Theater ohne Theater
Es ist früher Samstagabend. Ich sitze auf dem Sofa, alleine. Meine Freundin hat wegen des schönen Wetters abgesagt, „Ist ja eh nur online, und die fünf Euro sind auch kein grosser Verlust“, hat sie gemeint. Eingewickelt in die Kuscheldecke, neben mir eine angebrochene Chips-Packung und ein leeres Rotweinglas. Die Zoom-Vorstellung ist zu Ende. Ich klatsche, aus Respekt vor der Leistung und Dank für das Engagement, für die Möglichkeit in dieser Zeit Kultur rezipieren zu dürfen. Ein spärlicher Applaus von Kameramenschen und Technik vor Ort ertönt über meine Laptop-Lautsprecher. Um dieser Peinlichkeit entgegenzuwirken, versuche ich noch lauter zu klatschen und komme mir gleichzeitig sehr albern vor. Ich schreibe also in den Chat „Bravo“ und „Danke“. Ich bin nicht die Einzige, alle wollen sich ausdrücken und mitteilen, es regnet Applaus-Smileys und Grüsse aus allen möglichen Städten. Dann klappe ich meinen Laptop zu, mein Theaterabend ist beendet.
Es fehlt so vieles beim Streamen von Live-Kultur. Aber damit müssen wir nun leben. Zumindest vorübergehend. Und es ist okay. Viele sind froh überhaupt Kultur machen und erleben zu dürfen.
Das Netz wird die neue Bühne
Als im März 2020 die Kulturhäuser wegen der Pandemie schliessen mussten, waren die Institutionen sowie Künstlerinnen und Künstler gezwungen neue Wege und Formen zu finden, mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Da selten vor Ort, kreierte man eigene Podcasts, organisierte Online-Lesungen und Zoom-Workshops. Es fanden virtuelle Stadtführungen statt, man lancierte ein Sorgentelefon, zeigte alte Stückmitschnitte und bot später vermehrt auch extra konzipierte Live-Streaming-Vorstellungen an. Einige experimentierten mit neuen theatralen Formen im Netz.
Digitales Theater ist nichts Neues. Auch vor Corona hat man Theater gestreamt und mit digitalen Formen gespielt. Wir leben in einer Zeit von digitalen Entwicklungen. Dieser Wandel aber wurde durch die aktuelle Pandemie nun zusätzlich vorangetrieben.
Kopräsenz – von beiden Seiten vermisst
„Unter einer Aufführung versteht man ein Ereignis, bei dem zwei Gruppen, Zuschauer und Akteure, miteinander in Interaktion treten. Dieses Ereignis findet zu bestimmten Zeiten an einem bestimmten Ort statt, der sich nicht zwangsläufig in entsprechend etablierten Räumlichkeiten wie dem Theater befinden muss, und ist ein in besonderer Weise gegenwärtiges und flüchtiges Ereignis.“ – Wikipedia-Eintrag zu „Theateraufführung“
„Das digitale Produkt ist immer etwas Anderes als eine Liveaufführung vor Publikum. Es gibt da mediale und auch kinästhetische Diffrenzen“, sagt Tanzexpertin Prof. Dr. Christina Thurner.
Was in den heutigen digitalen Notlösungen am meisten vermisst wird, ist die Kopräsenz – und damit die Symbiose zwischen Darstellenden und Zuschauern. Vermisst wird sie von beiden Seiten.
Streaming – eine Herausforderung
Wie die Pandemie selbst, so stellt auch die Frage nach der Rezeption von Live-Kultur in diesen Zeiten eine Herausforderung dar – für Kunstschaffende, Produktion und Publikum.
Es war nichts Neues und doch hat die Pandemie ihm Aufmerksamkeit und Aufschwung verliehen; dem Netztheater. Wie Theater ohne Theater, digital und im Netz, funktioniert und welche Erfahrungen damit im vergangenen Jahr gemacht wurden, hierfür wird jetzt an verschiedenen Veranstaltungen Raum zum Austausch geboten.
„Jetzt käme ein grosser Zwischenapplaus , heisst es in Mitte einer Performance am Kleinkunst-Streaming-Festival „Streaming und Digitales Theater“(STREAM21). Für viele Darstellende ist es eine ungewohnte, oft unbefriedigende Situation, vor leerem Saal zu spielen, für ein Publikum, das man nicht sieht, nicht spürt.
„Bei einem Livestream muss man sich nicht nur vorstellen, was für eine Figur in welcher Geschichte man ist, sondern auch, dass jemand zuschaut und es somit überhaupt Sinn macht, dass man spielt.“, meint der Schauspieler Matthias Neukirch, der am Schauspielhaus Zürich „Frühlings Erwachen“ sowohl vor Publikum wie auch für den Live-Stream gespielt hat.
Schwierig wird es vor allem bei Bühnenformen, die auf nonverbale Kommunikation mit dem Publikum angewiesen sind: Wie zum Beispiel in der Comedy, wo man Gags und Timing an die Stimmung des Publikums anpasst und so den jeweiligen Abend individuell gestaltet. „Pointen reiben sich ja daran, wie das Publikum reagiert. Und das macht etwas mit dem Timing. Ist da niemand im Publikum, weiss man nicht mit wem man das Timing abgleichen könnte“, sagt Benjamin von Blomberg, Co-Intendant vom Schauspielhaus Zürich am STREAM21-Talk.
Flüchtiges Ereignis
Wenn das Publikum schon nicht im selben Raum wie die Darstellenden ist, kann man durch Gleichzeitigkeit (live) immerhin eine Empfindung des gemeinsamen Erlebens herstellen. Mit Live-Stream bleibt auch das Gefühl, dass in jedem Moment immer noch etwas Ungeplantes passieren, etwas schief gehen könnte.
Interaktion – Gaming als Vorbild
„Was immer die Akteure tun, hat Auswirkungen auf die Zuschauer und was immer die Zuschauer tun, hat Auswirkungen auf die Akteure und die anderen Zuschauer.“ – Erika Fischer-Lichte
Abwesendes Publikum könne in einem Stream auch etwas bedeuten, wenn es live sei, meint von Blomberg. Wenn man sich anschaue, wie Gaming funktioniere, in welchem die Zuschauer ja nie nur zuschauen würden, sondern immer in irgendeine Art von Partizipation gerieten. Und so stellt sich für das Theater die Frage: Wie kann man über Format, ein Publikum, das nicht anwesend im Raum ist, über konkrete Aktion trotzdem präsent machen? Indem es eben die Handlung mitgestalten darf.
Von Blomberg glaubt auch, dass es da noch Dinge zu entdecken gäbe: „Aber die müssen weiter gehen, als nur das Medium zu nutzen – wie das zum Beispiel im Gaming schon benutzt wird.“ Er glaube daran, dass es eben nicht funktionieren würde, wenn man einfach das bewährte Format streamen und darauf hoffen würde, dass es sich ähnlich anfühlen würde. Da müsste man schon einen Schritt weitergehen.
Judith Ackermann, Forschungsprofessorin für Digitale und Vernetzte Medien in der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Potsdam meint: „Man muss Theater ganzheitlich denken und dann die Besonderheiten der digitalen Kanäle angucken und überlegen, wie kann ich die bestmöglich als Elemente davon denken. Wie kann ich diese Inszenierung als Erfahrungsraum erweitern und zugänglicher machen?“
Die Kamera – eine neue Perspektive
Die Kamera ist schon länger auf der Bühne präsent als inszenatorisches Mittel. Nun aber wird sie zum Auge des Zuschauers, lenkt den Fokus und ermöglicht es, die Vorstellung aus verschiedenen Perspektiven zu erfahren. Brian Petchers (Kamera- und Schnittregie am Irish Repertory Theatre) meint: „Es ist einzigartig, ein Theaterstück auf die Leinwand zu übertragen. Komödiantisches und dramatisches Timing, visuelle Blickwinkel und Übergänge bekommen auf der Leinwand ein ganz anderes Leben und eine andere Rolle als in der Live-Show.“ Und das ist Herausforderung und Chance zugleich.
Aufwand, Kosten und Ticketpreise
Anfangs boten viele Theater ihre Produktionen und digitalen Angebote gratis an. Noch heute werden Streamings unter ihrem Wert verkauft. „Ist ja nur online.“ Aber auch digitale Formate kosten Geld, wenn sie aufwändig gemacht sind. Alleine für den Stream mussten am Schauspielhaus vier Kameramenschen und eine Live-Schnitt-Regie engagiert sowie Spezial-Technik dazu gemietet werden.
Engagement und Aufwand für Produktionen, werden durchaus ästimiert. So sind Zuschauer für Formate, die mehr als nur ein Mitschnitt aus dem Archiv sind, auch gerne bereit, dies im Ticketpreis zu honorieren. Gemäss einer Umfrage am STREAM21 sind sogar über die Hälfte bereit, gleichviel für einen Streamabend, wie für eine Vorstellung im Theater zu zahlen.
Da es an Erfahrung von Ticketrichtpreisen noch fehlt, und einige Zuschauer gegenüber dem Digitalen Theater noch etwas skeptisch sind, hat sich die Methode „Pay what you want“ als gute Möglichkeit erwiesen, einen ersten Eindruck zu bekommen, was das eigene Publikum zu zahlen bereit ist. Ausserdem gibt es Skeptikern eine Chance etwas Neues auszuprobieren.
Digitale Grenzenlosigkeit – eine Chance
Seit Jahren wird darüber debattiert, wie man Theater, auch für jüngere Generationen, zugänglicher machen kann. Digital Natives nun mit Netztheater da abzuholen, könnte eine Möglichkeit sein, sie für dieses Medium zu interessieren und vielleicht gemeinsam weiterzuentwickeln. Auch die Intendantin Annemie Vanackere, die am Berliner HAU die Online-Sparte „HAU 4“ aufbaut, sagt, das digitale Angebot könne die Chance sein, mit dem Klischee von Theater aufzuräumen – immer sitzen zu müssen, nichts zu verstehen und nicht auf das Handy gucken zu dürfen. Digitales Theater vermag aber nicht nur neue Publikumsschichten anzusprechen, wie solche, die sich zuvor eher scheuten, ins Theater oder in die Oper zu gehen, es erlangt auch geographisch eine grössere Reichweite. Ortsungebunden, ermöglicht es auch Menschen am Erlebnis teilzunehmen, die vielleicht nicht (selber) ins Theater kommen könnten.
Mit der Fusion von theatralen und digitalen Mitteln, sind auch die Spiel- und Erzählmöglichkeiten schier grenzenlos. Einige Theater haben bereits damit experimentiert, gewisse sind noch einen Schritt weiter gegangen: Das Augsburger Theater hat Virtual Reality für sich entdeckt und unterdessen bereits fünf 3D-Produktionen im Angebot.
Was bleibt, wenn die Theater wieder öffnen?
Auch wenn für gewisse Veranstalter „Corona-Nischenformate“ solche Nischen bleiben sollen, so hat eine Umfrage unter den grossen Häusern gezeigt, dass jene in den vergangenen Monaten durch das Experimentieren-Müssen Formate entdeckt haben, die sie gerne auch nach der Öffnung weiterführen wollen. Einige wollen sich sogar auf weitere Erkundungstour im digitalen Feld begeben, in welchem die Grenzen des klassischen Theaters überschritten werden.
Hybridvorstellungen werden als mögliche Übergangslösungenfür April und Mai gesehen. Bettina Auge vom Opernhaus Zürich meint aber, auf die Dauer seien diese nicht finanzierbar. Das Schauspielhaus Zürich möchte, wenn Live-Streams, wieder eigene Formate dafür entwickeln. Auch für das Luzerner Theater gilt es noch die neuen Formate weiter zu erforschen, mit viel Ausprobieren und Kreativität. „Ob diese Angebote weiter einen Platz im Theater finden, wird sich zeigen“, meint die stellvertretende Intendantin Sandra Küpper und fügt abschliessend hinzu: „Wir freuen uns aber natürlich vor allem darauf, das Publikum möglichst bald wieder bei uns in unseren Räumen vor Ort begrüssen zu dürfen, denn das Theater lebt vom Livegedanken und der Versammlung von Menschen zur gleichen Zeit im gleichen Raum.“
* Silja Gruner, Dramaturgin vom auawirleben Theaterfestival Bern in einem Interview für STREAM21
Wer sich etwas tiefgreifender mit der Entwicklung von Netztheater befassen will: NETZTHEATER – Ein Sammelband in dem Praktiker/innen des Theaters sowie Beobachterinnen die neuesten Tendenzen beschreiben, spannende Experimente, veränderte Arbeitsweisen und wegweisende Produktionen vorstellen: Das Theater wird digital, wird Netztheater.
Theater finden Notlösungen, neues Publikum wird generiert, es tun sich Grenzen auf. Was aber macht Streaming mit unserer Psyche? Hierzu hat Ensemble mit dem Medienforscher Dr. Matthias Hofer gesprochen.
Dr. Matthias Hofer ist Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universit t Zürich (IPMZ), Abteilung „Media Psychology & Effects“.
Herr Hofer, welche emotionale Bindung gehen Schauspieler und Zuschauer bei einer normalen Live-Vorstellung miteinander ein?
Die Schauspielerinnen sind wohl in erster Linie damit beschäftigt, ihr Schauspiel aufzuführen oder mit eventuellen Nervositäten zu kämpfen (wobei ich hier niemandem zu nahetreten will). Bei besonders emotionalen Szenen erhalten sie bisweilen auditives Feedback aus dem Publikum. Solche kollektiven Emotionsausdrücke lassen die Darstellerinnen des Publikums gewahr werden und können mitunter ihren eigenen Ausdruck intensivieren – bewusst oder unbewusst. Da gibt es also ein Wechselspiel zwischen Publikum und Bühne.
Die Zuschauerinnen gehen wohl in erster Linie mit dem Stück (Plot, Bühnenbild, Inszenierung etc.) mit, empfinden Emotionen der Darstellerinnen nach oder identifizieren sich gar mit ihnen. Aber auch der soziale Kontext, bzw. das Mitpublikum spielt beim Erleben des einzelnen Zuschauers und bei der Bindung zwischen Publikum und Schauspielerinnen eine Rolle. Ein weiterer Prozess, der sich abspielt, ist die sogenannte parasoziale Interaktion. Nehmen Sie das Beispiel eines Kasperl-Theaters, bei dem die Kinder Kasperl vor einem nahenden Krokodil warnen. Solche Interkationen sind einseitig, d.h. sie werden von den Schauspielerinnen in der Regel nicht erwidert; daher wird die Interaktion auch als parasozial bezeichnet. Es fehlt das direkte Feedback von der Bühne auf das Interaktionsangebot aus dem Publikum. Man könnte sagen, dass die Bindung auf beiden Seiten nur implizit vorhanden ist; aber sie ist vorhanden.
Wie könnte man mit Streaming eine ähnliche Wechselwirkung erzeugen? Wie sieht das mit dem Gemeinschaftsgefühl aus? Reicht da Interaktion mittels Chatfunktion?
Denkbar wären Hologramme eines Publikums, aber das ist wohl eher Zukunftsmusik und es fragt sich, ob sich der Aufwand lohnen würde. Ein Gemeinschaftsgefühl über eine Chatfunktion, wie wir das bei YouTube oder Facebook-Live-Streams kennen, reicht da wohl nicht aus, um gleiches Erleben zu erzeugen. Buchstaben und Emojis können die Körperlichkeit kaum ersetzen und die soziale Präsenz nur unzureichend andeuten. Zudem haben wir bei solchen Chats das Problem der Ablenkung vom Geschehen auf der Bühne.
Ja, auf diese Ablenkung möchte ich noch eingehen: Nun sitzt man auf dem Sofa statt still in den Stuhlreihen, holt sich noch was aus dem Kühlschrank oder schreibt eine SMS. Wie wirkt sich diese Unverbindlichkeit und Unkonzentriertheit auf das Erlebnis und auf die Wertschätzung gegenüber der Produktion aus?
Solche Unterbrechungen stören natürlich die aufmerksame Rezeption. Die Ablenkung kann sich letztlich negativ auf das Unterhaltungserleben und die Wertschätzung auswirken.
Glauben Sie, dass es nach einem Tag voller Zoom-Meetings / intensiver Bildschirmzeit noch einem Ausgleich dienen kann, einen Theater-Stream zu schauen? Oder sind diese Einflüsse allenfalls zu ähnlich, als dass der Geist dabei entspannen kann?
Das ist eine gute Frage, auf die letztlich empirische Forschung eine Antwort geben könnte. Wenn wir aber davon ausgehen, dass ein Theater-Stream eher ruhig ist, könnte man hier schon von einer entspannenden Wirkung ausgehen. Auf der anderen Seite verbleiben wir vor dem Bildschirm; was darauf gezeigt wird, ist meines Erachtens unerheblich. Ein Spaziergang dürfte da mehr Entspannung bringen als ein Theater-Stream.
Was halten Sie selbst von Theater-Streams? Schauen Sie sich diese selber auch an?
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mir noch nie ein solches Streaming angeschaut habe. Ich finde es aber eine tolle Sache und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie. Denken Sie etwa an Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschr nkt sind und trotzdem gerne ein Theaterstück geniessen.
Auf SPECTYOU stehen Aufzeichnungen von Theaterstücken und neue Formate an der Schnittstelle zur Digitalität zu fairen Preisen zur Verfügung. Theater, Gruppen oder Solodarstellende können hier ihre Produktionen kostenlos hochladen oder als Livestream und Limited Stream anbieten und diese auf der Plattform mit den eigenen Profilen verknüpfen.
Illustrationen von Ch. Knecht aus
„Tellspiele 2020 – TELLEVISION“
Bessere Löhne statt höheres Rentenalter!
/in Archiv, Meinung, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEWarum gibt es die Frauen-Rentenlücke? Die tieferen Löhne, Teilzeitpensen und unbezahlte Pflege- und Care-Arbeit führen zur heute skandalös schlechten Rentensituation der Frauen. Obwohl auch Frauen ihr Leben lang arbeiten, beziehen sie im Alter oft viel zu tiefe Renten. Das muss sich ändern!
Das Komitee der Frauenrente äussert sich dazu folgdendermassen: „Trotz riesigem feministischem Engagement hat das Parlament mit AHV 21 eine einseitige Abbauvorlage auf Kosten der Frauen beschlossen. Ein Jahr länger arbeiten, ohne auch nur einen Schritt in Richtung Gleichstellung oder Lohngleichheit zu tun. Nicht mit uns! Der Aufschrei gegen diese ungerechte Abbauvorlage war gross. Appell, Demonstration und zuletzt das Referendum, das wir mit dreimal mehr Unterschriften als nötig eingereicht haben. Am 25. September stimmen wir darüber ab und sagen NEIN zu AHV 21, denn:
Es werden 7 Milliarden einseitig bei den Frauen eingespart!
Die Renten der Frauen reichen schon heute nur knapp zum Leben!
AHV 21 ist nur der erste Schritt : Bundesrat und Parlament planen schon Rentenalter 67 für alle!
Alle Infos zu AHV 21 und Möglichkeiten, sich zu wehren hier.
Aufbruchsstimmung bei SzeneSchweiz
/in Aktuell, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLE(Linda Christa Bill) Der neue Präsident Matthias Albold entwickelt Visionen für die Zukunft des Verbandes, aber auch die regionalen Delegierten bringen sich ein. Insgesamt herrschte eine lockere, wohlwollende Atmosphäre, die gutes für SzeneSchweiz erwarten lässt. Ein Rückblick.
Matthias Albold eröffnet die diesjährige Delegiertenversammlung, die im Karl der Grosse in der Zürcher Altstadt stattfand, sehr herzlich und stellt u.a. die „sieben verwegene Frauen“ von Szene Schweiz vor, die wertvolle Arbeit für den Verband leisten. Die Rede des Präsidenten war gespickt von Optimismus und auch unterhaltsam. Im Unterton realistisch, pochte er immer wieder auf den Zusammenhalt innerhalb der Gewerkschaft und ermutigte zu einer ehrlichen und zielgerichteten Arbeitsweise innerhalb des Verbandes.
Alle Vorstandsmitglieder wurden an der Delegiertenversammlung wiedergewählt. Nach dem Memorium erinnert er kurz daran, Todesmeldungen zeitnah ans Sekretariat zu vermitteln und neu auch online zu publizieren. Albold geht auf die letzten zwei Jahren ein und die Schwierigkeiten durch Corona, aber auch besonders auf die jetzige Kriegs-Situation in der Ukraine.
Am 1. Juni fand hierzu eine Benefizveranstaltung für Mariupol am Theater St. Gallen statt. Albold sorgt sich insbesondere um die Situation auch in Europa, da das Kulturschaffen ein stabiles Grundeinkommen und vor allem Ruhe zur Arbeit in Form von Stabilität in der Gesellschaft brauche. Die Probleme würden mit der Weltwirtschaftskrise, verursacht durch den grausamen Krieg in der Ukraine, immer grösser, deshalb appelliert er immer wieder während der Versammlung an den Zusammenhalt, im grossen und im kleinen. Man solle Kulanz und Vertrauen zeigen, momentan befinde sich der Zustand der Welt wieder „wie in der Renaissance“, meint er etwas zugespitzt. Die Kulturschaffenden seien aber nach wie vor das Sprachrohr des Humanismus – wenn man deren Arbeitssituation weiterhin verbessert, entstehen auch bessere Ergebnisse.
Es geht ihm vor allem darum, den Kulturplatz Schweiz nachhaltig zu erhalten, die Kommunikation untereinander in der Gewerkschaft zu fördern und damit Instrumentalisierungen durch Institutionen zu vermindern. Durch die Corona-Krise sind gemäss der informellen Arbeitsgruppe für Kulturpolitik „Taskforce Culture“ mind. 5% der Kulturschaffenden vollständig weggebrochen – dieser Verfall müsse dringend aufgehalten werden.
Albold fordert, dass weniger übereinander, als mehr miteinander geredet werden. Es gebe so viele Leute mit guten Zielen, im Diskurs können man dadurch auch zu neuen Lösungen gelangen und dabei automatisch eine klare Haltung nach aussen zeigen, ist er überzeugt. Mobbing, Bossing etc. könnten so wirksam vermindert oder sogar komplett verhindert werden. Und im Kulturbereich gibt es auch eine Art „Unternehmenskultur“, die gefördert werden muss. In einer Anekdote ermutigt Albold dazu, dass „wir als Künster*innen den Clown in uns in Anspruch nehmen müssen, zur Leitung gehen und den Frust in Freude umwandeln, und in die Diskussion gehen!“ sollen. Auf diese Formulierung ist er durch ein inspirierendes Gespräch mit Martin Zimmermann von „Danse Macabre“, einem zirzensischen Spektakel gekommen.
Das dominierende Thema der Sitzung war eindeutig die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen im kulturellen Bereich. Taskforce Culture leistete hierfür hervorragende Arbeit und war massgebend für die Verbesserungen der Unterstützungsmassnahmen auch für Freischaffende in befristeten Arbeitsverträgen. „Die Kultur- und Kreativwirtschaft generiere 70 Milliarden Franken Umsatz, dies gelte es zu schützen“, äusserte sich Salva Leutenegger hierzu. Albold erinnert auch daran, dass Defizite durch eine Krise wie die Pandemie in der Risikosphäre des Arbeitgebers liege, was Prof. Geiser von der Rechtsfakultät an der Uni St. Gallen nachgewiesen hat.
Ein weiteres wichtiges und nach wie vor leider sehr aktuelles Thema waren Machtmissbrauch und Übergriffe am Arbeitsplatz. Das „Béjart Ballet“ in Lausanne wurde kürzlich geschlossen wegen genau solcher Vorwürfe. Obwohl ein ausgearbeiteter Verhaltenskodex von Szene Schweiz schon länger an die Häuser ausgesendet wurde, mit der Auflage zur selbstverantwortlichen Umsetzung, hat das leider vielerorts noch nicht funktioniert, obwohl das Prinzip der Selbstverantwortung eigentlich Pflicht der Theaterleitungen wäre.
Ein weiterer wichtiger Punkt war die Fusion von SBKV und der Tessiner TASI zu SzeneSchweiz. Die Fusionsumsetzung erforderte viel und war intensiv für alle Beteiligten, aber letzten Endes erfolgreich. Albold wies auch darauf hin, dass die Regionalgruppen besser aufgestellt werden sollten und der Austausch gefördert.
Der Ausbau der Regionalgruppen soll eine zeitnahe Kommunikation und Diskussion generieren. Die Zusammenarbeit mit der SBV soll trotz Differenzen stattfinden. Ein Kodex mit einer „sauberen Hausordnung“ soll Bewusstsein schaffen und überall in den Institutionen erarbeitet und auch korrekt umgesetzt werden. Es müsse jetzt für gute Arbeitsverhältnisse gesorgt werden und nicht erst in Zukunft, sind sich alle einig.
Auch der Workshop für Gagenverhandlungen ist Thema – Salva Leutenegger meint sehr passend dazu: „Das Leben ist eine einzige Verhandlung!“ – damit hat sie recht, und verweist damit auf die Wichtigkeit von Mediation und korrekter Vermittlung bei Konflikten. Bühnenkünstler*innen müssten angemessen beschäftigt sein, mit repräsentative Rollen, etc., und Abmahnungen durch Unflexibilität dringend verhindert werden.
Es bestünden auch prekäre Situationen durch variable Einsatzzeiten für Bühnenkünstler*innen, die nebenbei einer anderen Arbeit nachgehen müssen, um sich zu finanzieren. Es gebe weiter Workshops, wie z.B. “Projekteingaben und Budgetierung”, “Social Media” und „E-Casting“ – diese Workshops kommen bei den Mitgliedern sehr gut an und werden gratis angeboten. Zu den neu aufkommenden „Intimacy-Coaches“ sind die Meinungen unterschiedlich, Ideen und Anregungen seien hierzu sehr willkommen, betont Leutenegger und verweist auf „Female Act“, als dafür wichtige Organisation.
Aktuelles zu Machtmissbrauch an Institutionen
/in Aktuell, Archiv, Meinung, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEBühne und Missbrauch haben eine lange, geteilte Geschichte. Die Ursachen können sowohl einfach Leistungswah oder aber eine stalinistische Hierarchie sein. In den aktuellen Fällen scheinen sich diese beiden Sachen zu mischen. Eine Übersicht.
Nach wie vor ist Machtmissbrauch und Übergriffe am Arbeitsplatz in den darstellenden Künsten eine hochaktuelle Thematik. Hierzu empfehlen wir den SRF-Beitrag „Du siehst aus wie ein tanzender Hamburger“ über die Tanzakademie Zürich, die unter dem Dach der ZHDK unterrichtet, vom 2. Juni und zusätzlich den persönlichen Beitrag der deutschen Schauspielerin Mareile Blendl mit dem Titel „Herr Peymann, nehmen Sie das zurück! Eine Intendantenbeschimpfung“, in dem anschaulich ein Fall beschrieben wird.
Konzeptförderung Stadt Zürich: Mitmachen!
/in Aktuell, Archiv/von Redaktion ENSEMBLEBis zum 30 Juni läuft die Eingabefrist zur Gesuchseingabe der Konzeptförderung Stadt Zürich. Auf der Website finden sich alle wichtigen Informationen.
Am Mittwoch, 15. Juni 2022 von 9.30h bis 11h findet hierzu ein Info-Anlass zum Finanzformular 2- und 4-jährige Konzeptförderung per Zoom ein. Nach einem Input mit konkretem Anschauungsbeispiel im Ausfüllen des Finanzformulars können Gesuchsteller*innen Fragen stellen.
https://us02web.zoom.us/j/89273225483?pwd=MEJRdHhwd0NrM0QrcG55anlKSUZFdz09
Meeting-ID: 892 7322 5483 / Kenncode: 540327
Vor der Gesuchsstellung ist es wichtig, die zur Verfügung gestellten Unterlagen – insbesondere die Infoblätter – genau durchzulesen, darin wird alles wichtige u.a. zu den Rahmenbedingungen, dem Vergabeverfahren und den benötigten Unterlagen beschrieben. Weitere Fragen werden im FAQ beantwortet. Zudem sind weitere schriftliche und mündliche Rückfragen bei der Dienstabteilung Kultur möglich (Ressorts Tanz und Theater: 044 012 34 09). Anfragen für Sprechstunden können per Mail an Tanztheaterfoerderung@zuerich.ch gesendet werden.
Am 18. Mai 2022 fand in der Gessnerallee ein Szene-Treff, organisiert von t. Zürich, statt. Bei diesem Anlass wurde seitens Stadt Zürich Kultur zur Gesuchstellung informiert, und es konnten offene Fragen beantwortet werden. Auf der Website von t. findet sich das entsprechende Protokoll.
Das Gesuchsportal für die online Gesuchseingabe schliesst am Donnerstag, 30. Juni um 23.59h. Es empfiehlt sich, die Gesuchseingabe frühzeitig zu tätigen.
„Die neue Generation von Tänzer*innen“
/in Aktuell, Archiv, Tanz/von Redaktion ENSEMBLEMamu Tshi (30 Jahre alt, Kongolesin, lebt in Lausanne, wo sie mit dem Théâtre Sévelin 36 zusammenarbeitet), Dickson Mbi (36 Jahre alt, Kameruner, aufgewachsen in London wo er auch studiert hat, tritt mit Ausnahmekünstlern wie Robbie Williams auf), Joy Ritter (39 Jahre alt, Kalifornierin, philippinischer Herkunft, aufgewachsen in Freiburg im Breisgau wo sie auch studiert hat, arbeitet für Kompanien wie Akram Khan und den Cirque du Soleil) sind die drei Stars des Abends. Drei selbst choreografierte Soli, völlig unterschiedlich in Stil, Technik und Seele: Krumping für Mamu Tshi im Solo „L’Héritière“, Popping für Dickson Mbi in „Duende“ und eine Mischung aus Voguing, philippinischen Volkstänzen und klassischem Training für Joy Ritter in „BABAE“. Sie alle sind auf der Suche nach Neuem, außerhalb ihrer angestammten Techniken, um ihren eigenen zeitgenössischen Stil zu finden: Akram Khan selbst nennt sie „die neue Generation von Tänzern“.
Interview von Lilly Castagneto
„Portraits in Otherness“ ist eine hochkarätige Performance, kuratiert von Akram Khan und produziert von Farroq Chaundhry, im Rahmen des alle zwei Jahre stattfindenden Tanzfestivals STEPS des Migros-Kulturprozent, das seit 1988 in der ganzen Schweiz unterwegs ist. STEPS kehrt mit einer Reihe von zeitgenössischen Tanzaufführungen und außergewöhnlichen choreografischen Aktivitäten zurück. Mit einer Laufzeit von rund vier Wochen ist es auch in diesem Jahr wieder in fast allen Theatern ausverkauft und zeigt nationale und internationale Stars.
Was bedeutet STEPS für dich, Claudia Toggweiler?
Claudia Toggweiler (Roadmanagerin von STEPS): Das Tanzfestival STEPS macht es möglich, aussergewöhnliche Produktionen an rund 38 Orten in der Schweiz zu sehen. Spannend für uns ist vor allem zu beobachten, wie die unterschiedlichen Reaktionen des Publikums ausfallen. Vor allem im Tessin und der Romandie sind die Zuschauer sehr enthusiastisch und warmherzig.
Wie hat die Öffentlichkeit auf STEPS reagiert, Claudia?
Toggweiler: Man spürt, dass sich viele danach sehnten, Tanz wieder live auf der Bühne zu sehen, und tatsächlich waren fast alle Vorstellungen ausverkauft.
Was bedeutet „Portraits in Otherness“ für dich und wie ist die Idee dazu entstanden?
Dickson Mbi: „Portraits in Otherness“ ist eine Abbildung des schlagenden Herzens eines jeden Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunft oder Stil: Wir sind alle gleich, dieselbe Essenz. Die Idee stammt von Akram Khan und Farroq Chaundhry, um Nachwuchschoreographen die Möglichkeit zu geben, auf internationale Tourneen zu gehen. Amandine (Mamu Tshi), die Schweizerin, wollte, dass wir sie bei diesem Abenteuer begleiten.
Ihr seid international bekannte Tanzstars: Wisst ihr, dass ihr das seid?
Dickson: Ich glaube nicht, dass ich ein Star bin, ich glaube, ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich versuche, meine Träume zu leben. Ich habe eine sehr strenge Lebensdisziplin: Yoga, Pilates, viele Stunden Training. Ich höre viel auf meinen Körper, damit ich nicht zu müde werde, ich ernähre mich gesund, mein Arbeitsleben ist wirklich sehr streng. In meiner Freizeit schaue ich mir gerne Fußball im Fernsehen an, ich bin ein Fan meiner Mannschaft, ich bin ein ganz normaler Mann aus Ost-London.
Joy Ritter: Ich lerne viel, ich nehme viele verschiedene Kurse: klassischer Tanz, Hip-Hop, Contemporary, Yoga und Jogging. Auf und abseits der Bühne bleiben wir immer Künstler: in meiner Freizeit tanze ich gerne, draußen im Park, ich liebe das Tanzen, es ist mein Beruf, aber auch meine Leidenschaft, ich lebe gerne mit der Kunst.
Wann wurde euch klar, dass der Tanz euer Weg sein würde?
Dickson: Ich entdeckte den Tanz erst mit 18 Jahren für mich. Ich ging in ein Tanzstudio und sah eine Gruppe von Jungs, die Popping tanzten, und ich sagte: „Wow, das will ich mit meinem Leben machen“. Als ich 22 war, traf ich den Meisterlehrer Stuart Thomas. Er brachte mir bei, mich selbst zu sein.
Joy: Ich wusste bereits im Alter von fünf Jahren, dass ich Tänzerin werden wollte.
Welchen Rat könnt ihr Berufstänzern und jungen Talenten geben?
Dickson: Den Berufstänzern sage ich: macht weiter, auch wenn es manchmal schwer erscheint, macht weiter, gebt eure Träume nicht auf und den jungen Talenten: bleibt konzentriert, verlangt viel Disziplin von euch selbst, kein Alkohol, keine Drogen, kein Telefon den ganzen Tag lang.
Joy: Ich weiß, dass es nicht immer einfach ist, aber lasst euch nicht von eurem Weg abbringen, lasst euch nicht ablenken, hört nicht auf eure Zweifel, lernt, unterstützt und inspiriert euch gegenseitig.
Wie können junge Menschen unterstützt werden?
Dickson: Sie zu Veranstaltungen mitnehmen, ihnen Hoffnung geben, wenn sie schlechte Tage haben, jemanden finden, der mit ihnen spricht.
Joy: Glaubt an sie, auch wenn sie nicht perfekt sind.
Wie erreicht ihr die perfekte Kontrolle über euren Körper?
Joy: jeden Tag trainieren und proben, mindestens sieben Stunden, die Schönheit in sich selbst finden, Selbstvertrauen haben und auf seinen Körper hören.
Dickson: Um interessant zu sein, muss man Selbstvertrauen haben: glaube an dich, sei stark!
Wie können wir die Arbeitssituation von Tänzern verbessern?
Joy: Eigenwerbung machen, über den Tanz sprechen, Professionalität zeigen, macht euren Job nicht umsonst nur weil ihr ihn gerne macht, lasst euch immer bezahlen.
Dickson: Es ist sehr schwierig, den Leuten klar zu machen, dass es sich bei unserem Beruf um einen echten Beruf handelt, vielleicht kann die jüngere Generation das verstehen. Man muss qualitativ hochwertige Aufführungen produzieren und sich ständig verbessern.
Amandine (Mamu Tshi, Künstlerin aus Lausanne): Erzähle uns von dir.
Mamu Tshi: Ich bin die Tochter meiner grossartigen Mutter, daher auch mein Künstlername Mamu Tshi, ich entwickle mich immer weiter. Mit 17 Jahren entdeckte ich den Tanz für mich und hatte keine Ahnung, dass dies mein Weg werden würde. Ich bin Englischlehrerin an einem Gymnasium, weil ich mich mit meinem Job als Tänzerin allein nicht über die Runden komme, und ich mir nichts vorenthalten möchte. Also arbeite ich hart als Lehrerin und Tänzerin.
Was kannst du den jungen Schweizer Talenten sagen?
Mamu: Ich finde die Arbeit der jungen Künstler in der Schweiz sehr gut, denn ich sehe sie gehen auf Reisen, und wenn sie zurückkommen sind sie bessere Künstler. Es ist wichtig, mit eigenen Projekten voranzugehen. Ich sehe, dass es eine große Dynamik gibt, dass es ein Verlangen nach etwas Neuem gibt. Auch die Institutionen erkennen, dass Tanz mehr ist als nur Ballett: Tanz ist Kultur. Es gibt viele Talente in der Schweiz. Mein Rat: geht auf Reisen, studiert und lernt immer mehr, kommt mit euren Erfahrungen zurück. In der Schweiz haben die Institutionen sehr viel Geld in die Kultur investiert.
Ich danke Mamu Tshi, Dickson Mbi und Joy Ritter für ihre Zeit, ihre Leidenschaft und ihre Professionalität. Ich danke Claudia Toggweiler und Gene Lou (Tourmanager von STEPS) für ihre Unterstützung und Organisation.
Geschichten von kleinen Helden – Erzähltheater für Kinder aus dem Tessin
/in Aktuell, Archiv, Theater/von Redaktion ENSEMBLEMitglieder der Szene Schweiz aus dem Tessin haben die Theateraufführung „WER WEISS WO“ der Theatergruppe „Storie di Scintille“ für Kinder ab 4 Jahren besucht und berichten darüber.
Die Aufführung wurde frei nach der Kurzgeschichte von C. Valentini und P. Giordano interpretiert, mit Live-Musik
„An einem Frühlingstag sind alle kleinen Samen des großen Baumes bereit zu gehen… alle bis auf einen, der einfach nicht erwachsen werden will…“
Dramaturgie und Regie: Katya Troise
Thema
Die Theatergruppe
Die Theatergruppe „Storie di Scintille“ bietet Theateraufführungen und Erzählungen für Kinder und Jugendliche an und ist Teil des Vereins „Scintille: Theater und kreativer Raum“, dessen Hauptzweck die Förderung und Unterstützung der Theatertätigkeit in all ihren Ausdrucksformen ist. Seit 1995 bietet der Verein Theaterkurse für alle Altersgruppen an: Kinder, Jugendliche und Erwachsene; gemeint ist das Theater als Freizeit- und Bildungsaktivität zur Förderung des Wachstums. Der Verein wird von Katya Troise (Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin) geleitet, und hat seine Wurzeln in der Überzeugung, dass das Theater ein kulturelles Instrument ist, das für eine tiefgreifende existenzielle Bereicherung verbreitet werden soll.
«Mangel an Neugierde und große Zeitverschwendung bei Jugendlichen»
/in Aktuell, Archiv/von Redaktion ENSEMBLEInterview von Manuela Rigo mit Agnese Omodei, Direktorin des „Balletto di Milano„. Sie begann ihre berufliche Laufbahn 1978 und war Mitglied bedeutender Ballettkompanien (Teatro alla Scala, Arena di Verona, Teatro Comunale di Bologna), wo sie auch Solopartien übernahm und die Gelegenheit hatte, mit großen Choreographen und Künstlern zu arbeiten. Sie wirkte in zahlreichen Opernproduktionen sowie in zeitgenössischen Tanzproduktionen, erfolgreichen Fernsehsendungen, Kongressen, Werbespots und Modeschauen für große Unternehmen mit.
Im Jahr 2018 wurde die „Opera & Ballet Swiss Cultural Association„ gegründet, um qualitativ hochwertige Theateraufführungen und kulturelle Veranstaltungen zu fördern und dabei dauerhaft mit international renommierten Künstlerinnen und Künstlern, angesehenen Institutionen und hochrangigen künstlerischen Einrichtungen zusammenzuarbeiten. Die in Lugano ansässige Kompanie “Opera & Ballet” ist sowohl in der Schweiz als auch im Ausland als Veranstalter und Produktionsfirma tätig.
Agnese, du bist seit 2012 im Tessin, wie gefällt dir die Arbeit in unserem Kanton auf künstlerischer Ebene?
Ich fühle mich wohl, ich fühle mich gut integriert in den beruflichen Kontext und insbesondere in den künstlerischen und kulturellen Bereich, auch wenn ich finde, dass es noch viel zu tun gibt.
Was könnte getan werden, um dem Tanz, dem Theater und der Kultur im Allgemeinen den Raum zu geben, den sie verdienen?
Ich sehe ein mangelndes Engagement der jungen Leute, sie werden nicht dazu erzogen, ins Theater zu gehen. Das beginnt, meiner Meinung nach, mit einer mangelnden Bildung in Kunst und Kultur, bereits in der Grundschule. Wir jedoch betrachten sie als das Publikum von morgen. Hier sind wir auf die Mitarbeit aller angewiesen, nicht nur auf uns als Akteure der Branche, private Tanzschulen usw., sondern ich denke auch an die kantonalen Institutionen, damit sie alle Voraussetzungen schaffen, um nicht nur den Tänzerinnen und Tänzern, sondern auch dem künftigen Publikum eine entsprechende Ausbildung anzubieten. Kultur, Tanz und Theater gehören allen, und deshalb ist eine stärkere Einbindung von der Grundschule an erforderlich. Ich kann jedoch feststellen, dass die in diesem Sektor Tätigen viel Arbeit leisten. Der Schwachpunkt, den ich hier im Tessin sehe, ist der Mangel an geeigneten Theaterstrukturen für klassische und theatralische Ballettproduktionen.
Sagst du das, weil du bereits klassische Ballette und Opern geschaffen hast, die ihr auch in Tessiner Theatern aufgeführt habt?
Ja, und um das zu tun, habe ich zusammen mit meinem Mann Carlo Pesta, dem Präsidenten und künstlerischen Leiter des „Balletto di Milano“, die „Opera & Ballet Swiss Cultural Association“ gegründet, mit dem Ziel, die Kultur des Balletts und der Oper zu verbreiten. Wir haben mehrere Tanz- und Opernproduktionen in den großen Theatern des Tessins aufgeführt, natürlich mit Wiederholung, um festzustellen, dass sie für diese Produktionen nicht geeignet sind – die Säle sind zu klein.
Wie werden die Tänzerinnen und Tänzer für das „Balletto di Milano“ rekrutiert?
In der Regel handelt es sich um Tänzerinnen und Tänzer, die ihre Ausbildung an Tanzakademien wie der Theaterakademie der Scala oder der Ukrainischen Akademie, um nur einige zu nennen, abgeschlossen haben und in unserer Kompanie ihre erste Erfahrung mit einer bezahlten Tätigkeit machen. Wir sind immer bereit, neue Tänzerinnen und Tänzer zu rekrutieren und hoffen, dass wir auch professionell ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer aus dem Tessin haben werden.
Du hast mit der Kompanie einige gute Erfahrungen auf Tornéen im Ausland gemacht, kannst du einige wichtige Orte aufzählen?
Wir haben zahlreiche Tournéen gemacht, auch in der Schweiz. Das wichtigste war in Marokko, in Rabat, mit „Viva Verdi“. Wir waren mit der gleichen Produktion auch in Estland und Lettland auf Tournée. Ich möchte nicht unsere Erfahrung in Russland vergessen, wo wir vom russischen Kulturministerium im Jahr der italienischen Kultur in Russland eingeladen wurden. Das Balletto di Milano war 1999 das erste italienische Ensemble, das im Bolschoi-Theater in Moskau auftrat.
Glaubst du nicht, dass es den Jugendlichen von heute an Willen fehlt, zu dokumentieren, zu suchen, zu recherchieren, und dass ihnen das Interesse fehlt, im kulturellen Bereich zu lernen, obwohl sie alle technischen Mittel haben, um mehr zu wissen?
Ja, ich stelle bei ihnen einen Mangel an Neugierde und auch eine große Zeitverschwendung fest, aber ich denke, das liegt daran, dass sie durch zu viele Informationen angeregt werden. Im Netz kann man alles und so viel finden, und meiner Meinung nach müssen sie unterstützt werden, indem man sie bei ihren Nachforschungen anleitet. Diese Unterstützung könnte von der Schule kommen und, wie ich bereits erwähnt habe, durch das Studium kultureller Themen. Es besteht die Notwendigkeit, junge Menschen zum Theater zu bringen, und die Corona Krise hat sicherlich nicht dazu beigetragen. Wir müssten nur die öffentliche Meinung und die Institutionen für die Bedeutung der Kultur sensibilisieren, insbesondere bei jungen Menschen.
Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Wir sind dabei, das Projekt „Danzando per…“ ins Leben zu rufen, zurzeit für die Lombardei. Es geht darum, Festivals zu organisieren, den Tanz auf die öffentlichen Plätze zu bringen. Die Corona Krise hat sich exponentiell negativ auf den Kultursektor ausgewirkt und das Publikum aus den Theatern vertrieben. Ich stelle fest, dass Menschen, die sich für die Theaterkultur begeistern, aufgrund der zahlreichen Absagen von Veranstaltungen und Aufführungen sehr zurückhaltend sind, wenn es darum geht, ein Abonnement für eine Theatersaison abzuschließen, so dass sie nun über eine große Anzahl von Gutscheinen verfügen, die sie nicht einlösen können und das Angebot nicht immer interessant finden. Es ist eine schwierige Situation, und ich betrachte das Jahr 2022 als ein Jahr des Übergangs. Meiner Meinung nach ist es eine gute Gelegenheit, attraktive Bühnenproduktionen vorzuschlagen, die das Publikum ermutigen, klassische Ballette zu sehen. Das Publikum soll so vorbereitet werden, damit es sich in der Geschichte der klassischen Ballette und Opern besser auskennt.
Was denkst du über heutige Produktionen im Zeitgenössischen Tanz?
Der Zeitgenössische Tanz wird nicht von allen verstanden. Es ist notwendig, zu den Grundlagen zurückzukehren, und dazu bedarf es einer kulturhistorischen Bildung über Tanz, Theater, Musik und deren Entstehung, und zwar bereits in der Grundschule. Klassische Ballette bringen Kinder zum Träumen. Die Schule sollte sich darum bemühen, das Publikum von morgen zu schulen, anzuregen und für zeitgenössische Produktionen zu gewinnen. Erinnern wir uns daran, dass der Tanz die universelle Sprache ist und die Akkorde des Geistes in jedermanns Seele berührt.
Ich danke dir, Agnese, für deinen Beitrag zu meinem Interview. Du hast einige sehr gute Punkte aufgelistet und angesprochen. Und schließlich: kannst du optimistisch bleiben?
Wie ich bereits sagte, befinden wir uns in einer Übergangsphase, auch müssen wir verstehen, was konkret getan werden muss. Jetzt müssen wir diese Gelegenheit nutzen, angefangen bei uns allen, die wir am meisten mit der Realität in Berührung kommen, in dem Sinne, dass wir uns engagieren müssen, indem wir versuchen zu verstehen, was die Öffentlichkeit will. Die Zeit ist reif für Veränderungen und Verbesserungen im Bereich der Kunst und Kultur, daher bin ich optimistisch. Wir können es schaffen. Und bei dieser letzten Überlegung liegt es an uns allen, Antworten zu finden, damit wir nicht aufhören zu träumen.
Manuela Rigo, Ballett- und Jazztanzlehrerin, lic. Royal Academy of Dance of London und dipl. I.S.T.D. of London in National Dances. Nach jahrelanger Erfahrung als Ballett- und Jazzdance-Lehrerin im Ausland und seit 1985 im Tessin, ist sie von Danse Suisse anerkannt und Präsidentin der “Associazione Formazione Professione Danza” im Tessin, die den Ballettunterricht durch qualifizierte Lehrkräfte und damit die korrekte Ausbildung der zukünftigen Tänzerinnen und Tänzer im Tessin fördert.
Viviane Bonelli: Willkommen bei SzeneSchweiz
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLELiebe Mitglieder des Verbands, liebe Interessierte
seit kurzem haben wir mit Viviane Bonelli eine Verantwortliche für den Sektionsaufbau von Szene Schweiz in der Romandie. Wir möchten sie herzlich bei uns begrüssen und sie kurz zu Wort kommen lassen:
„Active dans le milieu artistique depuis mes 18 ans, aussi bien sur le devant de la scène que derrière, je suis vraiment ravie d’intégrer l’équipe de Scène Suisse afin de développer un bureau culturel sur la romandie. La richesse de notre pays est sa diversité linguistique alors ne parlons plus de barrière mais voyons ensemble ce qui peut nous unir car le langage artistique, lui, est universel.“
„Seit meinem 18. Lebensjahr bin ich in der Kunstszene aktiv, sowohl vor als auch hinter der Bühne. Ich freue mich sehr, Teil des Teams von Szene Schweiz zu werden, um die Sektion in der Romandie aufzubauen. Der Reichtum unseres Landes besteht in seiner sprachlichen Vielfalt, wir sollten nicht mehr von Barrieren sprechen, sondern sehen, was uns vereinen kann, denn die künstlerische Sprache ist universell.“
Wir freuen uns sehr auf die zukünftige Zusammenarbeit, liebe Viviane!
Werden Sie noch heute Mitglied!
Warum? Mit Ihrer Mitgliedschaft profitieren Sie nicht nur von unseren Dienstleistungen. Sie stärken dem ganzen Berufsstand den Rücken und helfen uns, anderen zu helfen.
Die lange Nacht des kurzen Films
/in Archiv, Film/TV/von Redaktion ENSEMBLEAm 9. April startete die Kurzfilmnacht ihre Tour im Kino Qtopia in Uster, danach geht es weiter in 11 Deutschschweizer Städte. Neben aktuellen Kurzfilmen aus der Schweiz und aller Welt präsentiert die Kurzfilmnacht-Tour in jeder Stadt eine lokale Premiere von Filmschaffenden aus der Region.
Das Publikum darf sich dabei auf eine ganze Reihe Kurzfilmperlen freuen: «Swiss Shorts» vereint fünf starke und überraschend unterschiedliche Filme von Schweizer Filmschaffenden. «Umfallen, Aufstehen, Weiterfahren» widmet sich dem Thema Skateboarding und lässt uns in eine Welt eintauchen, die bestimmt wird vom Streben nach Eigenständigkeit.
Im Programm «Sisterhood» zeigen vier Filme die Stärke von Beziehungen unter Frauen* auf. Das letzte Programm des Abends lässt uns zusammenzucken – aber mit einer ordentlichen Prise Humor: «Splatter Light».
Ensemble Magazin ist gespannt und wünscht viel Spass, den offiziellen Trailer zur Veranstaltung gibt es hier.
«Fransige Knäuel als witziges Kostüm»
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLE(Von Linda Christa Bill) Eine Reportage von der Eröffnung der Künstlerbörse, die den Geist der Bühne nach zwei Jahren Pandemie wieder live vermitteln kann. Genuss, Herausforderung, Erlebnis.
Der Eröffnungsabend der Künstlerbörse Schweiz startet mit einem leisen Auftakt vom Duo fleischlin/meser (Beatrice Fleischlin/Anja Meser), die seit 2009 zusammenarbeiten und ein gemeinsames Kind haben. Ein buntes Knäuel regt sich auf der Bühne, ganz vorsichtig. Bunt beleuchtet, bewegt es sich langsam auf der Bühne fort, räkelt sich der Decke entgegen.
Eine wirkliche Handlung will in den ersten paar Minuten noch nicht erkennbar sein, doch am Ende entpuppt sich dieses fransige Knäuel als witziges Kostüm und bringt das Publikum, welches durchschnittlich im mittleren Alter ist, zum lachen. Ich fühle mich sehr jung unter all den Leuten und mir erscheint das auf der Bühne gezeigte nicht allzu gewagt, es berührt aber auf eigenwillige und tiefsinnige Art und wirkt in diesem Setting sehr erfrischend.
Eine Plattform, um sichtbar zu werden
Eine Plattform, um mit einem Gig aufzutreten und sich schweizweit und international zu vernetzen. Der kulturpolitische Austausch findet in speziell dafür geschaffenen Formaten statt – die Künstlerbörse wirkt als mehrdimensionale Plattform. Arnold meint, die Begegnung an sich ist eine Bereicherung in der post-pandemischen Zeit und anders als in den letzten zwei Jahre, als der Event als digitale Übertragung stattfand. Dafür konnte man sich jeweils einen Zugang für ein Screening via Website kaufen, aber das sei längst nicht dasselbe gewesen wie den Event live zu erleben. Auch das „Feeling“ an der digitale Exposition sei ganz anders gewesen.
Nach der Pandemie: „Wir haben Sie vermisst“
Dieses Thema wird auch in den drei Grussworten erwähnt und insbesondere auf die Wichtigkeit der Kultur hingewiesen. Irene Kälin meint mit ihrer gewinnenden Art ans Publikum gewandt: „Wir
haben Sie vermisst“ und pocht auf die Systemrelevanz der Kultur. Weiter erzählt sie von einem berührenden Theaterbesuch mit ihrem Sohn und wie die Kultur auch auf schöne Art und Weise die Familie zusammenbringe. Christine Häusler, die Bildungs- und Kulturdirektorin des Kantons Bern meint im Vorfeld: „Ich freue mich auf die Schweizer Künstlerbörse, weil Künstlerinnen, Künstler und Veranstaltende sich wieder «live» treffen dürfen – und weil sie nicht aufgegeben haben während der Pandemie!»
Einmalige Bühnenkunst
Und Gisela Nyfeler, die Leiterin der Schweizer Künstlerbörse: «Ich freue mich auf die Schweizer Künstlerbörse, weil wir endlich wieder berührende, inspirierende, unterhaltende, überraschende, wohltuende, aufrüttelnde, sprich: einmalige Bühnenkunst zeigen können.» Manuel Stahlberger bringt mit seiner satirischen, teils frohlockenden und immer wieder tiefgründigen Darbietung das Publikum herzlich zum Lachen und zum Nachdenken.
Für mich war das ein sehr interessanter Abend mit einem spannenden Einblick in das schweizerische Kunstschaffen und eintauchen in die derzeitige Stimmung. Danke, t. für diesen tollen Event!
Ein Tanzfestival für die ganze Schweiz
/in Archiv, Tanz/von Redaktion ENSEMBLEEine starke Schweizer Beteiligung und eine grosse Stilvielfalt prägen das Programm der 18. Ausgabe des Migros-Kulturprozent Tanzfestival Steps. Neun Compagnien bespielen unter dem Leitthema «Neue Perspektiven» vom 28. April bis 22. Mai in 71 Vorstellungen insgesamt 38 Spielstätten in allen Sprachregionen der Schweiz. Das Festival ermöglicht Begegnungen mit dem zeitgenössischen Tanz in grossen Stadttheatern, in alternativen Kulturhäusern und in kleinen Spielstätten in der Peripherie.
Ensemble-Magazin wird am 9. Mai bei der Open Space-Veranstaltung „Steps Seismograph“ für die Schweizer Tanzszene im Théâtre Équilibre in Fribourg dabei sein und berichten. Wir freuen uns und sind gespannt auf neue Impulse aus der Tanzlandschaft Schweiz!
Filmmakers for Ukraine
/in Archiv, Film/TV/von Redaktion ENSEMBLE„Crew United Europe“ hat kurz nach Kriegsbeginn die Seite Filmmakers for Ukraine ins Leben gerufen. Mittlerweile arbeiten über 45 freiwillige Helfer*innen aus fast 15 europäischen Ländern daran.
Das ist großartig, aber reicht vorne und hinten nicht aus, um die Hilfe zu leisten, die notwendig ist. Wir möchten deshalb um aktive Unterstützung bitten und dafür verschiedene Möglichkeiten anbieten, die via Website abrufbar sind.
„Support Filmmakers Ukraine“ ist eine andere gemeinsame Initiative von: Produzentenverband e.V., AG DOK e.V., Deutsche Filmakademie e.V., Deutsche Akademie für Fernsehen e.V.,Crew United sowie aus Österreich die Interessengemeinschaft Dokumentarfilm dok.at und die Produzentenallianz Die Produzent:innen. Die Filmakademie hat nun das Spendenkonto der Initiative Support Filmmakers Ukraine bei sich eingerichtet, so dass ab jetzt auch Spendenbescheinigungen ausgestellt werden können.
Deutsche Filmakademie e.V.
IBAN: DE77 1005 0000 0191 1301 84
BIC: BELADEBE
Betreff: Support Filmmakers Ukraine
Ein Ausschnitt der letzten Mitgliederversammlung der Deutschen Filmakademie mit der Vorstellung des Projekts.
Desweiteren empfehlen wir die Dokumentation auf 3 Sat „Russland verlassen? – Kunstschaffende zwischen Boykott und Dissidenz“ über die kulturelle Identität derzeit in Russland. Sie sei „kollabiert“, „cto delat“ – übersetzt: was tun, ist die Frage. Dieser Film zeigt kurz gefasst und eindrücklich, wie es um die Problematik in der Kultur und die Schwierigkeit im freien Ausdruck von Kunst in Russland steht. Es besteht ein grosser Spagat zwischen Kunst als Widerstand und Kunst als Kriegsmittel.
MITGLIED werden!
/in Archiv, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLELiebe darstellende Künstler*innen
wir kennen Euren Alltag, wir kennen die Probleme und die Möglichkeiten, die sich in Beruf und Privatleben ergeben.
Wir können Euch keine Schauspielanweisungen geben, keine Choräle singen und unsere MakeUp-Tipps sind auch nicht bühnenreif. Aber wir helfen Euch in Sachen Recht, Vereinbarkeit von Job und Familie, bei Themen wie Übergriffen beim Casting oder hinter der Bühne.
Und das Wichtigste: Wir sind nicht alleine. Unsere Mitglieder helfen sich gegenseitig, helfen uns und helfen Euch.
Werde Mitglied, unterstütze uns, so wie wir Euch unterstützen.
Hier geht’s zur Anmeldung: Mitglied werden!
Was bedeutet ein Ja zu Lex Netflix?
/in Archiv, Film/TV/von Redaktion ENSEMBLEDurch das neue Gesetz würde der Produktionsstandort Schweiz im Bereich Film gestärkt. Davon profitiert nicht nur das heimische Filmschaffen, sondern indirekt beispielsweise auch der Tourismus. Zudem ist die Investitionspflicht für die Anbieter selbst kein Nachteil, was schweizerische Produktionen wie „Wilder“ und der „Bestatter“ zeigen, die sich gut weiterverkaufen liessen. Das Gesetz sorgt ausserdem für die Gleichbehandlung von Fernsehsendern und Streamingdiensten.
Die Revision des Filmgesetzes ist wichtig für die Filmkultur in der Schweiz. Unser Anliegen ist simpel: Wir finden, dass grosse Streaminganbieter wie Netflix, Amazon, Disney+ usw. nicht nur grosse Umsätze in der Schweiz generieren sollen, sondern auch verpflichtet sein müssen, in Schweizer Filme zu investieren. Wir wissen, dass heute Erträge aus Streamingeinnahmen von inzwischen sicher über 400 Mio. Franken pro Jahr erzielt werden.
Diese Gelder gehen alle ins Ausland. Die Plattformen bezahlen weder Gewinnsteuern in der Schweiz noch haben sie eine Pflicht, sich hier zu engagieren. Das kann geändert werden mit der Anpassung des Filmgesetzes. Wird es angenommen, so müssen sie 4% ihres Umsatzes in Schweizer Filme investieren. Das heisst, es werden Dank diesen Investitionen neue Filme in der Schweiz gedreht im Umfang von über 16 Millionen Franken (die erwähnten 4% von 400 Mio).
Das führt zu einer besseren Beschäftigung von Angestellten in den Bereichen Schauspiel, Film, Ton usw. Somit ist die Annahme des Gesetzes für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Bereich Film und allgemein in der Kultur ein wichtiges Element.Unser Wunsch ist auch nicht unüblich, Länder wie Frankreich, Italien, Spanien, Dänemark und Portugal kennen bereits heute eine solche Investitionspflicht.
Unter folgendem Link können Befürworter*innen eine Botschaft anbringen.
MusicalFactory bietet neu eine Ausbildung an
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEDie MusicalFactory hat seit kurzem die Akkreditierung für eine Berufslehre EFZ erhalten. 15 Auszubildende (16-18 J.) sind jetzt im ersten Lehrjahr der Musicalausbildung.
Geschäftsleiterin Salva Leutenegger wurde eingeladen, den jungen Auszubildenden den Verband und unsere Arbeit vorzustellen. Eingladen wurde sie von Markus Dinhobl, Lehrperson an der MusicalFactory.
Sie erzählt: „Angehenden Schauspielerinnen und Schauspielern einen Berufsverband zu erklären, ist eine sehr trockene Angelegenheit – im Vorfeld zum gestrigen Besuch fragte ich mich, wie man dies meistern könnte, ohne dass sie dabei einschlafen. Eine langweilige Powerpoint-Präsentation mit Vertrags-, Gagen- und Sozialversicherungsthemen wäre wohl nicht das Richtige gewesen. Das beste schien mir, einfach mal
Fragen zu stellen, um herauszufinden, wie weit sie sind. Ich hatte Glück, dass ich mir mit meiner ersten Frage gleich ihre Aufmerksamkeit sichern konnte: «Wer von euch hat schon mal in einer künstlerischen Produktion mitgemacht?» Vorerst scheu und vorsichtig erzählten einige von Auftritten als Kind in der Oper, in Kinderproduktionen, in TV-Shows. An ihren eigenen Erfahrungen und Visionen für die Zukunft anknüpfend, konnte ich immer mehr die Rahmenbedingungen um die künstlerische Tätigkeit einbringen. Es war eine wunderbare Erfahrung , wie mich die Teenager immer interessierter und neugieriger mit Fragen bombardierten. Gagen, Verträge, Sozialversicherungen, Buyouts etc. waren nach 2 ½ Stunden keine Fremdwörter mehr.“
PS: Die Gratismitgliedschaft für Auszubildende/Studierende, die SzeneSchweiz anbietet, ist eine Investition in die Zukunft.
„Thank YOU Day“ – am 8. April bedanken wir uns!
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEDie Kultur ist zurück! Eine Woche nach der Aufhebung der letzten noch bestehenden sanitarischen Covid-Massnahmen möchte der Kultursektor laut und deutlich Danke und «willkommen zurück» sagen! Die Kultur wurde durch die Pandemie mit voller Härte getroffen, aber gemeinsam haben wir überdauert und sind bereit für den nächsten Abschnitt.
Die Taskforce Culture lädt euch alle ein, am 8. April bei der «Thank You Day»-Kampagne in den Social Media teilzunehmen. Das ursprüngliche Datum vom 31. März hatten wir im Lichte der Ungewissheit, ob der Bundesrat die besondere Lage tatsächlich aufheben würde, um gut eine Woche verschoben.
Mit der Kampagne soll u.a. dem Publikum für seine Treue trotz der Einschränkungen gedankt werden. Dies ist aber auch eine gute Gelegenheit zu betonen: Genau diese Treue beweist, dass Kultur ein wesentliches Gemeingut unserer Gesellschaft ist. Weiter soll das Publikum mit dieser Kampagne ermuntert werden, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Folgendes könnt ihr tun, um die Kampagne zu unterstützen:
Macht mit! Am 8. April mit unserem Dankeschön auf allen Sozialen Kanälen!
Alle gemeinsam
Trotz der widrigen Umstände hat der grösste Teil der Schweizer Kulturlandschaft die Krise bis heute überlebt. Die Taskforce Culture ist wie unser Verband der Überzeugung, dass Kultur ein unverzichtbares Gemeingut ist. Nur durch gemeinsame Anstrengung sei es möglich, einen regelrechten kulturellen Kahlschlag zu verhindern. Insbesondere gelang dies durch den Willen aller Beteiligten, die Kultur trotz der Krise am Leben zu erhalten.
Danke ans Publikum!
Ebenso dank der Unterstützung des Publikums, das nicht gänzlich weggeblieben ist, sondern trotz Einschränkungen und schwierigen Bedingungen der Kultur die Treue hielt und nicht zuletzt dank der finanziellen Unterstützungsmassnahmen der öffentlichen Partner*innen und einem regen und konstruktiven Austausch zwischen Behörden und Kulturverbänden.
Die Taskforce Culture hat sich im Sinne einer Zwischenbilanz entschieden, anlässlich der Aufhebung der besonderen Lage letzte Woche den 8. April 2022 als nationalen “Thank You Day” auszurufen. Damit soll die Wertschätzung des Kultursektors gegenüber allen beteiligten Partner*innen zum Ausdruck gebracht werden. Die informelle Arbeitsgruppe lässt ihrem Publikum danken, welches sie unterstützt und durch dessen Treue die Unverzichtbarkeit der Kultur in der Gesellschaft demonstriert wurde.
Das etwas andere Männerballett: Der Raiffeisen-Prozess im Zürcher Volkshaus
/in Archiv, Tanz/von Redaktion ENSEMBLE(dh) Wer sich auf der Suche nach Inspiration, nach Stoff für ein Theaterstück, Ballett oder ein Musical befindet, begebe sich in die Wirtschaftsbranche. Chefetage. Hier gibt es für jedes Genre eine Farce oder ein grosses Drama – Sex and Crime inklusive. Sicher aber bühnenfertiges Material in Hülle und Fülle.
Im Theatersaal des Zürcher Volkshaus spielte sich in den letzten Wochen ein Drama der etwas anderen Art ab. Das Bezirksgericht war zu klein für diesen Mehrakter. Für diese Gruppenszenen. Für die aufwendige Statisterie. Deshalb verlegte man den spektakulären Wirtschaftsprozess hierher auf die grosse Bühne. Die Vorhänge straff nach hinten gezurrt, die Scheinwerfer flackern oft unabsichtlich schrill: der Lichttechniker scheint unterfordert mit der farblosen Banalität der Wirtschaftselite. In mehreren Etappen wurden hier ein ehemaliger Chefbanker, sein Berater und etliche Beteiligte aus der Schweizer Wirtschaft zu ihren Anklagen wegen Betrugs und unlauterer Geschäftsführung befragt und verteidigt. Für Theaterschaffende ein gratis Buffet an Feldforschung und Sozialstudie. Und dennoch stechen zu viele Klischees ins Auge, um sie direkt zu übernehmen. Ein Beispiel.
KING LAWYER’S LIAR – EIN TRAUERSPIEL
Bühnenbild
Zwei Rednerpulte stehen mittig unterhalb der Bühne im Zuschauerraum. Links das für Staatsanwaltschaft und Privatklägerin, rechts jenes für Beschuldigte und Verteidigung. Hier sind zwischen den Befragungen und Plädoyers schöne Choreografien und Pas de deux denkbar. Erhöht dahinter hockt, direkt an der Bühnenrampe, das vierköpfige Richtergremium. Ganz rechts aussen tippt unscheinbar, hinter einem Stapel Bundesordnern, die Gerichtsdienerin mit. Dies gerne im Offbeat.
Dramatis Personae
DER OBERSCHURKE
Ehemaliger Chef der drittgrössten Schweizer Bank. Netter, hemdsärmeliger Typ. Bündner Dialekt. Weiss von nichts. Hat nichts getan. Geht gerne und oft in Striplokals oder fliegt mit Freund:innen und Kund:innen nach Übersee. Das darf er doch? Aha, nicht auf Spesen? Das wusste er nicht. Aha, er darf nicht Käufer und Anbieter derselben Firma sein? Das wusste er nicht. Aha, das hätte er melden müssen? Usw. usf. Trinkt flaschenweise Cola Zero, ignoriert die Maskenpflicht konsequent, wobei das Sicherheitspersonal ohnehin nur zuschauendes Volk zurechtweist.
SEIN GEHÜLFE
Millionenschwerer Berater des Oberschurken und eigentlicher Drahtzieher. In denselben Punkten angeklagt. Grau meliertes, zurückgegeltes Haar. Mit einer Krücke. Weiche, schmeichelhafte Stimme. Beteuert, dass er nie und nimmer jemals jemandem etwas Böses gewollt habe. Wenn er könnte, täte er sich wohl auf Knien dazu bekreuzigen. Und auch er wusste wirklich, wirklich von überhaupt gar nichts Falschem.
DAS GEFOLGE
Sechs weitere schwerreiche, alternde Geschäftsmänner in grauen Anzügen, mit blossen, für die Jahreszeit etwas zu braungebrannten Fussgelenken. Hemden und Zähne dafür blendend weiss. Güldener Schmuck und Manschetten, gülden auch das Schreibgerät. Allesamt der Komplizenschaft angeklagt. Nach abgehaltenem, gut einstudiertem Tänzchen am Rednerpult besteht ihre Hauptbeschäftigung einzig noch im Begutachten und Swipen von leichtgekleideten Damen oder Luxuswagen am Tablet.
Anm. d. Redaktion: Um das literarische Niveau des Stücks einigermassen zu halten und dem Anspruch des Publikums gerecht zu bleiben, empfiehlt es sich, Verhalten und Reden der Protagonisten nicht eins zu eins zu übernehmen, sondern diese hie und da etwas zu verfeinern. Die gegebenen Attituden und Klischees erschienen auf der Bühne doch allzu plump und unglaubwürdig.
DIE WEIBLICHE ENTOURAGE
Zum Gefolge kommen die wenigen weiblichen Darstellerinnen dazu: Gattinnen, Dolmetscherinnen und sonstige Entourage der Beschuldigten. Zierlich, blond, Füsschen massierend, Blümchen auf Zettelchen malend, ab und zu ein Kleckschen Handcrème auftragend. Nicht für Sprechrollen geeignet. Eher empfiehlt es sich, daraus einen lasziv-betörenden Damenchor zu gestalten. Bitte auch hier augenfällige Klischees vermeiden.
DIE ANWÄLTE
Hier böten sich zur Kostümierung abwechslungshalber Tiermasken an. Diese reichten von Füchsen über Marder und Echsen, hin zu Geiern und durchaus auch Karpfen. Als Meta-Ebene stünde den Staatsanwälten und Verteidigern – nach hitzigen Monologen und emotionalen Ausbrüchen – ein zärtliches Pas-de-deux oder ein inniger Tango gut an.
DER CHOR
Die Medienschaffenden: Auch sie in – weniger modischem – Grauschwarz, der Teint allerdings blass. Unbeeindruckt bleibt ihr Blick auf zwölf Zoll beschränkt. Zuverlässig fallen sie in regelmässigen Abständen – auf Zeichen des Richters, oder sonstig absehbarer Pointen – in hysterisches Zehnfingerhacken ein. Ihr Fokus liegt ganz beim Aufregerpotenzial.
DAS VOLK
Das zuschauende Volk unterscheidet sich in Auftritt und Gebaren deutlich vom Rest derSzenerie. Mit viel Distanz darf es von weit oben dem Geschehen zuschauen, dies allerdings nur an einzeln ausgewählten Prozesstagen. Hier oben wird sich deutlich mehr amüsiert, wobei das juristische Verständnis mitunter gen Null strebt. Ab und zu isst einer heimlich eine Banane. Taktgenau wird das Volk vom Sicherheitspersonal auf korrektes Tragen der Masken und Verbot von elektrischem Gerät hingewiesen.
DAS SICHERHEITSPERSONAL
Hier dürfen Klischees bedient werden. Es gibt wenig Alternativen.
DER RICHTER
Seine Rolle ist auch für Schauspiellaien leicht zu bewerkstelligen: stellt er den Beschuldigten zwar eine Handvoll Fragen, die auf seinem Zettel stehen, verkündet er doch hauptsächlich die Dauer der Bio- und Mittagspausen sowie den weiteren Verlauf des Prozesses. Hin und wieder flüstert er einem Richterkollegen etwas ins Ohr. Dieser flüstert ihm eine Antwort zurück. Am Fuss seines Tisches steht täglich sein Znünisäckli vom Beck Stocker. Auch er ein in die Jahre gekommener Herr, werden seine Augenlider öfters schwer.
Wie im letzten Aufzug des Stücks am Zürcher Volkshaus schliesslich über Betrug, Arglist und Mittäterschaft befunden, wie erfolgreich die beteiligten Akteure sich gebärdet und inszeniert haben werden und wer am Ende wen an die Wand gespielt haben wird, ist zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieses Magazins noch nicht bekannt. Finales Urteil und Vorhang fallen voraussichtlich im April. Die Hoffnung auf weiteres Inspirationsfeld aus der Finanzbranche soll sich dadurch aber nicht zerschlagen: man verfolge getrost die Tagesthemen dieses Landes.
Kulturschaffende für Kulturschaffende
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLE(dh) Suisseculture Sociale ist zuständig für die Ausrichtung der Corona-Nothilfe. Diese unterstützt Kulturschaffende aller Sparten, die aufgrund der Pandemie ihre Lebenskosten nicht mehr aus eigener Kraft decken können. Wie sieht die Lage nach zwei Jahren aus? Wird noch Nothilfe beansprucht? Das „Ensemble“ hat dazu eine freischaffende Musicaldarstellerin, Etrit Hasler, den Geschäftsführer von Suisseculture Sociale und Salva Leutenegger, Geschäftsleiterin von „SzeneSchweiz“ befragt.
Adrienne* ist freischaffende Sängerin und Musicaldarstellerin. Das „Ensemble“ hat die 35-Jährige in Rapperswil* getroffen, wo sie gerade einen Stadtrundgang für Touristen durchgeführt hat. Seit Anfang der Pandemie bezieht Adrienne von Suisseculture Sociale alle zwei Monate Nothilfe. Es ist kühl, doch wir spazieren dem Zürichseeufer entlang. Wegen Corona und weil ein Chai Latte 5.90.- kostet.
Adrienne, Du hast gerade Touristen durch die
Altstadt geführt. Wie kommts? Das mache ich
schon lange, es hat zwar wenig mit meinem Beruf
zu tun, aber es liegt mir eben, vor Leuten aufzutreten.
Und ich bin froh, dass sich jetzt wieder Gruppen
angemeldet haben und ich arbeiten kann.
Wieviel verdienst Du pro Führung? 180 Franken.
Hast Du sonst noch ein weiteres Einkommen? Ich gebe Kindern von Freunden private Gesangsstunden und seit diesem Jahr arbeite ich am Empfang einer Bibliothek. Das ist ganz in Ordnung und gibt mir monatlich etwa 2000 Franken. Und wenn alles gut läuft, kann ich im Sommer vielleicht ein Kindermusical anleiten.
Reicht das? Ich habe wenig Ausgaben. Aber um die Nothilfe von SCS bin ich sehr dankbar.
Wie bist Du auf SCS gekommen und wie sind
deine Erfahrungen mit den Anträgen? Über den SBKV – äh Tschuldigung – über „SzeneSchweiz“. Am Anfang habe ich mich gesträubt und dachte, ich schaffe das schon selber irgendwie (sie lacht) – und esse einfach nur noch Rüebli und Darvida. Ausserdem graute es mir vor diesen elektronischen Anträgen, ich bin so schlecht darin. Immer diese automatischen Antworten, man kann nirgendwo anrufen oder mal persönlich nachfragen.
Und? War es so? Nein, eben nicht. Das hat mich so überrascht! Ich konnte zwar nicht anrufen, aber eine Person – sie hat mit *Joli unterschrieben – hat immer persönlich und so nett geantwortet und mir geholfen. Ich erinnere mich an einen Sonntag spät abends während des Lockdowns. Ich war den ganzen Tag allein zuhause und sehr deprimiert. Da hat *Joli mir tatsächlich noch auf meine Mail geantwortet und mir geholfen. Als ich mich bei ihr bedankt habe, hat sie noch zurückgeschrieben, dass sie jetzt gleich mit ihrem Hund einen Abendspaziergang mache. Ich erinnere mich genau daran, weil es mich in dem Moment irgendwie berührt hat.
Wieviel Geld an Nothilfe bekommst Du? Das variiert. Je nachdem, wieviel ich selber verdiene. Bis jetzt waren es alle zwei Monate zwischen 1’100 und 2’200 Franken.
Wirst Du dieses Jahr weiter Geld beantragen? Ja. Ich habe überraschenderweise viele Arztrechnungen zu zahlen. Da ist mir die Nothilfe von SCS eine riesige Erleichterung.
Warum willst Du nicht, dass wir hier Deinen richtigen Namen nennen? Naja, ein bisschen unangenehm ist es mir schon. Ist ja fast sowas wie Sozialhilfe. Mittlerweile ist es richtig kalt geworden und wir erheben uns von der Parkbank, auf die wir uns währenddessen gesetzt haben. Nicht, dass es ihr noch weitere Arztrechnungen beschere, scherzt Adrienne und verabschiedet sich in Richtung Bahnhof.
*Namen und Ort von der Redaktion geändert.
Etrit Hasler ist seit Januar 2020 Geschäftsführer von Suisseculture Sociale und seit Beginn der Covid-Krise Projektleiter für die Nothilfe des Bundesamtes für Kulturschaffende.
Herr Hasler, im Bericht über Arienne lesen wir, wie die Nothilfe von Suisseculture Sociale von einer betroffenen Künstlerin dankbar genutzt wird. Sie betonte ausserdem, wie überrascht und erleichtert sie war zu merken, dass sie es beim Erstellen ihrer Gesuche nicht mit einem Computer, sondern mit – sympathischen – Menschen zu tun hatte. Wir wären froh, wenn wir persönlicher sein könnten, aber ausser mir und meinen zwei Stellvertreterinnen tritt niemand mit Namen auf. Der Grund dafür ist, dass die meisten Mitarbeiter:innen meines Teams selber Kulturschaffende sind. Das war ja vom Bund so gewollt – wir sind nicht eine klassische Verwaltungsinstanz, sondern Kulturschaffende, die (hoffentlich) mehr Ahnung, Einsicht und Verständnis für den Alltag von Kulturschaffenden haben.
Trotzdem gab es nicht nur Lob und Blumen bei SCS. Nein und nicht zuletzt deshalb, weil wir auch keine telefonische Beratung bieten können. Dafür fehlt uns schlicht die Kapazität und die entsprechende Ausbildung. Personen in Notlagen betreuen zu können, ist nicht trivial. Da gab es durchaus auch unzufriedene Reaktionen.
Welcher Art? Wenn Gesuche abgelehnt wurden, beispielsweise. Da gab es schon böse Mails, Briefe an den Bundesrat und ans BAK – und ganz selten auch eine Beschwerde. In den meisten Fällen konnten diese aber bereinigt und die Gründe für die Ablehnung erklärt werden. Wir versuchen wirklich unser Bestes, die Hintergründe darzulegen, auch wenn es nur per Mail ist. Denn es geht bei der Nothilfe ja wirklich nur darum, Kulturschaffende zu unterstützen, die ihre Existenz nicht mehr alleine sichern können.
Es gab auch Stimmen, die behaupteten, mit der Nothilfe von Suisseculture Sociale bekämen Künstler:innen mehr Geld, als sie davor verdient hätten. Sie bräuchten sich also nicht mehr aktiv um Jobs zu bemühen. Dass es Menschen gibt, die plötzlich ein bisschen mehr Geld zur Verfügung haben als vor der Pandemie, mag in einzelnen Fällen sein, ja. Dazu muss man sich allerdings vor Augen führen, dass kein geringer Prozentsatz aller Kulturschaffenden schon vor Covid unter dem Existenzminimum lebte und längst Anspruch auf Sozialhilfe hätte.
Sie selber sind Slam Poet und treten seit rund zwanzig Jahren regelmässig auf. Sie kennen die Szene also auch. Die Freuden und Leiden. Das ist richtig, ja. Deswegen weiss ich: kein einziger Sänger, keine Schauspielerin, kein Slam Poet möchte lieber Geld vom Staat kassieren, als zu arbeiten.
Die Lage scheint sich gerade zu entspannen. Wie wird es Ihrer Meinung nach in der Schweizer Kulturbranche weitergehen? Ich befürchte, es wird sowas wie eine Flurbereinigung eintreten.
Eine Flurbereinigung? Ja. Es wird diejenigen geben, die vom ewigen Kampf ums knappe Einkommen genug haben. Die müde sind von der latenten Unsicherheit und sich umorientieren werden. Das ist ein Verlust für die Branche, aber ich kann das durchaus nachvollziehen.
Was raten Sie also? Auch wenn es hässlich klingt: Professionalisiert euch! Kümmert euch um eure Altersvorsorge und Versicherungen. Tretet den Berufsverbänden bei, die unterstützen euch. Solidarisiert euch mit euren Kolleg:innen und teilt euch die Arbeit auf, wo es geht. Nicht alle müssen alles können. Aber vor allem: hört auf, vom Big Break zu träumen.
Aufhören vom Big Break zu träumen? Ja. Den Traum vom „Oscar“, vom „ganz grossen Durchbruch“ loszulassen. Professionelles Kulturschaffen bedeutet harte Arbeit und das während sehr langer Zeit. Das ist professionell. Die Vorstellung, irgendwann werde man mit seinem Talent Millionen verdienen, verstellt den Blick vor der Realität.
Die Nothilfe für Kulturschaffende wird bis zum 31. Dezember 2022 weitergeführt. Die Gesuche können bis zum 30. November 2022 bei Suisseculture Sociale eingereicht werden.
Etrit Hasler ist seit Januar 2020 Geschäftsführer von Suisseculture Sociale und seit Beginn der Covid-Krise Projektleiter für die Nothilfe des Bundesamtes für Kulturschaffende. Er gehört zu den Pionieren der Schweizer Poetry Slam Szene und tritt seit 2000 als Poet wie als Moderator regelmässig auf Bühnen in der ganzen Schweiz auf. Zwischen 2005 und 2021 war er Mitglied des Stadtparlaments in St.Gallen sowie acht Jahre parallel Mitglied des St.Galler Kantonsrates als Vertreter der SP. Seit 2021 lebt und arbeitet er in Zürich.
Fragen an Salva Leutenegger
Als Geschäftsleiterin von „SzeneSchweiz“ ist auch Salva Leutenegger regelmässig damit beschäftigt Mitglieder des Verbands mit Beratungsgesprächen zu unterstützen.
Salva, mit welchen Fragen der „SzeneSchweiz“- Mitglieder bist Du neuerdings häufig konfrontiert? Es gibt viele Mitglieder, die sich aufgrund von abgelehnten Unterstützungsgesuchen an uns wenden. Wir beraten, unterstützen sie bei den Einsprachen und notfalls lösen wir Rechtsschutzfälle aus. Auch in Bezug auf RAV-Verfügungen nimmt die Zahl der Mitglieder zu, die Unterstützung brauchen.
Steht der Verband im Austausch mit Suisseculture Sociale? Wir bekommen regelmässig Informationsbulletins von Suisseculture Sociale und der Taskforce Culture. Und es gibt immer mal wieder Umfragen, an denen wir teilnehmen oder die wir an unsere Mitglieder weiterleiten. Die Arbeit der SCS mit der Nothilfe und unsere Beratung der Mitglieder nimmt uns so in Anspruch, dass wir keine Zeit hätten für zusätzlichen Austausch.
Hat sich die Situation der Branche in der letzten Zeit denn wieder verbessert? Ob sich die letzte Aufhebung der Massnahmen vom 17. Februar 2022 positiv auf die Kulturbranche auswirkt, muss sich erst noch zeigen. Ginge es nach dem Bundesrat, wäre die Kulturbranche schon länger in der Lage, wieder mit vollen Sälen und ausgebuchten Veranstaltungen zu arbeiten. Doch die Kulturbranche lässt sich nicht so schnell wieder hochfahren. Und das Publikum ist immer noch vorsichtig oder es hat sich an die „kulturlose“ Zeit gewöhnt. Was Mitglieder uns berichten, sieht auch nicht nach voller Auslastung aus. Vor allem die Einkommensverhältnisse der freischaffenden darstellenden Künstler:innen haben bei weitem noch nicht das Niveau der vorpandemischen Zeit erreicht. Auch wenn wir froh sind, dass der Bund die coronabedingte Unterstützung für Kulturschaffende bis Ende 2022 verlängert hat, zeichnen sich tiefergehende Veränderungen ab. Eine Studie von Ecoplan stellt fest, dass 60% aller Kulturschaffenden im Corona-Jahr 2021 weniger als 40’000 Franken verdient haben. Wir stellen auch fest, dass sich mehr freischaffende Mitglieder bei uns melden, die Probleme mit dem RAV haben. Demnach muss auch die Zahl der arbeitslos gemeldeten Künstler:innen zugenommen haben. Laut der Kulturstatistik hat aber auch die Anzahl Kulturschaffenden in den Jahren 20/21 um 5% abgenommen. Das heisst, dass sich einige Künstler:innen in andere Berufe umorientiert haben. Wir können nur hoffen, dass nicht nur der Bund, sondern auch private und öffentliche Kulturförderer die Kulturschaffenden in ihrer künstlerischen Tätigkeit fördern.
Gibt es Unterschiede zwischen Theaterhäusern mit festem Ensemble und der freien Szene? Die Pandemie geht an niemandem spurlos vorbei. Doch die festangestellten Mitglieder haben trotz Einbussen und Schliessungen die grössere soziale und finanzielle Sicherheit als Freischaffende.
Wie sieht es in den verschiedenen Sparten aus? Alle Sparten haben gelitten und leiden weiter. Doch scheint mir aufgrund der Rückmeldungen, dass vor allem die Tänzer:innen mit den Schutzmassnahmen am meisten zu kämpfen haben. Ballett/Tanz ist Hochleistungssport – mit Masken zu trainieren und zu proben, hat einige an ihre psychische und physische Leistungsgrenze gebracht.
Hat sich sonst etwas Wesentliches ver ndert im Vergleich zu vor der Pandemie? Ja, bei uns allen ist das Nervenkostüm wohl etwas anfälliger geworden.
Wie ist die moralische Grundstimmung in der Szene? Ich glaube, nicht besser oder schlechter als in anderen Branchen (mit Ausnahme der ITBranche, die zur Gewinnerin der Pandemie gehört).
Die letzte gedruckte Ausgabe des „Ensembles“
/in Archiv, Verbandsinfo/von Redaktion ENSEMBLEAnfangs des Jahres 2016 durfte ich die Verantwortung für unser Mitgliedermagazin „Ensemble“ übernehmen. Zusammen mit dem Layouter Christian Knecht hatte ich mir das Ziel gesetzt, diesem Heft einen neuen Stempel aufzudrücken, es inhaltlich wie gestalterisch bunter zu machen und die Arbeit unseres Verbandes ins Zentrum der Berichterstattung zu rücken. Sechs Jahre später gebe ich diese Verantwortung weiter an Linda Bill – und erneut wird sich das „Ensemble“ stark verändern.
Angetreten war ich, um die breite Palette der darstellenden Kunst im „Ensemble“ besser abzubilden. Nachdem ich dem Heft als einfaches SBKV-Mitglied fast zehn Jahre lang zugestellt bekam und ihm – ich muss es leider zugeben – kaum Beachtung geschenkt hatte, fing ich irgendwann an, es genauer zu studieren. Ich wunderte mich, dass mir die Leute, die im Heft interviewt und vorgestellt wurden, kaum jemals bekannt waren. Mein berufliches Umfeld, die freie Theater- und Musicalszene in Zürich, war im „Ensemble“ praktisch nicht vorhanden. Das wollte ich ändern.
Bezug zu den festen Häusern
Als neuer „Ensemble“-Redaktor musste ich schnell merken, dass ich umgekehrt leider keine Ahnung hatte von den Arbeits- und Anstellungsbedingungen an den festen Häusern. Ich stellte fest, dass es kaum Berührungspunkte gab zwischen meiner Lebenswelt als freischaffender Darsteller und der eines Opernsängers oder einer Balletttänzerin. Und offenbar ging das nicht nur mir so.
Berlin oder Zürich
Für meine allererste „Ensemble“-Ausgabe organisierte ich ein Gespräch mit vier Theaterdirektorinnen. Das Schauspielhaus Zürich, das Casinotheater Winterthur, das Bernhardtheater und das „Millers“ im Zürcher Seefeld standen damals alle unter der Leitung von Frauen, die sich untereinander kaum kannten. Ich war überrascht, dass Barbara Frey, die damalige Intendantin des Schauspielhauses offen zugab, dass sie kaum jemals als Zuschauerin ein anderes Zürcher Theater besuchte. Die grossen Bühnen in Berlin, München und Wien waren ihr viel näher als das Theater am Hechtplatz oder das Theater Rigiblick, und ich fing an zu begreifen, dass es den angestellten Schauspielerinnen und Schauspielern am Schauspielhaus wohl nicht anders ging.
Die Schweizer Theaterlandschaft entdecken
Meine Arbeit an den Texten fürs „Ensemble“ waren für mich eine Entdeckungsreise in die Welt der unterschiedlichsten Theater der Schweiz. Ich besuchte sämtliche Häuser mit festangestelltem künstlerischem Personal, ass in Kantinen, stolperte durch Garderoben, durfte bei Chor- und Ballettproben zuschauen und mit den unterschiedlichsten Menschen Gespräche führen. Ich erfuhr erstaunliche Dinge über Probe- und Ruhezeiten, über Gagen und Gesamtarbeitsverträge, über Besetzungslisten, Nachwuchsförderungen und Ausfallregelungen.
Den eigenen Verband kennengelerntT
üröffner waren jeweils die SBKV-Mitglieder an den jeweiligen Häusern. Obleute oder auch Vorstandsmitglieder unseres Berufsverbands, die für ihre Ensembles als Sprachrohr fungierten, Interessen bündelten, den Kontakt zur künstlerischen Leitung suchten und stets im Austausch mit dem SBKV standen. Auf diese Weise lernte ich nicht nur die Schweizer Theaterlandschaft besser kennen, sondern vor allem auch unseren Verband – meinen SBKV, die heutige „SzeneSchweiz“.
Die Arbeit der Geschäftstelle
Im Austausch mit der Geschäftsleiterin Salva Leutenegger erfuhr ich allmählich, welch immense und wichtige Arbeit unser Verband alltäglich für seine Mitglieder leistet, um welche Anliegen er sich kümmert, wie er sich darum bemüht, das individuelle Problem einer einzelnen Person zu lösen und gleichzeitig für gerechte Arbeits- und Anstellungsbedingungen einsteht, die der gesamten Branche zugutekommen. Ich erfuhr über das Spannungsfeld zwischen Politik, Öffentlichkeitsarbeit und Behördenbürokratie, in welchem sich der Vorstand von „SzeneSchweiz“ bewegt. Von all dem hatte ich zuvor als einfaches Mitglied nicht die geringste Ahnung.
Es gibt keine Bühnen-Community
DV taugt nicht als Gemeinschaft stiftendes Element
Ernüchternd war auch mein erster Besuch an einer SBKV-Delegiertenversammlung. Ich hatte mir vorgestellt, dass die Zusammenkunft von so vielen hochtalentierten Künstlerinnen und Künstlern ein aufregendes und spannendes Ereignis sein würde. Aber natürlich geht es an einer solchen DV weder um den Austausch unter den Mitgliedern noch um die Ausrichtung der Verbandsarbeit, sondern um Jahresrechnungen, Budgets, Statuten und Wahlen. Die vom Verband organisierten Netzwerk-Apéros an den Solothurner Filmtagen und an den Filmfestivals von Locarno und Zürich sind in jeder Hinsicht interessanter und generieren ein viel besseres Gemeinschaftsgefühl.
Solidarität ist das Fundament
Dennoch glaube ich weiterhin unbeirrt an die Kraft des gemeinschaftlichen Gedankens und an die Solidarität als Fundament unseres Berufsverbands. Ich bin überzeugt, dass wir beispielsweise den schleichenden Zerfall der Gagen in der Werbefilmindustrie nur aufhalten können, wenn wir uns geschlossen als Branche dagegenstellen. Das individuelle Feilschen um hundert Franken mehr Gage ist ein Witz im Vergleich zu dem, was wir erreichen könnten, wenn wir uns zusammentun und alle gemeinsam anständige Mindestlöhne fordern würden.
Überführung ins digitale Zeitalter
Das digitale Zeitalter, so herausfordernd und bedrohlich es in mancher Hinsicht sein mag, kann uns beim Herausbilden einer gut vernetzten und schnell handelnden Community helfen. Deshalb unterstütze ich es von ganzem Herzen, dass sich das „Ensemble“ von seiner gedruckten Form verabschiedet und zukünftig als Online-Version daherkommt. Es wird nun keine Redaktionsschlüsse mehr geben, keine fixen Erscheinungsdaten, dafür Kommentarfunktionen, Links zu weiterführenden Informationen und einen viel direkteren Zusammenhang mit der Homepage von „SzeneSchweiz“, die auf diese Weise zusätzlich aufgewertet wird.
Dank für die Unterstützung
Ich übergebe die Verantwortung für das „Ensemble“ nun an Linda Bill und wünsche ihr für diese Aufgabe ganz viel Erfolg und Vergnügen. Gleichzeitig möchte ich mich beim Verband, bei der Geschäftsstelle und vor allem bei Christian Knecht, unserem grossartigen Grafiker, von ganzem Herzen für die Unterstützung in den letzten sechs Jahren bedanken. Es war mir eine Ehre für meinen Berufsverband tätig zu sein und ich bleibe dem „Ensemble“ und seiner Leserschaft weiterhin herzlich verbunden.
Herzlich,
Ihr Rolf Sommer
Linda Bill: Willkommen im ENSEMBLE online
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLELiebe Mitglieder des Verbands, liebe Interessierte
Als eure neue Online-Redaktorin von „SzeneSchweiz“ möchte ich euch herzlich im neuen „Ensemble-Online“ begrüssen und mich gleichzeitig als auch eure Ansprechpartnerin für Anregungen und Ideen vorstellen.
Was gibt es über mich zu sagen? Aktuell schliesse ich meinen Master im Bereich Medien und Kunst an der Hochschule der Künste in Bern ab und habe davor an der Universität Bern Theaterwissenschaften studiert. Ich freue mich sehr, in Zusammenarbeit mit unseren zahlreichen Autorinnen und Autoren spannende Inhalte zu vermitteln. Das neue „Ensemble-Magazin“ ist ausschliesslich online verfügbar, somit können wir euch mehr Flexibilität als auch Aktualität bieten.
Wir freuen uns besonders, dass ihr jetzt online und direkt die Möglichkeit habt, aktiv die Inhalte mitzugestalten, zu kommentieren und uns wertvolle Inputs zu geben. Gemeinsam gestalten wir ein Mitglieder-Magazin mit relevanten Beiträgen rund um das Verbandswesen und zum kulturellen Geschehen in allen Sprachregionen der Schweiz, wie dies schon unsere geschätzten Vorgänger Rolf Sommer und Christian Knecht getan haben. An dieser Stelle nochmals ein grosses Dankeschön für ihre Arbeit.
Herzlich,
Linda Christa Bill
Verantwortliche Redaktorin Online
Von Tauben und blinden Flecken
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLE(dh) Theaterpädagogik. Ein Begriff der weit mehr beinhaltet als das Anleiten von Schul- und Laientheater. Das „Ensemble“ hat Vertreter:innen dieses vielfältigen Bereichs getroffen, dabei Kombucha geext und fast Cappuccino verschüttet.
Seraina Dür hat in Zürich Theaterpädagogik studiert und unterrichtet dies mittlerweile auch im Master an der ZHdK. In ihrer Küche bietet sie mir ein selbstgebrautes Getränk an. Es riecht und schmeckt säuerlich – sicher gesund, denkt sich die wohlerzogene „Ensemble“-Redakteurin. Das Gebräu ist schnell geext, schnell vergessen: denn nun erzählt mir die Theaterpädagogin und Künstlerin von Bruno, Vinciane, Iris und Camille. Sie sind die Mitbegründerinnen der Compagnie von Seraina Dür und dem freischaffenden Dramaturgen Jonas Gillman. Kennengelernt, angenähert, befreundet und schliesslich verwandt haben sie sich anfangs in der Chorgass – der Nebenspielstätte des Theater Neumarkt – in Zürich. Während sieben Monaten haben sie hier Lesungen gehalten, performt, den Raum belebt und beflattert. Haben sich beringt, haben zusammen Porridge und Sauerkraut gegessen. Milben und Zecken wurden mittels Nackentröpfchen vermieden. Milben und Zecken? Ja. Denn die Mitbegründerinnen des „Parlament der Dinge, Tiere, Pflanzen und Algorithmen“, wie sie sich seither nennen, waren vier Tauben. Vier Zürcher Stadttauben. Mittlerweile wurde das sechsköpfige Ensemble ins Theater Basel, ins Zürcher Helmhaus und die Gessnerallee eingeladen.
Gummihandschuhe gegen den Ekel
Aber der Reihe nach. Als Theaterpädagogin versteht sich Seraina Dür auch als Kunstschaffende an der Schnittstelle zwischen Theater, Performance und Bildender Kunst. Oft gehe sie dabei der Frage nach, wie Gemeinschaften anhand künstlerischer Prozesse gestärkt werden können. Wie und wo könnte eine Art Verständigung, eine Art lustvollen Zusammenlebens, eine Art Kunst zwischen den verschiedenen Akteur:innen stattfinden? In diesem Falle zwischen Stadtmensch und Stadttaube? Über diesen Fragen wurde das Projekt „Theater als Taubenschlag“ ins Leben gerufen. Seraina Dür und Jonas Gillman setzten sich zuvor intensiv mit Biologinnen und Wildhütern, mit Philosophinnen und Taubenzüchtern auseinander, bis sie schliesslich vier noch nackte Jungtauben in einer Kartonschachtel im Neumarkttheater willkommen hiessen. Von nun an erklären sie die Chorgasse zum Taubenschlag. Der Raum gehört erstmal ganz Bruno, Iris, Vinciane und Camille. Sofort wird eine Flugklappe gebaut, damit die Tauben rein- und rausfliegen können. Seraina und Jonas allerdings werden erstmals viel putzen, viel Taubendreck wegkehren.
„Proben bedeutete für uns putzen. Ohne Reinigungsarbeiten liesse sich unser Projekt gar nicht erzählen. Es bedeutete für uns stets einen verantwortungsvollen Umgang zu halten, mit dem, was uns umgibt“, erinnert sie sich. Natürlich habe sie sich anfangs auch geekelt. Gerade vor dem vielen Ungeziefer. Doch später habe sie es verletzt, wenn sie bemerkte, dass andere Menschen auch sie eklig fanden, weil sie mit Tauben zusammenlebte.
Auch Würmer und Asseln waren Teil des Miteinander
In der Tat wurde das Zusammenleben immer inniger: Gemeinsam mit vier Tauben machten Dür und Gillman das Theater zum Übungsfeld um ein Zusammenleben mit „mehr-als-menschlichen Kompliz:innen“ zu erproben. Aus Taubendreck und Bioabfall entstand ein Komposthaufen. Diesen beherbergten sie mit 7000 Würmern und Asseln, die den Kompost in feinsten Humus umwandelten. Darauf wiederum zogen sie Spinatsetzlinge, welche sie gemeinsam mit Gästen und Tauben spiesen.
Ok. Aber was hat das alles mit Theaterpädagogik zu tun?
Eine Nachbarin hat’s verstanden und bringt Sauerkraut mit. Auch hier arbeiten sich Milchsäurebakterien fleissig für uns durch den Weisskohl. Ausserdem wird Kombucha und Kefir angesetzt, der mit Gästen und dem – selbstverständlich gesamten – Ensemble geteilt wird. Unser Alltag sei eine ständige Interaktion zwischen den Arten. Es gehe ihnen darum in Beziehung mit der Umwelt zu treten, erklärt Seraina Dür. Den Blickwinkel zu ändern, hin zu einem liebevolleren Miteinander. Wegzukommen von der Illusion Mittelpunkt zu sein. Weg von dominanten Verhaltensweisen, die trennten und Grenzlinien schafften, die so nicht existierten.
Wie waren die Reaktionen?
Jeden zweiten Dienstag wurden Zuschauer in den Theater-Taubenschlag der Chorgasse geladen, um gemeinsam Texte über Tauben zu lesen. Währenddessen flogen Iris, Bruno & Co. durch die Luke rein und raus, setzten sich auf Bücher oder Stellwand, taten, was Tauben eben so tun und schienen sich sichtlich wohl zu fühlen. So entwickelten sich zwei Monate performatives Zusammenleben. Nach einem weiteren Schluck -aha, Kombucha also- muss die Frage gestellt werden:
Sie lacht: „Klar haben wir das! Wir sind auch anständig naiv. Die Basler Zeitung hat geschrieben, es habe uns wohl von der ganzen Taubenkacke das Hirn verätzt. Die NZZ hingegen nannte uns „Science-Fiction im Alltag“.
Nun zeigt mir Seraina ein Video: Taube Camille pickt auf einem Tisch immer wieder eine Löwenzahnblume aus einer Vase und wirft sie Seraina hin. Wieder und wieder blickt sie sie danach auffordernd an. Wie ein Hund, der ein Stückchen apportiert. Seraina Dür: „Niemand kann mir erzählen, dass die Taube hier gerade kein Spiel mit uns erfunden hat! Wir haben einfach versucht, mit ihnen in Beziehung zu treten. Und den Leuten machts Freude – und uns auch!“ Stimmt. Anständig naiv, aber sehr sympathisch. Ich schenke mir ein weiteres Glas säuerliches Kombucha ein. Irgendwie beginnts mir zu schmecken.
Endlich wieder mit Publikum
/in Archiv/von SalvaEnde Januar fanden die 57. Solothurner Filmtage statt. Traditionell gingen sie mit der Verleihung der Filmpreise zu Ende. Die Gewinnerfilme der drei Wettbewerbe unterstrichen die starke Präsenz der Westschweiz im Gesamtprogramm. Insgesamt konnten für die 57. Ausgabe rund 30’000 Eintritte verzeichnet werden. Eine ausserordentlich starke Werkschau des Schweizer Films fand seinen Abschluss.
„Solothurn live zu erleben hat uns aus der Erstarrung befreit. Das gemeinsame Filmeschauen war wie tief Luft holen und wieder atmen können“, schreibt die Dokumentarfilmerin Heidi Specogna über ihren Besuch an den Filmtagen. Filmemacher Romed Wyder meint: „Quel moment magique de sentir le public de Soleure vibrer et rire devant mon film projet sur grand écran!“ Dies sind zwei von vielen Rückmeldungen von Filmschaffenden, die dieses Jahr ihre Werke an den 57. Solothurner Filmtage gezeigt haben.
Gemeinschaftliches Filmerlebnis
Die Co-Leitung der 57. Solothurner Filmtage zeigte sich erfreut, dass die diesjährige Ausgabe als Präsenzveranstaltung stattfinden konnte: „Unser Ziel waren Filmvorführungen im Kino und Diskussionen mit Filmgästen und Publikum vor Ort. Im Zentrum eines Filmfestivals stehen die Erfahrbarkeit der Filme im Kino sowie die Teilhabe am gemeinschaftlichen Filmerlebnis. Die Rahmenbedingungen waren dieses Jahr erschwert, umso erfreulicher war das Interesse am Programm. Es herrschte eine sch ne und entspannte Stimmung.
Festival der Zukunft
Höhepunkte der Filmtage waren zahlreiche Filmpremieren sowie spannende Rahmenveranstaltungen. Das Spezialprogramm Fokus widmete sich vielfältigen Aspekten und aktuellen Herausforderungen rund ums Thema Publikum. Gut besucht wurden die Diskussionen im „Filmbrunch“ aber auch das Programm „Im Atelier“, wo sich Filmeschaffende zu Workshops und Masterclasses getroffen hatten. Im „Atelier de la pensée“ debattierten Filmverleiher:innen und Festivalveranstalter:innen aus dem In- und Ausland mit einem engagierten Publikum über Festivals in der Endemie und welche Faktoren ein Festival der Zukunft ausmachen.
Die Verleihung der Preise
Am Abschlussabend „Soriée de clôture“ wurden drei Filmpreise verliehen – darunter der höchstdotierte Filmpreis der Schweiz „Prix de Soleure“, der an den Spielfilm „Wet Sand“ von Elene Naveriani ging. Der Spielfilm „Presque“ von Alexandre Jollien und Bernard Campan erhielt den Publikumspreis „Prix du Public“ und die Auszeichnung für Erstlingswerke „Opera Prima“ ging an den Dokumentarfilm „Pas de deux“ von Elie Aufseesser.
Weg von der Kunst!
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLE(dh) Zugang zu Theaterpädagogik erschliesst sich uns in der Begegnung mit Marcel Grissmer. Auch ihm geht es darum, den Blick und das Denken zu erweitern. Vielleicht fällt dabei allerdings mittendrin ein Stern vom Himmel.
Er ist zwar näher dran am *Theater“, doch gegen das „Pädagogisieren“ sträubt er sich vehement: Marcel Grissmer, seines Zeichens Theaterpädagoge, Kunstvermittler, Regisseur. „Der Begriff der Theaterpädagogik hat sich in den letzten zehn Jahren sehr gewandelt. Inklusion, Diversität und Zugänglichkeit sind Themen, die uns heute vor allem beschäftigen – beschäftigen müssen“, meint er. Wir bestellen Kaffee und Kuchen.
Zwei Jahre leitete Marcel Grissmer das „Junge Theater Solothurn“, danach wechselte er nach Zürich an die Gessnerallee. Hier verantwortete er den Bereich „Vermittlung und Community“. Ab nächster Spielzeit wird er zusammen mit Eveline Eberhard die Leitung des „Theater Stadelhofen“ übernehmen. Von Theater zu Theater zu Theater also. Und doch gehe es „weg von der Kunst“ sagt Grissmer. „Schade“, sagt das „Ensemble“. „Weg vom klassischen Literaturkanon“, sagt Grissmer. „Kein Kleist, kein Goethe, keinen klassischen „Faust“ mehr?“ wispert das „Ensemble“ – den Tränen nahe. „Hilfe, nein! Hoffentlich wird kein klassischer „Faust“ mehr inszeniert“, stösst er hervor. „Für wen denn?!“ Fast verschluckt er sich am Kuchen, fast verschüttet das „Ensemble“ seinen Cappuccino. Nun gibt es Erklärungsbedarf.
Wer entscheidet, was gute, was richtige Kunst ist?
Selbstverständlich liebe auch er die klassische Literatur, denn auch er sei damit aufgewachsen. Aber es gäbe doch noch so viel mehr als die zwanzig ewig gleichen Klassiker! Wer entscheide denn, was gute, was richtige Kunst sei? – Die Institutionen! Vertreten durch die gut gebildete, weisse Mittelschicht. Aber dadurch würden so viele Menschen, so viele Gruppen und Communities ausgeschlossen. Vielleicht gäbe es ja aus dem Balkan ein Stück, das auch ganz interessant sei? Und warum nicht mal eines in fremder Sprache aufführen? Begeistert erinnert sich Marcel an ein Projekt mit der „Eritrean Diaspora Academy“ an der Gessenerallee. Unter anderem stellten die eritreischen Akteur:innen dem „üblichen“ Theaterpublikum Fragen. Mit Performances und unterschiedlichsten Mitteln. Das Publikum merkte bald, dass es hier einmal nicht in der gewohnten – etwas verintellektualisierten Weise – antworten konnte, sondern dass man eine gemeinsame Sprache finden müsste, erinnert sich Grissmer. Hier hätten echte Begegnung und Dialoge auf Augenhöhe stattfinden können. Es habe niemand nach der Fluchtgeschichte gefragt und niemand hätte für den anderen gleich eine Expertise parat gehabt. Es sei einzig um den Austausch gegangen. „Wir müssen von diesem arroganten „Pädagogisieren“ wegkommen. Und die Schwellen beseitigen, die die Kulturstätten zu elitären Inseln machen. Die Theater sind von öffentlichen Geldern finanziert und für alle da!“
Zu viele blinde Flecken
Im Juli wird Marcel Grissmer die Co-Leitung im Theater Stadelhofen übernehmen. Einem kleinen Kellertheater, das zum grossen Teil Figuren- und Objekttheater zeigt. Er freue sich sehr darauf, denn gerade als kulturelle Institution könne und müsse man alle Möglichkeiten nutzen, das Theater so präsent wie möglich zu machen. Für Jugendliche, Armutsbetroffene, für unterschiedliche, marginalisierte Gruppen. In Kulturbetrieben gäbe es noch zu viele blinde Flecken, die es zahlreichen Menschen verunmöglichten daran teilzuhaben. Man müsse Theater anbieten, das allen Zugang schaffe und eine breitere Öffentlichkeit anspreche.
Theatertreffen: Leitung entscheidet alleine
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEDie Vorbereitungen für das Schweizer Theatertreffen 2022 laufen auf Hochtouren. Das diesjährige Festival wird vom 18.-22. Mai 2022 im Theater Chur, in der Postremise Chur und im TAK Theater Liechtenstein stattfinden – so, wie es schon für 2020 geplant war.
Aufgrund der pandemischen Lage musste das damalige Festival abgesagt werden. Letztes Jahr, in Freiburg, gelang eine hybride Version mit alternativen Gefässen. Das neue Wandermobil des Schweizer Theatertreffens machte seine Jungfernfahrt mit einer kleinen Ausstellung über die Stücke und Künstler:innen der Auswahl 2021. Seitdem kurvt das charmante Gefährt quer durch die Schweiz und macht regelmässig Halt vor verschiedenen Partnertheatern.
Julie Paucker kennt die Szene
Salva Leutenegger: «Ensemble» geht in die nächste Runde
/in Archiv/von SalvaAm 5. Januar 2015 trat ich beim damaligen SBKV die Stelle als Geschäftsleiterin an. Gleich zu Anfang erhielt ich Post von einem Mitglied namens Rolf Sommer, mit dem Inhalt einer vernichtenden Kritik zu unserem Mitgliedermagazin «Ensemble». Eine «langweilige Bleiwüste» sei dieses Magazin in schwarz/weiss, meinte er, man würde darin nur mitteilen statt Stellung zu beziehen. Recherche und der journalistische Ansatz habe man sträflich vernachlässigt. Und, man könne das Papier höchstens als WC-Lektüre gebrauchen, mehr nicht.
Ich war aber nicht schockiert – weder über seinen Ton noch zur Kritik. Im Gegenteil, ich fühlte mich von ihm bestätigt und angespornt. Rolf Sommer beschränkte sich nicht nur auf die Kritik am bestehenden «Ensemble», er hatte klare Vorstellungen von einem Magazin, das die Leserschaft begeistern sollte. Er skizzierte die inhaltliche Gliederung nach Sparten, eine Schwerpunkt-Recherche und mindestens ein Interview pro Nummer, sowie kleinere Rubriken durften nicht fehlen. Der Bezug zu unseren Mitgliedern und zur darstellenden Kunst musste unbedingt wiederhergestellt werden. Verbandsnews, Kolumnen und das Editorial sollten das Magazin inhaltlich abrunden.
Seit 2016 im neuen Kleid
Also lud ich ihn direkt zu einem Gespräch ein und bemerkte erst bei der Begrüssung, dass ich ihn schon mal gesehen hatte. Als Rolf noch ein Teenager war, traf ich nämlich seine ältere Schwester und seinen Vater oft zum Skifahren auf dem Gemsstock (UR), einmal war auch er bei einer kleinen Skitour dabei. Viele Jahre später sassen wir also in meinem Büro und ich war nach wenigen Minuten hin und weg von seinen Vorschlägen – das waren keine Träumereien, sondern umsetzbare Visionen.
Mit der Umstellung des Print-«Ensemble» auf «Ensemble Online» geben Rolf Sommer und Christian Knecht nun leider die redaktionelle und gestalterische Verantwortung ab. Nein, es ist kein Abschied – beide bleiben uns als Mitglieder von SzeneSchweiz und als schreibende, respektive gestaltende Gäste erhalten.
Als Bewundererin und Geschäftsleiterin sage ich nur: Herzlichen Dank für eure grossartige Arbeit, lieber Rolf und lieber Christian.
EMBODIMENT
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEEmbodiment viene spesso tradotto come incorporazione. Io utilizzo le parole ESSERE CORPO per declinare il lavoro di ascolto profondo verso il proprio essere soma, i suoi messaggi e la sua possibilità di espressione attraverso il movimento.
Per declinare l’embodiment in essere corpo prendo in prestito le parole di J. Toljia e T. Puig dal libro “Essere Corpo”: “Il processo di apertura della coscienza che ci permette di uscire dalla riduttiva identificazione con la mente per riconoscerci in una pi profonda e tridimensionale col centro del nostro essere chiamato EMBODIMENT, cioè essere corpo.”
Come risvegliare dentro di noi questa consapevolezza e come attraversare i nostri stati più profondi? Attraverso diverse metodologie riconducibili all’EMBODIMENT e più in generale al campo della somatica è possibile accompagnare il nostro sistema ad una consapevolezza più ampia. Che si tratti di un tema a me caro, di un blocco o di un processo artistico. Attraverso il sentire sensibile somatico, l’ascolto e la percezione ci è data la possibilità di evolvere dentro la nostra umanità, la poesia e la creazione.
L’embodiment rientra nell’ampia area della somatica che definisce un campo di studio del corpo attraverso la prospettiva dell’esperienza personale in cui il soma (corpo) è soggetto e non più oggetto. B.B. Cohen nel meraviglioso libro Sensazione, Emozione, Azione. Anatomia esperienziale nel Body Mind Centering dice: “Quando il corpo fa esperienza di sé dall’interno, mente e corpo non sono separati ma percepiti come un tutto unico.”
Con la pratica dell’EMBODIMENT è possibile esplorare diverse aree: un processo artistico, un desiderio verso di sé, una parola, una tematica difficile, una scelta da prendere, una riscoperta morbida del movimento, una metafora che mi è cara. Nel lavoro di creazione artistica l’embodiment può essere utilizzato in diverse forme e modalità per nutrire i processi e trovare nuove possibilità creative.
Margherita Tassi
perfomer e formatrice. Attualmente ha dato vita al progetto PIANETA SOMA le sconfinate vie del corpo che nasce del desiderio di offrire ascolto, attenzione, dialogo e sensibilità ai corpi che abitiamo. Offre esperienze formative nel campo della somatica, dell’embodiment e dell’ecosomatica.
Der US-Streaming- Gigant steigt in den Schweizer Filmmarkt ein
/in Film/TV/von Salva„Lex Netflix“ sorgt für Diskussionen
(rs) Im Mai kündigte der private Filmstreaming-Dienst „Netflix“ an, erstmals einen Film in der Schweiz zu produzieren. Die Ankündigung fiel genau in die Zeit, als sich das Parlament mit der Revision des Filmgesetzes beschäftigte. Dabei geht es um Millionen für die Schweizer Filmbranche.
Bis anhin war die Sache klar: Die SRG und private Schweizer Fernsehstationen müssen 4% ihres Umsatzes in den Schweizer Film investieren. Wenn die Privatsender Werbegeld für Schweizer Filme ausgaben, galt dies ebenso als Investition wie der Kauf oder die Produktion von Schweizer Filmen. Das neue Filmgesetz, welches neu auch von den Streaming-Anbietern eine Abgabe von 4% fordert, möchte dies ändern. Nun prallen die Interessen aufeinander.
Viel Geld für den Schweizer Film
Während die Schweizer Privatsender befürchten, in finanzielle Notlage zu geraten, wittert die Schweizer Filmbranche das grosse Geld. Anstatt wie bisher 7 Mio. Franken würden neu bis zu 28 Mio. Franken in die Kasse der Schweizer Filmförderung fliessen – dank Netflix, Amazon, Disney+ und weiteren ausländischen Streaming-Diensten, die in der Schweiz Geld verdienen.
Filmproduzenten in der Zwickmühle
Nur drei Tage nachdem Netflix angekündigt hatte, zusammen mit Hugofilm und CH Media Entertainment den Film „Early Birds“ in der Schweiz zu produzieren, mischte sich der US-Gigant in die Diskussion um das neue Filmgesetz ein. Er plädierte für eine Abgabe von lediglich ein bis zwei Prozent des Umsatzes. Nun ist die Schweizer Filmbranche ich der Zwickmühle. Einerseits will man Netflix nicht verärgern, denn alle wollen mit solch einem Investor zusammenarbeiten, andererseits kann man nicht plötzlich zu tieferen Abgaben ja sagen.
Drückt Netflix auf die Schauspielgagen?
In den Schweizer Medien wird das neue Filmgesetz bereits „Lex Netflix“ genannt. Mit Spannung verfolgt man das heftige Lobbying auf beiden Seiten. Völlig ausser Acht gelassen wird dabei, dass auch die Schweizer Filmschauspieler:innen dem Markteintritt von Netflix mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Einerseits dürfte es für die eigene Karriere einen gewaltigen Schub bedeuten, wenn man in einem Netflix-Film, der international gestreamt wird, eine Hauptrolle spielen darf. Andererseits befürchten viele, dass Netflix – ähnlich wie beispielsweise in Deutschland – die Schauspielgagen massiv nach unten drücken wird. „SzeneSchweiz“ wird die Entwicklung jedenfalls sehr genau im Auge behalten.
Brem nimmt’s ernst: Wer besitzt meine Bildrechte?
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEDie Rechtskolumne von Ernst Brem
Die meisten Mitglieder des SBKV und des TASI bzw. künftig der Szene Schweiz sind ausübende Künstler und Künstlerinnen, d.h. sie interpretieren künstlerische Werke z.B. als Sängerin, Schauspieler, Bühnenregisseurin oder Tänzer. Ein Teil von ihnen schafft auch neue urheberrechtliche Werke, z.B. als Bühnenbildner, Kostümbildnerin, Choreograf oder Drehbuchautorin. Einige Mitglieder interpretieren ihre selbst geschaffenen Werke etwa als Slampoetin oder Kabarettist.
Manchmal ist es nicht ganz leicht die Tätigkeit von Urhebern und ausübenden Künstlern voneinander abzugrenzen, da beide Tätigkeiten Ausdruck von Kreativität sind. Ausübende Künstler und Künstlerinnen üben ihre Kunst in einem festen zeitlichen Rahmen – beispielsweise auf der Bühne oder vor der Kamera aus. Der Urheber kann sie dagegen auch im stillen Kämmerlein ausüben, sie mit Papier und Bleistift festhalten und an andere kommunizieren.
Urheber oder ausübende Künstlerin? – der Kaffeepausencheck
Wer also während seiner künstlerischen Tätigkeit jederzeit eine Kaffeepause einschalten kann, ist wahrscheinlich ein Urheber und kein ausübender Künstler. Für die kollektive Verwertung der Urheberrechte sind die Urheberrechtsgesellschaften, insbesondere je nach Kunstfach Suissimage, SSA und Pro Litteris zuständig. Für die ausübenden Künstler und Künstlerinnen zieht „Swissperform“ Geld von den Nutzern aufgezeichneter und/oder gesendeter Darbietungen ein. „Swissperform“ kümmert sich nicht um die Livedarbietung vor einem anwesenden Publikum, darum müssen Freischaffende selber besorgt sein. Der Arbeitsvertrag evtl. auch der Gesamtarbeitsvertrag regelt die Rechte und Pflichten der angestellten Bühnenmitglieder. „Swissperform“ kümmert sich auch nur am Rande um die Onlinerechte der ausübenden Künstler und Künstlerinnen. Wer also sein Publikum online zu erreichen sucht, muss sich ebenfalls selber um ein eventuelles Entgelt bemühen. Eine Mitgliedschaft bei der Schweizerischen Interpreten Genossenschaft “SIG“ kann dabei helfen. Wer jedoch an einer auf einem publizierten Ton- oder Tonbildträger aufgezeichneten Darbietung mitwirkt oder an einer aufgezeichneten oder live ausgestrahlten Sendung beteiligtist, sollte unbedingt sofort Mitglied bei „Swissperform“ werden.
SIG oder Swissperform-Mitgliedschaft wäre sinnvoll
„Swissperform“ zieht von den Nutzern, z.B. den Sendeunternehmen, den Kabelunternehmen, den Wirten oder Herstellern von Speichermedien tariflicheVergütungen ein, welche sie an diejenigen Mitglieder verteilt, deren Leistungen genutzt werden. Das Mitgliedschaftsformular kann unter folgendem Link angefordert werden.
Wer an einem Film mitgewirkt hat, sollte unbedingt seine Darbietung in das Filmographie-Formular eintragen. Wichtig ist, dass alle Rubriken möglichst genau ausgefüllt werden und insbesondere auch angegeben wird, in welcher Funktion (z.B. Schauspielerin, Stunt, Sprecherin) manmitgewirkt hat.
Wer dagegen an einer gesendeten Darbietung beteiligt war, sollte überprüfen, wann und wie oft die Darbietung gesendet wurde. Die entsprechenden Nutzungen sollten spätestens bis zum 30. Juni des folgenden Jahres an die SIG gemeldet werden.
Weiss man mit diesen Formularen nicht mehr weiter, hilft ein Blick in die FAQs auf der Website:
Streaming: Das „Foyer-Gefühl“ lässt sich digital nicht reproduzieren
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLETheater ohne Theater
Es ist früher Samstagabend. Ich sitze auf dem Sofa, alleine. Meine Freundin hat wegen des schönen Wetters abgesagt, „Ist ja eh nur online, und die fünf Euro sind auch kein grosser Verlust“, hat sie gemeint. Eingewickelt in die Kuscheldecke, neben mir eine angebrochene Chips-Packung und ein leeres Rotweinglas. Die Zoom-Vorstellung ist zu Ende. Ich klatsche, aus Respekt vor der Leistung und Dank für das Engagement, für die Möglichkeit in dieser Zeit Kultur rezipieren zu dürfen. Ein spärlicher Applaus von Kameramenschen und Technik vor Ort ertönt über meine Laptop-Lautsprecher. Um dieser Peinlichkeit entgegenzuwirken, versuche ich noch lauter zu klatschen und komme mir gleichzeitig sehr albern vor. Ich schreibe also in den Chat „Bravo“ und „Danke“. Ich bin nicht die Einzige, alle wollen sich ausdrücken und mitteilen, es regnet Applaus-Smileys und Grüsse aus allen möglichen Städten. Dann klappe ich meinen Laptop zu, mein Theaterabend ist beendet.
Es fehlt so vieles beim Streamen von Live-Kultur. Aber damit müssen wir nun leben. Zumindest vorübergehend. Und es ist okay. Viele sind froh überhaupt Kultur machen und erleben zu dürfen.
Das Netz wird die neue Bühne
Als im März 2020 die Kulturhäuser wegen der Pandemie schliessen mussten, waren die Institutionen sowie Künstlerinnen und Künstler gezwungen neue Wege und Formen zu finden, mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Da selten vor Ort, kreierte man eigene Podcasts, organisierte Online-Lesungen und Zoom-Workshops. Es fanden virtuelle Stadtführungen statt, man lancierte ein Sorgentelefon, zeigte alte Stückmitschnitte und bot später vermehrt auch extra konzipierte Live-Streaming-Vorstellungen an. Einige experimentierten mit neuen theatralen Formen im Netz.
Digitales Theater ist nichts Neues. Auch vor Corona hat man Theater gestreamt und mit digitalen Formen gespielt. Wir leben in einer Zeit von digitalen Entwicklungen. Dieser Wandel aber wurde durch die aktuelle Pandemie nun zusätzlich vorangetrieben.
Kopräsenz – von beiden Seiten vermisst
„Unter einer Aufführung versteht man ein Ereignis, bei dem zwei Gruppen, Zuschauer und Akteure, miteinander in Interaktion treten. Dieses Ereignis findet zu bestimmten Zeiten an einem bestimmten Ort statt, der sich nicht zwangsläufig in entsprechend etablierten Räumlichkeiten wie dem Theater befinden muss, und ist ein in besonderer Weise gegenwärtiges und flüchtiges Ereignis.“ – Wikipedia-Eintrag zu „Theateraufführung“
„Das digitale Produkt ist immer etwas Anderes als eine Liveaufführung vor Publikum. Es gibt da mediale und auch kinästhetische Diffrenzen“, sagt Tanzexpertin Prof. Dr. Christina Thurner.
Was in den heutigen digitalen Notlösungen am meisten vermisst wird, ist die Kopräsenz – und damit die Symbiose zwischen Darstellenden und Zuschauern. Vermisst wird sie von beiden Seiten.
Streaming – eine Herausforderung
Wie die Pandemie selbst, so stellt auch die Frage nach der Rezeption von Live-Kultur in diesen Zeiten eine Herausforderung dar – für Kunstschaffende, Produktion und Publikum.
„Jetzt käme ein grosser Zwischenapplaus , heisst es in Mitte einer Performance am Kleinkunst-Streaming-Festival „Streaming und Digitales Theater“(STREAM21). Für viele Darstellende ist es eine ungewohnte, oft unbefriedigende Situation, vor leerem Saal zu spielen, für ein Publikum, das man nicht sieht, nicht spürt.
„Bei einem Livestream muss man sich nicht nur vorstellen, was für eine Figur in welcher Geschichte man ist, sondern auch, dass jemand zuschaut und es somit überhaupt Sinn macht, dass man spielt.“, meint der Schauspieler Matthias Neukirch, der am Schauspielhaus Zürich „Frühlings Erwachen“ sowohl vor Publikum wie auch für den Live-Stream gespielt hat.
Schwierig wird es vor allem bei Bühnenformen, die auf nonverbale Kommunikation mit dem Publikum angewiesen sind: Wie zum Beispiel in der Comedy, wo man Gags und Timing an die Stimmung des Publikums anpasst und so den jeweiligen Abend individuell gestaltet. „Pointen reiben sich ja daran, wie das Publikum reagiert. Und das macht etwas mit dem Timing. Ist da niemand im Publikum, weiss man nicht mit wem man das Timing abgleichen könnte“, sagt Benjamin von Blomberg, Co-Intendant vom Schauspielhaus Zürich am STREAM21-Talk.
Flüchtiges Ereignis
Wenn das Publikum schon nicht im selben Raum wie die Darstellenden ist, kann man durch Gleichzeitigkeit (live) immerhin eine Empfindung des gemeinsamen Erlebens herstellen. Mit Live-Stream bleibt auch das Gefühl, dass in jedem Moment immer noch etwas Ungeplantes passieren, etwas schief gehen könnte.
Interaktion – Gaming als Vorbild
„Was immer die Akteure tun, hat Auswirkungen auf die Zuschauer und was immer die Zuschauer tun, hat Auswirkungen auf die Akteure und die anderen Zuschauer.“ – Erika Fischer-Lichte
Abwesendes Publikum könne in einem Stream auch etwas bedeuten, wenn es live sei, meint von Blomberg. Wenn man sich anschaue, wie Gaming funktioniere, in welchem die Zuschauer ja nie nur zuschauen würden, sondern immer in irgendeine Art von Partizipation gerieten. Und so stellt sich für das Theater die Frage: Wie kann man über Format, ein Publikum, das nicht anwesend im Raum ist, über konkrete Aktion trotzdem präsent machen? Indem es eben die Handlung mitgestalten darf.
Von Blomberg glaubt auch, dass es da noch Dinge zu entdecken gäbe: „Aber die müssen weiter gehen, als nur das Medium zu nutzen – wie das zum Beispiel im Gaming schon benutzt wird.“ Er glaube daran, dass es eben nicht funktionieren würde, wenn man einfach das bewährte Format streamen und darauf hoffen würde, dass es sich ähnlich anfühlen würde. Da müsste man schon einen Schritt weitergehen.
Judith Ackermann, Forschungsprofessorin für Digitale und Vernetzte Medien in der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Potsdam meint: „Man muss Theater ganzheitlich denken und dann die Besonderheiten der digitalen Kanäle angucken und überlegen, wie kann ich die bestmöglich als Elemente davon denken. Wie kann ich diese Inszenierung als Erfahrungsraum erweitern und zugänglicher machen?“
Die Kamera – eine neue Perspektive
Die Kamera ist schon länger auf der Bühne präsent als inszenatorisches Mittel. Nun aber wird sie zum Auge des Zuschauers, lenkt den Fokus und ermöglicht es, die Vorstellung aus verschiedenen Perspektiven zu erfahren. Brian Petchers (Kamera- und Schnittregie am Irish Repertory Theatre) meint: „Es ist einzigartig, ein Theaterstück auf die Leinwand zu übertragen. Komödiantisches und dramatisches Timing, visuelle Blickwinkel und Übergänge bekommen auf der Leinwand ein ganz anderes Leben und eine andere Rolle als in der Live-Show.“ Und das ist Herausforderung und Chance zugleich.
Aufwand, Kosten und Ticketpreise
Anfangs boten viele Theater ihre Produktionen und digitalen Angebote gratis an. Noch heute werden Streamings unter ihrem Wert verkauft. „Ist ja nur online.“ Aber auch digitale Formate kosten Geld, wenn sie aufwändig gemacht sind. Alleine für den Stream mussten am Schauspielhaus vier Kameramenschen und eine Live-Schnitt-Regie engagiert sowie Spezial-Technik dazu gemietet werden.
Engagement und Aufwand für Produktionen, werden durchaus ästimiert. So sind Zuschauer für Formate, die mehr als nur ein Mitschnitt aus dem Archiv sind, auch gerne bereit, dies im Ticketpreis zu honorieren. Gemäss einer Umfrage am STREAM21 sind sogar über die Hälfte bereit, gleichviel für einen Streamabend, wie für eine Vorstellung im Theater zu zahlen.
Da es an Erfahrung von Ticketrichtpreisen noch fehlt, und einige Zuschauer gegenüber dem Digitalen Theater noch etwas skeptisch sind, hat sich die Methode „Pay what you want“ als gute Möglichkeit erwiesen, einen ersten Eindruck zu bekommen, was das eigene Publikum zu zahlen bereit ist. Ausserdem gibt es Skeptikern eine Chance etwas Neues auszuprobieren.
Digitale Grenzenlosigkeit – eine Chance
Seit Jahren wird darüber debattiert, wie man Theater, auch für jüngere Generationen, zugänglicher machen kann. Digital Natives nun mit Netztheater da abzuholen, könnte eine Möglichkeit sein, sie für dieses Medium zu interessieren und vielleicht gemeinsam weiterzuentwickeln. Auch die Intendantin Annemie Vanackere, die am Berliner HAU die Online-Sparte „HAU 4“ aufbaut, sagt, das digitale Angebot könne die Chance sein, mit dem Klischee von Theater aufzuräumen – immer sitzen zu müssen, nichts zu verstehen und nicht auf das Handy gucken zu dürfen. Digitales Theater vermag aber nicht nur neue Publikumsschichten anzusprechen, wie solche, die sich zuvor eher scheuten, ins Theater oder in die Oper zu gehen, es erlangt auch geographisch eine grössere Reichweite. Ortsungebunden, ermöglicht es auch Menschen am Erlebnis teilzunehmen, die vielleicht nicht (selber) ins Theater kommen könnten.
Mit der Fusion von theatralen und digitalen Mitteln, sind auch die Spiel- und Erzählmöglichkeiten schier grenzenlos. Einige Theater haben bereits damit experimentiert, gewisse sind noch einen Schritt weiter gegangen: Das Augsburger Theater hat Virtual Reality für sich entdeckt und unterdessen bereits fünf 3D-Produktionen im Angebot.
Was bleibt, wenn die Theater wieder öffnen?
Auch wenn für gewisse Veranstalter „Corona-Nischenformate“ solche Nischen bleiben sollen, so hat eine Umfrage unter den grossen Häusern gezeigt, dass jene in den vergangenen Monaten durch das Experimentieren-Müssen Formate entdeckt haben, die sie gerne auch nach der Öffnung weiterführen wollen. Einige wollen sich sogar auf weitere Erkundungstour im digitalen Feld begeben, in welchem die Grenzen des klassischen Theaters überschritten werden.
Hybridvorstellungen werden als mögliche Übergangslösungenfür April und Mai gesehen. Bettina Auge vom Opernhaus Zürich meint aber, auf die Dauer seien diese nicht finanzierbar. Das Schauspielhaus Zürich möchte, wenn Live-Streams, wieder eigene Formate dafür entwickeln. Auch für das Luzerner Theater gilt es noch die neuen Formate weiter zu erforschen, mit viel Ausprobieren und Kreativität. „Ob diese Angebote weiter einen Platz im Theater finden, wird sich zeigen“, meint die stellvertretende Intendantin Sandra Küpper und fügt abschliessend hinzu: „Wir freuen uns aber natürlich vor allem darauf, das Publikum möglichst bald wieder bei uns in unseren Räumen vor Ort begrüssen zu dürfen, denn das Theater lebt vom Livegedanken und der Versammlung von Menschen zur gleichen Zeit im gleichen Raum.“
* Silja Gruner, Dramaturgin vom auawirleben Theaterfestival Bern in einem Interview für STREAM21
Wer sich etwas tiefgreifender mit der Entwicklung von Netztheater befassen will: NETZTHEATER – Ein Sammelband in dem Praktiker/innen des Theaters sowie Beobachterinnen die neuesten Tendenzen beschreiben, spannende Experimente, veränderte Arbeitsweisen und wegweisende Produktionen vorstellen: Das Theater wird digital, wird Netztheater.
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung sowie Nachkritik in Zusammenarbeit mit Weltübergang.
Theater finden Notlösungen, neues Publikum wird generiert, es tun sich Grenzen auf. Was aber macht Streaming mit unserer Psyche? Hierzu hat Ensemble mit dem Medienforscher Dr. Matthias Hofer gesprochen.
Dr. Matthias Hofer ist Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universit t Zürich (IPMZ), Abteilung „Media Psychology & Effects“.
Herr Hofer, welche emotionale Bindung gehen Schauspieler und Zuschauer bei einer normalen Live-Vorstellung miteinander ein?
Die Schauspielerinnen sind wohl in erster Linie damit beschäftigt, ihr Schauspiel aufzuführen oder mit eventuellen Nervositäten zu kämpfen (wobei ich hier niemandem zu nahetreten will). Bei besonders emotionalen Szenen erhalten sie bisweilen auditives Feedback aus dem Publikum. Solche kollektiven Emotionsausdrücke lassen die Darstellerinnen des Publikums gewahr werden und können mitunter ihren eigenen Ausdruck intensivieren – bewusst oder unbewusst. Da gibt es also ein Wechselspiel zwischen Publikum und Bühne.
Die Zuschauerinnen gehen wohl in erster Linie mit dem Stück (Plot, Bühnenbild, Inszenierung etc.) mit, empfinden Emotionen der Darstellerinnen nach oder identifizieren sich gar mit ihnen. Aber auch der soziale Kontext, bzw. das Mitpublikum spielt beim Erleben des einzelnen Zuschauers und bei der Bindung zwischen Publikum und Schauspielerinnen eine Rolle. Ein weiterer Prozess, der sich abspielt, ist die sogenannte parasoziale Interaktion. Nehmen Sie das Beispiel eines Kasperl-Theaters, bei dem die Kinder Kasperl vor einem nahenden Krokodil warnen. Solche Interkationen sind einseitig, d.h. sie werden von den Schauspielerinnen in der Regel nicht erwidert; daher wird die Interaktion auch als parasozial bezeichnet. Es fehlt das direkte Feedback von der Bühne auf das Interaktionsangebot aus dem Publikum. Man könnte sagen, dass die Bindung auf beiden Seiten nur implizit vorhanden ist; aber sie ist vorhanden.
Wie könnte man mit Streaming eine ähnliche Wechselwirkung erzeugen? Wie sieht das mit dem Gemeinschaftsgefühl aus? Reicht da Interaktion mittels Chatfunktion?
Denkbar wären Hologramme eines Publikums, aber das ist wohl eher Zukunftsmusik und es fragt sich, ob sich der Aufwand lohnen würde. Ein Gemeinschaftsgefühl über eine Chatfunktion, wie wir das bei YouTube oder Facebook-Live-Streams kennen, reicht da wohl nicht aus, um gleiches Erleben zu erzeugen. Buchstaben und Emojis können die Körperlichkeit kaum ersetzen und die soziale Präsenz nur unzureichend andeuten. Zudem haben wir bei solchen Chats das Problem der Ablenkung vom Geschehen auf der Bühne.
Ja, auf diese Ablenkung möchte ich noch eingehen: Nun sitzt man auf dem Sofa statt still in den Stuhlreihen, holt sich noch was aus dem Kühlschrank oder schreibt eine SMS. Wie wirkt sich diese Unverbindlichkeit und Unkonzentriertheit auf das Erlebnis und auf die Wertschätzung gegenüber der Produktion aus?
Solche Unterbrechungen stören natürlich die aufmerksame Rezeption. Die Ablenkung kann sich letztlich negativ auf das Unterhaltungserleben und die Wertschätzung auswirken.
Glauben Sie, dass es nach einem Tag voller Zoom-Meetings / intensiver Bildschirmzeit noch einem Ausgleich dienen kann, einen Theater-Stream zu schauen? Oder sind diese Einflüsse allenfalls zu ähnlich, als dass der Geist dabei entspannen kann?
Das ist eine gute Frage, auf die letztlich empirische Forschung eine Antwort geben könnte. Wenn wir aber davon ausgehen, dass ein Theater-Stream eher ruhig ist, könnte man hier schon von einer entspannenden Wirkung ausgehen. Auf der anderen Seite verbleiben wir vor dem Bildschirm; was darauf gezeigt wird, ist meines Erachtens unerheblich. Ein Spaziergang dürfte da mehr Entspannung bringen als ein Theater-Stream.
Was halten Sie selbst von Theater-Streams? Schauen Sie sich diese selber auch an?
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mir noch nie ein solches Streaming angeschaut habe. Ich finde es aber eine tolle Sache und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie. Denken Sie etwa an Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschr nkt sind und trotzdem gerne ein Theaterstück geniessen.
Auf SPECTYOU stehen Aufzeichnungen von Theaterstücken und neue Formate an der Schnittstelle zur Digitalität zu fairen Preisen zur Verfügung. Theater, Gruppen oder Solodarstellende können hier ihre Produktionen kostenlos hochladen oder als Livestream und Limited Stream anbieten und diese auf der Plattform mit den eigenen Profilen verknüpfen.
Illustrationen von Ch. Knecht aus
„Tellspiele 2020 – TELLEVISION“
Übers eigene Gärtli hinaus – Gemeinsam etwas erreichen
/in Archiv, Meinung, Verbandsinfo/von Salva(bg) Seit Anbeginn der Pandemie setzt sie sich für einen Dialog zwischen Bund und dem Kultur- und Veranstaltungssektor ein und wurde zur wichtigsten Instanz für Kulturschaffende und -verbände: Die Taskforce Culture.
Ein schwieriges Jahr liegt hinter uns. Auch wenn wir erste Lockerungsschritte gehen konnten, sind wir gerade auch in der Kultur- und Eventbranche noch meilenweit entfernt von einer Realität, wie wir sie vor Corona kannten. Ungern erinnern wir uns an den Tag, als der Bundesrat mit einem Veranstaltungsverbot unsere Pläne und Lebensinhalte zerstörte. 280 Millionen Franken sollten dessen wirtschaftliche Auswirkungen auf den Kultursektor vorerst abfedern – unbürokratisch, gezielt und rasch.
280 Millionen Franken und jede Menge Fragen
Leider sah für viele die Realität anders aus und für Verbände, Kulturinstitutionen und Künstler und Künstlerinnen blieben existenzielle Fragen offen: Wer soll die Ausfallentschädigung einfordern? Der Veranstalter, die Künstlerin, die Agentur oder alle? Welche Aufwände können bei Veranstaltungen als finanzieller Schaden geltend gemacht werden? Sind die Gagen der Künstler und Künstlerinnen darin enthalten? Können auch weggefallene Engagements im Ausland abgerechnet werden? Wie wird mit Engagements in Verhandlung umgegangen, welche aufgrund des Verbots nicht abgeschlossen wurden? Wie erfolgt der Einbezug der Laienverbände durch das BAK, wie stellt das BAK sicher, dass man alle Bereiche der Laienkultur einbezieht? …
Austausch und Intervention
Angesichts dieser vielen Fragen, dem Bedürfnis nach Austausch und Intervention, bildete sich die verbandsübergreifende Taskforce Culture (ursprünglich Taskforce „Corona Massnahmen Kultur“). Sie vermittelt zwischen den zuständigen Verwaltungseinheiten und dem Kultur- und Veranstaltungssektor. Aktuell sind die fünf Dachverbände Suisseculture, Suisseculture Sociale, Cultura, Schweizer Musikrat und Cinesuisse sowie 37 weitere Vertreterinnen und Vertreter von Kulturverbänden in der Taskforce aktiv vertreten.
Ohne TFC total aufgeschmissen
„SzeneSchweiz“ ist nicht direkt in der TFC vertreten. „Damals ist alles dermassen explodiert, dass bei uns alle beschäftigt waren mit Feuerlöschen, Trösten und Beraten, dass sich da niemand gefunden hat, der Zeit hatte und extern noch ehrenamtlich den Verband hätte vertreten können“, sagt die Geschäftleiterin von „SzeneSchweiz“, Salva Leutenegger. „Wir waren froh, dass man uns aber stets direkt informiert hat – das war eine sensationelle Zusammenarbeit. Ohne die Beratung der Taskforce Culture wären wir total aufgeschmissen gewesen. „Die Taskforce Culture sei nicht nur aus Sicht der Verbände an der Front unabdingbar gewesen, sie sei innert Kürze auch zu etwas vom Wichtigsten für alle Kulturschaffenden geworden.“
„Ensemble“ hat sich mit den beiden Taskforce-Culture-Mitbegründerinnen Nina Rindlisbacher (SMR – Schweizer Musikrat) und Sandra Künzi (t. -Theaterschaffende Schweiz) unterhalten.
SANDRA KÜNZI lebt und arbeitet in Bern. Sie gehört zur ersten Generation des Schweizer Poetry Slams. Heute schreibt sie für Bühne, Radio und Papier. 2008 war sie Literaturstipendiatin der Stadt Bern in Glasgow, 2011 wurde ihr Theaterstück „Jazzy“ aufgeführt, 2013 erschien ihr erstes Buch „Mikronowellen“, 2014 erhielt sie die Auszeichnung „Weiterschreiben“ der Stadt Bern und 2017 ein Schreibstipendium des Kantons Bern für ihre Erzählung „Die Hülle“. Sie ist die Präsidentin des Verbandes t. theaterschaffende Schweiz und Mitglied der Task Force Culture, die sich seit Beginn der Corona-Krise für die Kulturszene einsetzt.
NINA RINDLISBACHER ist ausgebildete Pflegefachfrau und Juristin. Sie arbeitete zunächst im Gesundheitswesen und war dann mehrere Jahre als Juristin tätig, u.a. an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Fribourg. Nebenberuflich engagierte sie sich seit jeher im Kulturbereich. Sie arbeitete für Film- und Musikfestivals sowie für einen Konzertveranstalter in Bern. Sie spielt Querflöte und Piano und wirkte als Instrumentalistin und Sängerin im Verlaufe der Jahre in mehreren Musikprojekten mit. Seit Dezember 2017 ist sie für den SMR als Assistentin tätig und hat per 1. September 2018 die Leitung der Geschäftsstelle übernommen. Zudem gehört sie der Geschäftsleitung des SMR an. Sie ist Mitglied der Taskforce Culture.
Die Taskforce Culture (TFC) ist ad hoc nach der ersten Anhörung von diversen Kulturverbänden durch das Bundesamt für Kultur BAK am 12. März entstanden: Verschiedene Verbände haben im Nachgang dazu eine gemeinsame Medienmitteilung verfasst, damals allerdings noch nicht als Taskforce Culture. Man realisierte schnell, dass die Lage für den Kultursektor existentiell bedrohlich war, gleichzeitig stellten sich enorm viele Fragen. Es war klar, dass es in dieser schwierigen Lage ein Austauschgefäss innerhalb des Kultursektors brauchte und man nach aussen gemeinsam auftreten musste, um politisch etwas zu erreichen. Die Leitungen liefen heiss und wer genau den definitiven Anstoss für die Gründung gab, ist im Nachhinein nicht mehr eindeutig auszumachen.
Wie schafft man es, so viele verschiedene Akteure in eine Organisation einzubinden und zu vertreten?
Von Anfang an war es wichtig, sich die Vielfalt des Kultursektors stets vor Augen zu halten. Deshalb funktioniert die TFC sparten- und verbandsübergreifend, operiert schweizweit aber immer innerhalb bestehender Verbandsstrukturen. Trotz genrebedingten Unterschieden gibt es Gemeinsamkeiten, die alle verbinden und dementsprechend auch ähnliche Fragestellungen und Probleme.
Innerhalb der TFC trifft man sich wöchentlich. Was geschieht an diesen Sitzungen?
Die Treffen folgen einer Traktandenliste und dienen dem gemeinsamen Austausch, dem Sammeln und Kategorisieren von Problemen und Verteilen der Aufgaben. Themen sind beispielsweise der Vollzug der Unterstützungsmassnahmen oder die Öffnungsschritte, Aufgaben das Planen und Koordinieren der politischen Arbeit im Parlament oder von Medienmitteilungen.
Auch mit dem Bundesrat tauscht man sich regelmässig aus
Der Austausch mit Bundesrat Alain Berset erfolgt ungefähr alle zwei Monate, bisher haben drei Treffen stattgefunden. Sie fanden bisher nicht mit der gesamten Taskforce Culture statt, das EDI lädt jeweils nur ausgewählte Kulturverbände ein. Diese decken sich mehrheitlich mit denjenigen Vereinigungen, die in unserer Arbeitsgruppe aktiv sind. Die TFC versucht, diese Sitzungen zu koordinieren und im Vorfeld gemeinsame Standpunkte herauszuarbeiten.
Habt Ihr ein Motto oder einen Leitsatz für Eure Arbeit?
Immer für die Sache (Kultur) und immer über den eigenen Verband hinaus denken! Die TFC funktionierte bisher so gut, weil in unserer Arbeitsgruppe Leute mitarbeiten, die in der Lage sind, über das eigene Gärtli hinaus zu denken. Ich habe das Glück Präsidentin eines Verbandes zu sein, in dem sowohl Veranstaltende als auch Produzierende bzw. Kulturschaffende Mitglieder sind. Das ist anspruchsvoll und toll.
Was sind die bisher wichtigsten Meilensteine der Organisation?
Gibt es ein persönliches Highlight?
Ich fand es sehr befriedigend, als wir im Herbst 20 die mehrfach geforderte Sitzung mit Herrn Bundesrat Berset abhalten konnten. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass ihm die schwierige Situation der Kultur und auch der Gastronomie absolut klar war. Man spürt aber auch, wie schwierig es für einen einzelnen Bundesrat ist, weil das Gremium als Einheit funktioniert. Und da liegen die Mehrheiten tendenziell nicht auf unserer Seite.
Was habt Ihr in der Zusammenarbeit mit dem Bund gelernt?
In der Session sind die Karten oft schon gemischt. Wenn man etwas erreichen will, muss man bereits viel früher ansetzen, nämlich in den parlamentarischen Kommissionen. Ausserdem sind persönliche Kontakte Gold wert und Vertrauen ist die Währung. In Bern läuft aktuell die Sommersession. Ab Juni gibt es neue Lockerungsschritte, gelten neue Massnahen.
Was ist Euer Standpunkt dazu?
Es braucht mehr Mittel für die Ausfallentschädigung und den Schutzschirm für grössere Anlässe. Nötig sind ausserdem mehr Finanzhilfe für die Kulturvereine im Laienbereich sowie die Verlängerung des Corona-Erwerbsersatzes. Eine Nicht-Erneuerung bedeutet für sehr viele Freischaffende der Super-Gau. Natürlich wünschen wir uns generell eine Verlängerung der Entschädigungsmassnahmen über Ende 2021 hinaus. Erstmal muss am 13. Juni aber das Covid-19-Gesetz angenommen werden. Wenn es abgelehnt wird, ist die Grundlage weg und wir stehen im Regen.
Wie verhält Ihr Euch konkret in Bezug auf die Abstimmung über das Covid-19-Gesetz?
Gerade haben wir wieder zwei Medienmitteilungen veröffentlicht, die nächste ist bereits im Entwurf. Ausserdem haben wir Abstimmungsempfehlungen an die Räte und Rätinnen versandt. Das ist sehr wichtig, aber auch aufwändig, weil man die Geschäfte genau kennen und studieren muss.
Bis vor Corona hat jeder (Dach-)Verband oft einzeln gekämpft und sich manchmal sogar gegenseitig konkurriert. Ist das „Zusammen stärker sein – gemeinsam mehr erreichen“ auch ein zukunftstaugliches Modell?
Unbedingt. Aber wie gesagt: Aus meiner Sicht steht und fällt es mit den beteiligten Menschen. Es braucht Schnelldenkende mit viel Knowhow und wenig Eitelkeit. Die TFC entstand beim Machen, sie ist informell und dennoch stark, weil sie aktiv ist und anpackt.
Alle Medienmitteilungen sowie die Auflistung der Mitglieder von Taskforce Culture und weiterführende Informationen finden Sie hier.
Covid-19-News für Kulturschaffende – Pro Kultur Kanton Zürich bietet einen Überblick.
„Kultur ist mein Beruf“
Eine Kampagne von SONART und Partner:innen, entstanden aus der Taskforce Romandie. „Wir Künstler und Künstlerinnen sind nur ein kleiner Teil der Eventbranche und die Erfolgreichen von uns werden diese Krise finanziell irgendwie überstehen. Aber es geht um alle anderen, welche hinter und vor den Kulissen die ganze Zeit dafür arbeiten, dass wir alle Kultur geniessen können.“
(Dabu Bucher von DABU FANTASTIC).
Es sind viele!
Sie sind Fachpersonen aus der Kulturszene. Sie haben sich, unabhängig von ihren unterschiedlichen Rollen und Interessen, zusammengeschlossen, um ihre Branche als Wirtschaftssektor zu verteidigen. Eine Branche, die 15 Milliarden Franken Umsatz macht. Jeder 10. Schweizer Betrieb zählt in irgendeiner Form zur Kultur- oder Kreativwirtschaft. Sie alle haben die Pandemie und die damit verbunden Massnahmen hart getroffen.
In einem Video machen bekannte Schweizer Bühnenkünstler:innen auf die Situation aufmerksam und bitten um Unterstützung. „Die Branche der auftretenden Künstler:innen war die erste, die runtergefahren wurde. Und es wird auch dieser Wirtschaftszweig sein, der als letztes wieder hochgefahren wird“, meint Manu Burkart (DIVERTIMENTO) und James Gruntz betont: „Kultur zu schaffen ist ein Beruf und unsere Arbeit ist systemrelevant.“
Mit der Kampagne fordern die Branchenvertreter von Bund und Kantonen:
• Unkompliziert zugängliche wirtschaftliche und kulturelle Massnahmen, die alle Berufsfelder der Kulturbrache erfassen
• Rasche Bearbeitung der Gesuche und Auszahlung gesprochener Gelder
• Einbezug der Verbände bei der Planung der Wiedereröffnung
• Bis sechs Monate nach Ende der Krise Unterstützungsmassen (Vorlaufzeit bis zu einem Normalbetrieb)
• Eine Weiterführung der ordentlichen Kulturförderungen ohne Kürzungen, mit auf die Situation angepassten Kriterien
Ihr Ziel: Verbindliche Planbarkeit mit Konzepten, für die Kulturbranche und Behörden gemeinsam einstehen und beim Publikum Vertrauen schaffen.
„Wir sind viele!“ – steht es gross und fett, weiss auf schwarz im Abschlussbild des Kampagnen-Viedos. Fachpersonen aus dem Kultursektor können sich auf der digitalen Wand der Website registrieren. Ein Zähler zeigt: 5601
(Stand 30.Mai).
Weitere Infos und Registrierung hier.
Nachruf Nicolas Baerlocher – Kulturbeamter mit Herz und Seele
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEAm 17. Februar ist Nicolas Baerlocher in Zürich gestorben. Mit ihm ist ein ganz grosser Kultur-Impresario von uns gegangen.
Solidarität war nie unkünstlerisch
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLE11 Jahre lang war sie Präsidentin des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands. Auf die Delegiertenversammlung dieses Jahres wird Elisabeth Graf nun zurücktreten. Mit einem Abschiedsbrief wendet sie sich heute an Kolleginnen und Kollegen und die Mitglieder des SBKV.
Ein kleiner Ort weltweit bekannt – Accademia Teatro Dimitri
/in Theater/von SalvaMit der Fusion von SBKV und TASI rücken Norden und Süden der Schweizer Bühnenkünste ein bisschen näher zusammen. Höchste Zeit, eine der wichtigsten Ausbildungsstätten unserer neuen Scena Svizzera zu besuchen.
Unzulässige Covid-Klauseln in Arbeitsverträgen entdeckt
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLESolothurner Filmtage: Endlich wieder mit Publikum
/in Film/TV/von RedaEnde Januar fanden die 57. Solothurner Filmtage statt. Traditionell gingen sie mit der Verleihung der Filmpreise zu Ende. ENSEMBLE blickt zurück.
Die Gewinnerfilme der drei Wettbewerbe unterstrichen die starke Präsenz der Westschweiz im Gesamtprogramm. Insgesamt konnten für die 57. Ausgabe rund 30’000 Eintritte verzeichnet werden. Eine ausserordentlich starke Werkschau des Schweizer Films fand seinen Abschluss.
«Solothurn live zu erleben, hat uns aus der Erstarrung befreit. Das gemeinsame Filmeschauen war wie tief Luft holen und wieder atmen können», schreibt die Dokumentarfilmerin Heidi Specogna über ihren Besuch an den Filmtagen. Filmemacher Romed Wyder meint: «Quel moment magique de sentir le public de Soleure vibrer et rire devant mon film projeté sur grand écran!» Dies sind zwei von vielen Rückmeldungen von Filmschaffenden, die
dieses Jahr ihre Werke an den 57. Solothurner Filmtage gezeigt haben.
Gemeinschaftliches Filmerlebnis
Die Co-Leitung der 57. Solothurner Filmtage zeigte sich erfreut, dass die diesjährige Ausgabe als Präsenzveranstaltung stattfinden konnte: «Unser Ziel waren Filmvorführungen im Kino und Diskussionen mit Filmgästen und Publikum vor Ort. Im Zentrum eines Filmfestivals stehen die Erfahrbarkeit der Filme im Kino sowie die Teilhabe am gemeinschaftlichen Filmerlebnis.
Die Rahmenbedingungen waren dieses Jahr erschwert, umso erfreulicher war das Interesse am Programm. Es herrschte eine schöne und entspannte Stimmung.»
Nacht der Nominierten mit allen Beteiligten.
Festival der Zukunft
Höhepunkte der Filmtage waren zahlreiche Filmpremieren sowie spannende Rahmenveranstaltungen. Das Spezialprogramm Fokus widmete sich vielfältigen Aspekten und aktuellen Herausforderungen rund ums Thema Publikum. Gut besucht wurden die Diskussionen im «Filmbrunch», aber auch das Programm «Im Atelier», wo sich Filmeschaffende zu Workshops und Masterclasses getroffen hatten. Im «Atelier de la pensée» debattierten Filmverleiher:innen und Festivalveranstalter:innen aus dem In- und Ausland mit einem engagierten Publikum über Festivals in der Endemie und welche Faktoren ein Festival der Zukunft ausmachen.
Die Verleihung der Preise
Am Abschlussabend «Soriée de clôture» wurden drei Filmpreise verliehen – darunter der höchstdotierte Filmpreis der Schweiz «Prix de Soleure», der an den Spielfilm «Wet Sand» von Elene Naveriani ging. Der Spielfilm «Presque» von Alexandre Jollien und Bernard Campan erhielt den Publikumspreis «Prix du Public»
und die Auszeichnung für Erstlingswerke «Opera Prima» ging an den Dokumentarfilm «Pas de deux» von Eli Aufseesser.
Hier die Filmtage bei SRF Kultur:
Aufbruch in eine neue Ära
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLEDie Delegierten von SzeneSchweiz haben einen neuen Präsidenten gewählt
(rs) Es war die erste Delegiertenversammlung von „Szene-Schweiz“. Sie stand ganz im Zeichen der Präsidentschaftswahl. Mit Matthias Albold und Martin Krämer empfahlen sich zwei sehr profilierte und durchaus unterschiedliche Kandidaten zur Nachfolge von Langzeitpräsidentin Elisabeth Graf.
Elf Jahre amtete Elisabeth Graf als Präsidentin des SBKV. In ihrem letzten Amtsjahr stemmte sich der Verband mit aller Kraft gegen die verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Kulturbranche, gleichzeitig feierte er sein hundertjähriges Bestehen, fusionierte mit dem Tessiner Partnerverband TASI und gab sich den neuen Namen SzeneSchweiz. Elisabeth Graf hatte als SBKV-Präsidentin wahrlich aufregende Monate und Jahre hinter sich, nun sah sie den Moment für ihren Rücktritt gekommen. Zum letzten Mal richtete sie ihre „Worte der Präsidentin“ an die Delegierten, welche am 5. Juni im Volkshaus in Zürich tagten.
„Es braucht einen frischen Wind.“
Es sei richtig und wichtig, sagte Graf, dass der neue Verband „SzeneSchweiz“ nicht als erstes eine „Ex-SBKV-Präsidentin“ zur Wahl ins Präsidium vorgeschlagen bekomme. Es brauche nun frischen Wind und eine neue Energie im Verband. Aber auch ohne Fusion wäre sie zurückgetreten, betonte Graf, die den Fokus ihrer kurzen Rede vor allem auf ihre Arbeit bei der International Federation of Actors (FIA) richtete, wo sie einen Vorstandssitz innehatte. „Die FIA ist uns immer einen Schritt voraus“, sagte sie und meinte damit vor allem die Bemühungen um Diversität und Inklusion. Aufwand und Ertrag für einen Vorstandssitz bei der FIA rechne sich aber nicht, weshalb „SzeneSchweiz“ fortan nur noch ein einfaches Mitglied beim internationalen Schauspielerverband sein werde.
Laudatio für Elisabeth Graf
Im späteren Verlauf der DV würdigte Ernst Brem sen., der langjährige Syndikus des SBKV, die Arbeit von Elisabeth Graf. In seiner Rede strich er einige Eckpunkte ihrer Präsidentschaft heraus wie beispielsweise die Gründung der Umschulungsstiftung SSUDK oder die Revision des Urheberrechts. Er bezeichnete den Verband als Schiff, das in den vergangenen Jahren in gefährlichen Gewässern unterwegs war, und Elisabeth Graf als Kapitänin, welche die drohenden Gefahren rechtzeitig erkannte und sich nie scheute, unangenehme Fragen zu stellen. „Dank dir hatte der Verband ein menschliches und vertrauenswürdiges Gesicht“, sagt Brem an Elisabeth Graf gewandt.
Rückblick auf das vergangene Jahr
Nach den Worten der Präsidentin folgte der Jahresbericht der Geschäftsleiterin Salva Leutenegger. Sie griff drei wichtige Punkte heraus. Erstens und kaum überraschend die Auswirkungen der Corona-Pandemie: Aufgrund der weltweiten Gesundheits- und Wirtschaftskrise sah sich der SBKV mit einer enormen Beratungswelle konfrontiert, war aber in der Lage, schnell zu reagieren. Man stellte 50’000 Franken für Darlehen an die Mitglieder zur Verfügung (maximal 1000 Franken pro Mitglied). Insgesamt zwölf Mitglieder hätten dieses Angebot genutzt. Nachdem unter dem Dach von „Suisseculture“ die „Taskforce Culture“ gegründet worden war, kämpfte der Verband im engen Austausch mit Kantons- und Bundesämtern für bessere Unterstützungsmassnahmen und lieferte seinen Mitgliedern laufend aktuelle Informationen.
Rechtsgutachten bezeichnet Pandemie-Klauseln als nichtig
Den zweiten Punkt, den Salva Leutenegger aus dem Geschäftsbericht aufgriff, war ein Gutachten, welches der SBKV bei Rechtsprofessor Thomas Geiser in Auftrag gegeben hatte. Dabei ging es um die Klärung der Frage, ob es zulässig war, dass die Anstellungsverträge von Darsteller:innen plötzlich Zusatzklauseln enthielten, welche die Arbeitgeber:innen im Falle einer Pandemie von der Lohnfortzahlungspflicht entbinden sollten. Das Gutachten habe klar bestätigt, dass solche Klauseln nichtig seien. Die Lohnfortzahlungspflicht sei ein zwingendes Recht und könne selbst dann nicht abgeändert werden, wenn die Arbeitnehmer:innen entsprechende Verträge unterschrieben hätten. Der SBKV stellte das Gutachten allen Schweizer Berufsverbänden gratis zur Verfügung.
Kehrtwende bei den Mitgliederzahlen
Der dritte Punkt war ein Rückblick auf die Arbeit der Geschäftsstelle in Zürich. Leutenegger lobte das enorme Engagement der beiden Angestellten Zineb Benkhelifa und Joëlle Turrian, welche menschlich wie fachlich ein grossartiges Team bildeten und im vergangenen Krisenjahr Unmögliches geleistet hätten. Erfreulich sei auch der Aufschwung bei den Mitgliederzahlen. Insbesondere viele jüngere Freischaffende seien dem Verband im vergangenen Jahr beigetreten.
Margit Huber ist Sektionsleiterin fürs Tessin
Nach Salva Leutenegger blickte auch die neue „Sektionsleiterin Tessin“ auf das vergangene Jahr zurück. Es handelt sich dabei um die ehemalige Geschäftsleiterin von TASI Margit Huber. Sie berichtete davon, dass im Tessin im vergangenen Jahr eine kantonale Berufsschule für zeitgenössischen Tanz mit integrierter Berufsmatura gegründet wurde. Ausserdem habe das Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz (RSI) den darstellenden Künstler:innen im Tessin eine digitale Plattform zur Verfügung gestellt, um die Sichtbarkeit von Kunst und Kultur auch während der Pandemie zu gewährleisten. Das Echo auf diese Initiative des abtretenden RSI-Direktors Maurizio Canetta sei sehr gross gewesen. Insgesamt habe die Gründung von „SzeneSchweiz“ der Verbandsarbeit im Tessin neuen Schwung gegeben. „In diesem Sinne wollen wir weiterarbeiten“, sagte Margit Huber.
Zwei versierte Präsidentschaftkandidaten
Nach dem ausführlichen Rückblick auf das vergangene Jahr, galt es, nach vorne zu schauen und einen neuen Präsidenten für „SzeneSchweiz“ zu wählen. 23 anwesende Delegierte der verschiedenen Orts- und Regionalgruppen hatten die Wahl zwischen Matthias Albold (Schauspieler am Theater St. Gallen) und Martin Krämer (Chorsänger am Theater Basel). Die beiden langjährigen Vorstandsmitglieder des SBKV präsentierten sich den Anwesenden in einer kurzen Ansprache. Martin Krämer lobte seinen Konkurrenten in den höchsten Tönen, sagte aber, dass er gegen aussen aggressiver auftreten würde als Albold. Gleichzeitig bezeichnete sich Krämer als „professionellen Gruppenmensch“. Albold sagte, dass sich der SBKV in den vergangenen Jahren zu sehr mit sich selbst beschäftigt hätte. „Die Arbeit an und für unsere Kunden wurde vernachlässigt.“ Insbesondere wolle er sich um die Bedürfnisse der Freischaffenden kümmern. Beide bezeichneten ausserdem die Annäherung an die Romandie als zentrales Anliegen.
Matthias Albold ist der erste gewählte Präsident von „SzeneSchweiz“
Matthias Albold schien die Delegierten mit seinem Auftritt mehr zu überzeugen. Mit einem deutlichen Vorsprung von 16 zu 7 Stimmen wurde er zum neuen Präsidenten von SzeneSchweiz gewählt. Sichtlich gerührt bedankte er sich bei den Anwesenden für das ausgesprochene Vertrauen. „Messt mich an den Dingen, die ich angekündigt habe“, sagte er fast demütig, und zu seinem Konkurrenten Martin Krämer gewandt: „Ich brauche dich!“ Krämer war der erste, der Albold herzlich zu seinem neuen Amt gratulierte.
Neue Vorstandsmitglieder
Nebst einem neuen Präsidenten wählten die Delegierten auch drei neue Mitglieder in den Verbandsvorstand. Es sind dies die ehemaligen TASI-Mitglieder Manuela Rigo und Igor Mamlenkov aus der Sektion Tessin und aus der Regionalgruppe der Freischaffenden Zürich, Aargau, Mittelland, Ost- und Zentralschweiz der Schauspieler Martin Ostermeier.
Die Liste der Verstorbenen
Nach dem ganzen Wahlprozedere ging es zurück zur Tagesordnung. Die Delegierten hatten über einen Antrag der Regionalgruppe der Freischaffenden Zürich, Aargau, Mittelland, Ost- und Zentralschweiz zu beraten, der vom Verbandsmagazin „Ensemble“ verlangte, die Namen der verstorbenen Bühnenkolleg:innen abzudrucken. Da der Antrag zu wenig präzise formuliert war, musste das genaue Anliegen zuerst erörtert werden, denn längst ist es Usus, dass verstorbene Verbandsmitglieder im Ensemble einen Nachruf bekommen. Man einigte sich schliesslich darauf, dass im Ensemble einmal jährlich eine Liste aller verstorbenen Bühnenkolleg:innen (Mitglieder und Nichtmitglieder) abgedruckt wird. Verantwortlich für diese Liste ist die antragstellende Regionalgruppe.
Lebhafter Erfahrungsaustausch
Im Anschluss gab es für die Delegierten noch Zeit, um ihre schriftlich eingereichten Orts- und Regionalgruppenberichte mündlich zu ergänzen, was zu einem lebhaften Erfahrungs- und Meinungsaustausch führte. Mit einem grossen Dank an alle Anwesenden und insbesondere an Zineb Benkhelifa und Joëlle Turrian, welche für eine reibungslose Organisation der DV verantwortlich waren, beendete die scheidende Präsidentin Elisabeth Graf die Sitzung.
Nicht nur den Namen abstreifen
Kommentar zur Delegiertenversammlung von Rolf Sommer
Es war eine denkwürdige DV, welche am 5. Juni im Volkshaus Zürich stattfand. Nicht nur war es die erste offizielle DV unter dem neuen Namen „SzeneSchweiz“, sondern es war auch die letzte DV unter dem Vorsitz von Elisabeth Graf. Auf den neu gewählten Präsidenten Matthias Albold sowie auf den neu zusammengesetzten Vorstand warten grosse Herausforderungen. Nach dem Zusammenschluss mit TASI muss sich SzeneSchweiz dringend auf die Romandie ausrichten, um gegenüber dem Bundesamt für Kultur (BAK) eine gesamtschweizerische Tätigkeit vorweisen zu können und damit wieder in den Genuss von Fördergeldern zu kommen. Ausserdem muss der Verband endlich beweisen, dass er im Stande ist, etwas gegen den schleichenden Zerfall der Werbe- und Filmgagen zu unternehmen. Das würde den Mitgliedern weit mehr dienen als die 50’000 Franken teure Festschrift, welche mitten im Corona-Jahr als Jubiläumsgeschenk verteilt wurde. Matthias Albold hat recht, wenn er sagt, dass sich der SBKV in den vergangenen Jahren zu sehr mit sich selbst beschäftigt hat. Damit muss nun Schluss sein. SzeneSchweiz muss sich mit frischen Ideen „in Szene setzen“, seine Regionalgruppen neu beleben, seine Präsenz in den sozialen Medien ausbauen, die Lobbyarbeit professionalisieren und insbesondere die Interessen der Freischaffenden vermehrt ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen, welche inzwischen Dreiviertel aller Mitglieder stellen, aber im Vorstand immer noch untervertreten sind. Es würde dem Verband guttun, nicht nur seinen alten Namen abzustreifen sondern auch sein angestaubtes Image.
MEMENTO MORI
Die Namen der verstorbenen Berufskolleg:innen, derer an der DV gedacht wurde:
Barbara Magdalena Ahren (71), Ennetbaden, Schauspielerin, freischaffend
Nicolas Baerlocher (82), Zürich, Kultur-Impresario
René Blum, Bern (86), Schauspieler, freischaffend
Nicolai Mylanek (81), Zürich, Schauspieler, freischaffend
Liselotte Zinder (70), Laufenburg, Schauspielerin, freischaffend
CIAO TASI!
/in Archiv/von Redaktion ENSEMBLE(dh) „Warum braucht ein Deutschschweizer gleich vier Aspirin? – für jede Ecke seines Kopfes eins!“ feixt der Tessiner – während er unter Palmen Risotto löffelt und sein Auto im Halteverbot steht. Nach der Fusion mit dem Tessiner Verband TASI sind wir nun also zusammen „Szene Schweiz“ – „Scena Svizzera“. Das „Ensemble“ hat mit fünf ehemaligen TASI-Mitgliedern über Unterschiede in der Kultur, Klischees und über die Fusion gesprochen.
IGOR MAMLENKOV ist freischaffender russischer Künstler, Clown und Schauspieler. An der Accademia Dimitri hat er seinen Master in „Physical Theatre“ gemacht und währenddessen seine eigene Theatergruppe „Domovoi Theatre Company“ gegründet. Ausserdem hat er dieses Jahr den Tessiner Kulturverein „Blue Selyodka“ ins Leben gerufen.
Igor, als freischaffender Künstler im Tessin hast du natürlich dem TASI angehört. Was hat dir diese Mitgliedschaft bis jetzt gebracht?
Ha! Was für eine Frage! TASI war für mich eine Art Lebensretter, als ich während des ersten Lockdowns in eine Schöpfung geraten bin.
Du bist in eine Schöpfung geraten?
Ja, ich war gerade im kreativen Prozess einer neuen Produktion. Das Proben, die Trainings und das ganze Erarbeiten – zusammen mit dem Familienleben in einem Haus – war für mich eine tägliche Herausforderung. Es war nicht einfach! Da war TASI für mich wie eine Oase, wo ich Rat, Hilfe und Informationen bekommen konnte. Es war wichtig, einen Ort ausserhalb des Hauses und professionelle Mitarbeit zu haben.
TASI und SBKV haben zu „Scena Svizzera“ fusioniert. Hast du davon gehört?
Ma chiaro habe ich davon gehört! Und ich bin sehr froh darüber. Wir freuen uns immer über neue Kontakte und Kooperationen. Der Zusammenschluss mit dem SBKV wird hoffentlich unsere Rechte als Künstler stärken und vielleicht auch neue Bekanntschaften ermöglichen.
Wie erlebst du die Tessiner Theaterszene?
Das Tessin ist ein kleiner Ort und die Anzahl der Theater, Zuschauer und Festivals ist sehr begrenzt. Die Festivals „Artisti di strada“ und „Longlake“ unterstützen Zirkuskünstler, „Physical theatre“ und Künstler im „Dimitri-Stil“. Aber ich mag auch das „Scollandino“, wo Familien mit einer Art Wanderkarte von Ort zu Ort marschieren, sich dort eine Show ansehen, etwas essen können und dann weiterwandern. Sowas gefällt mir.
Hast du auch Erfahrungen in der deutschsprachigen Schweiz gemacht?
Ja. Es gibt viel weniger Probleme mit Kunden, die versuchen, den Preis zu senken. Da ich aber während meiner Show nicht spreche, merke ich sonst keine Unterschiede zwischen dem Tessin und dem Rest der Schweiz. Unterschiede zeigen sich eher in den verschiedenen Arten des Publikums, je nach Anlass. Und die sind wieder überall gleich – weltweit.
DAVIDE GAGLIARDI ist ein Tessiner Schauspieler und Sprecher. Er spielt in verschiedenen Tessiner Theatergruppen und arbeitet für „Lugano Turismo“, wo er theatralische Führungen in mehreren Sprachen anbietet. 2020 gründete er sein eigenes „Teatro Lunaparco“ mit der Idee, seine Stücke in der ganzen Schweiz zu zeigen.
Davide, du hast bestimmt von unserer Fusion gehört, was sagts du dazu?
Ja, ich freue mich darüber! Dadurch fühle ich mich der Deutschschweiz noch näher und hoffe natürlich, dass ich mein eigenes Stück dann hier auch einfacher verbreiten kann. Ich werde es auf Deutsch übersetzen.
Ein grosser Vorteil, Deutsch zu sprechen?
Ja, ich bin heute sehr froh, dass ich in der Schule fleissig Deutsch gelernt habe. Dadurch ergab sich die Zusammenarbeit mit der „Piccola Commedia dell’Arte“ in Zürich, wo ich ungezwungen in Deutsch und Italienisch spielen konnte. Und auch das „Teatro Paravento“, wo ich seit Jahren regelmässig auftrete, ist nur auf mich zugekommen, weil sie jemanden suchten, der Deutsch spricht. Im Tessin gibt es zwar für Publikum viele Angebote, für uns Schauspieler aber weniger Möglichkeiten.
Woran mag das liegen?
Mein Gefühl ist, dass sich die Theaterszene im deutschsprachigen Raum viel mehr kreatives Risiko „erlauben“ darf. Es gibt mehr Publikum, mehr Geld, daher kann man sich „mehr trauen“ und anders produzieren. Im Tessin haben die kleineren Produktionen viel weniger Geld zur Verfügung.
Wenn du dein Stück in der Deutschschweiz zeigen willst, wirst du dich da auch mehr trauen, oder was sind deine Erfahrungen mit unserem Publikum?
Ich muss zugeben, dass ich überrascht war, als ich zum ersten Mal in Basel in einem kleinen, überfüllten Theater sass und gesehen habe wie das Basler Publikum über eigene Klischees und sich selbst gelacht hat! Unsere Meinung im Süden ist oft: „Ach, die im Norden nehmen immer alles todernst“. Ich habe mich vom Gegenteil überzeugt – auch Deutschschweizer können lachen, und wie!
Gibt es sonst noch Klischees zu bereinigen?
Naja, von wegen Tessiner seien immer laut: Im Ruheabteil der SBB sind es oft Zürcher, die direkt unter dem Schild „Bitte nicht telefonieren“ ins Handy brüllen. Ich sage nie etwas, denke aber „eigentlich sind ja alle gleich“.
MELANIE HÄNER ist Sängerin, Regisseurin und Gesangslehrerin. Mit ihrem Pianisten tritt sie regelmässig als „Imàgo Duo“ in Italien und im Tessin auf. 2014 gründete sie das Theater „lo Sgambetto“ in Malcantone. Zur Zeit arbeitet sie an einem eigenen Musical zum Thema Immigration.
Melanie, wir reden vom Tessin, von Kultur, da hast du was auf dem Herzen.
Ja! Die Tessiner halten die Deutschschweizer ja manchmal für ein bisschen arrogant, weil sie hierher kommen, Deutsch sprechen und erwarten, dass jeder sie versteht. Sie scheinen die „Herren der Welt“ zu sein. Das hat aber bloss damit zu tun, dass das Tessin im Vergleich zur restlichen Schweiz viel kleiner ist und viel mehr kämpfen muss, um gehört zu werden.
Auch in der Kunst?
Gerade da! Das Tessin ist voller Überraschungen, die gehört und entdeckt werden sollten. Es gibt hier viele Künstler und Kunsthandwerker, die etwas versteckt arbeiten und Projekte fernab der Städte schaffen. Diese kleinen, unabhängigen Kunstprojekte sind äusserst wertvoll. Tief mit der Landschaft verbunden, repräsentieren sie unsere Kultur und Tradition.
Du sprichst aus eigener Erfahrung?
Ja, wenn man in der italienischen Schweiz aus der Stadt herauskommt und sich der Natur nähert, wird man viele kleine Kulturstätten entdecken, geführt von einfachen Menschen, die der Kunst eine Stimme geben wollen. Diese „Kunstsalons“ müssten unbedingt von den Behörden wahrgenommen und unterstützt werden, denn leider drohen sie sonst zu verschwinden. So ein kleines Theater haben auch wir in Malcantone geschaffen, „lo Sgambetto“.
Auch ohne Geld?
Ja. Und ich verstehe den Grund dafür noch immer nicht. Wir haben da jahrelang Theater- und Musikfestivals veranstaltet, ganz ohne öffentliche Gelder. Ich glaube, dem Kanton und den Gemeinden mangelt es einfach an Interesse und darum an Aufmerksamkeit. Das macht mich am meisten traurig.
Du meinst, Kultur wird im Tessin primär im kommerziellen Sinne und in den Städten gefördert?
Der Stolz des Tessins ist das LAC in Lugano: ein wunderbares kulturelles Zentrum und ein Ort, der sicher in seiner ganzen Grösse unterstützt werden sollte. Aber ich möchte einen Appell aussprechen: Vergessen wir die kleinen Bühnen nicht! Diejenigen, die sowohl den Strassenartisten als auch den internationalen Künstlern Raum und Stimme geben.
HENRY CAMUS und GABY SCHMUTZ sind seit rund dreissig Jahren als
„Duo Full House“ international zusammen unterwegs. Ihre Action-Comedy Show führen sie in mehreren Sprachen auf. Als Gastkomiker sind sie u.a. im Zirkus Knie und beim Humor Festival Arosa aufgetreten.
Ihr seid viel unterwegs, wohnt aber in Ascona. Wie erlebt ihr die Tessiner Kulturszene?
Sie ist vielseitig, es läuft immer etwas: Konzerte und Theater mit lokalen aber auch mit bekannten internationalen Künstlern. Man verpasst ab und zu etwas, hat aber nicht so einen Kulturstress wie etwa in Zürich. Und da ist natürlich das LAC in Lugano. Das ist zwar schön, scheint aber wie eine uneinnehmbare Festung für Tessiner Künstler – fast unmöglich für unsereins dort aufzutreten.
Im Tessin also weniger Kulturstress für Besucher. Gibt es auch Unterschiede, die ihr als Künstler auf der Bühne wahrnehmt?
Im Tessin kann man fast noch besser mehrsprachig auftreten, was ja unsere Spezialität ist. Die meisten Zuschauer hier verstehen von anderen Sprachen genug, um die Gags mitzukriegen. Ansonsten scheint uns das Publikum überall ähnlich: am Anfang höflich und zurückhaltend, später ausgelassener.
Unterschiede vonseiten der Veranstalter? Oder private?
Die Kleintheater in der Deutschschweiz programmieren viel weiter im Voraus. Im Tessin ist alles kurzfristiger und flexibler. Auch der Vorstellungsbeginn. Das entspricht wohl der Mentalität. Aber auch privat brauchst du hier keine Party früher als zwei Wochen vorher anzukünden. Handwerker kommen wann sie wollen – oder eben nicht. Autoregeln werden sehr kreativ interpretiert.
Und im Norden ist alles geregelter?
Wenn wir für Auftritte vom Tessin in den Norden fahren, haben wir oft das Gefühl, bereits im Unrecht zu sein, sobald wir aus dem Auto steigen: am falschen Ort geparkt, den falschen Abfalleimer benützt oder die falsche Person gefragt zu haben. Dafür sind die Gagen nördlichdes Gotthards ganz klar höher.
Was versprecht ihr euch von der neuen „Szene Schweiz“?
Fusionieren ist gut, Horizonte erweitern auch. Was uns im Moment aber hauptsächlich interessiert: wann dürfen wir wieder vor irgendwelchen Leuten auftreten?! – egal ob im Norden oder Süden.
MANUELA RIGO ist ausgebildete Balletttänzerin. Heute leitet sie als Tanzpädagogin ihre eigene Ballettschule in Taverne (TI). Ausserdem ist sie Präsidentin des Verbandes „Formazione Professione Danza (AFPDanza)“.
Manuela, als langjähriges TASI-Mitglied hast du aktiv an der Fusion zu „Scena Swizzera“ mitgewirkt. Was versprichst du dir davon?
Schon TASI war sehr wichtig für uns Tänzerinnen und Tänzer, um uns hier im Tessin eine gewisse Präsenz zu verschaffen. Jetzt hoffe ich, dass der Zusammenschluss zu „Scena Swizzera“ der hiesigen Tanzszene noch mehr Gelegenheiten gibt, sich auch über das Tessin hinaus zu zeigen.
Wie erlebst du die Tessiner Kulturlandschaft?
Im Tessin ist die Arbeit im künstlerischen Bereich ziemlich schwierig. Es ist schwer als professionelle, zeitgenössische Tänzerin oder Tänzer wahrgenommen zu werden. Kunst wird hier oft mit „Prestige“ verbunden, lokale Kompanien werden weniger unterstützt.
Was verstehst du unter Prestige?
Wir haben hier ein einziges grosses Theater „The LAC Theatre“ in Lugano, das vor allem Tänzer und Tänzerinnen mit „grossen Namen“ engagiert. Das Publikum scheint mehr an diesem Prestige als an Kultur generell interessiert zu sein. Und auch die Kulturpolitik hat wenig Ahnung und Interesse an der kleineren, freien Tanzszene. Das Tessiner Publikum braucht noch viel Erziehung in diesem Bereich. Aber ich habe Hoffnung.
Waren deine Erfahrungen mit dem deutschsprachigen Publikum denn da andere?
Ja, das Publikum in der deutschsprachigen Region scheint mir engagierter, wir bekommen da deutlich mehr Bestätigung für unsere Arbeit. Ich glaube wirklich, es liegt daran, dass man sich im Tessin immer noch eher an Metropolen wie Milano orientiert. Um der Fairness halber auch ein paar Deutschschweizer in einen Topf zu werfen: Was erzählt man sich im Tessin sonst so über das Publikum ennet des Gotthards? Man sagt, die Berner Zuschauer lachen über einen Scherz von Freitag irgendwann mal am Sonntagmorgen…