterhaltsamen Theaterabend.

In deiner Kindheit gab es zum Glück keine großen Dramen und Katastrophen, Du hast das Privileg, in einem sicheren Land aufgewachsen zu sein – aber es gab vielleicht das Bienenhaus deines Großvaters? Ja, dann erzähl uns diese Geschichte – und erzähl sie so, dass wir uns wünschen, der Abend endete nie.

Die Geschichten unserer Familie – unserer Vorfahren und unserer eigenen – sind mindestens so interessant wie der Plot eines guten Theaterstückes – oder? Und die Dialoge dazu haben unser Leben selbst geschrieben – wir müssen sie nur niederschreiben.
Die Deutungshoheit liegt diesmal nicht im Auge des Betrachters – sondern in meiner Hand.

Das ist, nach meiner kleinen Erfahrung, das Rezept:
Loslegen mit Aufschreiben, ohne Zensur und Gedanken ans Resultat und sich dann in die Partitur der eigenen Geschichte werfen:
Mit Mut zum Gefühl und Freude am Erzählen – ob es nun schmerzhaft ist oder leicht wie eine Feder.

Bühne & Film: Workshops, Ausschreibungen, Mentoring

Film für die Kurzfilmtage einreichen, fürs Mentoring-Programm Double bewerben oder einfach mal lernen, zu entspannen. Die Tipps für Mai sind da!


Ausschreibung: Double Theater bis 28. Mai

Double ist die Mentorats- und Coaching-Plattform des Migros-Kulturprozent. Das Förderprojekt bringt erfahrene Expert*innen mit jüngeren Berufskolleg*innen zusammen für einen rund einjährigen Austausch in den Sparten Literatur, Tanz, Theater, Pop, Kleinkunst, Klassische Musik, Jazz, Kunst und Film. Die Ausschreibung für den Teil DoubleTheater ist bis 28. Mai 2025 offen für Bewerbungen von Mentees.

Die diesjährigen Mentorinnen/Coaches sind:
Beren Tuna, Alan Alpenfelt, Marius Schaffter und Jérôme Stünzi.
Mehr zu den Coaches sowie die direkten Links zum Online-Gesuchsportal findet ihr hier.

Wichtiger Hinweis: Die Bewerbung erfolgt ausschliesslich über das Online-Gesuchsportal des Migros-Kulturprozent. Wer im Gesuchsportal noch kein Login besitzt, muss dies zuerst erstellen.


Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur wollen deinen Kurzfilm!

Ausschreibung 29. Kurzfilmtage Winterthur, 4. bis 9. November 2025

Kurzfilme aller Genres von nicht mehr als 30 Minuten (Internationaler Wettbewerb) respektive 40 Minuten (Schweizer Wettbewerb) und nicht älter als 2024 können bis zum 13. Juli 2025 für die Wettbewerbe der 29. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur (4.–9. November 2025) über die Plattformen FilmFreeway und Shortfilmdepot eingereicht werden.

Bei Einreichungen für den Internationalen Wettbewerb erheben wir ab 2025 eine Einreichungsgebühr, damit wir weiterhin die Qualität unserer Selektion und eine professionelle Abwicklung gewährleisten können.  

Bitte lies das Wettbewerbsreglement vor der Einreichung sorgfältig durch.

Insgesamt gibt es an den Kurzfilmtagen Geld- und Sachpreise im Wert von CHF 69 000.– zu gewinnen:

  • Hauptpreis des Internationalen Wettbewerbs CHF 12 000.–
  • Förderpreis des Internationalen Wettbewerbs CHF 10 000.–
  • Prix George für die beste dokumentarische Form CHF 10 000.–
  • Preis für den besten Schweizer Film CHF 10 000.–
  • Preis für den besten Film der Sektion Sparks CHF 2 000.–
  • ZKB Publikumspreis CHF 10 000.–

Einreicheschluss ist der 13. Juli 2025. Weitere Informationen zur Filmeinreichung findet ihr hier.


« UN TEMPS POUR MOI »

Workshop en Suisse romande le 27 mai 2025
*** Gratuit pour les membres de ScèneSuisse ***

Un temps pour moi ! Un workshop pour souffler, prendre du recul, te réaligner sur tes envies et booster ton avenir pro !

Objectifs :
Un monde qui part dans tous les sens, l’éco-anxiété au coin de la rue, les charges mentales croissantes, et nos projets qui s’enchaînent, la fatigue qui s’installe, et parfois, les doutes aussi. Le monde artistique évolue, les conditions de création changent… et toi ? Tu en es où ? Un temps pour moi, c’est une journée-retraite pour t’offrir une pause stratégique : prendre du recul, clarifier ton parcours, te reconnecter à ce qui t’anime et donner un nouvel élan à ta carrière. L’objectif ? Définir un projet aligné avec tes appétences profondes, regagner en confiance et avancer avec clarté vers ce qui te fait vibrer !

Cliquez ici pour la descripton en détail du workshop.

London Teil 3: Verletzlichkeit und Schutz

Man kann sich ganz ins Schauspiel geben, wenn man sich sicher fühlt. Balance zwischen sich öffnen und geborgen fühlen finden wir in Corinnes drittem Monat in London.
Von Corinne Soland

Die ersten drei Monate sind vorbei – husch, husch, verschwinden sie in der Vergangenheit und speichern sich als Erinnerung ab. Mein Körper ist wacher, er hat gelernt, präsent zu sein. Er hat gelernt, zuzuhören. Listening. Er hat gelernt, weich zu werden, loszulassen. Softening. Er hat gelernt, betrachtet zu werden und das auszuhalten. Commitment to character.

Okay, am letzten arbeite ich noch. Weniger Performen und mehr Sein. Zum Beispiel in dem Gespräch sein, in dem sich die Figur befindet – in dem Moment, der immer wieder zum ersten Mal passiert! Und in der Spannung sein, die entsteht, wenn die:r Spieler:in mehr über Zukünftiges Bescheid weiss als die Figur. Auszuhalten, dass es kein „Richtig“ und kein „Falsch“ gibt. (What!?!)

Meine drei Wochen Grippe oder Virusinfektion – oder was auch immer das war – sind vorbei. Noch immer habe ich keinen Geruchssinn, aber das bedrückende Gefühl von Enge in der Brust und Atemlosigkeit ist vorbei. Wieder in die Schule, zu den „Peers“ und den Lehrer:innen zurückzukehren, war eine Freude. Und wie wunderbar sie mich empfangen haben – nach drei Monaten sind wir bereits eine eingeschworene kleine Gemeinschaft. Mit einer eigener Art miteinander umzugehen, eingespielten Mustern und immer wieder mit viel Unterstützung und Füreinander-Da-Sein.

Das ist ja auch einer dieser Süchtigmacher am Theater: die zwischenmenschliche Nähe, die entsteht. Habt ihr schon mal versucht, diese Bindung zu erklären? Irgendwann zwischen „Ja, wir schauen uns sehr lange und tief in die Augen und geben vor, ineinander verliebt zu sein“ und „Manchmal hängen wir uns alle zu sechst heulend in den Armen“ fehlen die richtigen Worte. Für das, was da eben entsteht und entstehen darf. In diesem Raum, der irgendwie geschützt ist und für den eigene Regeln gelten – die, die wir selber miteinander aushandeln.

Die Nähe macht diesen Raum natürlich auch zu etwas, das gekapert werden kann. Von Absichten, die nicht vorteilhaft für Wachstum sind, sondern Menschen in Bedrängnis bringen können. Deshalb braucht es gute Führungskräfte, die um die Wichtigkeit dieses Raumes wissen, ihn beschützen und die Menschen darin. Es braucht das Herstellen von Vertrauen, dass wir uns mit allem an „die oben“ wenden können und dürfen. Und wenn wir das tun, dass wir gehört werden.

Es ist natürlich auch eine spannende Gratwanderung in einer Position „da oben“: Menschen herausfordern wollen, an ihre Grenzen bringen wollen, um sie zu fördern. Und gleichzeitig verpflichtet zu sein, sie zu schützen. Oder zumindest die Verantwortung wahrzunehmen, dass ein Schutz vorhanden sein sollte.

Wenn ich mit Freund:innen und Spielenden aus der Branche spreche, habe ich den Eindruck, dass sich vieles verändert hat, was diese Gratwanderung angeht. Schulen, die einen härteren Ton und Übergriffe tolerierten, mussten schliessen oder ihre Struktur grundlegend umdenken. Netzwerke wie «Réseaux féministe circassiennes Suisse», das sein Vorbild in Frankreich findet, haben an Popularität und politischer Mitsprache gewonnen, gerade auch, was die Ausbildung von – in diesem Fall Zirkus- – Artist:innen angeht.

Stimmen von Menschen, die sich fordern wollen, körperlich, seelisch und mental, die aber nicht bereit sind, dafür einen zu hohen Preis zu bezahlen, werden öfter gehört als noch vor 10, 15 oder 20 Jahren. So zumindest mein Eindruck aus den Gesprächen, die ich führe. Mich würde interessieren, wie ihr das selbst wahrnehmt! Schreibt es gerne in die Kommentare. Vielleicht seid ihr mit einem rigorosen Training Darsteller:in geworden? Vielleicht fandet ihr das gut und heutige Ausbildungen zu „lasch“? I am curious.

Nun bin ich in der Frühlings“pause“, in der ich arbeiten darf. Ich sage darf, weil ich es wirklich vermisst habe, auf ein Produkt hinzuspielen, etwas zu kreieren, das dann auch verwendet wird: Bewegungen mit Motion Capture erfassen für eine 3D-Installation eines Zürcher Museums, Filmaufnahmen für ein experimentelles Theaterformat, Sprechen für Werbung und ein Tag Workshop in der Entwicklungsphase für ein Theaterstück. Fantastico!

Wenn ich Ende April zurückgehe in die UK, werden wir nach ein paar Probetagen in London als ganze Klasse nach Griechenland fliegen. Dort zeigen wir unser Projekt „Tragedy Explored“, in welchem wir uns mit der griechischen Tragödie und deren Chor beschäftigt haben – einmal im Amphitheater und einmal auf dem Dorfplatz in Messini. Aber davon erzähle ich gerne mehr in der nächsten Kolumne; ich wünsche euch einen tollen Frühlingsanfang!

Zoff an der ZHDK

Unter der Hand vergebene Anstellungen, Einstellung des Theaterpädagogik-Masters und chaotische Bürokratie – an der ZHDK brennts im Dach. Jetzt schaut der Kantonsrat genauer hin.

Vor einem Monat erhielten die Zürcher Bildungsdirektorin, der Fachhochschulrat und die Rektorin der ZHDK einen Brief mit happigen Vorwürfen. An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) soll das Lehr- und Forschungspersonal unter einer «unhaltbaren Situation» leiden, hiess es darin, wie Nina Fargahi heute im Tagesanzeiger berichtet.

Einer der Brennpunkte ist die Personalabteilung. Nach nur sechs Monaten hat der neue Personalchef Zafer Celik die Hochschule verlassen. Zu seinem Weggang möchte er sich auf Anfrage nicht äussern. Auch seine Stellvertreterin hat zeitgleich wie er gekündigt. Mehrere Mitarbeitende der Abteilung sind seit längerem krankgeschrieben. «Die Personalabteilung bricht unter der widersinnigen Bürokratie zusammen», sagt Marlies Stopper vom Verband fh-zh gegenüber dem Tagesanzeiger.

Diese Bürokratisierung des Personalmanagements und die hohe Zahl der externen Lehraufträge löste letztes Jahr im Zürcher Kantonsrat eine Interpellation zur Situation aus. Sie wurde von fast 50 Parlamentsmitgliedern unterzeichnet.

Sparen bei den Schwächsten, Theaterpädagogik gestrichen

Wegen Sparmassnahmen strich die Schulleitung die Möglichkeit für finanziell schlechtergestellte Studierende, einen Teil der Studiengebühren zu erlassen. Viele Mitarbeitende der ZHDK kritisierten diese Massnahme auf Kosten der finanziell Schwächsten. Ein Alumnus, der namentlich nicht erwähnt werden will: „Wenn sich nur noch Reiche in Kreativität, Kunst und Kultur einbringen können, widerspricht das dem eigentlichen Zweck der ZHDK.“

Grossen Ärger verursachte auch die Entscheidung, den Masterstudiengang in Theaterpädagogik abzuschaffen. Das Studienfach Theaterpädagogik verbindet Theater und Bildungsthemen. Mehr als 700 Personen aus dem Theaterbereich unterzeichneten anfang 2025 einen offenen Brief an Rektorin Karin Mairitscht: «Der berufsqualifizierende Master Theaterpädagogik gehört zum akkreditierten Programm der ZHDK. Dadurch besteht eine Verpflichtung gegenüber Politik, Gesellschaft und dem Berufsfeld.»

Protestaktion geplant

Ein  Vorstoss im Kantonsrat fordert inzwischen, dass «nicht auf Kosten der Ausbildungsqualität oder der Zugänglichkeit zur ZHDK» gespart werden dürfe. Eine Antwort des Regierungsrats steht noch aus. 

Heute Donnerstag veranstaltet die Studierendenorganisation der ZHDK eine Protestaktion gegen die Sparmassnahmen mit dem Titel «ZHDK Liquidation Total». Der Aufruf:  «Kommt vorbei zum kultur- und bildungspolitischen Bankrott und ergattert euch, was noch zu haben ist. Denn wer weiss, was nach der Sparpolitik noch übrig bleibt.»

 

Endlich ein Profi-Leitfaden für Bühnenprojekte!

Wie starte ich ein Bühnenprojekt? Wie beantrage ich Fördergelder? Brauchen meine ausländischen Darsteller*innen ein Visa? Für diese und viele andere Fragen gibt’s jetzt einen Leitfaden, der jahrelange Erfahrung und professionelles Knowhow frei zugänglich macht.
Autorin: Isabelle Jakob für m2act/Ensemble

Seit 2017 konnten Produktionen und Teams in den Darstellenden Künsten von der ersten Idee bis zur Premiere Unterstützung bei produktionsDOCK, dem Freien Produktionsbüro Basel, holen. Planung, Finanzierung, Organisation und letztendlich Veröffentlichung wurden von Fachpersonen begleitet.

Das hat leider ein Ende: Produktions-DOCK musste im Dezember 2024 seine Türen schliessen. Doch das Team hinterlässt ein wichtiges Erbstück: Im letzten Jahr seines Bestehens hat produktionsDOCK mit der Unterstützung von Migros-Kulturprozent  m2act, der Christoph Merian Stiftung sowie der Ernst Göhner Stiftung den «Leitfaden – Produzieren in der Freien Szene der Schweiz» herausgegeben. Das Tool macht über Jahre gesammeltes Fachwissen zugänglich, steht frei zur Verfügung und darf von allen weiterentwickelt werden.

produktionsDOCK
Das Basler Produktionsbüro  wurde 2017 von Franziska Schmidt, Larissa Bizer, Christiane Dankbar und Bernhard la Dous gegründet. Per Ende 2024 gab das Büro nach acht Jahren seine Schliessung bekannt. Ausschlaggebend war ein Förderentscheid der Abteilung Kultur Basel-Stadt bezüglich einer beantragten essentiellen Förderung, welcher nicht in vollem Umfang entsprochen wurde.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Entstanden ist ein 40-seitiges Dokument, das für alle kostenlos heruntergeladen werden kann. Der Leitfaden bietet Künstler*innen und Produktionsleiter*innen der Deutschschweizer Freien Szene eine praktische Orientierung. Schritt für Schritt führt er durch die zentralen Phasen eines künstlerischen Projekts – von der ersten Idee über die konkrete Umsetzung bis hin zur Verbreitung und Gastspieltournee.

Hier geht’s zum Leitfaden-PDF

Der Fokus liegt auf praxisnahen Informationen und realistischen Einblicken in den typischen Ablauf einer Produktion, wie sie in Zusammenarbeit mit etablierten Veranstalter*innen in der Deutschschweiz realisiert wird. Annina Birrer, bis 2024 Co-Geschäftsleiterin bei produktionsDOCK, erklärt es so: «Während die Fragen nach der Betriebsstruktur und internen Abläufen angesichts der Schliessung nicht mehr im Vordergrund standen, wurde die Frage nach der Zugänglichkeit von personengebundenem Wissen umso drängender. Deshalb haben wir uns entschieden, unsere Energien in diesem letzten Jahr darauf zu fokussieren, unser gesammeltes Wissen in einem Handbuch niederzuschreiben und dieses unseren Künstler*innen sowie der gesamten freien Szene zur Verfügung zu stellen.»

m2act
ist ein Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozent für die Darstellenden Künste und unterstützt Prozesse und Vorhaben, die von Kulturschaffenden gemeinsam und gleichberechtigt mit anderen Spezialist*innen entwickelt und realisiert werden. In der Zusammenarbeit verbinden sich künstlerische Arbeitsweisen mit weiteren Bereichen wie zum Beispiel Soziales, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Wissenschaft und Politik.

Theorie UND Praxis

Der Leitfaden gliedert sich in drei Hauptkapitel, die die Phasen eines künstlerischen Projekts strukturiert und praxisnah begleiten: Konzeption, Produktion und Diffusion/Touring. Zusätzlich geben zwei Exkurse vertiefte Einblicke in die Themen Personal- und Vereinsadministration, die für eine erfolgreiche Projektarbeit von Bedeutung sind.

Der Leitfaden gibt sehr konkret und ausführlich Tipps zur Zeitplanung, zu Visaanträgen, zu Spesenregelungen, zu den Personal- und Sachkosten, zu Förderanträgen etc. Zudem ist die umfangreiche Theorie angereichert mit vielen Beispielen aus der Praxis, die grün markiert sofort ersichtlich und leicht nachvollziehbar sind.

Grosse Dankbarkeit aus der Szene

Der Leitfaden stösst in der Szene vor allem auf grosse Dankbarkeit, erzählt Annina Birrer. «Wie rege das Tool genutzt wird, können wir nicht genau sagen, da wir keine statistische Auswertung machen. Aber die Wertschätzung aus unserem Netzwerk ist gross.

Grund dafür ist mitunter, dass es nach unserem Wissensstand bislang kein vergleichbares, frei zugängliches Handbuch zum Produzieren in der Freien Szene der Darstellenden Künste gibt. Uns wurde von verschiedenen Seiten rückgemeldet, dass dieses Tool die Planung und Durchführung eigener Projekte stark erleichtert, aber auch toll als Grundlage für die Vermittlung von Produktionswissen eingesetzt werden kann.»

Teilen und Weiterentwickeln erwünscht

Dass dieser Leitfaden im Sinne von Open Source explizit dazu gedacht ist, Wissen zu teilen und zugänglich zu machen, ist der Kern des Projekts. Die Entwickler*innen: «Wir möchten gerne nochmals betonen, dass die Idee dieses Leitfaden ist, dass er ergänzt, weiterentwickelt und geteilt werden kann und soll. Also nutzt ihn als Grundlage für Workshops, macht eine Light-Version daraus, adaptiert auf spezifische Produktionsrealitäten etc. Spätestens in ein, zwei Jahren wird er zudem bestimmt das ein oder andere inhaltliche Update benötigen, da sich die Szene und deren Produktionsbedingungen ja auch stets im Wandel befinden.»

Der Leitfaden ist bisher nur in deutscher Sprache vorhanden. Die englische Version ist aber bereits im Lektorat und sehr bald zum Herunterladen in der Toolbox von m2act. Sobald zugänglich, erfahrt ihr es hier.

Hier geht’s zum Leitfaden-PDF

Neues in der Szene(Schweiz)!

Weiterbildungsbeiträge nicht verpassen! Und: neue Förderkriterien bei SIS, letzte Chance Anmeldung CH-Theatertreffen, Training für Tänzer*innen.


Weiterbildungsbeitrag 2025 für SzeneSchweiz-Mitglieder

Auch 2025 beteiligt sich SzeneSchweiz wieder an euren Weiterbildungen.  Dies betrifft auch Weiterbildungen, die ihr dieses Jahr bereits absolviert habt. Schaut euch die untenstehenden Voraussetzungen an und meldet euch bei uns. Drei Möglichkeiten stehen zur Verfügung:

1. CHF 100 an die individuelle Weiterbildung, sofern sie einen beruflichen Hintergrund hat.

Dieses Angebot kann auch für die Künstlerbörse benutzt werden, die vom 9. bis 12. April 2025 findet in Thun stattfindet. SzeneSchweiz-Mitglieder, die die Künstlerbörse besuchen möchten, können für Tickets oder Tagespässe den jährlichen Weiterbildungsbeitrag von CHF 100 geltend machen. Der Verkauf der 1- und 3-Tagespässe für die Öffentlichkeit (Nicht-Mitglieder von t.) startet am 11. März 2025 hier.

2. CHF 200: Stay tuned – Coaching in Kooperation mit dem Kulturmarkt

Ein Angebot für alle festangestellten und freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder, die NICHT beim RAV angemeldet sind. CHF 200 pro Mitglied und Jahr für ein individuelles Coaching beim Kulturmarkt.

3. CHF 200: Training mit Korrepetitor*innen

CHF 200 pro Mitglied und Jahr für ein Training mit Korrepetitor*innen gemäss unserer Auflistung. Gilt für alle festangestellten und freischaffenden Sänger*innen.

Bitte Quittung oder Teilnahmebestätigung sowie Zahlungsnachweis an info@szeneschweiz.ch senden. IBAN-Nr. nicht vergessen!

Detaillierte Informationen zu unseren Weiterbildungsbeiträgen findet ihr auf unserer Website.

Die Angebote können einmal pro Kalenderjahr beansprucht werden. Sie sind nicht untereinander kumulierbar. Es gilt: Eine Weiterbildung pro Mitglied und pro Jahr

 


Fit4performing arts

Die Sporttherapeutin und Tanzwissenschaftlerin Angélique Keller befasst sich seit 15 Jahren intensiv mit der Gesundheit und Fitness von Tänzer*innen und Tanzpädagog*innen. Sie hat Regular Donation-based Athletic Training for freelance Dancers gegründet – ein Training, das speziell auf professionelle Kunstschaffende der freien Szene ausgerichtet ist.
Möchtet ihr euch als Darstellende Künstler*innen neben eurer Bühnentätigkeit fit und stark halten? Dann könnte das Training etwas für euch sein. Dank dem Donation-based Modus zahlt ihr, was ihr könnt.

Wann: Mittwochs 18.30-20.00h
Wo: Studio Neverrest, Hohlstrasse 715a, 8048 Zürich
Mitbringen: Saubere Hallenturnschuhe, Badetuch, Wasserflasche
Anmeldung: www.fit4performingarts.ch
Kosten: Donation (freiwilliger Beitrag)


Interpretenstiftung SIS: Neue Förderkriterien «Live-Darbietungen & Tourneen»

Die Schweizerische Interpretenstiftung SIS hat ihre Förderkriterien im Bereich «Live-Darbietungen und Tourneen» per 1. Februar 2025 angepasst.Die Anzahl eingegangener Gesuche nimmt jedes Jahr zu, die Fördermitttel nehmen ab. Um Antragsstellende auch in Zukunft zufriedenstellend unterstützen zu können, hat die Stiftung eine Verschärfung der Förderkriterien beschlossen.

Die wichtigsten Neuerungen:

  • Einführung einer Budgetobergrenze von CHF 80’000
  • Neue Sparteneinteilung (siehe Gesuchsformular)
  • Pro Künstler*in/Gruppierung ist nur noch eine Eingabe pro Jahr möglich

Ein Überblick über die neuen Förderkriterien findet ihr auf der Website der Interpretenstiftung.


Schweizer Theatertreffen Zug & Luzern

Noch bis zum 15. April können sich junge Theaterschaffende bis 35 Jahre für das Stipendiatenprogramm «Forum junger Theaterschaffender» des Schweizer Theatertreffens bewerben. Das Forum findet während des Schweizer Theatertreffen vom 21. bis 25. Mai 2025 in Zug und Luzern statt.
Leider ist zur Zeit deren Homepage nicht erreichbar. Mehr Infos gibts hier: julie.paucker@schweizertheatertreffen.ch
Einsendeschluss: 15. April 2025

«Wir spielen auch neben der Bühne»

Wo beginnt die Bühne? Wann spielen wir uns und anderen etwas vor? Und warum geben wir uns Mühe, besser zu wirken als wir uns fühlen? Ist das auch Schauspielerei? Steffi denkt darüber nach.

Ich erinnere mich an meine erste Schauspielstunde 2003 in Wien. Die Lehrerin fragte uns, was wir unter Schauspiel verstehen?
Meine Antwort weiss ich noch ziemlich genau, weil mich die Dame daraufhin verdutzt anschaute: „Ich finde, dass wir im Leben die ganze Zeit irgendwie schauspielern.“

Damals nicht ahnend, was diese Aussage eigentlich bedeutet, würde ich heute ganz anders antworten: „Schauspiel ist für mich eine wunderbare Möglichkeit, Charakterzüge auszuleben, die ich im Alltag zu zähmen versuche.“

Aber mir begegnen tatsächlich immer wieder Menschen, auch aus dem Showbiz, die sagen, dass wir doch im Alltag sowieso immer eine Rolle spielen. In jeder Umgebung eine andere Figur. Seit Jahren beobachte ich die Menschen und mich selbst in Interaktionen. Warum habe ich bei dieser Person das Gefühl, sie spielt eine Rolle und bei einer anderen, dass sie ganz authentisch bei sich selbst ist?

Warum machen wir uns in der Arbeitsumgebung die Mühe, gut gelaunt zu erscheinen und bei der Mama sind wir genervt und schamlos? Warum verstellen wir uns am einen Ort, während wir am anderen auch unsere anstrengendsten Seiten zeigen?

Ich habe dieses Verhalten auch bei mir selbst beobachtet und trainiere es immer wieder, mit allen Menschen möglichst gleich umzugehen. Es verändert dich und dein Leben, wenn du mit deiner Mama genauso respektvoll umgehst, wie mit dem Regisseur. Aber was noch viel wichtiger ist, dass man auch in jeder Umgebung für sich selbst einsteht und seine Meinung äussert.

Dies fällt mir je nach Arbeitsatmosphäre manchmal immer noch schwer. Es gelingt mir auch nicht bei jedem Kollegen oder jedem Verwandten gleich, jedoch ist es mein Anspruch. Gerade in der Schweiz finde ich dieses Höflichkeits-Getue manchmal sehr fragwürdig.

Gerade mit jemandem, der zum Beispiel seine Aufgaben nicht erfüllt, seine Schulden nicht bezahlt oder seit Ewigkeiten nicht antwortet. Mein Gott, muss man denn immer höflich bleiben? Mittlerweile habe ich schon oft erlebt, dass ich mit einem schroffen Tonfall mehr erreiche, als mit Nettigkeiten. Gerade bei Männern ist es oft so, dass sie dich dann mehr respektieren.

Hast du auch das Gefühl manchmal eine Rolle zu spielen? Weshalb glaubst du, dass du in diesen Momenten nicht einfach du selbst sein kannst? Wäre es zu langweilig? Schämst du dich, genervt zu sein?

Ich selbst empfinde mich z.B. in einer Art Rolle, wenn ich unterrichte. Aber eigentlich fühle ich mich nur viel energetischer und blühe auf, weil ich für die Gruppe die volle Verantwortung habe. In diesem Sinne schlüpfe ich in die Rolle der leitenden Position, ich spreche lauter und agiere präsenter. Wenn ich aber nicht ganz fit bin, merke ich, dass dafür keine Energie vorhanden ist und dann funktioniert es auch in meinem entspannten ICH. Somit bräuchte ich die „Rolle“ gar nicht, trotzdem macht es mir in dem anderen Modus viel mehr Spass.

In einer Audition Situation ist es ähnlich. Ich könnte den Raum in einer Art „Steffi-Rolle“ betreten, die präsenter, freundlicher und fröhlicher ist. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich selbst viel wohler fühle, wenn ich ganz entspannt der Jury gegenüber trete und im Moment, wo das Lied beginnt, in die Rolle und Stimmung der besagten Figur schlüpfe. Dank der vielen Konzert-Erfahrungen in den letzten Jahren, konnte ich diese Situation oft üben. Früher fühlte ich mich so unwohl bei Vorsingen und Konzerten.

Ich wollte nicht als Steffi- Rolle (ohne Rolle und Kostüm etc.) da vorne stehen und mich präsentieren. Mittlerweile habe ich aber gemerkt, dass ich gar keine Rolle einnehmen muss. Selbst wenn ich anfange zu singen, darf ich mich selbst sein und mit dem Lied verschmelzen. Ich muss nichts Künstliches darstellen, ich darf den Song einfach so präsentieren, wie ich es in diesem Moment empfinde und es kann mir nichts passieren, wenn ich mich so zeige, wie ich mich gerade fühle.

Im Gegenteil, es macht die Performance authentisch und ich will bei anderen Künstlern ja auch sehen, wie SIE das Lied empfinden oder die Rolle sehen. Eine Kopie kann jeder abliefern, das ist keine Kunst. So ist es auch im Alltag eine „Kunst“ eben nichts darstellen zu müssen, sondern einfach nur zu SEIN, wie man sich fühlt. Und plötzlich merken wir, wie ähnlich wir uns alle sind.

«Fremde Bühne, fremde Wohnung, fremde Stadt»

Eine Produktion weit weg von Zuhause – da kann die Einsamkeit zuschlagen und Selbstfürsorge ist wichtiger denn je. Unsere Kolumnistin Rebekka hat gelernt, auf sich zu schauen.

Früher konnte ich das Leben als Gast an einem Theater nicht besonders geniessen.  Meistens hatte es nichts mit dem Stück, der Truppe oder der Stadt zu tun. Es lag an mir.

Ich war der Einsamkeit nicht gewachsen, die das Gastieren mit sich bringen kann. Solange die Probe oder die Vorstellung lief, war alles einigermassen klar und gut. Aber nachmittags, zwischen den Proben oder an freien Tagen und am Wochenende, wenn nach Hause fahren sich nicht lohnte ich, da war’s oft trist. 

Ganz egal wie interessant oder pittoresk die Stadt, egal wie spannend die Produktion, wie nett die Kollegen waren – ich hatte Heimweh. Ich wusste nicht, wohin mit mir und ich fiel – früher oder später – in mir zusammen wie ein Soufflé. Fremde Wohnung, fremde Stadt – und die Kollegen des Ensembles gehen alle, spätestens nach ein paar Aftershow-Drinks, heim in die WG oder zu der Familie.

Ich fand kaum einen Rhythmus, einen Modus, der mir Ruhe und Heimat gab. Der grosse Vorteil meines Älterwerden ist, dass ich mich inzwischen gut genug kenne, um zu wissen, was ich brauche, damit ich die Zeit in der Fremde nicht einfach nur überstehe, sondern Freude an der Arbeit haben und meine Zeit geniessen kann. Ich verstehe mich gut mit mir und kann gut für mich sorgen.

Vieles, was es auch in der Fremde an Alltagsstruktur zu organisieren gilt, damit es einem gutgeht, ist einfacher geworden:

Pilates, Yoga, Fitness – alles kann heute unkompliziert in kleinen Portionen gebucht werden, und Telefonieren kostet schon lange nicht mehr die halbe Gage. Mit den Jahren habe ich gelernt, gut zu mir selbst zu schauen, ohne mit Shopping, Serien bingen oder in Kneipen zu verhängen, mein Heimweh zu kompensieren.

Ein weiterer Vorteil meines Älterwerden ist, dass ich mir Rat holen kann, ohne Angst, ich könnte als schwach und unselbstständig wahrgenommen werden.

Heute warte ich nicht mehr ab. Ich stehe besser für mich ein und hole Unterstützung. Vor einer Woche gingen meine Proben im Ausland los und kurz vor meiner Abreise habe ich mir noch rasch eine Entzündung im Schultergelenk zugezogen. Keine Ahnung woher das kam, es war über Nacht da, wie ein hämischer Spielverderber. Ich reiste mit höllischen Schmerzen ab. Sogleich  kamen die ganzen tiefsitzenden Ängste aller Bühnenmenschen, nicht reibungslos funktionieren zu können, in mir hoch.

Ich erinnere mich, wie ich vor bald 3 Jahrzehnten trotz Schleudertrauma direkt zur Vorstellung wollte und eine Krankschreibung ablehnte, bis der Arzt mir deutlich sagte, was er davon hält. Auf Proben habe ich mich – bevor man mich ängstlich oder feige schimpfte – lieber volle Kanne in eine körperliche Aktion gestürzt, anstatt kurz zu überlegen. 

Sänger:innen, die angeschlagen sind, sagen die Vorstellung ab bzw. markieren während der Proben und Endproben, um sich zu schonen. Sie wissen, dass sie sich und ihrem Instrument – ihrer Stimme – dauerhaft schaden könnten.

Wir Schauspieler:innen gehen oft selbstverständlich über unsere Grenzen und Kräfte hinaus und hören nicht auf unseren Körper. Inzwischen habe ich gelernt, meine Grenzen zu respektieren. Körperliche und seelische Schmerzen alleine aushalten macht einsam – und Einsamkeit ist eine schlechte Voraussetzung für gutes Arbeiten.

Das erkannte ich früher nicht – ich dachte tatsächlich, es sei ein Zeichen von Stärke und Selbständigkeit, „alles“ alleine zu bewältigen, was nur dazu führte, dass mich dieses „alles“ überwältigte. Ich warte nicht mehr, alleine und mit Schmerzen in einer fremden Wohnung oder einem Café auf die nächste Probe. Ich rufe einen vertrauten Menschen an und erzähle, davon, was mich plagt oder ängstigt.

Wenn’s hart ist, sollten wir nicht auch noch hart zu uns selbst sein – im Gegenteil. Selbsthilfe beginnt mit der Bitte um Hilfe.

Frühling in Berlin –  die Proben laufen, die Kastanie vor dem Fenster entrollt langsam ihre Blätter, die Schmerzen haben nachgelassen. Inzwischen bin ich schon lange im Gastieren zu Hause angekommen und erfreue mich daran.

Theater: „Erfolg ist relativ“

Ist es genug? Ist es nur ein Dopamintief oder das Hochstapler-Syndrom? Bin ich erfolgreich? – Nadine Hochstrasser sinniert über Erfolg, Identität und Ehrlichkeit.

Kann mir irgendjemand sagen, wie lange es noch dauert, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, am Anfang meiner beruflichen Laufbahn zu stehen? Vor neun Jahren entschied ich mich, beruflich den Weg der Kunst einzuschlagen. Ich absolvierte eine Schauspielausbildung, ohne genau zu wissen, wohin ich eigentlich wollte. Selbst jetzt, wo ich mein gesamtes Einkommen mit Theater verdiene, fühlt sich ein Teil von mir immer noch absolut lächerlich dabei, zu behaupten, ich sei „Schauspielerin“.

Die Vorstellung, mich so vorzustellen, stösst mir auf. Irgendetwas in mir schreit laut: „Who the fuck are you?!“ Deshalb sage ich immer: „Ich bin Theaterschaffende.“ Das trifft meine Realität ohnehin viel besser.

Jeder meiner Jobs – und die meisten davon liebe ich – fühlt sich an wie ein Mittel zum Zweck, ein Schritt hin zu einem Ziel, das sich ständig zu verschieben scheint. Gibt es diesen einen Moment, in dem man fühlt, dass man angekommen ist? Oder bleibt die Ziellinie eine Fata Morgana, die sich immer weiter entfernt? Dieser Gedanke: „Wenn ich DAS geschafft habe, dann bin ich einen Schritt weiter.“ Aber dann gehe ich diesen Schritt, und sobald das Erlebnis vorbei ist oder hier ist, stehe ich wieder am Anfang. Immer wieder.

Aus meinem nicht kunstschaffenden Umfeld kommt oft die Frage: „Was machst du denn jetzt gerade?“ Manchmal fühlen sich diese Fragen an, als wäre der Subtext: „Ist der Erfolg nun endlich eingetroffen?“ Aber kommt dieser Druck wirklich von aussen? Oder projiziere ich ihn auf andere? Woher diese Gefühle kommen, kann ich mir in unserer kapitalistischen Dauer-Optimierungs-Erfolgsgesellschaft natürlich schon erklären. Ich möchte weder reich noch berühmt sein – trotzdem nehme ich diesen „Need to be special“ und das Verlangen nach einem extrem aufregenden Leben immer wieder wahr. Ich spüre diesen Hunger und wünschte, ich wäre satt.

Ich nenne das jetzt mal das „Falco-Syndrom“: Er landet Welthits – und zerbricht am Druck, weitere zu liefern. Welthits zu landen ist nicht das, was ich anstrebe, jedoch bringt dieses Beispiel mein Gefühl zum Ausdruck, dass sich unser Streben nach mehr immer verschieben wird – egal wie weit man es gebracht hat. Ist das der Grössenwahn der unsere Welt vergiftet?

Sind diese destruktiven Gedanken auch bei anderen so präsent? Selbst bei denen, die behaupten, total etabliert zu sein? Ist dieses ganze Spiel vielleicht genau das – ein Spiel? Oder bin ich alleine auf einem Spielfeld und habe verpasst, dass niemand gegen mich spielt.

In letzter Zeit experimentiere ich oft damit, wie ich über mein Dasein spreche. Ich beobachte, wie andere von ihrer Arbeit erzählen, und merke, wie sehr ihre Worte meine Wahrnehmung von ihnen beeinflussen. Was ich auch gerne vergesse: Sie haben viel weniger Informationen über meine Realität als ich selbst. Und doch nehme ich ihre Aussagen oft widerspruchslos hin, während ich erwarte, dass andere meine Worte als momentanes Gefühl verstehen – nicht als absoluten Zustand.

Eigentlich wünsche ich mir einfach ehrliche, reflektierte Gespräche. Ich wanke zwischen Bescheidenheit und dem Wunsch nach Grösserem. Vielleicht sind diese Momente des Zweifels nur Tiefstapelei, und ich verpasse die Wertschätzung, Genügsamkeit, das Geniessen im Jetzt und die Erkenntnis meines privilegierten Lebens. Manchmal denke ich, dass meine gutgläubige Ehrlichkeitsstrategie mich im Spiel des Erfolgreichseins schlechter dastehen lässt.

Dass mich Menschen weniger ernst nehmen, weil ich ihnen meine Wahrheiten ins Gesicht schmettere. Und wahrscheinlich tue ich dasselbe mit ihnen. Und doch gibt es diesen liebevollen Teil in mir, der stolz darauf ist – weil er es nicht als Strategie, sondern als Überzeugung sieht.

Es hilft mir, kleine Reisen in die Vergangenheit zu machen und mich zu fragen, was ich mir vor all diesen Jahren für mich und meine Zukunft gewünscht habe. In diesen Momenten weiss ich, dass ich damals noch viel mehr am Anfang war, als ich es jetzt bin. Vielleicht ist der Anfang so lange, bis der Schluss kommt. Ein stetiges Sich-im-Kreis-Drehen – man bleibt zwar in diesem Kreis, aber er wird grösser und tiefer.

Zur Person
Nadine Hochstrasser (29) ist freiberufliche Theaterschaffende aus Winterthur und vielseitig in der Schweizer Theaterlandschaft tätig. Sie arbeitet als Produktions- und Regiemitarbeiterin, Fundraising-Verantwortliche, Theaterpädagogin und Darstellerin. Während ihrer Schauspiel- und Sprecherausbildung engagierte sie sich beim Zürcher Theaterverein Jungthaeter und beim Jungen Theater Winterthur. Sie unterrichtete an verschiedenen Zirkusschulen und tourte zwei Jahre mit dem Circolino Pipistrello durch die Schweiz. Aktuell wirkt sie in Produktionen vom FAHR.WERK.ö!, Theater Jetzt und Regisseur Patric Gehrig mit. Nun steht sie mit ihrem eigenen Kollektiv DeliЯatio in den Startlöchern

«L’anti-woke è terreno fertile per politiche autoritarie»

Le aziende svizzere stanno riducendo i loro sforzi per l’inclusione e la parità di trattamento per compiacere gli Stati Uniti di Trump. Eppure, anche nelle arti liberali siamo ancora lontani dall’obiettivo. Anisha Imhasly risponde alle domande su DEI.
Intervista di Reda El Arbi

Anisha, nel 2017 il movimento #MeToo ha preso il via a partire dalle condizioni sessiste nell’industria cinematografica. Ci sono discussioni ricorrenti su casting controversi o che sfuggono agli stereotipi nei film, l’ultima delle quali riguarda forse „La Sirenetta“, dove la Disney ha scelto come protagonista Halle Bailey, una persona di colore. Le arti performative sono particolarmente inclini alle ingiustizie strutturali?

Non credo che le arti performative siano più soggette di altri settori alle ingiustizie strutturali. Le questioni legate alla rappresentazione sono semplicemente più visibili, perché si parla di interpreti che stanno sul palco o appaiono nei film, e perché le scelte di casting seguono spesso (ed è questa la norma) modelli stereotipati, oppure li sovvertono, generando talvolta dibattiti accesi.

Nel caso del casting di Halle Bailey come Ariel, ho trovato sinceramente assurdo il dibattito, poiché si trattava della rappresentazione di un personaggio Disney, ossia di una figura disegnata e immaginata. Perché non potrebbe essere interpretata da una persona di colore? A differenza, ad esempio, del mondo letterario o della composizione musicale (e certo, anche qui esistono eccezioni), nel teatro e nel cinema ci si confronta sempre con processi artistici collettivi. La vera domanda è: come sono organizzati questi processi? Sono gerarchici o piuttosto orizzontali?

Entrambi i modelli possono portare a risultati artisticamente interessanti, ma bisogna riconoscere che, laddove c’è gerarchia, il potere è distribuito in modo diseguale – e questo apre la porta ad abusi. Parole chiave: #MeToo. Parole chiave: culto del genio maschile nel mondo teatrale.

Chi è Anisha Imhasly
Anisha Imhasly lavora come coach e moderatrice e segue mandati nel campo della diversità, della democratizzazione, della trasformazione e dell’equità di opportunità per diverse istituzioni culturali svizzere e enti di finanziamento, tra cui Cultura Città di Berna, Zürcher Theater Spektakel, Bühnen Bern e Teatro di Coira. È membro della rete di esperti/e di INES Istituto Nuova Svizzera e co-curatrice del Manuale INES „Nuova Svizzera“, edito da Diaphanes. Su mandato INES ha inoltre collaborato come consulente per la Fondazione svizzera per la cultura Pro Helvetia nell’ambito della strategia sulla diversità.

Cosa è migliorato nei nostri teatri e nei nostri film negli ultimi vent’anni? A che punto siamo e quali sfide ci attendono ancora?

Le arti riflettono sempre l’evoluzione della società. Oggi viviamo in un mondo più polifonico, dove anche le voci marginalizzate vogliono – giustamente – avere spazio. L’arte, più di altri ambiti, dovrebbe offrire questa possibilità invece di fare da gatekeeper. Sicuramente, negli ultimi vent’anni, teatri e cinema hanno guadagnato grazie al fatto che nuove storie sono approdate su palcoscenici e schermi – storie che in passato venivano ignorate o che non interessavano chi prendeva le decisioni.

Ma resta aperta la domanda: chi decide quali storie raccontare, chi può metterle in scena o interpretarle – e per quale pubblico? Un teatro che non affronta il cambiamento sociale e demografico rischia, prima o poi, di perdere la propria rilevanza.

Il pubblico tradizionale borghese sta scomparendo, e quello futuro sarà diverso. Non bastano ricette preconfezionate, serve un dialogo sulla funzione del teatro e su cosa possa e debba essere. Dobbiamo capire che l’arte non è un lusso, ma una condizione essenziale per l’educazione democratica e la comprensione reciproca.

Mentre comportamenti chiaramente razzisti, come il blackface o l’uso della parola con la N, sono facilmente riconoscibili, molti si sentono disorientati di fronte a temi più complessi come appropriazione culturale, sotto- o mis-rappresentazione o persino sessismo. Puoi fare alcuni esempi che chiariscono meglio questi concetti?

Come accennavo prima: oggi viviamo in una società complessa, economicamente e socialmente, in cui più persone rivendicano il diritto di parola. Questo genera maggiori confronti e a volte anche conflitti. Alcuni media che puntano al sensazionalismo spesso semplificano (parola chiave: dreadlocks, Brasserie Lorraine). A livello artistico, però, questo confronto può essere molto produttivo.

Posso comprendere in parte la sensazione di disorientamento – molte persone che lavorano nell’arte oggi si trovano ad affrontare questioni che fino a pochi anni fa non si ponevano affatto. Ciò è legato al fatto che teatro e cinema erano (e spesso ancora sono) dominati da persone bianche, che ballerini/e e attori/attrici rispondevano a canoni fisici “standard”, ecc.

In passato, a un direttore (spesso maschio) poco interessava se i suoi drammaturghi fossero anche madri e avessero problemi di conciliazione tra lavoro e famiglia. Oggi queste professioniste chiedono di più ai loro datori di lavoro perché ne sono direttamente coinvolte. Il passo successivo sarebbe che queste stesse persone si battessero contro la sotto- o mis-rappresentazione, anche quando non ne sono personalmente toccate. Serve più alleanza e solidarietà per realizzare un cambiamento culturale sostenibile. In fondo, si tratta di giustizia sociale creativa.

Molte opere teatrali classiche risalgono a tempi in cui i protagonisti principali erano uomini bianchi. Come possono regia e drammaturgia affrontare questo aspetto, trasmettendo valori contemporanei senza tradire il contenuto originale?

Perché non si dovrebbe affidare una figura storica a un’attrice nera o a una persona di colore? Una scelta di questo tipo può aprire a nuove letture e prospettive. Nei film in costume britannici, ad esempio, le persone nere sono quasi sempre assenti, anche se sappiamo che nel XVII e XVIII secolo erano presenti nel Regno Unito – l’Inghilterra era pur sempre al centro di un impero globale.

Il regista britannico Armando Iannucci, per esempio, ha scelto Dev Patel, attore britannico di origine indiana, come protagonista nella sua trasposizione di Dickens „The Personal History of David Copperfield“, e ha distribuito altre parti principali ad attori e attrici di colore.

Non si è trattato solo di una scelta politica, ma soprattutto estetica, che personalmente ho trovato straordinaria. Un esempio spesso citato è l’allestimento di Anta Helena Recke di „Mittelreich“ ai Münchner Kammerspiele nel 2019, dove ha ripreso la regia di Anna-Sophie Mahler sostituendo l’intero cast con attori e attrici neri.

Questa scelta può essere letta come una strategia per inscrivere soggetti e corpi neri nel canone teatrale tedesco, quasi un’“appropriazione” artistica, soprattutto considerando che lo spettacolo tratta di tre generazioni di una famiglia alle prese con la storia tedesca. Per me, queste sono strategie esteticamente produttive che vanno ben oltre la mera rappresentazione.

Per la parità di genere esiste il Bechdel Test: ci sono almeno due personaggi femminili? Parlano tra loro? Parlano di qualcosa che non sia un uomo? Esistono regole di base per capire se una sceneggiatura o un testo teatrale perpetua stereotipi superati anche in termini di diversità e inclusione?

Non consiglierei regole fisse. Piuttosto, suggerirei di comporre team artistici che garantiscano diversi accessi biografici, capaci di illuminare i nostri punti ciechi – che tutti abbiamo! Alcune produzioni si fanno affiancare da consulenti su questioni delicate, il che può portare a dialoghi fruttuosi e dare maggiore sicurezza.

Si può anche prevedere una figura di „occhio esterno“, ossia una persona (esperta) esterna che interviene puntualmente durante il processo produttivo per offrire feedback. Questo non compromette il budget. Un appello alle istituzioni che finanziano la cultura: queste posizioni dovrebbero poter essere integrate nei budget delle candidature!

Negli USA, dalla presidenza Trump in poi, l’umore nei confronti degli sforzi per la diversità e l’inclusione si è fatto più ostile. Questo backlash arriverà anche in Svizzera?

Il backlash in Svizzera è già in atto da tempo, dato che i budget culturali vengono ridotti per ragioni di risparmio, e in tempi di scarsità economica le iniziative per la diversità e l’inclusione sono spesso le prime a essere sacrificate.

Lavorare sulle strutture – soprattutto in un teatro dove “si è sempre fatto così” – è faticoso, richiede energie e non porta benefici immediati. Ma è un investimento a medio-lungo termine in nuove forme di messa in scena, in estetiche diverse, in relazioni umane e in community building. È un lavoro significativo e prezioso per il teatro, ma richiede leadership e visione.

Riguardo agli USA: la scelta del governo Trump di cancellare ogni iniziativa di diversità e inclusione mostra chiaramente l’intenzione di rafforzare la supremazia patriarcale bianca. Si tratta di un’aperta dichiarazione di razzismo e sessismo. Vogliamo davvero seguire questa strada in Europa e in Svizzera? La verità è che le paure morali su “woke” e “cancel culture” sono sempre state strumenti per preparare il terreno a politiche autoritarie.

E nella quotidianità: come possono sensibilizzarsi attori e attrici per evitare di veicolare narrazioni offensive o svalutanti?

La mia risposta è semplice: autodeterminazione attraverso la conoscenza. Mai come oggi è stato possibile accedere a narrazioni, saperi e competenze di persone con esperienze diverse dalle nostre.

Guardare film e serie che raccontano mondi lontani dal nostro, ascoltare podcast e seguire account su Instagram o newsletter indipendenti, partecipare a eventi pubblici nei teatri istituzionali o nella scena indipendente, leggere romanzi e saggi.

Si tratta di un impegno personale a interrogarsi e a decostruire i condizionamenti e le norme sociali interiorizzate, sostituendo narrazioni obsolete con altre nuove. In fondo, l’arte è nata proprio per questo!

«Anti-Woke ist Boden für autoritäre Politik»

Schweizer Firmen fahren Inklusions- und Gleichstellungsbemühungen herunter, um Trumps USA zu besänftigen. Dabei sind wir selbst in den liberalen Künsten noch weit vom Ziel entfernt. Anisha Imhasly beantwortet Fragen zu DEI.
Interview: Reda El Arbi / Bild: Anne Morgenstern

Anisha, 2017 startete die #MeToo-Bewegung aus den sexistischen Missständen in der Filmindustrie, regelmässig gibt es Diskussionen über kontroverse, beziehungsweise nicht stereotype Besetzungen in Filmen, zuletzt wohl beim Film Arielle, in dem Disney die Hauptrolle mit Halle Bailey, einer PoC Person of Color besetzte. Sind die darstellenden Künste besonders anfällig für strukturelle Ungerechtigkeiten?

Ich denke nicht, dass die darstellenden Künste für strukturelle Ungerechtigkeiten anfälliger sind als andere Sparten. Die Fragen um Repräsentation sind bloss sichtbarer, weil es um Darsteller*innen geht, die auf der Bühne stehen oder in Filmen zu sehen sind bzw. weil Besetzungen entweder (und das ist eher die Regel) stereotypen Mustern folgen, oder das Gegenteil tun, was dann bisweilen kontrovers diskutiert wird.

Bei der Besetzung von Halle Bailey als Arielle fand ich die Diskussion ehrlich gesagt absurd, denn es ging schliesslich um die Besetzung einer Disney-Vorlage, sprich einer konstruierten Cartoonfigur. Warum soll diese nicht durch eine Person of Colour besetzt sein? Anders als etwa im Literaturbetrieb oder bei der Komposition (und klar gibt es auch hier Ausnahmen!) geht es bei Theater und Film immer um kollektive künstlerische Prozesse. Da stellt sich eben die Frage, wie diese Prozesse organisiert sind, eher hierarchisch oder eher demokratisch.

Beides kann künstlerisch interessante Ergebnisse hervorbringen, doch gilt es festzuhalten, dass dort, wo Hierarchie ist, Macht ungleich verteilt ist – und diese lässt sich auch missbrauchen. Stichwort #MeToo. Stichwort männlicher Geniekult im Theaterbetrieb.

Zur Person
Anisha Imhasly arbeitet als Coach und Moderatorin und betreut Mandate im Bereich Diversität, Demokratisierung, Transformation und Chancengerechtigkeit bei verschiedenen Schweizer Kulturinstitutionen und Förderstellen, darunter Kultur Stadt Bern, Zürcher Theater Spektakel, Bühnen Bern, Theater Chur. Sie ist Mitglied des Expert*innen-Netzwerks von INES Institut Neue Schweiz und Mitherausgeberin des INES Handbuch Neue Schweiz, erschienen bei Diaphanes. Auf INES-Mandatsbasis war sie beratend tätig bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für den strategischen Schwerpunkt Diversität.

Was hat sich in unseren Theatern und Filmen in den letzten 20 Jahren verbessert? Wo stehen wir, welche Entwicklungen müssen noch angegangen werden?

Die Künste sind immer auch ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen. Wir leben heute in einer vielstimmigeren Welt, bei der die Stimmen derer, die marginalisiert sind, auch mitreden wollen. Zu Recht! Gerade die Kunst sollte diesen Stimmen Raum geben, statt Gatekeeping zu betreiben. Sicherlich haben Theater und Kino in den letzten 20 Jahren dadurch gewonnen, dass andere und neue Geschichten auf den Bühnen und Leinwänden bzw. Bildschirmen erzählt werden – Geschichten, die früher schlicht übersehen wurden oder welche die Entscheidungsträger*innen in Theater und Film schlicht nicht interessierten.

Dennoch stellt sich weiterhin die Frage: Wer entscheidet darüber, welche Geschichten erzählt werden, wer darf sie erzählen bzw. inszenieren, wer sie spielen – und für wen? Ein Theater, das sich dem gesellschaftlichen und demografischen Wandel nicht stellt, riskiert über kurz oder lang schlicht seine Relevanz.

Das bildungsbürgerliche Publikum stirbt aus und das Publikum der Zukunft wird ein anderes sein. Dafür braucht es nicht bloss Rezepte, sondern eine gesellschaftliche Verständigung darüber, was Theater kann und sein soll. Wir müssen begreifen, dass Kunst kein Luxus ist, sondern eine grundlegende Voraussetzung für demokratische Bildung und gegenseitige Verständigung.

Während für viele eindeutig rassistisches Verhalten wie Blackfacing oder das Verwenden des N-Wortes klar erkennbar sind, fühlen sich viele bei komplexeren Themen wie kultureller Aneignung, Miss- oder Unterrepräsentation oder sogar bei Sexismus überfordert und verunsichert. Kannst du vielleicht einige Beispiele nennen, die klarer aufzeigen, was damit gemeint ist?

Wie bereits erwähnt: Wir leben heute in einer wirtschaftlich und sozial hochkomplexen Gesellschaft, bei der mehr Menschen als früher Mitsprache reklamieren. Das führt auch zu mehr gesellschaftlicher Auseinandersetzung und bisweilen Konflikt. Diese Auseinandersetzung kann sehr unterkomplex geführt werden, etwa durch die auf Clicks schielenden Medien (Stichwort: Rastalocken, Brasserie Lorraine). Künstlerisch kann diese Auseinandersetzung hingegen sehr produktiv sein.

Die Überforderung und Verunsicherung kann ich ein stückweit nachvollziehen – viele künstlerisch tätige Menschen «müssen» sich heute mit Fragen auseinandersetzen, die sich bis vor einigen Jahren überhaupt nicht gestellt haben. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass Theater und Kino vorwiegend und weiss dominiert war, dass Tänzer*innen und Schauspieler*innen «gängigen» Körpernormen entsprachen, usw.

Was interessierte es früher einen (meist männlichen) Intendanten, ob seine Dramaturg*innen gleichzeitig Mütter waren und ein Vereinbarkeitsproblem hatten? Heute fordern diese Dramaturg*innen mehr von ihren Arbeitgebern ein. Da sind sie selbst klar betroffen. Ein Stück weiterzugehen, würde heissen, dass ebendiese Dramaturg*innen sich etwa gegen Miss- oder Unterrepräsentation einsetzen, auch wenn sie selbst davon nicht betroffen sind. Es braucht mehr Verbündung und Solidarisierung gesellschaftlicher Anliegen, damit ein nachhaltiger Kulturwandel stattfinden kann. Denn letztlich geht es um kreative soziale Gerechtigkeit.

Viele der klassischen Bühnenstücke stammen noch aus einer Zeit, in der weisse, männliche Protagonisten die wichtigsten Rollen besetzten. Wie soll Regie und Dramaturgie mit dieser Voraussetzung umgehen, um zeitgemässe Werte zu transportieren und trotzdem dem ursprünglichen Inhalt gerecht zu werden?

Was spricht eigentlich dagegen, eine historische Figur mit einer Schwarzen Darsteller*in oder einer Person of Colour zu besetzen? Diese Setzung kann komplett neue Sichtweisen auf ein Thema eröffnen. In britischen Kostümfilmen sind Schwarze Menschen meist komplett abwesend, obwohl wir wissen, dass im 17. und 18. Jahrhundert Schwarze Menschen durchaus in Grossbritannien lebten – England betrieb bekanntlich ein weltumspannendes Empire. Man kann auch über «historisch korrekte» Besetzungen hinausgehen.

Der britische Regisseur Armando Iannucci etwa besetzte bei seiner Dickens-Verfilmung «The Personal History of David Copperfield» seinen Protagonisten mit dem britisch-indischen Schauspieler Dev Patel, und liess gleich noch weitere Honoratioren mit Persons of Colour besetzen.

Das war nicht bloss eine politische, sondern insbesondere eine ästhetische Setzung, ich die ich persönlich hinreissend fand. Ein viel zitiertes Beispiel ist Anta Helena Recke’s Inszenierung «Mittelreich» bei den Münchner Kammerspielen 2019, bei der sie das Stück, das zuvor bereits im selben Haus unter der Regie von Anna-Sophie Mahler inszeniert worden war, komplett durch Schwarze Darsteller*innen besetzte.

Dies lässt sich als Strategie lesen, wie man schwarze Subjekte und Körper in den deutschen Kanon einschreibt und eine Art «Appropriation» betreibt, gerade bei einem Stück, das über drei Generationen einer Familie deutsche Geschichte verarbeitet. Das sind für mich ästhetisch produktive Strategien, die weit über blosse Fragen von Repräsentation hinausgehen.

Bei der Geschlechter-Gleichstellung gibt es ja den Bechdel-Test: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Wie merkt man, bei anderen DEI-Fragen rund um Diversität und Inklusion, ob das eigene Drehbuch, das eigene Theaterstück veraltete Stereotypen verbreitet? Gibt es eine Art Grundregel?

Ich kann keine Grundregel empfehlen, eher plädiere ich dafür, dass künstlerische Teams so besetzt sind, dass verschiedene biografische Zugänge berücksichtigt und unsere toten Winkel – die wir alle haben! – ausgeleuchtet werden können. Es gibt Produktionen, die sich bei «heiklen» Fragen beraten lassen, das kann fruchtbare Gespräche auslösen und etwas mehr Sicherheit schaffen.

Man kann eine «Outside Eye»-Position mit einplanen, d.h. wo eine externe (Fach-)Person beigezogen wird, um innerhalb des Produktionsprozesses punktuell bzw. nach Bedarf Einblick zu nehmen und Rückmeldungen zu geben. Sowas muss das Produktionsbudget nicht gleich sprengen. An die Adresse der Kulturförderung: Solche Positionen müssten in den Budgets bei der Eingabe berücksichtigt werden können!

In den USA kippt seit Trumps Wahl die Stimmung gegen DEI-Bestrebungen rund um Diversität und Inklusion. Werden wir diesen Backlash auch in der Schweiz spüren?

Der Backlash ist hierzulande insofern schon länger im Gange, als dass die künstlerischen Etats aus Spargründen gekürzt werden, und in Zeiten der finanzieller Verknappung Bemühungen um Diversität und Inklusion dann plötzlich nicht mehr so dringlich sind und oft als erstes über die Klinge springen müssen.

Die Arbeit an den Strukturen, gerade beim Theater, «wo man es immer schon so gemacht hat», ist mühsam, kostet Nerven und erbringt zunächst keinen offensichtlichen Nutzen. Es ist eine mittel- und langfristige Investition in neu zu definierende Inszenierungsformate, in diverse Ästhetiken, in menschliche Beziehungen und in Community-Building. Ich finde das eine sehr sinnvolle und für das Theater sinnstiftende Arbeit, die sich unbedingt lohnt, aber das ist immer auch eine Frage von Leadership und Haltung eines Hauses oder einer Compagnie. Es hilft auch nicht, wenn ein eingeschlagener Weg dann bei einem Intendanzwechsel wieder aufgegeben wird.

In Bezug auf die Entwicklungen in den USA: Die Entscheidung des Trump-Regimes, jegliche Bestrebungen um Diversität und Inklusion zu tilgen, zeigt doch relativ deutlich, dass es ihnen um weisse, patriarchale Vorherrschaft geht. Faktisch handelt es sich um ein explizites Bekenntnis zu Rassismus und Sexismus. Wollen wir in Europa und in der Schweiz diesen Weg einschlagen? Die Entwicklung zeigt doch vielmehr, dass die moralischen Paniken um «Woke» und «Cancel Culture» immer schon die Werkzeuge waren (und sind), um den Boden für autoritäre Politik zu bereiten.

Und vielleicht noch zum ganz normalen Alltag: Wie können Darsteller*innen sich sensibilisieren, um zu vermeiden, dass sie selbst verletzende oder abwertende Narrative bedienen?

Da lautet meine Antwort relativ platt: Selbstkompetenz durch Aneignung von Wissen. Es gab noch nie so viele Möglichkeiten, sich Erzählungen, Wissen und Kompetenzen von anderen Menschen anzusehen, anzuhören und zu lesen, wie heute.

Etwa durch das Schauen von Filmen und Serien, welche die Lebenswelten jener Menschen beleuchten, mit denen wir sonst nicht in Berührung kommen; durch die faszinierende Bandbreite von Podcasts und Instagram-Accounts, Substacks und Blogs (auch im deutschsprachigen Raum); durch öffentliche Anlässe und Interventionen in grossen Häusern und in der freien Szene; durch Literatur und Sachbücher.

Es geht letztlich um ein persönliches Commitment, um die gesellschaftlichen Prägungen und Normen, mit denen wir sozialisiert wurden, in uns selbst zu hinterfragen und abzubauen, und um alte ausgediente Narrative durch neue zu ersetzen. Gerade dafür ist Kunst doch geschaffen!

Nadine macht Theater

Düstere Musicals und Chaos in der Lebensplanung – Nadine erzählt aus dem Leben einer Darsteller*in.

Nadine Hochstrasser lebt in Winti, mag Musicals, wenn sie düster und abstrakt sind, liebte die Bühne schon als Kind und engagiert sich in verschiedensten Projekten. Sie spielt auch kontroverse Rollen, wenn der Kontext stimmt und würde ihren Beruf auch Neueinsteigern empfehlen, wenn sie die Leidenschaft für  Theater mitbringen.

 

Wachstumsschmerzen – Februar in London

Neue Schauspielschule, Umzug nach London, neue Menschen und schlechtes Wetter – in Corinnes Kopf und Körper rumort es – Teil 3 aus Corinnes London-Serie.

Ankommen. Wachsen. Freude haben: Ich hatte mir vorgestellt, wie bereichernd die Schule sein würde – auch wenn es viel wäre. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich wachsen würde, als Mensch, als Performer:in. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich an Grenzen kommen würde, die ich noch nicht kannte und diesen mit gaaaanz viel Grosszügigkeit begegne und nebenbei einfach so besser würde in dem, was ich tue.

Wenn ich das jetzt so aufschreibe, dann klingt das erstmal toxisch positiv in meinen Ohren. Aber ehrlich – im Vorfeld waren diese Gedanken alle total positiv besetzt: Wachstum! Herausforderung! Persönliche Grenzen testen und verschieben! Ich habe mich auf diese Herausforderungen gefreut. Mein früheres Ich hatte mir diesen Lebensabschnitt zugestellt mit der Nachricht “I hope this experience finds you well.” Und ich habe meinem Ich vertraut, dass ich das schon hinbekommen werde.

Nun sitze ich im Bett, mit einer Grippe und sich im Kreise drehenden Gedanken. Bin ich überhaupt ein:e Performer:in? Bin ich am richtigen Ort? Bin ich bereit, meinen persönlichen Komfort aufzugeben? Wieso ist es hier immer so kalt? Ich komme aus der Schweiz, wieso macht mir die Kälte so viel aus? Wieso habe ich jede Woche eine andere Verletzung oder bin krank? Wie viele Tage sind bereits vorbei? Wie viele Tage kommen noch? Soll ich anfangen, runterzuzählen?

Kann ich nach diesem Jahr aufhören mit Theatermachen? Kann ich mir dann endlich sagen, “been there, done that” und mich etwas anderem zuwenden? Was würde ich noch gerne mit meiner Lebenszeit anfangen? Welche dieser Gedanken sind jetzt genau Fluchtgedanken und welche sind Zeichen eines „gesunden Wachstums“ oder einer Weiterentwicklung?

Natürlich schmerzt Wachstum. Oh, ich kann mich so gut erinnern, als nach der Weisheitszahn-Operation in meinem Mund mehrere Wochen neues Fleisch nachgewachsen ist. Und die Löcher ausgefüllt hat, wo vorher ein Zahn drin war. Meine Güte, war das unangenehm …

Jede Geburt von etwas ist mit dem Verabschieden von etwas anderem verbunden. Und so sterben eben gerade ganz viele kleine und grosse Glaubenssätze in mir drin ab oder entstehen neu. Viele Strategien, die ich über Jahre angewandt hatte, ob in meinem künstlerischen Leben oder in zwischenmenschlichen Beziehungen, sind hier entweder nicht zu gebrauchen oder müssen ersetzt werden, weil sie ausgedient haben.

Die Frage nach der Grenze zwischen Disziplin und Selbstausbeutung zum Beispiel. Ich habe in der freien Szene gelernt, über meine Grenzen hinaus zu arbeiten. Wenn etwas erschaffen werden soll, dann geht das nur, wenn wir Vollgas geben und uns für eine Weile selber vergessen – bis das Projekt Premiere gefeiert hat oder abgespielt ist. Danach braucht es ein paar Monate Pufferzeit, um wieder zu einer emotional und sensorisch regulierten Version deiner Selbst zu werden.

Wenn ich hier mit der gleichen Intensität an die Arbeit herangehe, bin ich nach 3 Monaten weg vom Fenster oder krank (voilà). Ich muss lernen, eine gesunde Form der Disziplin zu entwickeln, die Schritt für Schritt nimmt und dran bleibt, die aber auch weiss, wann der Arbeitsalltag zu Ende ist und das Wochenende beginnt (ein Wochenende!?). Aber! Wenn ich nicht alles gebe, wie lerne ich dann am meisten? Ich habe nur dieses eine Jahr!

Es hilft, wieder an die Weisheitszähne zu denken. Ich hatte damals absolut keine Chance, diese neue Fleischwerdung aufzuhalten. Es wucherte einfach vor sich hin. Und so ist es wohl auch jetzt. Das einzige, was ich tun kann, ist, dankbar zu sein, dass die Zellen offensichtlich wissen, was sie tun. Auch wenn ich das gerade nicht von mir selbst behaupten kann.

«Diventa una star!» *strizzatina d’occhio*

L’attore Martin Ostermeier risponde, all’inizio dell’anno, a delle domande sull’evoluzione delle Arti sceniche e rivela quale consiglio darebbe oggi al suo io ventenne.

L’intervista è stata realizzata per iscritto. Responsabile della redazione: Reda El Arbi

Signor Ostermeier, che consiglio darebbe oggi al suo io ventenne riguardo alla recitazione e alla carriera?

Su questo potrei quasi scrivere un libro. Ecco una sorta di quarta di copertina di questo libro, una specie di teaser:

Caro me ventenne!

  1. Cura le tue relazioni professionali!
  2. Separa i rapporti di lavoro da quelli privati!

Partiamo dal secondo punto. Ovviamente, non sempre puoi (o devi) separare vita privata e professionale. Nel nostro lavoro, a teatro o sul set, nascono spesso delle amicizie. Inoltre, a causa dei tempi intensi e irregolari del mestiere dell’attore, può risultare difficile mantenere relazioni personali al di fuori del lavoro. È normale, quindi, uscire spesso con i colleghi o fare qualcosa insieme nel tempo libero.

Ma ricordati sempre che, prima di tutto, sono parte della tua rete professionale. Questo ti aiuterà a evitare delusioni o ferite personali quando qualcuno non si comporta come ti aspetti o come sarebbe opportuno.

E come si dovrebbero curare i contatti professionali?

Non voglio dire che devi essere costantemente in contatto con tutti. Non serve mandare di continuo emoji o messaggi brevi su mille canali. No, basta ricordarsi che, nel nostro mestiere, ci si può rincontrare sempre. Quindi evita di tagliare definitivamente i ponti con qualcuno.

Chi è Martin Ostermeier
Martin Ostermeier è membro del comitato direttivo di scenaSvizzera e ha studiato recitazione al Mozarteum di Salisburgo. Ha lavorato al Schauspiel Frankfurt, al Teatro di Lucerna, allo Schillertheater di Wuppertal e in altre sedi in Svizzera e Germania.

Nel 2006 ha frequentato un corso di recitazione cinematografica alla Filmakademie Baden-Württemberg di Ludwigsburg. Il grande pubblico svizzero lo conosce per la serie Il becchino, dove interpreta il medico legale Alois Semmelweis.

Tutti commettiamo errori, ma a volte, in un nuovo contesto, può funzionare anche con una persona con cui, in passato, non è andata bene. Quindi, ci vuole un po’ di pazienza e di clemenza. Chi riesce sempre e in tutto? Forse non esiste.

Ma con un lavoro costante e orientato agli obiettivi, puoi sempre migliorarti. Osserva bene: cosa vuole ottenere una persona? Perché? E quale ruolo – in senso ampio – hai tu in questo grande gioco che è il mondo della cultura e dell’intrattenimento?

Come si costruisce la propria identità professionale?

Non voglio entrare qui nel discorso generale su come si costruisce un’identità professionale. Mi sto rivolgendo al mio io ventenne. E gli direi anche: lascia perdere l’idea del “genio” frainteso!

E: sii sicuro di te stesso! Hai delle capacità. Anche molte che altri non hanno. Mi fermo qui con questi pensieri abbozzati. Come dicevo, ci potrei scrivere un libro.

A proposito di libri! Ce n’è uno che consiglio. L’autore oggi è forse un po’ passato di moda, ma nel libro “Sul mestiere dell’attore” di Brecht ci sono alcuni spunti interessanti. L’avevo letto ai tempi della scuola di teatro, ma allora avevo frainteso alcune cose.

Negli ultimi anni, cosa è cambiato per chi lavora come libero professionista? Ci sono stati sviluppi positivi o negativi?

Beh, anche qui ci vorrebbe un altro libro. sorrisetto Che il mondo cambi rapidamente, lo sappiamo tutti. Ed è sempre stato così, dipende dal periodo e dal luogo storico.

Limitiamoci a due aspetti noti a tutti. Le – ormai non più così nuove – tecnologie di comunicazione offrono enormi possibilità di networking.

Un esempio: quando vado alla Berlinale, faccio parte di un gruppo WhatsApp dove circolano informazioni su eventi, occasioni di incontro e consigli pratici. Inoltre, online posso verificare chi sarà presente e contattare colleghi e registi. Fantastico!

Un vantaggio per chi lavora nelle arti performative…

Sì, ma questo porta anche rischi: sovraccarico di informazioni, FOMO (paura di perdersi qualcosa), stress e iper-stimolazione, con tutte le conseguenze negative.

Altro esempio: i casting, ormai da circa cinque anni e con l’accelerazione dovuta alla pandemia, si fanno quasi solo online. Anche se la casting director è nella mia stessa città, spesso preferisce un self-tape, almeno all’inizio e per ruoli minori.

Questo ha aumentato il carico di lavoro per noi attori: serve una buona videocamera o smartphone, uno stativo, uno spazio adatto e spesso anche un collega che faccia da spalla.

Queste mansioni sono sempre più a carico degli attori stessi, scaricate dalle agenzie di casting che, a loro volta, subiscono pressioni. Più possibilità di partecipare a progetti anche internazionali? Certo. Ma anche più stress, come dicevo prima con l’esempio della Berlinale.

La pandemia e il lockdown hanno segnato una cesura. Il settore si è ripreso? Sono nate nuove opportunità da quell’esperienza?

Tutti coloro che amano il teatro hanno riscoperto che si basa sulla “copresenza fisica”, cioè essere nello stesso spazio, nello stesso momento. Nessuno sente la mancanza delle rappresentazioni in streaming. Io, per esempio, non ne ho guardate nemmeno una. Una volta ho recitato live su Zoom. Per me, è stato un fallimento.

Già: “per me”. Non ho sentito il pubblico e quindi non so davvero com’è andata. Per me non era teatro. Teatro significa scambio energetico tra attori e spettatori. Helge Schneider, ad esempio, si è rifiutato di esibirsi davanti a un pubblico in auto. E se lo può permettere.

Ma nuove modalità di lavoro sono nate, no?

Sì, certo. Oggi siamo tutti più abituati a usare Zoom o altre piattaforme collaborative. E questo è utile. Ad esempio, posso fare un primo incontro online con un regista che al momento si trova in Kosovo. Attraverso una videochiamata riesco già a percepire molto di più della persona rispetto a una mail o una telefonata. È stato così anche per il mio ultimo film Silence of Sirens.

Nel teatro esistono compagnie stabili. E nel cinema? Ci sono modi per avere un reddito stabile?

Sì, certo: diventa una star! In altre parole: no, non è una vera opzione. Diventare una star dipende da troppe cose che non possiamo controllare, e comunque – almeno in Svizzera – c’è spazio solo per pochi.

Quindi bisogna diversificare: lavorare a teatro, come doppiatori, come insegnanti di recitazione o educatori teatrali, fare formazione aziendale… o cambiare completamente settore. Nel mio giro di amici c’è chi fa la corriere in bici, il camionista, il bancario o l’insegnante di scuola primaria.

Sull’essere star: certo, anche l’impegno personale conta, ma è solo una parte del tutto. Molto dipende da fattori esterni.

Molti attori svizzeri guardano alla Germania, alla Francia o all’Italia. È davvero più facile fare carriera all’estero?

Qui ci vorrebbe un terzo libro! sorrisetto Provo a sintetizzare.

Nel teatro di parola, Germania, Austria e Svizzera tedesca sono un unico mercato (DACH). Ci sono differenze nei cachet e nei finanziamenti, ma il sistema degli ensemble e della scena indipendente è simile.

Quindi non fa differenza lavorare a Monaco, Vienna o Zurigo?

Non proprio, ma a volte ci sono più differenze tra due città della stessa nazione che tra paesi diversi. Sicuramente ci sono più opportunità in Germania o Austria.

Il problema è mantenere un domicilio in Svizzera con cachet tedeschi: le paghe sono più basse e con più trattenute (se si fattura regolarmente).

Su Italia preferisco non pronunciarmi. In Francia, invece, il teatro funziona in modo diverso: pochi ensemble fissi, tanta scena indipendente. Ma c’è più sostegno economico tra un ingaggio e l’altro per chi è intermittent du spectacle – o almeno, così era.

Per alcuni il sistema francese è più fluido, per altri meno. Comunque offre molte più opportunità che la Svizzera romanda.

E nel cinema?

Nel cinema, TV e streaming, i mercati di Germania, Francia e Italia sono più grandi e quindi offrono più possibilità. Ma c’è anche più concorrenza.

In Germania, molti attori vivono solo di cinema e TV, cosa quasi impossibile in Svizzera. Però non dimentichiamo le coproduzioni internazionali: i miei ultimi due film erano coproduzioni con Kosovo e Italia. Sempre più spesso i confini si sfumano.

Quali sono i temi urgenti che scenaSvizzera deve affrontare per i freelance?

Domanda rischiosa! Se ne cito due, qualcuno dirà che ho dimenticato l’essenziale. Per me, le priorità sono:

  1. Diritti per lo streaming e i contenuti online. Non è giusto che venga pagato solo ciò che va in onda in TV e non ciò che finisce in streaming. È un’ingiustizia crescente e va risolta subito!

  2. Le sfide tecnologiche: motion capture, intelligenza artificiale… nuove opportunità ma anche rischi. Serve tutelare i diritti d’autore e della personalità. Un mio clone digitale che recita al posto mio e genera guadagni? Inaccettabile!

To be continued!

Unsichtbarer Aufwand und Gagen-Verteilung

Als Darsteller*in arbeitet man immer viele Stunden ohne Vergütung. Es wäre an der Zeit, die Gelder etwas fairer zu verteilen. Die Kolumne von Stefanie Gygax.

Bei Engagements redet man immer von Probengage und Vorstellungsgage. Doch da fehlt etwas. Warum wird die Vorbereitungszeit nie vergütet? Als ich bei einem kürzlichen Gespräch hörte, dass nicht einmal bei einem festen Arbeitsvertrag am Theater die „Einstudierungszeit“ irgendwie einberechnet wird, war ich echt sprachlos.

Es gibt 1.5 freie Tage pro Woche und in dieser Zeit soll man dann üben, oder wie ist das gedacht?

Bei Konzerten könnte man sagen, in der Pauschale sind Proben und Vorbereitungszeit inbegriffen, aber eigentlich umfasst die Höhe der Gage meist nur das Minimum an Zeitaufwand für die Proben und den Auftritt. Wenn wir Glück haben, kommt noch Spesengeld dazu.

Was die Vorbereitung alles umfasst, sieht niemand. Viele Zuschauer und junge Künstler*innen haben das Gefühl, dass sie das, was sie auf der Bühne sehen, auch selbst bringen könnten. Welche Hürden wir überwinden müssen, um erst einmal an diesen Punkt zu kommen, bleibt den meisten verborgen. Nach Aussen wird nur der Glamour sichtbar, das Schöne an unserem Beruf.

Wenn ich mir überlege, dass die Zeit auf der Bühne den kleinsten Prozentsatz unserer Arbeit darstellt, erklärt das vermutlich, warum ich in meinem Alltag manchmal frustriert bin. Die ganze Arbeit, die Zeit, das Training, konzentriert sich auf die wenigen Stunden, auf den Auftritt, das Adrenalin, die Spannung zwischen Publikum und Darsteller, das Abliefern auf den Punkt, ohne 2. Chance.

Im stillen Kämmerchen

Wenn ich dann das nächste Engagement in der Tasche habe, beginnt alles von vorne. Unterlagen und Noten beschaffen, studieren und auswendig lernen, die Literatur dazu lesen, je nach Sprache auch die Übersetzungen machen. Alles im stillen Kämmerchen, alleine, stundenlang, Tag für Tag. Dies auf Insta oder Facebook zu posten ist auch unbefriedigend, weil es irgendwann alle Beteiligten langweilt. So kriegt es niemand mit.

„Ah tuesch nochli üebe. Ich gange jetzt scho schaffe“, hören wir aus unserem Umfeld, als ob wir keine richtige Arbeit leisten würden. Nach ein paar Monaten Vorbereitung, die keiner sieht und keiner bezahlt, beginnen dann die Proben. Wir sind ständiger Kritik und somit Selbstzweifeln ausgesetzt, jeden Tag und werden dann am meisten geliebt, wenn wir alles über uns ergehen lassen, ohne den Mund aufzumachen.

Niemand redet gerne darüber, weil wir ja die gute Stimmung bewahren und keine Schwäche zeigen wollen. Bis zur Premiere steigert sich dann meistens die emotionale Spannung dermassen, dass die ersten Kollegen und Regisseure ausrasten, weil sie den Frust nicht mehr halten können. Das Publikum sieht nicht hinter den Vorhang. Sie sehen nur die glamouröse Darstellung, nicht den Stress, die Tränen und Flüche in der anstrengenden Zeit davor. Wenn es dann endlich so weit ist, sind alle Darsteller*innen glücklich, die Tortur ist vorbei ist und endlich dürfen sie sich sorgenfrei in die Aufführung stürzen. Bis der ganze Kreislauf wieder von vorne beginnt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, irgendwie ist es doch verständlich, dass unsere Freunde und Familie, die nicht in diesem Business tätig sind, diese Welt ganz und gar nicht verstehen können. Es ist ja alles ein Widerspruch in sich. Von den zwischenmenschlichen Problemen im Theater mal ganz abgesehen.

Ich wäre aber tatsächlich glücklicher, wenn die Arbeit, die ich abseits der Kulissen mache, auch honoriert würde. Wie kommen wir dahin? Ein Fussballer wird auch fürs tägliche Training bezahlt. Bei uns gibt es aber so viele verschiedene Arbeitsnischen, dass diese kaum überschaubar sind, geschweige denn bezahlbar. Ich glaube, dass wir uns diese Frage gar nicht stellen würden, wenn wir nicht ständig um jeden Franken kämpfen müssten. Bei jedem Job wieder aufs Neue argumentieren und verhandeln müssten, um wieder zu hören, dass nicht mehr Gage möglich ist.

Es ist uns klar, dass man in der Kultur selten reich wird. Dass die Theater, Produzenten und Häuser auch nicht viel Geld haben. Es wäre jedoch schon ein kleiner Schritt, wenn die vorhandenen Mittel fair unter der Mitarbeitenden eingesetzt würde, mit Verständnis und dem Willen, das Bestmögliche für uns alle herauszuholen, um auch mit dem bestmöglichen Team zusammenarbeiten zu können.

DAS wäre doch ein toller Teamspirit, um in ein neues zu Projekt zu starten meine Lieben. Dann hätten wir von Anfang an das Gefühl: Wow, ich werde für diese Produktion Alles geben: „Einer für Alle und Alle für Einen.“

SRF: Demo gegen Abbau

27 000 Unterschriften gegen den Abbau des Service Public überreichten Protestierende am Samstagnachmittag in Basel. 5000 unterzeichneten einen offenen Brief gegen die Einstellung von «G&G»

Mehrere Hundert Demonstrierende folgten dem Aufruf von Hörerrinnen und Hörern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Kulturschaffenden, um vor dem SRF Studio Basel gegen die verheerenden Sparmassnahmen der SRF-Leitung im Bereich Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zu protestieren, wie eine Reporterin der Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtete.

Die Organisatoren überreichten dem interimistisch publizistischen Leiter von SRF 2 Kultur, Rajan Autze, eine Petition, die fordert, den angekündigten Sparentscheid rückgängig zu machen. Diese wurden gemäss Angaben des Initiativkomitees von über 27’000 Hörer*innen unterschrieben.

«Wie sollen wir Euch helfen, die Halbierungs-Initiative zu bodigen, wenn unser Radio und Fernsehen uns verlassen hat?», sagte Mitinitiant Köbi Gantenbein in seiner Rede, wie persoenlich.com berichtet.  Rajan Autze begründete die Streichung des «Wissenschaftsmagazins» mit sinkenden Hörerinnen- und Hörerzahlen. Wissenschaftsthemen würden künftig auch in der Sendung «Echo der Zeit» und online zu finden sein.

5000 Kulturschaffende protestieren gegen Abbau

Die Schauspielerinnen Tamara Cantieni und Anikó Donath formulierten einen offenen Brief an die SRF-Leitung, der von 5000 Kulturschaffenden und Unterstützer*innen unterzeichnet wurde. Prominente Leute wie Beat Schlatter, Regula Esposito, Christa Rigozzi oder Marc Sway gaben neben vielen anderen ihre Unterschrift. Sie reagierten damit auf den Entscheid der SRF-Führung, «Gesichter & Geschichten» im Rahmen der sparbedingten Ab- und Umbaumassnahmen aus dem Programm zu streichen. SRF werde auch künftig über Gesellschaftsthemen berichten, aber nicht mehr mit einer eigenen Sendung.

Lucerne Festival: Geld & Willkür

Essay: Der Skandal am Lucerne Festival zeigt, wie willkürlich private Kulturförderung wirkt. Private Mäzene und Unternehmenssponsoring als Alternative zur öffentlichen Kulturförderung funktionieren nicht. 

Viele Kunstwerke – von Opern über Bilder bis hin zu ganzen Kirchengestaltungen – gäbe es nicht, hätten nicht reiche Gönner deren Entstehung aus privaten Mitteln finanziert. Damals die einzige Form, um ausserhalb der dominanten und reichen Kirchen Kunst zu finanzieren. Und heute? Eine gute Sache in einer Zeit, in der öffentliche Förderung für Kultur unter Druck steht, würde man instinktiv annehmen. Ja, aber …

Das Lucerne Festival erlebt gerade einen kleinen Skandal.

Erster Akt: Die Hauptsponsoren Sibylla und Christoph M. Müller – Multimillionäre und Patrons der Vaillant Group – forderten den Rücktritt der ehemaligen CS-Verwaltungsratspräsidenten Urs Rohner und Walter Kielholz aus dem Stiftungsrat des Festivals, weil diese mit ihrer Mitverantwortung am Untergang der CS nicht mehr die Werte transportieren, die die beiden Gönner*innen vertreten. Auch hier: Eigentlich eine gute Sache, stehen die Müllers doch für eine ethische Verantwortung in der Wirtschaft.

Zweiter Akt: Als ihrer Forderung nicht vollständig nachgegeben wurde, beendeten die Müllers das Sponsoring und entzogen dem Festival mehrere Hunderttausend Franken Unterstützung. Das mag ein Statement sein, trifft aber nicht die unethischen Geschäftsleute, sondern die Kulturschaffenden und die effektive Kunst.

Auch wenn die Müllers aus hehren Gründen entscheiden, eine Institution nicht mehr zu unterstützen (was ihr Recht ist), könnten andere aus anderen Gründen ein Sponsoring verweigern. Aus politischen Gründen zum Beispiel. Nehmen wir an, der Milliardär Christoph Blocher unterstützt ein Theater oder ein Opernhaus. Irgendwann denkt er, die Intendanz sei zu „woke“ und will das Ganze nicht mehr finanzieren. Das wäre sein Recht. Aber was bedeutet das für die Kultur?

Es bedeutet, dass privat finanzierte Kultur nicht frei ist. Reiche Menschen oder Unternehmen entscheiden, was produziert und gesehen wird. Was verdient, unterstützt zu werden.  Das ist reine Willkür. Bezahlt wird, was einer kleinen Gruppe genehm ist. Keine Voraussetzung für die kulturelle Identität einer Gesellschaft.

Für meine neoliberalen Bekannten müsste sich Kulturschaffen auf dem freien Markt durchsetzen. Gemessen wird nicht mehr am Kulturgut, sondern an der Fähigkeit der Vermarktung. Nur, wer seine Kunst gut verkaufen kann, verdient es, gesehen zu werden, darf einen Beitrag an die kulturelle Vielfalt leisten.

Dasselbe gilt übrigens für Medien und Wissenschaft. Wenn das Geld von Unternehmen bestimmt, woran die Universitäten forschen, wenn zum Beispiel medizinische Forschung immer direkt an möglichst lukrative Medikamente gekoppelt ist, dann entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht. Wenn Milliardäre die Inhalte von Zeitungen, Sendern und Newsplattformen bestimmen, verzerrt das die Demokratie.

Ich habe nichts gegen Private, die Kunst, Kultur, Medien oder Wissenschaft fördern. Nur sollten sie durch öffentlich zugängliche Gelder ausgeglichen werden, damit keine Verzerrungen entstehen. Welche Verzerrungen, fragt ihr?

Geht durchs Kunsthaus oder eines der anderen grossen Museen der Welt. Schaut euch die grossen Opern an. Die Regisseure der letzten hundert Jahre. Fragt euch, warum Frauen oder nicht europäische Künstler*innen über Jahrhunderte in allen Bereichen der Kunst untervertreten sind. Das hat nichts damit zu tun, dass es in diesen Gruppen weniger talentierte oder gar geniale Individuen gegeben hätte. Es hat damit zu tun, dass Reichtum in den Händen von Männern lag. Und diese Männer bestimmten, was die wichtige, die richtige Kunst sein sollte.

Es ist nicht „woke“, für eine breite öffentliche Kulturfinanzierung einzustehen. Es ist auch nicht „woke“, wenn man Gelder für Kulturprojekte fordert, die nicht dem Mainstream entsprechen und die Themen und Gruppen sichtbar machen, die sonst kaum Öffentlichkeit bekommen.

Der liberale Grundwert von Chancengleichheit ist nicht erfüllt, wenn diejenigen gesehen werden, die am besten verkaufen oder am meisten Geld organisieren können. Chancengleichheit ist dann erfüllt, wenn alle die gleichen Grundvoraussetzungen für ihre Werke erhalten.

 

«Gagen reichen nicht für Familiengründung»

Wie kriegt man Kinder und darstellende Kunst unter einen Hut? Wir sprachen mit Camilla Gomes dos Santos, Mutter, Schauspielerin, Tänzerin.
Interview: Reda El Arbi

ENSEMBLE: Camilla, du bist Mutter von zwei Kindern (Alter 9 und 6) und arbeitest als freie Darstellerin. Hast du dich damals bewusst für die Gründung einer Familie entschieden?

Camilla: Ja, ich wusste schon immer, dass ich eine Familie gründen wollte. Allerdings konnte ich mir lange nicht vorstellen, wie sich das mit meinem Bühnenberuf vereinbaren lässt. Der entscheidende Impuls kam in einem Moment, in dem ich darüber nachdachte, meinen Beruf an den Nagel zu hängen – und bereit war, eine Familie zu gründen und meinen Fokus neu auszurichten.

Du bist sowohl Schauspielerin als auch Tänzerin. In welcher Sparte ist die Herausforderung für den Spagat zwischen Beruf und Familie grösser?

Seit der Geburt meiner Kinder arbeite ich nicht mehr als Tänzerin. In beiden Sparten sind die unregelmässigen Arbeitszeiten und langen Engagements die grösste Herausforderung, da wir meist abends arbeiten oder an den Wochenden. Beim Tanz kommt zusätzlich die körperliche Belastung und das kontinuierliche Training hinzu – eine Konstanz, die ich mit kleinen Kindern nur schwer vereinbaren konnte.

Wie hat sich der Wiedereinstieg in die Karriere nach der ersten Geburt gestaltet?

Nach der Geburt meines ersten Kindes erhielt ich nach fünf Monaten eine Anfrage für eine Hauptrolle in einer Theaterproduktion. Diese Anfrage zeigte mir, dass ich am richtigen Ort bin und meinen Beruf nicht aufgeben sollte.

Mit viel Organisation und Unterstützung meines Umfelds hat sich alles gut gefügt. Natürlich waren die schlaflosen Nächte herausfordernd, aber die Freude und Erfüllung, die ich in meiner Arbeit und meiner Familie finde, haben mich getragen. Es hat mir gezeigt, dass beides möglich ist.

Zur Person:
Camilla Gomes dos Santos studierte Tanz und Schauspielerei in Zürich und erweiterte ihr Repertoire danach um eine Sprecherausbildung. Die Arbeit am Theater Hora mit Menschen mit Einschränkungen gaben ihr eine neue, intensivere Perspektive auf die Darstellenden Künste. 2014 gründete sie gemeinsam mit Regisseur Matthias Werder das Theaterkollektiv TheaterREAKTIV. Sie ist Mutter von 2 Kindern.

Wie organisierst du dich, wenn du z.B. Abendvorstellungen hast?

Ein altes Sprichwort sagt, es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder zu erziehen. Ich habe mein ganzes Dorf eingespannt – meinen Partner, Familie, Bekannte, Kinderbetreuung und liebe Nachbarn. Doch viele Kolleginnen haben keine solche Unterstützung und müssen entweder unglaublich viel leisten oder ihren Beruf aufgeben. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft anerkennen, wie viel Organisation, Arbeit und Einsatz es braucht, damit Frauen als Mütter ihren Beruf ausüben können

Wie sieht es mit Kita oder Hort aus?

Die Betreuungszeiten in Einrichtungen passen schwer mit unserem Beruf zusammen, da sie meist tagsüber und nur an wenigen Tagen pro Woche verfügbar sind – und das zu hohen Kosten. Während einer 5- bis 6-wöchigen Probenzeit benötigt man tägliche, bei Vorstellungen – Abend und Wochenendbetreuung. Ohne familiäre Unterstützung ist das mit unseren Gagen nicht finanzierbar. Viele freiberufliche Schauspielerinnen haben kein geregeltes Einkommen oder Sozialleistungen besonders währendes Mutterschaftsurlaubs, was es auch schwer macht, sich eine Kita leisten zu können.

Was sind die grössten Herausforderungen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen?

Die grössten Herausforderungen, um Beruf und Familie zu vereinen, sind unregelmässige Arbeitszeiten, lange Proben und Aufführungen sowie häufige Reisen. Besonders schwierig ist die Unvorhersehbarkeit von Terminen – Proben und Drehtage können sich spontan ändern. Casting-Anfragen auf Abruf machen es nicht einfacher: Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, sondern muss mich erst organisieren, bevor ich zum Casting gehen kann.

Wie sieht es von Arbeitgeberseite aus? Bekommst du da Unterstützung?

Von Arbeitgeberseite ist die Unterstützung oft begrenzt. In der Schauspielbranche gibt es zwar vereinzelt flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, Termine anzupassen, aber grundsätzlich sind die Anforderungen sehr hoch und wenig vorhersehbar. Produktionsfirmen und Theater setzen in der Regel auf feste Zeitpläne, und oft sind es die Schauspieler selbst, die Lösungen finden müssen, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Unterstützung in Form von Kinderbetreuung oder flexiblen Arbeitszeiten wird selten angeboten, sodass die Verantwortung grösstenteils bei den Schauspielern liegt.

Zudem: Mehr Rollen für Frauen unterschiedlichen Alters und Lebensphasen könnten die Branche inklusiver machen.

Was würde dir – arbeitgeberseitig – am meisten helfen?

Arbeitgeberseitig würde mir vor allem eine grössere Flexibilität bei den Arbeitszeiten und mehr Planungssicherheit sehr helfen. Eine echte Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie würde durch ein verständnisvolles und partnerschaftliches Arbeitsumfeld kommen, in dem die Herausforderungen von Eltern in kreativen Berufen anerkannt und aktiv mitgestaltet werden.

Was müssen junge Darsteller*innen wissen, bevor sie über eine Familiengründung nachdenken?

Es ist ungerecht, dass Frauen oft zwischen Karriere und Familie wählen müssen. Alle Darstellerinnen wissen, wie herausfordernd die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, aber der Beruf sollte nicht der Grund sein, keine Familie zu gründen. Viele prominente Schauspielerinnen haben Ressourcen und Unterstützung, die uns nicht zugänglich sind. Es fehlen Vorbilder, die zeigen, wie Mutterschaft und Karriere ohne diese Privilegien vereinbart werden können – genau diese braucht es, um Veränderungen zu bewirken.

Egal, wie intensiv eine Produktion war, sei es in Zeiten ohne Engagements, Absagen oder allem, was zum Beruf dazugehört – es gibt für mich auch ein Leben ausserhalb des Bühnenberufs. Ich freue mich immer auf die kostbare Zeit mit meiner Familie, die für mich ein wichtiger Anker ist.

Wo wünschst du dir, dass SzeneSchweiz als Verband aktiv wird, um Familie und Beruf in den Darstellenden Künsten besser vereinen zu können?

Durch Aufklärungskampagnen könnte das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken, um mehr Akzeptanz und Unterstützung in der Branche zu schaffen.

Eine enge Zusammenarbeit mit Kitas und Betreuungsdiensten, sowie mit staatlichen Einrichtungen wie dem Opernhaus Zürich, die bereits Betreuungsangebote bieten, könnte aufgebaut werden. So könnten auch Verbandsmitgliedern günstiger Zugang zu solchen Einrichtungen ermöglicht werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.

Der Verband könnte finanzielle Unterstützung für Schauspieler*innen anbieten, um Mutterschaftsurlaub, Kinderbetreuung oder andere familiäre Bedürfnisse zu decken, was eine größere finanzielle Sicherheit bieten würde.

Mentoring-Programme, in denen erfahrene Künstlerinnen ihre Erfahrungen in Bezug auf Familie und Karriere teilen, könnten junge Darstellerinnen dabei unterstützen, Lösungen für ihre eigenen Herausforderungen zu finden.

Über politischen Einfluss könnten stärkere Regelungen für Elternzeit und Arbeitsbedingungen gefordert und höheren Gagen verhandelt werden.

Abrissbirne und Zensur, Frau Wappler?

Wieso zerstört die SRF-Leitung den Service Public? Eine Polemik von Reda El Arbi.

Ich bin verwirrt. Ich dachte, wenn ich mich für Service Public einsetzen will, sitze der politische Gegner im Komitee der Halbierungsinitiative. Jetzt reibe ich mir die Augen und beginne zu glauben, die wahre Gefahr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sitzt in der Führungsetage des SRF.

Die Auswirkungen der Entscheide der letzten Wochen sind verheerend. 70 Entlassungen 2024, weitere 50 im laufenden Jahr. Soviel wir bis jetzt wissen. Es kann immer noch mehr dazukommen. Erst wird die Kulturberichterstattung dezimiert, dann folgen Wissenschaft und Wirtschaft. Jetzt stampfen Beraterfirmen durch die Gänge des Leutschenbach, prüfen die Produktion und Abläufe und entscheiden, was Wert hat und was auf den Müll muss. Beraterfirmen wohlgemerkt, die keine Ahnung von Service Public haben.

Wichtig:
SzeneSchweiz setzt sich trotz der augenblicklichen Selbstdemontage des SRF gegen die Halbierungsinitiative ein. Es geht nicht nur darum, heute einen funktionierenden Service Public zu erhalten. Es geht auch darum, den nächsten Generationen eine Informationsinfrastruktur zu hinterlassen, die ihnen die Möglichkeit gibt, sich unabhängig von finanzieller oder politischer Einflussnahme zu informieren und so unsere Demokratie am Leben zu erhalten.

Knowhow und Expertise im Wert von mehreren Jahrzehnten muss über die Sparklinge springen. Fundierte Berichterstattung weicht kleinen Schnipseln aus zusammengedampftem Infotainment am Rande anderer Sendungen und 15-Sekunden-Beiträgen auf Plattformen, die gerade Fakten zu einem Störfaktor erklärten. Wer um Himmels willen denkt, in der gegenwärtigen postfaktischen Demokratiekrise sei es eine gute Idee, faktenbasierte Berichterstattung zu Wissenschaft und Wirtschaft abzubauen? Kultur einzudampfen und Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen abzusägen?

Zensur und vorauseilender Gehorsam

Als sich dann einige SRF-Journalist*innen in den sozialen Medien kritisch bis vernichtend zum Sparhammer äusserten, liess sich die Führung nicht etwa auf eine Diskussion ein. Sie zitierten die Betreffenden zu einem «klärenden Gespräch», worauf diese ihre Posts löschten. Wobei «klärendes Gespräch» in Unternehmenssprech eigentlich «mehr oder weniger subtiler Druck» bedeutet. Natürlich ist der Schaden bereits angerichtet und wer nur ein wenig Ahnung von Journalist*innen hat, weiss, dass sie sich nicht so leicht einschüchtern lassen. Inzwischen nutzte die Wissenschaftsredaktion sogar die eigene Sendung, um den Abbau zu thematisieren und die Logik dahinter infrage zu stellen.

 

Zitat persoenlich.com

Die Selbstdemontage ist ein Paradox. Wappler steht vor die designierten Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und will beweisen, dass sie bereits alles unternimmt, um deren Forderungen zu erfüllen. Sie bekommt dafür auch Applaus.  SVP-Nationalrat Gregor Rutz oder Co-Präsident des Komitees Halbierungsinitiative Thomas Matter begrüssen das Sparpaket breit grinsend. Bullies lassen sich nicht davon beeindrucken, wenn man sich selbst ins Gesicht schlägt. Sie werten das richtigerweise als Schwäche und schlagen noch härter zu.

Kein normales Unternehmen

Der Fehler liegt im Selbstverständnis der SRG-Führung. Sie sehen sich als CEOs eines Grossunternehmens, das Aktionäre – oder in diesem Fall Politiker*innen – zufriedenstellen und sich auf dem Markt beweisen muss. Und das mit den üblichen unternehmerischen Mitteln: Effizienz wird nur in Geld gemessen, Erfolg in Klicks und Reichweite. Das ist kein Service Public. Es gibt Werte. die sich nicht auf Konten einzahlen lassen.

Liebe Frau Wappler, liebe SRF-Führung,

ihr leitet kein privatwirtschaftliches Unternehmen, ihr spielt nicht auf dem freien Markt. Das SRF ist euch nur geliehen, und ihr dient der Schweizer Bevölkerung, nicht der Politik. Euer kategorischer Imperativ ist nicht Wirtschaftlichkeit, sondern Nutzen für die Gemeinschaft. Ihr werdet irgendwann abtreten und ihr steht in der Pflicht, euren Nachfolger*innen einen funktionierenden Service Public zu übergeben. Kein kosteneffizientes, kein markttaugliches Medienunternehmen, sondern das mediale Rückgrat unserer Demokratie.

Der Wert, den ihr generiert, misst sich in Gemeinwohl. Euer Job ist es nicht, möglichst viel Werbung zu verkaufen oder möglichst gute Einschaltquoten zu generieren. Euer Job ist es, Information, Kultur und Fakten zu vermitteln. Eure Neutralität fusst nicht in Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit, sondern in der Verteidigung der eigenen Werte und Aufgaben.

Wenn ihr nicht mehr bereit seid, für eure Kernaufgabe, für euren Daseinszweck zu kämpfen, dann müsst ihr euch nicht wundern, wenn sich die Menschen, die sich bisher für euch einsetzten, abwenden.

London Teil 2: Bei den Grossen mitspielen

Corinne ist von Zürich nach London umgesiedelt, um an der renommierten Royal Academy of Dramatic Arts zu studieren. Wir begleiten die physische und mentale Reise in neue Welten.
Von Corinne Soland

Und schon sind drei Wochen vorbei. Drei Wochen voll intensivem Austausch, Kennenlernen und miteinander in unseren neuen Trainingsräumen ankommen. Ein Aufeinandertreffen und ein Ankommen. Ein „Jetzt endlich geht es los!“ und ein „Was zum Geier mache ich eigentlich hier?“.

RADA – The Royal Academy of Dramatic Arts. Hier haben Grössen studiert wie Fiona Shaw, Alan Rickman, Vivien Leigh, Sir Anthony Hopkins, Gugu Mbatha-Raw, Janet McTeer, Indira Varma und Juliet Stevenson. Hier hat Gemma Arterton’s Karriere begonnen, Ben Whishaw’s und Cynthia Erivos (sie ist die aktuelle Vize-Präsidentin der Schule, omg, ich hoffe auf ein ganz beiläufiges „Hello“ auf dem Gang).

“ … dass das Schulgeld in die Ausbildung fliesst, nicht in die Infrastruktur.“

RADA ist eine der ältesten Schauspielschulen in England, gegründet 1904. 1996 wurde das Gebäude renoviert, doch kalt ist es immer noch in den meisten Räumen, die Infrastruktur ist bescheiden. Eine Dozentin meinte scherzhaft: „Bei der RADA weisst du, dass das Schulgeld in die Ausbildung fliesst, nicht in die Infrastruktur.“

Die RADA ist eine „kleine Familie“, wie oft betont wird. Es gibt zurzeit Studierende in den Bachelors Schauspiel und Theatertechnik sowie uns Master Theatre Lab Menschen. In Planung sind neue Master-Studiengänge u.a. in Lichtdesign und Theatertechnik. Insgesamt sind es aktuell nicht einmal 200 Studierende, die an der RADA in Central London ein und aus gehen. Da die Schule aufgeteilt ist mit einem Gebäude an der Gower Street und einem an der Chenies Street, gehen wir Studierenden ganz in Hogwarts-Manier von einem Ort zum anderen, um zu unseren Lektionen zu kommen.

Die Fächer im ersten Quartal sind: Stimmarbeit, Physical Performance,kontextuelle Studien (Geschichte des Theaters, prägende Stücke und Bewegungen), Singen, Entwickeln einer Performance und Labor für Performance. Die letzteren beiden sind nicht zu verwechseln – im einen wird mittels Grundtechniken eine Performance selbständig entwickelt, im anderen Fach lernen wir, wie eine Performance in der Gruppe entstehen kann. Das Zauberwort dafür lautet: Devising. In jeder Unterrichtslektion wird es uns ein paar Mal eingetrichtert als DAS Mittel, um spannende, lebendige, zeitgenössische Kunst für das freie Theater zu machen.

Deep Dive

Auch andere wichtige Konzepte finden ihren Weg in unser neu täglich benutztes Vokabular: Active Analysis oder Grotowskis (sehr auf die Physis und das Geräusch ausgelegte) Fokus und Bewusstsein – für den Raum, die anderen Körper im Raum etc. Wir lesen die Stücke „Medea“ (Euripides), „Blasted“ (Sarah Kane) und „The Lady from the Sea“ (Ibsen) und entwickeln daraus abgeleitet erste eigene Performances. Drei Wochen – und wir haben uns alle bereits in 15-minütigen Kurzstücken performen sehen!

Unsere Dozent:innen sind alles Menschen, die selber praktizieren – ob als Stimme, Körper im Bewegungstheater oder Spieler:in in der freien Szene: sie sind entweder Gründer:innen von Theater-Kollektiven, langjährige Actor-Trainer:innen oder Sänger:innen. Wir lernen durch sie und sie scheinbar durch uns: noch nie habe ich eine solche Transparenz im Lehren erlebt. Diese Impuls-Gebenden sind Menschen, die ihrerseits wiederum von uns inspiriert werden und ihre Praxis mit unserer (frischen) Energie bereichern lassen. Ich lerne, dass unser Studierenden-Feedback wertvolle Einsicht bringen kann, wie das Curriculum sonst noch angereichert werden könnte.

Ja, es regnet oft in London aber Corinne ist in einem gemütlichen Zuhause gelandet.

Ja, es regnet oft in London aber Corinne ist in einem gemütlichen Zuhause gelandet.

Ausserdem bin ich überrascht von dem Angebot eines Learning Agreements. Wenn eine Person eine Einschränkung hat – dazu zählen hier körperliche Behinderungen wie auch neurodiverse Ausprägungen – hat sie die Möglichkeit, eine Lernvereinbarung mit der Institution abzuschliessen. Menschen mit ADHS oder PTSD sind eingeschlossen und ich finde das bemerkenswert: ja, natürlich ist es anders, mit einer Vergangenheit von z.B. physischer Gewalt ein Stück wie „Blasted“ zu lesen und zu bearbeiten. Natürlich sollte diesem Umstand Rechnung getragen werden. Mich berührt die Sorgfalt, die dahinter steckt, sehr.

LDR / Familie / Care

Noch etwas anderes hat sich mit meinem Umzug ergeben: Ich bin neu in einer sogenannten LDR: “Long distance relationship”. Yay. Wir sind beide nicht sonderlich begeistert davon, aber schaffen es bis jetzt ganz gut, die eigenen Wege zu gehen und doch immer wieder gemeinsamen Alltag zu verbringen – auch wenn es über einen Videocall ist. Wir finden die Momente, die uns ermuntern und informiert halten und fliessen dann wieder in den Alltagsstrom, der uns, unaufhaltsam wie die Zeit, mitreisst.

Matcha For Life: Grüntee hält wach, wenn die Literatur noch gelesen werden will

Klaus (den wir beim letzten Mal kennenlernten) hat sich auch eingefunden. Aber es fällt ihm schwer, immer anwesend zu sein, weil seine Familie sehr viel Aufmerksamkeit verlangt. Während ich langsam in den neuen Rhythmus finden konnte, muss Klaus oft einen Kompromiss zwischen Unterrichtszeit – er arbeitet als Theaterpädagoge und Lehrer – und Familienzeit finden. Manchmal geht er in einer 15-Minuten Pause nach draussen, um seine Kinder auf den Bus zu bringen! Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, in London als Theaterpädagoge zu arbeiten, gleichzeitig zu studieren und die Verantwortung für drei Teenage-Kinder zu haben – die alle ihre eigenen Baustellen mitbringen und (oft spontane) Aufmerksamkeit brauchen. Ich beobachte staunend und wir als Klasse unterstützen ihn mit Verständnis.

Warum, warum, warum?

Warum tun wir das denn, wenn wir doch eigentlich mitten im Berufsleben stehen als Performende? Natürlich geht es darum, als Schauspieler:in besser zu werden, mehr zur Verfügung stehen zu können als Instrument und den eigenen körperlichen wie geistigen Bewegungshorizont zu erweitern. Doch es hat auch noch weitere, praktische Gründe, die bei mir persönlich auch mit einer meiner Einkommensquellen zusammenhängen.

Ich darf an der Zürcher Hochschule der Künste seit 2019 Studierende aus diversen Disziplinen im Bereich Darstellendes Spiel betreuen, dieses Jahr unter anderem im Minor “Immersive Arts” und im Minor “Filmisches Erzählen im Virtuellen Raum”. Zudem bin ich Gastdozent:in in der Ausbildung von jungen Schauspieler:innen im Bereich Motion Capture Performance.

Blick von der Chenies Street aus der RADA auf die Strassen Londons

Es ist mir ein grosses Anliegen, Studierenden, die ich begleite, sowohl aktuelle als auch ältere bzw. fundierte Methoden und Inhalte weiterzugeben. Ich befinde mich an einer interessanten Schnittstelle, an der ich auf dem Markt für topaktuelle intermediale Produkte arbeiten darf (z.B. als Schauspieler:in der neuen VR Erfahrung im FIFA Museum) und gleichzeitig merke, dass ich mein Handeln und Spielen in Techniken verankern möchte, die über Generationen von Darstellenden Künstler:innen erarbeitet, gefestigt und weiterentwickelt wurden.

Meinen Körper an der RADA mit Wissen aus den Bereichen Commedia dell’Arte, Clowning, Griechisches Theater oder Theater aus dem Mittelalter anzureichern, erscheint mir das Mindeste zu sein, was ich tun kann, um selbst zu einer Art Verknüpfer:in zu werden zwischen „alt“ und „neu“. Ein menschliches Bindeglied durch Erfahrung und Interesse.

Happy 2025!

Unsere Klasse besteht aus Performer:innen aus diversen Disziplinen und Teilen der Welt: eine Tänzerin aus Malaysia, Schauspieler:innen ausgebildet in klassischem Theater aus England und den USA, eine Theaterpädagogin aus China, eine Regisseurin aus Südafrika, Darstellende aus Polen, der Ukraine und Italien sowie von Hawaïï.

Chinesisches Festessen zu Neujahr.

Gerade recherchiere ich, welches Mitbringsel sich für den Übergang in das Chinesische Neue Jahr eignet. Ich bin zur Feier der Mitstudentin eingeladen und finde heraus, dass ich auf jeden Fall etwas rotes, weisses oder gelbes tragen sollte – oder ein Shirt mit einer Schlange drauf! Zum Glück sind die Shops hier fast 24/7 offen, so dass ich gut noch Früchte einkaufen kann, um ihr “abundance, prosperity” und viel Liebe für das neue Jahr zu wünschen.

Das Jahr der Schlange also: Weisheit, Eleganz und die Kunst der ruhigen Bewegung. Transformation, Erneuerung, Wachstum. Mit Bedacht vorwärtsgehen, die Kraft der Geduld nutzen und bei der Verfolgung von Zielen auf die kleinen Details achten. Klingt machbar, oder? Happy New Year auch euch allen Lesenden und ein tolles Haut-Abstreifen und sanft-Bewegen!

Erfolg ist relativ

Wie misst man Erfolg? Ist es dasselbe wie Ruhm? Kann man Erfolg aufbewahren oder braucht man immer wieder neuen? Steffi macht sich Gedanken.

Von Stefanie Gygax

Wir alle möchten erfolgreich sein und merken gar nicht, dass wir jeden Tag Erfolg haben. Denn mit jeder erfolgreich abgeschlossenen Handlung haben wir Erfolg. Der Volksmund schreibt diesem Wort jedoch eine andere Bedeutung zu. Erfolg bedeutet Ruhm, viel Geld und in aller Munde zu sein! Kann man das allgemein über einen Kamm scheren oder bedeutet es nicht in jedem Genre etwas Anderes?

Was ist für dich Erfolg?

Für mich bedeutet Erfolg, meine Berufung ausüben zu können. Jedoch hat sich auch bei mir über die Jahre diese Wahrnehmung verschoben.
Als Kind war es mein Ziel, von der Kunst leben zu können. Ich fühlte mich nach meinem Studium immer erfolgreich, wenn ich Projekte hatte, egal welcher Art.

Ich war glücklich, wenn ich damit meine Rechnungen bezahlen konnte. Viel mehr brauchte ich nicht. Je älter ich aber wurde, desto kritischer wurde ich dem Genre gegenüber. Gewisse Produktionen wollte ich nicht mehr machen, weil sie mich nur Nerven kosteten oder weil ich der Ansicht war, dass zu wenig professionell gearbeitet wurde.

Der Wert von Geld veränderte sich ebenfalls, weil ich immer mehr darauf schaute, ob ich diese Rolle überhaupt singen möchte, oder ob ich mit diesen Menschen gerne zusammen arbeiten will, wo ich früher nur froh war, dass ich die Miete bezahlen konnte. Andererseits will ich mittlerweile auch nicht mehr in einer kleinen Popelwohnung wohnen und ein schönes Auto zu fahren gibt auch mir ein gutes Gefühl.

Bedeutet das nun, dass ich erfolgreich bin, weil ich diese materiellen Güter besitze? Irgendwie ja, aber auch nein.

Meine eigene Erfolgslatte wird immer höher. Ich kann noch so dankbar sein für die Dinge, die ich besitze oder schon erreicht habe. Ich strebe immer schon nach dem Nächstbesseren. Ein Fluch und ein Segen zugleich, weil ich ohne diesen Drang keinen Antrieb mehr hätte, nach dem nächsten Job Ausschau zu halten, wieder an Auditions zu gehen und neue Netzwerke zu knüpfen.

Gerade jetzt, als freischaffende Sängerin, bedeutet Erfolg für mich, wenn ich die nächsthöhere Stufe erreiche. Ich fühle mich erfolgreich, wenn ich sage, dass ich nicht mehr unter 500.- irgendwo für auftauche und es bezahlt wird, weil man mich engagieren möchte (Segen).

Andererseits bin ich aber erst wieder glücklich, wenn ich im nächst grösseren Stadttheater oder Opernhaus engagiert werde, weil ich alles andere als „normal“ erachte (Fluch).

Mir wurde bei einem kürzlichen Gespräch bewusst, dass jeder Mensch, egal ob Künstler oder nicht, das total anders sehen kann. Für mich war es zum Beispiel nie ein Thema, dass ich nur Erfolg habe, wenn ich in der Öffentlichkeit bekannt bin. Vielleicht, weil das in der Theaterbranche gar nicht so ein Thema ist. Der Medienruhm ist zwar „nice to have“, aber es sind eher die Theater oder Rollen, die stolz machen.

Mein einziges Idol, welches ich als Teenager auf der Bühne sehen durfte, in Wien am Raimundtheater, war Steve Barton. Für mich ein Ausnahme-Künstler, der als Graf von Krolock im Musical „Tanz der Vampire“ gefeiert wurde. Ein paar Jahre danach hat er sich das Leben genommen. Dies war für mich zwar tragisch, aber nicht erstaunlich. Ein Darsteller, der so feinfühlig singt und jeden Abend sein ganzes Herz auf die Bühne bringt, muss es ja zerstören, wenn er dieses Gefühl des Erfolges auf der Bühne und das tobende Publikum nicht mehr spüren darf.

Es zeigt die Kurzlebigkeit von Ruhm in unserem Beruf. Wir können für ein paar Jahre hochgelobt sein und danach arbeitslos zu Hause sitzen oder irgendwo im Ensemble versauern. Je grösser und Schöner die Engagements sind, desto tiefer der Fall danach.

Es stellt sich also eher die Frage: „Wie schaffe ich es als Künstler, glücklich zu sein, auch wenn ich gerade keinen sichtlichen Erfolg habe?“
Nur weil die Menschen im Aussen dich gerade nicht als erfolgreich betrachten, musst du ihnen nicht Glauben schenken. Denke daran, was du schon alles erreicht hast in deinem Leben und wisse, dass wieder irgendwo die nächste Tür aufgeht. Weil es immer so war und immer so sein wird, wenn du nicht aufhörst an dein nächstes Ziel zu glauben.

170 Schweizer Filme – Solothurner Filmtage

Seit gestern präsentieren die 60. Solothurner Filmtage 170 Schweizer Filme. 74 davon sind SRG-Koproduktionen.

Die Weltpremiere des Dokumentarfilms «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» machte am 22. Januar den Auftakt. Die SRF-Koproduktion erzählt die Geschichte eines Migrantensohns, der hier seinen Weg zum erfolgreichen Unternehmer fand und Sammler skuriler Alltagsgegenstände wurde.

Am 26. Januar feiert die zweite Staffel der Serie «Die Beschatter» am Festival Premiere. In der von Michael Steiner und Timo von Gunten inszenierten SRF-Koproduktion versuchen Schüler, ihren unter Mordverdacht stehenden Lehrer aus dem Gefängnis zu befreien.


SzeneSchweiz Netzwerkapéro am Mo. 27.1.2025

Es ist wieder Zeit für unseren beliebten Netzwerk- und Branchenapéro, den wir jedes Jahr zusammen mit dem SSFV veranstalten:

18:30 im Uferbau Solothurn

Wir freuen uns auf euch. Eine Anmeldung ist nicht nötig und es braucht für den Apero keine Akkreditierung.


Rahmenprogramm

Im Rahmenprogramm SO PRO finden Pitching Sessions, Workshops und Vernetzungsveranstaltungen statt, die für die Branche das Filmjahr einläuten. Am 24. Januar informieren SRG-Generaldirektorin Susanne Wille im Stadttheater über den Pacte de l’audiovisuel und aktuelle Herausforderungen.

Parallel zum Festival stellt die Streaming-Plattform Play Suisse eine Sonderkollektion mit zwölf Filmen aus früheren Festivalausgaben bereit. Darunter befinden sich das Sozialdrama «La voie royale», der Spielfilm «Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste», die Bergfilme «Laissez-moi» und «Bergfahrt – Reise zu den Riesen» sowie der Dokumentarfilm «I Giacometti».

Absage mit Anstand

Mit Absagen müssen wir leben – aber lieber ein klares „Nein“ als Wischiwaschi, falsches Mitgefühl oder gar Ghosting. Den Respekt haben wir verdient, meint unsere Kolumnistin Rebekka Burckhardt.

Warum fällt es eigentlich Theaterleiter:innen, Veranstalter:innen, Regisseur:innen, Caster:innen, Dramaturg:innen, Produzent:innen oft schwer, nach einem Vorsprechen, einem Casting, einer Bewerbung, in einem zeitlich angemessenen Rahmen/Bereich eine Absage zu erteilen? Auf eine Auftrittsanfrage, ein Vorsprechen, ein Casting einen ablehnenden Bescheid zu übermitteln?

„Man kann nicht nicht kommunizieren“
( Paul Watzlawick 1969)

Warum beherrschen diese handlungsbefugten, entscheidungstragenden Personen oft das ABC nicht, welches die Personalchefs in anderen Branchen früh lernen müssen:
Anfragen beantworten
Absagen versenden
Mit Dank ablehnen

Was (zum Teufel) haben Entscheidungsträger in leitenden Positionen im Showbusiness eigentlich so Wichtiges zu tun, dass sie das Wichtigste nicht priorisieren können: Die Kommunikation mit uns spielenden, singenden, tanzenden Bühnenmenschen. Auf der Bühne oder vor der Kamera kann wenig stattfinden ohne uns. Oder habe ich da in all den Jahren irgendwas nicht verstanden?

Die vielen anderen wunderbaren und wichtigen Berufe am Theater/Oper/Ballett und im TV/Kino – nebst uns Schauspieler:innen/Sänger:innen/Tänzer:innen – existieren doch, damit wir Bühnenmenschen auf die Bühne oder vor die Kamera gehen und der Lappen hochgehen bzw. die Kamera rollen kann, oder? Richtig?

Meine Frage, seit Jahren:
Warum wird uns gegenüber dann oft so nachlässig kommuniziert? Wenn dann was kommt, dann klingt das oft so:

Mimimimiiii.
Es ist so schwer, jemandem absagen zu müssen.
Das ist so quälend.
Uuuu, wir können nicht.

Drum muss man es aufschieben und dann vergessen.

Ihr Bühnenmenschen sollt das doch verstehen.
Wir haben so viel Wichtiges zu tun.
Und es gibt so viele von Euch!
Das ist eine solche Belastung für uns!
Ihr müsst es nicht persönlich nehmen, wenn ihr nichts mehr von uns hört.
Wir können Euch leider nicht sagen, woran es liegt.
Aber bitte glaubt uns: Es hat nichts mit Euch zu tun!

Ja, genau.  „Es hat nichts mit Euch zu tun!“

Womit aber dann? Und wie sollen wir es dann nehmen? Unpersönlich? In unserer Arbeit stecken unsere Persönlichkeit, unsere Gefühle, unsere Phantasie, unsere ganze Biographie. 100 Prozent Einsatz, jederzeit. Krisenfest, wendig, konfliktfähig, durchlässig, verschwenderisch.

„Danke für Deinen grossartigen künstlerischen Einsatz!“, ist eine der Floskeln, die wir zu hören bekommen.  Und dann sollen wir auf Knopfdruck alle unsere Empfindungen auf Autopilot stellen: „Ich nehme nichts persönlich und verstehe, wenn ihr alle Anstands- und Verbindlichkeitsregeln der Kommunikation ignoriert.“

„Ghosting“ heisst das heute, wenn sich jemand einfach in Luft auflöst und unerreichbar ist. Wir begegnen diesem Phänomen in unserem Beruf über die Jahre immer wieder. Keine Antwort. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Nicht mal ein Standardmail.

Dabei ist es grade heute sehr einfach. Man muss nicht mal mehr zum Telefonhörer greifen. Sag Deiner unterbezahlten Assistentin oder unbezahlten Hospitantin doch einfach, sie soll die Absage-Liste abarbeiten und das unpersönliche „Es tut uns leid, aber …“-Mail rauslassen.

Und ihr dann so: Wie bitte? Wie unmenschlich! Eine Standardmail – auf keinen Fall! Das wäre doch viel zu unpersönlich – bei uns geht es doch um Kunst! Es geht doch um Menschen! Wir sind doch nicht irgendeine Firma!

„Lieber Standard als keine Art.“
Rebekka Burckhardt

Genau. Es ist einfach, ihr Menschen in leitenden Positionen in der Kulturbranche: Lieber Standard als keine Art.

Ihr müsst uns nicht in den Arm nehmen, wenn ihr uns absagt. Formuliert einfach eine Mail und go copy paste. Klar, elegant und persönlich ist das nicht.  Es ist die Basicausführung, genannt Mindestanstand gegenüber den Künstler*innen. 

Was nicht geht, nie ging und nie gehen wird, ist:

Einfach nie wieder melden.
Versickern lassen.
Nicht reagieren.
Ignorieren.

Ghosten.

Chumm verzeu jitz ke süessmoscht
Das ziiet ja fäde wed’s seisch
Du verchläbsch mr dr empfänger
Du geisch mr uf e geischt
Mit dim i-wott-dr-nid-weetue-gliir
Formulier dr kene ab
Probier’s doch ganz eifach vo dr z’gä
Lad doch düre u drück ab
Kuno Lauener, Züri West

Die Zerstörung der SRG

Kommentar: Die Nationalratskommission will die SRG finanziell noch mehr schwächen – zusätzlich zu Bundesrat Röschtis Kürzungen und im Vorfeld der Halbierungsinitiative. Warum hassen Rechtsbürgerliche die SRG so sehr?

Dass die Kürzungen bei der SRG fatale Auswirkungen auf die Schweizer Kulturlandschaft haben (werden), ist uns allen klar. Aber der Schaden für unsere Gesellschaft ist weit grösser und gefährlicher. Jetzt will die Nationalratskommission mit dem Kahlschlag bei der SRG noch weiter gehen als der Bundesrat, wie der Tagesanzeiger berichtet.

Wissen Sie, warum die Schweiz damals entschied, die SRG nicht über Steuergelder, sondern über eine Gebühr zu finanzieren? Weil Steuergelder der Kontrolle des Parlaments unterliegen und niemand wollte, dass eine Ratsmehrheit über die Finanzierung Einfluss auf die Berichterstattung nehmen kann. Ratsmehrheiten können sich immer ändern. Von rechts bis links war allen klar, dass eine unabhängige SRG ein wichtiger Bestandteil der Schweizer Demokratie war und auch bleiben soll.

SRG seit NoBillag Freiwild 

Seit der NoBillag-Initiative hat sich das verändert. Es gibt Kräfte in der Schweiz, denen eine politisch und finanziell unabhängige Berichterstattung ein Dorn im Auge ist. Warum? Schauen wir zurück auf die US-Wahlen 2016. Ein Kandidat erzählte im Minutentakt Lügen. Es gab in den USA Medien, die diese Lügen entlarvten, und es gab Medien, die diese Lügen transportierten.

Freie Berichterstattung, würde man meinen. Dem ist aber nicht so. Da alle Medien in den USA politischen Lagern zugeordnet werden, stehen am Ende Lügen und Fakten gleichberechtigt nebeneinander, gelten einfach als „unterschiedliche Positionen“. Für populistische Kräfte, die in erster Linie mit gefühlter Realität und Angst und nicht mit empirischen Fakten argumentieren, ist das eine ideale Grundlage. Und in der Schweiz sehen wir seit einigen Jahren ähnliche Tendenzen: Fakten dienen nicht mehr als Grundlage des politischen Diskurses, Meinungen und Bauchgefühl werden höher gewichtet. Da stört eine unabhängige, neutrale und der Realität verpflichtete Medienorganisation nur.

SRG eine Gefahr für Populisten

Ein unabhängiges Medium, das gesetzlich der Neutralität und der Faktentreue verpflichtet ist und im Auftrag aller Bürger*innen berichtet, ist eine Gefahr für alle extremistischen und populistischen Kräfte. Das erklärt, warum die Rechtspopulisten der SVP so vehement gegen eine freie und unabhängige SRG schiessen. Als die Polit-Senudng Arena die Live-Faktenchecks einführte, fühlten sich viele Gäste aus dieser Ecke bedroht.

Dann bleibt die Frage, warum sich die FDP an der Hetzjagd gegen das öffentlich-rechtliche Medienangebot beteiligt. Es sei, um den Mittelstand zu entlasten, führen liberale Medienpolitiker*innen an. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie eigentlich in erster Linie die Unternehmen von der Serafe-Abgabe befreien wollen.

Das Markt-Märchen

Und das ist nicht alles. Die FDP agiert hier auch als Lobby für die grossen privaten Medienhäuser. Diese sehen das SRF mit seinen Gratisangeboten als unfaire Konkurrenz, gerade auf einem schrumpfenden Werbemarkt. Also beteiligen die Verleger sich aus den Schatten am Angriff auf die SRG. Was absolut keinen Sinn ergibt, denn eine SRG mit weniger Serafe muss mehr Geld aus dem Werbekuchen generieren.

Lauthals fordern Liberale, Medien müssten sich auf dem freien Markt behaupten. Auch hier könnte man Heuchelei vermuten. Denn wenn man etwas tiefer in die neuen Kürzungen schaut, stellt man schnell fest, dass der Gebührentopf zusammengestrichen werden soll, keine Abgaben mehr für Unternehmen, dass aber der Anteil, den privatwirtschaftliche Medien aus diesem Topf bekommen, nicht kleiner werden darf. Also: Private Medien, die Gebührengelder erhalten, aber zum Teil massige Dividenden auszahlen, sollen weiterhin gleich viel beziehen, während die SRG, bzw. SRF stärker zurückgebunden wird.

„Die Kommission will alle Unternehmen von den Radio- und Fernsehabgaben befreien. Im Vergleich zu heute würden so auf einen Schlag noch einmal rund 170 Millionen Franken Gebührengelder wegfallen, wie die Jahresrechnung 2023 für die Unternehmensabgabe für Radio und Fernsehen zeigt. Die privaten Anbieter, die heute ebenfalls von Radio- und Fernsehgebühren profitieren, sollen nicht unter der Gebührensenkung leiden. Ihr Anteil soll mindestens gleich hoch bleiben wie bisher. Alle Mindereinnahmen gingen also zulasten der SRG.“

Vergebens suche ich den liberalen Gedanken in dieser Logik. Aber es geht noch weiter. Die Medienhäuser beklagen sich über einen härteren Markt, entlassen massenhaft Journalist*innen, stellen die Kulturberichterstattung vollkommen ein und zahlen im gleichen Zuge Gewinne an die Aktionär*innen aus. Natürlich ist der Markt härter und soziale Medien haben breite Teile der Informationskultur gekapert. Aber statt Geschäftsmodelle für die Zukunft zu entwickeln und in Journalismus zu investieren, wollen die grossen Medienhäuser die SRG schwächen, auch wenn sie weder die Ressourcen noch die Qualität haben, um diese Lücke dann zu füllen.

Die SRG bietet die in vielen Bereichen einen Dienst an der Gesellschaft, der den privaten Anbietern zu teuer und zu aufwändig ist. Die grossen Medienhäuser werden dadurch in keiner Weise konkurriert. Von den Sprachregionen will ich gar nicht anfangen. Wenn nun die Politik parallel zum Leistungsabbau bei den Privaten auch die SRG schwächt, schadet sie der Schweizer Demokratie. Punkt.

Und was macht die SRG? Sie übt sich in vorauseilendem Gehorsam. Duckt sich, entschuldigt sich, brennt ganze Bereiche des Service Public freiwillig nieder. Dabei wissen wir doch seit dem Grobian auf dem Pausenplatz: Wer sich duckt, wird noch stärker gemobbt.

«Werde ein Star!» *Zwinkersmiley*

Schauspieler Martin Ostermeier beantwortet zum Jahresbeginn Fragen zu Entwicklungen in den Darstellenden Künsten und verrät, was er seinem jüngeren Ich heute empfehlen würde.

Das Interview wurde schriftlich geführt, redaktionell verantwortlich: Reda El Arbi

Herr Ostermeier, was würden Sie ihrem 20-jährigen Ich aus heutiger Sicht zum Thema Schauspielerei und Karriere ans Herz legen?

Darüber könnte ich fast ein Buch schreiben. Hier mal eine Art Klappentext zu einem solchen Buch, so etwas wie ein Teaser:

Liebes 20-jähriges Ich!
1. Pflege deine Arbeitskontakte!
2. Trenne zwischen beruflichen und privaten Beziehungen!

Zunächst mal zu dem zweiten Punkt. Natürlich kannst und musst du nicht immer zwischen Privatem und Professionellem trennen, schließlich entwickeln sich bei Film oder Theater mitunter auch Freundschaften. Außerdem kann es – aufgrund der intensiven zeitlichen Beanspruchung und der eher ungewöhnlichen Arbeitszeiten als Schauspieler – recht schwierig sein, persönliche Beziehungen außerhalb des Berufs zu pflegen. Daher wirst du natürlich oft mit den Arbeitskolleg*innen auf ein Bier gehen oder etwas anderes unternehmen.

Aber sei dir bewusst, dass die Leute, mit denen du zusammenarbeitest, in erster Linie Teil deiner Berufswelt sind. So vermeidest du zu große persönliche Verletzungen oder Enttäuschungen, wenn die Kolleg*innen sich mal nicht so verhalten, wie du dir das wünschst, oder wie es
angebracht wäre.

Und wie sollte man seine Arbeitskontakte pflegen?

Ich sage nicht, dass du ständig mit Leuten aus der Berufswelt in Kontakt sein musst. Also in der heutigen Welt: du musst nicht dauernd auf verschiedensten Kanälen Emojis und Kurztexte hin und her schicken. Nein, denke einfach daran, dass man sich immer wieder begegnen kann. Sei also zurückhaltend damit, jemanden definitiv abzuschreiben.


Zur Person
Martin Ostermeier
ist Vorstandsmitglied SzeneSchweiz und studierte Schauspielerei am Mozarteum in Salzburg. Es folgten Engagemente beim Schauspiel Frankfurt, am Luzerner Theater, Schillertheater Wuppertal und weitere  Stationen in Deutschland und der Schweiz.

Im Jahr 2006 besuchte er einen Filmschauspielkurs an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Dem breiten Schweizer Publikum  wurde er durch die Serie Der Bestatter bekannt, wo er den Gerichtsmediziner Alois Semmelweis verkörpert.


Wir alle machen Fehler und in neuen Kontexten kann eine Arbeit mit einer Person, mit der es mal nicht so funktioniert hat, plötzlich gelingen. Also ein wenig Nachsicht und Geduld. Menschen, denen alles oder das meiste glückt, sind sehr selten; vielleicht gibt es sie gar nicht.

Aber durch beständige und an der Sache orientierte Arbeit kannst du dich stetig verbessern. Schau genau hin: Was will die Person mit dem, was sie macht? Aus welchen Gründen will sie das? Welche Rolle – in einem sehr weiten Sinne – übernimmst du in dem ganzen Spiel, das die Kultur- oder Unterhaltungsbranche ist?

Wie findet man seine berufliche Identität?

Darüber wie man generell seine berufliche Identität findet, rede ich hier ausdrücklich nicht. Das wäre wieder eine andere Frage. Ich spreche hier zu meinem 20-jährigen Ich. Da würde ich noch folgendes anfügen: Verabschiede dich von dem (falsch verstandenen) Geniegedanken!

Und: Sei selbstbewusst! Du kannst etwas. Auch ganz vieles, was andere nicht können. Ich belasse es jetzt mal bei diesen ausgewählten, skizzenhaften Gedanken. Wie gesagt, ich könnte ein Buch zu dem Thema schreiben.

À propos Buch! Es gibt da eines, das ich empfehlen kann. Der Autor ist aus verschiedenen Gründen heute ein wenig aus der Mode gekommen. Aber in Über den Beruf des Schauspielers von (Berthold) Brecht gibt es ein paar gute Stellen. Ich hatte es zu Schauspielschulzeiten auch in der Hand, habe aber damals einiges darin nicht richtig oder falsch verstanden.

Was hat sich in den letzten Jahren für Freischaffende verändert? Zum Positiven? Zum Negativen?

Gut, das wäre das nächste Buch. *Zwinkersmiley* Dass sich unsere Welt rasend verändert, ist eine Binsenweisheit. Das war übrigens schon oft so, je nach dem, an welchen Ort und an welchen Zeitpunkt in der Geschichte man sich gedanklich begibt.

Ich beschränke mich auf ein, zwei Aspekte, mit denen jede und jeder vertraut sein dürfte. Natürlich bieten uns die – nicht mehr ganz so neuen – neuen Kommunikationsmittel viele hilfreiche Möglichkeiten der Vernetzung.

Ein Beispiel: Wenn ich im Februar auf die Berlinale gehe, bin ich Teil einer WhatsApp-Gruppe, in der Informationen über wichtige Events und Gelegenheiten zum Kennenlernen, sowie andere praktische Hinweise geteilt werden. Außerdem kann ich mich online über die An- oder Abwesenheit von Filmemachenden erkundigen und diese kontaktieren, wenn sie vor Ort sind. Super!

Davon profitieren die Darstellenden …

Die Gefahr von dem Ganzen scheint durch diese Vorteile natürlich bereits hindurch: Info-Overload, Angst davor, etwas zu verpassen (Fomo), ständige Erregtheit bzw. Übererregtheit (Hyperarousal) mit all ihren negativen Folgen.

Nächstes Beispiel: Castings finden – seit knapp fünf Jahren noch massiv durch die Pandemie befeuert – sehr oft nur noch elektronisch statt. Selbst wenn die Casterin – meist sind es Frauen – in der selben Stadt ist, wird oft ein E-Casting gewünscht, zumindest am Anfang und für kleinere Rollen.

Dadurch steigt mein Aufwand als Schauspieler*in massiv: ich muss eine genügend gute Kamera mit genügend Speicherplatz (Mobiltelefon) besitzen; ein Stativ ist fast unabdingbar; ich muss mich um den geeigneten Raum für das Casting selbst kümmern, genauso wie um Kolleg*innen als Anspielpartner*innen.

Diese Leistungen sind in den letzten Jahren oft von den Castingagenturen – die auch unter Druck stehen – an die Schauspielenden outgesourct worden. Den Mehraufwand muss ich leisten. Natürlich kann ich nun auch von der Schweiz aus auf dem deutschen oder internationalen Markt mitmischen; das ist der Vorteil der beschriebenen Entwicklung. Aber hier lauern ähnliche Gefahren, wie ich sie oben in Bezug auf die Vernetzung auf der Berlinale beschrieben habe.

Die Pandemie und der Lockdown bewirkten eine Zäsur in den Darstellenden Künsten. Hat sich die Szene wieder erholt? Sind neue Möglichkeiten aus der Erfahrungen des Lockdowns entstanden?

Alle, die sich irgendwie für Theater interessieren, bekamen nochmal intensiv vor Augen geführt, dass es – gelehrt ausgedrückt – um physische Kopräsenz geht, also um mindestens zwei Leute zur gleichen Zeit im gleichen Raum. Ich denke, niemand vermisst gestreamte Aufführungen. Ich selber habe mir keine angesehen. Nur einmal bin ich selbst live in einem Zoom aufgetreten. Für mein Gefühl ist mein Auftritt in die Hose gegangen.

Aber da fängt es schon an, „für mein Gefühl“: ich habe das Publikum nicht gespürt und weiß deshalb auch nicht wirklich, wie meine Vorstellung angekommen ist. Es gab einfach kein Theater zu den Lockdownzeiten. Zumindest kein Theater, wie ich es verstehe, wo ein energetischer Austausch zwischen Agierenden und Zuschauenden möglich ist. Helge Schneider z.B. hat sich geweigert, vor Leuten, die in Autos sitzen, aufzutreten. Glücklicherweise gehört er zu denen, die sich so eine Haltung finanziell leisten können.

Sind durch die besonderen Umstände damals nicht auch neue Formen der Zusammenarbeit entstanden?

Natürlich gehen wir alle mittlerweile viel selbstverständlicher mit Zoom oder anderen Kollaborationsplattformen um. Für gewisse Kontexte ist das sehr hilfreich. Wenn ich einen Film mit einem Regisseur drehe, der im Moment im Kosovo sitzt, kann ich den zumindest schon mal online kennen lernen.

Über einen Videoanruf spüre ich den Menschen schon viel mehr als über eine Mail oder einen normalen Anruf. Das fand ich bei meinem letzten Film Silence of Sirens sehr angenehm.

Im Theater ist es klar: Es gibt Festanstellungen in Ensembles. Wie sieht es in der Filmbranche aus? Gibt es da überhaupt Möglichkeiten, um ein regelmässiges und sicheres Einkommen zu generieren?

Ja, diese Möglichkeit gibt es: Werde ein Star! Anders gesagt: Diese Möglichkeit gibtes nicht wirklich. Denn ein Star zu werden hängt erstens von sehr vielen Dingen mit ab, die Filmschauspielende nicht selbst in der Hand haben; außerdem gibt es, wenn wir mal nur über den Schweizer Markt sprechen, lediglich Platz für eine Handvoll Stars im Film.

Also muss ich sicher auch außerhalb vom Film arbeiten: im Theater, als Sprecher*in, an Schauspielschulen, in der Theaterpädagogik, im Kommunikationstraining … oder natürlich auch in gänzlich branchenfremden Bereichen: von der Velokurierin bis zur Bankangestellten, vom Lastwagenchauffeur bis zum Primarlehrer ist hier alles möglich. In meinem Bekanntenkreis habe ich für alle erwähnten Tätigkeiten Beispiele.

Noch mal kurz zu der eingangs erwähnten Möglichkeit, ein Star zu werden: Ich will nicht sagen, dass es gar nicht auf die eigenen Entscheidungen und Bemühungen sowie gar nicht auf die eigene Arbeit ankommt. Das ist aber nur ein Teil von dem, was dich eventuell zum Star macht. Vieles liegt außerhalb deiner Einflussmöglichkeiten.

Viele deutschsprachige Darsteller*innen versuchen ihr Glück in Deutschland, bei frankophonen Frankreich, bei italienischsprechenden Italien. Sind die Voraussetzungen für eine Karriere im Ausland besser als in der Schweiz? Und
wenn ja, warum?

Na, da wären wir beim Thema, das schon mehrmals angeklungen ist: der gesamte deutschsprachige Markt (DACH) und der internationale Markt. Das wäre dann das dritte Buch, das zu schreiben wäre, denn es wird ein wenig komplexer jetzt. Eigentlich kann ich deine Frage in wenigen Sätzen nicht beantworten. Ich versuche es trotzdem. *Zwinkersmiley*

Sprechen wir zunächst über den Bereich (Sprech-) Theater. Da mache ich es mal kurz und sage, Deutschland, Österreich, und die Deutschschweiz (DACH), das ist im Sprechtheater wie ein Land. Klar, das ist vereinfacht, denn es gibt erhebliche Unterschiede z.B. bei den Gagen und bei den Fördermitteln, die zur Verfügung stehen; aber das System der Häuser mit festen Ensembles und daneben die (sehr heterogene) freie Szene … das ist in DACH alles sehr ähnlich.

Es ist also egal, ob München, Wien oder Zürich?

So kann man das natürlich nicht sagen. Aber zum Teil sind die Unterschiede innerhalb der einzelnen Länder größer als die Unterschiede zwischen bestimmten Städten aus verschiedenen Ländern. Sicher lässt sich festhalten, dass ich natürlich viel mehr Möglichkeiten habe, wenn ich nach Deutschland und auch Österreich gehe.

Schwierig ist es nur, mit einer deutschen Gage einen Wohnsitz in der Schweiz zu halten, wenn man z.B. gastiert: die Bezahlung ist viel niedriger und von dieser wird viel mehr abgezogen – wenn ordentlich abgerechnet wird.

Über Italien könnte ich nur mutmaßen, also lasse ich das. Frankreich? Das System im Sprechtheater ist komplett anders. Es gibt nur sehr wenige feste Ensembles, der Rest ist so ähnlich wie bei uns die freie Szene organisiert. Dafür ist es in Frankreich leichter, zwischen einzelnen Engagements Geld als intermittent*e du spectacle zu bekommen; zumindest war das früher so, ich bin da vielleicht nicht auf dem neuesten Stand.

Es ist einfach ein Systemwechsel, wenn man zum Sprechtheater nach Frankreich geht. Die einen finden das angenehm, die anderen nicht. Mehr Möglichkeiten als in der Romandie? Natürlich, ein Vielfaches an Möglichkeiten.

Wie sieht es beim Film aus? In der Schweiz gibt es ja kaum grosse Produktionen.

Der audiovisuelle Bereich, also Kino, Fernsehen, Streaming? Die Märkte in Deutschland, Frankreich und Italien sind größer, also gibt es dort auch mehr Möglichkeiten. Das ist sicher von Vorteil. Gleichzeitig sind natürlich auch mehr Schauspielende dort, die sich um Rollen bemühen.

Sicher ist: in Deutschland können viel mehr Leute nur vom Kameraschauspiel leben als in der kleinen Schweiz. Man darf natürlich nicht die Koproduktionen vergessen, die in und mit der Schweiz gemacht werden. Die letzten beiden Filme, die ich gemacht habe, waren mit dem Kosovo bzw. mit Italien zusammen produziert. Da weichen sich dann langsam die Grenzen auf: Ist das jetzt eine CH- oder eine internationale Produktion. Rein der Form nach natürlich international.

Was sind die dringendsten Themen, die SzeneSchweiz in Bezug auf die Freischaffenden in der näheren Zukunft angehen muss?

Gefährlich, denn wenn ich jetzt zwei Punkte herausgreife, gibt es sicher Leute, die finden, ich hätte das Wichtigste vergessen Aus meiner Sicht sind zwei Themen dringend:

1. Tantiemen für Streaming und alles andere was im Internet angeboten wird. Es kann nicht sein, dass ich heute Geld bekomme, wenn etwas im Fernsehen gesendet, aber nicht, wenn es im Internet gestreamt wird. Das ist eine große Ungerechtigkeit, die durch die Verlagerung der Medienangebote ins Internet immer größer wird. Hier besteht dringender Handlungsbedarf!0

2. Durch technische Entwicklungen gibt es neue Möglichkeiten – z.B. motion capture – aber auch neue Fallen und Gefahren wie im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Hier zeigen sich neuartige Herausforderungen, mit denen wir umgehen müssen. In erster Linie sind Urheber- und Persönlichkeitsrechte zu nennen. „Ein elektronischer Klon von mir, mit dem ein Film gemacht und Geld verdient wird, ohne dass ich davon etwas bekomme? – Ein No Go!

To be continued!

Auf ein Neues …

Liebe Ensemble-Lesende, liebe Darstellende, liebe Kulturbegeisterte

2024 war ein anstrengendes Jahr für viele von uns. Der Wind wehte kälter im Bereich Kultur und darstellende Künste. Im Parlament war die Finanzierung auf verschiedenen Ebenen unter Beschuss, einiges haben wir abgewendet, einige Niederlagen eingesteckt.

Auch in der Medienlandschaft musste die Kulturberichterstattung einige Schläge einstecken: Der Züritipp wurde eingestellt, das Schweizer Fernsehen baut in grossem Stil Kultursendungen und Beiträge ab. Viele unserer Kolleg*innen auf den Bühnen leben und arbeiten noch immer in prekären Situationen, mehr Geld für Kultur ist nicht in Aussicht. Die Weltlage fühlt sich schwierig an. Man könnte müde werden.

Aber genau jetzt sind Kultur und allen voran die darstellenden Künste ein immens wichtiges Standbein für die Resilienz und die Kraft einer Gesellschaft. Nicht nur, wenn politische Themen auf die Bühne gebracht werden, auch wenn leichte, luftige Geschichten und brillante Choreografien mehr ansprechen als nur den Intellekt, zeigt Kunst und Kultur ihren Wert.

Ob Film, Theater oder Tanz: die Kunst schafft nicht nur neue Denkräume, sie gibt uns oft auch eine Pause, ein Lachen, staunende Augen, um unsere Batterien wieder aufzuladen. Wenn für viele kulturelle Angebote nur als «Freizeitaktivität» gelten – wir vergessen nicht, wie wichtig, dass gerade die Arbeit der Darstellenden für die geistige Gesundheit einer Gesellschaft ist. 

Und wir sind nicht alleine. Gemeinsam gehen wir die Themen des neuen Jahres an, als Verband, als Freund*innen und Kolleg*innen, mit Mitgefühl, Humor, Biss und dem üblichen Chaos, das unsere Welt ausmacht.

Also, liebe Künstler*innen, Ärmel hochgekrempelt und los ins neue Jahr! 2025 braucht eure Träume, euer Lachen, eure Tränen und eure Kunst dringender denn je!
Euer Ensemble-Schreiberling, Reda El Arbi

Sektenpropaganda auf Schweizer Bühnen

Tanz als Deckmantel für Geldwäscherei und Ausbeutung – wie die chinesisch-amerikanische Sekte Falun Gong Schweizer Bühnen benutzt.

260 Millionen Dollar besass die Tanz-Kompanie Shen Yun Ende 2023. Eher ein multinationaler Konzern als eine Kulturvereinigung. Der Tagesanzeiger zeigt die ganze Geschichte.

Ansammeln konnte die der Sekte Falun Gong zugehörige Tanzfirma ihren Reichtum in erster Linie aus der Ausbeutung ihrer Künstler*innen, Geldwäscherei und Steuervermeidung. Die Tänzer*innen, zum Teil Minderjährige, leben von 1000 Dollar im Monat. Ein Betrag, der die Künstler*innen in einer Art Lohnsklaverei hält – aber wie ist das möglich?

Shen Yun gehört zur chinesische-amerikanischen Sekte Falun Gong. Einige mögen sich noch erinnern, wie man die in China verfolgte Gemeinschaft in den 90ern und den 0er-Jahren unterstützte. Aus der spirituellen Vereinigung entwickelte sich in den Folgejahren eine ausbeuterische Sekte, die in ihren Strukturen den Scientologen in nichts nachsteht.

Sekten-Experte Hugo Stamm sieht die Bewegung «hochgradig sektenhaft», da der Gründer von Falun Gong seinen Anhängern zahlreiche Versprechen mache, die er unter keinen Umständen einlösen könne. Li Hongzhi – so der Name des Gründers – war bereits 1998 mit seiner Frau in die USA übergesiedelt, von wo aus er seine Lehre weiterhin propagiert. Unter anderem mit einem eigenen Medienunternehmen, der «Epoch Times». Dieses Medium fiel in den letzten Jahren mit vielen Verschwörungstheorien und Beiträgen von Impfgegnern während der Pandemie auf. Und in diesem Umfeld arbeitet auch das Tanz-Unternehmen Shen Yun.

Sekte tritt Musicaltheater Basel und im Théâtre de Beaulieu in Lausanne auf

Im Februar gastiert die Tanzgruppe erneut für vier Aufführungen in Basel und für vier weitere in Lausanne. Für die insgesamt acht Aufführungen im Februar haben sich zwei Vereine aus der Schweizer Falun-Gong-Bewegung im Musicaltheater in Basel und im Théâtre de Beaulieu in Lausanne eingemietet. Die FBM Entertainment, der das Musicaltheater Basel gehört und die bereits 2019 Shen Yun in ihrem Theater 11 in Zürich zu Gast hatte, will zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. 

Andere Bühnen haben Gastspiele verweigert. So etwa das staatlich subventionierte Theater Winterthur: Nach Gastspielen von Shen Yun im Jahr 2018 hatte das Theater zusammen mit dem Winterthurer Stadtpräsidenten entschieden, Shen Yun keine weiteren Auftrittsmöglichkeiten mehr zu gewähren. 2017 gingen Westschweizer Veranstalter von Shen Yun bis vors Bundesgericht, um mit einem Rekurs Aufführungsmöglichkeiten im Genfer Grand Théâtre zu erreichen. Vergeblich, das Bundesgericht wies das Begehren ab.

Der Tagesanzeiger schreibt: „Die Kompanie, die 2006 in New York gegründet wurde und heute mit ihren Welttourneen jährlich eine Million Menschen erreichen soll, will vordergründig eine klassisch chinesische Kultur zeigen, wie sie vor der Revolution der Kommunistischen Partei in China existiert habe. Doch eigentlich seien die Tanzaufführungen von Shen Yun nichts anderes als eine «propagandistische Mogelpackung» für Falun Gong. Und zwar, ohne dass dies ausreichend deklariert wird. So die Kritik dieser Redaktion nach den Shen-Yun-Gastspielen von 2019 in Zürich; sie stimmte darin mit internationalen Medien wie dem «New Yorker» überein.“

Und weiter: „Als Shen Yun im Januar 2024 in Lausanne gastierte, meldeten sich mehrere Zuschauer, die sich über den «militanten» Charakter der Aufführungen beschwerten. Damals – wie auch bei einem Gastspiel im Jahr davor – hätten Zuschauerinnen und Zuschauer die Vorstellungen im Théâtre de Beaulieu in Lausanne verlassen, weil die Tanzshow – gemäss der gedruckten Ausgabe von «20 minutes» – in ein «Parfüm der Propaganda» getaucht war.“

Der Mensch ist keine Insel

Wie stark werden wir von unseren Mitmenschen geformt? Und wie stark verändern wir selbst unser Umfeld? Eine Reflexion von Stefanie Gygax.

Inwiefern beeinflussen dich die Menschen, mit denen du dich umgibst und die Orte in denen du lebst? Wo würdest du heute stehen, wenn du andere Kollegen hättest? Andere Eltern, andere Partner gehabt hättest?

Immer wieder sprechen mich meine Mitmenschen auf meine Zeit in Wien an. Ich habe in zwei komplett unterschiedlichen Phasen meines Lebens dort gelebt. Ich spüre die Sehnsucht dieser Menschen, dass sie sich an den eigenen Ausland-Aufenthalt zurückerinnern oder gerne selbst den Mut gehabt hätten, in die Ferne zu ziehen.

Manchmal frage ich mich, inwiefern ich heute eine andere Künstlerin, ein anderer Mensch wäre, wenn ich nie in Wien gelebt hätte. An einem fremden Ort, mit anderer Kultur und anderem Umgang alleine klarzukommen, prägt einen schon sehr stark. Man fühlt sich alleine, manchmal verloren und doch ist man unglaublich stolz über die eigenen Grenzen zu gehen.

Auch heute noch, wenn ich einen Job im Ausland habe, ist das mulmige Gefühl noch da, bevor ich abreise. Mich beschäftigen Fragen, wie: „Wie werden die Leute sein? Werde ich mich in der Unterkunft wohlfühlen? Wieso tue ich das eigentlich?“

Viele Menschen aus meinem Umfeld bewundern das, weil sie denken, im Ausland ist alles besser und aufregender. Wieso eigentlich? Dass ich mich nicht auskenne, ist doch nur mühsam. Ich kann nicht in meinem eigenen Bett schlafen und meine Familie und Freunde sehe ich auch sehr selten.

Und doch veränderte mich JEDER Auslandsaufenthalt, egal ob Arbeit, Urlaub oder Sprachaufenthalt. Aus deiner Komfortzone zu gehen, ist unglaublich bereichernd. Es öffnet deinen Blick auf die Menschen, andere Kulturen und auf die Welt. Es zeigt dir, was wirklich wichtig ist im Leben. Deine Familie und Freunde in der Nähe zu haben, gibt einen unglaublichen Halt. Es unterstützt dich in allen Lebenslagen.

Einerseits bewundere ich meine Kollegen, die von Pontius zu Pilatus reisen jede Woche, aber andererseits weiss ich, wie anstrengend, ermüdend und frustrierend das sein kann. Vor allem die Opernsänger, welche ständig von einem Theater zum nächsten fliegen. Was für ein permanenter Stressfaktor das für den Körper ist, realisieren viele gar nicht. Wieso singen eigentlich in China nicht einfach nur die Chinesen und in Deutschland die Deutschen? Wieso dieses ganze Hin und Her?

Wieso gelte ich als erfolgreicher, wenn ich im Ausland ein Projekt habe?

Ich muss sagen, dass ich es auch aufregender finde, im Ausland zu arbeiten. Die Menschen sind anders, man muss sich mehr behaupten, für sich selbst schauen. Die Schweizer sind sehr höflich und nett, aber ich finde, man sollte auch mal sagen, was einen stört und nicht immer des Frieden Willens aussen vor bleiben.

Ich erinnere mich an eine Szene kürzlich in Österreich. Die Situation war folgende, dass wir schon den ganzen Tag geprobt hatten und dieser Tag quasi mit Open-End bevor stand. Da wir alle im Hotel wohnten, wurden wir von der Produktion verpflegt. Für das Abendessen bestellte der Arbeitgeber Pizza und im Team-Chat wurde geschrieben, dass es „2 Vegetarier“ und „1 Veganer“ gibt.

Leider kamen dann nur Pizzas mit oder ohne Fleisch und der Veganer hatte nichts zu essen. Da uns eine Probe bevorstand und er somit nichts mehr kaufen gehen konnte, wehrte er sich, dass das doch nicht sein könne. Ein Mitarbeiter, der die Pizzas brachte, konnte aber auch nichts machen und ging schulterzuckend aus der Garderobe.

Wie dann eine junge Kollegin hinausstürmte und für sein Recht kämpfte, dass man ihn doch nicht einfach ignorieren kann, fand ich sowas von beeindruckend … aber nichts passierte. Die Kollegin googelte dann, welche Lieferservice noch offen hatte und bestellte ihrem Kollegen etwas. Was für eine wundervolle Geste. Hier geht es zwar „nur“ ums Essen, aber wie stark wäre es, wenn wir immer so für unsere Kollegen das Wort erheben würden. Und nicht ständig diese unterschwellige Angst vor irgendwas haben würden.

Dies ist mein Vorsatz fürs neue Jahr, dass ich nicht mehr mit meiner Meinung zurückhalte und auch mal für meine Kolleginnen das Wort erhebe, wenn diese gerade in der Schockstarre sind, wenn ein Kollege oder Arbeitgeber sie unfair behandelt. Machst du mit?

In diesem Sinne, auf ein mutigeres Jahr 2025, wo die Menschen füreinander einstehen, anstatt zu schweigen.

Neustart – zwischen Aufregung und Anspannung

Plötzlich nach London? Ortswechsel für Ausbildung und Karriere sind für Darstellende keine Seltenheit. Wir begleiten Corinne Soland beim Abenteuer eines Ortswechsels mit Hoffnungen, Freuden und Überraschungen.
Von Corinne Soland

Eins: Die Bewerbung

Ende Juli 2024, vor knapp 5 Monaten, betrat ich ein massives Gebäude an der Gower Street 62-64 in London. Ich wurde gebeten mit dem Lift in den 5. Stock zu fahren. Dort traf ich auf weitere Schauspielende und Theatermenschen, die bereits aufgeregt auf ihren Stühlen sassen, alle im Kreis, nervös lächelnd.

Aufzug in eine neue Welt.

Nachdem ich meinen Rucksack hin- und meine Sachen abgelegt hatte, blickte ich mich im Raum um. Dabei kreuzte mein Blick den eines Mannes, ca. 45-jährig, Stoppelbart, Mütze und lässiges Hängen im Stuhl. Wir sagten nichts, nickten uns stumm über den Raum zu. Die jungen Menschen neben mir begannen ein zögerliches Gespräch, in das ich involviert wurde. Es ging um die bisherigen individuellen Ausbildungen, ihre vorbereiteten Texte und die möglichen heutigen Aufgaben.

Ent-Spannung

Wir taten noch eine ganze Weile so, als ob wir alle sehr entspannt wären und locker-flockig Spässe machen konnten. Bis der Mann mit Stoppelbart und Mütze die Anspannung durchbrach und in unsere Mitte warf, wie unangenehm sich das alles gerade für ihn anfühlte. Erleichterung breitete sich aus. Menschen atmeten aus. In mir drin legte sich etwas, ich lächelte, und meine Finger legten sich beruhigt auf meine Oberschenkel ab.

Wieder wechselten der Mann mit der Mütze und ich einen Blick, ich schickte ihm ein gemimtes “Thank you” . In den nächsten Minuten tauschten Menschen Plätze , relativ ungezwungen. So kam es, dass der Mann sich neben mich setzte. Wir wechselten ein paar Worte – woher kommst du (Er: London, Ich: Zürich), wie heisst du (Er: Klaus*, Ich: Corinne), was tust du (Ich: Schauspiel und Künstlerische Forschung, er: Schauspiel und Theaterpädagogik) – als eine Frau den Raum betrat und uns Willkommen hiess. Nun also würde es beginnen. Nun also wurde es Ernst. Audition time.

Spiel und Wettkampf

Am Vormittag arbeiteten wir alle zusammen in einem Workshop, von 10-13 Uhr. In drei verschiedenen Übungsanlagen wurden wir durch Viewpoints geführt, erarbeiteten eine Komposition mit szenischen Elementen und Improvisation und trugen unsere modernen und klassischen Texte einzeln, aber von der Gruppe gestützt vor. Wir bewegten uns nonstop, abgesehen von 2 Trink- und Pinkelpausen. Dies alles angeleitet vom Studiengangsleiter und unter dem wachsamen Auge einer Dozentin, die fleissig mitschrieb.

Freude und Anspannung halten sich die Waage.

Am Nachmittag standen Einzelgespräche an: Welche Art von Theater begeistert dich? Wenn du ein Budget aufstellen könntest für eine Produktion, was und wie würdest du es produzieren? Wie würdest du ein Stück entwickeln und mit wem? Welche Themen interessieren dich und weshalb? Holy guacamole, das war intensiv … Ich wurde als letzte Person interviewt. Nachdem ich von den beiden Dozent:innen noch last-minute-must-see Theatertipps für den Abend erhalten und ihre Hand geschüttelt hatte, schwebte ich die vielen Treppenstufen aus dem 5. Stock wieder hinab und überliess meinen Körper dem Strom Menschen vor der Tür.

Alles neu

Ich war numb, aber high. Ich schwebte, weil ich so glücklich war und es gleichzeitig nicht fassen konnte, dass gerade passiert war, was passiert war. Ich hatte bei der Royal Academy of Dramatic Arts vorgesprochen, für einen Master in Schauspiel. The audacity!
Obwohl das Hotel nicht weit entfernt war, in dem ich ein Zimmer gebucht hatte, schwebte ich ein paar Mal um das RADA-Gebäude herum, immer wieder dieser Schriftzug, diese Namen der Abgänger:innen, diese Stadt …

Irgendwann setzte sich alles und ich stieg erneut in den 5. Stock, dieses Mal im Hotel in den Dachstock. In der brütenden Londoner Juli-Hitze legte ich mich hin und liess die Welt sich drehen. Jetzt beginnt ein neues Leben. Ich wusste, dass, auch wenn es nicht klappen würde, dieser Moment ein wegweisender war. Irgendetwas in mir drin veränderte sich. Die Bausteine in mir verschoben sich. Ich war neu. Das hier war neu.

Raum für Möglichkeiten

Ich habe in den darauffolgenden Wochen nach der Audition noch oft an diesen Moment gedacht. Ein Moment, in dem alles möglich ist. Ein Moment, in dem die Welt offen steht. Ich weiss, dass ihr das alle auch schon gespürt haben müsst. Oder immer wieder mal spürt. Dass es vielleicht der Grund ist, weshalb ihr immer wieder auf diese Bühne steht. Weil es sich einfach so verdammt richtig anfühlt.

Und es das ist, wofür ihr hier seid. Auch wenn ihr noch für ganz vieles anderes auch hier seid. Aber dafür eben auch – für diesen Moment, diesen Möglichkeitsraum, der sich auftut, wenn ihr vorgesprochen habt oder an dem Casting wart oder eure Bewerbung abgeschickt habt. Oder auch, wenn ihr die Zu- oder Absage bekommt. Freigesetzte Energie. Wohin auch immer sie als Nächstes möchte – aber sie darf jetzt.

Neustart

Erst mal ein Leben aus dem Koffer.

Erst mal ein Leben aus dem Koffer.

Im August kam die Zusage für den einjährigen Master-Lehrgang. Nebst den notwendigen organisatorischen Leistungen (Sprachtest, Visum, Finanzierung auftreiben, Wohnung finden in London und so weiter), purzeln mit der Entscheidung, diese Chance wahrzunehmen, viele bekannte und unbekannte Gefühle ins Herz und den Körper.

Einige dieser Emotionen fühlen sich an, wie ein Teil einer Heilung. Andere fühlen sich an wie dem grössten Feind die Hand schütteln. Alles ist vorhanden und wenn ich mit Menschen darüber spreche, beschreibe ich es vor allem als “It’s a fine line between anxiety and excitement” (Zitat ist von irgendeinem Psychologie-Account auf Instagram). Und nebst den Gedankenreisen, Luftschlössern und Trauerzügen, die sich in mir abspielen ist da immer wieder pulsierend in meinem Hinterkopf: “what a privilege, what a privilege, what a privilege…”.

Challenge accepted

Ich studiere im kommenden Jahr also 12 Monate lang an der Royal Academy of Dramatic Arts in London. Aufbruch in eine neue Welt. Challenge accepted. Anfang Januar beginnt die Reise: Ihr erfährt von den Ups und Downs, den Mentor:innen, den Allies, den Projekten, die wir umsetzen, den bereichernden Momenten und Begegnungen, den harten Tagen und der Geldsuche für das Studium, dem Elixier, das ich mitnehme und den Lessons learned.

Am meisten jedoch werde ich von dem erzählen, wofür ich da bin: der Ausbildung. Von Commedia dell’ Arte über Clowning zu Shakespeare in Bwitish Inglish: der Austausch über unser Handwerk, unsere Kreativität und unsere Umsetzungen der Geschichten, die erzählt werden möchten, liegt mir am Herzen. Sollten bei euch Fragen oder Kommentare dazu auftauchen, meldet euch gerne beim Ensemble Magazin oder via @solacor_ auf Instagram.

PS: Auch Klaus wurde aufgenommen – ich bin mir sicher, der Londoner und seine Familie mit den zwei Töchtern sind begeistert. Let’s see, was wir alles kreieren zusammen!
* Name anonymisiert

Leben & Kunst – eine Gratwanderung

Erlebtes füttert die Kunst, Gefühle geben der Darstellung Tiefe. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass wir das Leben dabei nicht verhungern lassen. Eine Reflexion von Rebekka Burkhardt.

Die Theaterwelt ist ein Mikrokosmos, in den ein Mensch, vor allem in jungen Jahren, gut und gerne für lange Zeit abtauchen kann. Das Leben draussen fliesst, oft unbemerkt, am Mikrokosmos Theater vorbei. Anderer Rhythmus, anderer Takt …

Vieles passt nicht wirklich zusammen. Wir gehen zur Arbeit, wenn andere in den Feierabend gleiten. Zu Einladungen stossen wir nach der Vorstellung spät dazu – in einem komplett anderen Aggregatzustand als die Gäste am Tisch – versuchen uns nicht wie Fremdkörper zu fühlen und schnell in denselben Flow zu kommen.

Während der ersten Berufsjahre im Festengagement fällt es für uns nicht so ins Gewicht, wenn wir bei grossen Anlässen im Familien- und Freundeskreis fehlen. Wir sind ja in unserem geliebten Mikrokosmos – auf der Probebühne oder Bühne.

Doch die Jahre vergehen.

Zuerst fehlen wir an Familienweihnachten, Geburtstagspartys, Wohnungseinweihungen, Diplomfeiern und Klassentreffen. Dann kommen die Hochzeiten, Geburten und Taufen dazu, die grossen runden Geburtstage in der Verwandtschaft und später dann die Besuche an Kranken- und Sterbebetten – und die Begräbnisse. Der Lauf des Lebens eben.

Die beiden Planeten, die Theaterwelt und das Leben draussen, prallen öfter aufeinander, je älter wir werden und erzeugen gelegentlich ein unangenehmes Geräusch.

Wie lange darf ein Theatermensch am Wochenbett seiner Frau sitzen, ohne schlechtes Gewissen ob seiner Abwesenheit auf der Probe?
Ich erinnere mich an einen Dramaturgen, der wenige Stunden, nachdem seine Frau ihre gemeinsame Tochter auf die Welt gepresst hatte, dringend auf die Theaterprobe zurückwollte. Der absolute Ruf des Theaters war stärker als das Wunder eines neugeborenen Kindes und die Stille nach der Wucht einer Geburt. Seine Frau, ebenfalls am Theater tätig, nahm ihm das lange übel.

Wie gehe ich als Theaterschaffende damit um, wenn ein mir naher Mensch schwer erkrankt ist und im Sterben liegt – ich jedoch „dringend auf einer Probe oder in der Vorstellung gebraucht“ werde?

Leben oder Bühne

Mit knapp 30 Jahren stand ich auf festen Füssen im Ensemble eines guten Theaters, als die Krankheit meiner Mutter stark fortgeschritten war und ich während der ihr verbleibenden Zeit an ihrer Seite sein wollte. Also bat ich meinen damaligen Intendanten um eine sogenannte Freirunde, um nach Hause reisen zu können.

Er wollte meiner Bitte nicht nachkommen und meinte wörtlich: „Ein todkranker Mensch will auch einmal alleine sein“. Ich kann es bis heute nicht fassen, aber genau das waren seine Worte. Ich hatte nicht den Mut mich aufzulehnen und das Risiko einzugehen, dass der Intendant mich dann doch plötzlich für austauschbar hält. Das Haus hatte damals die Mittel und engagierte durchaus Gäste für Stückverträge. Es wäre also kein Problem gewesen.

Meine für mich unersetzliche Mutter schenkte mir als letzte Geste ein perfektes Timing und starb in der Spielzeitpause während der Theaterferien. Nach den Ferien war Mama begraben und ich ganz stumpf vor Trauer. Wir probten eine Komödie und ich wusste nicht wohin mit meinem Schmerz, der mich schwer und undurchlässig machte.

„Nimm es mit “, meinte der Regisseur hilflos.

„Nimm ES mit“?? – Diese absurde Aufforderung ist – oder war zumindest damals – ein gängiger Rat, damit die Schauspieler:in sofort alles in der Arbeit veredelt, was ihr widerfahren ist. Nur klappt das halt nicht so 1:1.

Während des Schauspielstudiums erlitt ich eine schmerzhafte Trennung und war am Tag darauf in der szenischen Arbeit versteinert vor Schmerz. Das Verständnis der Dozentin war gleich Null, obwohl sie von meiner Situation über Mitstudenten erfahren hatte. „Was das für ein Schmerz in meinem Gesicht sei? Der hätte in dieser Szene nichts zu suchen“, das waren ihre Worte. Ja, wenn das Leben zuschlägt, ist das ein ziemlicher Störfaktor in einem Probenprozess, der von uns Darsteller:innen Vitalität und emotionale Elastizität erfordert.

Wenn wir alles, was wir an Schmerzen und Schock erleben, sofort in Bühnengold verwandeln könnten, ohne es zuerst einigermassen zu verarbeiten, wie nice wäre das denn? Wunderbar effizient und praktisch – was wären wir für geniale ZustandsDurchlauferhitzer! Wie würden wir unsere Rollen – ohne Zeit zu verlieren – sofort mit dem Erlebten füllen!

Schmerz braucht Zeit

Aber bloss weil ich eine schmerzhafte existenzielle Situation erlebt habe, heisst es nicht, dass ich diese sofort ganz hervorragend in einer Rolle nachspielen kann. Manchmal geht das nie und das Erlebte bleibt verschlossen und unzugänglich. Meiner Erfahrung nach lösen traumatische Erlebnisse wie Trauer und Verlust erstmal Schock und Blockaden aus.

Die Psyche schützt sich und verschafft sich so die Ruhe und Zeit, die sie braucht und das Erlebte einzuordnen und Schritt für Schritt zu verarbeiten. In unserer Arbeit als Theaterschaffende ergründen wir das Leben in all seinen Facetten und zeigen dies auf der Bühne – das ist die Quintessenz unseres Berufes. Aber angesichts existenzieller Dinge wie Geburt, Krankheit und Tod im richtigen Leben, gelten andere Gesetze. Das Theater mit seinem Absolutheitsanspruch muss sich für einmal demütig zeigen und hinten anstehen.
Das deutlich zu spüren und selbstbewusst durchzusetzen ist schwer. Vor allem in jungen Theaterjahren.

Als mein Vater, selbst ein Theater-Narr, ein paar Jahre nach meiner Mutter im Sterben lag – ich war Mitte 30 und mitten in den Endproben – schickte er mich beherzt weg. „Geh auf die Probe – Höchste Eisenbahn!“, das waren seine Worte. Komplett in Trance folgte ich seiner väterlichen Aufforderung und stand die ganzen Proben und Vorstellungen hindurch unter Schock. Warum bin ich nicht an seiner Seite geblieben?

Wieder ganz stumpf vor Schmerz, war ich eher eine Last für die Produktion. Wäre es nicht professioneller gewesen, den Proben fernzubleiben? Einige Jahre später war es dann mein Ehemann, der schwer krank war. Dazu war ich Mutter einer knapp 1-jährigen Tochter.
Liebe Leser:innen dieser Kolumne, ich bitte um Verständnis für diese Dramadichte – aber so war es nun mal bei mir. So ziemlich alle existenziellen Lebensmomente fanden bei mir innerhalb einer Dekade statt.

Priorität Realität

Diesmal erlebte ich die berufliche Situation aber positiv anders: Ein Regisseur wollte mich unbedingt in seinem Stück am Stadttheater dabei haben und liess mir total freie Hand, was meine Proben Präsenz anging. „Wie immer du kannst und magst“, sagte er. „Ich möchte dich einfach unbedingt dabei haben“.

Ich konnte sein grosszügiges Angebot nicht annehmen. Ich wäre nur mit halber Theater-Kraft dabei gewesen und so blieb ich an der Seite meines todkranken Mannes und bei meinem Kind. Im Theater befassen wir uns mit den grossen Themen unseres Menschseins und bringen uns mit der Summe unseres bisher gelebten Lebens ein: mit allem, was wir sind und was wir zu wissen glauben.

Die Zuschauer danken es uns, wenn wir ihnen einen Moment der Erkenntnis und Wahrhaftigkeit schenken. Das macht das Theater so groß.
Aber wir sollten nicht vergessen: Das Leben ist grösser und der Mikrokosmos Theater muss sich dem manchmal beugen.

Am Bett eines nahen, schwerkranken sterbenden Menschen zu sitzen ist wichtiger als jede Theaterprobe.Die ersten Tage und Wochen meines neugeborenen Kindes sind kostbar und unwiederbringlich. Theaterproben hingegen können wieder aufgenommen und Vorstellungen umbesetzt werden. Und ja – natürlich gibt es auch das Phänomen der Erlösung und der Ablenkung von einer aktuellen schmerzhaften Situation, die durch die Theaterarbeit auf der Bühne für die Zeit der Vorstellung erträglich wird. Spielen, um einen Moment lang zu vergessen.

Aber das ist ein anderes Thema – In diesem Sinne, frohe Festtage!

SRF Kultur stellt Social Media-Auftritte ein

Über 64 000 Menschen folgen SRF Kultur auf Facebook, beinahe 48 000 auf Instagram. Jetzt beendet die Kultursparte des SRF die Präsenz auf beiden Plattformen.

Folgender Text war heute Morgen auf der Facebookseite SRF Kultur zu lesen:

Liebe Kulturfreunde, unsere Social-Media-Zeit neigt sich dem Ende zu: Nach 14 Jahren Facebook verabschieden wir uns am 20. Dezember von diesem Account. Aber keine Angst, the show will go on! Unsere Themen findet ihr weiterhin im SRF-Universum. ✨

Die Social-Media-Verantwortlichen nennen keinen Grund für das Ende der Seite, es ist aber anzunehmen, dass es sich um eine Auswirkung der Sparmassnahmen in Kulturressort von SRF handelt. Bereits vor zwei Wochen wurde bekannt, dass verschiedene Kulturformate des Senders eingestampft oder redimensioniert werden. (Ensemble berichtete)

Wieso die Verantwortlichen auf eine Reichweite dieser Grössenordnung verzichten, ist für Medienfachleute nicht nachzuvollziehen. «Es ist verschenktes Geld. Wenn man so viele Leute über Social Media erreichen und auf die eigenen Inhalte hinweisen kann, bringt das Zuschauer*innen“, meint Reda El Arbi, Redaktor ENSEMBLE und Experte für Online-Kommunikation am Institut für Journalismus und Kommunikation MAZ. „Der Aufwand und die Kosten sind überschaubar, der Mehrwert enorm. Will man das Gleiche auf andere Weise erreichen, muss man viel mehr Geld in die Hand nehmen.“

Ob SRF weitere Social-Media-Kanäle schliesst, oder ob die Massnahme nur den Kulturbereich betrifft, war heute nicht zu erfahren. Es ist zu erwarten, dass die Sparaktionen noch andere Kanäle treffen.

 

ZFF zeichnet Regisseur Tim Fehlbaum aus

Das Zurich Film Festival hat den Schweizer Regisseur Tim Fehlbaum in Los Angeles mit dem Emerging Filmmaker Award ausgezeichnet. Die Ehrung fand im Rahmen eines exklusiven Special Screenings von SEPTEMBER 5 statt.

Der Event wurde  vom ZFF gehostet und in Zusammenarbeit mit Paramount Pictures organisiert. DEr Regisseur nahm das Goldene Auge persönlich entgegen. Tim Fehlbaum hat sich als innovativer Filmemacher etabliert, der nicht nur durch technisch beeindruckende Produktionen überzeugt, sondern auch durch seinen Mut, anspruchsvolle und gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen und eindrucksvoll umzusetzen.

Am 20. ZFF feierte Fehlbaums Film SEPTEMBER 5 Premiere im deutschsprachigen Raum – in Anwesenheit des Regisseurs sowie der Cast-Mitglieder Peter Sarsgaard, John Magaro und Leonie Benesch. Der Thriller beleuchtet die Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972 in München aus der Perspektive von Journalistinnen und Journalisten und stellt dabei medienethische Fragen in den Fokus.

Oscar-Nominierung angestrebt

Christian Jungen, Artistic Director des Zurich Film Festivals, erklärte: «Wir sind stolz, eines der ersten Festivals zu sein, das an die visionäre Kraft von SEPTEMBER 5 geglaubt hat. Tim Fehlbaum ist ein herausragendes Schweizer Talent, dessen Arbeit die Grenzen des Genre-Kinos neu definiert. Mit dem Emerging Filmmaker Award möchten wir seine beeindruckende Kreativität und seinen Mut würdigen, sich komplexen und relevanten Themen zu widmen.

Sein Film hat das Potenzial, Geschichte zu schreiben und sich neben seiner wohlverdienten Golden-Globe-Nominierung auch eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Film zu sichern. Es erfüllt uns mit Freude, dass wir mit dem Oscar-Screening einen kleinen Beitrag zur beeindruckenden Award-Season-Karriere des Meisterwerks SEPTEMBER 5 leisten konnten.»

«Es braucht mehr Regionalgruppen!»

Um die aktuellen Herausforderungen der Darstellenden Künste in der Schweiz abzubilden, benötigen wir mehr SzeneSchweiz-Präsenz, vorallem durch Freischaffende.

Von Matthias Albold, Präsident SzeneSchweiz

Unsere Kulturlandschaft verändert sich. Das ist nichts Neues. Wie die meisten Lebensbereiche ist gerade auch der kulturelle Sektor einem dauerhaften Wandel unterzogen. Sieht man sich die letzten 20 Jahre von SzeneSchweiz im Bezug auf Mitgliederentwicklung an, lässt sich pauschal folgendes feststellen: Das Verhältnis der Freischaffenden zu den Festangestellten hat sich umgekehrt. Zuerst nicht durch Verkleinerung der Anzahl der Festangestellten, sondern schlicht durch den Zuwachs auf Seiten der Freischaffenden. Mittlerweile schrumpfen auch die Vollzeitstellen an den Theatern in den Ensembles.

Prekäre Arbeit, das neue Normal

Wir spüren den Druck, der auf den Freischaffenden lastet, sehr deutlich. Befristete Anstellungsverhältnisse, oftmals keine kontinuierliche künstlerische Arbeit, Zweit und Drittjobs um über Wasser zu bleiben und von der Entlohnung für ihre Kunst mal ganz zu schweigen. Wir sehen das an den Zahlungen der Mitgliederbeiträge und an der Häufigkeit der Beratungsanfragen in unserer Geschäftsstelle. Unsere letzte grosse Umfrage gibt einen guten Einblick in die prekären Lebensumstände dieser Menschen.

Im Gegensatz zu den Ensembles, die in den grossen Theaterhäusern wirken und einen vergleichsweise kurzen Weg zueinander haben, ist die Vernetzung der Freischaffenden untereinander ungleich schwieriger. Ausserdem sind wir seit geraumer Zeit auch in den Landesteilen der Schweiz aktiv, in denen nicht das Deutsche die erste Sprache ist. Im Tessin nutzen wir die vorhandenen Strukturen, die wir in der Fusion mit TASI erben durften, in der Romandie gibt es diese Strukturen so noch nicht.

Netwzerk aus neuen Regionalgruppen

Um ein überregionales Netzwerk der freischaffenden Verbandsmitglieder aufzubauen und auch die Grösse dieser Gruppen in der Delegiertenversammlung abzubilden, bedarf es der Gründung neuer Regionalgruppen. In einem zweiten Schritt wird es vom Verband Angebote zu den brennendsten Themen unserer Branche geben und das selbstredend für alle, also auch für die Festangestellten, denn die Zeiten, die auf uns zukommen, sind harzig und wenn wir nicht noch mehr Einbussen in der Kultur hinnehmen wollen, müssen wir zusammenstehen. Freischaffende, Festangestellte, Kunstschaffende und Verbände.

Der Humus unseres Erfolges ist der Austausch, die Kommunikation untereinander, die werden wir verbessern, denn gemeinsam sind wir sooooo verdammt viele.

Bühne, Neid und Klassendenken

Die Oper belächelt die Operette, die Operette belächelt das Musical und alle machen sich über Volkstheater-Schwänke lustig. Sind die Darstellenden Künste eine Klassengesellschaft? Eine kurze Betrachtung.

Seit rund acht Jahren bin ich am Rande der Darstellenden Künste beschäftigt, nicht als Künstler, sondern als Journalist und Kommunikations-Heini. Und immer wieder fällt mir auf, wie gehässig die Künstler*innen oft miteinander umgehen. Zum Teil ist das sicher den immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet. Da entsteht ein Konkurrenzverhältnis nicht nur zwischen Darsteller*innen, auch die unterschiedlichen Produktionen kämpfen um die wenigen Fördergelder – Kleintheater gegen Performance-Produktionen, Unterhaltung gegen Avantgarde, Clowns gegen Comedians.

Aber das ist nicht alles. Es gibt auch eine Art Stammeszugehörigkeit. Wer im Off-off-Avantgarde-Polittheater in einer verlassenen urbanen Fabrik experimentelle Stücke aufführt, blickt oft herablassend auf die Verwechslungskomödie in Hinteroberpfupfikon. Wer an grossen Häusern einen Vertrag hat, blickt mitleidig auf diejenigen, die sich von Casting zu Casting schleppen und in Kleinstproduktionen auftreten. Wer in einem Opern-Ensemble seinen Platz gefunden hat, belächelt das Handwerk von Musical-Darsteller*innen. Wer für eine international besetzte Ballettaufführung tanzen darf, rümpft die Nase über eine kleine Performance-Produktion. Und alles auch umgekehrt.

Natürlich ist das überzeichnet, und nicht alle Darsteller*innen fühlen so, aber im Grundsatz kann man ein gewisses Stammesdenken in der Branche nicht abstreiten. Und auch Neid gibts nicht zu selten. Zwischen Darsteller*innen, aber auch zwischen Berufsgruppen: Freischaffende fühlen sich im Vergleich zu den Festangestellten benachteiligt, Ensemble-Mitglieder beneiden die Solisten und die Nebenrollen beneiden die Hauptrollen.

Vielleicht bekomme ich diese Sichtweisen mehr mit, weil ich Aussenstehender bin und nicht wirklich dazugehöre. Nichtsdestotrotz finde ich es schade, wie viel Energie auf diese Identitätsspielereien verschwendet wird. Es muss uns klar sein, dass gerade in Zeiten, in denen Kultur unter Beschuss steht, politisch und wirtschaftlich, nur Zusammenhalt uns weiter bringt.

 

Grosse Bühne, kleines Geld

Gratisarbeit – Wie viel investiert man in eine Produktion? Wann fängt Ausbeutung an? Ersetzt der Erfolg die Bezahlung? Unsere Kolumnistin stellt sich Fragen zu prekärer Arbeit.
Von Stefanie Gygax

Als Künstler*innen sind wir es gewohnt, gratis zu üben, zu studieren und uns auf eigene Kosten weiterzubilden. Aber wie ist es, wenn wir für ein Projekt engagiert werden und plötzlich viel mehr Probeaufwand oder Vorbereitungszeit erforderlich ist, weil wir plötzlich am kreativen Prozess mitarbeiten?

Einerseits ist es wunderbar, interessant und bereichernd, aber andererseits sitze ich stundenlang zu Hause am Laptop und investiere in Zeit und Arbeit. Stell dir vor, du hast dir gewünscht, bei einem Projekt dabei zu sein, hast es visualisiert und nun bist du mittendrin. Von Anfang an wird klargestellt, dass nur die Aufführungen bezahlt sind. Nach und nach wirst du aber in die Entwicklung einbezogen und es wird dir mehr und mehr an kreativer Verantwortung übergeben.

Wir alle kennen diese Momente, inmitten der Probezeit wird spontan und keineswegs mit böser Absicht, gefragt: „Könntest du da bitte noch ein paar Tanzschritte einbauen? Kannst du kurz mit der Gruppe die Schritte durchgehen? Kannst du bitte noch das und das zusätzlich singen? Ah, es gibt doch noch Text dazu!“

Grenzen setzen?

Die Grenzen verschwimmen. Wenn du für die Proben bezahlt wirst, ist meist nicht festgelegt, was dies alles umfasst. Das kann in (unbewusster) Ausbeutung enden. Diejenigen, die mitspielen, sind gern gesehen, die Anderen, die sich richtigerweise wehren und sagen, „das ist nicht meine Aufgabe“, werden als illoyal gebrandmarkt.

Wie macht ihr es aber, wenn die Vorbereitungs- und Probezeit nicht bezahlt ist und nur die Aufführung zählt?
Wo setzt ihr da die Grenze?

Klarer Fall, wie: „Es muss vergütet werden oder ihr steigt aus?“
Oder: „Ein Wunsch hat sich realisiert, also muss ich alle Zeit der Welt investieren?“

Was ich in den letzten Jahren wirklich verstanden habe: Egal wie gross ein Projekt ist, egal an welchem Ort, egal wie erfolgreich… das Geld spielt IMMER eine Rolle! Egal ob als Star an der Metropolitan Opera New York oder in einer Kleinstproduktion: Das Geld ist immer knapp und es reicht nie für alle. Ich dachte, ich spinne, als ich die Werbung sah, in der die MET um Geldspenden bettelt. Aber es ist ja nicht nur das Budget alleine, es geht auch darum, wie das Geld innerhalb der Produktion verteilt wird.

Minimalismus oder Freude am Beruf?

Es gibt so viele Menschen auf dieser Welt, die ihre Arbeit nicht lieben, dafür werden sie für jede Stunde Arbeit bezahlt. Das wird nicht mal infrage gestellt. Dann gibt es andererseits Berufe, in denen einige viel Herzblut, Freizeit und Gratisarbeit einbringen, während andere nur das absolute Minimum leisten. Und das beim gleichen Verdienst.

Liegt die Entscheidung also bei jedem Einzelnen? Bin ich beliebter, wenn ich mehr Gratisarbeit investiere? Davon bin ich zu 100% überzeugt, da es auch mehr Verbindung und Vertrauen schafft in alle Richtungen! Trotzdem finde ich, man muss es irgendwo eine Grenze geben.
Wenn bei mir das Grummeln in der Magengegend immer stärker wird, merke ich, dass ich das Gespräch suchen muss und meistens kann dann die Harmonie wieder hergestellt werden.

Gleichgewicht

Damit ich glücklich bin und meinen Job auch gut machen kann, muss Aufwand und Ertrag einigermassen im Gleichgewicht sein. Auch wenn das Glücksgefühl bei einer erfolgreichen Produktion nicht in Geld aufgewogen werden kann. Letzten Monat arbeitete ich an einem Halloween-Projekt mit, das im Vorfeld sehr anstrengend und kompliziert war.  Die Shows waren dafür sowas von genial, dass alles Andere danach nicht mehr zählte.

Habt ihr auch schon solche Produktionen erlebt?
Wie oft habe ich mir schon gedacht, dass in unserem Beruf viel zu wenig für all die Energie und Zeit bezahlt wird, die wir investieren. Ich bin oft mit meinen Kräften am Limit und komme trotzdem jeden Monat gerade mal über die Runden. Eine Freundin von mir ist Anwältin und arbeitet auch am Wochenende „gratis“, am Rande der ihrer Kräfte, kann sie aber dafür fette Ferien leisten und eine Wohnung kaufen.

Ja, wir lieben unseren Beruf und nur die hartgesottenen überleben darin, aber trotzdem dürfen wir uns diese Fragen stellen und einander Mut machen, für unsere Rechte einzustehen.

«Les arts se mélangent davantage»

ScèneSuisse se développe en Suisse romande – Viviane Bonelli, chef de section, informe sur les défis et les réussites.
(In Deutsch weiter unten)

Que s’est-il passé dans les arts du spectacle ces dernières années ? Le Tessin/Suisse romande a changé ?

Depuis quelques années il y a de plus en plus de spectacles qui mélangent les disciplines artistiques comme la danse, le chant, le street art, le théâtre, le ballet, la peinture ou encore la musique. Proposer au public de s’immerger dans une expérience le temps d’un spectacle est un concept qui a vu le jour il y a quelques années et qui est en constante évolution.

Le côté intrusif des réseaux sociaux a considérablement modifié la manière de créer. A mon sens, il est certes important de proposer au public des spectacles qui parle de l’actualité et de notre monde en mouvement, mais il est aussi essentiel de raconter des histoires et de parler de la vie tout simplement.

Ces dernières années, il y a eu des changements importants, notamment au niveau des politiques culturelles et en tant qu’association fédérale, ScèneSuisse est responsable de toutes les régions du pays. Est-ce un désavantage d’être dans une structure fédérale quadrilingue ?

Le fait que Scène Suisse soit présent sur toutes les parties linguistiques de la Suisse est un atout. Cela nous permet d’avoir une vision générale de ce qui se passe dans les autres régions de notre pays et d’avoir un temps d’avance. La partie alémanique est plus proche de l’Allemagne, la partie francophone de la France et la partie italienne de l’Italie. La diversité culturelle de ces trois pays et l’influence qu’elle a sur
nos cantons est ici notre force.

Les politiques culturelles et le mode de fonctionnement de nos trois régions sont très différents, le défi est aussi de s’en inspirer afin de créer une dynamique commune.

Quels sont les plus grands défis pour les artistes en ce moment ?

Les artistes doivent s’adapter aussi bien aux nouvelles politiques culturelles mises en place mais également à l’intelligence artificielle qui modifie indéniablement notre façon de faire et de penser. Il est d’autant plus important aujourd’hui de créer,
d’écrire, d’être soi pour proposer au public une sincérité. Les artistes doivent se battre pour que leurs droits et leurs images soient respectés. Les comédiens qui font du doublage par exemple sont confrontés à la traduction instantanée proposée par les nouvelles technologies et il ne faudrait pas que ce métier disparaisse parce rien ne pourra remplacer les émotions créées par l’humain.

Quelles sont vos principales tâches pour ScèneSuisse en ce moment ?

Faire rayonner Scène Suisse en suisse romande aussi bien au niveau des écoles que des artistes professionnels mais également de créer des synergies avec les autres associations culturelles ainsi que tisser des liens avec les politiques.

Quelles sont les conditions politiques de la culture en général ?Les arts du spectacle dans votre coin de pays en particulier ?

En suisse romande, il y a de plus en plus de créations, de festivals, de nouveaux lieux qui voient le jour ainsi que des propositions artistiques originales et surprenantes, car le public est friand de nouvelles expériences. L’art en général est reconnu aujourd’hui comme salvatrice et réparatrice des maux de la société. À travers l’art, le public, les artistes peuvent faire passer un message et s’exprimer. L’humour est à mon sens le meilleur des remèdes car rire n’est-il pas bon pour la santé ?

Les spectacles du genre sont eux aussi en pleine expansion et j’espère que l’humour sera reconnu comme une discipline artistique à part entière et qu’il fera partie un jour du Message Culture.

Qu’est-ce que ScèneSuisse a à faire en Suisse romande? réaliser dans les prochaines années ?

Créer d’avantage de synergies entre les différentes partie de la Suisse tout en s’adaptant à l’évolution constante de notre société. Mais ScèneSuisse doit aussi continuer à se battre pour des salaires équitables pour les acteurs professionnels. Un artiste provoque une émotion, propose une vision du monde, donne à réfléchir, revisite le passé et nous emmène vers l’avenir. Il est donc essentiel de se battre pour qu’il puisse continuer à créer sans devoir survivre.


Was hat sich in den letzten Jahren in der darstellenden Kunst abgespielt? Hat sich die Romandie verändert?

In den letzten Jahren hat sich die Mischung von Kunstdisziplinen in den Aufführungen stark vermehrt. Tanz, Gesang, Street Art, Theater, Ballett, Malerei und Musik verschmelzen immer häufiger zu neuen Kunstformen. Das Publikum wird eingeladen, in eine immersive Erfahrung einzutauchen – ein Konzept, das sich in den letzten Jahren etabliert hat und ständig weiterentwickelt.

Die allgegenwärtigen sozialen Medien haben unsere kreativen Prozesse maßgeblich beeinflusst. Es ist wichtig, aktuelle Themen und unsere sich wandelnde Welt auf der Bühne zu reflektieren, aber ebenso wichtig ist es, Geschichten zu erzählen und einfach vom Leben zu berichten.

In den letzten Jahren gab es bedeutende Veränderungen, insbesondere in der Kulturpolitik. Als Bundesverband ist ScèneSuisse für alle Regionen des Landes zuständig. Ist es ein Nachteil, Teil einer viersprachigen Bundesstruktur zu sein?

Die Präsenz von ScèneSuisse in allen Sprachregionen der Schweiz ist ein großer Vorteil. Wir haben einen umfassenden Überblick über das Geschehen in den anderen Regionen und können frühzeitig Trends erkennen. Die deutschsprachige Schweiz ist Deutschland näher, die französischsprachige Frankreich und die italienischsprachige Italien. Die kulturelle Vielfalt dieser drei Länder und ihr Einfluss auf unsere Kantone sind unsere Stärke.

Die Kulturpolitik und die Arbeitsweise unserer drei Regionen unterscheiden sich stark. Die Herausforderung besteht darin, voneinander zu lernen und gemeinsam eine Dynamik zu schaffen.

Was sind die größten Herausforderungen für Künstlerinnen und Künstler im Moment?

Künstlerinnen und Künstler müssen sich sowohl an die neuen Kulturpolitiken anpassen als auch an die künstliche Intelligenz, die unsere Arbeits- und Denkweise grundlegend verändert. Es ist umso wichtiger, authentisch zu sein, zu schaffen und zu schreiben. Künstlerinnen und Künstler müssen für ihre Rechte und ihr Image kämpfen. Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher beispielsweise stehen vor der Herausforderung der maschinellen Übersetzung, und es wäre fatal, wenn dieser Beruf ausstirbt, denn nichts kann die von Menschen erzeugten Emotionen ersetzen.

Was sind Ihre Hauptaufgaben bei ScèneSuisse im Moment?

ScèneSuisse in der Romandie bekannter zu machen, sowohl bei Schulen und professionellen Künstlerinnen und Künstlern als auch Synergien mit anderen Kulturvereinen zu schaffen und Verbindungen zur Politik aufzubauen.

Wie ist die politische Lage für die Kultur im Allgemeinen und insbesondere für die darstellenden Künste in Ihrer Region?

In der Romandie entstehen immer mehr Kreationen, Festivals, neue Spielstätten und originelle, überraschende Kunstangebote, da das Publikum nach neuen Erfahrungen sucht. Kunst wird heute als heilsam und reparierend für die gesellschaftlichen Probleme angesehen. Durch die Kunst können Publikum und Künstlerinnen und Künstler Botschaften vermitteln und sich ausdrücken. Humor ist für mich das beste Heilmittel, denn Lachen ist gesund.

Auch Aufführungen dieser Art erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Ich hoffe, dass Humor als eigenständige Kunstdisziplin anerkannt wird und eines Tages Teil der Kulturförderung wird.

Was muss ScèneSuisse in der Romandie in den kommenden Jahren erreichen?

Mehr Synergien zwischen den verschiedenen Teilen der Schweiz schaffen und sich gleichzeitig an die ständige Entwicklung unserer Gesellschaft anpassen. Aber ScèneSuisse muss auch weiterhin für faire Löhne für professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler kämpfen. Eine Künstlerin oder ein Künstler erzeugt Emotionen, bietet eine Weltanschauung, regt zum Nachdenken an, überdenkt die Vergangenheit und führt uns in die Zukunft. Es ist daher entscheidend, dafür zu kämpfen, dass sie weiterhin schaffen können, ohne ums Überleben kämpfen zu müssen.

Netzwerken: «Du sollst nachhaken!»

Smalltalk, Cüpli und Oberflächlichkeit – das kommt in den Sinn, wenn man von „Netzwerken“ spricht. Dabei geht es wohl einfach darum, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die man interessant findet. Eine Kolumne von Rebekka Burckhardt

Zurzeit habe ich wenig zu tun und keine neue Produktion ist in Aussicht. Ich gewöhne mich nie daran, und mit den Jahren wird es arger. In solchen Zeiten denke ich über das Thema Netzwerk nach.

Schon verkehrt. Netzwerken ist eine aktive, um nicht zu sagen, proaktive Sache. Nicht etwas, vorüber Mensch zu lange nachdenken sollte – da geht schon zu viel Zeit ins Land… Ich grüble, verfange mich und schon bin auf irgendeiner Metaebene, statt als werkelnde Chefspinne an meinem Netzwerk zu arbeiten.

Früher hieß Netzwerk „Vitamin B.“ –  negativ konnotiert. „Ja ja, der oder die hat halt viel Vitamin B“, hieß es dann neidisch moralisierend. Oder im belehrenden Imperativ: „Du musst halt mal dein Vitamin B nutzen!“ Nach Vitamin B kam gleich das Hochschlafen – aber das ist eine andere Geschichte. Irgendwann tauchte der Begriff Netzwerk auf – die Chose jedoch blieb dieselbe. Nur eine Packungsbeilage gab es nicht dazu. Als ob das Magic und nicht erlernbar ist. Wie das Talent, die Begabung, die wir Theatermenschen einfach so von den Göttern mitbekommen haben.

Netzwerken konnte ich nie gut. Ich kann meine gesamte Laufbahn zurück buchstabieren und genau benennen, wo ich miserabel oder eben gar nicht genetzwerkt habe – und was das für bis heute fühlbare Konsequenzen hat. Eine nicht genutzte Netzwerk-Situation vervielfacht sich eben auch – nur umgekehrt.

„Sei nicht so zimperlich!“

Was für Regeln gibt es – sichtbare und unsichtbare? Ein Theatermensch hat mir vor Jahren, nach dem gemeinsamen Besuch einer nicht besonders gelungenen Theaterinszenierung, ungeduldig geraten, ich soll nicht so unerträglich ehrlich sein. Der Regisseur des Abends, Teil einer gut vernetzten Szene, hatte eine vielversprechende Zukunft und wurde bereits als zukünftiger Theaterleiter gehandelt.

„Mensch, du bist viel zu ehrlich! Manchmal muss man halt etwas heucheln, um an Jobs zu kommen. Lern das jetzt mal! Das gehört dazu! Sie nicht so zimperlich!““
Ich habe lange über meinen inneren Widerstand nachgedacht. Über meinen Stolz und darüber, dass ich noch nie gut darin war, weil man mir das sofort ansieht, wenn ich heuchle. Das macht mich weder zum besseren Menschen noch zur besseren Schauspielerin. Es ist einfach eine fehlende Begabung in dem Köcher dieser für diesen Beruf wichtigen Talente.

Heucheln – dieses eine kleine Wort hat mich lange total blockiert. Wie wär’s wenn ich dieses eine Wort, über welches ich kontinuierlich stolpere, mit einem anderen ersetzte? Und meinen Berufsstand in meiner Vorstellung kurz mit einem Anderen austauschte? Ein Schreiner sagt auch nicht: „Was ist das denn für eine hässliche, langweilige und altbackene Küche? DAFÜR soll ich kreativ sein und ein neues Möbel gestalten? Und reparieren tue ich schon grad gar nichts hier. Da werde ich ja krank davon. So kann ich nicht arbeiten!“ Nein, der denkt sich seinen Teil und schreibt eine Offerte.

Oder der Chirurg: „Meniskus – bitte, das ist eine viel zu banale Aufgabe für mich. Für so eine Lappalie betrete ich den OPs erst gar nicht.“ Nein, er operiert und witzelt derweil mit dem Team. Die Liste der Beispiele ist endlos und die Übung ist ziemlich entertaining. Seitdem geht es besser.

Die 10 Gebote des Netzwerkens:

Du sollst raus aus der Komfortzone
Du sollst hinweisen auf eigene aktuelle Arbeiten und dazu einladen
Du sollst deine Multiplikatoren nutzen
Du sollst in Kontakt treten mit den Menschen, deren Arbeit dich interessiert
Du sollst Nachhaken
Du sollst Nachhaken
Du sollst Nachhaken
Du sollst Nachhaken
Du sollst Nachhaken
Du sollst Nachhaken

SRF – Klicks statt Kultur

«Angebotsfokussierung» nennt SRF den neuesten Kahlschlag im Bereich Kultur. Journalistische Inhalte wie das Radioformat „Kontext“ werden eingestellt, gepusht wird, was „streamable“ ist.

Susanne Wille baut das SRF-Angebot radikal um. Das sieht so aus: die Audioformate «Kontext», «Künste im Gespräch» und «Kultur-Talk» werden eingestellt, wie das Branchenportal persoenlich.com heute exklusiv meldet.  Ihre Themen sollen in einem täglichen Talk kurz angerissen werden.

Die Medienstelle verliert sich in PR-Blabla: „Ziel ist es, wirkungsschwache Angebote zu identifizieren und zu evaluieren, ob deren Themen auf andere Weise gezielter ans Publikum gebracht werden können.“ – kurz: Was Klicks erzielt, wird behalten. Das bei einem privaten Medium sicher gerechtfertigt, aber SRF hat einen Service-Public-Auftrag, nicht einen Reichweiten-Auftrag. Nach dieser Logik müsste man auch die Rumantsch-Programme einstellen, weil sie per definitionem „wirkungsschwach“ sind. Die Aufgabe, Schweizer Kulturschaffen abzubilden, ist ein zentraler Teil des öffentlichen Auftrags an SRF. Mit ein paar zusätzlichen Insta-Filmchen lässt sich das nicht seriös abdecken.

Politisch unklug

Die Entscheidung, die Kulturberichterstattung zu schwächen, ist aber nicht nur gesellschaftspolitisch fragwürdig, sie ist auch politisch unklug. Damals, bei der NoBillag-Abstimmung, haben sich in erster Linie Kulturschaffende und Institutionen öffentlich für den Service Public eingesetzt. Es steht wieder eine Abstimmung an, die dem SRF das Geld streichen will. Jetzt wäre es klug, sich den Goodwill der Kulturszene zu sichern.

Protestbrief der Journalist*innen

«Mit einer schnell gestrickten Talksendung können wir uns in der Medienlandschaft nicht profilieren», äussern sich 50 Journalist*innen und Redaktor*innen in einem Protestbrief an SRF-Direktorin Nathalie Wappler in ihrer Rolle als Interim-Kulturchefin. Das Kulturformat „Kontext“ arbeitete mit Hintergründen, Recherchen, O-Tönen, halt so, wie echter Kulturjournalismus aussehen müsste. Wohl zu gehaltvoll für Tiktok und Instagram.

Die Sendung «Kulturplatz», quasi das Pendant zum abgeschafften «Kontext» wird nicht eingestellt, sondern erhält einen «Entwicklungsauftrag» und soll so zu einem «Digital First»-Angebot weiterentwickelt werden. So wird „Digital First“ zu einer Entschuldigung, um tiefergreifenden Journalismus abzuschaffen. Denn „Digital“ wird nicht in kultureller Relevanz für die Gesellschaft gemessen, sondern in Klicks. So gedacht, müsste SRF eigentlich nur noch Sex&Crime produzieren, weil diese beiden Themen nachweislich die meisten Klicks generieren. Ein netter Witz, nicht? Oh, Moment ….

True-Crime-Podcasts

Aus dem Geld des Ressorts „Kultur & Gesellschaft“, in dem alle Kultursendungen angesiedelt sind, bringt SRF dafür einen True-Crime-Podcast. Der gefühlt hundertste True-Crime-Podcast in den letzten 5 Jahren. Der Tagesanzeiger führte bereits vor einiger Zeit ein regelmässiges Gefäss ein, auf Spotify und anderen Streamingplattformen kann man sich gar nicht mehr retten vor diesen Formaten. Inzwischen wurde jedes für die Schweiz relevante Verbrechen der letzten 500 Jahre bereits bis zur Langweiligkeit in Podcasts aufgearbeitet. Will man bei SRF in diesem Bereich neues schaffen, müsste erst die Kriminalitätsrate massiv steigen.

Alle lieben Mona

Das Problem liegt darin, dass SRF die Schwerpunkte „Kultur“ und „Gesellschaft“ in einem Ressort zusammengefasst hat. In Konkurrenz zu gesellschaftlichen Sendungen wie „Mona mittendrin“ oder „Gesichter&Geschichten“ ziehen Kulturformate zu Theater, Literatur, Malerei, klassischer Musik immer den Kürzeren. So sehr wir alle Mona Vetsch lieben (und das tun wir!) und ihr die Aufwertung ihrer Sendung gönnen, macht es keinen Sinn, ihre Sendung aus dem gleichen Topf zu finanzieren, wie klar reichweitenschwächere Kulturangebote.

Die ganze Angelegenheit erinnert an die freie Wirtschaft: Immer, wenn jemand an der Spitze von „harten Entscheidungen“ spricht, die getroffen werden müssen, kann man drauf wetten, dass diese Person selbst nicht davon betroffen ist.

 

 

 

Gessnerallee: «Zeitung» statt PR-Blabla

Weg von Kultur-Marketing und PR hin zu relevanten Inhalten – das Theater Gessnerallee beschreitet mit eigener Zeitung neue Wege, um Publikum und Öffentlichkeit zu erreichen.

Unter dem so prägnanten wie einfachen Namen «Zeitung» gibt die Gessnerallee seit September ein Magazin heraus, das Aspekte und Inhalte rund um das Theaterhaus journalistisch aufbereitet und Leser*innen wie Besucher*innen einen Mehrwert zum Theaterschaffen in der Limmatstadt bietet.

Miriam Walther und Kathrin Veser, die Co-Intendantinnen, setzen auf neue Wege in der Kommunikation. Plakate und Inserate kosten viel Geld und verursachen hohe Streuverluste. Neu sollen eine eigene Zeitung und ein regelmässig erscheinender elektronischer «Wochenbrief» als wichtigste Kommunikationskanäle dienen.

Hochkarätige Fachfrau

Rahel Bains ist die Kommunikationschefin des Theaters. Die Journalistin und Publizistin bringt beeindruckende Erfahrung mit: Als Redaktionsleiterin bei Tsüri.ch und Redaktorin und Blattmacherin beim Tages-Anzeiger sammelte Bains nicht nur fachliches Knowhow, sondern kennt auch Stadt und Kulturrealität in- und auswendig. Dass sie diese Position besetzt, ist kein Zufall: «Wir haben keine Sekunde überlegt, ob wir eine klassische Kommunikationsfrau wollen», sagt Co-Leiterin Miriam Walther gegenüber persoenlich.com. «Wir wollten eine Journalistin.»

Jammernde NZZ am Sonntag

Dass die neue «Zeitung» ihren Job richtig macht, zeigt ein Jammerbeitrag in der NZZ am Sonntag. In einem Kommentar beklagt die Alte Tante «die Zweckentfremdung von Theatersubventionen» und sieht die neue Kleinstpublikation als «unlautere Konkurrenz». Die Ironie, dass sie damit eigentlich das Kommunikationskonzept der Gessnerallee bestätigt, scheint ihnen nicht aufzufallen. Aber wir würden wetten, dass eine Pressemitteilung des Theaters niemals die gleiche breite Öffentlichkeit erreicht hätte.

Mehr davon

Im Angesicht der im Sparwahn zusammengestrichenen Kulturressorts in den Medien wünscht man sich, mehr Kulturinstitutionen würden diesen Weg wählen, um Interessierte zu erreichen. Vielleicht ist die «Zeitung» ja ein Anfang, und andere Häuser sehen sich bereit, sich an den Kosten und der Gestaltung eines Mediums zu beteiligen, das sich (nicht nur) mit den Darstellenden Künsten befasst. Wir werden sehen.

Was geht, SzeneSchweiz?

Was hat SzeneSchweiz in den letzten Jahren erreicht? Wo liegen die Herausforderungen? Und wie sieht die Zukunft der Darstellenden Künste in der Schweiz aus? Wir sprachen mit SzeneSchweiz-Präsident Matthias Albold und Geschäftsführerin Salva Leutenegger.

Vor drei Jahren fand der Zusammenschluss von SBKV und Tasi zum Bundesverband SzeneSchweiz statt. Was hat sich seither in den Aufgaben verändert?

Salva Leutenegger: Wir sind jetzt in der italienischen Schweiz mit einem eigenen Sekretariat aktiv. Die Betreuung der Mitglieder vor Ort ist ein wichtiger Punkt, denn nicht nur Sprache und Kultur unterscheiden sich, sondern auch die Arbeitsweise. So hat das Tessin z.B. kein institutionelles Haus mit festen Ensembles, die darstellenden Künstler*innen arbeiten dort ausschliesslich als Freischaffende im Arbeitsverhältnis – befristete Arbeitsverträge sind die Regel.

Matthias Albold: Unser Blick auf Lebens- und Arbeitsumstände der freischaffenden Künstler im Tessin hat sich seit der Fusion geweitet. Unsere Vorstandsmitglieder Manuela Rigo und Igor Mamlenkov, sowie unsere Sektionsleiterin Margit Huber, berichten uns direkt über Probleme und den Arbeitsalltag der Kulturschaffenden im Südkanton. Und wenn wir bis anhin glaubten, den Freischaffenden im deutschsprachigen Teil der Schweiz hätten die schwierigsten Arbeitsbedingungen, dann wurden wir durch die Fusion eines Besseren belehrt.

Welche Themen waren im letzten Jahr am Dringendsten?

Matthias Albold: Unsere Lohnumfrage, die Kulturbotschaft und deren Beratungen in den Bundesgremien und die Rückmeldungen unserer Mitglieder gaben hier klar das Thema vor: Einkommensverhältnisse der Freischaffenden Künstler in der Schweiz. Wer kein Arbeitsverhältnis unter dem Schutz einer unserer beiden GAVs ergattern kann, hat es um ein Vielfaches schwerer seinen Lebensunterhalt mit seinem Hauptberuf zu verdienen als ein sogenannter Festangestellter. Der Bund hat den Handlungsbedarf erkannt, streicht aber trotzdem bei der Kultur. Das Signal ist fatal.

«Die Gagen steigen an den festen Häusern wenig, dafür konstant.»

Salva Leutenegger: Im Bereich der Freischaffenden arbeiten wir eng mit anderen Verbänden zusammen, wenn es darum geht, Gagenrichtlinien auszuarbeiten oder zu erneuern. In diesem Jahr wurden zum Beispiel die Empfehlungen der Filmgagen nach oben angepasst. Die viel zu tiefen Einkommensverhältnisse von darstellenden Künstler*innen werden auch auf strategischer behandelt: Matthias Albold ist diesbezüglich kulturpolitisch auch in Bern sehr aktiv.Bei den Festangestellten sind die Mindestgagen für Berufseinsteiger jedes Jahr ein Thema. Eine zwischen Arbeitgeberverband und SzeneSchweiz etablierte Tarifkommission kommt einmal im Jahr zu Verhandlungen zusammen. Die Gagen steigen an den festen Häusern wenig, dafür konstant.

Eine Schweizer Besonderheit in den Darstellenden Künsten zeigt sich darin, dass sowohl Arbeitgeber*innen als auch Arbeitnehmer*innen von Fördergeldern aus der öffentlichen Hand abhängig sind. Wie wirkt sich das z. B. auf Verhandlungen zu fairer Bezahlung aus?

Salva Leutenegger: Diese Tatsache schwächt unsere Position ein wenig im Vergleich zu anderen unabhängigen Branchen, weil die Arbeitgeber bei jeder Verhandlung betonen, dass wir alle im selben Boot sitzen, da die Kulturfördermittel von der Politik bestimmt werden. Wir lassen dieses Argument aber nur zum Teil gelten, denn in den Budgets ist der ungerechte Verteilschlüssel das grosse Problem. Regie, Bühnenbild, Technik etc. sind immer wichtiger als die Künstler*innen.

Matthias Albold: Es ist schon richtig, wir sitzen im selben Boot. Aber die angestellten Künstler*innen entscheiden eben nicht über die Verteilung der Subventionen und Fördergelder. Das tun logischerweise die kulturellen Institutionen oder Gesuchsteller ohne Mitsprache der Ensembles. Unsere Einflussnahme auf die Bezahlung beschränkt sich auf die Tarifkommission des GAVs. Was die Richtgagen für die Freischaffenden betrifft, fehlt uns zurzeit noch die Durchsetzungskraft gegenüber den Arbeitgebern. Wir setzen alles daran, einen Sitz am Tisch mit den Subventionsgebern zu bekommen. Es ist wichtig, dass diese verstehen, wie viele Menschen infolge der augenblicklichen Verteilung in prekären Arbeitsverhältnissen gefangen sind.

SzeneSchweiz vertritt die Interessen der Darstellenden Künstler*innen, versteht sich aber nicht als klassische Gewerkschaft. Welche Mittel stehen dem Verband zur Verfügung, um sich Gehör zu verschaffen und eventuell auch mal Druck auszuüben?

Matthias Albold: Druck ist ein starkes Wort. Gesehen an der Wirtschaftsleistung von Kultur, haben wir wenig Druckmittel. Gemessen an gesellschaftlicher Relevanz, am Beitrag zur lebendigen Kultur und der Gestaltung und Bereicherung der Lebensräume oder Steigerung der Lebensqualität sollten wir genügend Druck aufbauen können, wenn wir uns als Kulturschaffende zusammentun. Das stärkste Mittel ist  der öffentliche Diskurs. Siehe Theater Basel, da haben alle am gleichen Strick gezogen und wurden gehört.

«Das stärkste Mittel ist der öffentliche Diskurs.»

Salva Leutenegger:  Klassische Arbeitskampfmittel wie Streiks sind in unserem Bereich problematisch, weil das Publikum solche Aktionen wohl nicht goutieren würde und der Schaden für Haus letztlich auch die Künstler*innen treffen würde. Aber der öffentliche Diskurs und damit der Druck auf die Politik sind gangbare Mittel, um uns Gehör zu verschaffen. Die Häuser mögen es gar nicht, wenn wir mit der Öffentlichkeit drohen. In der freien Szene sind Druckmittel nur punktuell vorhanden, da sich die Grenzen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer oft nicht klar ziehen lassen.

Als Bundesverband ist SzeneSchweiz für alle Landesteile zuständig. Ist es ein Nachteil, sich in einer viersprachigen, föderalen Struktur für Verbesserungen einzusetzen, oder macht es das sogar einfacher, weil man viele kleine Teilerfolge erringen kann?

Matthias Albold: Einfacher im Sinn von schneller, sicher nicht. Im Sinne von nachhaltiger aber schon. Fellini sagte einmal: „A different language is a different vision of life“. Um jede Sprachregion mit ihren Eigenheiten abzuholen und zu verstehen, braucht es Einfühlungsvermögen, Verständnis und Zeit.

Salva Leutenegger: Die Vorteile überwiegen, wenn regionale Erfolge Signalwirkung haben. Aber ja, die Verhandlungsstrategien müssen regional und sprachlich angepasst werden, das macht es für uns aufwändiger. Aber in der Schweiz ist es nun mal so – wir alle leben in dieser Realität.

Es gibt diverse Verbände, die im Bereich Kultur, Theater, Film, Musik/Bühne und Interpret*innen aktiv sind. Ist das eine Verzettelung der Kräfte? Oder ist da eine breitere Wahrnehmung möglich?

Salva Leutenegger: Es gibt tatsächlich viele Verbände, die aber alle ihre Existenzberechtigung haben: Jeder Verband hat einen anderen Schwerpunkt. Für die Mitglieder ist es nicht einfach, denn nicht alle können sich mehrere Mitgliedschaften leisten. Wir sollten unter Verbänden über vergünstigte Doppelmitgliedschaften nachdenken. SzeneSchweiz hat hierzu die Initiative ergriffen, ist aber bisher gescheitert.

Matthias Albold: Die vorliegende Struktur der Verbandslandschaft ist nicht umsonst so gewachsen, wie wir sie jetzt vorfinden. Der gesamte kulturelle Sektor ist extrem heterogen. Von Bühnentechnik bis zur Tonistallation, von Museumspersonal bis zum Lichtdesign: Das ist neben den darstellenden Künstler*innen alles Kulturarbeit. In unserem Nachbarland Frankreich werden diese ganzen Berufe gleichberechtigt in Gewerkschaften vertreten. Dort ist allerdings die kulturelle und gewerkschaftliche Tradition eine ganz andere als hier bei uns. Die Frage ist vermutlich mit einem sowohl als auch zu beantworten.

Welche Herausforderungen für Verband und Branche kündigen sich für das nächste Jahr an? 

Matthias Albold:  Die Branche wird sich die Frage stellen müssen, wie wir auf drohende Kürzungen und wachsende Lebenshaltungskosten reagieren. Das wird eine gigantische Herausforderung für Subventionsgeber und Produzierende. Wir als Verband spüren den deutlich erhöhten Druck auf die Arbeitnehmer an den steigenden Zahlen von Beratungen. Ein wesentlicher Auftrag der Kulturverbände wird es sein, der Politik immer wieder klarzumachen, was für gesellschaftliche Signale sie sendet, wenn sie Kulturausgaben kürzt. Was ist uns unsere Kultur wert?

Salva Leutenegger: KI ist in aller Munde – auch in der darstellenden Kunst. Es sind schon einige Projekte am Laufen, wie z.B. die Textbausteine für Künstlerverträge. KI wird uns noch lange beschäftigen.

Kurzfilmtage Winti: Publikumserfolg!

17’000 Personen haben die 28. Ausgabe der internationalen Kurzfilmtage Winterthur besucht. Damit zeigt sich die Beliebtheit beim Publikum trotz schwierigem wirtschaftlichen Umfeld ein weiteres Mal.

Eine Woche lang konnten die Besucher*innen das nationale und das weltweite Kurzfilmschaffen entdecken: Das filmische Angebot reichte von aktuellen ägyptischen Kurzfilmen über kunsthistorisch eingebettete Fokusprogramme bis zum Late-Night-Programm «Mord ist Sport».

Der Hauptpreis im internationalen Wettbewerb ging an «Genealogy of Violence», einen experimentellen französischen Spielfilm. Dies teilten die Veranstalter am Sonntag mit. Für die insgesamt 13 Programmblöcke im Schweizer und im internationalen Wettbewerb sowie in den beiden Sparks-Programmen wurden dieses Jahr 55 Kurzfilme ausgesucht, darunter 27 Welt- und Europapremieren. Highlights aus den aktuellen Wettbewerbseinreichungen zeigten eine vielfältige Filmkultur jenseits von Mainstream und YouTube-Clips. Im Schweizer Wettbewerb konkurrieren 21 Filme um zwei Preise.

 

«Die Kurzfilmtage haben dieses Jahr einen Fokus auf die Weiterentwicklung der Programmstruktur und der Vermittlung gesetzt. Kürzere Programme im Wettbewerb haben es ermöglicht, einerseits den Q&As mehr Raum zu geben, andererseits das Abendprogramm dichter zu programmieren. Zudem haben wir für den Schweizer Wettbewerb Mittags-Vorstellungen geschaffen und mehr Programme Deutsch untertitelt. Diese Anpassungen sind beim Publikum sehr gut angekommen», so der neue Kaufmännische Leiter Rudi Gehring, der sehr zufrieden auf die 28. Ausgabe zurückblickt.

Damit kann das Festival an die Publikumserfolge der Vorjahre anknüpfen. Dies ist insofern bemerkenswert, da auch die Kurzfilmtage von der schwierigen Lage in der Kulturfinanzierung betroffen sind und in diversen Bereichen Einsparungen vornehmen mussten.

« … als sei es nur ein Hobby!»

Welche Hürden birgt die Karriere als Schauspieler*in? Was hätte man gerne schon am Anfang der Karriere gewusst? Worüber nervt man sich im Beruf am meisten? Wir haben nachgefragt.

Wie hart ist die Schauspielkarriere in der Schweiz wirklich? ENSEMBLE wollte sich ein Bild des Schauspielberufes in der Schweiz machen und hat deshalb in den letzten Monaten Statements von Darsteller*innen und Berufsaussteiger*innen gesammelt. Hier werden wir in Zukunft regelmässig Ansichten, Sorgen und Kritiken aus diesen Statements veröffentlichen. Wir haben alle Personen anonymisiert, um Betroffene, Kritisierte und das Umfeld zu schützen.

Carla B.* – Theater und Film

«Die fehlende Anerkennung nervt mich noch immer. Ich meine damit nicht den fehlenden Applaus nach einer Vorstellung, sondern die gesellschaftliche Anerkennung. Ich habe gleich lange studiert wie mein Bruder, wahrscheinlich sehr viel fleissiger. Aber bei mir reagieren die Leute immer, als würde ich mich selbst verwirklichen, als sei Schauspielerei eine Art Hobby, während der technische Job meines Bruders als echter Beruf gilt.»

Andreas F.* – Theater

«Seit wir ein Kind haben, liegt die Karriere auf Eis. Meine Frau arbeitet 60 Prozent in einem Kulturbetrieb, ich habe eine Teilzeitstelle in einer Agentur. Trotzdem reicht die Zeit nicht, um nebenbei für eine Aufführung zu proben. Im Zweifelsfalle gewinnt der Brotjob, da wir ja die Verantwortung für die Familie tragen. Natürlich sagt man sich, dass sich das wieder ändert, wenn die Kinder grösser werden. Aber stimmt das wirklich?»

Consuela T. * – Tanz

«Niemand hat uns damals auf die Konkurrenz vorbereitet. Als kleines Mädchen liebte ich einfach den Tanz. In der Ausbildung wurde es dann schon sehr hart, die Anforderungen, der psychische und körperliche Druck. Uns wurde stark vermittelt, dass wir nicht trainieren, um gut zu sein, sondern um besser zu sein als die Tänzerin neben dir. Das hat sich durch meine ganze Karriere gezogen. Es gab zwar immer Momente der Solidarität im Ensemble, aber am Ende tanzten wir gegeneinander, um weiter engagiert zu werden. Ich hoffe, dass sich das heute geändert hat.»

Nevra I. * – Theater und Film

«Ich war mit 25 schwanger. Und mein Umfeld empfahl mir, mein Kind bei den Castings zu verschweigen. Das würde als Problem gesehen. Und ehrlich, es war auch ein Problem, vor allem auf der Bühne. Die Aufführungen fanden ja abends statt, da gibt’s keine Kita und ein Babysitter kostet auch mehr, als man sich von einer Gage leisten kann. Ohne Unterstützung der Familie hätte ich aufgeben müssen.»

Doghan A. * – Film und Theater

«Nach dem Studium war ich total begeistert von meinem Beruf. Damals zählte die Leidenschaft mehr als die Bezahlung. Kein Wunder, damals hatten auch alle meine Freund*innen mit anderen Berufen kaum Geld. Jetzt, 15 Jahre später, haben diese Leute Familie, können sich auch mal Ferien leisten, während wir von einem prekären Engagement zum nächsten zittern und uns mit berufsfremden Jobs über Wasser halten. Natürlich ist die Leidenschaft noch da, aber inzwischen etwas gedämpft. Trotzdem würde ich nie etwas anderes sein wollen.»

Mit Herz

Diese Statements hören sich etwas düster an. Trotzdem haben alle Befragten angegeben, dass sie ihren Beruf lieben oder liebten. Auch Personen, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Karriere in den Darstellenden Künsten aufgeben musste, wünschten sich, sie könnten wieder aktiv auf die Bühne oder vor die Kamera.

Wie geht es euch in eurer Realität als Darsteller*innen? Schreibt es in die Comments oder schickt eure Geschichte an reda@elarbi.ch

Es gibt Beiträge an Weiterbildungen!

SzeneSchweiz-Mitglieder haben das Anrecht auf Beiträge von 100 bis 200 Franken an berufsbedingte Weiterbildungen! Jetzt letzte Chance, die Anträge für 2024 noch nachzureichen.

Gerne erinnern wir vor Jahresschluss daran, dass SzeneSchweiz-Mitglieder jährlich einen Zustupf an ihre Weiterbildung erhalten:

1. CHF 100: Individuelle Weiterbildung

Wir unterstützen unsere Mitglieder mit CHF 100 pro Jahr für die individuelle Weiterbildung, sofern sie einen beruflichen Hintergrund hat.
Schicken Sie uns eine entsprechende Teilnahmebestätigung, den Zahlungsnachweis und wir überweisen Ihnen CHF 100. Bitte IBAN-Nr. nicht vergessen!

*** NEU! Gilt auch für die Schweizer Künstlerbörse ***

Ab 2024 gilt dieser jährliche Zustupf von CHF 100 auch für die Teilnahme an der Schweizer Künstlerbörse, organisiert von t. Theaterschaffen Schweiz.

WICHTIG:
Voraussetzung für die Bewerbung an der Künstlerbörse ist eine Mitgliedschaft beim Verband t. Theaterschaffen Schweiz. Nur wenige unserer Mitglieder sind allerdings bei beiden Verbänden Mitglied. SzeneSchweiz unterstützt eure Präsenz an der Künstlerbörse dennoch wie folgt:

Wer nicht Mitglied bei t. Theaterschaffen Schweiz ist und sich deshalb nicht für einen Auftritt an der Künstlerbörse bewerben kann, aber trotzdem gerne als Besucher*in an die Künstlerbörse gehen möchte: SzeneSchweiz beteiligt sich an den Eintrittstickets und Tagespässen (Kosten: zwischen CHF 50 und CHF 180)
ODER

Wer sowohl bei SzeneSchweiz als auch bei t. Mitglied ist und sich für die Künstlerbörse bewirbt, kann unseren Weiterbildungsbeitrag für die Einschreibegebühr (Kosten: CHF 50) nutzen. Im Falle eines Auftritts unterstützen wir euch auch bei der «Startgebühr» (Kosten: CHF 300).
Schicken Sie uns bitte die Quittung für die Tickets oder die Zahlungsbestätigung für die Einschreibe- oder Startgebühr an info@szeneschweiz.ch.

Noch nicht Mitglied? Hier anmelden!

2. CHF 200: Coaching in Kooperation mit dem Kulturmarkt

Ein neues Angebot für alle festangestellten und freischaffenden SzeneSchweiz-Mitglieder, die NICHT beim RAV angemeldet sind.
CHF 200 pro Mitglied und Jahr für ein individuelles Coaching beim Kulturmarkt. Künstler*innen sind in der beruflichen Karriere regelmässig auf sich alleine gestellt. Der
Kulturmarkt bietet im kollegialen Dialog individuelle Trainings und Coachings an. Themen sind zum Beispiel:

Vorsprechen – Rollenarbeit – Dialogarbeit – Szenische Arbeit – Stimmtraining –
Sprechertraining – Sprachaufnahmen – Showreels – Bewerben für die Bühne

Kosten: CHF 100.- pro Stunde. Unterstützung von SzeneSchweiz: CHF 200.- pro Mitglied und Jahr. SzeneSchweiz unterstützt Bühnenkünstler und Bühnenkünstlerinnen, die sich im Kulturmarkt individuell coachen lassen. Das Angebot richtet sich an alle Mitglieder von SzeneSchweiz (Freischaffende und Festangestellte), die nicht beim RAV angemeldet sind. Die Termine können laufend vereinbart werden.


3. CHF 200: Training mit Korrepetitor*innen

CHF 200 pro Mitglied und Jahr für ein Training mit Korrepetitor*innen.  Gilt für alle festangestellten und freischaffenden SängerInnen, die NICHT beim RAV als arbeitslos angemeldet sind.

Sängerinnen und Sänger haben die vornehme Pflicht, ihre Stimme stets im Training zu halten. Für SängerInnen bieten wir eine einmalige Unterstützung von CHF 200. Ob für das Vorsingen oder für das bevorstehende Engagement: Sechs Korrepetitor*innen stehen in Basel,  St. Gallen und Zürich zur Verfügung (1 Std. zu CHF 80):

Zürich: Yulia Levin, E-Mail: yulia@levin.ca, Tel: 079 962 52 09
Zürich: Anna Hauner, E-Mail: anna.hauner@icloud.com, Tel: 078 753 02 51
Basel: Iryna Krasnovska, E-Mail: i.krasnovska@theater-basel.ch, Tel: 076 593 21 33
Basel: Leonid Maximov, E-Mail: leomax@gmx.ch, Tel: 061 311 55 19
St. Gallen: Roxana Ionescu-Beck, E-mail: roxxa4@yahoo.com
St. Gallen: Miho Tanaka, E-mail: mihotanaka84@gmail.com

Theater Basel: Herzblut zahlt keine Miete

„Kein Geld!“, heisst es bei den GAV-Verhandlungen seitens der Leitung Theater Basel. Lustig. Der Kostenzuwachs in der letzten Saison bei der Direktion: knapp 10 Prozent. Bei der immens grösseren technischen Belegschaft: 2 Prozent.

Die Zahlen sind krass: 15 Personen leiden an Schlafstörungen, 10 haben Suchtprobleme, sechs leiden unter einer Belastungsdepression und 30 haben alle ihre Freizeitaktivitäten aufgegeben. Und in dieser Aufzählung sind die physischen Belastungen noch nicht einmal erwähnt. «Sie verstecken sich immer hinter Zahlen, also haben wir ihnen Zahlen geliefert», sagt Gewerkschafter*in Alex *Aronsky in einem  WOZ-Artikel Anfang Oktober ausführte.

Das technische Personal fordert gemeinsam mit Gewerschaftsvertreter*innen einen Gesamtarbeitsvertrag, der eine faire Bezahlung, eine Arbeitsbelastung, die nicht ins Burnout führt und genug Personal garantiert. SzeneSchweiz als Verband der Darstellenden Künstler*innen unterstützt diese Forderungen.

Die erschreckenden Zahlen zeigen, wie stark das Betriebsmodell des Theaters Basel – und letztlich vieler etablierter Theaterhäuser – auf Ausbeutung und Selbstausbeutung abstellt. Und wie reagiert die Geschäftsleitung bisher? «Mein Ziel», sagt Nils Braun, Finanzdirektor des Theaters Basel, «ist immer die schwarze Null.»  Das sei die Vorgabe der Politik, die die Subventionen vergibt.

Internationale Ausstrahlung auf Kosten der Mitarbeiter*innen

Aber so einfach ist es nicht. Zum einen ist es sicher nicht im Sinne der Subventionsgeber*innen, prekäre Arbeitsplätze zu finanzieren, die Menschen nachweislich krank machen, noch wird die Tatsache erwähnt, dass die enge Kostensituation nicht den Mitarbeiter*innen geschuldet ist. Zitat WOZ:

Tatsächlich wies das Theater bis vor einer Erhöhung der Subventionen 2023 ein Millionendefizit aus, verursacht allerdings zum grossen Teil durch Managementfehler.

Zurück zu den schweren Belastungen, denen die Angestellten, nicht nur die technischen, in Theaterbetrieben ausgeliefert sind. Was meint Braun dazu? Seit Juni 2023 versucht die Belegschaft (250 Angestellte), die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Voraussetzungen sind schwierig, da es auch um Umverteilung geht: Es wird in nächster Zeit keine Aufstockung der Subventionen geben. Der Leitung geht der künstlerische Output über alles, Aufstockung im Budget für Infrastrukturangestellte gibt’s nicht. Dass dies auf Kosten der Mitarbeitenden geht, scheint man in Kauf zu nehmen.

Nils Braun auf die gesundheitsgefährdende Belastung angesprochen: „Der Job ist natürlich anstrengend und manchmal schwierig Die meisten arbeiten trotzdem sehr gerne hier.». Es stecke so viel Herzblut in der Arbeit am Theater, deshalb habe der Satz ‹So ist es nun mal am Theater› schon eine gewisse Gültigkeit. Wir meinen: Herzblut verhindert keine Burnouts und bezahlt keine Mieten.

Und wer kostet nun wie viel?

Das Problem liegt in der internen Verteilung. Nicht nur zwischen auf und hinter der Bühne – sondern auch in der steilen Hierarchie und deren Kosten. Als Beispiel:

Für das gesamte technische Personal (wir erinnern uns: rund 250 Personen) sind die Kosten von Saison 21/22 zu Saison 22/23 um  338’946 Franken gestiegen. Das ist eine Kostensteigerung von rund 2 Prozent.

In der gleichen Zeit stiegen die Kosten für die künstlerische Direktion/ allgemeine künstlerische Vorstände ohne Ensemble (geschätzt um die 40 Personen, genaue Angaben gibt es nicht) um 226’090 Franken. Das ist eine Steigerung von beinahe 10 Prozent.

Hier sieht man die Kostentreiber. Und genau da müsste man ansetzen.

 

Gibt’s bald den Tsüritipp?

Der Züritipp von Tamedia ist demnächst Geschichte. Unsere Kolleg*innen von tsri.ch wollen in die Bresche springen und den Tsüritipp lancieren.

Die Wochenbeilage Züritipp ist eine mediale, kulturelle Institution und sie verschwindet jetzt leider nach 46 Jahren, weil sie nicht genug Profit abwirft. Als Tamedia, die Herausgeberin, die Einstellung bekannt machte, war der Aufschrei bei Kulturschaffenden und Publikum gross. Es gab einige Ideen, wie man das Magazin retten könnte, sollte, wollte.

Jetzt haben die Herausgeber*innen der Zürcher Plattform tsri.ch die Initiative ergriffen und planen einen (vorerst) digitalen Newsletter namens „Tsüritipp“.

Hier im O-Ton:

„Wir bedauern die Einstellung des Züritipps, die Mitte September kommuniziert wurde, sehr und danken allen Züritipp-Journalist:innen für ihre wichtige Arbeit. Der Züritipp wird in Zürich fehlen und kann nicht vollwertig ersetzt werden.

Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu einer vielfältigen Kulturberichterstattung beitragen. Unser Angebot ist eine bewusste Antwort auf den seit Langem stattfindenden Abbau im Kulturjournalismus.

Ganz nach dem Motto: Andere bauen ab, wir bauen auf!“

Viele eingefleischte Zürtipp-Fans werden jetzt die Nase rümpfen. Digital? Das ist doch nicht das Gleiche. Stimmt schon. Aber das Beste ist der Feind des Bestmöglichen. Die Leute von tsri.ch haben das professionelle Knowhow, den kulturellen Bezug und die Begeisterung, um einen digitalen Kulturjournalismus für die Region Zürich zu liefern. Engagierter Kulturjournalismus verschwindet langsam aus den Medien, wird immer mehr von People-Inhalten verdrängt, bei denen es mehr um die neueste Beziehung irgendwelcher Reality-TV-Sternchen geht als um das kulturelle Angebot gleich vor der Haustür. Die grossen Medienhäuser rechnen mit Klicks, nicht mit Kultur.

Dazu die tsri-Redaktion:

„Unser Angebot ist eine bewusste Antwort auf den seit länger stattfindenden Abbau im Kulturjournalismus. Wir können den Züritipp natürlich nicht vollwertig ersetzen, aber wir können unser Bestes tun. Denn wir alle profitieren vom kulturellen Leben unserer Stadt.“

Und viele kulturaffine Menschen würden es begrüssen, wenn Berichterstattung zu Theater, bildender Kunst, Kino und Musik  sie auf ihrem Handy erreicht, ohne dass sie für jede einzelne Sparte eine eigene App installieren oder auf ein spezialisiertes Portal zugreifen müssten.

Unterstützung benötigt!

Die tsri-Herausgeber*innen können das neue Angebot nicht einfach aus der eigenen Tasche finanzieren, da sie als Medien-Startup nicht die Reserven besitzen und auch grundsätzlich mehr an Journalismus als an Geld interessiert sind. Deshalb haben sie ein Crowdfunding gestartet, um die ersten 40 000 Franken zu sammeln, die für eine Kulturredaktion benötigt werden. Selbst mit diesem geringen Betrag ist es möglich, Personen zu beschäftigen, die das Zürcher Kulturleben abbilden. Es fallen ja keine Druckkosten an und die redaktionelle Infrastruktur besteht bereits. Wir von SzeneSchweiz begrüssen die Initiative, die tsüri.ch mit ihrem Engagement zeigt und freuen uns auf das Projekt, das hoffentlich zustande kommt.

Hier kann man tsri.ch unterstützen und mehr Infos zum geplanten Zürcher Kulturbriefing erhalten.

Mehr zum Tsüritipp

Üben, bis es Spass macht

An der Premiere setzt der Adrenalin-Rausch ein und Darsteller*innen vergessen, wie hart der Weg dahin war. Unsere Kolumnistin denkt über Proben nach.

Von Rebekka Burckhardt

Wenn ich ins Theater gehe und mir eine Inszenierung ansehe, dann fühle ich mich gelegentlich noch wie damals, als ich Studentin war. Es passiert nach all den Jahren immer noch gelegentlich, dass ich – wie damals –  Kolleg:innen auf der Bühne sprachlos bewundere. Selbst wenn mir eine Inszenierung nicht gefällt und ich Kritik und Einwände dazu habe.

Während meines Studiums wurde mir geraten, ich solle nüchterner zusehen, nicht so in die Anbetung gehen, sondern versuchen, mit pragmatischem Blick zuzuschauen und mir dabei überlegen, wie und was die auf der Bühne genau machen. Nun, wie machen sie es denn genau?

Ich sitze also im Theater, sehe den Schauspieler:innen zu und denke darüber nach, wie sie ihre Rollen, ihren Auftritt wohl erarbeitet haben. Manchmal frage ich mich, warum die Menschen auf der Bühne spielen, wie sie spielen und ob das in dem vorliegenden Fall voll und ganz das Resultat genauer Arbeit ist. Wenn es mir weniger gefällt, denke ich darüber nach, wie ich was wohl besser machen würde. Und wenn es mir sehr gefällt, denke ich manchmal: das könnte ich nicht, was die da oben machen. Ist das jetzt dieses viel besprochene Hochstapler-Syndrom oder einfach nüchterne Selbsteinschätzung?

Aber zurück: Wie geht das denn nun: ein Stück proben? „Es gibt Menschen und es gibt Sätze. Und es gibt Menschen, die diese Sätze sprechen. Und genau das ist dein Job“ – so die lapidare Definition eines älteren Studienkollegen, damals in den frühen 90ern. Wenn es doch nur so einfach wäre! Ich habe Produktionen erlebt, in denen praktisch nur improvisiert wurde, teilweise ohne den Text, der erst gegen Ende dazu kam. Am Ende kam etwas Tolles dabei raus, aber ich stand während der gesamten Probenzeit gefühlt verloren im Dschungel, ohne Orientierung.

Auf der anderen Seite gab es auch Projekte, in denen wir von Beginn an jedem Buchstaben des Textes folgten und uns nach 3 Wochen eingestehen mussten, dass dies wohl nix werden wird, obwohl stundenlang gebimst, geschraubt und gefeilt wurde.

Dann gibt es – selten genug – die glückliche Arbeit, die von Beginn an schmerzlos flutscht und dann noch richtig gut wird.

Schauspieler*in ist nicht gleich Schauspieler*in

Eine Herausforderung sind auch all die unterschiedlichen Arbeitsformen der Darsteller*innen und diese unterschiedlichen Typen prallen während der Proben aufeinander. Es gibt Kolleg:innen, die hervorragend über ihre Art des Probens, über das Erarbeiten ihrer Figur sprechen können, unglaublich kompetent und reflektiert. Probenbeginn, dann Szene für Szene durchs Stück, es gibt ein Konzept, man wendet das dann in der Probe an, entwickelt es weiter oder verwirft es und voilà – fertig ist die glänzende Charakterstudie.

Dann gibt es die Kolleg:innen mit perfekt gelerntem Text, die schon ab der ersten Probe pfannenfertig spielen. Da verändert sich manchmal kaum mehr etwas und bleibt oft mehr oder weniger da, wo es von Beginn an war. Das kann brillant oder durchschnittlich sein.

Es gibt die Kolleg:innen mit erst in den Proben den Text wirklich lernen – nicht aus Faulheit, sondern weil sie so flexibel und offen bleiben können im Probenprozess – wach in jedem Moment. Das kann viel Spass machen, wenn man sich darauf einlässt. Textgenauigkeit muss da erstmal hintenan stehen. Für klassische Texte in Versform ist das also nix – und es braucht im Idealfall eine Souffleuse.

Dann gibt es da noch die Kolleg:innen, die bis zur Premiere nur mit halber Kraft spielen, den Text bis zum Schluss nicht ganz intus haben, alle in den Wahnsinn treiben damit, um dann an der Premiere – Bääämmm!! – alles auffahren und glänzend die Kolleg:innen an die Wand spielen.

Jeder von uns hat ein Label und dieses abzulegen ist schwierig bis unmöglich. Wir sind sie alle: Die Schweiger, die Quassler, die Witzemacher, die Spaltpilze, die Chefnaturen, die Drama Kings and Queens.

Die Freiheit, unperfekt zu sein

Kennen wir das nicht von Kolleg:innen und uns selbst: Zu Beginn der Proben finden wir einfach keinen Zugang zu unserer Rolle – aus welchem Grund auch immer? Und war nicht jeder von uns mal in genauso einer verzagten, verstockten, verunsicherten Verfassung, dass er den morgendlichen Probenbeginn mit Ablenkungsdiskussionen rausgeschoben hat? Da werden wertvolle Spielenergien verschwendet, während am Tisch geredet, problematisiert und heissgeluftet wird.
Kennen wir nicht alle die Kolleg:innen (oder waren selbst schon so), die eine Szene unterbrechen und ein Fass aufmachen: „Ich verstehe die Szene nicht! Ich komme mit meiner Figur nicht weiter! Diese Striche machen keinen Sinn!“. Und dabei gehts nur um die eigene Unsicherheit?

Wir sind alle Profis im Sabotieren von uns selbst und anderen, wenn es darum geht, Angst und Unsicherheit zu überspielen. Speak it out kann da eine hilfreiche Methode sein: „Ich habe ziemliches Lampenfieber und Angst es nicht zu bringen” – das Aussprechen hilft manchmal und braucht, je nach Konstellation, mehr Mut als erwartet.

Die Regie? Ja, die Regie ……… Das ist ein Thema für sich.
Ich denke, jeder Regiemensch müsste mindestens einmal in seiner Laufbahn eine anspruchsvolle Rolle erproben und spielen und umgekehrt müssten alle Schauspieler:innen auch mal Regie führen – das könnte gut sein fürs gegenseitige Verständnis.

Am Ende erinnern wir uns immer wieder, wieso es „Proben“ heisst: Weil Ausprobieren. Weil Noch-Nicht-Können. Weil Üben, um besser zu werden. Proben sind dazu da, nicht vollkommen zu sein, nicht schon alles zu beherrschen. Proben sind der Raum, in denen wir Fehler machen können, um besser zu werden.

Hinter die Maske blicken

Der erste Eindruck wiegt schwer – im Leben wie auch bei Castings. Sympathie verschafft mehr Auftritte als pures Talent. Ist das unfair? Unsere Kolumnistin Steffi Gygax denkt über die eigenen Vorurteile nach.

Von Stefanie Gygax

Mein erster Ballettlehrer sprach einst einen Satz, den die kleine Stefanie nie wieder vergessen konnte: „You never get a second chance for your first impression.“

Wie viele Sachen aus der Schule habe ich gleich wieder vergessen, aber diese Aussage blieb hängen. Immer wieder beobachte ich bei mir selber, wie das erste Sehen wirkt. Es zeigt die Wichtigkeit der emotionalen Komponente, welche immer Auswirkung auf die künstlerische Tätigkeit hat. Wir erleben aber immer wieder, dass wir nach dem ersten Eindruck noch überrascht werden. Das freut mich pdann ganz besonders, weil ich eigentlich Vorurteile ablehne, auch wenn ich ihnen selbst immer wieder auf den Leim gehe.

Nicht nur ich. Eine Kollegin, die selbst mittlerweile Stücke produziert und Castings dafür macht, sagte mir einmal, dass die Entscheidung eigentlich zu 90% schon gefallen sei, wenn ein*e Kandidat*in zur Tür reinkommt. Meistens entscheidet der Typ Mensch und sein Auftreten, bevor er/sie beginnt zu spielen oder zu singen. Stell dir das mal vor: Dein Können ist ganz und gar sekundär!

Gerade in letzter Zeit fällt es mir wieder ganz besonders auf, wie stark der erste Eindruck wirkt. Ich will es dann oft nicht wahrhaben und beginne ein Gespräch, um das Sprichwort mit Lügen zu strafen. Aber mein erstes Gefühl bestätigt sich leider oft. Meine bald 80-jährige Gesangslehrerin, eine Operndiva, die überall auf der Welt gesungen hat, sagt immer wieder: «Wenn jemand auf die Bühne kommt, dann weiss ich schon, wie er/sie singt!»

Wie gesagt, auch ich urteile oft nach dem ersten Eindruck. Meist haben wir gar keine Kontrolle über unsere emotionale Wahrnehmung.Doch önnen wir diese Tatsache positiv für uns nutzen? Inwiefern haben wir darauf Einfluss, unseren ersten Eindruck auf andere Menschen zu verändern?

Wenn ich bei einer fertigen Produktion auf die Bühne komme, mache ich mir keine Gedanken darüber, weil ich in der Rolle bin. Aber bei einer Audition finde ich das wahnsinnig anstrengend. Ich soll mich selbst sein, authentisch und keine Rolle spielen, aber dann auf Knopfdruck in eine Figur springen, wenn ich anfange zu singen.

Vielen Menschen spielen auch privat eine Rolle, geben vor, jemand zu sein, der sie nicht sind. Die Jury oder der Arbeitgeber wird getäuscht und ist dann überrascht, wenn die Person bei der Zusammenarbeit total anstrengend ist. Denn in einem intensiven Probeprozess, in dem man oft bis aufs Äusserste gefordert ist, kann man eine Maske nur noch schwer aufrecht halten. Meiner Erfahrung nach haben wir nur wenig Einfluss auf unseren ersten Eindruck. Auch wenn ich den Moment bewusst wahrnehme und meine beste Seite zeige, heisst das nicht, dass dies auch so ankommt.

Ein Bekannter erkundigte sich bei einer gemeinsamen Kollegin, was diese eigentlich gegen mich hätte. Worauf diese antwortete: «Ja also, die Steffi war beim ersten Treffen so überschwänglich, dabei kannten wir uns ja gar nicht.» Na ja, ich hatte mich einfach dermassen auf die erste Kostümprobe gefreut, aber das kam wohl gar nicht gut an.

Gerade heute zeigte sich ein weiteres Beispiel: Ich spiele derzeit die böse Hexe bei einer Halloween-Show und die Tochter einer Kollegin wollte nach der Vorstellung die ganze Zeit wissen, wo jetzt die böse Hexe ist? Deshalb nahm sie ihre Tochter mit in die Garderobe, um ihr zu zeigen, dass die «Böse» im Stück, im wahren Leben ganz lieb ist. Dieses Mädchen schaute mich an in meiner Gruselmaske und ich redete ganz sanft mit ihr, zog allmählich Perücke und Hut aus, um ihr zu zeigen, dass ein Mensch darunter steckt.

Wie dieses 3-jährige Kind mich anschaute, werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Sie konnte nicht glauben, dass dieser erste Eindruck so falsch gewesen war. Ich musste doch böse sein, wenn ich so gruselig geschminkt bin und vorher auf der Bühne Schaden angerichtet hatte. Und trotzdem sah ich in ihren offenen Augen, dass sie von dieser Diskrepanz fasziniert war.

Mein Fazit: Der erste Eindruck hat eine immense Wirkung auf uns, aber es lohnt sich auch immer, hinter die Fassade zu blicken. Vielleicht steckt da gar keine Hexe drin.

Film & Schauspiel: Frisst KI die Jobs weg?

Die Angst vor KI geht um in den Darstellenden Künsten. Sprecher*innen spüren bereits die Auswirkungen, Darsteller*innen und Autor*innen blicken ängstlich in die Zukunft. Was kann KI wirklich?

Wird die KI die Kunst automatisieren? Das ist die grosse Angst, die gerade Schauspieler*innen beschäftigt. Doch die meisten Leute haben kaum eine Vorstellung, wie künstliche Intelligenz wirklich funktioniert. Grundsätzlich kann man es so erklären: Ein Large Language Model, das sind die Systeme, die wir heute als „KI“ bezeichnen, sammelt Millionen von Inputs. Gibts man diesem System eine Aufgabe, errechnet sie das wahrscheinlichste Ergebnis aus all ihren Informationen. Das ist an sich keine „Intelligenz“, das ist nur glorifizierte Datenverarbeitung. Technisch ist sehr vieles möglich und die Entwicklung schreitet voran. Trotzdem fürchte ich mich nicht vor den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Weshalb?

Mittelmass statt Kreativität

Wenn eine LLM-KI alle Inputs auswertet, die beste Variante errechnet und dann eine Arbeit abliefert, ist das Ergebnis immer Mittelmass. Ein Brei aus Bestehendem ohne Innovation oder Überraschung. Dazu kommt, dass die KIs immer die Lösung anbieten, die am wenigsten Kontroverse auslöst. Sonst wären sie nicht für ein breites Publikum einsetzbar: die angenehmste Stimme, die ausgeglichensten Gesichtszüge, die langweiligste Story. KIs sind nicht geschaffen, um Menschen aufzuregen.

Nehmen wir als Beispiel eine Textaufgabe: Eine KI kann grossartig Marketing-Newsletter schreiben. Texte, die keine Seele oder Tiefe brauchen und die grundsätzlich schon langweilig sind. KI kann auch Drehbücher schreiben. Nur sind die Geschichten in diesen Drehbüchern dann eben auch mittelmässig, weil sie aus den wahrscheinlichsten Storylines bestehen. Klar, bei all den Remakes in Hollywood wird das kaum jemand merken. Für Kreativität braucht es ein gewisses Mass an Wahnsinn.

Dasselbe gilt für Sprecher*innen-Jobs. Eine KI kann Informationen vermitteln, wenn im gesprochenen Text keine Emotionen gebraucht werden. Zeitungsartikel vorlesen. Sogar für gewisse Synchronisationen gehts. Aber es funktioniert nicht mehr wirklich, wenn der gesprochene Text eine gewisse Atmosphäre braucht. In erster Linie, weil KIs nicht wissen, wie sie mit einer einzigen Betonung die Bedeutung von Inhalten verändern können. KIs haben weder Seele noch Trauma, das man benötigt, um Gesprochenes mit den passenden Emotionen zu füllen. Hört euch zum Beispiel mal eine Lesung von Harry Rowohlt an.
(Weiter nach dem Video).

Harry Rowohlt liest

Sichere Bühne

Auf der sicheren Seite sind alle Live-Darbietungen. Keine KI kann auf einer Theaterbühne eine Beziehung zum Publikum aufbauen, keine KI kann einen Chor ersetzen. Wo immer das Handwerk der Darstellenden Künsten unmittelbar erfahrbar ist, wird künstliche Intelligenz, oder LLMs, noch auf viele Jahre hin unzulänglich bleiben. Kultur entsteht aus der Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Alles andere ist ein Produkt.

Wird es weniger Jobs geben? Ja, die KIs werden die kleinen Jobs, die langweiligen Jobs übernehmen. Das ist schmerzhaft, weil viele Sprecher*innen und Texter*innen mit diesen Jobs ihre Miete bezahlen. Auf der anderen Seite wird eine Entwicklung kommen, die wir oft nicht bedenken: Die Jobs, die nicht von KIs erledigt werden können, gewinnen an Wert.

KIs an die Macht!

In vielen Führungsetagen der Wirtschaft herrscht eine gewisse KI-Euphorie. Alles ist KI, muss KI sein, auch wenn es nicht den geringsten Sinn ergibt. Was den leitenden Köpfen, den CEOs und Managern, nicht bewusst ist, und wo sie sicher noch überrascht sein werden: Die Bereiche, die KIs besser beherrschen als Menschen sind Organisation und Management. Da muss man aufgrund von grossen Datenmengen die beste Entscheidung treffen. Das ist das, was Manager und CEOs tun.

Für uns wird sich also in Zukunft weniger die Frage stellen: Kann eine KI meinen Job stehlen? Sondern: bin ich bereit, für eine KI zu arbeiten?

«Der Schweizer Film braucht mehr Mut!»

Beim diesjährigen SzeneSchweiz-Apéro am ZFF gings um die Zukunft des Schweizer Films – und die Gäste kamen zu spannenden Einsichten.

Es war wieder so weit – der jährliche Branchen-Apéro anlässlich des ZFF versammelte am letzten Samstag die Mitglieder von SzeneSchweiz und SSFV. SzeneSchweiz-Präsident Matthias Albold legte den Finger gleich zu Beginn auf einen wunden Punkt: Warum wird der Schweizer Film in der Schweizer Presse so stiefmütterlich behandelt? Er zitierte aus einem NZZ-Artikel zum Filmfestival Locarno: „Es gibt fünfzig Schweizer Produktionen, aber nur ganz wenige hinterlassen Eindruck.“

Podiumsgast Christian Johannes Koch, seineS Zeichens Drehbuchautor und Regisseur (Neumatt, Spagat), teilte seine Perspektive von hinter der Kamera, während Schauspielerin Wendy Güntensperger  (Wapo Bodensee, ARD) auf die finanziellen und karrieretechnischen Herausforderungen von Schauspieler*innen – selbst solche mit festem Engagement in einer erfolgreichen TV-Serie – aufmerksam machte.

Am Ende kamen alle zum Schluss, dass es wie immer am Geld liege. Und damit zum Dilemma der Förderung: Die Gelder werden gekürzt oder sicher nicht erhöht, es gibt immer mehr Projekte, was am Ende dazu führt, dass keiner der geförderten Filme ausreichend finanziert ist. Darunter leiden in erster Linie die Darsteller*innen, die für prekäre Löhne arbeiten, aber effektiv keinen Einfluss auf die Projekte oder deren Finanzierung haben.

Mehr Geld für weniger Filme?

Die angedachten Lösungen sind kontrovers: Sollen öffentliche Förderstellen bei den unterstützten Projekten die empfohlenen Mindestgagen durchsetzen? Das würde automatisch zu weniger umgesetzten Filmen führen. Die kleineren Projekte, die sich diese Kosten nicht leisten könnten, würden herausfallen. Christian Johannes Koch sieht das nicht nur negativ. Damit würde der Wettbewerb gestärkt und die wirklich starken Produktionen kämen in Genuss einer Finanzierung, die auch den Darsteller*innen anständige Löhne garantieren könnten. Das stellt die Darsteller*innen vor eine schwierige Frage: Weniger, dafür besser bezahlte Jobs, oder mehr Möglichkeiten, dafür mit prekärer Bezahlung? Oder liegt das Problem vielleicht auch bei der Verteilung der Gelder innerhalb der einzelnen Projekte? Stehen die Darsteller*innen einfach immer am Ende der Schlange?

Die Krux mit der Förderung

Ein anderes Problem zeigt sich bei der Verteilung der Fördergelder: Die Schweizer Fördergremien gewichten schon seit Jahrzehnten nicht nach Erfolg und grosser Reichweite, sondern nach kulturellem Wert. So werden viele Filmprojekte gefördert, die auf lokaler Ebene kulturell wertvoll sind, aber keine Chance haben, das Schweizer Filmschaffen auf einem internationalen Markt wettbewerbsfähig zu machen.

Dass es auch anders geht, zeigen die nordischen Länder, die mit ihren Produktionen weltweit gesehen und auch gestreamt werden. Und da wünscht sich Koch auch mehr Mut von Schweizer Filmemacher*innen: «Denkt grösser.»

Netzwerken und apérölen

Nach rund neunzig Minuten Podium genossen die zahlreich erschienenen Darsteller*innen dann noch kleine Snacks, Weisswein und das eine oder andere Bier, während nebenan auf dem Sechseläutenplatz die ZFF-Gäste mit Kaviar,  Cüpli und VIP-Karosse verwöhnt wurden. Aber träumen wir nicht alle davon?

Das Sterben des «Züritipp» – und die Folgen

Ganze 46 Jahre lang war der Züritipp eine mediale Kulturinstitution. Jetzt soll er sterben. Das hat nachhaltige Folgen für Tamedia und die Zürcher Kulturszene.

Ältere Generationen mögen sich an eine Zeit erinnern, in der man sich nur im Züritipp breit über das Zürcher Kulturleben informieren konnte. Google und Apps gab es damals noch nicht. Man las in der Beiz den Züritipp und erklärte seinen Freunden dann, an welchem Abend man warum wohin gehen wollte. Diese Zeiten sind natürlich längst vorbei. Inzwischen öffnet man das Handy und klickt sich durch die Apps der digitalen Kultur-Agendas und kauft das Ticket fürs Konzert gleich online.

Wäre es das, wäre das Aus für den Züritipp nur zeitgemäss und nachvollziehbar.

Aber so einfach ist es nicht. TXGroup, der Mutterkonzern des Tagesanzeigers, kalkuliert exakt. Streng nach Reichweite. So und so viele Leser*innen erreicht die Wochenbeilage, damit kann man so und so viel Werbung verkaufen. Das rechnet sich nicht mehr. Man verkauft mit dem Züritipp einfach zu wenig Werbung. Für Kulturschaffende mag dieses Argument zynisch sein, aber Journalismus ist ein Geschäft.

Bevor jetzt die ENSEMBLE-Leser*innen auf die Barrikaden gehen: Der Autor ist eurer Meinung! Es braucht den Züritipp! Und das sage ich nicht nur als ehemaliges Mitglied der Züritipp-Redaktion, sondern als Medienfachmann. Die Geschäftsleitung der TXGroup hat viel Ahnung von Geld, aber wenig Wissen über gesellschaftliche Mechanismen.  Der Wert des Züritipp ergibt sich nicht aus der Reichweite und dem damit verbundenen Werbeeinkommen. Der Wert des Züritipp ergibt sich aus dem Impact, aus seiner Wirkung in der Gesellschaft, die schlussendlich auf den Zeitungstitel reflektiert.

Kulturelle Relevanz

Als Wochenbeilage, die an unzähligen Orten, in Beizen und Theatern, bei Ärzten und Zahnärzten, in allen Kulturinstitutionen aufliegt, wirkt der Züritipp als kultureller Multiplikator. Die Redaktion liefert das leichte Kultur-Feuilleton für die Stadtzürcher Normalos. Nichts Elitäres, nichts allzu Vergeistigtes wie bei der NZZ, keine Nischen-Infos wie bei den Spartenmedien im Bereich Klassik, Pop, Kino, Kulinarik oder Theater. Nirgends sonst findet man nebeneinander informative Beiträge über Opern und Techno-Clubs, über Filme und Kunstausstellungen, über Theater und Imbissbuden.


Kultur kämpft um Sichtbarkeit

Beitrag auf Tsri.ch:
Weil der Züritipp eingestellt werden soll, schlagen nun etliche Kulturhäuser Alarm. Sie sind besorgt um ihre Präsenz in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig plant die Fachstelle Kultur den Ausbau eines kantonalen Kulturkalenders.


Der Züritipp zeigt das ganze Spektrum der Stadt und wird gelesen. Und der Impact entsteht nicht aus der Reichweite, sondern aus der Referenz im Alltag. „Häsch gseh, im Züritipp isch …“ ist eines der häufigsten Zitate in Bezug auf das Zürcher Kulturschaffen. Der Züritipp gilt als Institution weit über die Tagi-Leser*innen hinaus. Diese gesellschaftliche Relevanz wird nun einfach weggeworfen. Es ist verständlich, dass sich Zürcher Kulturinstitutionen vor weniger Sichtbarkeit fürchten. Aber das wäre ein gesellschaftlicher Aspekt, kein wirtschaftlicher. Und Werte, die man nicht auf Konten einzahlen kann, zählen für einen Verlag nicht. Wirklich?

Das liebe Geld

Zurück zum wirtschaftlichen Denken der TXGroup. Der Tagesanzeiger hat beim linksliberalen, städtischen Publikum bereits eine Abwertung der eigenen Marke einstecken müssen, weil vielen die eher rechtskonservativen Beiträge der Sonntagszeitung, die als Tagi-Beiträge wahrgenommen werden, sauer aufstossen. Man bleibt beim Tagi, weil eine gleichwertige Alternative fehlt, fühlt sich aber weder politisch noch gesellschaftlich richtig zu Hause. Eine Verjüngung des Publikums missglückt seit Jahren.

Der Züritipp ist der einzige Teil des Tagesanzeigers, den alle lieben. Niemand regt sich darüber auf, es gibt keine politischen Diskussionen, alle schätzen ihn (selbst wenn sie ihn seit Jahren nicht mehr lesen). Die Einstellung des Züritipps wird bei der Leserschaft als persönliche Beleidigung wahrgenommen, als Raub, und zieht einen Reputationsschaden nach sich. Viele der älteren Stammleser*innen werden sich bei der nächsten Verlängerung des Print-Abos fragen, ob sich das noch lohnt. Selbst wenn ihr Züritipp nicht mehr oft vom Lesen zerfleddert war.

Das Einstellen des Züritipps ist wie, wenn ein Bauer öffentlich die beliebteste Kuh erschiesst, weil sie nicht mehr genug Milch gibt: vordergründig wirtschaftlich sinnvoll. Aber ehrlich: würdet ihr bei diesem Bauern weiter Milch kaufen?

 

«Yeah, du besuchst einen Kurs zu gewaltfreier Kommunikation!»

Fokus Machtmissbrauch: Wir sprachen mit Martina Büchi, der Verantwortlichen für Kulturwandel am Zürcher Opernhaus, über Machtstrukturen, Missstände und Management im Bereich Darstellende Künste.

Interview: Reda El Arbi
Infobox Martina Büchi am Textende.

ENSEMBLE: Frau Büchi, Sie sind Beauftragte für Kulturwandel am Opernhaus Zürich. Was müssen sich Leser*innen darunter vorstellen? Wie sehen Ihre täglichen Tasks aus?

Der Begriff Kulturwandel kann ja vieles sein. Im Frühling 2021 hat die Direktion den Prozess für einen nachhaltigen Wandel in die Wege geleitet mit dem Fokus die bewusste Auseinandersetzung von gemeinsamen Werten, Normen und Verhaltensweisen anzustossen und allgemeingültig für alle Führungskräfte und Mitarbeitenden umzusetzen.

Der Ansatz ist partizipativ und es gibt ein Gremium, dem neben Direktionsmitgliedern und Mitarbeitenden auch zwei Personalrät:innen angehören, weitere Mitarbeitende werden in unterschiedlicher Form und Weise in den Prozess miteinbezogen. Meine Position im ganzen Gebilde: Die Leitung des Gesamtprojekts gemeinsam mit einer Kollegin, wir erarbeiten Inhalte, bringen Menschen zusammen, leiten Sitzungen und Arbeitsgruppen und sind Ansprechpersonen.

Wie sehen die aktuellen Projekte aus?

Wir arbeiten gerade an unserer zweiten Mitarbeitendenbefragung und an der Organisation des «Safer Space-Workshops» für alle Auszubildenden, das heisst die Musiker:innen aus der Orchester-Akademie, Tänzer:innen aus dem Junior Ballett, Sänger:innen aus dem Opernstudio sowie die Lernenden in der Berufsausbildung. 60 Personen, 1 Termin. Mal schauen, ob es gelingt!

Parallel entwerfen wir Leitlinien für die Darstellung von gewaltvollen/intimen Szenen auf der Bühne, dann setze ich mich mit dem HR mit der Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben auseinander. Wir sind Teil eines nationalen Projektes, das der Schweizerische Bühnenverband SBV gemeinsam mit der Fachstelle «UND» für alle Mitglieder durchführt.

«Die Kompetenz, Feedback zu geben und anzunehmen, ist gewachsen.»

Und natürlich mein Herzensprojekt: wir starten demnächst mit dem Thema Vielfalt in den Bereichen Personal, Programm, Publikum und Partnerschaften. Zudem bin ich eine von zwei internen Vertrauenspersonen am Haus und führe Gespräche, wenn sich ein:e Kolleg:in an mich wendet.

Wie kamen Sie persönlich dazu, sich dem Thema Kulturwandel zu widmen?

Ich wurde vor vier Jahren von der Direktion für diese neu geschaffene Position angefragt. Mein Kernthema ist die Gleichstellung. Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter erlebte ich viele Situationen, in denen meine Mutter genervt und wütend nachhause kam und immer handelte es sich um Themen der Geschlechter-Ungleichbehandlung.

Dazu habe ich mich weitergebildet und ein CAS in Diversity und Gleichstellungskompetenzen absolviert und mich intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt. Auf der persönlichen wie auch auf der institutionellen Ebene.

Der Begriff „Kulturwandel“ ist etwas weit gefasst und indifferent. Welche „Kultur“ haben Sie zu Beginn angetroffen und in welche Richtung soll sie sich wandeln?

Wir haben einige Schlaufen gedreht in Bezug auf den Namen. Mittlerweile ist er bei uns etabliert und steht zusammengefasst für das «Miteinander»: wie arbeiten wir zusammen, wie kommunizieren wir, wie begegnen wir uns – und auch: was wollen wir nicht.

Ich arbeite seit 12 Jahren in verschiedenen Positionen im Opernhaus und geändert hat sich beispielweise die Sensibilität gegenüber der Reproduktion von Stereotypen und dass wir heute Leitlinien in Bezug auf die Darstellung von intimen und gewaltvollen Szenen erarbeiten. Die Kompetenz, Feedback zu geben und anzunehmen, ist gewachsen, die Strukturen sind durchlässiger geworden, Feedback von Mitarbeitenden gelangt schneller bis in die Direktion, und wird dort angehört und behandelt.

«Hey, du darfst dir in einem Workshop Kompetenzen aneignen, wie du dich nicht sexistisch verhältst!»

Der Kulturwandel beinhaltet einen grossen Teil an Partizipation – hier haben wir in den letzten Jahren viel gelernt. Welche Projekte werden partizipativ erarbeitet, von wem, wann, wo. Fragen, die in einem Kulturbetrieb nicht einfach zu beantworten oder zu organisieren sind. Grossartig ist, dass wir Mitarbeitenden diesen Wandel in Arbeitsgruppen mitgestalten können.

Verfügen Sie über Sanktionskompetenzen oder wirkt Ihre Position eher beratend? Und wenn nicht, welche Sanktionsmöglichkeiten würden Sie sich wünschen?

Nein, Sanktionen spreche ich keine aus und ja, ich stehe beratend zur Seite und stosse auch Inhalte an. Aber bei meinen vielen Kontakten und Beratungsgesprächen lasse ich kaum eine Gelegenheit zur Ermutigung und Anerkennung aus . Sanktionen positiv formuliert fände ich toll! zum Beispiel: „Yeah, du besuchst nächsten Monat einen Kurs zu gewaltfreier Kommunikation!“ Oder: „Hey, du darfst dir in einem Workshop Kompetenzen aneignen, wie du dich nicht sexistisch verhältst!“

Als die #MeToo-Welle über den Planeten rollte, wurde überall, in allen Berufsgattungen genauer hingeschaut. Nur in der Schweizer Kulturszene schien es keine sichtbaren Auswirkungen zu haben. Wie erklären Sie sich das? Kommen solche Übergriffe in der Schweiz einfach nicht vor?

Das ist eine globale Problematik. Dass Übergriffe vorkommen, zeigte ja auch die Umfrage von SzeneSchweiz deutlich. Als Vertrauensperson merke ich, dass seit der #MeToo-Bewegung Kolleg:innen den Mut fassen, sich zu melden, was, trotz des niederschwelligen Angebots, viele Frauen Überwindung kostet.

« … sie haben den Wunsch, andere Frauen vor übergriffigem Verhalten zu schützen.»

Vor allem bei Frauen erlebe ich, dass es ihnen oft gar nicht um ihre eigene erlebte Situation geht, sondern sie haben den Wunsch, andere Frauen vor übergriffigem Verhalten zu schützen. Diese Solidarität bewegt mich immer wieder, zeigt jedoch auch, dass es keine leichte Aufgabe ist, die eigene erlebte Grenzüberschreitung zu erzählen und damit an die Vorgesetzten zu gelangen.  Diesen Weg wählen nach wie vor nicht viele Personen.

Neben Sexismus und Übergriffen ist die Hierarchie in den Darstellenden Künsten eine ewige Quelle für Machtmissbrauch und Machtlosigkeit. Gibt es Ansätze, da etwas zu ändern?

Zentral finde ich, dass nicht nur bei den Betroffenen angesetzt wird. Empowerment-Kurse sind wichtig, die Schulung von Führungskräften jedoch ebenso. Als Resultat unserer letzten Mitarbeiter*innenbefragung entwickelt unser HR Schulungen für Führungskräfte. Viele Führungskräfte wünschen sich auch Unterstützung in Konfliktmanagement und Kommunikation, sowie bei rechtlichen Aspekten. Ich bin überzeugt, dass die Stärkung der Konfliktkompetenz eine grosse und positive Auswirkung auf die Art der Krisenbewältigung haben wird.

In unserer Umfrage und in den Gesprächen, die unsere Redaktion mit Betroffenen geführt hat, zeigte sich: In den Darstellenden Künste herrscht eine Angstkultur, nicht nur bei Betroffenen, auch in deren Umfeld. Niemand will offen Kritik üben, sich wehren oder sonst irgendwie auffallen. In einem hochkompetetiven Umfeld kann es die Karriere kosten, wenn man als „schwierig“ gilt oder sich wehrt. Es warten bereits zehn andere Künstler*innen auf den Job.

Meine Einschätzung ist: Man muss als Arbeitgeberin Vertrauen aufbauen, stetig. Dazu haben wir verschiedene Massnahmen umgesetzt: 70 Mitarbeitende haben unseren Code of Conduct gemeinsam mit einer externen Moderatorin erarbeitet und beschlossen. Der CoC muss von allen unterschrieben werden, auch von den Gästen. Heute ist der CoC Bestandteil jedes Arbeitsvertrags. Der Prozess ist etabliert und dies schafft Sicherheit.

Für den Probenprozess ist wichtig, dass unser Intendant oder unsere Operndirektorin am Konzeptionsgespräch auf den Code hinweisen, auch auf die diversen Anlaufstellen (int./ext. Vertrauensstellen, externe Vertrauensanwält:in, HR).

Was bedeutet das im Alltag?

Wir haben das Reglement gegen Diskriminierung, sexuelle Belästigung, Machtmissbrauch und Mobbing in Kraft gesetzt. Unter anderem wird das formelle und informelle Verfahren beschrieben, wenn rote Linien überschritten werden. Die roten Linien sind definiert, eine nächste Etappe wäre, diese noch vertiefter zu besprechen, zu informieren, sich auszutauschen.

Was ist sexuelle Belästigung, was gehört alles dazu, wie umgehen mit verschiedenen Wahrnehmungen? Welche Arten von Diskriminierung gibt es? Was genau ist Machtmissbrauch und was eine berechtigte Anweisung einer Führungskraft? Da müssen wir noch aktiver werden. Diese Begriffe klarer zu definieren, spürbarer zu machen, hilft Betroffenen, Führungskräften und auch Kolleg:innen, die Übergriffe miterleben. Eine Auseinandersetzung mit Allyship oder dem Bystander-Ansatz gehören dazu.

«Was genau ist Machtmissbrauch und was eine berechtigte Anweisung einer Führungskraft? Da müssen wir noch aktiver werden.»

Positiv stimmt mich, dass Initiativen von Kolleg:innen, Bottom up, an uns gelangen, das empfinde ich als Fortschritt und Zeichen von Vertrauen. Aktuell beispielsweise den Safer Space-Workshop für Auszubildende.

Gerade auf Bühnen und an den grösseren Häusern gibt es noch eine andere Form von Machtgefälle:  Internationale Stars aus Regie, Choreografie, Dirigenten, Solisten stehen einem Ensemble gegenüber, das in Personen leicht austauschbar ist. Der Star hat immer mehr Gewicht, füllt die Säle, verknüpft seine Reputation mit der des Hauses/der Institution.

Ja, das ist ein Umstand, für den es keine einfache und vor allem nicht die eine Lösung gibt. Es müssen Hebel im ganzen Gefüge in Bewegung gesetzt werden. In den Institutionen, aber auch in den Hochschulen, der Politik, der Gesellschaft. Die Thematik ist dermassen vielschichtig…

Wir probieren aus, learning by doing: bei den jungen Künstler:innen am Haus stellen wir Vertrauenspersonen uns persönlich vor und erklären, wie die Kontaktaufnahme funktioniert, das Gespräch abläuft, auch wo unsere Rolle Grenzen hat. Wir informieren auch in Bezug auf die weiteren vertraulichen Anlaufstellen und ich stelle den Kulturwandel-Prozess vor.

«Die jungen Künstler:innen haben die Möglichkeit, eine Rückmeldung zu geben, beispielweise zur Zusammenarbeit mit einer berühmten Sängerin.»

Schritt zwei ist der «Safer Space-Workshop». Inhaltlich geht es um die Auseinandersetzung mit dem Thema «Nähe-Distanz», mit Grenzverletzungen. Ziel dieses Formats ist, dass die jungen Künstler:innen sich erstens der Überschreitung von roten Linien bewusster werden, sich bekräftigt fühlen, diese zu melden, und Vertrauen haben, dass sie dies ohne negative Auswirkungen tun können. Der dritte Workshop, noch in der in der Pipeline, richtet sich an alle, die mit der Ausbildung betraut sind, z.B. die Berufsbildner:innen.

Feedback kann ein weiterer Hebel sein, interne Mechanismen anzutasten. Bedächtige, aber stetige Fortschritte machen wir mit den «Nachbesprechungen». Wir holen bei jeder Neuproduktion Feedback zum Probenprozess bei den Kolleg:innen im Haus und auch bei den Leading-Teams und Gast-Künstler:innen ab. Dies geschieht via Umfrage und gestellt werden z.B. Fragen zur Sicherheit, Planung, Zusammenarbeit, Kommunikation.

Wie soll sich ein*e 22-jährige Sänger*in/Tänzer*in in einem Konflikt da wehren?

Die jungen Künstler:innen haben die Möglichkeit, eine Rückmeldung zu geben, beispielweise zur Zusammenarbeit mit einer berühmten Sängerin. Die Resultate der Nachbesprechungen werden zudem regelmässig mit der Direktion besprochen und daraus ergeben sich diverse Massnahmen.

Beispielsweise wurde an einer Sitzung mit den Inspizient:innen, Abendspielleiter:innen, der Operndirektorin und dem Intendanten festgelegt, wer auf der Probe interveniert, wenn z.B. jemand im Leading Team sich im Ton vergreift. Diese Absprachen sind wichtig und die Kolleg:innen wurden bestärkt, zu handeln. Dies hilft indirekt auch den jungen Künstler:innen.

Braucht es eine externe Anlaufstelle, die sich um den Schutz der Schwächsten der Szene kümmert und nicht den Bühnen verpflichtet ist?

Anlaufstellen schaffen auf jeden Fall Vertrauen und sind ein wichtiger Bestandteil der ethischen Grundsätze einer Institution. Eine externe Stelle, wie die Themis in Deutschland, wäre auf jeden Fall ein Plus, für alle Mitarbeitenden in der darstellenden Kunst, nicht nur die Vulnerabelsten. Themis bietet juristische und psychologische Beratungen an, ein Angebot, dass für Mitarbeitende in kleineren Häusern wertvoll wäre.

«… mehr Durchsetzungskraft, um in der Politik ihre Anliegen durchzubringen.»

Interessant wäre natürlich zu sehen, welche Wirkung diese übergreifende Stelle hätte. Wir machen zweimal in der Saison ein Reporting und tragen die Zahlen all unserer Anlaufstellen zusammen: interne, externe und Vertrauensanwälte. Ebenfalls listen wir auf, in welche Art die Übergriffe zugeteilt werden können. Diese Zahlen besprechen wir gemeinsam mit der kaufmännischen Direktion und der HR Leitung. Natürlich vollkommen anonymisiert.

Aufgrund dieser Reportings haben wir z.B. als eine Massnahme Empowerment-Workshops angeboten, da auffiel, dass viele Gesprächssuchende äusserten, im Moment eines Übergriffes nicht reagieren zu können. Wenn Kulturinstitutionen von dieser externen Stelle erfahren könnten, wo im eigenen Haus Konfliktherde bestehen und welcher Art sie sind, wäre das ein Fortschritt. Unter der Voraussetzung, dass der Wille besteht, hinzuschauen und –zuzuhören und gegebenenfalls Massnahmen zu ergreifen. Interessant vielleicht auch für die Politik, um nötige Änderungen in den Strukturen anzustossen?

Wenn Sie freie Hand und ein unerschöpfliches Budget hätten, wie sähen ihre Massnahmen für den Kulturwandel in den Darstellenden Künsten in der Schweiz aus?

Einen Tag im Monat spielfrei. Am Vormittag: Zeit für Weiterbildungen, am Nachmittag Zeit für die Mitarbeit in Arbeitsgruppen, Community Work, Engagements im Haus oder für andere Institutionen, Care-Arbeit. Am Abend: Apero, Austausch, tanzen, feiern.

Weiter würde ich grosszügig finanzielle Mittel an die bestehenden Netzwerke, Initiativen und Kollektive ausschütten, die sich für eine faire Praxis in den Darstellenden Künsten einsetzen. Diese Arbeit ist enorm wichtig und kostet viel Energie. Dann würde ich eine Koordinationsstelle etablieren, M2act ist da dran, habe ich vernommen, die all diese Initiativen bündelt und damit die Vernetzung erleichtert. Und dadurch mehr Durchsetzungskraft erzeugt, um in der Politik ihre Anliegen durchzubringen.


Biografie

Martina Büchi, 49, arbeitet am Liebsten mit Menschen. Zu Beginn ihres Berufslebens in der Gastronomie/Hotellerie, später in einem Architektur-Büro und seit 12 Jahren am Opernhaus Zürich. Stationen am Haus: Künstlerisches Betriebsbüro, Leitung Geschäftsstelle der Opern- und Ballettfreunde und Projektleitung Kulturwandel. Studiert hat sie an der Hotelfachschule Luzern, später folgten Weiterbildung in Fundraising Management an der ZHAW und Diversity- und Gleichstellungskompetenz an der FHNW. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und besucht sehr gerne Lesungen, zuletzt Agota Lavoyer und Franziska Schutzbach.

Altern als Schauspielerin

«50 ist das neue 30!» heisst es immer wieder. Für Frauen bedeutet das, mit 50 noch immer wie eine 30-Jährige aussehen zu müssen. In der Schauspielerei ist der Druck noch intensiver.

Pamela Anderson, als Baywatch-„Bade-Nixe“ wohl eine der am meisten sexualisierten Schauspielerinnen der 80er und 90er-Jahre, kam als Gast ans Zurich Filmfestival. Sie ist inzwischen 57 und versucht nicht, ihr Alter zu verstecken. Kein Medium machte sich die Mühe, darüber zu berichten, was diese beeindruckende Frau zu sagen hat.  „Ohne Make-up“, riefen die Schlagzeilen, weil die Frau sich keine künstliche Jugend ins Gesicht schminkte. Niemand würde bei George Clooney (59) „Ohne Make-up!“ als Headline bringen. Niemand erwähnt Clooneys schrumpelnden Schildkrötenhals oder seine sich langsam bildenden Tränensäcke. Er ist ein Mann.

Pamela Anderson beschreitet mit ihrer Natürlichkeit einen anderen Weg als viele ihrer Hollywood-Kolleginnen. Gerade war Nicole Kidman, ebenfalls 57, als schönheits- und leistungsoptimierte Mutter in „Ein neuer Sommer“ auf Netflix zu sehen. Man sieht in ihrem starren Gesicht die üblichen Operationen, die in der Branche zum Alltag gehören. Demi Moore, 63, spielt aktuell in „The Substance“ eine ältere Frau, die sich dem Jugendwahn bis zum Horror hingibt. Beide Rollen nehmen ironisch Bezug auf den Zwang für Frauen, jugendlich und sexy sein zu müssen. Die Meta-Ironie daran ist, dass sie eigentlich sich selbst spielen.

(Weiter nach dem Video)

Pamela Anderson spricht über Alter, Erfolg und Respekt.

Versteht mich nicht falsch: Jede Frau hat das Recht, so viel oder so wenig an sich machen zu lassen, wie sie will. Was mich stört, ist der gesellschaftliche Druck auf Frauen, auch mit über 50 noch den sexualisierten Vorstellungen für 30-Jährige entsprechen zu müssen. Als ob Frauen über 50 keine eigene Erotik mehr ausstrahlen würden und (für Frauen) nur Jugend sexy sein könne. Das merkt man auch im Alltag: Ab 40 muss sich eine Frau bei jedem Coiffeurbesuch mit Händen und Füssen gegen eine dieser biederen Karen-Kurzhaar-Bob-Frisuren wehren. Gott behüte, wenn sie sich die grauen Haare nicht färben lassen will.

Bei Schauspielerinnen, die ihren Beruf in der visuellsten Branche überhaupt ausüben, ist der Druck noch höher. Das zeigt sich auch in den Rollenangeboten. Die Darstellerinnen, mit denen ich gesprochen hab, erzählen von einer „Besetzungslücke“: „Bis 40 wirst du noch als Partnerin oder Love Interest gecastet, wenn du Glück hast. Dann kommt bis 60 eine lange Pause, bis du als Matriarchin oder Grossmutter wieder auf die Bühne oder vor die Kamera darfst. Hauptrollen für 50-Jährige sind beinahe inexistent.“ Das führe dazu, dass Schauspielerinnen bis 50 versuchen, wie 30 auszusehen. Man merke das auch an den meisten eher veralteten Bildern, die diejenigen auf ihren Homepages zeigen.

Darum ist es so erfrischend, eine Pamela Anderson offen und verletzlich zu sehen. Mich hat sie damit berührt. Während mein testosteron-geschwängertes Teenager-Ich damals, 1989, Pamela Anderson in erster Linie anschauen wollte, will mein jetziges, Ü50-Ich diese Frau kennenlernen, ihre Geschichte hören. Was natürlich noch immer eine Schwärmerei ist.

Aber ich scheine nicht der einzige Ü50-Mann zu sein, der den Reiz der Gleichaltrigen erkennt. Auch der beste aller Hollywood-Menschen, Keanu Reeves, scheint da Vorlieben zu haben: hier mit seiner Partnerin Alexandra Grant.

 

 

Bühnenauftritte: „Ist es das wert?“

Hollywood-Stars bekommen Millionen für ihre Darstellung, auf einer kleinen Bühne deckt die Gage trotz gleich hohem Einsatz kaum den Aufwand. Ist es das wert? Unsere Kolumnistin Stefanie Gygax macht sich Gedanken über Geld.

Von Stefanie Gygax

Aufwand und Ertrag für eine Karriere auf der Bühne rechnet sich nicht wirklich. Alleine die Zeit und Arbeit, die wir neben dem bezahlten Engagement aufwenden, ist unglaublich. Und dann der eigentliche Job: Wie kann ich ein halbes Jahr studieren, üben und auswendig lernen in einer Gage zusammenfassen?

Es werden irgendwelche Pauschalen festgelegt, an denen sich dann alle orientieren sollten. Aber im echten Leben sind es dann doch immer die Künstler*innen, die sich mit weniger zufriedengeben müssen. Warum?

Und überhaupt: Wer misst den Wert? Profi ist nicht gleich Profi. Nur weil jemand eine berühmte künstlerische Ausbildung absolvierte, garantiert das noch lange keine Topleistung.  Genau sowenig muss ein Neuling schlechter sein. Und doch legen wir so unseren Wert fest.

Letzten Monat habe ich ein Konzert veranstaltet und Menschen aus verschiedenen Arbeitsbereichen engagiert. Dabei waren Event-Planer, Lichtdesigner, Video-Engineer und ein Catering für die Champagner-Bar. Unterschiedlicher hätten die Berufsgruppen und ihre Lohnvorstellungen nicht sein können.

Die Sache ist eskaliert, weil eine der angeheuerten Personen (natürlich die mit dem grössten Kostenfaktor), die geringste und qualitativ fragwürdigste Arbeit ablieferte. Bisher habe ich solche Dinge einfach immer hingenommen. Ich dachte, ich habe keine Wahl. Doch nicht dieses Mal. Ich habe angefangen, über Preis und Leistung zu diskutieren. Ich habe auf die Mängel hingewiesen und mich um Klärung bemüht. Nichts. Das Tragische daran war, dass es ihn nicht gross kümmerte, weil er seiner Meinung nach für das vereinbarte Budget den Job gut genug erledigt wurde.

Für uns als Bühnendarsteller würde das wohl bedeuten, dass wir für weniger Geld weniger üben, uns auf der Bühne weniger Mühe geben. Volle Leistung gäb’s dann nur bei Top-Bezahlung – eine Art Premium-Performance, während andere nur das Basic-Paket erhalten: lustlose Bühnenpräsenz. Wenn dann ein Arbeitgeber mit der Leistung nicht zufrieden ist, würden wir es mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis begründen.

Natürlich machen wir das nicht, wir würden unseren Ruf ruinieren und unsere Karriere schädigen. Nicht so in anderen Berufszweigen. Es scheint vielen Menschen egal zu sein, welche Arbeit sie liefern. Man arbeitet schliesslich, um Geld zu verdienen.

Ist das so?

Man wird sicher nicht Darsteller*in oder Interpret*in, um reich zu werden. Man erfüllt sich einen Traum. Das bedeutet aber nicht, dass man einfach dankbar sein muss, wenn man überhaupt etwas verdient. Das Klischee vom hungernden Künstler hat schon lange ausgedient.

Also: Wie würdest du deine Gage festlegen, wenn es keine Richtlinien gäbe? Würdest du dir weniger bezahlen, nur weil du die gleiche Arbeit in einem kleineren Theater machst?

Die Frage: „Ist es das alles wert?“ müssen wir also wahrscheinlich auch auf unsere Kappe nehmen und anfangen, gemeinsam den Massstab neu zu setzen.

Mehr Geld für Zürcher Tanz und Theater

Der Stadtzürcher Gemeinderat fordert mehr Geld für die Kulturförderung, weil das neue Konzept viele Kulturschaffende und Projekte im Regen stehen lässt.

Kaum setzt die Stadt Zürich die neu ausgerichtete Kulturförderung um, stellt sich nicht überraschend heraus, dass das Geld so nicht reicht. Die erste Vergaberunde zeige, dass das damit verbundene Ziel von Innovation und Weiterentwicklung bei den Tanz- und Theaterinstitutionen nur im begrenzten Rahmen erreicht werde, hiess es in der von den Fraktionen von Grünen, SP und AL eingereichten Motion an den Stadtrat.

Verkleinern, entlassen, sterben

Die budgetierten 3,9 Millionen Franken würden für die von der Jury ausgesuchten Projekte nicht ausreichen. Alle Institutionen hätten ihre Konzepte redimensionieren müssen. Im Klartext bedeutet das: weniger Stellen. Einige etablierte Institutionen wie das Theater Keller62 stehen sogar vor dem Aus. Eine Deckelung des Förderbeitrags sei nicht zielführend, die Beträge seien unter anderem wegen der Inflation schon wieder veraltet, führte Moritz Bögli (AL) an.

Grundsätzlich ja, aber zu spät

Der Stadtrat zeigt sich grundsätzlich bereit, das Thema anzugehen. Es handle sich um ein neues Fördersystem, das nach den ersten Erfahrungen noch etwas justiert und verbessert werden könne, hielt Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) fest. Das sei auch im Sinne der Kunstschaffenden. Kulturschaffende selbst sehen im Abwarten ein grosses Problem: Wenn man die erste Sechs-Jahres-Periode abwarte, seien viele Projekte und Stellen bereits tot. Diese in sechs Jahren wiederzubeleben, sei illusorisch.

Nur die Grossen sicher

Die neue Kulturförderung führt zu einem unfairen Konkurrenzkampf zwischen Konzepten, Projekten und kleinen Bühnen. Eine willkürlich von der Stadt eingesetzte Jury entscheidet in Zukunft über Leben und Sterben innerhalb des Kulturangebotes. Die Kriterien sind, wie immer im Bereich Kunst, schwammig und sehr individuell interpretierbar: Je nach persönlicher Vorliebe wird zum Beispiel der Begriff „innovativ“ angesetzt.

Neben den unbefristet geförderten grossen Institutionen wie etwa dem Schauspielhaus und dem Theater Neumarkt erhält die «flexible Tanz- und Theaterlandschaft» eine Konzeptförderung. Gruppen sowie Einzelpersonen der freien Szene können sich für zwei- oder vierjährige Förderbeiträge bewerben. Für Tanz- und Theaterinstitutionen stehen sechsjährige Förderungen zur Verfügung.

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Pay-to-play: Versteckte Kosten in der Schauspielerei

Talent, Fleiss und Leidenschaft reichen in der Schweiz nicht immer, um als Darsteller*in erfolgreich zu sein – oft kostet es auch Geld. Für Chancen, Sichtbarkeit und Vernetzung. Corinne Solands Gedanken zum Thema.

Von Corinne Soland

Im Zusammenhang mit einem Projekt bin ich über das Prinzip Pay-to-play gestolpert.  Doch was ist Pay-to-play? Diejenigen unter euch, die Handy-Games spielen, kennen das: Man kann bis auf ein bestimmtes Level kostenlos spielen, kommt dann aber nur weiter, wenn man in der App ein Upgrade bezahlt. Diesem Mechanismus begegnet man als Darsteller*in auch in der eigenen Karriere.

Bezahlen, um auf die Bühne zu kommen

Oftmals ist es so, dass sich Künstler*innen und/oder deren Kompanien bei Gastspielstätten einmieten müssen, um auf deren Bühnen zu spielen. Ein erarbeitetes Stück mehrmals spielen zu können, ist demnach davon abhängig, ob die Künstler*innen genügend Vereinskapital haben oder finanzielle Unterstützung dafür erhalten. Meist sind die Voraussetzungen, Tournee-Förderung zu beantragen, jedoch stark eingrenzend und schliessen diverse Kunstsparten oder Kunstschaffende aus (beispielsweise müssen meistens mindestens 3 Vorstellungen schon gespielt worden sein, teilweise gelten diese Vorstellungen auch nur, wenn sie an renommierten Häusern gespielt wurden etc.).

Künstler*innen müssen es sich also leisten können, auf Tournee zu gehen. Das bedeutet im tragischsten Falle, dass 4-6 Wochen geprobt und ein Stück erarbeitet wird, um 2 Vorstellungen davon vor Publikum zu spielen und das Material und Aufwand auf Nimmerwiedersehen in einer metaphorischen Kartonbox zu verstauen. Hier im wörtlichen Sinne: Ohne Kohle keine Bühne – Pay-to-play.

Bezahlen für die eigene Sichtbarkeit

Wer wird gecastet? Darsteller*innen, die man sieht. Und diese Sichtbarkeit ist nicht kostenlos. Es braucht Aufwand und Geld, um in der Branche wahrgenommen zu werden – über Mitgliedschaften bei Online-Plattformen oder eine zeitintensive und natürlich unbezahlte Social Media-Präsenz.  Weiterbildungen bieten Möglichkeiten zur Vernetzung, bedeuten aber einen zusätzlichen Griff ins Portemonnaie.

Dadurch, dass Erfahrung am Set nur bedingt sammelbar ist, werden Workshops und Intensiv-Weiterbildungen attraktiver, oftmals auch, weil sie Demoreel-Material als Resultat versprechen. Auch hier: nur gegen Bares.  Menschen, die sich diese Kurse und Demoreels leisten können, werden sichtbar, während andere Spielende unsichtbar bleiben. 

Wie geht es euch damit? Habt ihr weitere Beispiele? Findet ihr meine Gedanken übertrieben? Mich würde interessieren, wie ihr das erlebt.


Corinne Soland schreibt im ENSEMBLE zum Leben in einer als Darsteller*in im 21. Jahrhundert. Corinne spielt “Anna” in Neumatt, “Isabelle” in Monsieur Claude und seine Töchter (Bernhard Theater), “Emma” im VR Game Amazing Monster! und spricht als “Jimmy” und “Dimitri” im Guetnachtgschichtli. Corinne lebt in Basel und unterrichtet Motion Capture Schauspiel an interessierte Spielende.

ZFF krebst bei «Russia at War» zurück

Das Zurich Film Festival streicht die umstrittene russische Kriegs-Doku  „Russia at War“ aus dem Programm. Die Begründung wirkt etwas hilflos.

Nach breiter Kritik hat sich die Leitung des Zurich Film Festival entschieden, den aus russischer Sicht gedrehten Dokumentarfilm über den Ukrainekrieg der ehemaligen Russia Today-Journalistin Anastasia Trofimova nicht zu zeigen. Das Festival geriet in Kritik, weil im Film weder der Kontext der Invasion noch die Gräueltaten der russischen Armee angesprochen werden.  Letzten Donnerstag warnte ein Sprecher des ukrainischen Aussenministeriums, die Vorführung des Films würde den Ruf des Festivals ruinieren. Es handle sich nicht um einen Dokumentarfilm, sondern um einen Propagandafilm, der Kriegsverbrechen verharmlose.

Die Begründung für den Rückzug des Beitrages aus dem Programm wirkt jedoch etwas fadenscheinig und riecht nach PR-Blabla:  «Die Sicherheit unseres Publikums, der Gäste, Partner und Mitarbeitenden steht für das ZFF an oberster Stelle», heisst es in der Mitteilung der Pressestelle. Laut unseren Quellen innerhalb der Organisation hat sich die Sicherheitssituation seit letzter Woche aber nicht geändert. Es gibt keine Drohungen.

Der Schaden, der dem Festival durch das Zeigen des Films entstehen könnte, droht der Reputation des ZFF, nicht den Gästen und den Zuschauern. Niemand in der Festivalleitung will Pressebilder demonstrierender ukrainischer Kriegsflüchtlingen vor dem grünen Teppich, auf dem eigentlich die internationalen Stars glänzen sollen.

Ob sich einige der eingeladenen Weltstars kritisch zum Film geäussert haben, ist nicht bekannt. Hollywood gilt aber als Heim der Ukraine-Unterstützer.

Pro Helvetia-Budget gerettet!

Um 6.5 Millionen wollte der Nationalrat die Gelder für die Kulturstiftung – hauptsächlich bei internationalen Projekten – kürzen. Am Freitag fiel die Entscheidung gegen die Budgetbeschneidung.

Insgesamt 186,9 Millionen Franken wird Pro Helvetia für die Jahre 2025 bis 2028 bekommen. . Vor zwei Wochen brachte eine SVP-Minderheit diese Kürzung bei den Ratskolleg*innen durch. Das entfachte einen Sturm der Empörung in den Kulturinstitutionen und Verbänden, die sich dann koordiniert gegen den Leistungsabbau in der Kultur engagierten (mehr dazu hier).

Schon Anfang Woche zeigte die Lobbyarbeit und der öffentliche Widerstand gegen die Kürzungen Erfolg: Der Ständerat lehnte die Kürzung ab. Danach ging das Geschäft zurück an den Nationalrat. Und überraschenderweise genehmigte die grosse Kammer das gesamte Budget ohne Kürzungen mit 106 gegen 79 Stimmen zu. Es ist unklar, wie die neuen Mehrheiten für die Kulturbotschaft des Bundesrates zustande kamen. Sicher ist: Der Widerstand der Verbände und der Kulturinstitutionen haben Wirkung gezeigt.

Darum ist es wichtig, dass Kulturschaffende über alle Bereiche hinweg zusammenstehen und dem (versuchten) Kahlschlag in der Schweizer Kulturlandschaft etwas entgegensetzen. Gemeinsam haben wir Wirkung, alleine bleibt uns nur das Jammern.

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Das Zürich Film Festival und Putins Propaganda

Das ZFF zeigt mit „Russian at War“ einen russischen Dokumentarfilm, der die Frontsoldaten als naive, eigentlich ganz normale Zeitgenossen darstellt. Warum ist das so falsch? Ein Editorial.

Woran erkennt man, dass ein*e russische Journalist*in die Wahrheit sagt? An ihren Gefängnisstrafen. Dieses leider allzu wahre Bonmot in der Medienszene sollte dem Zürich Film Festival zu denken geben.

Tut es nicht. Das ZFF entschied sich, die Kriegs-Doku „Russian at War“ der ehemaligen RT-Journalistin Anastasia Trofimova trotz lauter Kritik im Programm zu belassen. Die Filmerin begleitete ein russisches Bataillon sechs Monate im Ukraine-Krieg. Der Fokus liegt dabei auf den Soldaten, die natürlich völlig normale Menschen sind. Meist wenig gebildet, einfache Leute aus ländlichen Gebieten, vielleicht sogar freundlich im täglichen Umgang. So weit, so bekannt aus Kriegs-Dokus. Man kann richtig mitfühlen, da spielt die Sozialromantik.

Das Problematische daran: Der Kontext des Krieges wird völlig ausgeblendet. Wieso ich das weiss, ohne den Film gesehen zu haben? Hier kommen wir wieder zum Bonmot vom Anfang: Hätte Anastasia Trofimova im Film die Wahrheit über den brutalen Angriffskrieg, die zivilen Opfer, die Vergewaltigungen, die schiere Unmenschlichkeit – auch den eigenen Soldaten gegenüber, die als Hackfleisch in die Schlacht geworfen wurden und werden – thematisiert, sässe sie im Gefängnis. Oder hätte einen unglücklichen Fenstersturz erlitten.

Pseudo-kritisches Statement

Einige Soldaten im Film äussern sich auch kritisch zur Kriegsführung. Es gibt Leute, die das als Hinweis darauf deuten, dass der Film aus neutraler Sicht gedreht wurde. Das stimmt so nicht. Auch die glühendsten russischen Kriegsblogger kritisieren die Armeeführung oder einzelne Entscheidungen. Aber niemand stellt den Kriegszweck infrage oder kritisiert Putins Grössenwahn und Grausamkeit, wenn er nicht im Gefängnis landen will.

Die Filmerin, die lange für den russischen Propagandasender Russia Today arbeitete, distanziert sich vom Krieg. Sie halte ihn für illegal und ungerecht. Das hört sich in Zürich gut an, entbehrt aber nicht einer gewissen Heuchelei. Der Film wurde mit Erlaubnis und Unterstützung der russischen Militärführung gedreht. Als Kriegskritikerin bekommt man in Russland keinen Zugang zu den Truppen, schon gar nicht mit einem Filmteam und schon gar nicht für sechs Monate. Da müssten die ersten Alarmglocken schrillen.

False Balance

Christian Jungen, Direktor des ZFF, will den Film als Diskussionsgrundlage zeigen. Er plant eine Podiumsdiskussion, bei der auch die ukrainische Seite mitreden darf. Er will „die Entstehungsgeschichte“ des Films beleuchten. Auf den ersten Blick ergibt sich daraus die Illusion eines ausgewogenen Dialoges. Auch hier liegt Jungen falsch.

Wenn man einen abendfüllenden Film lang russische Soldaten zu Wort kommen lässt, und dann darüber diskutiert, ergibt das keine Balance, auch nicht, wenn die andere Seite sich äussern darf. Eine Balance ergäbe sich, wenn man jeder Filmminute der Soldatenstatements eine Minute der Opfer gegenschneiden würde. Für jede Aussage über schlechtes Essen und Heimweh eine Aussage über ermordete Kinder, gefolterte Gefangene, vergewaltigte Frauen, bombardierte Schulen und Spitäler. Dann ergäbe sich ein umfassendes Bild des Krieges. Nicht, indem man die Täterseite als freundliche Simpel ohne Verantwortung darstellt und dann darüber plaudert.

Wir können Putins Umgang mit der Presse und die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung nicht stoppen. Aber wir können vorsichtig sein, wem wir eine Bühne geben. Wie viel Verantwortung trägt man als Festival-Veranstalter für die Botschaften, die man ins Programm nimmt? Hätte das ZFF damals auch Leni Riefenstahl eingeladen?

Ständerat gegen Kürzung des Pro Helvatia-Budgets!

Widerstand zeigt Erfolg! Dreissig Ständerät*innen sind nicht bereit, das Budget 2025 bis 2028 der Kulturstiftung Pro Helvetia um 6.5 Millionen zu kürzen. 

Im Gegensatz zum Nationalrat hat sich die Mehrheit des Ständerats gegen eine Kürzung um 6,5 Millionen für die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia ausgesprochen. Damit folgte die kleine Kammer der Mehrheit seiner vorberatenden Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, die an den ursprünglich vom Bundesrat vorgeschlagenen Mitteln festhalten will. Das Geschäft geht damit zurück an den Nationalrat, der den Kürzungen unter Druck der bürgerlichen Parteien und der Finanzkommission bereits zugestimmt hatte.

Kulturorganisationen, unter dem Banner Taskforce Culture zusammengeschlossen, haben sich vehement gegen die Kürzungsabsichten des Nationalrats engagiert und mit dem Entscheid des Ständerats einen ersten Erfolg erzielt. Die Taskforce Culture sieht das kulturelle Engagement im Ausland und die Lebensgrundlage vieler Kulturschaffenden im internationalen Austausch gefährdet:

„Kulturschaffende sind auf die Promotion im Ausland und die Unterstützung ihrer internationalen Arbeit angewiesen. Die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia sind eine notwendige Grundlage dafür und schaffen die Netzwerke vor Ort, von denen die Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz profitieren können. Die Zahl der künstlerischen Projekte, die Pro Helvetia mit ihren Mitteln unterstützen kann, ist aber aufgrund bereits erfolgter Kürzungen bereits seit Jahren rückläufig.“

Mit der Ablehnung im Ständerat ist der Angriff auf das Pro Helvetia-Budget aber noch nicht erledigt. Im Nationalrat wird das Geschäft nochmals beurteilt und es sind wieder Kürzungsvorschläge zu erwarten. Der Spardruck im Bundesbudget trifft meist die Schwächsten: Bildung, Kultur und Soziales. Um da Gegensteuer zu geben, braucht es Kulturverbände und Lobbys.

Und jede*r kann einen Beitrag leisten.

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Lea Lu: „Mein Staubsauger tönt Goldbraun“

Die Singer- Songwriterin Lea Lu sieht Farben, wenn sie Töne hört. Unsere Kolumnistin findet diese Fähigkeit so faszinierend, dass sie versucht, dieser Sinneswahrnehmung mit einer Lichtinstallation nachzuspüren.

Von Stefanie Gygax

Lange dachte Lea, die Fähigkeit Töne als Farben wahrzunehmen, sei ganz normal. Bis sie sich eines Tages eine TV-Sendung über „Synästhesie“ sah und überrascht realisierte, dass sie über eine ausserordentliche Fähigkeit verfügte. Sie begann mit ihrem Umfeld über ihre Erfahrungen zu sprechen und wurde von ihrem damaligen Gitarristen an einen Studenten verwiesen, der genau zu dieser Zeit eine Masterarbeit über Synästhesie unter Musikern verfasste.

Die Grundfarbe bleibt gleich

Ein Jahr lang Studien nahm sie an der Uni Zürich an Studien unter Professor Dr. Jäncke teil. So lernte sie ihre Fähigkeit besser kennen und erfuhr, was es für unterschiedliche Formen von Synästhesie gab. Ihr persönliches Empfinden beschreibt sie so, dass sie die Farben sieht, wie wenn wir uns ein Bild vorstellen. Sie fühlt allerdings auch, wie die Farben von der Mitte des Kopfes bis zum Hals wandern und je nach Instrument oder Ton die Struktur verändern.

So erscheint z.B. der gleiche Ton bei der Piccolo Flöte mit einer rauhen Kante in der Farbe und beim Cello mit einer warmen, weichen Struktur. Die Grundfarbe beim gleichen Ton bleibt jedoch bestehen, egal ob er von einer Stimme, Instrument oder einer Maschine ertönt.

Komponieren nach Farben

Beim Komponieren ihrer eigenen Lieder sucht sich Lea Tonfolgen aus, die ihr auch farblich gefallen. Beim Singen jedoch konzentriert sie sich auf die Tongebung und den Klang der Stimme, sodass ihre inneren Farben etwas in den Hintergrund rücken. Sie sind immer da, aber so wie mit unseren Gedanken, kann man den Farben mal mehr, mal weniger Beachtung schenken. So sieht sie auch Farben bei alltäglichen Geräuschen, wenn Sie sich darauf fokussiert. Auf meine Frage, welche Farbe denn Staubsaugen hat oder ein lärmender Zug am Bahnhof, antwortete sie: „Das kommt halt sehr darauf an, wie der Zug oder der Staubsauger klingt. Mein Staubsauger tönt goldbraun, auf der Tonhöhe G/Gis. Bei den Zügen kann das von Orange über Hellgrau bis Dunkelgrün sein, je nach Zug.“

Jede*r Synästhesist*in sieht die Farben anders. So hat Lea in ihrem Leben erst einen einzigen Musiker getroffen, der bei jedem Ton die genau gleiche Farbgebung beschrieben hat wie sie. Das war für sie unglaublich schön, denn seither fühlt sie sich nicht mehr ganz allein mit ihrer Wahrnehmung.
Man fragt sich natürlich, ob diese Vernetzung der Wahrnehmung, diese zusätzliche Dimension in den Sinnen nicht völlig überwältigend ist. Laut Lea lösen die Farben auch Empfindungen aus. So ist zum Beispiel F-Dur dunkelgrün und drückend, während sie E-Dur als lebendiges Orange wahrnimmt.

Mehr Töne, mehr Farben

Für unser Projekt hört sie sich Aufnahmen mit Klavier und Gesang an, um die jeweils vorherrschende Farbe für das Lichtdesign des Konzerts zu bestimmen. Diese Farben erscheinen ziemlich klar, weil es sich „nur“ um ein Instrument und eine Stimme handelt. Bei einem Konzert mit Orchester nähme sie ein riesiges Farbchaos wahr, bei dem sie erstmal die stärksten Farben rausfiltern müsste. Je mehr Töne parallel zusammenkommen, um so mehr Farben und Farbmischungen erscheinen.

Die Forschung arbeitet an der Frage, ob jeder Mensch mit Synästhesie geboren wird und es dann im Kindesalter verlernt, um besser mit äusseren Eindrücken umgehen zu können. Für uns Normalsterbliche, die keine erweiterte Sinneswahrnehmung haben, bleiben Lichtinstallationen, Bühnenbilder und farbliche Inszenierungen, um wenigstens den Eindrücken anzunähern, die Lea Lu jeden Tag erlebt.


Der Liederabend „Seelenmusik von Richard Strauss“ mit Lichtinszenierung inspiriert von Lea Lu findet am Sa.21.09.24 um 20Uhr in der Katholischen Kirche in Nussbaumen (Baden AG) statt. Das Konzert dauert 60min. ohne Pause.

Weitere Infos auf: www.stefaniegygax.com

Nationalrat will Pro-Helvetia-Budget um 6.5 Millionen kürzen

Die Taskforce Culture, ein Zusammenschluss verschiedener Schweizer Kulturverbände und -organisationen, zeigt sich tief besorgt über den Entscheid des Nationalrats, im Budget von Pro Helvetia 6.5 Millionen zu streichen. Die Taskforce Culture erwartet, dass der Ständerat Vernunft walten lässt und dem Antrag des Bundesrates zum Durchbruch verhilft.

Version française ci-dessous

Die Taskforce Culture hat die Debatte zur Kulturbotschaft 2025–2028 aufmerksam verfolgt. Nachdem der Bundesrat endlich erkannt hat, dass es notwendig ist, die Prekarität im Kulturbereich anzugehen und auch für Kulturschaffende soziale Sicherheit zu erreichen, gab es auch in der heutigen Debatte viele erfreuliche Bekenntnisse zur Kultur. NR Estelle Revaz zeigte auf, dass Kultur von allen gerne konsumiert wird, aber am liebsten eben gratis.

Was mit den Kulturschaffenden passiert, so NR Revaz, soll lieber hinter den Kulissen bleiben. Allerdings konnte sich der Nationalrat auch nicht zu minimalen Erhöhungen des Budgets durchringen. Es war viel von der Prekarität des Staates die Rede und das Prekariat der Kulturschaffenden war auf einmal nicht mehr wichtig.

Stattdessen beschloss der Nationalrat in einem völlig unverständlichen Winkelzug den Zahlungsrahmen von Pro Helvetia in den Jahren 2025–2028 um 6 500 000 CHF zu kürzen und stellt sich damit gegen die vorbereitende Kommission, den Ständerat und den Bundesrat. Der Entscheid ist umso weniger nachvollziehbar, als dass er vor allem die Kulturschaffenden empfindlich trifft.

Kulturschaffende sind auf die Promotion im Ausland und die Unterstützung ihrer internationalen Arbeit angewiesen. Die Auslandsaktivitäten von Pro Helvetia sind eine notwendige Grundlage dafür und schaffen die Netzwerke vor Ort, von denen die Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz profitieren können. Die Zahl der künstlerischen Projekte, die Pro Helvetia mit ihren Mitteln unterstützen kann, ist aber aufgrund bereits erfolgter Kürzungen bereits seit Jahren rückläufig.

Dazu kommt, dass der Nationalrat mit diesem Entscheid die Unabhängigkeit der Kulturstiftung Pro Helvetia infrage stellt, eine notwendige Voraussetzung für deren Handlungsfähigkeit. Bei ihren Entscheidungen muss Pro Helvetia unabhängig sein, ohne die Einmischung politischer Kräfte. Diese Einmischung gefährdet nicht nur die internationale Präsenz der Schweiz, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Schweizer Institutionen.

Die Taskforce Culture fordert den Ständerat auf, bei seiner bisherigen Haltung zu bleiben. Nach Ansicht der Taskforce Culture ist der Entscheid des Nationalrates falsch und absolut unverständlich. Er setzt falsche Signale und gefährdet hochklassige kulturelle Tätigkeiten und Aktionen und bestraft die Kulturschaffenden!

Wir bitten den Ständerat, Verantwortung zu übernehmen und ein wichtiges Zeichen für eine starke und lebendige Schweizer Kultur zu setzen.


La Taskforce Culture, qui regroupe plusieurs associations et organisations culturelles suisses, est profondément préoccupée par la décision du Conseil national, qui vise à supprimer 6,5 millions de francs dans le budget de Pro Helvetia. La Taskforce Culture attend du Conseil des États qu’il fasse preuve de bon sens et aide la proposition du Conseil fédéral à passer la rampe.

La Taskforce Culture a suivi de près le débat sur le Message culture 2025-2028. Le Conseil fédéral ayant enfin reconnu la nécessité de s’attaquer à la précarité dans le domaine de la culture et de mettre en place une sécurité sociale également pour les créatrices et créateurs culturels, le débat d’aujourd’hui a aussi été marqué par de nombreuses déclarations réjouissantes en faveur de la culture. La Conseillère nationale Estelle Revaz a démontré que si tout un chacun aime consommer de la culture, c’est de préférence gratuitement.

Selon elle, ce qui se passe pour les actrices et acteurs culturels doit plutôt rester en coulisses. Cependant, le Conseil national n’a pas pu se décider à augmenter le budget, même de manière minime. On a beaucoup parlé de la précarité de l’État et tout à coup, la précarité réelle des actrices et acteurs culturels n’a pas pesé lourd dans le débat.

Au lieu de cela, le Conseil national a décidé, dans un tour de passe-passe totalement incompréhensible, de réduire le plafond de dépenses de Pro Helvetia de 6 500 000 CHF pour les années 2025-2028 ; en cela, il est en contradiction frontale avec la commission préparatoire, le Conseil des États et le Conseil fédéral. Cette décision est d’autant moins compréhensible qu’elle touche surtout les actrices et acteurs culturels.

Les personnes professionnelles de la culture dépendent de la promotion à l’étranger de leur travail et du soutien de ce dernier au plan international. Les activités de Pro Helvetia à l’étranger en sont une base nécessaire et créent des réseaux sur place dont les artistes de Suisse peuvent profiter. Cependant, depuis des années déjà, le nombre de projets artistiques que Pro Helvetia peut soutenir avec ses fonds est en baisse, en raison des coupes déjà effectuées.

À cela s’ajoute le fait que par sa décision, le Conseil national remet en question l’indépendance de la Fondation pour la culture Pro Helvetia, une condition dont la fondation a besoin pour maintenir sa capacité d’action. Pro Helvetia doit prendre ses décisions en toute indépendance, sans dépendre d’interférence des forces politiques. Cette ingérence met en péril non seulement la présence de la Suisse au plan international, mais aussi la crédibilité des institutions suisses.

La Taskforce Culture demande au Conseil des États de camper sur sa position actuelle. Selon la Taskforce Culture, la décision du Conseil national est erronée et tout à fait incompréhensible. Elle envoie un signal désastreux, met en péril des activités et des actions culturelles de haut niveau, et pénalise en premier lieu les actrices et acteurs culturels !

Nous demandons au Conseil des États de prendre ses responsabilités et de donner un signal important en faveur d’une culture suisse forte et vivante.

 

«Tuesch immer no theäterle?“

Alltag im Bühnenleben? Schön wärs! Unsere Kolumnistin erklärt, wie ihr To-do-Listen, Selbstdisziplin und strenge Planung überhaupt nicht helfen, ihr Leben zu organisieren.
Von Rebekka Burckhardt

Nicht sehr oft werde ich gefragt, wie sich eigentlich der Alltag einer Schauspielerin gestaltet. Meistens heisst es: Wo trittst Du denn gerade so auf? Dann erzähle ich, dass es für Theatermenschen unterschiedliche Arbeitsmöglichkeiten gibt, nicht nur auf der Bühne ….

Ich eiere dann lange und umständlich herum, obwohl ich seit vielen Jahren durchaus in den verschiedensten Bereichen aktiv bin, und mein fragendes Gegenüber hört mir aufmerksam zu, sieht mich freundlich an und denkt sich dann wohl seinen Teil ob meiner umständlichen Erläuterungen. So einfach ist das Leben einer Theatermenschin nicht. Wie soll ich einer 9 to 5-Person unsere komplexe Realität in der Kürze eines Elevator Pitches – einer Fahrstuhlfahrt – verständlich machen? Ich weiss ja auch nicht, was theoretische Physiker*innen tagein-tagaus so machen. Quantenplancken stappeln?

Noch schlimmer, wenn die Person branchenfremd ist. Dann kann die Frage auf Schweizerdeutsch durchaus mal lauten: „Tuesch immer no theäterle?“
Ich muss dann erstmal ruhig ausatmen und meine tiefe Bauchatmung aktivieren. „Und Du – tuesch immer no dökterle? Tuesch immer no Hüüsli plänerle? Tuesch immer no chöcherle?“

Gopferdeckeli, geht’s eigentlich noch???

Früher wurde gefragt: Was machen Sie eigentlich tagsüber? (Das ist kein Klischee, im Fall. Viele denken noch immer, Schauspieler*inne schlafen durch den Tag und feiern durch die Nacht, wenn sie nicht gerade über rote Teppiche spazieren oder sich auf Bühnen verneigen.) Ich musste vor vielen Jahren einen Verwandten darüber aufklären, dass ich mich zwar durchaus mal tagsüber für ein halbes Stündli (!) hinlege – nämlich nachmittags nach der Theaterprobe, nachdem ich zu Hause erstmal die Wäsche und vorher den Einkauf erledigt habe – um dann wieder auf die Probe oder zur Vorstellung zu rennen …Ja, ich arbeite in der Früh erst ab 10h – dafür aber auch abends ab 18h bis 22h – chuunsch druus?

Zurück zur ursprünglichen Frage: Wie sieht nun eigentlich mein Alltag als freischaffende / selbständige Schauspielerin, Regisseurin, Sprecherin, Veranstalterin, Kolumnenschreiberin, Comedienne, Sängerin aus? (Geistige Notiz an mich: Ich bin ziemlich vielfältig. Nicht vergessen, liebes Selbstwertgefühl!)

Variante 1:

8:00
Uff – Teenager in der Schule. Frühstück weggeräumt, gelüftet, gebettet.

9:00
Ich habe einen Termin im Tonstudio oder eine Theaterprobe und gehe aus dem Haus. Die Termine in meiner Agenda ergeben einen Sinn und ich weiss, was ich wann und wo zu tun habe. Ich hab die Kontrolle. Die ideale Arbeitssituation, klar wir Klossbrühe.

Variante 2:
8:00 Uff, Teenager ist in der Schule. Frühstück weggeräumt, gelüftet, gebettet.

9:00 Heute keine Termine im Tonstudio und keine Theaterprobe, weil grade kein Engagement. Was mache ich also heute? Sport? Ja – wichtig, nötig und  man muss ja in Form bleiben für den Job und es gibt ein gutes Gefühl. Haushalt? Ja – wichtig, nötig und gibt mir das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben.
Lesen? Ja – wichtig, nötig, und gut für Hirn & Seele. Und die Zeit vergeht. Weiter. Karriere/Netzwerk bearbeiten? Ja – wichtig, nötig, und oh Gott, die Castingplattformen pöbeln mich an, weil sie mich nicht kennen und auch das verfluchte A1 Formularproblem ist nach wie vor gross und ungelöst.

10:00 Ich brauche nochmal einen Kaffee. Oh, schau so süss der Vogel im Baum vor dem Fenster …!

10:32  Das Telefon klingelt. Gespräch mit einem vertrauten Menschen, der im Büro sitzt und das Privileg (oder die Qual) eines durchstrukturierten Arbeitsalltags hat. O-Ton: „Am besten machst Du Dir eine Liste mit dem, was Du schaffen willst und terminierst das genau mit Uhrzeit. Dann gehst Du das einfach durch, ohne gross nachzudenken – du wirst sehen, das klappt bestens – man muss es nur durchziehen und darf sich nicht ablenken lassen“

Ach so? Hm. Na dann mal los. Reset mit der empfohlenen To-do-Listen aus der strukturierten Arbeitswelt:

11.03 Jetzt also Sport. Ich stehe auf dem Crosstrainer und strample voller Stolz vor mich hin. 30 Minuten geplant. Nach 17 1/2 Minuten fällt mir ein, wie ich eine anstehende Kolumne beginnen will. Ich steige schnaufend vom Gerät, weil ich befürchte, den Gedanken zu verlieren, wenn ich ihn nicht sofort
notiere.

11:47 Was ist geschehn?! Wo zum Teufel sind meine Minuten hin? Ich habe vergessen, zurück aufs Sportgerät zu steigen, weil per Mail eine berufliche Anfrage
reingekommen ist, der ich gleich nachgehen wollte. Und dann, war da diese andere Mail, und dann noch …

Zurück zur To-do-Liste … also, diesmal wirklich Sport. Crosstrainer! Nach weiteren 20 Minuten Schwitzen habe ich ein Hoch und fühle mich motiviert, eine lange aufgeschobene Büroarbeit endlich zu erledigen. Ich dusche rasch und setze mich an den Schreibtisch. Zack – nach 45 Minuten ist die üble Sache erledigt.

Inzwischen meldet sich der Hunger. Nachmittags wollte ich eigentlich meinen Text für die anstehenden Shows auffrischen und danach meine Gesangsübungen machen – aber draussen scheint gerade die Sonne und der Vogel scheint Spass zu haben.

Zugegeben, ich übertreibe hier ein wenig. Ich folge keinem eigentlichen Zeitplan, sondern habe ein paar Anhaltspunkte und gehe dann mit dem Flow des Tages. Natürlich klappt das nicht immer gleich gut. Ich bewundere Menschen, die einen Plan, eine To-do-Liste haben und diese abarbeiten. Ich selbst gehöre nicht zu diesen Menschen, und lange habe ich damit gehadert und mich geschämt.

To do or not to do

Nicht jeder Morgen ist gleich produktiv.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich ziemlich festgefahrene Vorstellungen von einem sogenannt „effizienten Tag“ abseits von Tonstudioterminen, Vorstellungen und Proben hatte. Hier ein paar meiner Glaubenssätze:

– Sport muss morgens sein, und zwar lange und am Stück. Dazu trägt man seine frische gewaschenen Sportsachen.
– Morgens nach dem Aufstehen muss man sich sofort duschen und anständig anziehen. Dann setzt man sich an den Schreibtisch und erledigt anstehende, wichtige Dinge.
– Vergnügliches, wie Verabredungen zum Kaffee oder Spaziergänge im Wald, gibt es erst nach getaner Arbeit.
– Aufm Sofa flätzen und lesen oder Filme schauen, gibt es erst Abends, nachdem ich fein gekocht, heiter gegessen und effizient die Küche gemacht habe.

Und so weiter und so weiter …

Vor vielen Jahren hat mir ein Freund erzählt, er habe seine gesamte Uni-Abschlussarbeit im Bett verfasst. Er ist, mitten am Tag, in seinen Strassenklamotten zurück ins Bett, unter die Decke, um zu arbeiten. Unzivilisiert?  Egal – so fühlte er sich aufgehoben und beschützt und konnte mutig an seiner Diplomarbeit schreiben.

Das habe ich natürlich übernommen. Manchmal erledige ich Unangenehmes gleich nach dem Aufwachen am Laptop im Bett, Sport treibe ich, wenn’s mich grad überkommt und manchmal in den Kleidern, die ich halt grade trage oder greifbar sind – frisch gewaschene Sportklamotten für den Hometrainer sind total überschätzt im Fall. (Too much Information?) Manchmal erledige ich auf dem Sportgerät ein Telefonat, das mir auf dem Magen liegt – beim Strampeln bin ich wach und entspannt zugleich. Ich gehe spazieren, weil die Sonne jetzt scheint oder schaue nachmittags die Serie, für die ich Abends zu müde bin. Den Text für die Wiederaufnahme einer Produktion gehe ich dann beim Spaziergang im Wald laut durch und die geplanten Gesangsübungen mache ich am frühen Abend in der Küche, während
das Ofengemüse gart.

Wie sieht mein Alltag als freischaffende Schauspielerin also genau aus? Da ist kein Alltag, da sind einfach Tage. Mal Privileg, mal Qual.

Und bei euch so?


Rebekka Burckhardt arbeitet als Schauspielerin für Film & Fernsehen, in freien Theaterproduktionen und an Stadttheatern unter anderem in Berlin und Hamburg, als Regisseurin für Laiengruppen, Sprecherin für Hörbücher, Lesungen, Moderatorin und als Coach für Auftrittskompetenz. Seit der Spielzeit 2023/2024 steht sie an der Komischen Oper Berlin in „La Cage aux Folles“ als Marie Dindon auf der Bühne. Mit ihrem Solo «Tumulte Blonde – ein fast klassischer Diseusenabend» tritt sie seit ein paar Jahren in Zürich auf.